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23. April 2020

Timur Vermes: Die Hungrigen und die Satten

Grotesk, furchtbar und gleichzeitig brillant.

Wie viele andere habe ich vor Jahren „Er ist wieder da“ gelesen und war begeistert. Ich stelle es mir schwierig vor, nach so einem Erfolg einen zweiten Roman nachzulegen – mit dem ersten Buch als Messlatte. Timur Vermes ist es aber gelungen, eine weitere zynische, aufrüttelnde und irgendwie auch geniale Satire zu schreiben, die gegenüber seinem Bestseller keineswegs abfällt.


„Die Hungrigen und die Satten“ spielt zu großen Teilen in Afrika, dem „Land der Tiger und Marabus“ – oder waren es doch Marlboros? Schon das Zitat lässt ahnen, wohin die Reise geht – nämlich dahin, wo es sehr, sehr weh tut. Autor Timur Vermes ist hauptberuflich Journalist für Boulevardzeitungen und scheint sich mit Medien generell bestens auszukennen. Er karikiert das Reality-Fernsehen aufs Übelste: Die strunzdumme, aber erfolgreiche Moderatorin Nadeche Hackenbusch soll im Rahmen einer mehrteiligen Sendung ein großes Flüchtlingslager besuchen, in dem über zwei Millionen Menschen leben, irgendwo in Zentralafrika, fernab jeder größeren Stadt. Die Idee ist simpel: Der Culture Clash soll medial ausgeschlachtet werden, denn: „Es ist nicht das Leben, das die besten Geschichten schreibt, es ist das Fernsehen.“ Hackenbuschs Aufgabe als „Engel im Elend“ sieht unter anderem vor, eine Modenschau mit Flüchtlingsfrauen zu organisieren und werbewirksam Push-up-BHs ihrer eigenen Marke zu verschenken. Das Format startet sehr erfolgreich und die Quoten gehen steil nach oben – während die Moderatorin ihrem Sender mehr und mehr entgleitet. Und nach drei Wochen täglichem Reality-TV ist klar: Die Show geht nicht planmäßig zu Ende, sondern hat gerade erst angefangen. Hackenbusch tritt zwar die Heimreise an, wählt dafür jedoch den Fußweg und hat neben den auf sie gerichteten Kameras auch noch 150.000 Flüchtlinge im Schlepptau. Mit 15 Kilometern pro Tag bewegt sich der Treck langsam, aber stetig, Richtung Europa. Und in Deutschland, dem Ziel der Menschen, werden verschiedene TV-Leute, Politiker und Bürger zunehmend nervös …

Kurz gesagt: Der Plot dieses Romans ist irre – und wahnsinnig gut durchdacht. Die Logistik des Ganzen malt Vermes seinen Lesern so einfach wie überzeugend aus. Einige seiner Protagonisten sind komplett überzeichnete Klischees – doch dann überrascht er auch wieder, zum Beispiel mit der unsäglichen Hackenbusch. Diese hat zwar den IQ eines Kastenbrots, entwickelt aber dennoch eine innere Haltung. Die sie begleitende Frauenzeitschriftenredakteurin Astrid von Roëll schwankt dagegen nonstop zwischen Selbstmitleid und Größenwahn, während sie ihre schwer zu ertragenden Schmalzgeschichten verfasst. Eine Hauptfigur ist ein namenloser Flüchtling, der gecastet und instrumentalisiert über sich hinauswächst und dabei eigentlich immer nur eine Perspektive jenseits des Flüchtlingslagers wollte. Und einer der wenigen Sympathieträger des Romans ist ausgerechnet ein CSU-Innenminister. Vermes macht es seinen Lesern ganz und gar nicht leicht.

„Die Hungrigen und die Satten“ ist eine Mediensatire, die ein komplett entseeltes Bild von Privatfernsehen und Boulevardjournalismus zeichnet, aber auch eine satte Wohlstandsgesellschaft mit komplettem Empathieverlust karikiert. Zum einen ist der Roman natürlich total überspitzt, zum anderen immer so nah an der Realität und mit derart vielen Bezügen zu ihr, dass einem das Lachen im Halse stecken bleibt. Absolute Empfehlung!
Gerade der heutige Welttag des Buches eignet sich übrigens wunderbar zum Kauf neuer Lektüre :-)

Verlag: Eichborn
Seitenzahl: 512
Erscheinungsdatum: 27. August 2018
ISBN: 978-3847906605
Preis: 22,00 € (E-Book: 9,99 €; ich habe die gebundene Ausgabe gelesen, der Roman ist aber am 31. Okober 2019 auch schon im Taschenbuch für 12,90 € erschienen.)

29. Februar 2020

Patrik Svensson: Das Evangelium der Aale

Ode an den Aal.

Dieses Buch handelt von einem Fisch, besser gesagt: einer Fischart. Es ist kein Roman, sondern eher eine literarische Annäherung an die Spezies. Und das Ganze wirkt durch den Titel auch noch religiös. Das klingt zugebenermaßen alles eher seltsam, doch die höchst ungewöhnliche Erzählung liest sich komplett faszinierend.


In seinem Debüt „Das Evangelium der Aale“ hat sich der Schwede Patrik Svensson ganz und gar dem Europäischen Aal verschrieben. Und damit ist er in bester Gesellschaft: Schon Aristoteles und Sigmund Freud versuchten, das Leben des Aals zu erforschen. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts konnte eingegrenzt werden, wo der Aal sich mutmaßlich fortpflanzt und stirbt: in der Sargassosee, einem Meeresgebiet im Atlantik, das 6.000 km von Europas Küsten entfernt liegt. Aale dort bei der Paarung zu beobachten oder die Fische zu züchten, ist bislang nicht gelungen. Der Aal hat viele seiner Geheimnisse lange und erfolgreich für sich behalten, einige bis heute. Von denen, die ihm zu entlocken waren und den Menschen, die sie ihm teils unter widrigsten Bedingungen entlockt haben, erzählt Patrik Svensson. Aber er berichtet auch von Angelnächten mit seinem Vater, von der Beziehung zwischen Mensch und Tier allgemein, von den Wundern der Natur und den unterschiedlichen Umgang mit ihnen. Die sogenannte Aalfrage und die Vater-Sohn-Beziehung sind dabei die Konstanten, auf die der Autor in seiner abwechslungsreichen Erzählung immer wieder zurückkommt. „Das Evangelium der Aale“ ist in erster Linie eine Ode an den Fisch, aber irgendwann wurde mir klar, dass es auch eine Hommage an den Vater des Autors beinhaltet.

Svensson erzählt behutsam, zum Teil erscheint sein Stil fast poetisch, seine Gedanken philosophisch. Mehr als einmal habe ich mich beim Lesen gefragt, warum ich über Aale so gar nichts wusste – und ob diese Spezies mein Interesse genauso sehr geweckt hätte, wenn ich beim Zappen in eine Naturdoku geraten wäre. Vermutlich nicht (obwohl der Aal wirklich ein einzigartiger Fisch ist!). Svensson hat sich mit seiner Erzählung zum Fürsprecher des Europäischen Aals gemacht, der vom Aussterben bedroht ist. Er verführt seine Leser richtiggehend, diesen nicht besonders gutaussehenden Fisch kennenzulernen. Und wer den Aal einmal kennengelernt hat, den lässt er nicht mehr so einfach los – das hat Svensson so oder ähnlich in irgendeiner Passage seines „Evangeliums“ festgestellt und ich kann ihm nur zustimmen.

Verlag: Hanser
Seitenzahl: 256
Erscheinungsdatum: 27. Januar 2020
ISBN: 978-3446265844
Preis: 22,00 € (E-Book: 16,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

25. Februar 2020

Katya Apekina: Je tiefer das Wasser

Toxische Familienbande.

Dieses brillant erzählte Debüt hat mich stark beeindruckt. Ich habe bei jeder Gelegenheit gelesen und war dankbar für die vielen kleinen Kapitel, die oft nur zwei, drei Seiten umfassten. Gleichzeitig habe ich mich gefragt, warum mich die verstörende Figurenkonstellation in dem Roman nicht stärker abstößt – sie hat mich auf jeden Fall nicht vom Weiterlesen abgehalten.


Katya Apekinas Roman „Je tiefer das Wasser“ ist eine Familiengeschichte und gleichzeitig das Gegenteil von dem, was man normalerweise darunter versteht. Zu Beginn des Buches, im Jahr 1997, sind die 14-jährige Mae und ihre zwei Jahre ältere Schwester Edith gerade bei ihrem Vater in New York angekommen. Dennis hat die Mädchen vor 12 Jahren in Louisiana bei ihrer Mutter Marianne zurückgelassen, seitdem bestand kein Kontakt. Nun hat Marianne allerdings versucht, sich umzubringen. Nach ihrer Einlieferung in eine psychiatrische Klinik werden die Töchter bei dem ihnen fast unbekannten Vater, einem renommierten Autor, untergebracht. Und darauf reagieren beide Schwestern total unterschiedlich. Während Edith rebelliert, den Vater hasst, sehnsüchtig auf Nachrichten der Mutter wartet und es nicht erwarten kann, in ihr altes Leben zurückzukehren, ist Mae nur eines: glücklich. Sie, die der Mutter ähnlich ist und sich von dieser komplett vereinnahmt fühlte, wirkt wie befreit und will nur keinen Fehler machen, um in New York bleiben zu dürfen. Dem Leser schwant allerdings bald, dass die Entscheidung zwischen Mutter und Vater eine Wahl zwischen Pest und Cholera sein könnte. Und nach und nach steuert alles auf eine Katastrophe zu …

Apekinas Stil fördert die Sogwirkung dieses Romans. Viele der kurzen Kapitel sind aus den Perspektiven von Mae und Edith geschrieben, einige im Handlungsjahr 1997, einige zu anderen Zeiten. Doch es kommen noch weitere Erzähler zu Wort: Die Eltern Marianne und Dennis, aber auch deren Wegbegleiter sowie Bekannte der Mädchen. Einige treten nur einmal in Erscheinung, helfen aber durch ihre Außenperspektive, Ereignisse einzuordnen – oder? Die Autorin spielt mit der Diskrepanz zwischen Außen- und Innenwahrnehmung, Fantasie, Wahn und Wirklichkeit. Sie hat ein Puzzle erschaffen, das sich mehr und mehr zusammensetzt und so langsam das volle Ausmaß des Dramas zeigt. Die beiden Hauptfiguren, Mae und Edith, sind die Unberechenbaren in dieser Gleichung; stärker und eigensinniger, als es die Erwachsenen auch nur ahnen. Doch können sie sich wirklich aus diesen sie manipulierenden Familienbanden befreien?

