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27. Juli 2022

Komplex, abwechslungsreich und überraschend bis zum Schluss

Je besser mir ein Roman gefällt, desto schwieriger finde ich es, ihm in einer Rezension gerecht zu werden. Vor der Besprechung von „Über Carl reden wir morgen“ habe ich mich jetzt schon einige Tage gedrückt – dabei verdient Judith Taschlers neuestes Buch eine eindeutige Weiterempfehlung.

Die Autorin hat hier eine Familiensaga über drei Generationen geschaffen, die sich vom 19. Jahrhundert bis in die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg entfaltet. Die Bruggers sind eine Müllerfamilie im oberösterreichischen Mühlviertel; mehrere Familienmitglieder werden in den einzelnen Abschnitten des Buches länger begleitet. Es beginnt mit den Geschwistern Anton und Rosa, die gänzlich unterschiedliche Lebenswege einschlagen: Er übernimmt die Mühle der Eltern, während die junge Rosa heimlich als Dienstmädchen nach Wien geht, statt wie erwartet im Dorf zu bleiben, Eltern und Bruder zu unterstützen und zu heiraten. Die Geschwister sehen sich erst viele Jahre später wieder, als bereits die nächste Generation heranwächst; Anton Brugger hat inzwischen vier Kinder. Sein einziger Sohn wird ebenfalls vierfacher Vater, strebt aber nach Höherem, als nur dem Müllerhandwerk nachzugehen. Sein Leben wie auch das seiner Zwillingssöhne Eugen und Carl wird stellenweise detailliert geschildert. Dabei zeigt sich, dass Judith Taschler die Kurz- und Langstrecke gleichermaßen beherrscht: Detailszenen aus den Leben ihrer Protagonisten werden so ausgearbeitet, dass man mitfühlen und -fiebern kann; dann wiederum verfliegen nur knapp geschilderte Jahre und Figuren, deren Gefühlswelt man zwischenzeitlich sehr nah war, werden Leserinnen und Lesern wieder fremder. Kunstvoll wird Taschlers Erzählweise nicht zuletzt durch das Ellipsenhafte; oft lässt die Autorin Teile der Geschichte aus und greift sie erst mehrere Kapitel später aus der Sicht einer anderen Figur wieder auf. So gibt es manchen Cliffhanger, der Leserinnen und Leser gespannt zurücklässt, bevor die Geschichte ab einem früheren Zeitpunkt aus einer anderen Perspektive geschildert wird. Nach und nach fügt sich ein immer stimmigeres Gesamtbild wie ein Mosaik zusammen, dessen letzte Teilchen erst auf den finalen Seiten zum Vorschein kommen. Und so bleibt dieser Roman über Liebe, Tragik und Leid durchgängig spannend und enthüllt mehrmals Überraschendes über Protagonisten, die man schon gut zu kennen glaubte. Es ist lange her, dass ich „Die Deutschlehrerin“ gelesen habe, aber ich erinnere mich, dass bereits Taschlers Erstling bewies, dass die klare Einteilung in Gut und Böse so gar nicht ihr Ding ist. Die Autorin hat ein Faible für komplexe Charaktere – auch der moralisch Integere kann eine Tat begehen, die man ihm nie zugetraut hätte; auch der brutale Fiesling kann jemanden lieben. Taschlers Figuren sind allesamt fehlbar und handeln mitunter widersprüchlich – das macht sie so realistisch.

Die einzigen Kapitel, bei denen mir die Leselust leicht verging, waren die Schilderungen des Ersten Weltkriegs, in dem eine der Hauptfiguren kämpft – nicht, weil sie nicht gelungen wären, sondern weil sie einem Gemetzel und Elend so nahebringen, dass es schwer auszuhalten ist. Doch Judith Taschler wird diesen Kapiteln genauso gerecht wie jenen, die sich um zwischenmenschliche Beziehungen drehen. Ich bin jetzt schon sehr gespannt auf die geplante Fortsetzung, die die Autorin angekündigt hat. Denn die Geschichte der Bruggers scheint noch nicht auserzählt; das offene Ende lässt viel Raum für Spekulationen. „Über Carl reden wir morgen“ – und von den Bruggers lesen wir hoffentlich bald wieder!

Verlag: Zsolnay
Seitenzahl: 464
Erscheinungsdatum: 11. April 2022
ISBN: 978-3552072923
Preis: 24,00 € (E-Book: 17,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

27. April 2022

Jan Weiler: Der Markisenmann

Mit den Puhdys durchs Ruhrgebiet. 

Dieses Buch ist ohne Frage ein Hingucker. Haptisch macht es etwas her; der Leineneinband fühlt sich gut an. Und es ist toll, dass es den Leserinnen und Lesern Kopenhagen auf dem Einband und Mumbai auf dem Vorsatz zeigt – allerdings nicht die Städte, die dürfte auch keine der Hauptfiguren schon einmal besucht haben. Nein, hier geht es um gleichnamige Markisenmuster.


Dass Markisen in Jan Weilers neuestem Roman eine tragende Rolle spielen, macht schon der Titel „Der Markisenmann“ deutlich. „Der Markisenmann“ heißt eigentlich Ronald Papen und ist der Erzeuger der 15-Jährigen Kim, die ohne Kontakt zu ihm zusammen mit Mutter, Stiefvater und Halbbruder im noblen Köln Hahnwald lebt. Doch nach einem schrecklichen Unglück fährt Kims Familie ohne sie in den Miami-Urlaub und schickt sie über die Sommerferien zu Ronald Papen, der in einem relativ verlassenen Gewerbegebiet im Duisburger Stadtteil Ruhrort eine Lagerhalle bewohnt und 3.406 Markisen sein Eigen nennt. Um diese zu verkaufen, bereist er so systematisch wie erfolglos das Ruhrgebiet. Seine Freizeit verbringt er mit seinen Freunden im Gewerbegebiet, auf den ersten Blick ebenso gescheiterte Existenzen wie er.

Das Ganze ist sicher kein Traumurlaub für eine 15-Jährige, doch Kim arrangiert sich nach ein paar Tagen mit diesen ungewohnten Ferien. Sie lernt von den Freunden ihres Vaters einiges über Fußball, Wetten und Skat. Sie trifft den fast gleichaltrigen Alik, der sich für Recycling begeistert. Und schließlich begleitet sie ihren Vater auf seinen Verkaufstouren, hört mit ihm die Puhdys (den Soundtrack zum Buch kann ich nur empfehlen, er passt perfekt) und versucht, den Markisenverkauf mit kreativen Methoden anzukurbeln.

„Der Markisenmann“ beginnt mit einem schnellen Abriss von Kims Jugend in Köln Hahnwald, um sich dann einem langen, heißen Sommer zu widmen. Hitze, Gewerbegebietsgeruch und Ereignislosigkeit werden hierbei fast greifbar, doch auch der raue Charme des Ruhrgebiets verfängt und macht aus „Der Markisenmann“ einen kuriosen Lesegenuss. Erst gegen Ende nimmt der Roman nochmal richtig an Fahrt auf – und das auf eine Art und Weise, die ich nicht hatte kommen sehen und gleichzeitig rund und überzeugend fand. Jan Weiler ist ein sehr ungewöhnliches Buch gelungen, dessen originelle Figuren mir in Erinnerung bleiben werden. „Der Markisenmann“ lässt sich kaum in eine Schublade stecken, wartet aber mit liebenswerter Skurrilität und Tiefgang auf, wenn man sich auf die zunächst absonderlich anmutende Geschichte einlässt.

