25. Juli 2026

Florence Knapp: Die Namen

Was wäre wenn ...

Ein Baby ist geboren und die Mutter mit ihm und der großen Schwester auf dem Weg zum Amt, um die Geburtsurkunde zu beantragen. Für den Vater war schon immer klar, dass er seinem Stammhalter seinen eigenen Namen Gordon weitervererben wird. Die Mutter präferiert insgeheim Julian. Die neunjährige Maia fände „Bear“ am passendsten für ihr kleines Brüderchen. Im Folgenden wechseln sich Kapitel ab, die das weitere Leben des Jungen und seiner Familie erzählen: Erst Bear, dann Julian, dann Gordon; ein Zeitsprung von sieben Jahren und erneut erst Bear, dann Julian und Gordon … vom Geburtsjahr 1987 bis 2022. Wie unterschiedlich kann sich ein Leben aufgrund des gewählten Vornamens entwickeln? Der Buchumschlag erweckt den Eindruck, dass das die Kernfrage dieses Romans ist. Allerdings wird der Lebensweg von Bear/Julian/Gordon vor allem von häuslicher Gewalt beeinflusst. Der Titelseite ist eine kleine „Content Note“ vorangestellt, die ich vollkommen überlesen hatte. Dementsprechend hat mich das Thema kalt erwischt. Und ich fühlte mich auch etwas getäuscht, denn die Namensgebung hätte vermutlich einen weitaus geringeren Einfluss gehabt, wenn der Vater des Jungen kein sadistischer Choleriker gewesen wäre.

Abgesehen davon ist der der Roman durchaus fesselnd. Die drei Lebens-Varianten der Hauptfigur entwickeln sich sehr unterschiedlich; sowohl sein Leben als auch das seiner Familienmitglieder verläuft zum Teil gänzlich anders. Die Beziehungen zueinander variieren, manche Randfiguren spielen in einer Version plötzlich Hauptrollen. Der Gedanke, dass sich die Wege von einigen Menschen auf jeden Fall kreuzen und das Ganze mal so und mal ganz anders ausgeht, ist charmant; das komplette Gedankenexperiment fand ich spannend. Dadurch, dass der Roman dreigeteilt ist, bin ich allerdings nicht ganz so tief eingestiegen wie es sonst der Fall gewesen wäre. Vieles wurde notgedrungen im Schnelldurchlauf erzählt, vielen Charakteren hätte ich mehr Raum gewünscht. Trotzdem ist „Die Namen“ ein lesenswerter Roman, der mich immer noch beschäftigt.


Verlag: Eichborn
Seitenzahl: 352
Erscheinungsdatum: 2. März 2026
ISBN: 978-3847902294
Preis: 24,- € (E-Book: 23,99 €)

15. Juli 2026

Cleo Konrad: Home Story

„Jeder hat’s Töten in sich, wenn’s drauf ankimmt“

Der in fünfter Generation von Wilma Steingruber geführte Steingruberhof scheint idyllisch. Es gibt dort Schafe und Hühner, das Gemüse wird ökologisch angebaut und zum Teil auf dem Markt verkauft. Auf dem fränkischen Hof lebt eine bunte Schar von Menschen, die dort Heimat oder Zuflucht gefunden haben. Nur Wilmas leibliche Tochter Eva, die dort aufgewachsen ist, hat seit 13 Jahren keinen Fuß über die Schwelle gesetzt und arbeitet inzwischen als Anwältin in München. Doch nun wird sie von ihrer Ziehschwester Blossom gerufen, denn der Hof braucht juristische Hilfe: Eine Journalistin, die die Bewohnerinnen und Bewohner am Vortag noch bedrängt hat, wurde in unmittelbarer Nachbarschaft tot aufgefunden. Eva Gruber ist gleich doppelt alarmiert: Sie kannte die Tote beruflich.

Wen sie nicht kennt, sind mehr als die Hälfte der Leute, die inzwischen auf dem Hof ihrer Mutter leben. Schnell hat sie das Gefühl, dass sie ihr etwas verschweigen – aber ist es ein Wunder, dass die Aussteiger*innen auf dem Hof ihr misstrauen, der der Hof nicht genug war? In der Gemeinschaft wächst außerdem das gegenseitige Misstrauen. Und schon die erste Seite deutet an, dass der Mord an der Journalistin nicht das letzte Verbrechen auf dem Steingruberhof bleibt.

Der Thriller ist gelungen. Er stellt den Culture Clash zwischen den Hofbewohner*innen und insbesondere Eva Steingruber überzeugend dar. Durch vier verschiedene Perspektiven werden die vielen Personen greifbar; Autorin Cleo Konrad schafft es zudem, auch Nebenfiguren so zu gestalten, dass man ihre Charakteristika schnell erfasst. Und während es erst lange um die Gemeinschaft und ihre eventuellen Geheimnisse geht, überschlagen sich gegen Ende die Ereignisse und es kommt zu einigen Twists. Hat wirklich jeder das Töten in sich, „wenn’s drauf ankimmt“, wie Wilma Steingruber behauptet?

Das Einzige, was mich hier so gar nicht überzeugt, ist das Cover. Gleichzeitig düster und in pink, lila, gelb und orange getaucht, die Buchstabend des Titels in schreienden Farben und irgendwie verwischt – für mich sieht das ganze mehr nach Horror als nach Thriller aus. Es wird dieser Geschichte über eine alternative Hofgemeinschaft überhaupt nicht gerecht. Der Thriller selbst nimmt sich Zeit, den Hof und seine Bewohner*innen vorzustellen, Atmosphäre aufzubauen und auch die unterschiedlichen Perspektiven wirken zu lassen. Das Cover wirkt auf mich dagegen lieblos und trashig. Gestaltung und Inhalt passen selten so schlecht zusammen wie bei diesem Buch.


Verlag: Lübbe
Seitenzahl: 512
Erscheinungsdatum: 29. Juni 2026
ISBN: 978-3757702052
Preis: 18,- € (E-Book: 14,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

2. Juli 2026

Tanja Kokoska: Guten Morgen, schönes Wetter heute

Liebenswertes Menscheln

„Dieser Roman lässt Sie wieder an das Gute im Menschen glauben“ verspricht die Rückseite dieses wunderbar bunten Buches. Mir hat es auf jeden Fall das ein oder andere Lächeln aufs Gesicht gezaubert. Das episodenhafte Werk erinnert vage an das großartige „Was man von hier aus sehen kann“ von Mariana Leky. Tanja Kokoska beherrscht es ebenfalls, die Gefühlswelt verschiedenster Personen auf den Punkt zu bringen, zarte Annäherungen, stille Momente und einschneidende Erlebnisse in einer jeweils stimmigen Tonalität zu schildern und Kreise sich mühelos schließen zu lassen.