„Je tiefer das Wasser“ ist ein höchst ungewöhnlicher Roman voller Figuren, die sich in keinerlei Schublade stecken lassen. Ich denke immer noch darauf herum, wer hier unschuldig schuldig wurde, wer Täter und wer Opfer ist. Was für ein faszinierendes Debüt!

Verlag: Suhrkamp
Seitenzahl: 396
Erscheinungsdatum: 17. Februar 2020
ISBN: 978-3518429075
Preis: 24,00 € (E-Book: 20,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

19. Januar 2020

Karsten Dusse: Achtsam morden

Originelle Idee, genial ausgeführt.

Zu diesem Buch hätte ich schon aus einem einzigen Grund nie von allein gegriffen: Auf dem Cover ist Blut abgebildet, und ich mag weder Splatter-Krimis noch -Thriller. Zum Glück habe ich diesem „entschleunigten Kriminalroman“ aufgrund einer persönlichen Empfehlung doch eine Chance gegeben und schon die Rückseite machte mich neugierig: Man hält nicht alle Tage ein Buch in den Händen, das von Jan Böhmermann und Martina Hill empfohlen wird.


Karsten Dusses Debüt „Achtsam Morden“ bringt Achtsamkeitstraining mit Auftragsmord zwischen zwei Buchdeckel, was nicht nur gut funktioniert, sondern genial. Wobei der Autor, der außerdem Anwalt ist und für verschiedene Fernsehformate schreibt, seine Leser nicht zu mehr Achtsamkeit erziehen will – glaube ich zumindest. Seiner durch und durch gestressten Hauptfigur Björn Diemel verhilft die Achtsamkeit allerdings zu völlig neuer Lebensqualität. Der Enddreißiger steht vor den Scherben seines Lebens: Seine Ehe geht den Bach runter, seine zweijährige Tochter sieht er vor lauter Arbeit kaum, sein Beruf als Strafanwalt einer großen Kanzlei stresst ihn – was nicht zuletzt daran liegt, dass sein einziger Klient ein launischer Mafioso ist – und auf einen beruflichen Aufstieg zum Partner kann er auch nicht mehr hoffen, da er durch die Arbeit für ebendiesen Klienten zu einem „Bäh-Anwalt“ geworden ist. Kurz: Diemel sieht keine Möglichkeit, das Tempo seines selbstgezimmerten Hamsterrads auch nur zu verlangsamen – geschweige denn, auszusteigen. Auf der Suche nach Hilfe klingelt er bei Achtsamkeitscoach Joscha Breitner. Und der sensibilisiert Diemel fortan für die eigenen Grundbedürfnisse und zeigt ihm Möglichkeiten, achtsamer mit sich und seinen Mitmenschen umzugehen. Das klappt zunächst auch, allerdings stellt sich bald heraus, dass Diemels Umfeld von Leuten wimmelt, die weder sein digitales Fasten gutheißen noch ihn auf seiner Zeitinsel in Ruhe lassen wollen. Und wenn man sich dann auch noch den Namen von Diemels Tochter Emily partout nicht merken kann, kann dessen um neue Gelassenheit bemühter Geduldsfaden schon einmal reißen. Womit wir wieder beim Buchtitel wären …

„Achtsam morden“ ist auf eine extrem gute Weise skurril, originell und überraschend. Und zugegebenermaßen auch etwas blutig, was mich in dem Kontext aber kein bisschen gestört hat (sagen wir so: Bei der Verfilmung würde ich sicher nicht unbedingt die komplette Zeit hinsehen, aber lesend ging’s). Die ungewöhnliche Handlung ergibt sich komplett logisch, Björn Diemels Seelenleben wie auch das der anderen Figuren wirkt durchaus nachvollziehbar und dann hat das Ganze auch noch einen ganz eigenen, hintergründigen Humor. Jedem Kapitel ist eine Achtsamkeitslehre vorangestellt, auf die sich Diemel im jeweiligen Abschnitt besinnt. Und obwohl man annehmen könnte, dass sich Achtsamkeit und Kriminalroman nur mit der Brechstange zusammenbringen lassen, schafft Dusse das derart spielend und organisch, dass man sofort süchtig nach diesem neuen Genre wird. Im Mai 2020 erscheint die Fortsetzung „Das Kind in mir will achtsam morden“ – den Ratgeber, der hier beim Titel Pate gestanden hat, kennt man von den Bestsellerlisten. Und ich kann die Veröffentlichung kaum erwarten. Das Kind in mir will weiterlesen!

Verlag: Heyne
Seitenzahl: 416
Erscheinungsdatum: 10. Juni 2019
ISBN: 978-3453439689
Preis: 9,99 € (E-Book: 9,99 €)

5. Januar 2020

Liane Moriarty: Neun Fremde

Perfekte Unterhaltung

Mein Lesejahr 2020 habe ich mit einem Roman begonnen, der noch viel besser ist, als ich gehofft hatte. Das Setting hatte mich zwar gleich angesprochen, erschien mir aber trotzdem nicht besonders innovativ: „Neun Fremde“ kommen an einem Ort zusammen, an dem sie nichts Böses erwarten – aber dann nimmt ihr Aufenthalt eine unvorhersehbare Wendung und plötzlich sehen sie sich einer Situation ausgeliefert, mit der sie nicht gerechnet haben … das kennt man z.B. aus Agatha Christies „Und dann gabs keines mehr“; auch Shari Lapenas „Der zehnte Gast“ und Arno Strobels „Offline“, das noch auf meiner Leseliste steht, basieren auf dieser Idee. Vermutlich deswegen ging ich trotz des Ferienstimmung verbreitenden Covers davon aus, dass sich dieser Roman zu einem Krimi oder Thriller entwickeln würde – und lag damit falsch, wobei durchaus Spannung aufkommt und ich den Roman kaum noch aus der Hand legen wollte.


Liane Moriartys „Neun Fremde“ sind sich gar nicht alle fremd. Unter ihnen sind Vater, Mutter, Tochter sowie ein junges Pärchen. Sie und die vier anderen finden sich in einem teuren Wellness-Resort namens Tranquillum House wieder, wo sie durch ein sogenanntes „Cleansing“ Entspannung, Gewichtsabnahme, inneren Frieden oder die Rettung ihrer Ehe erreichen wollen. Der Leiterin des Resorts, Masha, sind die genannten Ziele allerdings allesamt zu klein und weltlich: Sie plant die totale Transformation ihrer Gäste zu gesünderen, weiseren und edleren Menschen – ein ehrgeiziges Vorhaben für einen zehntägigen Aufenthalt. Zusätzlich erschwert wird ihre Zielerreichung dadurch, dass die Gäste gar keine Transformation anstreben, aber von persönlichen Befindlichkeiten lässt sich eine Frau wie Masha nicht ausbremsen.

Die Autorin lässt alle wichtigen Figuren zu Wort kommen: Die „neun Fremden“, die der Leser schnell ziemlich gut kennenlernt, Masha und ihre beiden Wellness-Berater Yao und Delilah sind alle einzelne Erzähler von Kapiteln, die mit ihren jeweiligen Namen überschrieben sind. 12 Protagonisten also! Das könnte konfus werden. Oder öde oder zu kleinteilig. Wird es aber nicht, denn Moriarty ist eine begnadete Figurenentwicklerin. Sie haucht ihren Protagonisten so viel Leben und Persönlichkeit ein, dass mich wirklich alle gleichermaßen interessiert haben. Und nach und nach kommt man auch hinter die Geheimnisse, die viele dieser 12 Unikate haben. Aber auch nicht alle, und so wirken die Enthüllungen kein bisschen gekünstelt.
Meine Lieblingsfigur war Frances, eine über 50-Jährige Liebesroman-Autorin, bei der es karrieretechnisch nicht mehr läuft und die kürzlich außerdem auf einen Heiratsschwindler reingefallen ist. Doch auch der Scheidungsanwalt Lars, die schönheitsoperierte Jessica und die verbissen wirkende Hebamme Heather machen den Roman zu dem, was er ist: ein außerordentliches Lesevergnügen mit 12 amüsant geschilderten Charakterstudien, immer wieder hervorblitzendem Humor, etwas Nervenkitzel und einer Fülle von überraschenden Wendungen. „Neun Fremde“ ist richtig gute Unterhaltung ohne irgendwelche Abstriche.

Verlag: Diana
Seitenzahl: 528
Erscheinungsdatum: 26. August 2019
ISBN: 978-3453292345
Preis: 20,00 € (E-Book: 15,99 €)

27. November 2019

Christian Torkler: Der Platz an der Sonne

Harter Perspektivwechsel

Der 1978 geborene Josua wächst vaterlos in einem Entwicklungsland auf. Seine gottesfürchtige Mutter schafft es mit verschiedenen Gelegenheitsjobs gerade so, ihre drei Kinder zu ernähren, aber eine Wohnung mit fließendem Wasser oder eine höhere Schulbildung kann sie ihnen nicht ermöglichen. Nach seiner Schulzeit arbeitet sich Josua vom Straßenverkäufer zum Parkplatzwächter hoch und fährt irgendwann sogar Taxi. Manchmal erscheint ihm das Glück zum Greifen nah, doch das Schicksal schlägt immer wieder zu und in einer hoch korrupten Diktatur und Mangelwirtschaft ist es nahezu unmöglich, etwas auf die Beine zu stellen. Dabei will Josua doch nur raus aus Elend, Schmutz und Hoffnungslosigkeit. Aber kann ihm das in seiner Heimat überhaupt gelingen – oder ist der einzige Ausweg die Migration ins gelobte Land auf der anderen Seite des Mittelmeers?


