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20. November 2021

Bernhard Schlink: Die Enkelin

Stimmig und fordernd.

Dass der kinderlose Buchhändler Kaspar Wettner je Großvater werden würde, hat er selbst nicht kommen sehen. Doch nach dem Tod seiner Frau Brigit deckt er deren Lebenslüge auf: Birgit hatte eine Tochter, die sie gleich nach der Geburt weggegeben hat – nur wenige Monate, bevor sie 1965 aus der DDR zu ihm nach Westdeutschland geflohen ist, wo sich die beiden in Berlin ihr gemeinsames Leben aufgebaut haben. Nun erfährt Kaspar, dass seine Frau lange damit gerungen hat, die verlorene Tochter wiederzufinden und beschließt, an ihrer Stelle zu suchen. Schließlich begegnet er Birgits Enkelin. Die beiden trennt vieles – ihre einzige Gemeinsamkeit ist die Neugier aufeinander.


In seinem neuesten Roman entführt Bernhard Schlink seine Leserinnen und Leser zunächst in eine andere Zeit und dann in eine andere Welt. Erst wird Birgits Geschichte erzählt, das Aufwachsen in der DDR thematisiert, ihre Abwendung vom Staat, ihre Flucht. Der westdeutsche Kaspar hat die DDR nur als Besucher erlebt, doch weitaus fremder als sie ist ihm die Welt, in der Birgits Enkelin Sigrun heranwächst: Sie lebt in einer völkischen Gemeinschaft mit klaren Feindbildern. Kaspar versucht, dem Mädchen seine Welt zu zeigen – unter den wachsamen Blicken der Eltern. Das fragile Band zwischen den beiden zieht sich über ein Spannungsfeld. Ich habe mitgebangt, ob es hält.

Egal welcher Weltanschauung, welchem Stück Zeitgeschichte sich Bernhard Schlink annimmt – er schildert es virtuos und scheut dabei weder Widerspruch noch Kritik. Mit klarer, präziser Sprache hat er auch hier wieder einen Roman geschaffen, bei dem einfach alles stimmt. Die Geschichte ist tragisch, stimmig und aufwühlend in einem, die Figuren haben Ecken, Kanten und immer Tiefgang. Es gelingt dem Autor, alle unterschiedlichen Motivationen irgendwie verständlich erscheinen zu lassen, ohne dass er es einer der Hauptfiguren besonders leicht machen würde. Denn eine klare Einteilung in schwarz und weiß, gut und böse – die gibt es bei Schlink nie. Ein sehr lesenswerter Roman, der extrem unterschiedliche deutsche Leben porträtiert und seine Leserinnen und Leser auch immer wieder dazu herausfordert, Position zu beziehen.

Verlag: Diogenes
Seitenzahl: 368
Erscheinungsdatum: 27. Oktober 2021
ISBN: 978-3257071818
Preis: 25,00 € (E-Book: 21,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

4. November 2021

Marc Balzano: Wenn ich wiederkomme

Die im Dunkeln sieht man nicht.

Eine Mutter verlässt ihre Familie und es fällt ihr so schwer, dass sie sich nicht mal verabschiedet. So beginnt Marc Balzanos neuester Roman; eine tragische und doch leichtgängig erzählte Geschichte, die mich nicht mehr losgelassen hat. Danielas Kinder und Mann bleiben nicht lange im Unklaren: Die Rumänin hat einen Zettel hinterlassen und meldet sich auch schon bald – aus Mailand, wo sich Daniela nun um einen Pflegebedürftigen kümmert. Win-win, könnte man meinen – sie verdient Geld, mit dem sie ihren Kindern im rumänischen Heimatdorf eine gute Ausbildung finanziert sowie den Ausbau des Eigenheims, während der alte Mann dank ihr in seiner gewohnten Umgebung bleiben kann. Aber es ist ebenfalls Lose-lose: Daniela hat nie zuvor als Pflegerin gearbeitet und auch keine Neigung zu dem Beruf. Sie ist ein anständiger Mensch und kümmert sich fast rund um die Uhr so gut um den Patienten, wie es ihr – auch psychisch – möglich ist. Ideal ist die Situation jedoch für keinen von beiden.


Doch zunächst geht es in „Wenn ich wiederkomme“ weniger um Daniela und mehr um die Familie, die sie zurücklässt: ihren arbeitslosen Mann, ihre im Nachbarhaus wohnenden Eltern und ihre Kinder, die fast erwachsene Tochter Angelica und den zwölfjährigen Manuel. Letzterer scheint unter der Abwesenheit der Mutter am meisten zu leiden, ihre täglichen Anrufe sind kein Ersatz und halten die gegenseitige Entfremdung kaum auf. Seine schulischen Leistungen lassen nach, er zieht sich zurück. Und dann passiert etwas.