Der Roman spielt fast ausschließlich in einer großen Wohnsiedlung namens „Am Kastanienbaum“. Hier wohnen die unterschiedlichsten Leute teils seit Jahrzehnten in Nachbarschaft zueinander, ohne sich wirklich kennengelernt zu haben: Die alleinerziehende Ina, deren Sohn Henry kurz vor dem Abi steht, die Vietnamesin Anh, die in einem Nagelstudio ausgebeutet wird, Frau Kaiser, deren Gedächtnis sie immer mehr im Stich lässt, Herr Bello, der seit dem Tod seiner Frau komplett zurückgezogen lebt … und noch einige andere; die meisten sympathisch. Ihre Wege kreuzen sich ab und zu, sie grüßen einander, doch in direkten Kontakt bringt sie erst ein Blindgänger, wegen dessen Entschärfung alle ihre Wohnungen verlassen müssen. Dass ausgerechnet eine Bombe, die über 80 Jahre lang regungslos im Boden lag, die Dinge in Bewegung bringt, birgt eine gewisse Ironie. Wie Festgefahrenes sich plötzlich löst und sich neue Möglichkeiten auftun, macht Mut und entwickelt eine Sogwirkung. Es menschelt hier auf die beste Art und Weise – alle haben ihre Träume und Sehnsüchte, manche versuchen sie zu verstecken, bei anderen sind sie allseits bekannt. Ich habe mit den Figuren mitgefiebert, über ihre Schicksale sinniert und mich gefreut, wenn sich etwas zum Guten entwickelte. Und als Beigabe gibt es noch ein Rilke-Gedicht zur versteckten Weitergabe – eine hübsche Idee für einen einfach liebenswerten Roman.


Verlag: dtv
Seitenzahl: 352
Erscheinungsdatum: 18. Juni 2026
ISBN: 978-3423285629
Preis: 23,- € (E-Book: 4,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

23. Juni 2026

Caroline Seibt: Weil sie lügt

Bester Thriller seit Langem

Dieser außergewöhnliche Thriller ist tatsächlich der beste, den ich seit langer Zeit gelesen habe. Ein unvorhersehbarer Twist folgt auf den nächsten. Die Geschichte wird abwechselnd aus zwei Perspektiven erzählt: Die der verzweifelten Anna, deren große Schwester Juli vor eineinhalb Jahren mit Anfang 20 spurlos verschwunden ist, und die der Ermittlerin Katharina, die die Leitung des Falls erst kürzlich übernommen hat. Katharina würde gerne Annas Vertrauen gewinnen, doch Anna misstraut den Ermittlern spätestens, seit diese ihren eigenen Vater wegen Mordverdachts festgenommen haben. Dass sie außerdem manches zu verbergen versucht, merken die Leser*innen ziemlich bald. Doch sie scheint nicht die Einzige zu sein, die Ungereimtheiten nehmen zu und mich haben die Ereignisse irgendwann in ständige Alarmbereitschaft versetzt.

Autorin Caroline Seibt hat ein äußerst geschicktes Konstrukt aufgebaut. Sie erklärt in diesem feingliedrigen Thriller nicht alles bis ins letzte Detail, doch die Details, die sie in den Fokus rückt, wirken am Ende stimmig. Dass ein Rest der Fantasie überlassen wird, hat mich nicht gestört, im Gegenteil, ich fand das gut gelöst (nachdem ich mich von dem schockierenden Ende erholt hatte). „Weil sie lügt“ überzeugt zum einen durch die pausenlosen Wendungen, zum anderen durch die untypischen Charaktere und Szenen. Hier passiert nur wenig Erwartbares; Seibt umschifft elegant vieles, was ich als geübte Thriller-Leserin vorauszusehen glaubte. Klare Empfehlung!


Verlag: Droemer
Seitenzahl: 384
Erscheinungsdatum: 1. Juni 2026
ISBN: 978-3426567005
Preis: 16,99 € (E-Book: 12,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

4. Juni 2026

Matt Haig: Die Mitternachtsreise

Die Reise seines Lebens

Nachdem ich „Die Mitternachtsbibliothek“ großartig fand, war ich sehr gespannt auf Matt Haigs neuestes Buch, das sich optisch und thematisch an diesen Bestseller anlehnt: „Die Mitternachtsreise“. Auf sie begibt sich Wilbur, als alter Mann frisch verstorben und auf dem Weg in die Ewigkeit. Er reist per Zug, der an verschiedenen Stationen seines Lebens hält und ihn einige Momente erneut als Zuschauer erleben lässt. Begleitet wird er während der Fahrt von Agnes Bagdale, einer längst verstorbenen Buchhändlerin, die ihm die drei Regeln für diese Fahrt ins Jenseits einschärft: sein früheres Ich nicht ansprechen, keinesfalls zugegen sein, wenn es einschläft und den Zugsignalen folgend aus- und in jedem Fall auch pünktlich wieder einsteigen. Und so erlebt Wilbur die Höhen und Tiefen seines Lebens noch einmal und wird von den Leserinnen und Lesern begleitet – gewissermaßen von der Wiege bis zur Bahre. Mir ist er dabei ans Herz gewachsen, mit seinen Fehlern, Schwächen und der Sehnsucht danach, alte Fehler korrigieren zu können. Und Matt Haig wäre nicht Matt Haig, wenn die Erfüllung dieses Wunsches völlig aussichtslos wäre …

„Die Mitternachtsreise“ hat mich begeistert. Ein stimmiger und stimmungsvoller Roman, ein fantasievolles Gedankenexperiment voller Herz, leiser Zwischentöne und kluger Gedanken. Das Buch lädt unaufdringlich zum Sinnieren, Träumen und Reflektieren ein. Nachdem ich mit „Die Unmöglichkeit des Lebens“ vom gleichen Autor nicht so viel anfangen konnte, hat mich dieser neueste Roman wieder voll abgeholt.


Verlag: Droemer
Seitenzahl: 336
Erscheinungsdatum: 21. Mai 2026
ISBN: 978-3426562499
Preis: 24,- € (E-Book: 19,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

26. Mai 2026

Marceau Miller: Das letzte Buch von Marceau Miller

Die Berserkerin

Ein unter dem Pseudonym Marceau Miller geschriebener Roman, der gleichzeitig „Das letzte Buch von Marceau Miller“ heißt (und es definitiv auch ist, denn Protagonist Marceau Miller stürzt bereits im Prolog in den Tod): Schon diese Ausgangskonstellation hat mich neugierig gemacht. Wer ist Marceau Miller?