Verlag: Heyne
Seitenzahl: 336
Erscheinungsdatum: 21. März 2022
ISBN: 978-3453273771
Preis: 22,00 € (E-Book: 17,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

31. März 2022

Liane Moriarty: Eine perfekte Familie

Hinter der Fassade.

Der letzte Roman von Liane Moriarty, „Neun Fremde“, hat mich begeistert, weswegen ich mich auf das neue Buch der australischen Autorin sehr gefreut habe. „Eine perfekte Familie“ ist ebenfalls ein Lesevergnügen, aber nicht ganz so abwechslungs- und temporeich wie sein Vorgänger.


„Eine perfekte Familie“ – gibt es das überhaupt? Die Delaneys wirken zumindest so: Joy und Stan haben sich bereits als junge Erwachsene und passionierte Tennisspieler kennen und lieben gelernt, gemeinsam eine Tennisschule gegründet und vier Kinder bekommen. Inzwischen sind die beiden um die 70 Jahre alt, der Nachwuchs ist längst ausgezogen und die Tennisschule seit Kurzem verkauft. Zeit für den wohlverdienten Ruhestand – den aber beide nicht so richtig genießen können. Zumindest Joy weiß, wer ihr die Rente versüßen könnte: Enkelkinder! Doch weder ihre beiden Töchter noch die zwei Söhne machen Anstalten, sich fortzupflanzen. Und so richtet sie ihre Aufmerksamkeit auf jemand anderes, der plötzlich abends vor ihrer Tür steht: Savannah, eine junge Frau, die Opfer häuslicher Gewalt geworden ist und auf gut Glück bei den Delaneys angeklopft hat.

Diese Ausgangssituation baut sich langsam und in Rückblenden auf, während bereits der Prolog des Romans mit der Tür ins Haus fällt: Wenige Monate nach den geschilderten Ereignissen ist Joy verschwunden. Zurück bleiben eine kryptische SMS, die sie an ihre Kinder geschickt hat, und Ehemann Stan, der sich nicht groß um sie zu sorgen scheint und auch anderweitig verdächtig wirkt. Doch wie konnte das passieren – und was ist überhaupt geschehen? Liane Moriarty wechselt zwischen zwei Zeitebenen und mehreren Erzählperspektiven: In den Rückblenden erzählt die später verschwundene Joy oft ihre Sicht der Dinge, doch es sind auch immer wieder Kapitel aus den Perspektiven ihrer vier Kinder geschrieben. Letztere sind außerdem meist die Erzähler der im Jetzt spielenden Abschnitte, doch auch die Ermittlerin, die Joys Verschwinden untersucht, kommt mehrfach zu Wort. Nach und nach wird klarer, was in der Vergangenheit passiert ist – wobei die Rückblenden durchaus kleine Längen haben. Nicht zu unterschätzen ist außerdem, dass die Delaneys eine Tennisfamilie sind und der Sport eine große Rolle spielt.

Sehr gelungen sind der Autorin die Einblicke in das scheinbar perfekte Familienleben. Charakterstudien sind Moriartys große Stärke und ihre Enthüllungen rund um die einzelnen Biografien lesen sich packend. Wie sich am Ende alle Puzzleteile zusammenfügen, ist grandios: unvorhersehbar, aber absolut stimmig. Und so macht „Eine perfekte Familie“ durchaus Spaß, auch wenn dem Roman ein paar Straffungen hier und da gutgetan hätten.

Verlag: Diana Verlag
Seitenzahl: 560
Erscheinungsdatum: 8. März 2022
ISBN: 978-3453292604
Preis: 22,00 € (E-Book: momentan 4,99 €!)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

28. Februar 2022

Carolin Kebekus: Es kann nur eine geben

Pointierter Rundumschlag.

„Es kann nur eine geben“ – das klingt erstmal vertraut. Schließlich bläut Heidi Klum ihren „Meedchen“ seit Jahren ein, dass nur eine Germany’s Next Topmodel werden kann. Carolin Kebekus zeigt gleich auf den ersten Seiten ihres Buches auf, dass der Gedanke der einsamen Frau an der Spitze schon viel älter ist: Schneewittchen oder die Stiefmutter – nur eine kann die Schönste im ganzen Land sein. Aschenbrödel oder eine ihrer Stiefschwestern – nur eine wird den Prinzen heiraten. Und selbst beim weihnachtlichen Krippenspiel gibt es nur eine explizite Frauenrolle.


Scharfzüngig und pointiert macht Kebekus deutlich, dass Frauen die Konkurrenz zueinander fast schon in die Wiege gelegt wird – und nimmt sich selbst dabei nicht aus. Wenn man mit der Erkenntnis sozialisiert wird, dass nur eine die Schöne oder die Schlaue oder die Lustige sein kann, sind alle anderen Frauen eine Gefahr. Als Comedienne, der oft genug abgesagt wurde, weil man schon eine Frau in der Show hätte (und somit keine weitere bräuchte), wurde ihr bereits zu Beginn ihrer Karriere verdeutlich, dass es nur eine geben kann. Das Perfide: Wenn man mit dieser seltsamen Argumentation von Beginn an konfrontiert wird, neigt man auch noch dazu, sie hinzunehmen. Kebekus arbeitet diese Denkfalle in ihrem Buch auf und schildert, wie sie da wieder rausgekommen ist. Unterbrochen werden die Kapitel von Illustrationen, die ich nicht besonders lustig fand, und einer Liste mit allen deutschsprachigen Kolleginnen, die sich sehr beeindruckend liest. In der Comedyszene gibt es nicht nur eine Frau, es sind sehr, sehr viele, und Kebekus bereitet ihnen in ihrem Buch eine Bühne und plädiert dafür, andere Frauen zu würdigen, zu feiern und zu unterstützen. Nebenbei gewährt sie ihren Leser*innen einen Blick hinter die Kulissen des meist männlichen Unterhaltungsbetriebs – auch ganz spannend.

Doch es geht nicht nur um die eigenen Erfahrungen der Autorin. Carolin Kebekus setzt sich mit der katholischen Kirche auseinander, dem Abtreibungsparagrafen, dem Gender Pay Gap und noch vielen anderen Themen. „Es kann nur eine geben“ ist ein feministischer Rundumschlag voller treffsicherer Beobachtungen und beißendem Sarkasmus. Manchmal war mir die Schlagzahl etwas zu hoch – Kebekus steigt immer gleich voll ins jeweilige Thema ein und feuert pausenlos Pointen und Appelle ab. Wenn man ihre Sendungen kennt, kann man ihre Plädoyers beim Lesen fast hören. In Buchform sind es sehr viele auf einmal, das hat mich stellenweise etwas erschlagen. Aber ich habe aus dem Buch auch viele Denkanstöße mitgenommen. „Es kann nur eine geben“ ist definitiv lesenswert und steigert die Vorfreude auf die nächste Staffel der Carolin Kebekus Show.

Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Seitenzahl: 352
Erscheinungsdatum: 7. Oktober 2021
ISBN: 978-3462001747
Preis: 18,00 € (E-Book: 14,99 €)

31. Januar 2022

Horst Evers: Wer alles weiß, hat keine Ahnung

Amüsant und abstrus – ein echter Evers.