Soweit, so bekannt, mag der ein oder andere jetzt denken – aber Stopp! Christian Torkler beschreibt in „Der Platz an der Sonne“ nicht die Geschichte eines afrikanischen Flüchtlings, der von Europa träumt. Im Gegenteil: Jousa Brenner wächst in Berlin auf, der Hauptstadt der Neuen Preußischen Republik, die nach drei Weltkriegen immer noch halb in Schutt und Asche liegt, obwohl die reichen afrikanischen Demokratien Entwicklungshilfe leisten und nairobische Partnergemeinden neue Kirchendächer spendieren. Sehnsuchtsziel von Josua und seinen Kumpels ist dann auch Matema im reichen Tanganyika: „Wenn wieder einer weg war, hieß es, der ist in den Süden …“. Doch in seinem leicht schnodderigen Tonfall, der sich durch das gesamte Buch zieht, schildert er auch gleich den Haken an der Sache: Die reichen schwarzen Bongos wollen keine Armutsflüchtlinge. Aber was hat ein perspektivloses Weißbrot wie er schon zu verlieren?

Torkler betreibt den Perspektivwechsel in „Der Platz an der Sonne“ in einer so detaillierten Konsequenz, dass er mir richtig an die Nieren gegangen ist. Gedanklich nachzuvollziehen, warum ein afrikanischer Flüchtling nach Deutschland kommt, ist das eine – vom Elend im Entwicklungsland Preußen und der Sehnsucht nach Afrika zu lesen, aber etwas völlig anderes. Es braucht kaum noch Fantasie, um sich dieses im Roman sechsgeteilte Deutschland, in dem so einiges schiefgelaufen ist, vorzustellen: den Dreck, die nach drei Kriegen kaum wiederaufgebaute Infrastruktur, Kriegsruinen, schimmelige Wohnungen, scharfe Grenzen und ein komplett korruptes System. Torkler führt seinen Lesern gnadenlos vor Augen, was für ein großer Zufall es ist, in welche Verhältnisse man geboren wird und dass es gar nicht so viele historische Fehlentscheidungen braucht, um ein Land im Chaos versinken zu lassen. Dass die vage Hoffnung auf eine bessere Zukunft reichen kann, um alles hinter sich zu lassen, wird äußerst nachvollziehbar illustriert. Genau wie das Fluchtthema: Hier soll es in umgekehrter Richtung übers Mittelmeer gehen – doch schon der Weg zur Küste ist eine grausame Odyssee, die ihre Opfer fordert.

„Der Platz an der Sonne“ hat mich stellenweise kalt erwischt und ziemlich deprimiert. Torkler schildert schonungslos, wie das Leben in einem gänzlich anderen Deutschland aussehen könnte. Keine Feelgood-Lektüre, sondern ein harter Perspektivwechsel, der sich absolut lohnt. Man kann seine Komfortzone auch lesend verlassen – und weil Torkler einen auf jeder einzelnen Seite dazu zwingt, bereichert dieses Buch mindestens so sehr, wie es verstört.

Verlag: Klett-Cotta
Seitenzahl: 592
Erscheinungsdatum: 2. September 2018
ISBN: 978-3608962901
Preis: 25,00 € (E-Book: 19,99 €)

30. Oktober 2019

Bernhard Aichner: Der Fund

Grandioser Pageturner voller Wahnwitz

Dieser Thriller ist ein echtes Juwel. Das Cover sieht unscheinbar aus, doch in dem gelben Buchblock verbergen sich jede Menge Wahnwitz und Originalität. Der Erzählstil ist komplett ungewöhnlich. Kurz gesagt: Bereits nach wenigen Seiten bekam ich eine Ahnung vom Potential dieser Geschichte, die mich dann auch postwendend süchtig werden ließ.


„Der Fund“, um den es in dem gleichnamigen Thriller von Bernhard Aichner geht, wird von Supermarktverkäuferin Rita gemacht. Die unscheinbare und unbescholtene Mittfünfzigerin hat etwas entdeckt und entwendet – eine Entscheidung mit tödlichen Folgen: Bereits zu Beginn des Buches ist klar, dass Rita eines unnatürlichen Todes gestorben ist. Aber was ist bloß passiert?

Das fragt sich auch ein männlicher Ermittler, über den sonst absolut nichts zu erfahren ist. Kapitel mit wörtlicher Rede – der Ermittler fragt, die oder der Befragte antworten – wechseln sich mit Rückblenden aus Ritas Leben ab. Die Kapitel sind kurz, der Erzählstil temporeich und die vielen Befragungen ergeben jede Menge Puzzlestücke – einzelne Anekdoten, von denen viele nicht zusammenhängen. Oder doch?

Die Ausgangssituation von „Der Fund“ ist so simpel wie der Plot einzigartig. Überdies ist Bernhard Aichner ein Meister des Menschlichen – er schildert Ängste, Sehnsüchte, Abgründe und Leidenschaften so lebendig, dass man die Figuren richtiggehend vor sich sieht. Und wann immer man denkt, man hätte die Geschichte endlich durschaut, vollführt der Autor eine 180 Grad-Wendung, die nicht vorhersehbar war und alle Ideen zum Einsturz bringt. Ein ungewöhnlicher, grandios erzählter Pageturner, der etwas wagt und alles gewinnt. Ich bin immer noch begeistert.

Verlag: btb Verlag
Seitenzahl: 352
Erscheinungsdatum: 30. September 2019
ISBN: 978-3442757831
Preis: 20,00 € (E-Book: 14,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

21. Juli 2019

E. O. Chirovici: Das Buch der Spiegel

Titel und Cover dieses Buches haben bei mir zunächst den Eindruck erweckt, es könnte sich um einen Fantasyroman handeln – ein Genre, das ich eher selten lese. Zum Glück habe ich mich davon nicht abschrecken lassen, denn sonst wäre mir ein beeindruckender Roman entgangen: Klug komponiert, voller überraschender Wendungen und ziemlich nachdenklich machend. Er schließt mit den Worten: „Ein großer französischer Schriftsteller hat einmal bemerkt, Erinnerung an Vergangenes sei nicht unbedingt Erinnerung an wirklich Geschehenes. Ich vermute, er hat recht.“ Diese Schlusssätze greifen das Kernthema des Romans auf: Kann man Erinnerungen wirklich trauen?


E. O Chirovici ist in Rumänien aufgewachsen und hat sich dort als erfolgreicher Autor etabliert, bevor er 2013 in die USA zog und mit „Das Buch der Spiegel“ seinen ersten Roman auf Englisch schrieb. Dieser wurde inzwischen in über 30 Länder verkauft, was mich kein bisschen wundert, denn er hat mir extrem gut gefallen.

„Das Buch der Spiegel“ hat einen klassischen „Buch im Buch“-Anfang: Der Literaturagent Peter Katz erhält ein unverlangt eingesandtes Manuskript und legt es zunächst einmal zur Seite, doch als er nach ein paar Wochen die Zeit dafür findet, liest er es und ist von der Lektüre sehr angetan. Dass diese irgendwann abrupt abbricht, ist nicht weiter verwunderlich, hat sich der angehende Autor doch an die Regeln der Literaturagentur gehalten und nur eine Leseprobe eingesandt. Katz versucht ihn zu kontaktieren, doch an den Rest des Manuskripts zu kommen, ist schwieriger als gedacht – es scheint verschollen. Und das ist nicht nur für den Literaturagenten äußerst ärgerlich, sondern auch für den „Das Buch der Spiegel“ in den Händen haltenden Leser, hat dieser doch zusammen mit Katz die ersten sechs Kapitel verschlungen und wüsste nun zu gern, wie es weitergeht.

Und wovon handelt nun das Buch im Buch? Der Autor Peter Flynn beschreibt darin, wie es ihm in seinem letzten Jahr in Princeton ergangen ist: „Für mich war es das Jahr, in dem ich mich verliebte und erkennen musste, dass es den Teufel wirklich gibt“. In wen sich Flynn verliebt hat, ist schnell klar: Psychologiestudentin Laura ist seine neue Mitbewohnerin und unterstützt einen renommierten Professor bei dessen Forschungen. Sie vermittelt Flynn den Job, dessen Bibliothek neu zu ordnen. So weit, so normal, doch am Ende dieses Jahres wird besagter Professor ermordet aufgefunden. Es macht den Anschein, als hätte Flynn Jahrzehnte später verstanden, was damals wirklich passiert ist und darüber ein Buch geschrieben – doch wo ist dieses Buch?

„Das Buch der Spiegel“ beginnt gleich doppelt spannend: Zum einen hat auch mich als Leser schnell interessiert, wer besagten Professor nun umgebracht hat, zum anderen rätselte ich mit Katz, wo denn das Manuskript mit der Auflösung des Falls geblieben war. Wie E. O. Chirovici es schafft, seine doppelgleisige Geschichte mit insgesamt vier verschiedenen Ich-Erzählern auf nur 380 Seiten zu erzählen, hat mich wirklich begeistert. Dabei hatte ich schon früh einen Verdacht, was den Mörder anging. Aber eigentlich ist der Mordfall trotz allem fast nebensächlich, denn viel mehr geht hier um die Macht der Erinnerung. Und obwohl „Das Buch der Spiegel“ eine ziemlich komplexe Komposition ist, lässt es sich wie ein spannender Krimi kaum mehr aus der Hand legen. Absolute Empfehlung!

Verlag: Goldmann
Seitenzahl: 384
Erscheinungsdatum: 18. Juni 2018
ISBN: 978-3442487554
Preis: 20,00 € (Taschenbuch: 10,00 €, E-Book: 9,99 €)

8. April 2019

Joël Dicker: Das Verschwinden der Stephanie Mailer

Joël Dicker gehört zu meinen Lieblingsautoren. Er hat bislang drei Romane geschrieben, die ich alle verschlungen habe und herausragend fand. „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ war noch ein Spontankauf, der mir eine halbe schlaflose Nacht bescherte, als ich einfach nicht mehr aufhören konnte, zu lesen. „Die Geschichte der Baltimores“ kaufte ich mir dann direkt nach Erscheinen und freute mich über das Wiedersehen mit Protagonist Marcus Goldman. Und als jetzt „Das Verschwinden der Stephanie Mailer“ erschien, habe ich meine bei „Vorablesen“ gesammelten Punkte ohne Zögern eingesetzt, um ein Rezensionsexemplar zu ergattern. Und was soll ich sagen? Ich wurde nicht enttäuscht!


