18. April 2021

Leïla Slimani: Dann schlaf auch du

Das unvorstellbare Grauen.

Eine Nanny, die ihre Schützlinge ermordet – das klingt albtraumhaft und ist eigentlich kein Thema, über das ich Romane lesen möchte. Für dieses Buch habe ich zum Glück eine Ausnahme gemacht und konnte mich seinem Sog kaum entziehen.


Das Grauen ist auf den ersten Seiten von „Dann schlaf auch du“ bereits passiert: Louise, die „Nounou“ von Kleinkind Mila und Baby Adam, hat das ihr anvertraute Geschwisterpaar umgebracht. Es scheint unfassbar, war sie doch der Glücksfall, die gute Fee, die dem Ehepaar Myriam und Paul ermöglichte, trotz Kindern Karriere zu machen. Die ganz selbstverständlich Überstunden schob, Gäste bekochte, das Haus gemütlich und rein hielt. Die sich bereits nach wenigen Tagen unersetzlich gemacht hatte, nie etwas forderte und nie klagte.
Und ihre Arbeitgeber? Ein junges, ehrgeiziges Paar, das alles richtig machen wollte – auch wenn der Spagat zwischen familiärer Nähe und professioneller Distanz bisweilen seine Tücken hatte.

Die große Frage, die die Lektüre von „Dann schlaf auch du“ von Anfang an begleitet, ist natürlich die nach dem Warum. Leïla Slimani liefert keine einfachen Antworten darauf. Sie schildert stattdessen, wie Myriam und Paul Louise erstmals treffen, sie einstellen und wie das Leben mit Nounou so läuft. Ab und an berichten kurze Kapitel von Louises Leben außerhalb der Altbauwohnung der Familie im 10. Arrondissement von Paris. Hinzu kommen nach und nach kleine Einblicke in die Vergangenheit. Und so baut sich eine untergründige Spannung auf, die kaum zu erfassen und noch schwieriger zu beschreiben ist. Klar ist nur: Es bahnt sich etwas an.

Slimanis Figuren sind komplex. Die Autorin legt ihre Gedanken und Gefühle nicht komplett offen, macht sie aber doch in vielen kurzen Kapiteln hinreichend nahbar. Für mich hätte dieser Roman durchaus länger und ausführlicher sein können, speziell die Perspektive einer nur in Rückblicken auftauchenden Nebenfigur hätte mich sehr interessiert. Dennoch: Als Komposition ist „Dann schlaf auch du“ perfekt. Und hat mich nachhaltiger beeindruckt als so mancher Thriller.

Verlag: Luchterhand
Seitenzahl: 224
Erscheinungsdatum: 21. August 2017
ISBN: 978-3630875545
Preis: 20,00 € (Taschenbuchausgabe: 10,00 €, E-Book: 9,99 €)

11. April 2021

Agatha Christie: Kurz vor Mitternacht

Abgründiges Whodunit.

Mal wieder ein Agatha-Christie-Krimi ohne Miss Marple oder Hercule Poirot, wobei letzterer den hier ermittelnden Superintendenten Battle zumindest inspiriert. Das Buch erschien 1944 in Großbritannien und den USA, die deutsche Erstausgabe wurde zwei Jahre später veröffentlicht.


„Kurz vor Mitternacht“ beginnt mit einigen kurzen Kapiteln zu den einzelnen Hauptfiguren des Krimis, bevor diese auf dem malerisch an der Küste gelegenen Anwesen Gull’s Point zusammentreffen. Gastgeberin ist die schon einige Jahre verwitwete, bettlägerige Lady Tressilian, die von einer entfernten Verwandten namens Mary Aldin gepflegt wird. Besucht wird sie von Nevile Strange und seiner zweiten Ehefrau Kay. Der erfolgreiche Sportler Nevile ist so etwas wie der Ziehsohn von Lady Tressilian und sein Besuch wird einzig und allein davon getrübt, dass auch seine erste Ehefrau Audrey vor Ort ist. Ein Cousin von ihr verbringt die Sommertage ebenfalls auf Gull’s Point, während ein längst pensionierter Anwalt zwar im Hotel wohnt, aber freundschaftliche Beziehungen zur Hausherrin pflegt. Ein Jugendfreund von Kay komplettiert die Gesellschaft. Dass nicht alle Erwähnten diesen Spätsommer überleben, liegt auf der Hand.

Es erstaunt ebenfalls nicht, dass Agatha Christie es mal wieder schafft, ihre Leserinnen und Leser an der Nase herumzuführen. Einige mögliche Motive sind von Anfang an offensichtlich; kleine Randbemerkungen lassen erfahrene Krimi-Fans aufhorchen. Aber am Ende ist dann doch wieder alles anders – und trotzdem schlüssig. „Kurz vor Mitternacht“ ist ein sehr kurzweiliges Lesevergnügen. Nur auf die letzten zwei, drei Seiten hätte ich verzichten können, denn da soll es romantisch werden, was sich bei Agatha Christie immer ziemlich hölzern liest – hier merkt man am ehesten das Alter ihres Werks. Doch die Krimihandlung ist unverstaubt und dass dieser Fall vor fast 80 Jahren erdacht wurde, tut seiner Raffinesse keinen Abbruch.

Ich habe eine ältere Ausgabe von „Kurz vor Mitternacht“ gelesen; aktuell im Handel ist diese erhältlich:

Verlag: Atlantik
Seitenzahl: 256
Erscheinungsdatum: 14. März 2018; „Kurz vor Mitternacht“ erschien jedoch bereits 1946 erstmals auf Deutsch (und 1944 auf Englisch).
ISBN: 978-3455002263
Preis: 12,- € (E-Book: 8,99 €)

5. April 2021

Katherine Collette: Das Einmaleins des Glücks

Gefühlslegasthenikerin im Gewissenskonflikt.

Die 37-jährige Mathematikerin Germaine ist anders als die anderen. Von Zahlen versteht sie viel, von Menschen wenig. Zwischentöne sind ihr fremd, Fettnäpfchen nicht – wobei sie meist noch nicht einmal bemerkt, wenn sie wieder einmal in eins gestolpert ist. Durch Vermittlung ihrer Cousine erhält sie eine Stelle bei der Stadtverwaltung und wird ausgerechnet am Beratungstelefon für Senioren eingesetzt, was ihr überhaupt nicht zusagt. Zum Glück hat die Bürgermeisterin Höheres mit der leidenschaftlichen Sudoku-Spielerin vor und schiebt ihr Spezialaufträge zu. Nach und nach stellt sich allerdings heraus, dass diese ganz und gar nicht im Interesse der Senioren sind. Und plötzlich steckt die sonst sehr auf ihren eigenen Vorteil bedachte Germaine in einem Gewissenskonflikt.