Welcher, nach eigenen Angaben, „Schriftsteller und Drehbuchautor“ das Pseudonym benutzt, weiß ich auch nach der Lektüre nicht. Was zu Marceau Millers Tod geführt hat, wird gegen Ende des Romans aber schließlich enthüllt – in einem furiosen Finale, nachdem die Frau des Bestsellerautors wie eine Berserkerin durch die Kapitel gewütet ist. Sarah Miller ist die eigentliche Hauptfigur, eine Frau voller Schmerz, Wut und Unverständnis (Marceau ist während einer Free-Solo-Tour abgestürzt, obwohl er versprochen hatte, nicht mehr ungesichert zu klettern). Zu Beginn des Buches fühlte sich ihr Fühlen und Denken für mich irgendwie unstimmig an, doch das legte sich. Nachdem Marceaus Tod feststeht, ist Sarahs Welt komplett aus den Fugen und sie versucht, ohne Rücksicht auf Verluste, die Geheimnisse ihres verstorbenen Mannes aufzudecken. Und ohne Rücksicht auf ihre 10- und 12-jährigen Kinder, die nur eine Nebenrolle spielen. Für ihr Umfeld ist das äußerst anstrengend und für mich als Leserin war es mitunter auch strapaziös, wie Sarah sich immer wieder in Gefahrensituationen stürzt, ohne nachzudenken, vor Gesprächen davonläuft und das meiste mit sich selbst ausmacht. Sarah wütet und rast durch die beschauliche Landschaft rund um den Genfersee und ich war ganz froh, dass es ab und zu etwas Entspannung durch eine andere Perspektive und Kapitel des letzten Romans von Marceau Miller gab. Dass die Auflösung des Buches mich dann so überzeugt, hatte ich nicht mehr erwartet – sie wirkt nicht weit hergeholt, doch ich wäre nie im Leben von alleine darauf gekommen. Deswegen doch vier Sterne für Marceau Miller.


Verlag: Insel
Seitenzahl: 349
Erscheinungsdatum: 21. April 2026
ISBN: 978-3458645894
Preis: 25,- € (E-Book: 21,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

13. Mai 2026

Rosie Walsh: Du musst mich vergessen

Wechselbad der Gefühle

Zuerst dachte ich: was ein schmalziger Titel. Dann las ich online die Leseprobe, war angenehm überrascht, dass der Inhalt so gar nicht kitschig wirkt und wollte sehr gerne wissen, wie sich die Geschichte weiterentwickelt. Als ich das Buch dann in den Händen hielt, überlegte ich leicht entsetzt, ob ich mich damit wirklich der Familie an den Osterfeiertagen zeigen will – das Cover mit Wellen, Blumen, Schnörkelschrift und rosa Autorennamen ist so gar nicht meins. Aber die Handlung hat mich gleich wieder in ihren Bann gezogen und je mehr ich las, desto überzeugter war ich von dem Roman – don’t judge a book by its cover! Meine Begeisterung hielt bis zu den letzten 60 Seiten an, die mich dann ziemlich enttäuschten. Dass die Autorin an diese spannende Story so ein schwarzweißes Ende dranklatschen würde, hatte ich nicht erwartet.

Zum Inhalt: Carrie, vormals ambitionierte Chirurgin, plant nach sechs Jahren als Familienmanagerin ihren beruflichen Wiedereinstieg. Ein Besuch bei ihrer früheren Mentorin in Stockholm soll die Weichen dafür stellen, doch bei der Planung dieser Reise stößt Carrie völlig unerwartet auf einen Menschen, den sie zuletzt in einem thailändischen Gefängnis gesehen hat: Johan, ihre erste große Liebe, der 12 Jahre zuvor am Abend ihrer spontanen Hochzeit am Strand von Koh Samui festgenommen wurde. Inzwischen ist Carrie glücklich mit Robin verheiratet und Mutter von Zwillingen, doch dass Johan wider Erwarten auf freiem Fuß ist, wühlt alles wieder auf – vor allem die vielen Fragen, auf die sie nie eine Antwort bekommen hat. „Du musst mich vergessen“ (ein Satz, der im Buch kein einziges Mal fällt) erzählt in Rückblenden und Romangegenwart von Carries Beziehungen, Familie und Karriere. Autorin Rosie Walsh schreibt äußerst fesselnd und nachvollziehbar, stellt das Gefühlsleben ihrer Protagonistin wunderbar einfühlsam dar und schafft erstaunliche Wendungen. Dass mich das Ende enttäuschen würde, hatte ich absolut nicht erwartet, nachdem ich große Teile des Romans regelrecht verschlungen habe. Ich gebe gerade noch so vier Sterne. 


Verlag: Goldmann
Seitenzahl: 496
Erscheinungsdatum: 22. April 2026
ISBN: 978-3442497065
Preis: 16,- € (E-Book: 14,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

6. Mai 2026

Sarah Goodwin: Der Fjord

Fesselnd mit kleinen Schwächen

Autorin Sarah Goodwin ist Spezialistin für Einzelkämpferinnen. Auch Amelia, die Hauptfigur in ihrem neuesten Thriller „Der Fjord“ ist eine, getrieben von einem einzigen Wunsch: Sie will ihre mutmaßlich in Norwegen verschollene Schwester wiederfinden. Deren Spur hat sich auf einer exklusiven Party der superreichen Familie Fowley verloren. Amelia setzt alles daran, ihr Ziel zu erreichen: die jährlich stattfindende Party ebenfalls zu besuchen. Doch die Recherche vor Ort gestaltet sich alles andere als einfach …

Als Leser*in kennt man Amelias Beweggründe von Anfang an und kann gemeinsam mit ihr rätseln, was wohl im Vorjahr passiert ist und was hinter den Kulissen geschieht. Denn unter der Oberfläche scheint es zu brodeln; der Gastgeber lässt sich kaum sehen, riegelt sein Haus hermetisch ab und Alkohol und Drogen gibt es im Überfluss. Was da eigentlich vor sich geht, wird immer undurchsichtiger und liest sich durchaus fesselnd.  Im letzten Drittel häufen sich die Twists, die leider nicht alle komplett glaubwürdig sind. Bei der ein oder anderen Charakterentwicklung hat es sich die Autorin nach meinem Geschmack etwas einfach gemacht – man sieht sie nicht kommen, aber nicht, weil das Ganze so raffiniert eingefädelt wurde, sondern weil es keinen einzigen Hinweis in die jeweilige Richtung gab. Die Auflösung hat mich nicht komplett überzeugt. Packende Spannungslektüre ist „Der Fjord“ trotzdem – mit einem etwas unpassenden Titel, denn der namensgebende Fjord spielt nur eine kleine Nebenrolle. „Die Party“ hätte es eher getroffen.