Marc Balzano skizziert ein Modell, das in vielen europäischen Ländern gelebt wird: Die osteuropäische Pflegekraft, die als 24-Stunden-Inhouse-Hilfe im Westen ihr Geld verdient – mehr Geld, als es ihr in ihrer Heimat möglich wäre (und natürlich weniger, als eine Einheimische oder ein Einheimischer bekommen würde). Doch der Autor widmet sich auch dem in der Regel unbeachteten Thema, das dahintersteht: Wie geht es eigentlich denen, die zurückbleiben? Und denen, die irgendwann zurückkehren? In „Wenn ich wiederkomme“ habe ich zum ersten Mal von der Italienkrankheit gelesen. Danielas Auslandsjahre gehen an keinem Familienmitglied spurlos vorbei; aufzuholen sind sie erst recht nicht. Hat sich ihr Opfer gelohnt?

Eine große Stärke dieses sehr gelungenen Romans ist, dass er keine einfachen Lösungen serviert, Haupt- und Nebenfiguren nicht in gut und böse einteilt und auch sonst nicht urteilt. Balzano bietet einen Einblick in verschiedene Schicksale und sensibilisiert für eine Thematik, über die gerne hinweggeschaut wird. Ein Roman über die fast Unsichtbaren, die in der Pflege vielerorts unersetzlich geworden sind – und über die Lücken, die sie woanders hinterlassen.

Verlag: Diogenes
Seitenzahl: 320
Erscheinungsdatum: 29. September 2021
ISBN: 978-3257071702
Preis: 22,00 € (E-Book: 18,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

29. Oktober 2021

Laetitia Colombani: Das Haus der Frauen

Hommage an einen besonderen Ort.

Laetitia Colombanis erster Roman „Der Zopf“ war bereits ein Bestseller und hat mir im Großen und Ganzen gut gefallen. Ihr zweites Buch „Das Haus der Frauen“ ist allerdings noch besser.


Colombani hat einen unverwechselbaren Stil, der gleichzeitig temporeich und flüchtig ist. Es ist nicht so, als würden sich die Ereignisse in ihren Romanen ständig überschlagen, doch trotzdem hatte ich in „Der Zopf“ wie auch hier den Eindruck, mit der Autorin durch die Geschichten zu rasen. Colombani erzählt, ohne ein Wort zu viel zu verlieren. Detaillierte Beschreibungen, tiefergehende Charakterstudien oder die Ausgestaltung kleiner Szenen sind nicht ihr Ding. Ich hatte ständig den Drang, mich selbst beim Lesen zu bremsen, um ja nichts zu verpassen. Und gleichzeitig gelingt es ihr, in dieser Knappheit trotzdem alles Wesentliche zu erzählen und eine Atmosphäre zu schaffen.

„Das Haus der Frauen“ erzählt abwechselnd die Geschichten von Blanche und Solène. Beide leben in Paris, Erstere jedoch vor fast 100 Jahren. Blanche ist seit vielen Jahrzehnten bei der Heilsarmee und kämpft unermüdlich gegen Armut und Elend, als sie und ihr Mann Albin 1925 ihr größtes Projekt in Angriff nehmen: Die Gründung eines großen Frauenhauses in Paris – es gilt als das erste seiner Art in der französischen Hauptstadt. Und es existiert noch heute!

In der Gegenwart sucht Solène diesen Ort auf – nicht als Zufluchtssuchende und eher widerwillig. Ein traumatisches Ereignis hat sie aus der Bahn geworfen, ihre Ärzte empfehlen ihr eine sinnstiftende Aufgabe, um langsam wieder in den Alltag zurückzufinden. Im „Haus der Frauen“ wird eine Schreiberin gesucht, die den Bewohnerinnen einmal pro Woche bei Schriftarbeiten aller Art hilft. Juristin Solène hat mit Behördenkram gerechnet, doch tatsächlich haben die Frauen ganz andere Wünsche an sie.