Wer Graeme Simsions „Rosie-Projekt“, „Rosie-Effekt“ und „Rosie-Resultat“ mochte, wird vermutlich auch Germaine ins Herz schließen, auch wenn das gar nicht so einfach ist. Die Gefühlslegasthenikerin hat nämlich nicht nur Probleme, ihre Mitmenschen zu verstehen, sie sind ihr auch relativ egal. Germaine fühlt sich verkannt, ist ehrgeizig und sehnt sich nach jemandem, der ihr Potential zu schätzen weiß. Nach und nach wird klar, dass sie in ihrem Leben einige große Enttäuschungen erlebt und sich daher einen ziemlich dicken Schutzpanzer zugelegt hat.

Germaines zwischenmenschliche Begriffsstutzigkeit ist ab und an ganz erheiternd, allerdings nutzt sich dieser Effekt mit der Zeit ab. Etwas bedauert habe ich, dass alle anderen Charaktere doch recht blass bleiben, obwohl sie durchaus Potential hätten. Autorin Katherine Collette hat offensichtlich ein Herz und Händchen für leicht skurrile, verschrobene Figuren, konzentriert sich aber komplett auf Germaine. Etwas mehr Abwechslung hätte die Geschichte bereichern können.

Trotzdem ist „Das Einmaleins des Glücks“ gut lesbar, hat mich immer mal wieder zum Schmunzeln gebracht und am Ende zufrieden zurückgelassen. Eine nette Zwischendurch-Lektüre.

Verlag: insel taschenbuch
Seitenzahl: 400
Erscheinungsdatum: 18. Januar 2021
ISBN: 978-3458681274
Preis: 11,00 € (E-Book: 10,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

28. März 2021

Cho Nam-Joo: Kim Jiyoung, geboren 1982

Ausweglos.

Laut Kiepenheuer & Witsch wurden weltweit bislang über zwei Millionen Exemplare dieses südkoreanischen Romans verkauft. Dass die nüchtern erzählte Geschichte vielerorts einen Nerv trifft, ist gut vorstellbar: „Kim Jiyoung, geboren 1982“ handelt von der systematischen Benachteiligung von Frauen.


Die Südkoreanerin Kim Jiyoung ist verheiratet und Mutter einer kleinen Tochter, als sie 2015 plötzlich schizophrene Schübe erleidet. Sie schlüpft gegenüber ihrem Mann in die Rolle ihrer Mutter, ihres Kindes oder einer Freundin und artikuliert deren Bedürfnisse, als wären es ihre. Danach kann sie sich an nichts erinnern. Im Folgenden arbeitet ein Psychiater Jiyoungs Lebensgeschichte auf, die in diesem Buch erzählt wird.

Der Ton des Romans ist dann auch sachlich berichtend und hat mich gerade dadurch berührt. Hier wird nicht erklärt oder bewertet, sondern ein durchschnittliches Frauenleben beschrieben. Für Jiyoungs Familie beginnt es bereits mit einer Enttäuschung, hatte diese doch auf einen Sohn gehofft. Werden Jiyoung und ihre ältere Schwester dennoch von ihren Eltern geliebt? Nichts spricht dagegen. Aber sie sind eben „nur“ Mädchen. Mädchen, die in einer erschreckend patriarchalischen Gesellschaft von Beginn an systematisch diskriminiert werden. Und die dennoch viel mehr Möglichkeiten und Freiheiten haben als ihre Mütter und Großmütter und dadurch in einem seltsamen Spannungsfeld aufwachsen.

Ungewöhnlich wird die Geschichte dadurch, dass Jiyoung eben nicht die rebellierende Heldin ist, über die normalerweise Romane geschrieben werden. Schon auf dem Cover ist sie gesichtsloser Durchschnitt. Jiyoung akzeptiert die Sonderstellung des kleinen Bruders. Sie geht nicht auf die Barrikaden, weil Mädchen keine Klassensprecherinnen werden können. Sie wird nicht wütend, wenn man ihr Schuldgefühle einredet, weil Jungen sie belästigen. Kurz gesagt ist sie so, wie die Gesellschaft sie haben möchte: folgsam, angepasst, diszipliniert und strebsam. Jiyoung ist von klein auf bewusst, dass sie besser sein muss als ihre männlichen Altersgenossen. Doch sie erfährt auch immer wieder, dass selbst das nicht reicht, um annähernd gleiche Chancen zu bekommen: in der Schule, im Studium, im Job.

Autorin Cho Nam-Joo unterfüttert ihren Roman ab und an mit Fußnoten, in denen sie genannte Zahlen belegt, z.B. zu Abtreibungen oder zum Gender-Pay-Gap. Die lakonische Erzählung bekommt dadurch noch mehr Gewicht. Die männlichen Nebenfiguren bleiben blass in diesem Roman, Protagonistin Jiyoung ist es jedoch auch – auf eine erschütternde Weise. Sie ist nicht die sanfte Lenkerin ihres Mannes, wie ihre Mutter. Sie begehrt nicht auf, wie ihre Schwester. Sie erfüllt die Erwartungen, wie sie es von Kindesbeinen an gelernt hat. Und führt den Lesenden vor Augen, was sie davon hat: nicht das Leben, das sie wollte.
Die Situation in Südkorea ist speziell, Jiyoungs Geschichte jedoch trotzdem universell – einzelne Aspekte ihres Lebens werden überall nachvollzogen werden können. Und so entwickelt dieser emotionslos und kompakt erzählte Roman einen ganz eigenen, traurigen Nachhall und rüttelt gerade dadurch auf.

Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Seitenzahl: 208
Erscheinungsdatum: 11. Februar 2021
ISBN: 978-3462053289
Preis: 18,00 € (E-Book: 14,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

21. März 2021

Benedict Wells: Hard Land

Der Sommer seines Lebens.

Seit „Vom Ende der Einsamkeit“ greife ich ungesehen zu, wenn ich einen Roman von Benedict Wells sehe. Egal, was seine Protagonisten umtreibt, ich kann auf jeden Fall mit ihnen mitfühlen, denn Wells beschreibt ihr Innenleben so einfühlsam wie es nur wenigen Autoren und Autorinnen gelingt. Auch dieses Buch hat mich wieder komplett begeistert.