Verlag: Lübbe
Seitenzahl: 384
Erscheinungsdatum: 27. April 2026
ISBN: 978-3404196647
Preis: 13,99 € (E-Book: 4,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

23. März 2026

Jenny Lund Madsen: 39 Grad Mord

Die Dilettanten-Detektivin

Hannah Krause-Bendix, die Protagonistin von „39 Grad Mord“, muss dringend liefern. Und zwar einen zweiten Krimi, nachdem ihr erster ein ungeahnter Erfolg war und ihren schriftstellerischen Durchbruch ermöglicht hat. Zwar hat sie weder Lust auf noch Inspiration für dieses neue Buch, doch der vom Verlag gezahlte Vorschuss ist bereits aufgebraucht. Ihr Lektor schickt sie schließlich nach Sizilien, da er dorthin Kontakte hat und hofft, dass Krause-Bendix in einer schicken, einsam gelegenen Villa mit Meerblick ihre Schreibblockade bezwingen wird. Doch noch bevor sie sich das erste Mal an den Schreibtisch gesetzt hat, wird die Dänin in einen Mordfall verwickelt und beginnt bald danach, auf eigene Faust zu ermitteln.

So weit, so solide, könnte man meinen. Krause-Bendix ist längst nicht die erste fiktive Krimiautorin, die zur Hobbydetektivin wird. Allerdings gehört sie vermutlich zu den stümperhaftesten und hat einen besorgniserregenden Alkoholkonsum. Überdies neigt sie zu impulsivem Verhalten und undurchdachten Kamikaze-Aktionen. Mich hat das zunehmend irritiert, aber trotzdem ganz gut unterhalten. Gelegentlich zeichnet sich die Protagonistin auch durch einen amüsanten Sarkasmus aus und irgendwie hat mich das bei der Stange gehalten.

Vor der Lektüre war mir nicht klar, dass „39 Grad Mord“ (was für ein sperriger Titel) der zweite Band um diese (Anti-)Heldin ist. Wenn man den Erstling „30 Tage Dunkelheit“ zuerst liest, ist das vermutlich vorteilhaft, um das Beziehungsgeflecht von Krause-Bendix von Anfang an zu verstehen. Würde ich einen dritten Teil lesen? Ich bin mir nicht sicher, habe die dilettantische Hauptfigur aber doch etwas ins Herz geschlossen. Versöhnt hat mich außerdem, dass ich nach knapp zwei Dritteln des Buches befürchtet habe, die Auflösung zu kennen und es dann doch nicht so simpel war wie gedacht. Es gibt definitiv spannendere und raffiniertere Krimis, aber gute Unterhaltung bietet „39 Grad Mord“ – wenn man den wilden und mitunter blinden Aktionismus der Protagonistin auf Dauer ertragen kann.


Verlag: Tropen
Seitenzahl: 368
Erscheinungsdatum: 14. März 2026
ISBN: 978-3608502855
Preis: 17,- € (E-Book: 13,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

15. Februar 2026

Kristof Magnusson: Die Reise ans Ende der Geschichte

Skurril. Und richtig gut. 

Vor vielen Jahren habe ich eher zufällig einen Roman gelesen, der für mich völlig unerwartet ein absolutes Lesehighlight wurde: „Das war ich nicht“ von Kristof Magnusson. Den Autor behalte ich seitdem im Blick und bin froh, so auch auf sein neues Werk aufmerksam geworden zu sein – das wieder ganz anders ist. Wie eigentlich jedes Buch, das ich von Magnusson gelesen habe.

„Die Reise ans Ende der Geschichte“ spielt 1995. Protagonist Jakob Dreiser ist mit Mitte 20 bereits ein gefeierter Dichter. Außerdem kann er bestens mit Menschen, ist empathisch, herzlich und vom Fall des Eisernen Vorhangs anhaltend euphorisiert. Ganz im Gegensatz zu Dieter Germeshausen, einem 30 Jahre älteren Geheimdienstmitarbeiter, den das Ende des Kalten Krieges in eine Krise gestürzt hat. Nun plant er einen Coup. Dass Germeshausen und Dreiser zusammen nach Kasachstan reisen, kann ich verraten, denn das gibt schon der Prolog her. Welche aberwitzige Aktion dort geplant ist und was alles drumherum passiert, bildet die vermutlich skurrilste Agentengeschichte, die ich je gelesen habe. Sie hat mich bestens unterhalten und gleichzeitig etwas nostalgisch auf eine Zeit zurückblicken lassen, in der vieles plötzlich möglich schien: anhaltender Frieden, Völkerverständigung, blühende Landschaften. Ein originelles Lesevergnügen.


Verlag: Klett-Cotta
Seitenzahl: 288
Erscheinungsdatum: 14. Februar 2026
ISBN: 978-3608966688
Preis: 25,- € (E-Book: 19,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

30. Januar 2026

Jessica Berger Gross: Hazel sagt Nein

Wenn ein Moment alles verändert

Das erste Buch, das ich 2026 gelesen habe, ist der Debütroman der amerikanischen Autorin Jessica Berger Gross. Sein Titel „Hazel sagt Nein“, groß gedruckt über eine Bilderbuchidylle (weißes Haus mit grünen Fensterläden vor strahlend blauem Himmel), lässt erst einmal nicht auf den Inhalt schließen, doch Berger Gross klärt sehr schnell auf, was es mit dem „Nein“ auf sich hat: Es ist Hazels spontane Antwort, als der Leiter ihrer neuen Schule ihr an ihrem ersten Schultag ankündigt, mit ihr schlafen zu wollen. Was war ich erleichtert, dass Hazel dem Widerling sofort seine Grenzen aufzeigt. Gefahr erkannt – Gefahr gebannt? Ganz so einfach ist es leider doch nicht.

Hazels Nein hat Auswirkungen auf ihre komplette, gerade frisch nach Maine gezogene Familie: ihren Vater Gus, der seine erste richtige Professur an der örtlichen Uni bekommen hat, ihre Mutter Claire, die vor allem mit Selbstfindung und ihrem Heimweh nach New York beschäftigt ist, und ihren 11-jährigen Bruder Wolf, den alle von allem fernhalten wollen, was natürlich nicht gelingt.