Und so wird die Geschichte dieses besonderen Ortes erzählt. Wie die Vision einer einzelnen Frau schließlich ein Obdach für viele entstehen ließ, ist hierbei sicher die bedeutendere Erzählung – vor allem, da sie wahr ist. Bei Solène geht es dagegen um einige Einzelschicksale, die Colombani reduziert, aber trotzdem sehr empathisch darstellt. Und so ist „Das Haus der Frauen“ im Ganzen eine Hommage an einen besonderen Ort in Paris, der manchen eine Perspektive gibt, die schon die Hoffnung darauf verloren hatten. Die Geschichte der Blanche Peyron scheint vor diesem Roman weitestgehend in Vergessenheit geraten zu sein; dass ihre Lebensleistung literarisch gewürdigt wird, ist hochverdient.

Verlag: Fischer Taschenbuch
Seitenzahl: 256
Erscheinungsdatum: 24. Februar 2021
ISBN: 978-3596700103
Preis: 11,00 € (E-Book: 9,99 €)

24. August 2021

Mithu Sanyal: Identitti

Wild, herausfordernd und Buchpreis-nominiert.

Heute ist die Longlist für den Deutschen Buchpreis 2021 veröffentlicht worden. Ich habe mich sehr gefreut, „Identitti“ von Mithu Sanyal darauf zu finden!


Auf dem Cover dieses Romans ist die hinduistische Göttin Kali abgebildet: stark, wild und kämpferisch. Und genauso verhält sie sich als imaginäre Gesprächspartnerin der Hauptfigur Nivedita, die wiederum unter den Künstlernamen Mixed-Race Wonder-Woman und Identitti einen Blog schreibt, der letzteren außerdem als Titel hat. Und so verwirrend das vielleicht schon klingen mag – es ist erst der Anfang von „Identitti“.

Autorin Mithu Sanyal verlangt ihren Leserinnen und Lesern einiges ab – zumindest solchen wie mir, die sich mit Identitätspolitik noch kaum beschäftigt haben. Für Hauptfigur Nivedita, Düsseldorfer Studentin der Postcolonial Studies, ist es dagegen ein urvertrautes Themengebiet, in dem sie es durch Social Media sogar zu einer gewissen Prominenz gebracht hat. Kein Wunder also, dass es ihr den Boden unter den Füßen wegzieht, als die von ihr verehrte, charismatische Lehrstuhlinhaberin Saraswati in der Presse geoutet wird – als deutschstämmig und weiß. Saraswati hatte vorgegeben, indische Wurzeln zu haben; nun kommt raus, dass sie nur durch diverse Eingriffe wie eine PoC aussieht und mit bürgerlichem Namen Sarah Vera Thielmann heißt.

Dass die Frau, der sie ihre eigene Selbstfindung verdankt, die Welt und sie so schamlos betrogen hat, stürzt Nivedita in eine Identitätskrise. Nach der ersten Ohnmacht beschließt sie, Ex-Saraswati (wie die Professorin inzwischen in den sozialen Medien genannt wird) zur Rede zu stellen. Doch diese erscheint kein bisschen zerknirscht, sondern fabuliert von ihrer Überwindung des Weißseins. Und ab da wird diskutiert, demonstriert, angeklagt, geweint, verteidigt und es kommen weitere überraschende Enthüllungen auf den Tisch. „Identitti“ ist ein so dialoglastiger wie temporeicher Roman, in dem immer wieder Blogbeiträge, Twitter-Posts und E-Mail-Einschübe vorkommen. Ich brauchte ein bisschen, um mich an Nivedita zu gewöhnen, aber nach den ersten Kapiteln war ich in ihrer Denke soweit drin, dass mich Buch und Themen gepackt haben und mich selbst die Zwiegespräche mit der vielarmigen Kali nicht mehr irritierten. Ein schillernder, wilder und oft auch abgedrehter Roman, der seinen Leserinnen und Lesern immer wieder abverlangt, die eigene Position in Frage zu stellen und dem Denken eine neue Richtung zu geben. Wenn man sich auf „Identitti“ einlässt, ist es ein intensives und herausforderndes Lesevergnügen.

Verlag: Hanser
Seitenzahl: 432
Erscheinungsdatum: 15. Februar 2021
ISBN: 978-3446269217
Preis: 22,00 € (E-Book: 16,99 €)

11. Juli 2021

Daniela Krien: Der Brand

Sommer unterm Brennglas.