Eine von Benedict Wells' Figuren sammelt gelungene erste Sätze und ich bin mir ziemlich sicher, dass ihr auch der Beginn von „Hard Land“ gefallen hätte: „In diesem Sommer verliebte ich mich, und meine Mutter starb.“ Was für ein Einstieg! Ich-Erzähler Sam berichtet davon, wie sich sein ganzes Leben innerhalb weniger Wochen verändert. Ein Leben, in dem sich der fast 16-jährige Außenseiter nicht allzu wohl fühlt: Seine Heimatstadt Grady ist ziemlich verschlafen, sein einziger Freund weggezogen, sein Vater arbeitslos und seine Mutter hat einen Hirntumor. Doch als er in den Sommerferien einen Job im örtlichen Kino annimmt, lernt er Cameron, Hightower und Kirstie kennen, die Grady im Herbst verlassen und aufs College gehen werden. Erst belächeln sie Sam, aber schließlich wird aus der Dreier- eine Viererclique. Und so wird dieser Sommer aufregend, wundervoll und komisch, aber auch todtraurig. Und am Ende ist Sam ein anderer.

Benedict Wells ist 1984 in München geboren, sein Roman spielt nur ein Jahr später in Missouri. „Hard Land“ liest sich allerdings so atmosphärisch dicht, dass nicht nur der Autor die staubigen Straßen des Mittleren Westens bestens zu kennen scheint, sondern man sie selbst vor sich sieht. Neben Gradys Kinoprogramm, das ein Wiedersehen mit „Zurück in die Zukunft“ und anderen Klassikern möglich macht, wird auch die Musik der 80er immer wieder erwähnt: sie läuft im Fernsehen, auf Partys und im Bruce-Mobil, in dem ausschließlich Springsteen-Songs gespielt werden dürfen. Am Ende des Romans hat Wells den Soundtrack zum Buch sogar aufgelistet; wobei ich schon beim Lesen Ohrwürmer von „I’m on fire“ und „Dancing with myself“ bekam.

Die Geschichte wirkt bis ins kleinste Detail stimmig, aber vor allem berührt sie. „Hard Land“ ist ein sensibel erzählter Coming-of-Age-Roman, der weder vor den großen noch kleinen Emotionen zurückschreckt, ohne je ins Rührselige abzudriften. Einfühlsam und vor allem großartig geschrieben, widmet er sich einem ganz besonderen Sommer und enthält dabei ein paar Wahrheiten, die nostalgisch und nachdenklich machen. Absolute Empfehlung.

Verlag: Diogenes
Seitenzahl: 352
Erscheinungsdatum: 24. Februar 2021
ISBN: 978-3257071481
Preis: 24,00 € (nur als Hardcover erhältlich, nicht als E-Book)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

15. März 2021

Julie Clark: Der Tausch

Ein Pageturner über zwei starke Frauen.

Am 8. März durften die Buchhandlungen wieder öffnen, was ich gleich mit einem Besuch meiner nächstgelegenen gefeiert habe. Nach ausgiebigem Stöbern habe ich unter anderem einen Thriller gekauft und ihn in den letzten Tagen regelrecht verschlungen.


„Der Tausch“ von Julie Clark beginnt brenzlig: Claire Cook, Ehefrau eines Mäzens aus bestem Hause, hat ihr spurloses Verschwinden minutiös geplant. Sie will eine Geschäftsreise für die Familienstiftung nutzen, um ihren gewalttätigen Ehemann Rory zu verlassen und unter falschem Namen ein neues Leben anzufangen. Doch dann geht alles schief: Rory entscheidet kurzfristig, die Reise an Claires Stelle anzutreten und seine Frau nach Puerto Rico zu schicken. Das vereitelt nicht nur ihren Plan; Claire muss auch befürchten, dass Rory ihre Vorkehrungen entdecken wird. Sie ist in Panik, als sie am Flughafen eine Fremde trifft, die dasselbe will wie Claire: spurlos verschwinden. Und so tauschen Claire und Eva spontan Boardingpässe, Kleidung und Handtaschen bevor sie an das jeweilige Ziel der anderen fliegen. Doch in Berkeley, Kalifornien, wartet schon die nächste Hiobsbotschaft auf Claire …

Julie Clark widmet sich ihren beiden starken Protagonistinnen abwechselnd und gestaltet die Charaktere überzeugend aus. Claire und Eva haben Schicksalsschläge zu verkraften; letztere war am Flughafen außerdem nicht ehrlich. Ihre Geheimnisse werden nach und nach in Rückblicken enthüllt. Claire dagegen findet sich fast mittellos in einem fremden Leben wieder, das sie nicht durchschaut. Durch die beiden unterschiedlichen Perspektiven und Zeitebenen liest sich „Der Tausch“ äußerst kurzweilig. Die Nöte der Figuren sind gut nachvollziehbar, die Ausweglosigkeit ihrer jeweiligen Situation auch. Clark setzt mehr auf Psychologie als auf Action, überrascht dabei aber immer wieder mit unvorhersehbaren Twists. Ich habe mitgefühlt, mitgerätselt und mitgefiebert. „Der Tausch“ ist ein gelungener Pageturner!

Verlag: Heyne
Seitenzahl: 400
Erscheinungsdatum: 11. Januar 2021
ISBN: 978-3453424975
Preis: 12,99 € (E-Book: 9,99 €)

7. März 2021

Anne Prettin: Die vier Gezeiten

Schicksalsüberladen.

Dieser Roman handelt von vielen Frauen: Von einer, die in den 1930er Jahren auf Juist aufwächst und miterlebt, wie sich der Nationalsozialismus auf der Nordseeinsel ausbreitet. Von einer, die dort in den 1960er Jahren vier Töchter an der Seite eines Mannes aufzieht, den sie nicht liebt. Von einer, die Ende der 1970er aus Verzweiflung im Watt verschwindet. Und von einer Neuseeländerin, die 2008 auf der Suche nach ihrer leiblichen Mutter nach Juist kommt.