„Das Verschwinden der Stephanie Mailer“ spielt in Orphea, einer beschaulichen Kleinstadt an der amerikanischen Ostküste. Alljährlicher Höhepunkt des öffentlichen Lebens ist ein Theaterfestival, das in der Romangegenwart im Jahr 2014 bereits 20-jähriges Jubiläum feiern soll. Mindestens halbvergessen scheinen die Ereignisse vom Premierenabend des ersten Festivals 1994: Damals wurden vier Einwohner Orpheas erschossen, unter ihnen die Familie des damaligen Bürgermeisters. Zwei junge Polizisten der State Police konnten den Fall nach mehrmonatiger Arbeit lösen. Einer von ihnen, Jesse Rosenberg, feiert zu Beginn des Romans gerade sein Ausscheiden aus dem Polizeidienst, als ihn eine Journalistin anspricht, die ihm auf den Kopf zusagt, dass er damals in Orphea den Falschen verhaftet hätte. Rosenberg nimmt die geheimnistuerische Stephanie Mailer zunächst nicht ernst, doch nur ein paar Tage später wird die junge Frau als vermisst gemeldet. Hat sie eventuell wirklich etwas herausgefunden – und wohin ist sie verschwunden?

„Das Verschwinden der Stephanie Mailer“ ist vieles: hochspannend, unterhaltsam, tragisch, begeisternd und voller Leben. Joël Dicker führt seine Leser durch einen dichten Roman voller Perspektivwechsel, Rückblenden und wahnwitziger Wendungen. Doch selbst Entwicklungen, die mir überdreht vorkamen, bekamen irgendwann einen Sinn, wurden nachvollziehbar und fügten sich wie Puzzlestücke in den Gesamtkontext ein. Dieser Autor ist einfach ein Meister seines Fachs: Er hat ein unfassbares Talent, Protagonisten und Schauplätze lebendig werden zu lassen und ein großartiges Gespür für die richtige Dosis. Trotz vieler Details und einer Fülle handelnder Personen bleibt „Das Verschwinden der Stephanie Mailer“ wundervoll lesbar und auf die Haupthandlung fokussiert. Überdies macht der Roman regelrecht süchtig. Es ist wie bei einem Esel, der einer Mohrrübe hinterherläuft: Als Leser fühlt man sich der Lösung der Romanrätsel stets nah und lässt sich von Dicker willig auf jede neue Fährte mitnehmen, was die 672 Seiten im Nu verfliegen lässt. Wenn doch die Wartezeit auf das nächste Buch des Autors nur auch so schnell verginge!

Als Trost für alle, die wie ich nun wieder warten: Seit dem 1.04. ist exklusiv auf tvnow.de „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ zu sehen – als Serie, mit Patrick Dempsey in der Hauptrolle. Ich habe noch keine Folge gesehen, werde das aber als Joël Dicker-Fan natürlich bald nachholen.

Verlag: Piper
Seitenzahl: 672
Erscheinungsdatum: 2. April 2019
ISBN: 978-3492059398
Preis: 25,00 € (E-Book: 18,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

6. März 2019

John Lanchester: Die Mauer

Abschottung und geplante Mauerbauten sind momentan fast Alltagsthemen und so wirkt dieser Roman schon durch seinen Titel hochaktuell. Er spielt allerdings weder in der Gegenwart noch in der Vergangenheit, sondern ist eine Dystopie, wobei sich kaum sagen lässt, wie weit in der Zukunft diese angesiedelt ist. Der technische Fortschritt scheint relativ überschaubar, der gesellschaftliche Wandel jedoch enorm. Autor John Lanchester überlässt es dem Leser, sich zusammenzureimen, was zwischen der Jetztzeit und der Romangegenwart passiert ist, es gibt kaum Einordnung. Zunächst dreht sich sowieso alles ganz und gar um „Die Mauer“.


„Die Mauer“ ist der titelgebende, höchst eintönige Schauplatz des Romans. Sie umschließt ganz Großbritannien, um das Land vor Eindringlingen zu schützen, die schlicht „die Anderen“ genannt werden. Wenn die Küstenwache die Anderen nicht erwischt, sie auch nicht von Drohnen versenkt werden, sondern tatsächlich an Land kommen und sich da der Mauer nähern – dann sind die Verteidiger gefragt. Einer von ihnen ist Ich-Erzähler Joseph Kavanagh. Wie jeder rechtmäßige Bewohner Großbritanniens, der nicht zu einer erhabenen Elite gehört, muss er seinen zweijährigen Pflichtdienst zum Schutz der Insel ableisten und macht dies, wie viele seiner Landsleute, auf der Mauer. Er verbringt viele ereignislose Zwölf-Stunden-Schichten auf seinem Posten, umgeben von Kälte, Beton, Wind, Himmel und Wasser. Dabei ist er hin- und hergerissen zwischen Lethargie und folgendem Wissen: Wenn das Worst-Case-Szenario eintritt und es Andere schaffen, die Mauer zu überwinden, wird die gleiche Anzahl an Verteidigern als Staatenlose auf dem offenen Meer ausgesetzt. Es ist ein unbarmherziges System, das keiner der Protagonisten hinterfragt, denn es ist eine Normalität, an die sich alle komplett gewöhnt haben. Und das ist eine der Erkenntnisse, die „Die Mauer“ ihren Lesern vor Augen führt: Der Mensch kann sich an alles gewöhnen, auch an den Verlust jeglicher Humanität. Autor Lanchester benutzt sogar eine entmenschlichende Sprache, wenn es um „die Anderen“ geht. Im geschilderten System ist alles klar geregelt und wird offen kommuniziert; die Ordnung scheint das Ganze zu legitimieren. Es braucht nicht viel Fantasie, um das Bild von einem sich komplett abschottenden Land und verzweifelten Bootsflüchtlingen auf die Gegenwart zu übertragen.

Die Bürger dieses zum Teil fast postapokalyptisch wirkenden Großbritanniens zeichnen sich größtenteils durch eine fatalistische Grundstimmung aus und sind ganz offensichtlich abgestumpft. Allerdings herrscht ein weitestgehend unausgesprochener Generationenkonflikt zwischen der jungen Generation, die Dienst an der Mauer leisten muss, und den Älteren, die die Welt vor dem alles verändernden „Wandel“ gekannt, ihn aber dennoch zugelassen haben. Auch hier klingeln leise Alarmglocken beim Lesen. Leider spielt die „Täter-“/Elterngeneration nur eine Randrolle, Details und globale Bedeutung des Wandels werden nicht näher ausgeführt. Für die eigentliche Handlung ist dies auch nicht erforderlich, dennoch hätte ich eine größere Ausarbeitung der Dystopie spannend gefunden.

Lanchester hat einen Roman geschrieben, der nicht mehr loslässt, obwohl über weite Strecken nur sehr wenig passiert. Es ist zweifellos eine Kunst, Monotonie auf eine fesselnde Art und Weise darzustellen, und der Autor beherrscht diese perfekt. „Die Mauer“ liest sich erschütternd und eindringlich. Die Anzahl der Protagonisten ist überschaubar, die Handlungsstränge wirken karg, und dennoch geht ein Sog von der Erzählung aus, dem man sich kaum entziehen kann. Der Ich-Erzähler ist in einem Alptraum gefangen, aus dem der Leser am Ende des Romans aufwacht und vielleicht die ein oder andere Erkenntnis gewonnen hat.

Verlag: Klett-Cotta
Seitenzahl: 348
Erscheinungsdatum: 31. Januar 2019
ISBN: 978-3608963915
Preis: 24,00 € (E-Book: 18,99 €)

Ich habe dieses E-Book als Rezensionsexemplar erhalten.

18. Februar 2019

Thomas Pierce: Die Leben danach

Ein mir unbekannter Autor, ein Buchtitel, den ich mir während des Lesens partout nicht merken konnte und ein Cover, das ich als seltsam empfand. Diese Mischung ergibt: Ein tolles Buch, das leise anfängt, leise endet, einiges im Unklaren lässt und mich komplett begeistert hat.


Thomas Pierces Hauptfigur Jim Byrd beschäftigt sich in „Die Leben danach“ zunächst nur mit seinem eigenen, aktuellen Leben. Das hätte nämlich um ein Haar bereits geendet, nachdem er mit nur 33 Jahren einen Herzinfarkt erlitten hat. Seitdem ist er Besitzer eines HeartNets, eines hoch entwickelten implantierten Defibrillators, der sein Herz wie ein engmaschiges Zwiebelnetz umschließt, es im Falle einer erneuten „Fehlzündung“ aktiv bepumpt und überdies per App mitteilt, wenn er eingreifen muss. Dass die Notwendigkeit eines solchen Implantats beim Empfänger zu einer Sinnkrise führen kann, ist verständlich. Jims Sinnkrise wird allerdings vielmehr dadurch ausgelöst, dass er vor seiner erfolgreichen Wiederbelebung kurz klinisch tot war – und nichts gesehen hat. Nicht das berühmte Licht am Ende des Tunnels, nicht seinen Körper aus schwebender Perspektive, nicht den Film seines Lebens, der noch einmal vor seinem geistigen Auge abläuft – Jim hat absolut nichts gesehen, und das befremdet ihn am meisten. Ist es das, was ihn nach seinem Tod erwarten wird – nichts?

Diese Frage zieht sich durch das Buch – aber auf unaufdringliche Art und Weise. Jim beschäftigt sich zwar mit dem Existenziellen, aber vor allem lebt er. Der Durchschnittstyp, ein Kreditberater in seiner Heimatstadt Shula, ändert sich nicht um 180 Grad, aber er verliebt sich, er heiratet, wird Stiefvater eines Teenagers, schließt sich einer Glaubensgemeinschaft an, die keinen gemeinsamen Glauben teilt und begibt sich schließlich noch auf Geistersuche. Ja, richtig gelesen. In einem Haus in Shula spukt’s – darauf näher einzugehen, würde hier zu weit führen, aber es sei kurz erwähnt, dass die Geschichte in der Geschichte unerwartet gut passt – geht es doch im Großen und Ganzen um die Leben danach, die Leben davor und wie alles miteinander verbunden ist.