Auf dem Cover dieses Romans scheint die titelgebende Feuersbrunst abgebildet zu sein. Doch von dem Brand, der am Anfang dieser Geschichte steht, wird nur telefonisch berichtet. Die 49-jährige Hauptfigur Rahel erfährt kurz vor der Abreise, dass das seit Langem für den Sommerurlaub gebuchte Quartier abgebrannt ist. Und so fahren sie und ihr Mann Peter nicht in die Alpen, sondern in die Uckermark und hüten dort den Hof von Freunden, was mehr eine Pflichtübung als die ersehnte Auszeit ist. Dabei wollten sie doch Kraft tanken und einander wieder näherkommen – letzteres hatte sich zumindest Rahel erhofft. Als dann noch ihre Tochter mit den beiden Enkelkindern bei dem Paar einfällt, scheint jegliche Entspannung in weite Ferne gerückt.

„Der Brand“ handelt also von Familie, ist aber weit davon entfernt, eine amüsante Generationengeschichte zu sein. Und das liegt vor allem am sezierenden Stil von Autorin Daniela Krien, die unaufgeregt und schonungslos Gefühle und Situationen schildert. Dabei schafft sie es, ihre Figuren komplex zu charakterisieren, ohne sie zu bewerten oder die Sympathien klar zu verteilen. Krien ist eine dichte Erzählung gelungen, die sich aber auch durch eine überraschende Leichtigkeit auszeichnet, weil einige Themen nur angedeutet und längst nicht alle Krisen detailliert beschrieben oder gar gelöst werden. Dadurch wirkt der Roman sehr lebensnah. Sein großes Thema ist weniger die Geschichte einer Familie oder einer Ehe, sondern die Veränderung von Menschen und ihren Beziehungen im Laufe des Lebens. Die Autorin fängt beides auf eine leise, fast nebensächliche Art und Weise ein, aber ihre präzisen Beobachtungen haben mich das ein oder andere Mal kalt erwischt und einige Sätze hallen nach. Daniela Kriens Roman hinterlässt Spuren.

Verlag: Diogenes
Seitenzahl: 272
Erscheinungsdatum: 28. Juli 2021
ISBN:‎ 978-3257070484
Preis: 22,00 € (E-Book: 18,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

6. Juni 2021

Katharina Döbler: Dein ist das Reich

Auf Südsee-Mission.

„Dein ist das Reich“ – was für ein mächtiger Titel. Er scheint gleich auf Mehreres anzuspielen: auf das Gottvertrauen der Protagonisten, aber auch auf das Reich Gottes, das sie den Papua auf Neuguinea nahebringen wollen. Die Idee, in ein fremdes Land einzudringen und den Einheimischen die eigene Kultur aufzuzwingen, könnte ebenfalls mitschwingen. Denn um all das geht es in diesem Buch, in dem die Autorin Katharina Döbler ihre eigene Familiengeschichte verarbeitet.


1913 verlassen Döblers spätere Großväter Heiner Mohr und Johann Hensolt ihre fränkische Heimat und begeben sich auf eine lange Schiffsreise – noch nicht ahnend, dass sie dadurch dem Ersten Weltkrieg entgehen werden. Die jungen Männer sind von dem lutherischen Missionswerk in Neuendettelsau entsandt und auf dem Weg nach Kaiser-Wilhelms-Land, wie die deutsche Südsee-Kolonie heißt. Johann wird dort als Missionar arbeiten und Heiner als Pflanzer für die Bewirtschaftung einer Palmenplantage verantwortlich sein. Beide sind erst Anfang zwanzig.
Nach dem Ersten Weltkrieg wird die Kolonie australisches Mandatsgebiet, doch die deutschen Missionsabgesandten dürfen bleiben und sogar ihre Bräute aus Deutschland nachholen. Marie und Linette sind grundverschieden und lernen sich auch erst viele Jahre später kennen, da die Familien in unterschiedlichen Teilen Neuguineas leben. Doch ihre Kinder, von denen sich zwei – Döblers Eltern – nach dem Zweiten Weltkrieg verloben werden, eint die Sehnsucht nach dem inzwischen verlorenen Paradies.

Man kann sich heute kaum vorstellen, wie es ist, die Heimat zu verlassen, um in einem Land zu leben, das man nur von ein paar Reiseberichten und Schwarzweißfotografien kennt. Und dann geht es noch nicht mal „nur“ um das Leben in der Fremde, sondern sie soll auch noch nach deutschen Vorstellungen bewirtschaftet und gestaltet werden, die indigenen Völker erzogen und missioniert. Die vier Franken glauben an ihren Auftrag, gehen mit der Herausforderung jedoch so unterschiedlich um wie mit dem später aufkeimenden Nationalsozialismus.