Aber das ist noch nicht alles: Neben weiteren Frauenfiguren gibt es noch einen narzisstischen Familienpatriarchen, Altnazis und Umweltschützer; es ereignen sich gleich mehrere ungeplante Schwangerschaften und die deutsch-deutsche Geschichte spielt auch noch eine Rolle. Ganz schön viel für 480 Seiten! „Die vier Gezeiten“ sind leider so überladen mit Dramen, dass der Roman längst nicht jedem Handlungsstrang gerecht werden kann. Durch eine Fokussierung auf weniger Figuren hätte die Geschichte vermutlich gewonnen. Irritierend fand ich auch die Häufung der Schicksalsschläge innerhalb einer Familie, die aber kaum darüber spricht. Und das ist dann auch mein zweiter Kritikpunkt: Ich fand es nicht stimmig, wie wenig sich die einzelnen, größtenteils miteinander verwandten Protagonisten untereinander austauschen. Sicher kommt es vor, dass Gespräche zwischen Familienmitgliedern an der Oberfläche bleiben, aber hier nimmt es sehr seltsame Züge an; naheliegende Reaktionen bleiben oft aus. Das Verhalten gleich mehrerer Figuren wirkt dadurch etwas bizarr. Autorin Anne Prettin fügt ihre vielen Handlungsstränge zwar am Ende des Romans zusammen, aber auch im Nachhinein wird so längst nicht jede Reaktion auch nur halbwegs schlüssig erklärt.

Komplett überzeugend sind dagegen die Juist-Beschreibungen. Die Inselatmosphäre schwingt überall mit: Sonne, Strand und Sanddorn, Hammersee und Domäne Bill, Flughafen und Inselbahn – alles kommt vor und man fühlt fast, wie einem die Nordseeluft um die Nase streicht. Und so sind „Die vier Gezeiten“ schon ein gedanklicher Ausflug ans Meer, aber eben ein sehr überladener. Prettin hätte ihren vielen Protagonisten ruhig etwas weniger zumuten dürfen.

Verlag: Lübbe
Seitenzahl: 480
Erscheinungsdatum: 26. Februar 2021
ISBN: 978-3785727317
Preis: 22,00 € (E-Book: 14,99 €)

Ich habe dieses E-Book als Rezensionsexemplar erhalten.

3. März 2021

Sharon Bala: Boat People

Wenn die Humanität auf der Strecke bleibt.

Dieser beeindruckende Roman zeigt Kanada als Einwanderungsland. Sharon Bala beschreibt es aus der Perspektive eines tamilischen Flüchtlings, einer Jurastudentin und einer Asyl-Entscheiderin. Der Flüchtling, Mahindran, richtet all seine Hoffnung auf ein neues Leben mit seinem sechsjährigen Sohn Sellian, nachdem ihre komplette Familie im sri-lankischen Bürgerkrieg umgekommen ist. Als sie dann aber 2009 mit 500 anderen Tamilen auf einem verrosteten Frachter in British Columbia ankommen, werden sie getrennt: Während Frauen und Kinder zusammenbleiben, werden die männlichen Flüchtlinge separat in einem leeren Gefängnis untergebracht und warten da auf ihre Anhörungen – monatelang. Sellian kommt zu einer kanadischen Pflegefamilie, die kein Wort Tamil spricht. Seinen Vater sieht er nur noch samstags im Gefängnis.


Die Jurastudentin Priya befasst sich im Rahmen eines Praktikums wider Willen mit dem Fall – eigentlich möchte sie sich auf Körperschaftsrecht spezialisieren, doch ein Senior Counsel der Kanzlei vereinnahmt sie, um die Flüchtlinge auf ihre Anhörungen vorzubereiten. Nicht ganz zufällig, denn Priya hat tamilische Wurzeln. Und dann ist da noch Grace Nakamura, die als Mitglied einer Prüfungskommission darüber entscheidet, ob die Tamilen in Kanada einen Asylantrag stellen dürfen. Sie soll die Schwarzweiß-Maßstäbe einer reichen Industrienation auf die 500 Männer, Frauen und Kinder anwenden, die in Sri Lanka um das nackte Überleben kämpfen mussten und stößt dabei an ihre Grenzen. Und auch privat lässt sie das Thema Einwanderung nicht los: Bei ihrer demenzkranken Mutter kommen Kindheitserinnerungen hoch; Graces Großeltern sind selbst als japanische Flüchtlinge ins Land gekommen.

Balas Geschichte ist universell: Die „Boat People“ könnten aus jedem Krisengebiet stammen und statt Kanada auch ein anderes westliches Land angesteuert haben. Der Roman handelt von Flucht und Vertreibung, Terrorangst und Bürokratie. Bala wertet nur selten; sie zeigt Verständnis für alle Seiten und verdeutlicht dabei still und leise, wie die Humanität auf der Strecke bleibt. Und dass niemand als „Boat People“ geboren wird; dass es keine leichtfertige Entscheidung ist, die Heimat zu verlassen und auf ein marodes Schiff zu steigen. Manchmal liest sich der Roman herzzerreißend, wenn z.B. in Rückblicken erzählt wird, was der Abzug der Vereinten Nationen aus dem tamilischen Rebellengebiet für die Zivilbevölkerung bedeutete. Es gibt aber auch kleine Lichtblicke: Die Mitmenschlichkeit, die man im System vergebens sucht, existiert im Kleinen, Privaten durchaus.
Die „Boat People“ rühren an etwas, vor dem man nur zu gern die Augen verschließt: dem Leid der anderen, die weit weg leben. Sharon Bala bringt den Lesenden das Thema Migration ganz, ganz nah.

Verlag: Mitteldeutscher Verlag
Seitenzahl: 480
Erscheinungsdatum: 7. August 2020
ISBN: 978-3963112690
Preis: 21,99 € (E-Book: 28,00 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

24. Februar 2021

Bernadine Evaristo: Mädchen, Frau etc.

Etwas ganz Besonderes.

Was für ein Buch! Die Protagonistinnen sind alle sehr unterschiedliche Charaktere, die innerhalb einer Zeitspanne von ca. 100 Jahren geboren wurden, größtenteils in England. Sie eint, dass sie Persons of Color (BPoC) sind und unter anderem afrikanische Wurzeln haben.


Die Autorin Bernadine Evaristo gibt den Geschichten in „Mädchen, Frau etc.“ Struktur, indem sie die ersten vier Kapitel nach dem gleichen Schema anordnet: mit je drei Unterkapiteln, die jeweils den Namen der Figur tragen, deren Leben auf ungefähr 40 Seiten beleuchtet wird. Zwei der drei Unterkapitel-Protagonistinnen sind außerdem Mutter und Tochter, die dritte zumindest mit einer von beiden bekannt. Los geht es mit Amma, einer bisexuellen Theaterregisseurin kurz vor der Premiere ihres ersten im National Theatre in London aufgeführten Stücks. Und mit der nachfolgenden Premierenparty schließt sich auch der Kreis; ihr ist das fünfte und letzte Kapitel dieses Romans gewidmet.