Selbst die Geistergeschichte ändert nichts daran, dass das Buch realistisch wirkt. Es finden sich ein paar Science Fiction-Elemente, die jedoch so überzeugend eingewebt sind, dass sie vollkommen stimmig scheinen – angefangen bei Jims HeartNet. Auch Hologramme von Prominenten als Werbeträger wirken wie technische Weiterentwicklungen, die die Zukunft durchaus mit sich bringen könnte. Apropos Zukunft – zwei Figuren unterhalten sich darüber und eine fragt die andere: „Wünscht du dir nie, in der Zukunft geboren worden zu sein?“ Die Antwort: „Na ja, bist Du ja irgendwie. Nur dass es die Zukunft von jemand anderem ist. Nicht deine.“

Und so ist Thomas Pierces „Die Leben danach“ hier und da durchaus philosophisch angehaucht, bleibt dabei aber bestens lesbar. Es enthält jede Menge kluger Gedanken, aber auch jede Menge konkretes Leben, ist also in keinster Weise vergeistigt. Der Autor hat ein großes Herz für seine Protagonisten und das von ihm erdachte Shula. Ich habe Jim Byrd wahnsinnig gern durch sein Leben begleitet. Einige der im Buch geschilderten Gedanken haben sich überdies in meinem Kopf festgesetzt und werden da wohl noch einige Zeit kreisen.

Verlag: DuMont Buchverlag
Seitenzahl: 400
Erscheinungsdatum: 18. Februar 2019
ISBN: 978-3832198930
Preis: 24,00 € (E-Book: 18,99 €)

Ich habe dieses E-Book als Rezensionsexemplar erhalten.

30. Januar 2019

Anne Cathrine Bomann: Agathe

Ein dünnes Büchlein, dessen türkises Cover eine Blüte und ein Zweig mit einem Spatz zieren. Lieblich und elegant sieht es aus, irgendwie passend zu dem titelgebenden Frauennamen. Allerdings geht es in diesem Roman in erster Linie um einen Mann und auch sonst warten einige Überraschungen auf den Leser. Die Lektüre lohnt sich!


„Agathe“ ist nicht die Hauptfigur des gleichnamigen Romans der Dänin Anne Cathrine Bomann. Hätte die Autorin das Buch nach ihrer Hauptfigur benannt, hätte sie zunächst einmal deren Namen enthüllen müssen, der jedoch an keiner Stelle vorkommt. Und so bleibt auch mir nichts anderes übrig, als den 71-jährigen Protagonisten nach seinem Beruf zu benennen: Er ist Psychiater. Ein Psychiater, der die Therapiestunden zählt, die ihm noch bis zu seinem Ruhestand bleiben – der finale Countdown beginnt am Buchanfang mit 800 Gesprächen. Als Agathe als neue Patientin in die Praxis schneit, weist er seine Sekretärin an, diese abzuwimmeln, kann er doch schon seine bisherigen Patienten kaum mehr ertragen. Aber wieso eigentlich, und was erhofft sich der Alleinstehende für sein Leben nach der Arbeit? Nach und nach wird dem Mann bewusst, dass er keinerlei Erwartungen an oder Pläne für die Zukunft hat.

Die Gefühle ihres namenlosen Psychiaters schildert Bomann sehr empfindsam. Sie zeichnet einen Mann, für den Einsamkeit ein seit langem gelebter Normalzustand ist. Einen Mann, der einem hinfallenden Kind nicht zu Hilfe eilt, weil er seine eigene Unbeholfenheit in zwischenmenschlichen Dingen fürchtet – weil er „das letzte Mal mit einem Kind gesprochen [hatte], als er selbst eines gewesen war“. Es ist natürlich eine Ironie des Schicksals, dass gerade dieser Mann seit fast fünf Jahrzehnten einen Beruf ausübt, in dem es darum geht, anderen Menschen zu helfen. Aber hinter seiner festen Rolle im Sprechzimmer kann sich der Therapeut gut verschanzen und überdies ist er der Patienten ja nun auch überdrüssig.

Die Mittdreißigerin Agathe, die schließlich doch seine Patientin wird, weil sie sich nicht hat abwimmeln lassen, hadert dagegen vor allem mit einem Problem: „Ich bin wütend, weil ich nichts erreicht habe. Ich hätte jemand werden sollen, aber ich bin rein gar nichts.“ Seine neue Patientin scheint in dem Psychiater unbewusst etwas aufzuwecken, das ihn aus seiner Lethargie reißen könnte. Aber lässt sich ein Leben noch ändern, das schon so lange in eingefahrenen Bahnen verläuft? Wie ihr Leben – beziehungsweise auch seines? Agathe und ihr Psychiater sind zwei verlorene Seelen, und ob sie überhaupt in der Lage sein könnten, einander zu helfen, scheint zu Beginn des Romans äußerst fraglich. Doch dann beginnt der Psychiater, für sich selbst überraschend, kleine Änderungen in seinem Leben vorzunehmen. Davon erzählt „Agathe“ auf poetische Art und Weise, ohne ein Wort zu viel zu verwenden. Autorin Bomann spart sich den größeren Kontext; sie legt keinen Wert auf detaillierte Beschreibungen und scheint ihren Roman auf das Wesentliche reduziert zu haben. Jeder Satz sitzt, und immer schwingt eine ganz besondere bittersüße Stimmung mit. „Agathe“ ist ein feines, manchmal weises, komplett unkitschiges und doch berührendes Buch. Es weist eine große Leichtigkeit auf und hat dennoch eine ebenso große Tiefe. Aufgrund seiner Kürze liest es sich sehr schnell, doch bereits während der ersten Lektüre ist klar, dass sich eine zweite lohnen könnte.

Verlag: hanserblau
Seitenzahl: 160
Erscheinungsdatum: 28. Januar 2019
ISBN: 978-3446261914
Preis: 16,00 € (E-Book: 11,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

11. November 2018

Daniel Kehlmann: Tyll

Dieses Buch habe ich schon vor fast zwei Wochen ausgelesen, mich bislang jedoch vor der Rezension gedrückt. Der Grund: Ich habe große Zweifel, ob meine Besprechung diesem großartigen, vielschichtigen Roman gerecht werden kann. Ich habe ihn als einzigartig empfunden und somit hat er auch eine ganz besondere Rezension verdient.


Als ich anfing, Daniel Kehlmanns „Tyll“ zu lesen, war ich noch nicht so begeistert. Ich hatte das Buch quasi unaufgefordert ausgeliehen bekommen, bin generell kein besonderer Fan historischer Romane und dass mir gesagt wurde, dieser hier hätte quasi keine Handlung, machte ihn nicht unbedingt attraktiver.

Wobei es gar nicht stimmte: „Tyll“ hat durchaus Handlung. Sie steht allerdings nicht unbedingt im Vordergrund. Der Roman liest sich mehr wie ein Zeitzeugnis, was das 2017 veröffentlichte Buch natürlich in keiner Weise ist. Aber Kehlmann verleiht seinen Figuren einen Ton und eine Sprache sowie dem ganzen Roman eine solch ungewöhnliche Atmosphäre, dass man als Leser mehr in den Dreißigjährigen Krieg eintaucht, als ich es für überhaupt möglich gehalten hätte. Dabei war mir dieser Stoff anfangs sehr fremd, mein Wissen über die damalige Zeit höchst begrenzt. Die acht langen Kapitel, aus denen sich der Roman zusammensetzt, bauen außerdem nicht chronologisch aufeinander auf, was die Lektüre anfangs etwas sperrig macht. Dennoch ist „Tyll“ zu jeder Zeit sehr gut lesbar. Doch das große Ganze zu verstehen, fällt erst einmal schwer, da auch unterschiedliche Figuren im Mittelpunkt der jeweiligen Kapitel stehen, während andere, bisherige Hauptfiguren höchstens noch einmal als Randfigur vorkommen. Auch der titelgebende „Tyll“, eine Till Eulenspiegel nachempfundene Figur, ist kaum eine Hilfe, obwohl er in jedem der Kapitel zumindest auftaucht. Dennoch bleibt er eine nebulöse Figur, mit der sich kaum warm werden lässt. Dies gilt jedoch für alle Protagonisten: Das Identifikationspotential ist außerordentlich gering. Dennoch zieht der Roman einen nach und nach in seinen Bann, was auch daran liegt, dass Kehlmann all die von ihm geschaffenen losen Ende früher oder später auf kunstvollste Art und Weise zusammenführt. Irgendwann lichtet sich der Nebel, Figuren tauchen zum wiederholten Mal auf, Verbindungen werden klar und irgendwann sogar die historischen Zusammenhänge. Wie sich alles zusammenfügte, fand ich höchst faszinierend. Was mich zudem begeisterte: Wie eine längst vergangene, höchst elende Zeit plötzlich so greifbar, so nachvollziehbar und fühlbar wurde. Kehlmann lässt verschiedenste fiktive und historische Figuren zu Wort kommen, die Perspektive der hart schuftenden Müllersfrau kommt genauso vor wie die des vermeintlich Gelehrten, die der Königin und die des Narren.

Und so ist „Tyll“ ein außergewöhnlicher Roman, der mich anfangs leicht abgeschreckt und zu seinem Ende hin richtiggehend begeistert hat – und außerdem einer, den ich glatt nochmal lesen könnte, um auch wirklich alle Zusammenhänge zu begreifen. Ich kann mich nicht erinnern, schon mal ein derartiges Buch gelesen zu haben. „Tyll“ ist große Literatur und nur zu empfehlen.

Verlag: Rowohlt
Seitenzahl: 480
Erscheinungsdatum: 9. Oktober 2017
ISBN: 978-3498035679
Preis: 22,95 € (E-Book: 19,99 €)

5. November 2018

Chloe Benjamin: Die Unsterblichen

„Worte haben immer nur die Bedeutung, die man ihnen verleiht.“ Diesen Satz las ich gerade in einem eher mittelmäßigen Thriller, doch er passte noch besser zu dem Roman, den ich kurz zuvor beendet hatte. Er handelte von Worten in Form einer Prophezeiung, die das Leben von vier Geschwistern nachhaltig beeinflusst hat. Aber hätte die Prophezeiung auch diese Wirkung gehabt, wenn ihr die Kinder, die sie hörten, weniger Bedeutung zugemessen hätten?


Chloe Benjamins „Die Unsterblichen“ beginnt 1969 in der Lower East Side in New York. Die vier Kinder der Familie Gold langweilen sich in ihren Ferien und als sie von einer Wahrsagerin hören, die ihren Besuchern deren Todesdaten vorhersagt, verspricht das endlich etwas Abwechslung in die Ödnis dieses Sommers zu bringen. Sie spüren die Frau gemeinsam auf – nichtahnend, dass der Besuch jedes ihrer Leben nachhaltig beeinflussen wird: Das der vorsichtigen und vernünftigen dreizehnjährigen Varya, des selbstsicheren elfjährigen Daniel, der lebenshungrigen neunjährigen Klara und des Nesthäkchens, dem siebenjährigen Simon. Denn was bedeutet es, wenn man seinen eigenen Todestag zu kennen glaubt? Lebt man bewusster? Versucht man, dem Schicksal ein Schnippchen zu schlagen? Konzentriert man sich aufs Leben oder aufs Überleben? Wird das Ganze zur self-fulfilling prophecy oder schafft man es dauerhaft, eine solche Prophezeiung als Humbug abzutun?