Horst Evers letzte Anekdotensammlung hatte mir nicht ganz so gut gefallen wie ihre Vorgänger, doch sein neuestes Werk wollte ich als Fan trotzdem lesen. Und wurde nicht enttäuscht: „Wer alles weiß, hat keine Ahnung“ kommt wieder mehr an die ersten Bücher des Autors ran. Wie so oft erzählt Evers skurrile Alltagsgeschichten, die trotz ihrer Abstrusität irgendwie immer noch vorstellbar sind und mich dauerschmunzeln ließen. Sie spielen in Berlin, seiner norddeutschen Heimat Diepholz oder irgendwo unterwegs. Sie handeln von der Familie, Freunden und Zufallsbekanntschaften und sie haben meist eine überraschende Pointe. Evers ist einfach ein Lesevergnügen.


Als liebgewonnenes wiederkehrendes Element hält diesmal ein Baugerüst her. Sehr gut gefallen hat mir auch die in loser Reihenfolge erzählte Serie „Mein Leben in dreizehn Berufen“, wobei mir die einen Abend währende Kochkarriere des Autors als „linke Hand Gottes“ besonders in Erinnerung geblieben ist.

„Wer alles weiß, hat keine Ahnung“ wurde im Frühjahr 2021 veröffentlicht und so erstaunt es nicht, dass auch Corona Erwähnung findet – allerdings nicht immer wieder, sondern gesammelt auf 20 Seiten, die den schönen Titel „Hundert Tage im Quark – als die Welt coronastill stand“ tragen. Den Rückblick auf die ersten Pandemie-Monate hätte ich nicht unbedingt gebraucht, aber vielleicht hätte ohne dieses Zeitzeugnis auch etwas gefehlt. In jedem Fall kann ich Evers für amüsante Alltagsfluchten mal wieder empfehlen!

Verlag: Rowohlt Berlin
Seitenzahl: 240
Erscheinungsdatum: 26. Januar 2021
ISBN: 978-3737100991
Preis: 20,00 € (E-Book: 14,99 €)

26. Januar 2022

Karen M. McManus: You will be the death of me

Zur falschen Zeit am falschen Ort.

Gleich vorweg: Der klangvolle Titel hat mit dem Inhalt des Romans eigentlich gar nichts zu tun. Wobei es tatsächlich einen Toten gibt, der aber nicht mehr zur Analyse seiner Situation kommt und sowieso nur eine Randfigur ist. „You will be the death of me“ dreht sich um drei 16-Jährige, die vor ein paar Jahren mal bestens befreundet waren: Ivy, Mateo und Cal. Auftakt ihrer Freundschaft war der „genialste Tag aller Zeiten“, als sie sich heimlich bei einem Schulausflug nach Boston abgesetzt haben. Seitdem hat sich viel getan und obwohl sie nach wie vor in der gleichen Stufe sind, haben sie keinen Kontakt mehr zueinander. Doch an einem schicksalhaften Morgen laufen sich die drei auf dem Parkplatz vor der Schule über den Weg und beschließen aus einer Laune heraus, den „genialsten Tag aller Zeiten“ zu wiederholen – nichtahnend, dass ihnen stattdessen ein Albtraum bevorsteht …


„You will be the death of me” ist ein Jugendbuch, das sich mühelos in einem Rutsch durchlesen lässt. Die Geschehnisse werden abwechselnd aus Ivys, Mateos und Cals Perspektive geschildert und schnell wird klar, dass alle drei ihre kleinen und größeren Geheimnisse haben. Dazu kommt an diesem Tag ein fatales Timing, das eine Kette von Ereignissen in Gang setzt, die niemand hat kommen sehen – auch als Leser*in wird man immer wieder überrascht. Dabei sind nicht alle Zufälle und Zusammentreffen komplett plausibel, aber das hat mich bei dieser temporeichen Lektüre erst gegen Ende gestört. Die Protagonisten verhalten sich öfters mal irrational, was angesichts der Ausnahmesituation, in der sie sich befinden, aber entschuldbar erscheint. Autorin Karen M. McManus hat viele Themen zwischen zwei Buchdeckel gepackt, so dass der Roman zwar von Anfang bis Ende spannend bleibt, allerdings auch etwas überladen wirkt. Zudem hat sie eine mögliche Fortsetzung angeteasert, die ich wohl nicht mehr lesen würde. Dennoch: eine nette Wochenendlektüre.

Verlag: cbj Jugendbuch
Seitenzahl: 416
Erscheinungsdatum: 13. Dezember 2021
ISBN: 978-3570166062
Preis: 20,00 € (E-Book: 14,99 €)

18. Januar 2022

Robert Dinsdale: Die kleinen Wunder von Mayfair

Magisch, verspielt und unerwartet düster.

„Die kleinen Wunder von Mayfair“ ist eine Geschichte von Liebe und Missgunst, Magie und Krieg. Letzteres hat mich unvorbereitet erwischt, denn zunächst bewegt sich der Roman in ganz anderen Sphären: Er beginnt im Jahr 1906, in dem die 15-jährige Cathy Wray ungewollt schwanger wird und nach London ausreißt, um dort eine Arbeit zu suchen und sich und ihr noch ungeborenes Baby versorgen zu können. Einen Job findet sie im Spielzeugladen „Papa Jacks Emporium“, einem zauberhaften Ort, der seine Tore stets vom ersten Frost bis zur ersten Schneeglöckchenblüte öffnet. Das Emporium fasziniert klein und groß mit aufziehbaren Stofftieren, filigran gearbeiteten Spielzeugsoldaten, schnell wachsenden Papierbäumen und anderem Spielzeug, dem ein Hauch Magie anhaftet. Cathy fühlt sich bald heimisch und lernt die Söhne ihres Arbeitgebers Papa Jack kennen, die nur wenige Jahre älter sind als sie. Und bald geht es für den kreativen Kaspar und seinen stillen Bruder Emil nicht mehr nur darum, wer die schönsten Spielzeuge entwirft, sondern beide entwickeln auch ein Interesse an Cathy …


Robert Dinsdales Roman scheint erstmal voller kleiner Wunder und „Papa Jacks Emporium“ wie der Spielzeugladen, von dem man als Kind immer geträumt hat. Doch es gibt einige Zeitsprünge im Buch, die Leserinnen und Leser schließlich in die dunklen Jahre des Ersten Weltkriegs katapultieren, die weder am Spielzeugladen noch an seinen Besitzern spurlos vorübergehen. Und so hat „Die kleinen Wunder von Mayfair“ auch traurige Kapitel, die ich beim Anblick des verspielten Covers nicht vermutet hätte. Der Roman liest sich märchenhaft, hat aber wie viele Märchen auch grausame Seiten. Das Ende kam für mich sehr überraschend und ich bin mir immer noch nicht sicher, wie es mir gefallen hat. Nach meinem Geschmack wurde Robert Dinsdale einer Figur viel weniger gerecht, als ich es anfangs erwartet hatte – aber natürlich ist es auch mal spannend, als Vielleserin eines Besseren belehrt zu werden. Insgesamt kann ich diese magische Geschichte durchaus empfehlen.

Verlag: Knaur
Seitenzahl: 464
Erscheinungsdatum: 1. Oktober 2020
ISBN: 978-3426523094
Preis: 10,99 € (E-Book: 9,99 €)

6. Januar 2022

Ralf Schwob: Das Präsidium

Drogen, Geldprobleme und ein lost place.

Das zwischen 1911 und 1914 erbaute alte Polizeipräsidium in Frankfurt ist seit 20 Jahren ein lost place: leerstehend, abgeriegelt und langsam vor sich hin verfallend. Seit 2021 gibt es offizielle Führungen durch das Gebäude, die ich sehr empfehlen kann. Und nachdem man sich das alte Gemäuer mal angeschaut hat, macht es natürlich besonders großen Spaß, einen zum Teil dort angesiedelten Regional-Krimi zu lesen.