Der klare Aufbau hat mir bei der Orientierung im Buch geholfen; der Zusammenhang der episodenhaften Geschichten lässt sich gut erfassen. Ich empfehle Lesepausen und habe nach jeder Frauenfigur eine gemacht. Die geschilderten Erfahrungen und Entwicklungen sind so verschieden, dass ich sie erst einmal auf mich wirken lassen wollte. Evaristo ergründet die Charaktertiefen ihrer Figuren; auf verhältnismäßig wenigen Seiten kommt sie jeder Einzelnen sehr nah. Das liest sich intensiv und nicht immer ganz einfach. Kapitel, deren Fokus auf zwischenmenschlichen Verwicklungen liegt, habe ich zum Teil verschlungen, andere beschäftigen sich expliziter mit dem Genderthema und sind dadurch theoretischer. Im Laufe des Kapitels zu Megan/Morgan wurde mit „sier“ sogar ein neues Personalpronomen verwendet, von dem ich noch nie gehört hatte, weswegen es meinen Lesefluss erst einmal ziemlich ausgebremst hat.
An Evaristos besonderen Stil habe ich mich dagegen schnell gewöhnt: Sie benutzt kaum Punkte, sondern Absätze, um ihre Sätze zu strukturieren. Dass die Zeichen am Ende eines Satzes meist fehlen, ist mir kaum aufgefallen, aber mit ihren Absätzen verleiht die Autorin ihrem Text noch einmal viel mehr Wucht und betont zum Teil sogar einzelne Wörter, was das Leseerlebnis extra eindrücklich werden lässt.

Mich hat sehr fasziniert, wie Evaristo ihre Frauenfiguren mit deren vielfältigen Geschichten und Erfahrungen zum Leben erweckt. Sie sind so divers, wie Frauen nur sein können: aufopferungsvoll, borniert, ehrgeizig, ängstlich, rassistisch, stolz, fürsorglich, arrogant, verliebt, gehässig, antriebslos … Die Geschichte jeder einzelnen hätte für die Hauptfigur eines eigenen Romans gereicht, und mehr als einmal habe ich mir gewünscht, dass die Autorin noch einen über sie schreiben wird: z.B. über Bummi, die in Nigeria eine von Verlusten geprägte Kindheit hatte und das Leben ihrer Tochter Carole, einer Oxford-Absolventin, kaum mehr nachvollziehen kann. Oder über ebendiese Carole, die ein Trauma überlebt, Freundschaften geopfert, gekämpft und sich angepasst hat, um es als schwarze Frau in der Londoner Businesswelt nach oben zu schaffen, die aber trotzdem nicht glücklich wirkt. Über Hattie, die ihren Hof bis ins hohe Alter allein bewirtschaftet und ihre weitverzweigte Nachkommenschaft zu großen Teilen nicht besonders mag. Sie alle sind stark und verletzlich und haben Erfahrungen gemacht, die man sich kaum vorstellen kann, wenn man weiß ist. Bernadine Evaristos Roman ist horizonterweiternd, bereichernd, sensationell gut geschrieben und hat mich sowohl begeistert als auch zum Nachdenken angeregt.

Verlag: Tropen
Seitenzahl: 512
Erscheinungsdatum: 23. Januar 2021
ISBN: 978-3608504842
Preis: 25,00 € (E-Book: 19,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

15. Februar 2021

Arno Strobel: Offline

Mit dem Holzhammer.

Dieses Buch wurde Ende 2019 immens gehypt und ist mir außerdem wegen seines originell gestalteten Einbands aufgefallen. Leider ist das Cover von Arno Strobels „Offline“ aber raffinierter als der Inhalt des Psychothrillers.


Fünf Tage lang Digital-Detox vor atemberaubender Kulisse – davon versprechen sich acht Teilnehmer eines Bergtrips Entspannung pur. Zusammen mit zwei Organisatoren und einem Bergführer erklimmen sie den Watzmann, ohne Mobiltelefone und mit der Aussicht auf Erholung in einem erst halbrenovierten, luxuriösen Alpenresort. Doch gleich nach der ersten Nacht wird es für die inzwischen Eingeschneiten ungemütlich: ein Mitglied ihrer Reisegruppe scheint sich in Luft aufgelöst zu haben, das Satellitentelefon – einzige Verbindung zur Außenwelt – ist zerstört. Zusammen mit den beiden Hausmeistern sind sie im riesigen, leeren Hotel auf sich gestellt. Und als der Verschwundene schließlich gefunden wird, fängt das Grauen erst richtig an.

Die Idee von „Offline“ ist an sich nicht neu: Eine sich mindestens in Teilen unbekannte Gruppe kommt anscheinend zufällig an einem abgeschiedenen Ort zusammen und sitzt da plötzlich miteinander fest. Erst trägt man es noch mit Fassung, doch dann geschieht etwas Schreckliches und es wird klar, dass jemand Irres in der Nähe ist – oder sogar unter den Gruppenmitgliedern. Ein Paradebeispiel für diese Plotidee ist „Und dann gab’s keines mehr“ von Agatha Christie. Was sie allerdings mit subtiler Raffinesse löst, erledigt Arno Strobel mit dem Holzhammer. Gegruselt habe ich mich hier vor allem vor den platten Dialogen und dem oft unlogischen Verhalten der Protagonisten. Bei einem Psychothriller, der auf einen einzigen Handlungsort und die sich dort aufhaltenden Personen beschränkt ist, ist die stimmige Schilderung von Gedanken, Gefühlen und Kommunikation entscheidend. Doch genau daran hapert es hier immer mehr, je weiter die Geschichte fortschreitet. Teilweise gehen die geschlossenen Allianzen ganz offensichtlich gegen den gesunden Menschenverstand. Und so konnte mich der Thriller einfach nicht richtig packen.

Verlag: Fischer Taschenbuch
Seitenzahl: 368
Erscheinungsdatum: 25. September 2019
ISBN: 978-3596703944
Preis: 14,99 € (E-Book: 9,99 €)

8. Februar 2021

Agatha Christie: Peril at End House

Raffiniert und perfide.