Benjamin erzählt die Lebensgeschichten der Geschwister hintereinander weg. Alle vier schlagen sehr unterschiedliche Wege ein, doch die Autorin schafft es, jedes Leben gleichermaßen nachvollziehbar zu schildern. Und so lässt sie ihre Leser in die Schwulenszene San Franciscos Ende der 1970er Jahre eintauchen, eine der Figuren von ihren ersten Bühnenerfahrungen bis nach Las Vegas begleiten, eine berufliche Sinnkrise miterleben und sich schließlich mit Primatenforschung beschäftigen. Dass diese Entwicklungen alle schlüssig scheinen und jeder dieser höchst unterschiedlichen Charaktere auf seine Weise überzeugt, fand ich beachtlich. Trotz der – nicht nur örtlichen – Entfernungen zwischen den Protagonisten, ist „Die Unsterblichen“ eine Liebeserklärung an Verbundenheit durch familiäre Bande, die bleibt, auch wenn letztere zeitweise recht locker sitzen mögen. Als sich die Autorin jedoch im letzten Teil des Buches der auf den ersten Blick unscheinbarsten Figur widmet, bekam es für mich nochmal eine andere Tiefe. Der vermeintlich übersinnliche Aspekt des Ganzen, die Prophezeiung der Wahrsagerin, verliert dabei zunehmend an Bedeutung. Vielmehr geht es um den Umgang mit Angst, mit Vergänglichkeit und die verschiedenen Konsequenzen, die sich daraus ziehen lassen. Und so besitzt „Die Unsterblichen“ auch noch eine tiefergehende Ebene und ist nicht nur eine mystisch angehauchte, intensiv erzählte Familiengeschichte, wobei es auch als solche eine berührende und lesenswerte Lektüre gewesen wäre.

Verlag: btb Verlag
Seitenzahl: 480
Erscheinungsdatum: 29. Oktober 2018
ISBN: 978-3442758197
Preis: 20,00 € (E-Book: 15,99 €)

28. September 2018

Agatha Christie: And then there were none

Diesen absoluten Klassiker habe ich vor ca. 18 Jahren schon einmal gelesen – damals allerdings auf Deutsch und noch unter dem Titel „Zehn kleine Negerlein“. Als „Ten little Niggers“ wurde der Roman im Jahr 1939 in England erstveröffentlicht, doch schon als er 1940 in den USA erschien, wählte man als Titel „And then there were none“ – laut Wikipedia „mit Rücksicht auf die afroamerikanische Bevölkerung“, was mich positiv überrascht hat: Ich hätte gar nicht gedacht, dass damals schon sprachliche Rücksicht genommen wurde. Ab 1985 wurde der amerikanische Titel auch in Großbritannien verwendet.
Die Titelhistorie im deutschsprachigen Raum liest sich fast diametral: Die deutsche Erstveröffentlichung geschah unter dem Titel „Letztes Weekend“ im Jahr 1944, doch ab 1982 wurde der Krimi unter dem Titel „Zehn kleine Negerlein“ veröffentlicht. Während man sich also in den 1980er Jahren überall im englischsprachigen Raum vom Originaltitel verabschiedete, wurde er im deutschsprachigen Raum erst eingeführt. 2003 stieg man dann auch hierzulande auf „Und dann gabs keines mehr“ um.
Sowohl alter als auch neuer Titel verweisen auf einen Abzählreim, der in diesem Krimi eine bedeutende Rolle spielt – in der aktuellen englischen Ausgabe ist allerdings von „Ten little soldiers“ die Rede.


„And then there were none“ gilt als erfolgreichster Krimi aller Zeiten, laut Wikipedia wurden 100 Millionen Exemplare verkauft. Ich würde ihn jedem empfehlen, der noch nichts von der Queen of Crime gelesen hat, aber zumindest einmal in ihr umfangreiches Werk hineinschnuppern will. Hier gibt es keine Miss Marple, keinen Hercule Poirot, keine Anspielungen auf ältere Werke, nur einen meisterhaft konstruierten Fall mit einer glasklaren Ausgangssituation und einer schlüssigen, aber meiner Meinung nach unmöglich zu erratenden Auflösung. Obwohl Agatha Christie „And then there were none“ bereits vor 80 Jahren geschrieben hat, hat die Geschichte nichts von ihrer Spannung eingebüßt. Die Grundidee ist so einfach wie fesselnd: Zehn einander unbekannte Menschen werden unter verschiedenen Vorwänden in eine Luxusvilla auf einer kleinen, einsamen Insel gelockt. Nach dem ersten Abendessen findet die gute Stimmung ein jähes Ende: Eine zuerst nicht zuordbare Stimme verliest zehn Anklagen – jeder der Anwesenden wird mit einem ungesühnten Tötungsdelikt in Verbindung gebracht. Schock und Empörung sind groß, man ist sich schnell einig, die Insel am nächsten Morgen wieder verlassen zu wollen. Doch ein Sturm zieht auf und schon einer der Anwesenden wird nicht mal mehr diesen ersten Abend überleben …

Beim Wiederentdecken des Krimis musste ich an einen anderen denken, den ich vor ein paar Monaten gelesen habe. Die Autorin hat sich eventuell sogar von Agatha Christie inspirieren lassen; sie schilderte ein Klassentreffen in einer abgelegenen Hütte im Wald, bei der gleich mehrere der ehemaligen Klassenkameraden nach und nach ermordet werden. Dieser Krimi hatte mich ziemlich enttäuscht: Er war verworren, überladen und die Auflösung am Ende einfach billig. Der Unterschied zu „And then there were none“ ist wie Tag und Nacht: Agatha Christie geht sehr reduziert vor. Die Anzahl der handelnden Figuren ist überschaubar, über das Leben der einzelnen Protagonisten erfährt man nur so viel wie nötig. Auch der Schauplatz ist schnell beschrieben, selbst der unbekannte Mörder macht seine Absichten relativ deutlich klar. Und dennoch tappt man als Leser komplett im Dunkeln – bis zur Auflösung. Diese ist höchst raffiniert, schlüssig durchdacht und glaubwürdig. Und dennoch kann ich mir nicht vorstellen, dass man von alleine darauf kommen kann – ganz großes Kino! Dessen war sich auch die Autorin bewusst; der englischen E-Book-Ausgabe ist eine Notiz von ihr vorangestellt: „I had written this book because it was so difficult to do that the idea had fascinated me. […] I wrote the book after a tremendous amount of planning, and I was pleased with what I had made of it. It was clear, straightforward, baffling, and yet had a perfectly straightforward explanation […] It was well received and reviewed, but the person who was really pleased with it was myself, for I knew better than any critic how difficult it had been.”

“And then there were none” war Agatha Christies 26. Krimi. Sie schrieb ihn also mit großer Erfahrung und ihre Einschätzung des Textes zeugt von einem gesunden Selbstbewusstsein. Ich kann nur sagen: zu Recht!

Verlag: HarperCollins
Seitenzahl: 400
Erscheinungsdatum dieser Ausgabe: 3. März 2003, der Krimi an sich erschien jedoch am 6. November 1939 erstmals.
ISBN: 978-0007136834
Preis: 5,99 € (E-Book: 5,99 €)

31. August 2018

Didi Drobna: Als die Kirche den Fluss überquerte

Manche Bücher machen etwas mit einem, und dieses Buch gehört dazu. Es hat mich nachhaltig berührt und obwohl ich seinen Anfang als etwas sperrig empfunden habe und mir die Hauptfigur lange fremd blieb, war ich am Ende extrem angetan. Ein intensives Leseerlebnis und ein Roman, der die Seele berührt.


„Als die Kirche den Fluss überquerte“ ist eine in zwei Teile zerfallende Familiengeschichte. Sie kreist um die beiden tiefen Einschnitte im Leben des Ich-Erzählers Daniel, die zusammenhanglos relativ dicht aufeinanderfolgen – oder besser gesagt: Der Ich-Erzähler selbst kreist um diese zwei Ereignisse und der Leser dreht sich gezwungenermaßen mit. Während der ersten Romanhälfte fühlte ich mich teils wie auf einem Karussell, aus dem es keinen Ausstieg gab, das änderte sich dann jedoch abrupt. Aber der Reihe nach.

Zu Beginn des Buches trennen sich Daniels Eltern, scheinbar aus heiterem Himmel, was ihn schwer trifft. Der Sohn hat immense Schwierigkeiten, mit der neuen Situation klarzukommen. Die Familie scheint sein einziger Lebensinhalt zu sein: Freunde spielen keine Rolle, auch Hobbys, eine Ausbildung oder ein Studium werden nicht erwähnt. Tatsächlich hat sich mir lange nicht erschlossen, was der Protagonist den lieben langen Tag macht, und das fand ich höchst erstaunlich, ist er doch bereits zu Beginn des Buches 20 Jahre alt. Diese Altersangabe konnte ich lange nicht mit seinem Denken und Fühlen in Einklang bringen. Nicht nur aus diesem Grund blieb mir Daniel über viele Kapitel fremd – doch das änderte sich in Folge des zweiten lebensverändernden Ereignisses, das der Hauptfigur widerfährt. Daniels Mutter Lieselotte erkrankt schwer und ohne Hoffnung auf Genesung und plötzlich wurde das Gefühlschaos des Protagonisten absolut nachvollziehbar dargestellt. Hatte ich vorher das Gefühl, dass die Autorin keinen komplett stimmigen Ton traf, fuhren mir Trauer, Verzweiflung, Angst und Wut plötzlich in einer unterwarteten Intensität unter die Haut. Sprachlich steht der erste Teil dem zweiten in nichts nach, aber die Schönheit von Didi Drobnas Formulierungen konnte ich erst komplett würdigen, als ich mich nicht mehr unwillkürlich fragte, was mit dem Ich-Erzähler bloß nicht stimmt.