Der Frankfurt-Krimi „Das Präsidium“ von Ralf Schwob beginnt mit großem Pech für Drogenkurier Maik: Sein alter Freund Zoran verschwindet auf Nimmerwiedersehen mit der von ihnen zu transportierenden Lieferung. Maik ist klar: Wenn er das Zeug nicht wieder ranschafft, ist er so gut wie tot. Doch selbst als Zoran wieder auftaucht, bleiben die Drogen verschwunden. Dass der biedere Groß-Gerauer Familienvater Thomas Danzer etwas über ihren Verbleib weiß, scheint ausgeschlossen: Der ehemalige Banker, der Frau und Sohn noch nicht gestanden hat, dass ihm wegen Veruntreuung von Geldern gekündigt wurde, hätte eigentlich auch so schon genug Probleme. Aber vielleicht lassen gerade die sich durch einen unerwarteten Geldsegen lösen – oder wird am Ende alles nur noch schlimmer?

Ralf Schwob ist mit „Das Präsidium“ ein kurzweiliger Krimi mit glaubwürdig gestalteten Protagonisten gelungen: Sie sind fehlbar, verstockt, auch mal unsympathisch, aber durch ihre nachvollziehbaren Sorgen und Nöte sehr menschlich. Durch unerwartete Wendungen und die immer wieder wechselnde Erzählperspektive bekommt die Geschichte Tempo und liest sich wie in einem Rutsch durch. Ein Krimivergnügen – nicht nur für Frankfurter.

Verlag: Societäts-Verlag
Seitenzahl: 240
Erscheinungsdatum: 12. Oktober 2021
ISBN: 978-3955424107
Preis: 15,00 € (E-Book: 10,99 €)

13. Dezember 2021

Rachel Hawkins: Die Verschwundene

Desperate Housewives meets Gone Girl.

Thornfield Estates hat mich ein bisschen an die Wisteria Lane aus „Desperate Housewives“ erinnert: prächtige Villen, gelangweilte Hausfrauen, Klatsch, Tratsch und Missgunst. Und mittendrin eine junge Frau, die schon rein optisch nicht reinpasst: Jane ist Anfang 20, hat weder Familie noch finanzielle Rücklagen und jobbt als Hundesitterin. Zu gerne wäre sie eine der Schönen und Reichen, deren Hunde sie ausführt. Doch plötzlich scheint sie diesem Ziel unverhofft näherzukommen: Eddie Rochester, ein frischgebackener Witwer, interessiert sich für sie – obwohl seine Frau erst seit wenigen Monaten verschwunden ist. Bea und ihre beste Freundin Blanche sind von einem Bootsausflug nicht zurückgekehrt; ein tragischer Unfall wird vermutet. Doch Eddie scheint entschlossen, nach vorne zu schauen, und Jane lässt sich nur zu gerne auf ihn und den ihn umgebenden Luxus ein. Doch der soziale Aufstieg hat seine Tücken; zusätzlich droht Janes Vergangenheit, sie einzuholen. Und sie ist nicht die einzige, die in Thornfield Estates etwas zu verbergen hat …


„Die Verschwundene“ hat mich immer wieder überrascht: Sobald ich annahm, die Geschichte einordnen zu können, kam verlässlich ein neuer Twist, der alle Gewissheiten ins Wanken brachte. Hier ist vieles nicht, wie es scheint, oder wie es geübte Thriller-Leser*innen vielleicht vermuten – und trotzdem bleiben die Entwicklungen stimmig. Der Roman ist aus verschiedenen Perspektiven geschrieben und liest sich dadurch temporeich und spannend. Perfekt, um aus dem Alltag abzutauchen.

Verlag: Heyne
Seitenzahl: 416
Erscheinungsdatum: 13. Dezember 2021
ISBN: ‎978-3453424159
Preis: 13,00 € (E-Book: 4,99 €)

Ich habe dieses E-Book als Rezensionsexemplar erhalten.

5. Dezember 2021

Bülent Ceylan: Ankommen – Aber wo war ich eigentlich?

Sympathische Einblicke in Höhen und Tiefen.

Bülent Ceylan, der Monnemer Comedian mit den vermutlich schönsten Haaren der Szene, hat seine Biografie geschrieben. Hätte ich ihn nicht im Rahmen der ARD-Buchmessenacht daraus lesen hören, hätte ich ihr vermutlich keine größere Beachtung geschenkt, aber so war schon nach wenigen Sätzen klar: Er hat einiges zu erzählen und macht das auf eine sehr sympathische und authentische Art.


In „Ankommen – Aber wo war ich eigentlich?“ schildert Bülent Ceylan sein Leben – quasi vom Kennenlernen seiner Eltern bis heute. Wie es war, in den 1980ern als jüngster Spross einer sechsköpfigen deutsch-türkischen Patchworkfamilie in einer 68qm-Wohnung im Mannheimer Waldhof aufzuwachsen, von der Enttäuschung der väterlichen Verwandtschaft über seine mangelnden Türkischkenntnisse und dem Entschluss, sich in der Schule lieber „Billy“ zu nennen. Überhaupt, die Schule: Bülent war eher Streber als Klassenclown. Von Rückschlägen und Verletzungen erzählt er so ehrlich wie von der liebevollen und prägenden Beziehung zu seinen Eltern. Und dass seine ersten, vorsichtigen Karriereschritte keine Selbstläufer waren, Kaya Yanar die Rolle des „türkischen Comedian“ in den Augen von Veranstaltern komplett auszufüllen schien und er doch einige Zeit auf Kleinkunstbühnen in Mannheim und Umland verbrachte, bis der Durchbruch kam.

Insbesondere die Kapitel über Kindheit und Jugend fand ich toll erzählt, aber auch die Selbstfindung des jungen Erwachsenen ist authentisch und nachvollziehbar beschrieben. Und dann kam endlich der bundesweite Erfolg und mit ihm neue Themen: Bülents Tourfamilie, wie er seine Frau kennengelernt hat und auch kleine Einblicke in das Familienleben, das er aber verständlicherweise privat halten möchte.
Teilweise wird das Buch im letzten Drittel etwas sprunghaft und ist nicht mehr so stringent erzählt wie Bülents Aufwachsen. Spaß macht die Lektüre trotzdem und gibt auch noch ein paar Schlüsselloch-Einblicke in den Comedybetrieb. Der Eindruck, dass Bülent ein offener und liebenswerter Typ ist, bleibt – und wurde bei mir noch dadurch verstärkt, dass er nach seiner Lesung auf der Frankfurter Buchmesse seine Co-Autorin Astrid Herbold auf die Bühne holte, um ihr zu danken und sie „abzufeiern“. Ehre, wem Ehre gebührt – so scheint er seine Mitmenschen generell zu behandeln und trotz großem Erfolg die Bodenständigkeit nicht verloren zu haben. Und vermutlich wirkt Bülent Ceylan gerade dadurch so sympathisch; auf dem Papier wie bei seinen Auftritten.

Verlag: Fischer Taschenbuch
Seitenzahl: 256
Erscheinungsdatum: 8. September 2021
ISBN: 978-3596706600
Preis: 18,00 € (E-Book: 16,99 €)

23. September 2021

Mhairi McFarlane: Du hast mir gerade noch gefehlt

Letzte Nacht.