Agatha Christies zwölfter Kriminalroman erschien 1932 als der sechste, in dem sie ihren belgischen Meisterdetektiv Hercule Poirot ermitteln lässt. Wie so oft ist sein Freund Arthur Hastings an seiner Seite und auch Inspektor Japp tritt wieder in Erscheinung. Also ein Klassiker. Aber Agatha Christie wäre nicht die Queen of Crime, wenn sie nicht immer wieder überraschen würde. Und hier hat sie sich eine besonders perfide Geschichte einfallen lassen.


In „Peril at End House“ („Das Haus an der Düne“) wollen Poirot und Hastings eigentlich eine entspannte Urlaubswoche in Cornwall verbringen. Doch dann machen sie die Bekanntschaft einer jungen Frau namens Nick Buckley, die in den letzten Tagen gleich mehrere Beinahe-Unfälle gehabt hat. Sie tut das lachend ab, doch Poirot wird hellhörig und schließlich erhärtet ein Patronenfund seinen Verdacht, dass es jemand auf ihr Leben abgesehen hat. Poirot und Hastings statten Miss Buckley einen Besuch in End House bzw. dem „Haus an der Düne“ ab und treffen Vorkehrungen. Doch auch diese können ein Unglück nicht verhindern …

Was mir richtig gut gefallen hat: Poirot teilt seine Gedanken diesmal freigiebig mit Ich-Erzähler Hastings – und so auch den Lesenden. Er erstellt sogar Listen mit potentiellen Tätern und offenen Fragen. Ich bin natürlich trotzdem nicht auf die Auflösung gekommen. Wie eigentlich immer haben mich Poirots Ausführungen beim Showdown am Ende komplett verblüfft, obwohl sie durchaus schlüssig sind. An einigen Stellen wird sehr deutlich, dass der Krimi nicht nur vor ca. 90 Jahren spielt, sondern auch dann geschrieben wurde. In Sachen Raffinesse ist er aber keineswegs in die Jahre gekommen. Agatha Christie kann’s halt einfach.

Verlag: Harper Collins
Seitenzahl: 252
Erscheinungsdatum dieser Ausgabe: 24. September 2015 (Erstausgabe: 1932)
ISBN: 978-0008129521
Preis: 6,99 € (E-Book: 5,49 €)

1. Februar 2021

T. C. Boyle: Sprich mit mir

Zwischen Tier und Mensch.

Ich hatte vorher noch nie einen Roman von T. C. Boyle gelesen, aber das hier wird ganz bestimmt nicht mein letzter gewesen sein. In dieser besonderen Geschichte geht es um verschwimmende Grenzen und darum, was möglich ist, was moralisch ist, was das Beste ist – aber auch um Liebe und Vertrauen aus einer gänzlich ungewöhnlichen Perspektive.


Kommunikation ist ebenfalls ein großes Thema, wie der Titel „Sprich mit mir“ schon erahnen lässt. Hauptfigur Sam kann zwar nicht sprechen, sich aber in Zeichensprache verständlich machen sowie zuhören. An und für sich mag das noch nicht so ungewöhnlich sein – doch Sam ist ein Schimpansenkind. Ein 10.000 Dollar-Menschenaffe, der im Rahmen eines Spracherwerb-Forschungsprojekts von Professor Guy Schermerhorn menschlich erzogen wird. Und so wächst Sam in einem kalifornischen Ranchhaus auf, lernt sich mit Menschen zu verständigen, isst Cheeseburger und schläft in einem Bett. Sogar ins Fernsehen schafft er es, als Guy mit ihm in einer Rateshow auftritt. Dadurch erfährt die introvertierte Studentin Aimee von dem Forschungsprojekt und wird kurz darauf von Guy als Hilfskraft eingestellt. Sie und Sam haben sofort eine Verbindung zueinander und schon bald ist die Beziehung zu ihrem Schützling die wichtigste in Aimees Leben. Für Guys Mentor, Dr. Moncrief, ist der Schimpanse jedoch nur eines von vielen teuren Versuchstieren – und sein Eigentum. Und als er beschließt, die Forschung einzustellen und Sam in seinen Schimpansenstall nach Iowa zu holen, stellt das nicht nur dessen Leben auf den Kopf.

Zwei unterschiedliche Perspektiven wechseln sich in diesem Roman kapitelweise ab: Eine menschliche (meist Aimees) und Sams tierische. Die Kapitel aus Sams Sicht sind wesentlich kürzer und handeln von seinen Empfindungen und Bedürfnissen. Die Gedanken des menschlich aufgezogenen Affens erscheinen sowohl tierisch als auch ziemlich gut nachvollziehbar. Ob Mensch oder Schimpanse: T. C. Boyle hat facettenreiche Charaktere erschaffen, die aus sehr unterschiedlichen Motivationen handeln und dabei durch und durch authentisch wirken. Manche Episoden greift „Sprich mit mir“ zwei- oder sogar dreimal auf; aus Sams sowie aus Aimees und/oder Guys Perspektive. Langeweile kommt dabei nicht auf, denn die unterschiedlichen Bewertungen von Situationen lesen sich spannend. Und nicht nur Aimee und Guy sinnieren ab und an, was Forschung kann und Forschung darf – auch als Leserin habe ich mir diese Frage immer wieder gestellt. Denn Sam ist zwar kein Mensch, doch auch mit seinen Artgenossen hat er nicht mehr viel gemein. Ist das gut für ihn? Bis zum Schluss habe ich mit ihm und Aimee mitgefiebert und konnte den Roman kaum mehr aus der Hand legen.

Vor einigen Tagen fand die Buchpremiere statt, wie so vieles in diesen Tagen virtuell; aber so lässt sie sich jederzeit auf dem heimischen Sofa anschauen. Die Radioeins-Aufzeichnung ist hier zu finden.

Verlag: Hanser
Seitenzahl: 352
Erscheinungsdatum: 25. Januar 2021
ISBN: 978-3446269156
Preis: 25,00 € (E-Book: 18,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

26. Januar 2021

Amelie Fried: Die Spur des Schweigens

Gute Plotidee mäßig umgesetzt.

Dieser Roman hat es in sich: Es geht um MeToo in der Wissenschaft, eine Familientragödie und nicht zuletzt den Umgang mit Traumata und Krankheit. Große Themen, aus denen man einen echten Pageturner machen könnte. Leider ist Amelie Frieds „Die Spur des Schweigens“ jedoch keiner.