Was beide Teile eint, sind die kapitelweise eingefügten Anekdoten aus Daniels Kindheit, in denen er sich an Ereignisse erinnert, die ihn und die ganze Familie geprägt haben. Passend zum Buchcover ging mir der Refrain eines Popsongs der Künstlerin Pink durch den Kopf: „In our family portrait we look pretty happy, we look pretty normal, let’s go back to that.“ Daniel sehnt sich nach einer unwiderruflich vergangenen Zeit, nach der vermeintlich heilen Welt seiner Kindheit. Seine Erinnerungen waren von Beginn an packend geschildert und halfen mir anfangs über die unreife Jammergestalt hinweg, die er in der Romangegenwart abgab. Überhaupt hat Autorin Drobna ein Händchen für die Schilderung von kuriosen, tragikomischen Geschichten; so, wie sie auch Emotionen sehr greifbar in Worte fasst. Bei der Beschreibung dramatischster Krisen läuft sie zu Höchstform auf. „Als die Kirche den Fluss überquerte“ liest sich nicht einfach so weg, es hinterlässt Spuren. Am Ende war ich mit der Hauptfigur völlig versöhnt und kann mir überdies vorstellen, den Roman irgendwann noch ein zweites Mal zu lesen. Es ist ein weises Buch über Familie, Beziehungen und Gefühle und nicht nur Daniel wächst an seinen schmerzhaften Erfahrungen, sondern nimmt die Leser des Romans auch in dieser Beziehung mit.

Verlag: Piper
Seitenzahl: 320
Erscheinungsdatum: 1. August 2018
ISBN: 978-3492059206
Preis: 20,00 € (E-Book: 18,99 €)

30. April 2018

Trevor Noah: Born a crime

Diese autobiographischen Geschichten haben meinen Südafrika-Urlaub sehr bereichert und mir Einblicke in das Land gegeben, die mir sonst weder in Kapstadt, Johannesburg noch auf der Garden Route vermittelt wurden. Sie wurden nicht im eigentlichen "Romanregal" fotografiert, weil ich sie gar nicht mehr nach Hause mitgenommen, sondern gleich nach der Lektüre weiter verliehen habe. Manchmal muss man Prioritäten setzen!


Der deutsche Titel dieses grandiosen Buches ist „Farbenblind“. Warum, hat sich mir nicht erschlossen, denn die Gesellschaft, in die der Südafrikaner Trevor Noah 1984 hineingeboren wird, ist nicht „farbenblind“, sondern zutiefst farbenfixiert, was er von klein auf zu spüren bekommt. Trevor Noahs Hautfarbe belegt ab dem Tag seiner Geburt, dass gegen „Immorality Act No. 5“ der Apartheidsgesetze verstoßen wurde: Er ist farbig – obwohl er eine schwarze Mutter hat. Was nur bedeuten kann, dass sein Vater weiß ist, und dass er und Trevors Mutter den genannten Paragraphen missachtet haben, der Menschen mit unterschiedlichen Hautfarben sexuelle Beziehungen untersagt und Verstöße mit bis zu fünf Jahren Gefängnis ahndet. Vor diesem Hintergrund erklärt sich der Titel der englischen Ausgabe auf einen Blick: „Born a crime“. Was für ein Start ins Leben – ein Leben, in dem der weiße Vater in der Öffentlichkeit panisch die Flucht vor seinem „Daddy“ rufenden Kleinkind ergreift, die Mutter zum Spaziergang im Park gerne eine farbige Freundin mitnimmt und die schwarze Großmutter den Enkel in ihrer Hütte versteckt hält, wenn er sie in Soweto besucht. Trevor Noah ist mit einer besonderen Sensibilität in Bezug auf Hautfarben aufgewachsen – gezwungenermaßen. Er konnte sich die hier gemeinte „Farbenblindheit“ nicht leisten.

In seinen autobiographischen Rückblicken lässt er den Leser an seiner Kindheit und Jugend in Johannesburg teilhaben. Mit fantastischer Leichtigkeit schildert Noah, was es für ihn als farbiges Kind bedeutet hat, im Apartheids- und Postapartheids-gebeutelten Südafrika aufzuwachsen. Bereits auf den ersten Seiten schafft er es mühelos, auch seine ausländischen Leser in diese zutiefst rassistische Welt mitzunehmen und ihren Horizont zu erweitern.
Ich habe Trevor Noahs „Born a crime“ als Geschenk empfunden. Der Autor ist nur zwei Jahre jünger als ich. Er ist unter Bedingungen aufgewachsen, die mir kaum fremder sein könnten und schafft es trotzdem, seine damaligen Lebensumstände gleichsam unterhaltsam und nachvollziehbar zu schildern. Er nimmt seine Leser an die Hand und erklärt, worauf ein nicht-südafrikanischer Leser vermutlich nicht kommt: Wieso bleiben Menschen freiwillig in Townships wohnen? Wieso kam es vor, dass schwarze Mütter ihre Söhne „Hitler“ nannten? Wieso hatten Gebetskreise in Soweto die Hoffnung, dass Gott ein farbiges Kindes eher erhören würde als schwarze Frauen?

Trevor Noah musste von klein auf lernen, was es heißt, anders zu sein, wuchs er doch in einem Land auf, dass Menschen ausschließlich über ihre Hautfarbe und Stammesangehörigkeit definierte. Er lernte nach und nach, sich wie ein Chamäleon an seine Umgebung anzupassen – sein Schlüssel war dabei die Sprache, er beherrschte neben Englisch noch isiXhosa, isiZulu und andere und verblüffte damit, dass er sich so nicht in die Schublade sortieren ließ, in die der typische Farbige gesteckt wurde. Meine naive Vorstellung war ja, dass sich das Thema Hautfarbe mit dem Ende der Apartheid in Südafrika zu größeren Teilen erledigt hätte, doch diese wurde schnell ausgeräumt.

Eine Freundin, die das Buch auf Deutsch angelesen hat, äußerte sich mir gegenüber enttäuscht über die Einfachheit der Sprache. Bei meiner Lektüre auf Englisch ist mir nicht aufgefallen, dass Noahs Stil in irgendeiner Art und Weise schlicht wäre. Ich kenne die Übersetzung jedoch nicht und bin im Englischen sicher nicht so sprachsensibel wie im Deutschen. Es ist klar, dass Trevor Noah kein Literat ist – das ist nicht sein Metier. Der Südafrikaner ist ein höchst erfolgreicher Comedian, der seit 2015 als Nachfolger von Jon Stewart die Late-Night-Show „The Daily Show“ in den USA moderiert. Er ist Unterhalter und hat ein höchst unterhaltsames und trotzdem sehr reflektiertes Buch geschrieben – angesichts des Inhalts ist das in meinen Augen eine große Leistung.

„Born a crime“ vermittelt dem Leser eine leise Ahnung davon, was Apartheid für die Betroffenen wirklich bedeutet hat - und was in Südafrika bis heute im Argen liegt. Es verdeutlicht, warum "Farbenblindheit" bis heute ein frommer Traum ist und ist trotzdem nicht verbittert, sondern feiert das Leben. Ich kann es nur empfehlen.

Verlag: Spiegel & Grau
Seitenzahl: 304
Erscheinungsdatum: 19. September 2017 (Hardcover: 15. November 2016)
ISBN: 978-0525509028
Preis: aktuell 7,99 € (E-Book: 4,49 €)

Ist am 6. März 2017 auf Deutsch beim Karl Blessing Verlag unter dem Titel "Farbenblind" erschienen. Preis: 19,99 € (E-Book: 15,99 €).

21. April 2018

Celeste Ng: Kleine Feuer überall

Dieses gestern erschienene Buch ist der zweite Roman der Amerikanerin Celeste Ng (sprich: Ing). Bereits der erste, "Was ich Euch nicht erzählte", stieß wohl bei Publikum und Kritikern sowohl in den USA als auch hierzulande auf große Resonanz. An mir ist er 2016 komplett vorbeigegangen, aber ich denke, ich werde die Lektüre nachholen, denn der Zweitling der Autorin hat mir außerordentlich gut gefallen.


Schon am Anfang von „Kleine Feuer überall“ löst sich buchstäblich alles in Rauch auf: Das Haus der wohlhabenden Familie Richardson im Clevelander Vorzeige-Vorort Shaker Heights brennt ab. Die drei älteren Kinder der Familie können nur tatenlos zusehen, während das jüngste, das den Brand mutmaßlich gelegt hat, verschwunden ist. Wie konnte es zu dieser Katastrophe kommen?
Nach dem fulminanten Einstieg in das Buch hatte ich, um im Bild zu bleiben, gleich Feuer gefangen. Doch dann lässt es Autorin Ng langsam angehen und rollt die Geschichte von Anfang an auf, wobei sie sich als überaus geschickte Erzählerin erweist. „Kleine Feuer überall“ handelt von zwei Familien, den Richardsons und den Warrens. Letztere sind die alleinerziehende Künstlerin Mia mit ihrer Tochter Pearl, die die neuen Mieter der Richardsons sind. Die Warrens scheinen das genaue Gegenteil ihrer Vermieter zu sein: Sie leben wie moderne Nomaden, während letztere eine der alteingesessenen Familien in Shaker Heights sind. Die Warrens haben einen minimalistischen Lebensstil, der nicht zuletzt ihrem schmalen Geldbeutel geschuldet ist, während sich die Richardsons über ihre Finanzen keine Gedanken machen müssen. Am meisten unterscheiden sich die Mütter der jeweiligen Familien: Mia Warren ist ein Freigeist, während Elena Richardson ganz nach den in Shaker Heights geltenden Konventionen lebt und das – zum Wohle der Gesellschaft – auch von anderen erwartet. Doch Gegensätze können sich bekanntlich anziehen und so findet die 15-jährige Pearl Warren bald Anschluss bei den Richardson-Kindern. Die nur unwesentlich jüngere Izzy Richardson zieht dagegen Mia Warrens radikaler und unkonventioneller Lebensstil an. Die Warrens und die Richardsons scheinen sich gut zu ergänzen, doch Mias und Elenas konträre Einstellungen kommen sich irgendwann in die Quere. Und dann wird auch noch eine Lebenslüge aufgedeckt …

„Kleine Feuer überall“ hat mich schnell in seinen Bann gezogen. Der Kontrast, den die unterschiedlichen Lebensentwürfe von Mia Warren und Elena Richardson zueinander bilden und was ihre jeweiligen Kinder daraus machen, ist mitreißend geschildert. Als Leser kommt man nicht umhin, sich zu (hinter-)fragen: Wie tolerant ist man selbst gegenüber anderen Lebensweisen? Was ist einem wichtiger: Idealismus oder Pragmatismus? Und was ist einem selbst ein vermeintlich „gutes“ Leben wert?