Die Romantic Comedies dieser Autorin sind fast die einzigen Bücher, die ich noch aus dem Genre „Chick-Lit“ lese. Sie handeln verlässlich von sympathischen Protagonistinnen, die mit Herz, Hirn und Selbstironie gegen verschiedenste Widrigkeiten des Lebens kämpfen. Bei der Lektüre von McFarlanes fünftem Buch beschlich mich das Gefühl, dass sich das Konzept vielleicht doch langsam abnutzt – doch die neueste Geschichte der schottischen Autorin hat mich wieder positiv überrascht.


„Du hast mir gerade noch gefehlt“ scheint auf den ersten Blick ein typischer Mhairi-McFarlane-Roman zu sein. Schon das verspielt illustrierte Cover mit dem eher nichtssagenden Titel und dem leicht chaotischen Schriftzug fügt sich bestens in die Reihe der bisherigen sechs Romane ein. Eve Harris, die Hauptfigur, könnte auf den ersten Blick auch in jedem der anderen Bücher vorkommen: eine sympathische Single-Frau mit kleinen Unsicherheiten, die ihren Job nicht mag, ihren Kater liebt und alles für ihre Freunde tun würde. Ihre Clique besteht seit Schulzeiten aus Susie, Justin und Ed; der feste Treffpunkt der Mittdreißiger ist das Pub-Quiz, bei dem sie noch nie gewonnen haben. Und so beginnt der Roman mit einem ganz normalen Kneipenabend, bei dem dann allerdings Eds Freundin Hester die Bühne kapert und ihm einen Antrag macht. Eve, die seit Jahren heimlich in Ed verliebt ist, zieht es den Boden unter den Füßen weg – denkt sie. Doch die wahre Katastrophe steht ihr erst noch bevor.

Ich hätte Mhairi McFarlane nicht zugetraut, dass sie einem Schicksalsschlag so viel Raum gibt, wie es in diesem Roman geschieht. Sie schildert einfühlsam und authentisch, wie eine Tragödie Eves Leben und das ihrer Freunde durcheinanderwirbelt. Wer einen Liebesroman erwartet hat, wird vielleicht irritiert sein, doch mir hat sehr gefallen, dass die Geschichte so viel mehr bietet und sich in keine Schublade stecken lässt. McFarlane beweist, dass sie neben den lustigen und romantischen Tönen auch die traurigen und verzweifelten trifft – selbst auf der Langstrecke. Sie bringt Humor und Tiefgang stimmig zusammen, und so ist „Du hast mir gerade noch gefehlt“ eine runde Geschichte über Freundschaft, Liebe, Verlust und Weiterleben, die viele gute Gedanken enthält – und der ihr 08/15-Titel absolut nicht gerecht wird. Im Original heißt der Roman schmucklos „Last night“, was ich weitaus passender finde. Doch so oder so ist es der perfekte Roman, um es sich mit einer Tasse Tee (very British) auf dem Sofa gemütlich zu machen und einfach mal ein paar Stunden durchzuschmökern.

Verlag: Knaur
Seitenzahl: 432
Erscheinungsdatum: 1. Oktober 2021
ISBN: 978-3426522714
Preis: 11,99 € (E-Book bis 30.09.: 4,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

11. September 2021

Paula Hawkins: Wer das Feuer entfacht

Raffinierter Pageturner.

„Girl on the train“ war ein internationaler Bestseller und hat mir sehr gefallen. Von Paula Hawkins folgendem Buch „Into the water“ war ich allerdings etwas enttäuscht. Nach dem Wasser kam nun das Feuer und dem wollte ich auch noch eine Chance geben. Und das hat sich mehr als gelohnt – der neueste Roman der britischen Autorin ist wirklich gelungen!


Roman, Krimi, Thriller – „Wer das Feuer entfacht“ ist ein bisschen von allem, wobei der Pageturner ganz klassisch mit einer Leiche beginnt: Daniel Sutherland, Anfang bis Mitte 20, wurde auf seinem schmuddeligen Hausboot brutal ermordet. Seine Nachbarin Miriam findet ihn, seine Tante Carla ist untröstlich und Laura, die er kurz vor seinem Tod noch abgeschleppt hatte, macht sich verdächtig. Die Polizei nimmt ihre Ermittlungen auf. Wer Daniel Sutherland auf dem Gewissen hat, blieb mir lange ein Rätsel, aber dieses Rätsel macht nicht den größten Reiz des Romans aus, sondern die Schicksale der anderen Charaktere. Miriam, Carla, Laura, aber auch weitere Nebenfiguren werden einfühlsam portraitiert. In dem Roman-Kosmos gibt es sehr unterschiedliche Menschen, die alle eint, dass sie auf irgendeine Weise beschädigt sind. Teils sieht man es ihnen an, teils können sie es kaschieren, doch alle haben ihr Päckchen zu tragen, bewältigen das jedoch nicht gleich gut.

Hawkins gelingt es durch häufige Perspektivwechsel, ihre Figuren nahbar werden zu lassen, ohne ihre Geheimnisse zu enthüllen. Gleichzeitig bleibt der Roman temporeich. Und dann schafft sie noch fast spielerisch, was für mich sowohl einen gelungenen Krimi als auch Thriller ausmacht: Viele kleine Details fügen sich unauffällig in den Lesefluss ein, haben am Ende aber eine ungeahnte Bedeutung für das Gesamtbild. Hinzu kommt ein überraschendes und dennoch stimmiges Finale, das den Roman raffiniert abrundet. Es ist schon ein paar Jahre her, dass ich „Girl on the train“ gelesen habe, aber ich würde behaupten, dass „Wer das Feuer entfacht“ bestens mit Hawkins Erfolgsroman mithalten kann.

Verlag: Blanvalet
Seitenzahl: 416
Erscheinungsdatum: 6. September 2021
ISBN: 978-3764507824
Preis: 20,00 € (E-Book: 9,99 €)

Ich habe dieses E-Book als Rezensionsexemplar erhalten.

27. Juni 2021

John Green: Wie hat Ihnen das Anthropozän bis jetzt gefallen?

Kurioser Mix, wunderbar erzählt.

Dieser Titel hat mich gleich angesprochen – im wahrsten Sinne des Wortes. Und das auch noch sehr höflich: „Wie hat Ihnen das Anthropozän bisher gefallen?“ Tja, gute Frage. Laut Wikipedia (das wiederum einen Artikel aus der NZZ zitiert) ist das Anthropozän „[das Zeitalter,] in dem der Mensch zu einem der wichtigsten Einflussfaktoren auf die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde geworden ist“. Es gibt verschiedene Ansätze, die den Beginn des Anthropozäns unterschiedlich datieren. Fest steht, dass es das einzige Zeitalter ist, das wir kennen. Aber was macht es eigentlich aus?


John Green nähert sich dieser Frage in kurzen Kapiteln, in denen er über Dinge, Momente und Erfahrungen schreibt, die für ihn mit dem Anthropozän verbunden sind – z.B. Klimaanlagen, Diet Dr Pepper und Jerzy Dudeks sportliche Leistung am 25. Mai 2005. Ich habe Dr Pepper noch nie getrunken und Jerzy Dudek sagte mir nichts. Aber das ist völlig egal, gerade letztere Geschichte habe ich gleich zweimal gelesen, weil sie mir so gut gefallen hat (und vermutlich auch, weil gerade EM ist und es thematisch so schön passt). Viele der Kapitel beziehen sich auf die USA, da Green ein amerikanischer Autor ist – mehrere Überschriften sagten mir gar nichts. Doch das stört beim Lesen in keiner Weise, denn von diesem Autor lässt man sich einfach gerne lesend an die Hand nehmen und zu den verschiedensten Themen dieses bunten Mixes führen.