Gut erzählt fand ich, wie schwer erträglich die Situation für Hazel ist. Ihr ursprünglicher Plan, ihr letztes Schuljahr möglichst gut und fokussiert hinter sich zu bringen, wurde unwiderruflich sabotiert und nun ist sie gezwungen, Gerede, Zweifel und Internetmobbing zu ertragen und irgendwie einen Weg zu finden, das Ganze hinter sich zu lassen. Jeder, der denkt „Es ist doch eigentlich nichts passiert“ wird nachdrücklich eines Besseren belehrt – das ist sehr gelungen. Welche Dynamiken sich im Roman entwickeln, erschien mir teilweise etwas abenteuerlich, aber insgesamt hat mich die Darstellung überzeugt. Was vor allem an der wahnsinnig reflektierten Protagonistin liegt, die vieles hinterfragt und auf den Punkt bringt, was mir als Leserin ebenfalls im Kopf herumspukte. Auch die Perspektiven ihrer Familienangehörigen finden kapitelweise statt: die Hilflosigkeit der Eltern sowie der Versuch von Wolf, an seiner neuen Schule Fuß zu fassen und nicht nur als „der Bruder von“ wahrgenommen zu werden.

Die vielen verschiedenen Sichtweisen sind spannend zu lesen; darüber hinaus beschäftigen sich alle Familienmitglieder naturgemäß noch mit dem restlichen Leben und haben in ihrem neuen Alltag Herausforderungen zu meistern. Dadurch wird eine Vielzahl an Themenkomplexen angeschnitten, die dann teilweise sehr wenig Raum bekommen – verständlich, aber doch etwas schade. Was außerdem zu kurz kommt, ist die Täterperspektive. Zwar finde ich die Fokussierung auf Hazel genau richtig, aber der Schulleiter kommt so selten vor und bleibt insgesamt so blass, dass seine Figur etwas unausgegoren wirkt.

Insgesamt hat mir „Hazel sagt Nein“ gut gefallen. Der Roman ist eine ungewöhnliche Coming-of-Age Geschichte, die dazu einlädt, Verhaltensweisen zu hinterfragen und sich zu positionieren.


Verlag: Lübbe
Seitenzahl: 384
Erscheinungsdatum: 2. Februar 2026
ISBN: 978-3757701963
Preis: 22,- € (E-Book: 17,99 €)

Ich habe dieses E-Book als Rezensionsexemplar erhalten.

23. Januar 2026

Alena Schröder: Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel

Zwei starke Geschichten, zart verbandelt

Seit ich Kinder habe, fallen mir abends beim Lesen immer schnell die Augen zu. Aber nicht bei diesem Buch – ich konnte es kaum weglegen. Autorin Alena Schröder erzählt zwei Geschichten parallel: Die der 1931 geborenen Marlen und die von Hannah, Jahrgang 1989. Marlen ist zu Kriegsende Vollwaise und landet eher zufällig bei der Güstrower Malerin Wilma. Diese hat bisher im Schatten ihres inzwischen in Russland vermissten Mannes gestanden und beginnt nun, eine eigene Karriere zu verfolgen. Marlen wächst in die Rolle ihrer Assistentin hinein und wird für Wilma unentbehrlich.

Viele Jahrzehnte später, 2023, weiß die 34-jährige Hannah nicht so recht, was sie mit sich anfangen soll, als sie plötzlich von ihrem Erzeuger kontaktiert wird – zum ersten Mal in ihrem Leben. Martin van der Kampen will plötzlich eine Beziehung zu ihr aufbauen und behauptet, das sei ihm von ihrer verstorbenen Mutter und Großmutter früher verboten worden. Seine Frau und Söhne wären schon voller Vorfreude. Eher skeptisch gibt Hannah der Familienzusammenführung eine kleine Chance. Und dann entwickelt sich alles ganz anders als erwartet.

Schröder erzählt zwei komplett unterschiedliche Geschichten, immer abwechselnd, Kapitel für Kapitel. Der Prolog macht die zarte Verknüpfung klar, doch beide Handlungsstränge stehen komplett für sich und spielen zu unterschiedlichen Zeiten in unterschiedlichen Welten. Und beide haben mich nicht losgelassen. Alena Schröder macht Emotionen wunderbar greifbar, ohne viele Worte zu verlieren. Ihre beiden Protagonistinnen und das undurchsichtige Beziehungsgeflecht um sie herum haben mich komplett in ihren Bann gezogen. Die Entwicklung des Ganzen war dabei unvorhersehbar und doch sehr stimmig. Mit Titel und Cover konnte ich erst nach der Lektüre etwas anfangen, aber auch das passt nun perfekt. Einfach ein großartiger Roman – und der dritte Teil einer Trilogie, wie ich jetzt erst bemerkt habe. Ganz offensichtlich kann man „Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel“ auch unabhängig von den beiden früher erschienenen Büchern lesen. Ich freue mich jetzt auf Teil eins und zwei und bin gespannt, in welche Winkel von Hannahs Familiengeschichte sie mich führen werden.


Verlag: dtv
Seitenzahl: 352
Erscheinungsdatum: 19. Januar 2026
ISBN: 978-3423285285
Preis: 23,- € (E-Book: 19,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

29. Dezember 2025

Anthony Horowitz: Tod zur Teestunde

Gelungen verschachtelt

Lektorin Susan Ryeland ermittelt – und das bereits zum dritten Mal! Nachdem ihr langjähriger Starautor Alan Conway bereits in „Die Morde von Pye Hall“ zu Tode kam und sie schließlich nach Kreta auswanderte, versucht sie jetzt, in der britischen Verlagsbranche erneut Fuß zu fassen. Und erhält ein unerwartetes Angebot: Ein junger, bislang eher erfolgloser Autor namens Eliot Crace soll Alan Conways Reihe um den Meisterdetektiv Atticus Pünd um einen weiteren Band ergänzen. Was läge näher, als dass sie das Lektorat übernimmt? Susan ist allerdings nicht restlos begeistert: Crace ist kein einfacher Charakter und bringt sie mit Teilen ihrer Vergangenheit in Kontakt, die sie lieber gemieden hätte. Sein Buch „Pünds letzter Fall“ startet zwar recht gelungen, doch Susan kommt bald dahinter, dass Crace darin seine eigene Familiengeschichte verarbeitet. Um die Hintergründe zu verstehen, stellt sie Nachforschungen an und stößt in ein Wespennest. Kurz darauf ist sie nicht nur wieder arbeitslos, sondern auch noch mordverdächtig …