Döblers Roman tastet sich behutsam an die fiktionalisierten Schicksale ihrer Großeltern heran. Immer wieder werden alte Fotos und ihre Erinnerungen an Gespräche mit Familienangehörigen beschrieben. Doch am Lebendigsten lesen sich die Geschehnisse in Neuguinea. Was Kolonialismus bedeutet, wie Mission funktioniert – oder eben auch nicht: Döbler macht diese Themen nahbar. „Dein ist das Reich“ ist keine leichte oder bequeme Kost, der koloniale Rassismus und die Verkennung der politischen Entwicklung schmerzen ab und zu richtiggehend. Die unterschiedlichen Haltungen von Linette, Johann, Marie und Heiner regen außerdem zum Nachdenken an: Welche Irrungen sind im historischen Kontext nachvollziehbar – und welche nicht? Was macht Macht mit Menschen? Eine spannende Ergänzung wäre die Sicht der Papua auf die beschriebenen Missionsabgesandten, doch diese hätte den Roman sicher gesprengt. „Dein ist das Reich“ zerrt ein Stück eher unbekannter deutscher Kolonialgeschichte ans Licht, gewährt einen vielschichtigen Zugang dazu und trägt dazu bei, es vor dem Vergessen zu bewahren.

Verlag: Claassen
Seitenzahl: 480
Erscheinungsdatum: 3. Mai 2021
ISBN: 978-3546100090
Preis: 24,00 € (E-Book: 21,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

18. April 2021

Leïla Slimani: Dann schlaf auch du

Das unvorstellbare Grauen.

Eine Nanny, die ihre Schützlinge ermordet – das klingt albtraumhaft und ist eigentlich kein Thema, über das ich Romane lesen möchte. Für dieses Buch habe ich zum Glück eine Ausnahme gemacht und konnte mich seinem Sog kaum entziehen.


Das Grauen ist auf den ersten Seiten von „Dann schlaf auch du“ bereits passiert: Louise, die „Nounou“ von Kleinkind Mila und Baby Adam, hat das ihr anvertraute Geschwisterpaar umgebracht. Es scheint unfassbar, war sie doch der Glücksfall, die gute Fee, die dem Ehepaar Myriam und Paul ermöglichte, trotz Kindern Karriere zu machen. Die ganz selbstverständlich Überstunden schob, Gäste bekochte, das Haus gemütlich und rein hielt. Die sich bereits nach wenigen Tagen unersetzlich gemacht hatte, nie etwas forderte und nie klagte.
Und ihre Arbeitgeber? Ein junges, ehrgeiziges Paar, das alles richtig machen wollte – auch wenn der Spagat zwischen familiärer Nähe und professioneller Distanz bisweilen seine Tücken hatte.

Die große Frage, die die Lektüre von „Dann schlaf auch du“ von Anfang an begleitet, ist natürlich die nach dem Warum. Leïla Slimani liefert keine einfachen Antworten darauf. Sie schildert stattdessen, wie Myriam und Paul Louise erstmals treffen, sie einstellen und wie das Leben mit Nounou so läuft. Ab und an berichten kurze Kapitel von Louises Leben außerhalb der Altbauwohnung der Familie im 10. Arrondissement von Paris. Hinzu kommen nach und nach kleine Einblicke in die Vergangenheit. Und so baut sich eine untergründige Spannung auf, die kaum zu erfassen und noch schwieriger zu beschreiben ist. Klar ist nur: Es bahnt sich etwas an.

Slimanis Figuren sind komplex. Die Autorin legt ihre Gedanken und Gefühle nicht komplett offen, macht sie aber doch in vielen kurzen Kapiteln hinreichend nahbar. Für mich hätte dieser Roman durchaus länger und ausführlicher sein können, speziell die Perspektive einer nur in Rückblicken auftauchenden Nebenfigur hätte mich sehr interessiert. Dennoch: Als Komposition ist „Dann schlaf auch du“ perfekt. Und hat mich nachhaltiger beeindruckt als so mancher Thriller.

Verlag: Luchterhand
Seitenzahl: 224
Erscheinungsdatum: 21. August 2017
ISBN: 978-3630875545
Preis: 20,00 € (Taschenbuchausgabe: 10,00 €, E-Book: 9,99 €)

28. März 2021

Cho Nam-Joo: Kim Jiyoung, geboren 1982

Ausweglos.

Laut Kiepenheuer & Witsch wurden weltweit bislang über zwei Millionen Exemplare dieses südkoreanischen Romans verkauft. Dass die nüchtern erzählte Geschichte vielerorts einen Nerv trifft, ist gut vorstellbar: „Kim Jiyoung, geboren 1982“ handelt von der systematischen Benachteiligung von Frauen.