Allerdings erzählt John Green nicht nur – er bewertet auch, nach der bewährten 5-Sterne-Skala, die wir alle aus dem Internet kennen. Sogar sein eigenes Buch ist nicht vor ihm sicher; er lässt sich kritisch über Copyrightseite, Titelseite und die Buchwerbung am Schluss aus. Ansonsten bewertet er von Kanadagänsen (zwei Sterne) über unsere Fähigkeit zu staunen (dreieinhalb Sterne) bis hin zum Halleyschen Kometen (viereinhalb Sterne) jedes Thema, das er unter die Lupe nimmt – aber erst, nachdem er es sorgsam von mehreren Seiten beleuchtet hat. Green schreibt über seine persönliche Beziehung dazu, seine Gedanken, seine Erlebnisse und reichert das Ganze mit Fakten und (zum Teil wunderbar unnützem) Wissen an. Das liest sich mal faszinierend, mal skurril, mal anrührend, macht großen Spaß und bringt gleichzeitig zum Nachdenken. Die Art, in der John Green über Emotionen schreibt, hat mich dabei an Matt Haig erinnert und mir sehr gefallen.

Apropos: Wie hat mir das Anthropozän denn nun bis jetzt gefallen? Die Antwort auf diese Frage in eine 5-Sterne-Skala zu pressen, erscheint mir unmöglich. Aber John Greens Buch, dem gebe ich viereinhalb Sterne.

Verlag: Hanser
Seitenzahl: 320
Erscheinungsdatum: 18. Mai 2021
ISBN:‎ 978-3446270558
Preis: 22,00 € (E-Book: 16,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

16. Juni 2021

David Safier: Miss Merkel

Mit Puffel und Putin.

Angela Merkel geht in den Ruhestand – und was kommt dann? Die Frage nach der nächsten Kanzlerin oder dem nächsten Kanzler beschäftigt viele. David Safier fragt sich stattdessen, was die zukünftige Altkanzlerin mit der neugewonnenen Freiheit und Freizeit wohl anstellen wird. Seine Antwort: Sie geht unter die Hobby-Detektive! Und das, obwohl in ihrer fiktiven neuen Heimat, dem beschaulichen Klein-Freudenstadt, eigentlich absolut nichts los ist.


Safiers „Miss Merkel“ findet es gar nicht so einfach, plötzlich ein Rentnerleben zu führen. Ihre Anfangsschwierigkeiten kompensiert sie mit Kuchenbacken, was ungute Effekte auf den Waschbrettbauch ihres Personenschützers Mike hat. Ehemann Achim, liebevoll „Puffel“ genannt, freut sich auf die ruhige Zweisamkeit – oder Dreisamkeit: Das Ehepaar Merkel/Sauer hat sich nämlich einen Mops namens Putin zugelegt. Nun fehlen nur noch ein paar neue Freunde, um in Klein-Freudenstadt Fuß zu fassen. Ein Fest auf der nahegelegenen Burg scheint eine gute Gelegenheit, um Leute kennenzulernen – doch dann verstirbt der Gastgeber in seinem von innen verschlossenen Weinkeller. Für den örtlichen Kommissar ein klarer Fall von Selbstmord, aber Angela Merkel hat Zweifel. Obwohl weder Ehemann noch Bodyguard begeistert sind, beginnt sie, Nachforschungen anzustellen und stößt dabei auf mehrere Ungereimtheiten …

Der Krimi steht und fällt mit seiner Hauptfigur – das dürfte kaum überraschen. Die in die Gedanken dieser fiktiven Angela Merkel eingestreuten Anekdötchen zum Berliner Betrieb sind durchaus amüsant zu lesen; auch das Zusammenleben mit Puffel und Putin sowie die Begegnungen mit dem gemeinen Volk sind unterhaltsam. Das Cosy Crime dient eher als Kulisse; Spannung kommt nicht wirklich auf und mit Miss Marple hat Miss Merkel in etwa so viel gemein wie Klein-Freudenstadt mit dem Prenzlauer Berg. Wegen des Genres sollte man also nicht zu diesem Buch greifen, die originelle Grundidee macht allerdings Spaß. David Safier beweist wieder einmal, dass er ein Meister der witzig-abstrusen Gedankenexperimente ist. Das Ergebnis ist ein netter Schmöker und trotz aller Absurditäten irgendwie auch eine Hommage auf Angela Merkel.

Verlag: Kindler
Seitenzahl: 320
Erscheinungsdatum: 23. März 2021
ISBN:‎ 978-3463406657
Preis: 16,00 € (E-Book: 9,99 €)

5. Mai 2021

Angelika Jodl: Laudatio auf eine kaukasische Kuh

Zwischen Männern und Kulturen.

„Laudatio auf eine kaukasische Kuh“ – das klingt nach einem Hohelied auf die Viehhaltung. Die Kuh spielt allerdings nur eine kleine Nebenrolle in diesem Roman. Hauptfigur ist die angehende Ärztin Olga Evgenidou, die in Bonn kurz vor dem letzten Staatsexamen steht und mit ihrem Medizinerfreund Felix van Saan glücklich zu sein scheint. Einziger Wermutstropfen: Irgendwann muss sie ihm ihre in München lebende Familie vorstellen und blickt diesem Culture Clash mit Grauen entgegen. Denn auch wenn sie schon viele Jahre in Deutschland leben, sind Olgas Eltern und Großmutter noch sehr in der griechisch-georgischen Kultur verwurzelt. Außerdem versucht ihre Mutter, Olga zu verheiraten, seit diese 15 Jahre alt ist. Natürlich weiß die Familie nichts von Felix – und natürlich hat sie sehr konkrete, eigene Vorstellungen vom zukünftigen Schwiegersohn …


Der Spagat zwischen ihrem unabhängigen Leben und ihrer Familie verlangt Olga einiges ab und liest sich dabei oft amüsant. Doch plötzlich steht sie nicht nur zwischen zwei Kulturen, sondern auch zwei Männern. Und ab da konnte ich ihre Gefühlslagen nicht mehr so recht nachvollziehen; Felix‘ Rivale Jack Jennerwein ist nämlich zunächst vor allem eins: aufdringlich. Die Annäherungsversuche des rastlosen Lebenskünstlers gehen schon in Richtung Stalking.

Auch mit einigen familiären Beziehungen tat ich mich schwer; Olgas Mutter ist zum Beispiel eine manipulative Drama-Queen, der die Gefühle der eigenen Tochter herzlich egal sind. Die nahbareren Charaktere bleiben eher blass. Und so konnte ich auf der zwischenmenschlichen Ebene nicht so richtig mitfühlen und mitfiebern; vermutlich fand ich die Entwicklungen deswegen auch etwas langatmig erzählt. Am Ende überschlagen sich die Ereignisse dann; die schnelle Abhandlung der letzten Kapitel wurde der Geschichte und den Protagonisten in meinen Augen allerdings auch nicht gerecht.
Etwas aufgefangen hat das der Georgien-Teil, denn im Laufe der Geschichte verschlägt es den Großteil der Protagonisten in das Herkunftsland von Olgas Eltern. Im Gegensatz zur Autorin war ich noch nie dort, aber die „Laudatio auf eine kaukasische Kuh“ macht große Lust, das zu ändern: Georgien wird als facettenreiches und gastfreundliches Land bunt und liebevoll geschildert. Der Roman vermittelt einen lebhaften ersten Eindruck von Sitten und Gebräuchen, Essen und Wein – letzterer wird mehrmals so anschaulich beschrieben, dass ich mir zur Lektüre gerne selbst ein Gläschen eingeschenkt hätte. Und so ist mein Interesse an der kaukasischen Kuh bzw. Georgien an sich doch etwas größer geblieben als das an Olgas Beziehungsleben.