Einige Figuren wirken anfangs etwas eindimensional, doch Celeste Ng räumt ihnen Platz für Entwicklungen ein, zeichnet ihre Vergangenheit nach und lässt den Leser so die Beweggründe jedes Einzelnen verstehen. Auch die immer größer werdenden Verknüpfungen zwischen den beiden Familien werden nachvollziehbar geschildert und als Leser fühlt man förmlich, wie die Verkettung verschiedener Ereignisse etwas ins Rollen bringt, das nicht mehr aufzuhalten ist. Ich habe die Richardsons und Warrens am Ende des Buches nur schweren Herzens wieder verlassen, wüsste ich doch zu gern, wie es mit ihnen weitergeht. „Kleine Feuer überall“ kann ich nur empfehlen, sie haben mich berührt, gefesselt und beschäftigt. Ich konnte das Buch schon nach dem ersten Drittel kaum mehr aus der Hand legen und habe auch nach der Lektüre noch einige Zeit über das Romangeschehen und die Frage nach dem “richtigen“ Leben sinniert. Der Funke ist komplett übergesprungen!

Verlag: dtv Verlagsgesellschaft
Seitenzahl: 384
Erscheinungsdatum: 20. April 2018
ISBN: 978-3423281560
Preis: 22,00 € (E-Book: 19,59 €)

24. März 2018

Abby Fabiaschi: Für immer ist die längste Zeit

Dieses Buch ist erst vor ein paar Tagen erschienen. Dank der Buchcommunity Lovelybooks konnte ich es bereits Anfang März lesen und war begeistert. Den Titel empfand ich zwar als relativ nichtssagend, hoffte aber aufgrund der Leseprobe, dass es mir gefallen würde. Eine gewisse Unsicherheit blieb jedoch zunächst, da der Roman eigentlich zu einer Art von Büchern gehört, die ich ungern lese: den traurigen. Zumindest ließ das die Ausgangshandlung vermuten.


Maddy ist tot und lässt ihren Mann Brady und ihre 16-jährige Tochter Eve in größter Verzweiflung zurück. Sie scheint aus heiterem Himmel Selbstmord begangen zu haben. Der Ehemann ein Workaholic, die Tochter gerne mal ein pubertäres Ekel – Maddys Leben war nicht ganz so glücklich, wie es angesichts der heilen Kleinfamilie nach außen schien. Aber war das für sie wirklich Grund genug, um sich das Leben zu nehmen?

Der Roman setzt wenige Wochen nach Maddys Ableben ein und zeigt ein zerrissenes Vater-Tochter-Gespann, das nicht weiß, wie es ohne die patent-resolute Ehefrau und Mutter miteinander umgehen soll – geschweige denn, wie ein Weiterleben ohne sie überhaupt funktionieren kann. Doch noch davor – Überraschung – lernt der Leser Maddy kennen. Die ist zwar tot, bislang aber trotzdem nicht komplett im Jenseits angekommen. Stattdessen schwebt sie über den Dingen – im wahrsten Sinne des Wortes. Bekümmert schaut sie auf ihre Hinterbliebenen hinab und hat bereits beschlossen, einen Ersatz für sich zu suchen – in Form der so freundlichen wie toughen Grundschullehrerin Rory. Außerdem hat Maddy herausgefunden, dass sie ihren Lieben Impulse senden kann. Doch wird es ihr dadurch gelingen, das Leben von Brady und Eve positiv zu beeinflussen? Der Leser erfährt es nach und nach.
Autorin Abby Fabiaschi hat jedes Kapitel ihres Buches klar gegliedert: Zuerst kommt Maddy zu Wort, dann Tochter Eve und schließlich Ehemann Brady. Wenn Maddy gerade nicht versucht, ihren Lieben Trost und gute Ideen zu übermitteln, lässt sie verschiedene Phasen ihres Lebens durchaus kritisch Revue passieren. Eve und Brady dagegen kämpfen mit unterschiedlichen Schuldgefühlen und sind ansonsten erst einmal damit beschäftigt, zu funktionieren. Während ihr Vater sich in die Arbeit flüchtet, merkt Eve, dass sie nicht nur ihre Mutter verloren hat; auch ihr Freundeskreis erscheint ihr auf einmal unreif und oberflächlich. Brady dagegen kommt sich vor wie in einem schlechten Film, als ihm nun vor allem alleinstehende Nachbarinnen mit tief ausgeschnittenen Dekolletés ihre Hilfe anbieten. Letztere Szenen zeigen eine unerwartete Facette des Buches: Trotz der tragischen Ausgangssituation ist es tatsächlich immer wieder komisch. Alle drei Familienmitglieder legen mindestens gedanklich gerne mal eine gehörige Portion Sarkasmus an den Tag, und so gibt es tatsächlich öfters einen Comic relief.  Aber natürlich wird auch getrauert. Aufgearbeitet. So gut es geht nach vorne geschaut. Eve und Brady kriegen das nicht unbedingt immer zeitgleich hin. Es wird deutlich: Jeder geht mit seiner Trauer anders um. Nebenbei noch die Energie aufzubringen, auf jemand anderen zuzugehen, scheint unmöglich. Was aber, wenn man nur noch einander hat?

Abby Fabiaschi schildert die Situation ihrer Hauptfiguren in ihrer ganzen emotionalen Komplexität. Es wird geweint, getobt, getrauert, gehadert, geätzt, aber auch gelacht. Der Leser taucht komplett in das Gefühlschaos der Protagonisten ein – mir sind dabei alle gleichermaßen ans Herz gewachsen. Herausgekommen ist ein bewegendes und so tiefgründiges wie erfrischendes Buch über die Liebe, das Leben und den Umgang mit Verlusten. Ich habe gelacht, hin und wieder ein Tränchen vergossen und öfters kleine Lesepausen eingelegt, weil mich „Für immer ist die längste Zeit“ emotional gefordert hat. Das jedoch stets auf eine gute Art und Weise. Der Roman kann einen gar nicht kalt lassen und regt an, sich mit verschiedensten Themen auseinanderzusetzen. Ich habe selten ein Buch gelesen, das so viele verschiedene Emotionen bei mir hervorrief und trotz seiner Unterhaltsamkeit so weise auf mich wirkte.

Verlag: FISCHER Krüger
Seitenzahl: 368
Erscheinungsdatum: 21. März 2018
ISBN: 978-3810524799
Preis: 14,99 € (E-Book: 12,99 €)

18. Februar 2018

Mariana Leky: "Was man von hier aus sehen kann"

Neulich erzählte mir eine Freundin begeistert von dem Roman, den sie gerade las. Sie wollte ihn mir empfehlen, hatte aber den Titel vergessen. "Er spielt im Westerwald", begann sie ihn zu beschreiben und ich dachte mir, dass das jetzt nicht unbedingt der vielversprechendste Schauplatz sei. Aber als sie fortfuhr "Er heißt so ähnlich wie 'Was ich sehe'!" fiel bei mir der Groschen.
Mariana Lekys "Was man von hier aus sehen kann" war vielleicht das schönste Buch, das ich letztes Jahr gelesen habe. Nun wurde ich gerade doppelt daran erinnert - zum einen durch meine Freundin, zum anderen, weil es gerade von den Leserinnen und Lesern des Branchenmagazins "BuchMarkt" zum Buch des Jahres 2017 gekürt wurde (und Verfasserin Mariana Leky zur Autorin des Jahres).


Schon das so unaufdringliche wie märchenhafte Cover von „Was man von hier aus sehen kann“ zeigt, dass man es als Leser mit einem ganz besonderen Roman zu tun hat. Das abgebildete Okapi spielt eine wichtige Rolle, obwohl es nur in den Träumen der alten Selma auftaucht. Doch das ganze Dorf weiß, dass Selmas Okapi-Träume stets Vorboten für einen nahenden Todesfall sind und ist deswegen in höchster Alarmbereitschaft. In diesem Roman wird dann auch gestorben, aber noch viel mehr gelebt und geliebt. Es gibt eine ganze Handvoll von Hauptfiguren, die ich vielleicht verschroben nennen würde, wären sie mir während der Lektüre nicht gar so sehr ans Herz gewachsen. Im Mittelpunkt steht Luise, die zu Beginn des Romans zehn Jahre alt ist und im Laufe des Buches erwachsen wird. Doch genauso wichtig sind ein Optiker, der das Talent hat, die unmöglichsten Zusammenhänge aufzustellen, ein junger Gewichtestemmer, eine abergläubische Kräutersammlerin, Luises von Okapis träumende Großmutter Selma, ein buddhistischer Mönch und ein besonders hässlicher Hund mit dem Namen Alaska. Die Protagonisten sind weder besonders schön (abgesehen von dem Mönch vielleicht) noch außergewöhnlich gebildet (abgesehen von dem Optiker vielleicht). Sie sind keine strahlenden Helden, aber sie haben eine außergewöhnliche Herzenswärme, die liebenswertesten Marotten, die man sich vorstellen kann und oft auch einen weisen Blick auf die Dinge. Mariana Leky lässt ihre Leser vollends in die kleine, komplexe Welt ihrer Figuren eintauchen, und diese Welt ist so anrührend, dass sich das beim Lesen wie ein Geschenk anfühlt. Die Autorin hat außerdem einen einzigartigen Stil. Die Sprache des Romans ist wunderschön poetisch, was seine Lesbarkeit aber keinesfalls einschränkt. Mit kunstvoller Leichtigkeit wird mit Worten gespielt und vor vielen Kapiteln begonnene sprachliche Fäden werden später unverhofft erneut aufgenommen. Ein ganz feiner, leiser Humor schimmert immer wieder durch. Ein Buch zum intensiven Mitfühlen und dabei ohne jeden Kitsch. Ich bin nach wie vor ganz verzaubert von diesem Leseerlebnis.

Verlag: DuMont Buchverlag
Seitenzahl: 320
Erscheinungsdatum: 18. Juli 2017
ISBN: 978-3832198398
Preis: 20,00 € (E-Book: 15,99 €)