Die Südkoreanerin Kim Jiyoung ist verheiratet und Mutter einer kleinen Tochter, als sie 2015 plötzlich schizophrene Schübe erleidet. Sie schlüpft gegenüber ihrem Mann in die Rolle ihrer Mutter, ihres Kindes oder einer Freundin und artikuliert deren Bedürfnisse, als wären es ihre. Danach kann sie sich an nichts erinnern. Im Folgenden arbeitet ein Psychiater Jiyoungs Lebensgeschichte auf, die in diesem Buch erzählt wird.

Der Ton des Romans ist dann auch sachlich berichtend und hat mich gerade dadurch berührt. Hier wird nicht erklärt oder bewertet, sondern ein durchschnittliches Frauenleben beschrieben. Für Jiyoungs Familie beginnt es bereits mit einer Enttäuschung, hatte diese doch auf einen Sohn gehofft. Werden Jiyoung und ihre ältere Schwester dennoch von ihren Eltern geliebt? Nichts spricht dagegen. Aber sie sind eben „nur“ Mädchen. Mädchen, die in einer erschreckend patriarchalischen Gesellschaft von Beginn an systematisch diskriminiert werden. Und die dennoch viel mehr Möglichkeiten und Freiheiten haben als ihre Mütter und Großmütter und dadurch in einem seltsamen Spannungsfeld aufwachsen.

Ungewöhnlich wird die Geschichte dadurch, dass Jiyoung eben nicht die rebellierende Heldin ist, über die normalerweise Romane geschrieben werden. Schon auf dem Cover ist sie gesichtsloser Durchschnitt. Jiyoung akzeptiert die Sonderstellung des kleinen Bruders. Sie geht nicht auf die Barrikaden, weil Mädchen keine Klassensprecherinnen werden können. Sie wird nicht wütend, wenn man ihr Schuldgefühle einredet, weil Jungen sie belästigen. Kurz gesagt ist sie so, wie die Gesellschaft sie haben möchte: folgsam, angepasst, diszipliniert und strebsam. Jiyoung ist von klein auf bewusst, dass sie besser sein muss als ihre männlichen Altersgenossen. Doch sie erfährt auch immer wieder, dass selbst das nicht reicht, um annähernd gleiche Chancen zu bekommen: in der Schule, im Studium, im Job.

Autorin Cho Nam-Joo unterfüttert ihren Roman ab und an mit Fußnoten, in denen sie genannte Zahlen belegt, z.B. zu Abtreibungen oder zum Gender-Pay-Gap. Die lakonische Erzählung bekommt dadurch noch mehr Gewicht. Die männlichen Nebenfiguren bleiben blass in diesem Roman, Protagonistin Jiyoung ist es jedoch auch – auf eine erschütternde Weise. Sie ist nicht die sanfte Lenkerin ihres Mannes, wie ihre Mutter. Sie begehrt nicht auf, wie ihre Schwester. Sie erfüllt die Erwartungen, wie sie es von Kindesbeinen an gelernt hat. Und führt den Lesenden vor Augen, was sie davon hat: nicht das Leben, das sie wollte.
Die Situation in Südkorea ist speziell, Jiyoungs Geschichte jedoch trotzdem universell – einzelne Aspekte ihres Lebens werden überall nachvollzogen werden können. Und so entwickelt dieser emotionslos und kompakt erzählte Roman einen ganz eigenen, traurigen Nachhall und rüttelt gerade dadurch auf.

Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Seitenzahl: 208
Erscheinungsdatum: 11. Februar 2021
ISBN: 978-3462053289
Preis: 18,00 € (E-Book: 14,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

21. März 2021

Benedict Wells: Hard Land

Der Sommer seines Lebens.

Seit „Vom Ende der Einsamkeit“ greife ich ungesehen zu, wenn ich einen Roman von Benedict Wells sehe. Egal, was seine Protagonisten umtreibt, ich kann auf jeden Fall mit ihnen mitfühlen, denn Wells beschreibt ihr Innenleben so einfühlsam wie es nur wenigen Autoren und Autorinnen gelingt. Auch dieses Buch hat mich wieder komplett begeistert.