Verlag: Eichborn
Seitenzahl: 336
Erscheinungsdatum: 30. April 2021
ISBN: 978-3847900689
Preis: 18,00 € (E-Book: 9,99 €)

Ich habe dieses E-Book als Rezensionsexemplar erhalten.

5. April 2021

Katherine Collette: Das Einmaleins des Glücks

Gefühlslegasthenikerin im Gewissenskonflikt.

Die 37-jährige Mathematikerin Germaine ist anders als die anderen. Von Zahlen versteht sie viel, von Menschen wenig. Zwischentöne sind ihr fremd, Fettnäpfchen nicht – wobei sie meist noch nicht einmal bemerkt, wenn sie wieder einmal in eins gestolpert ist. Durch Vermittlung ihrer Cousine erhält sie eine Stelle bei der Stadtverwaltung und wird ausgerechnet am Beratungstelefon für Senioren eingesetzt, was ihr überhaupt nicht zusagt. Zum Glück hat die Bürgermeisterin Höheres mit der leidenschaftlichen Sudoku-Spielerin vor und schiebt ihr Spezialaufträge zu. Nach und nach stellt sich allerdings heraus, dass diese ganz und gar nicht im Interesse der Senioren sind. Und plötzlich steckt die sonst sehr auf ihren eigenen Vorteil bedachte Germaine in einem Gewissenskonflikt.


Wer Graeme Simsions „Rosie-Projekt“, „Rosie-Effekt“ und „Rosie-Resultat“ mochte, wird vermutlich auch Germaine ins Herz schließen, auch wenn das gar nicht so einfach ist. Die Gefühlslegasthenikerin hat nämlich nicht nur Probleme, ihre Mitmenschen zu verstehen, sie sind ihr auch relativ egal. Germaine fühlt sich verkannt, ist ehrgeizig und sehnt sich nach jemandem, der ihr Potential zu schätzen weiß. Nach und nach wird klar, dass sie in ihrem Leben einige große Enttäuschungen erlebt und sich daher einen ziemlich dicken Schutzpanzer zugelegt hat.

Germaines zwischenmenschliche Begriffsstutzigkeit ist ab und an ganz erheiternd, allerdings nutzt sich dieser Effekt mit der Zeit ab. Etwas bedauert habe ich, dass alle anderen Charaktere doch recht blass bleiben, obwohl sie durchaus Potential hätten. Autorin Katherine Collette hat offensichtlich ein Herz und Händchen für leicht skurrile, verschrobene Figuren, konzentriert sich aber komplett auf Germaine. Etwas mehr Abwechslung hätte die Geschichte bereichern können.

Trotzdem ist „Das Einmaleins des Glücks“ gut lesbar, hat mich immer mal wieder zum Schmunzeln gebracht und am Ende zufrieden zurückgelassen. Eine nette Zwischendurch-Lektüre.

Verlag: insel taschenbuch
Seitenzahl: 400
Erscheinungsdatum: 18. Januar 2021
ISBN: 978-3458681274
Preis: 11,00 € (E-Book: 10,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

15. März 2021

Julie Clark: Der Tausch

Ein Pageturner über zwei starke Frauen.

Am 8. März durften die Buchhandlungen wieder öffnen, was ich gleich mit einem Besuch meiner nächstgelegenen gefeiert habe. Nach ausgiebigem Stöbern habe ich unter anderem einen Thriller gekauft und ihn in den letzten Tagen regelrecht verschlungen.


„Der Tausch“ von Julie Clark beginnt brenzlig: Claire Cook, Ehefrau eines Mäzens aus bestem Hause, hat ihr spurloses Verschwinden minutiös geplant. Sie will eine Geschäftsreise für die Familienstiftung nutzen, um ihren gewalttätigen Ehemann Rory zu verlassen und unter falschem Namen ein neues Leben anzufangen. Doch dann geht alles schief: Rory entscheidet kurzfristig, die Reise an Claires Stelle anzutreten und seine Frau nach Puerto Rico zu schicken. Das vereitelt nicht nur ihren Plan; Claire muss auch befürchten, dass Rory ihre Vorkehrungen entdecken wird. Sie ist in Panik, als sie am Flughafen eine Fremde trifft, die dasselbe will wie Claire: spurlos verschwinden. Und so tauschen Claire und Eva spontan Boardingpässe, Kleidung und Handtaschen bevor sie an das jeweilige Ziel der anderen fliegen. Doch in Berkeley, Kalifornien, wartet schon die nächste Hiobsbotschaft auf Claire …

Julie Clark widmet sich ihren beiden starken Protagonistinnen abwechselnd und gestaltet die Charaktere überzeugend aus. Claire und Eva haben Schicksalsschläge zu verkraften; letztere war am Flughafen außerdem nicht ehrlich. Ihre Geheimnisse werden nach und nach in Rückblicken enthüllt. Claire dagegen findet sich fast mittellos in einem fremden Leben wieder, das sie nicht durchschaut. Durch die beiden unterschiedlichen Perspektiven und Zeitebenen liest sich „Der Tausch“ äußerst kurzweilig. Die Nöte der Figuren sind gut nachvollziehbar, die Ausweglosigkeit ihrer jeweiligen Situation auch. Clark setzt mehr auf Psychologie als auf Action, überrascht dabei aber immer wieder mit unvorhersehbaren Twists. Ich habe mitgefühlt, mitgerätselt und mitgefiebert. „Der Tausch“ ist ein gelungener Pageturner!

Verlag: Heyne
Seitenzahl: 400
Erscheinungsdatum: 11. Januar 2021
ISBN: 978-3453424975
Preis: 12,99 € (E-Book: 9,99 €)

19. Januar 2021

Rachel Joyce: Miss Bensons Reise

Originell, warmherzig und spannend.

Vor Kurzem sah ich einen Cartoon, der den Januar als den Montag unter den Monaten bezeichnete. Sehr nachvollziehbar: Die Weihnachtsfreuden sind vorbei, der Baum wird abgeschmückt, es ist kalt und grau und als würde all das nicht reichen, haben wir in diesem Jahr auch noch Pandemie, hohe Inzidenzwerte und Lockdown. Meine Empfehlung: Realitätsflucht! Mit diesem zauberhaften Roman von Rachel Joyce ist sie mir bestens gelungen.


„Miss Bensons Reise“ nimmt 1950 im grauen Nachkriegs-London ihren Anfang. Und irgendwie grau wirkt auch Margery Benson: Sie ist eine 46-jährige, alleinstehende Hauswirtschaftslehrerin, die ein ziemlich freudloses Leben führt. Doch wie aus heiterem Himmel holt sie eine alte Leidenschaft wieder ein; ein früheres Hobby, vermutlich ihr einziges: Margery interessiert sich für Käfer. Und träumt seit ihrem elften Lebensjahr davon, eine goldene, nur auf Neukaledonien lebende Spezies für die Sammlung des Natural History Museum in London zu fangen. Es gibt allerdings mehrere Hürden zu überwinden: Auf Neukaledonien wird Französisch gesprochen, es liegt über 16.000 km von London entfernt (Luftlinie) und besagter goldener Käfer wurde bislang noch gar nicht entdeckt.
Trotz dieser Hindernisse und wider alle Vernunft beschließt Margery, das Abenteuer zu wagen – aber nicht alleine. Sie sucht nach einer Assistentin und muss zu ihrem Leidwesen kurzfristig auf Enid Pretty zurückgreifen, deren angeblich fließendes Französisch sich bei genauerer Betrachtung auf „Bong Schuaa“ beschränkt. Lebenskünstlerin Enid hat keinerlei Interesse an Käfern, ist mindestens 20 Jahre jünger als Margery, redet wie ein Wasserfall und besitzt einen roten Handkoffer, den sie wie ihren Augapfel hütet. Kurz: Die beiden Frauen sind alles andere als ein Match.