Susan Ryelands zweiten Fall habe ich leider verpasst, aber mindestens an „Die Morde von Pye Hall“ knüpft „Tod zur Teestunde“ wunderbar an: Es geht nicht nur um Susans Geschichte, sondern auch um das Buch im Buch. „Pünds letzter Fall“, ein klassischer Krimi im Agatha-Christie-Stil, wird in drei langen Passagen zu großen Teilen erzählt – so großen Teilen, dass Susan Ryeland zwischendurch stark in den Hintergrund rückt. Gleichzeitig macht es Spaß, sich zunächst in das Cosy Crime zu vertiefen und sofort im Anschluss die kritischen Anmerkungen der Romanlektorin unter die Nase gerieben zu bekommen. Dass Eliot Crace seinen Krimi als Schlüsselroman über die eigene Familie konstruiert, führt beide Geschichten raffiniert zusammen. Und dann überschlagen sich die Ereignisse irgendwann. Es ist mir ein Rätsel, warum der Insel Verlag relativ spät stattfindende Romanereignisse auf dem Buchrücken spoilert – davor findet genügend anderes statt, das die Leser*innen bei Laune hält. „Tod zur Teestunde“ ist spannend, unterhaltsam, twistreich und lädt auf verschiedenen Ebenen zum Miträtseln ein. Manches Mal habe ich mir gewünscht, ich hätte „Die Morde von Pye Hall“ vor diesem dritten Band noch einmal gelesen – die Geschichten sind ungeahnt eng miteinander verwoben. Die toll verschachtelte Komposition hat mich über die ein oder andere nicht komplett logische Aktion hinwegsehen lassen, die mich bei einer weniger komplexen Geschichte vielleicht gestört hätte. Von Susan Ryeland würde ich gerne wieder lesen – und falls verschlungene Pfade doch noch zu einem weiteren Atticus-Pünd-Fall führen sollten: umso besser! Anthony Horowitz ist einfach ein Meister seines Genres.


Verlag: Insel
Seitenzahl: 572
Erscheinungsdatum: 19. November 2025
ISBN: 978-3458645153
Preis: 25,- € (E-Book: 21,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

19. November 2025

Trevor Noah: Ins hohe Gras

Voller Wärme und Weisheit

Trevor Noah hat mit „Ins hohe Gras“ eine zauberhafte Fabel geschrieben, die von Illustratorin Sabina Hahn kongenial umgesetzt wurde. Text und Bild ergänzen sich hier aufs Wunderbarste.

Es geht um einen namenlosen Jungen – nach dem persönlichen Vorwort Trevor Noahs ihm vermutlich nachempfunden – und seinen Teddy namens Walter. Walter ist die Stimme der Vernunft; er mahnt zum Zähneputzen, Haare kämmen und Bett machen, denn das sind die morgendlichen Pflichten, die die Mutter dem Jungen auferlegt hat. Doch der Junge will raus „Ins hohe Gras“ und zieht den widerstrebenden Teddy mit sich. Sie verlassen den sicheren Garten und erleben kleine Abenteuer, bei denen streitende Schnecken und fröhlichen Münzen ihnen erstaunliche Wege zu Konfliktlösungen zeigen. Das liest sich sowohl locker-flockig als auch weise. Und ab und zu kommen kleine Passagen, die wirklich berührend sind – wenn der Junge beispielsweise fragt: „Meinst Du, es ist zu spät, nach Hause zu gehen?“ und Walter antwortet: „Wenn du’s noch Zuhause nennst […] kannst du immer zurück.“

Bei diesem Buch stellt sich nicht die Frage, für wen oder welche Altersgruppe es geeignet ist, sondern eher, wen die Geschichte nicht verzaubert. Ich denke, dass sehr unterschiedlich geartete Leser*innen ihre Freude an Trevor Noahs neuestem Werk haben werden. Definitiv ein All-Age-Buch, das sich auch bestens als Weihnachtsgeschenk eignet.


Verlag: Insel
Seitenzahl: 128
Erscheinungsdatum: 12. Oktober 2025
ISBN: 978-3458645252
Preis: 20,- €

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

7. November 2025

Kate Fagan: Die drei Leben der Cate Kay

Raffiniert komponiert

Auffällig und ungewöhnlich: Das pinke Buchcover mit fettem gelben Titel und dem Bild von einem gesplitterten Rückspiegel, in dem ein Auge dreifach zu sehen ist, hat mich gleich neugierig gemacht. Und ungewöhnlich beginnt auch die Geschichte der Erzählerin Cate Kay, die sich und ihr vorliegendes Memoir im Vorwort vorstellt und die drei Namen enthüllt, unter denen sie bisher gelebt hat: Annie Callahan, Cass Ford und Cate Kay. Sie fordert die Leserinnen und Leser auf, anhand des Buches zu entscheiden, ob sie ein guter Mensch ist. Ein starker Einstieg!

Cate Kays Geschichte wird dann in Rückblicken, inklusive Zeitsprüngen, erzählt – mal von ihr, mal von Weggefährten. Die einzelnen Kapitel sind überschrieben mit dem Namen der berichtenden Person sowie Ort und Zeit der Geschehnisse. Dadurch bleibt es einigermaßen übersichtlich, ist aber trotzdem nicht ganz flüssig zu lesen, da viele Figuren eingeführt werden. Mir fehlte erst einmal der Überblick, wer wirklich wichtig für die Geschichte ist. Die ersten knapp 90 Seiten lesen sich dadurch etwas zäh – aber dann platzt der Knoten durch eine krasse Wendung und ich habe das Buch in jeder freien Minute weitergelesen.

„Die drei Leben der Cate Kay“ ist eine immer wieder anrührende Geschichte über große Gefühle, lebensverändernde Entscheidungen, Angst und Mut. Sobald das Grundgerüst steht und die Handlung an Fahrt aufnimmt, entwickelt sie sich fesselnd und intensiv. Das Ende hätte ich mir ausführlicher gewünscht, obwohl eigentlich wenig Fragen offenbleiben. Und die Geschichte in der Geschichte – Cate Kays (fiktive) Bestseller-Trilogie „The very last“, aus der ab und an Auszüge eingeschoben werden – ist ein genialer Kontrast, der immer wieder inhaltliche Brücken zum Leben der Erzählerin schlägt. Ein geschickt komponiertes, packendes Buch, das mich an eine komplexe Patience erinnert, bei der am Ende jede Karte an ihrem Platz liegt.


Verlag: Insel
Seitenzahl: 409
Erscheinungsdatum: 29. September 2025
ISBN: 978-3458645160
Preis: 17,- € (E-Book: 14,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

14. Oktober 2025

Caroline Wahl: Die Assistentin

Teufel ohne Prada

Das erste Buch, das ich von Caroline Wahl gelesen habe. Der Klappentext hatte mich gleich angesprochen. Bücher, die im Verlagswesen spielen, mag ich ab und an ganz gerne und die Geschichte – Berufseinsteigerin wird Assistentin von einem schwer aushaltbaren, narzisstischen Verleger – klang interessant. Und auch ein nicht zu kleines Bisschen nach „Der Teufel klingt Prada“, wobei Wahl in ihrem Roman selbst zweimal auf diesen Stoff anspielt. 