Eine von Benedict Wells' Figuren sammelt gelungene erste Sätze und ich bin mir ziemlich sicher, dass ihr auch der Beginn von „Hard Land“ gefallen hätte: „In diesem Sommer verliebte ich mich, und meine Mutter starb.“ Was für ein Einstieg! Ich-Erzähler Sam berichtet davon, wie sich sein ganzes Leben innerhalb weniger Wochen verändert. Ein Leben, in dem sich der fast 16-jährige Außenseiter nicht allzu wohl fühlt: Seine Heimatstadt Grady ist ziemlich verschlafen, sein einziger Freund weggezogen, sein Vater arbeitslos und seine Mutter hat einen Hirntumor. Doch als er in den Sommerferien einen Job im örtlichen Kino annimmt, lernt er Cameron, Hightower und Kirstie kennen, die Grady im Herbst verlassen und aufs College gehen werden. Erst belächeln sie Sam, aber schließlich wird aus der Dreier- eine Viererclique. Und so wird dieser Sommer aufregend, wundervoll und komisch, aber auch todtraurig. Und am Ende ist Sam ein anderer.

Benedict Wells ist 1984 in München geboren, sein Roman spielt nur ein Jahr später in Missouri. „Hard Land“ liest sich allerdings so atmosphärisch dicht, dass nicht nur der Autor die staubigen Straßen des Mittleren Westens bestens zu kennen scheint, sondern man sie selbst vor sich sieht. Neben Gradys Kinoprogramm, das ein Wiedersehen mit „Zurück in die Zukunft“ und anderen Klassikern möglich macht, wird auch die Musik der 80er immer wieder erwähnt: sie läuft im Fernsehen, auf Partys und im Bruce-Mobil, in dem ausschließlich Springsteen-Songs gespielt werden dürfen. Am Ende des Romans hat Wells den Soundtrack zum Buch sogar aufgelistet; wobei ich schon beim Lesen Ohrwürmer von „I’m on fire“ und „Dancing with myself“ bekam.

Die Geschichte wirkt bis ins kleinste Detail stimmig, aber vor allem berührt sie. „Hard Land“ ist ein sensibel erzählter Coming-of-Age-Roman, der weder vor den großen noch kleinen Emotionen zurückschreckt, ohne je ins Rührselige abzudriften. Einfühlsam und vor allem großartig geschrieben, widmet er sich einem ganz besonderen Sommer und enthält dabei ein paar Wahrheiten, die nostalgisch und nachdenklich machen. Absolute Empfehlung.

Verlag: Diogenes
Seitenzahl: 352
Erscheinungsdatum: 24. Februar 2021
ISBN: 978-3257071481
Preis: 24,00 € (nur als Hardcover erhältlich, nicht als E-Book)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

3. März 2021

Sharon Bala: Boat People

Wenn die Humanität auf der Strecke bleibt.

Dieser beeindruckende Roman zeigt Kanada als Einwanderungsland. Sharon Bala beschreibt es aus der Perspektive eines tamilischen Flüchtlings, einer Jurastudentin und einer Asyl-Entscheiderin. Der Flüchtling, Mahindran, richtet all seine Hoffnung auf ein neues Leben mit seinem sechsjährigen Sohn Sellian, nachdem ihre komplette Familie im sri-lankischen Bürgerkrieg umgekommen ist. Als sie dann aber 2009 mit 500 anderen Tamilen auf einem verrosteten Frachter in British Columbia ankommen, werden sie getrennt: Während Frauen und Kinder zusammenbleiben, werden die männlichen Flüchtlinge separat in einem leeren Gefängnis untergebracht und warten da auf ihre Anhörungen – monatelang. Sellian kommt zu einer kanadischen Pflegefamilie, die kein Wort Tamil spricht. Seinen Vater sieht er nur noch samstags im Gefängnis.


Die Jurastudentin Priya befasst sich im Rahmen eines Praktikums wider Willen mit dem Fall – eigentlich möchte sie sich auf Körperschaftsrecht spezialisieren, doch ein Senior Counsel der Kanzlei vereinnahmt sie, um die Flüchtlinge auf ihre Anhörungen vorzubereiten. Nicht ganz zufällig, denn Priya hat tamilische Wurzeln. Und dann ist da noch Grace Nakamura, die als Mitglied einer Prüfungskommission darüber entscheidet, ob die Tamilen in Kanada einen Asylantrag stellen dürfen. Sie soll die Schwarzweiß-Maßstäbe einer reichen Industrienation auf die 500 Männer, Frauen und Kinder anwenden, die in Sri Lanka um das nackte Überleben kämpfen mussten und stößt dabei an ihre Grenzen. Und auch privat lässt sie das Thema Einwanderung nicht los: Bei ihrer demenzkranken Mutter kommen Kindheitserinnerungen hoch; Graces Großeltern sind selbst als japanische Flüchtlinge ins Land gekommen.