Die 39-jährige Julia Feldmann arbeitet als freie Journalistin und schlägt sich damit mehr schlecht als recht durch. Sie ist Single und hat spätestens seit dem spurlosen Verschwinden ihres Bruders vor 12 Jahren einen ausgeprägten Hang zu selbstzerstörerischen Neigungen. Als sie den Auftrag für eine potentielle „MeToo“-Geschichte erhält, ist sie zunächst wenig begeistert, merkt jedoch schnell, dass sie einem Skandal auf der Spur ist. Doch ihre Recherchen gefallen nicht jedem und auch privat wird ihr Leben immer turbulenter.

Leider fand ich einige Entwicklungen in diesem Roman einfach unglaubwürdig. Da fällt z.B. dem ehemaligen Mitbewohner des verschollenen Bruders spontan ein, dass er ja noch zwei Kisten mit dessen Sachen im Keller hat – nach 12 Jahren. Während die Polizei nach dem Vermissten suchte, kam offensichtlich niemand auf die Idee, nachzuschauen, was der denn so hinterlassen hatte.
Es gibt einige solcher Passagen, die zu unvorhersehbaren Wendungen führen, dabei jedoch ziemlich an den Haaren herbeigezogen erscheinen. Im letzten Viertel der Geschichte hat die Autorin außerdem ein paar praktische Zeitsprünge eingebaut, die ihr erlauben, Entwicklungen nicht mehr schildern zu müssen, was die aufeinanderfolgenden Ereignisse allerdings nicht plausibler macht. Eine zweite Perspektive, die der allwissende Erzähler in unregelmäßigen Abständen teilt, war so naiv, dass ich es stellenweise schwer erträglich fand. Das melodramatische Ende tat sein Übriges.

Mein Fazit: Hier wurde eine an und für sich vielversprechende Plotidee äußerst mäßig umgesetzt. Ich hätte diesem Roman wesentlich mehr zugetraut.

Verlag: Heyne
Seitenzahl: 496
Erscheinungsdatum: 31. August 2020
ISBN: 978-3453270480
Preis: 22,00 € (E-Book: 12,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

19. Januar 2021

Rachel Joyce: Miss Bensons Reise

Originell, warmherzig und spannend.

Vor Kurzem sah ich einen Cartoon, der den Januar als den Montag unter den Monaten bezeichnete. Sehr nachvollziehbar: Die Weihnachtsfreuden sind vorbei, der Baum wird abgeschmückt, es ist kalt und grau und als würde all das nicht reichen, haben wir in diesem Jahr auch noch Pandemie, hohe Inzidenzwerte und Lockdown. Meine Empfehlung: Realitätsflucht! Mit diesem zauberhaften Roman von Rachel Joyce ist sie mir bestens gelungen.


„Miss Bensons Reise“ nimmt 1950 im grauen Nachkriegs-London ihren Anfang. Und irgendwie grau wirkt auch Margery Benson: Sie ist eine 46-jährige, alleinstehende Hauswirtschaftslehrerin, die ein ziemlich freudloses Leben führt. Doch wie aus heiterem Himmel holt sie eine alte Leidenschaft wieder ein; ein früheres Hobby, vermutlich ihr einziges: Margery interessiert sich für Käfer. Und träumt seit ihrem elften Lebensjahr davon, eine goldene, nur auf Neukaledonien lebende Spezies für die Sammlung des Natural History Museum in London zu fangen. Es gibt allerdings mehrere Hürden zu überwinden: Auf Neukaledonien wird Französisch gesprochen, es liegt über 16.000 km von London entfernt (Luftlinie) und besagter goldener Käfer wurde bislang noch gar nicht entdeckt.
Trotz dieser Hindernisse und wider alle Vernunft beschließt Margery, das Abenteuer zu wagen – aber nicht alleine. Sie sucht nach einer Assistentin und muss zu ihrem Leidwesen kurzfristig auf Enid Pretty zurückgreifen, deren angeblich fließendes Französisch sich bei genauerer Betrachtung auf „Bong Schuaa“ beschränkt. Lebenskünstlerin Enid hat keinerlei Interesse an Käfern, ist mindestens 20 Jahre jünger als Margery, redet wie ein Wasserfall und besitzt einen roten Handkoffer, den sie wie ihren Augapfel hütet. Kurz: Die beiden Frauen sind alles andere als ein Match.

Vielleicht gerade deswegen ist dieser Roman über eine unerwartete Freundschaft einer der schönsten und ungewöhnlichsten, die ich in den letzten Monaten gelesen haben. Autorin Rachel Joyce hat zwei grundverschiedene, spleenige Protagonistinnen geschaffen, die einem schnell ans Herz wachsen und sich zu ihrer eigenen Überraschung doch ganz gut ergänzen. Ihr Abenteuer entwickelt sich natürlich längst nicht so wohlgeordnet, wie Margery es geplant hat – Enid Pretty bedeutet Chaos. Nicht nur wegen ihr ist „Miss Bensons Reise“ voller unerwarteter Wendungen, Komik, Dramatik und Spannung. Joyce ist außerdem ein wunderbar warmherziger Roman gelungen, der ohne jeden Kitsch auskommt. Dass es trotzdem keine reine Feelgood-Geschichte ist, macht ihn noch besser. Mit Marge und Enid nach Neukaledonien zu reisen, kann ich nur empfehlen!

Verlag: Krüger
Seitenzahl: 480
Erscheinungsdatum: 30. Dezember 2020
ISBN: 978-3810522337
Preis: 20,00 € (E-Book: 16,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

12. Januar 2021

Delia Owens: Der Gesang der Flusskrebse

Wiedersehen mit Delia Owens.

Vor einiger Zeit habe ich schon einmal ein Buch der amerikanischen Zoologin Delia Owens gelesen; allerdings keinen Roman, sondern einen autobiographischen Bericht über die Feldstudien, die sie von Mitte der 1970er bis Anfang der 1980er Jahre mit ihrem Mann Mark in Botswana durchgeführt hat – „Cry of the Kalahari“. Das Deception Valley im Central Kalahari Game Reserve, wo die beiden gecampt und das Verhalten von u.a. Löwen und Hyänen erforscht haben, ist ein unwirtlicher Ort. Sowohl das nächste Dorf als auch der Zugang zu Wasser waren damals eine mehrstündige Autofahrt entfernt. Es gab keine Kommunikationsmittel, mit denen das Ehepaar im Notfall einen Hilferuf hätten absetzen können. Dass die beiden ihr mehrjähriges Abenteuer unbeschadet überstanden haben, erscheint mir nach wie vor wie ein Wunder. Umso mehr habe ich mich gefreut, als die mittlerweile 71-jährige Owens 2019 plötzlich mit einem Belletristik-Bestseller wiederauftauchte.