An Protagonistin Charlotte ist man schnell ganz dicht dran. Sie zieht für den neuen Job nach München, eine ihr unbekannte Stadt, in der sie niemanden kennt. Zu der Stelle haben sie vor allem ihre Eltern gedrängt, die eine Karrierechance für ihre Tochter erkannt zu haben glauben. Generell sind „die Mutter“ und „der Vater“ (Namen werden nicht genannt) sehr selbstsicher und meinen genau zu wissen, was das Beste für die erwachsene Tochter ist. Die wiederum hat sich auch noch nicht komplett abgenabelt, schmollt viel, verhält sich ihren Eltern gegenüber oft kindisch und buhlt um die Anerkennung des Vaters. Die familiären Dynamiken fand ich ziemlich befremdlich, aber überzeugend dargestellt – genau wie die Persönlichkeit des Verlegers. Geschildert werden so viele kleine Grenzüberschreitungen unterschiedlicher Art – was die Aufgaben, die Arbeitszeiten, die Kommunikation etc. angeht – dass die Fülle einen mehr und mehr ratlos zurücklässt. Der Mann hat diverse Spleens, größere Stimmungsschwankungen, legt immer wieder unangebrachtes Verhalten an den Tag und die Frequenz macht das Ganze schließlich unerträglich. Dabei erträgt Charlotte viel, sie will sich beweisen. Doch zu welchem Preis?

Die Geschichte dieser nicht ganz unsperrigen Protagonistin hat Sogwirkung; ich habe mit ihr mitgefiebert und mich auch immer wieder gefragt, wo meine eigenen Grenzen gewesen wären. Öfters aus dem Lesefluss rausgerissen hat mich allerdings ein Stilelement, das erstaunlich oft zum Einsatz kommt: Foreshadowing. Immer wieder verkündet die Erzählerin zu Ende oder zu Beginn der kurzen Kapitel, wie es generell weitergeht: Ob es Lichtblicke geben, alles immer schlimmer werden wird o.ä. Ich hätte das nicht gebraucht, im Gegenteil, es hat mich gestört, zumindest in dieser Häufung. Die letzte Seite dagegen hat mich zum Lachen gebracht, weil sie wirkt, als hätte die Autorin noch schnell die Erwartungen erfüllen wollen, aber auch absolut keinen Bock mehr.

Insgesamt habe ich die Geschichte sehr gerne gelesen und fand die enge Begleitung Charlottes faszinierend. Wenn ich mir ein weiteres Buch aus dem Universum wünschen dürfte, wäre es wohl ein Roman über die Personalerin Alexandra Liebig – wobei Wahl es tatsächlich schafft, dass alle Haupt- und Nebenfiguren komplex und interessant wirken. Das trägt ihren Roman bestens – die ständigen Spoiler wären gar nicht nötig, um Leserinnen und Leser am Ball zu halten.


Verlag: Rowohlt
Seitenzahl: 368
Erscheinungsdatum: 28. August 2025
ISBN: 978-3498007706
Preis: 24,- € (E-Book: 19,99 €)


29. August 2025

Hannah Lühmann: Heimat

Tradwives

Drohend thront der Titel über See, Böschung und Wald – groß, übermächtig. Rosa. Er wirkt, als gäbe es kein Entkommen. Und antizipiert damit schon einmal das Grundgefühl, das sich bei mir während der Lektüre eingestellt hat: Unbehagen. Gleichzeitig war ich auch ziemlich fasziniert: „Heimat“ ist der erste deutsche Roman über Tradwives – ein Phänomen, mit dem ich bislang keinerlei Berührungspunkte hatte.

Protagonistin Jana geht es ähnlich. Sie ist schwanger mit ihrem Partner Noah und den zwei Kindern aufs Land gezogen, wo sich noch ein halbwegs bezahlbares Haus mit Garten kaufen ließ. Nun versucht sie, in der neuen Umgebung Fuß zu fassen und merkt schnell, dass hier vieles anders funktioniert als in der Stadt. Ein Lichtblick ist die Bekanntschaft mit der charismatischen Karolin, die scheinbar mehr über den Tellerrand schaut als andere. Gleichzeitig hält sie nichts von Einrichtungen zur Kinderbetreuung und zelebriert ihre Selbstverwirklichung als Hausfrau, Ehefrau und Mutter in zahlreichen Insta-Videos. Eigentlich gruselig. Aber Karolin ist eben auch scharfzüngig, humorvoll und hilfsbereit – während Noah sich immer weniger zu Hause blicken lässt. Jana beginnt, den Halt, den sie vermisst, in ungeahnten Konstellationen zu finden …

„Heimat“ ist ein kurzer Roman, den ich mir oft ausführlicher gewünscht hätte, um Janas Gefühlswelt noch besser zu ergründen. Doch Autorin Hannah Lühmann gelingt es auch so, das Innenleben ihrer Protagonistin nachvollziehbar zu machen. Sie zeigt erschreckend plausibel, wie eine noch vor kurzer Zeit beruflich erfolgreiche Städterin anfängt, ein längst überholtes Rollenbild attraktiv zu finden. Und wie anfällig und emotional bedürftig Menschen sein können, die sich nirgends so richtig verwurzelt fühlen. Dabei sind immer wieder Risse und Brüche erkennbar. Lühmann deutet an, dass nicht alles Gold sein muss, was auf Insta glänzt; sie macht Janas Zerrissenheit deutlich. Und so bleibt am Ende doch einiges offen, zu dem man eigene Überlegungen anstellen kann – über Jana, Karolin und Noah, aber auch über den Zustand der Gesellschaft an sich. Ein lesenswerter und absolut diskussionswürdiger Roman, der viele, viele Denkanstöße bietet. 


Verlag: hanserblau
Seitenzahl: 176
Erscheinungsdatum: 19. August 2025
ISBN: 978-3446282827
Preis: 22,- € (E-Book: 16,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

8. August 2025

Asia Mackay: A serial killer’s guide to marriage

Mr. & Mrs. Smith mit Kind

Der erste Eindruck ist nicht immer entscheidend, aber bei diesem Buch war er auf jeden Fall bestens: netter Titel, ungewöhnliches Cover, ein amüsantes Zitat von Hugh Grant … ich war gespannt. Und wurde nicht enttäuscht.

Bereits im Prolog stehen sich die Hauptfiguren kampfbereit gegenüber. Hazel und Fox sind ein Ehepaar, bei dem es nicht mehr so läuft – und Vollprofis im Umgang mit Messern. Zunächst hat mich diese Ausgangssituation an „Mr. & Mrs. Smith“ erinnert. Doch trotz kleiner Parallelen sind Hazel und Fox in einer völlig anderen Situation als die beiden von Brangelina verkörperten Agenten: Sie sind Eltern. Mit Tochter Bibi, einem reizenden Kleinkind, langweilen sie sich in einem Londoner Vorort und haben ihr früheres Jetlag-Leben gegen einen Bürojob bzw. Spielplatzbesuche und musikalische Früherziehung eingetauscht. Dass das trotz aller Liebe zum Kind zu Unzufriedenheiten und Spannungen führen kann, erstaunt nicht.