Vielleicht gerade deswegen ist dieser Roman über eine unerwartete Freundschaft einer der schönsten und ungewöhnlichsten, die ich in den letzten Monaten gelesen haben. Autorin Rachel Joyce hat zwei grundverschiedene, spleenige Protagonistinnen geschaffen, die einem schnell ans Herz wachsen und sich zu ihrer eigenen Überraschung doch ganz gut ergänzen. Ihr Abenteuer entwickelt sich natürlich längst nicht so wohlgeordnet, wie Margery es geplant hat – Enid Pretty bedeutet Chaos. Nicht nur wegen ihr ist „Miss Bensons Reise“ voller unerwarteter Wendungen, Komik, Dramatik und Spannung. Joyce ist außerdem ein wunderbar warmherziger Roman gelungen, der ohne jeden Kitsch auskommt. Dass es trotzdem keine reine Feelgood-Geschichte ist, macht ihn noch besser. Mit Marge und Enid nach Neukaledonien zu reisen, kann ich nur empfehlen!

Verlag: Krüger
Seitenzahl: 480
Erscheinungsdatum: 30. Dezember 2020
ISBN: 978-3810522337
Preis: 20,00 € (E-Book: 16,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

17. Oktober 2020

Amity Gaige: Unter uns das Meer

Psychogramm einer Ehe.

„Niemand hätte jemals den Ozean überquert, wenn er die Möglichkeit gehabt hätte, bei Sturm das Schiff zu verlassen.“ – dieses Zitat des Erfinders Charles F. Kettering würde die Hauptfigur dieses Buches sicher unterschreiben. Juliet und ihre Familie segeln im eigenen Boot auf dem Karibischen Meer und haben dabei nicht nur mit Unwettern zu kämpfen.

Davon berichtet „Unter uns das Meer“, der neue Roman der amerikanischen Autorin Amity Gaige. Er ist größtenteils aus zwei Perspektiven erzählt, die durch ein unterschiedliches Schriftbild geschickt voneinander abgegrenzt sind. Die beiden Protagonisten sind ein Ehepaar, das seinen mehrmonatigen Segeltörn mit zwei kleinen Kindern schildert. Der Mann, Michael, ist die treibende Kraft dahinter, seine Frau Juliet hat irgendwann nachgegeben und so steuern sie ihre Familie schließlich in einem Boot über das Karibische Meer. Doch vor Problemen lässt sich nicht davonsegeln, und Probleme haben Michael und Juliet jede Menge – miteinander, mit anderen und mit sich selbst; beide schleppen unverarbeiteten, zum Teil nie ausgesprochenen Ballast mit sich herum. Immer wieder wird außerdem deutlich, dass es Juliet in der Romangegenwart absolut nicht gut geht. Sie sitzt in einem Schrank, während sie ihren Part der Geschichte erzählt. In Michaels Schrank. Michael dagegen schildert seine Gedanken im Logbuch des Schiffes. Die Diskrepanz zwischen den beiden Perspektiven erzeugt eine unterschwellige Spannung, die Sogwirkung entwickelt. Wie das Segelboot der beiden steuert die Geschichte auf etwas zu, aber Autorin Amity Gaige lässt die Lesenden lange im Unklaren darüber, wohin die Reise geht.

Und so navigiert sie mit sicherer Hand zwischen Drama, Abenteuerroman, Familiengeschichte und Psychogramm einer Ehe hin und her. Es geht um den Wunsch nach Freiheit und Selbstbestimmung, aber auch um den Umgang mit Ängsten und Traumata. Verschiedenste zwischenmenschliche Untiefen werden nach und nach gnadenlos ausgeleuchtet. Und immer wieder fordert das Meer volle Aufmerksamkeit und nimmt dabei keinerlei Rücksicht auf die Befindlichkeiten der Protagonisten. Ein ungewöhnlicher Roman, bei dem mir sehr lange nicht klar war, worauf er hinausläuft, der mich aber trotzdem (oder gerade deswegen?) gefesselt hat. Intelligent geschrieben und packend erzählt.

Verlag: Eichborn
Seitenzahl: 384
Erscheinungsdatum: 30. September 2020
ISBN: 978-3847900511
Preis: 22,00 € (E-Book: 16,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

25. August 2020

Sebastian Lehmann: „Mit deinem Bruder hatten wir ja Glück“

Woanders ist es auch nicht anders.

Ich bin ein großer Fan öffentlicher Bücherschränke, wobei mein heimischer SUB (= Stapel ungelesener Bücher) meist so hoch ist, dass ich mir die Mitnahme neuen Lesestoffes zu verkneifen versuche. Manchmal kann ich aber nicht widerstehen – und entdecke Bücher, auf die ich von alleine vielleicht nie gekommen wäre. Von diesem Autor hatte ich zum Beispiel noch gar nichts gehört.

 
Sebastian Lehmanns Kolumnensammlung „Mit deinem Bruder hatten wir ja Glück“ handelt von vielen kurzen Elterntelefonaten, wie sie sich überall in Deutschland abspielen könnten: Das erwachsene Kind in der fernen Großstadt wird von seinen Eltern angerufen und schon prallen die unterschiedlichen Lebenswelten aufeinander, brechen Generationenkonflikte auf oder es wird einfach mal wieder über Lieblingsthemen debattiert. In Sebastians Fall z.B. über seine Erfolglosigkeit als Comedian, seinen Vegetarismus, die fehlenden Enkelkinder und besagten Bruder. Doch auch, wenn Eltern und Sohn nicht müde werden, sich über mangelnde Ähnlichkeiten zu wundern: In Sachen Schlagfertigkeit schenken sie sich nichts. Ist doch schön, wenn man sich nach all den Jahren noch gegenseitig überraschen kann!

Ich habe mich beim Lesen sehr amüsiert. Die kurzen, pointierten Telefon-Häppchen eignen sich prima als Zwischendurch-Lektüre, und je mehr Geschichten man liest, desto mehr Evergreens lassen sich in der Eltern-Sohn-Beziehung ausmachen. Und mal ehrlich: So überspitzt das Ganze auch ist, wird doch vielen Thirtysomethings die ein oder andere Elterntelefonate-Passage leicht bekannt vorkommen – ob es nun um IT-Probleme, das Wetter oder die Weihnachtsplanung geht. Oder um den siebten Sinn, mit den einen die eigenen Eltern doch manchmal ganz unverhofft in Erstaunen versetzen. Mir hat das Buch gute Laune gemacht – genau wie die Entdeckung, dass sich viele der Telefonate auch als Podcast nachhören lassen: https://www.sebastianlehmann.net/podcast

Verlag: Goldmann
Seitenzahl: 240
Erscheinungsdatum: 15. Oktober 2018
ISBN: 978-3442159628
Preis: 9,00 € (E-Book: 8,99 €)