In ihrem ersten Roman „Der Gesang der Flusskrebse“ beschreibt die Autorin das Marschland von North Carolina, das so ungefähr das Gegenteil der Kalahari ist: sumpfig, in Meeresnähe, voller Fische, Libellen und Vögel. Wasser gibt es im Überfluss, doch sonst fehlt es der Protagonistin Kya an fast allem: Als das Mädchen sechs Jahre alt ist, verlässt ihre Mutter die Familie und die wesentlich älteren Geschwister folgen ihr bald. Nur die kleine Kya bleibt mit ihrem Vater zurück, einem jähzornigen Säufer, der oft tagelang verschwindet. Das Kind lernt sehr schnell, kärgste Mahlzeiten zuzubereiten und sich ansonsten unsichtbar zu machen. Die Schule besucht sie nur einen einzigen Tag, ihre Freunde sind die Möwen und so wächst sie zu einer extrem menschenscheuen jungen Frau heran. Umso mehr erstaunt es, dass sie mit Anfang zwanzig einen der begehrtesten Männer aus dem nächstgelegenen Dorf umgebracht haben soll. Kann an dem Verdacht etwas dran sein – oder ist die als „Marschmädchen“ bekannte Einsiedlerin einfach ein willkommener Sündenbock?

Kya lebt in enger Verbindung zu Flora und Fauna und beobachtet diese aufs Aufmerksamste. Das Studium von Tieren und Insekten hilft ihr, die Verhaltensweisen der Menschen besser zu verstehen, doch auch für die Schönheit selbst kleinster Lebewesen hat sie ein besonderes Auge. Dass Delia Owens die Faszination der Natur immer wieder zum Thema macht, wundert nicht; hat sie doch selbst lange Jahre damit verbracht, ihre Umgebung zu studieren. Ihre Naturbeschreibungen spiegeln ihre eigene Begeisterung wider, überdies ist ihr Einsamkeit nicht fremd. Owens fühlt sich in Kyas Isolation ganz und gar ein, schildert aber auch deren Sehnsucht nach anderen Menschen stimmig.
Die Geschichte des Mädchens erzählt die Autorin mit Hilfe von zwei Handlungssträngen, die sich schließlich treffen: Im einen wird Kyas Aufwachsen chronologisch geschildert, im anderen rätseln der Sherriff und sein Deputy, wer Dorfschwarm Chase Andrews umgebracht hat. Und so bilden die beiden Stränge eine Schlinge, die sich immer weiter um Kya zuzieht. Die bewusste Ausgrenzung eines kleinen, mutterlosen Mädchens, das sich jahrelang nach Familie, Freunden und Bildung sehnt, fand ich stellenweise sehr traurig zu lesen; es wurde besser, als die Protagonistin älter war. Delia Owens ist ein sehr eindrückliches Porträt einer Außenseiterin gelungen, das letzte Drittel liest sich außerdem wie ein spannender Krimi. Am 25.01. erscheint "Der Gesang der Flusskrebse" übrigens im Taschenbuch.

Verlag: Hanser
Seitenzahl: 464
Erscheinungsdatum: 22. Juli 2019
ISBN: 978-3446264199
Preis: 22,00 € (E-Book: 16,99 €)

5. Januar 2021

Elizabeth Strout: Mit Blick aufs Meer

Einblicke ins Seelenleben. 

Für dieses Buch hat die Autorin 2009 den Pulitzer-Preis für Romane bekommen. Ich habe es jetzt erst gelesen und nach der Lektüre begeistert festgestellt, dass Elizabeth Strout zehn Jahre später einen weiteren Roman mit derselben Hauptfigur vorgelegt hat, den ich mir auf jeden Fall auch bald besorgen werde. Manchmal hat es auch Vorteile, wunderbare Bücher erst mit Verspätung zu entdecken.


„Mit Blick aufs Meer“ schildert in losen Episoden das Leben in der Kleinstadt Crosby an der Küste Maines. In vielen Kapiteln spielt die pensionierte Mathematiklehrerin Olive Kitteridge nur eine kleine Nebenrolle, ist aber neben dem Handlungsort das einzige verbindende Element zwischen den Anekdoten, die sich meist um einen Bewohner oder Besucher Crosbys drehen. Jedes Kapitel ist so warmherzig geschrieben, dass es am Ende schwerfällt, die jeweilige Hauptfigur wieder ziehen zu lassen; kaum eine taucht am Rande einer anderen Geschichte noch einmal auf. Allen Episoden ist gemein, dass sie sich anrührend, wehmütig, bittersüß lesen, denn jede der handelnden Personen schleppt ein Päckchen mit sich herum, erinnert sich an vergebliche Erwartungen, hat frühere Hoffnungen aufgegeben oder wappnet sich gegen zukünftige Enttäuschungen. Strout ist eine Meisterin der Menschenbetrachtung; ihre Protagonisten macht sie so nahbar, dass ich gar nicht anders konnte, als sie alle ins Herz zu schließen, egal ob junges Mädchen oder alten Mann – selbst die barsche, selbstgerechte Olive Kitteridge, die ihren harmoniebedürftigen Ehemann Henry gnadenlos herumkommandiert und keine besondere Philantropin zu sein scheint. Mit ihrem unaufgeregten Schreibstil legt die Autorin auch Kitteridges Wesen nach und nach frei, bis man der Mathematiklehrerin direkt in die Seele schaut und dort widerfahrene Verletzungen, widersprüchliche Gefühle und stille Sehnsüchte entdeckt. Und so zieht man während der Lektüre gedanklich selbst nach Crosby und lernt die Bewohner dieses unauffälligen Durchschnittsstädtchens nach und nach so gut kennen, dass man sie kaum mehr verlassen mag. Ich freue mich auf eine Rückkehr und ein Wiedersehen mit Olive Kitteridge im 2020 auf Deutsch erschienenen Folgeband „Die langen Abende“.

Verlag: btb
Seitenzahl: 352
Erscheinungsdatum: 19. März 2012
ISBN: 978-3442742035
Preis: 10,00 € (E-Book: 9,99 €)