Autorin Mackay lässt abwechselnd Hazel und Fox zu Wort kommen, die beide auf eine bewegte Vergangenheit zurückblicken und nun mit den Fallstricken des bürgerlichen Lebens kämpfen. Ihre Geschichte liest sich amüsant und enthält einige nette Twists. Als Krimi würde ich das Ganze nicht bezeichnen, auch wenn immer wieder Spannung aufkommt. Der trockene Humor vor allem von Hazel hat mir gefallen und die Kombi mit dem Thema Elternschaft ist durchaus originell. Das Ganze ist nicht immer komplett logisch, was mich allerdings kaum gestört hat – genauso wenig wie die kleinen Längen im ersten Drittel. „A serial killer’s guide to marriage“ sorgt für den ein oder anderen comic relief und macht insgesamt einfach Spaß.


Verlag: DuMont
Seitenzahl: 397
Erscheinungsdatum: 15. Juli 2025
ISBN: 978-3755800255
Preis: 18,- € (E-Book: 12,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

28. Juli 2025

Gaea Schoeters: Das Geschenk

Spannendes Gedankenexperiment

2024 hat der botswanische Präsident Mokgweetsi Masisi angeboten, 20.000 Elefanten an Deutschland abzugeben. Als Reaktion auf ein hier diskutiertes Einfuhrverbot von Jagdtrophäen zürnte er: „Es ist sehr einfach, in Berlin zu sitzen und eine Meinung zu haben zu unseren Angelegenheiten in Botswana.“ Schoeter kreiert in ihrem neuen Roman ein Szenario, in dem nicht nur die deutsche Regierung die Chance bekommt, sich eine fundiertere Meinung zu bilden: 20.000 Elefanten machen von jetzt auf gleich die Hauptstadt unsicher – sie sind das titelgebende Geschenk. Der Bundeskanzler, der in diesem Buch Hans Christian Winkler heißt, hätte eigentlich auch schon ohne die Dickhäuter genug Probleme: Seine Partei schneidet in Umfragen schlecht ab, die Rechten werden immer stärker, bis zur nächsten Wahl ist es nicht mehr allzu lange hin …

Doch nun muss erst einmal das Zusammenleben von Mensch und Tier geregelt werden – auch kein Kinderspiel. Die Einwohner mancher Regionen Botswanas könnten ein Lied davon singen, das Land spielt in der weiteren Geschichte jedoch keine Rolle mehr.

„Das Geschenk“ liest sich kurz und knackig: Nur 144 Seiten hat diese schmale Satire. Die Autorin gestaltet die Reaktionen auf den durch die Elefanten verursachten, kuriosen Ausnahmezustand und seine Folgen vielschichtig aus und hat sich genauestens in die Situation hineingedacht. An dem abwegigen Szenario führt sie gekonnt bekannte Polit-Mechanismen vor. Schoeter zeigt mal elegant, mal brutal, dass Politik ein schmutziges Geschäft sein kann – von Taktierereien über Lobbyismus bis hin zu Bauernopfern. Manches Mal musste ich schmunzeln (wenn beispielsweise Winklers Amtsvorgängerin ihm verdeutlicht, dass man in diesem speziellen Fall mit der Parole „Wir schaffen das“ nicht weiterkommt), manchmal war ich auch verstört. „Das Geschenk“ ist völlig anders als Schoeters letztes Buch „Trophäe“, aber genauso ungewöhnlich. Ab und an hätte ich mir mehr Details und längere Ausführungen gewünscht, vielleicht auch eine zusätzliche private Perspektive auf die Elefanten-Invasion – Gaea Schoeters bleibt nämlich streng auf das politische Geschehen konzentriert. Insgesamt liest sich die Geschichte jedoch rund, überaus kurzweilig und desillusionierend.


Verlag: Zsolnay
Seitenzahl: 144
Erscheinungsdatum: 22. Juli 2025
ISBN: 978-3552075740
Preis: 22,- € (E-Book: 16,99 €)

Ich habe ein kostenloses Exemplar dieses Buches erhalten.

21. Juli 2025

Caspar Bendix: Born to perform – Sei das Rad, nicht der Hamster

Karriere ist Dating im Anzug

Der Romantitel hat mir gleich ein Grinsen ins Gesicht gezaubert – nicht die schlechteste Ausgangssituation für den Lektürestart. Im Folgenden hat mich dieses Debüt ziemlich gut unterhalten. Die Mischung aus Bürowahnsinn und sich zart anbahnender Liebesgeschichte, Managersprech und Kalendersprüchen ist amüsant und kurzweilig geschrieben.


Hauptfigur ist Bo Martens, ein BWLer, der gerade seinen ersten Job in einer Firma angetreten hat, deren Geschäftsbereich mir nach wie vor völlig unklar, aber auch unwesentlich für das Buch ist. Denn Bo trifft bei der STEIN Holding Topmanager Dr. Thomas Meermann, einen Phrasendrescher, der beeindruckend viel reden kann, ohne wirklich etwas zu sagen. Bald findet sich Bo im Rennen um Meermanns vakante Referentenstelle wieder. Zeitgleich bahnt sich sein erstes Date mit Zahnärztin Laura an. Und dann sind da noch Meermanns Assistentin Melli, die Bo offensichtlich nicht leiden kann, und Bos bester Freund Jan, der versucht, Barney Stinson von „How I met your mother“ nachzueifern und gleichzeitig einen Narren an Worthülsen-Liebhaber Meermann gefressen hat. Bis sich dieses Personenquartett halbwegs sortiert hat, vergehen gute 350 Seiten, die sich locker-flockig weglesen. Kleine Überraschungen hält Autor Bendix für seine Leserinnen und Leser dabei immer wieder bereit. Längen gibt’s eigentlich nur in den Kapiteln, in denen Bo und Jan über das Leben sinnieren – diese Bromance bzw. vor allem die Figur Jan fand ich eher nervig als unterhaltsam.

Alles in allem ist „Born to perform“ ein gelungener Erstling, der Spaß macht und von dem man durchaus die ein oder andere augenzwinkernde Lebensweisheit mitnehmen kann. Schließlich ist Karriere Dating im Anzug – schon einmal darüber nachgedacht?


Verlag: dtv
Seitenzahl: 384
Erscheinungsdatum: 25. Juli 2025
ISBN: 978-3423221290
Preis: 13,- € (E-Book: 9,99 €)

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