Balas Geschichte ist universell: Die „Boat People“ könnten aus jedem Krisengebiet stammen und statt Kanada auch ein anderes westliches Land angesteuert haben. Der Roman handelt von Flucht und Vertreibung, Terrorangst und Bürokratie. Bala wertet nur selten; sie zeigt Verständnis für alle Seiten und verdeutlicht dabei still und leise, wie die Humanität auf der Strecke bleibt. Und dass niemand als „Boat People“ geboren wird; dass es keine leichtfertige Entscheidung ist, die Heimat zu verlassen und auf ein marodes Schiff zu steigen. Manchmal liest sich der Roman herzzerreißend, wenn z.B. in Rückblicken erzählt wird, was der Abzug der Vereinten Nationen aus dem tamilischen Rebellengebiet für die Zivilbevölkerung bedeutete. Es gibt aber auch kleine Lichtblicke: Die Mitmenschlichkeit, die man im System vergebens sucht, existiert im Kleinen, Privaten durchaus.
Die „Boat People“ rühren an etwas, vor dem man nur zu gern die Augen verschließt: dem Leid der anderen, die weit weg leben. Sharon Bala bringt den Lesenden das Thema Migration ganz, ganz nah.

Verlag: Mitteldeutscher Verlag
Seitenzahl: 480
Erscheinungsdatum: 7. August 2020
ISBN: 978-3963112690
Preis: 21,99 € (E-Book: 28,00 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

24. Februar 2021

Bernadine Evaristo: Mädchen, Frau etc.

Etwas ganz Besonderes.

Was für ein Buch! Die Protagonistinnen sind alle sehr unterschiedliche Charaktere, die innerhalb einer Zeitspanne von ca. 100 Jahren geboren wurden, größtenteils in England. Sie eint, dass sie Persons of Color (BPoC) sind und unter anderem afrikanische Wurzeln haben.


Die Autorin Bernadine Evaristo gibt den Geschichten in „Mädchen, Frau etc.“ Struktur, indem sie die ersten vier Kapitel nach dem gleichen Schema anordnet: mit je drei Unterkapiteln, die jeweils den Namen der Figur tragen, deren Leben auf ungefähr 40 Seiten beleuchtet wird. Zwei der drei Unterkapitel-Protagonistinnen sind außerdem Mutter und Tochter, die dritte zumindest mit einer von beiden bekannt. Los geht es mit Amma, einer bisexuellen Theaterregisseurin kurz vor der Premiere ihres ersten im National Theatre in London aufgeführten Stücks. Und mit der nachfolgenden Premierenparty schließt sich auch der Kreis; ihr ist das fünfte und letzte Kapitel dieses Romans gewidmet.

Der klare Aufbau hat mir bei der Orientierung im Buch geholfen; der Zusammenhang der episodenhaften Geschichten lässt sich gut erfassen. Ich empfehle Lesepausen und habe nach jeder Frauenfigur eine gemacht. Die geschilderten Erfahrungen und Entwicklungen sind so verschieden, dass ich sie erst einmal auf mich wirken lassen wollte. Evaristo ergründet die Charaktertiefen ihrer Figuren; auf verhältnismäßig wenigen Seiten kommt sie jeder Einzelnen sehr nah. Das liest sich intensiv und nicht immer ganz einfach. Kapitel, deren Fokus auf zwischenmenschlichen Verwicklungen liegt, habe ich zum Teil verschlungen, andere beschäftigen sich expliziter mit dem Genderthema und sind dadurch theoretischer. Im Laufe des Kapitels zu Megan/Morgan wurde mit „sier“ sogar ein neues Personalpronomen verwendet, von dem ich noch nie gehört hatte, weswegen es meinen Lesefluss erst einmal ziemlich ausgebremst hat.
An Evaristos besonderen Stil habe ich mich dagegen schnell gewöhnt: Sie benutzt kaum Punkte, sondern Absätze, um ihre Sätze zu strukturieren. Dass die Zeichen am Ende eines Satzes meist fehlen, ist mir kaum aufgefallen, aber mit ihren Absätzen verleiht die Autorin ihrem Text noch einmal viel mehr Wucht und betont zum Teil sogar einzelne Wörter, was das Leseerlebnis extra eindrücklich werden lässt.

Mich hat sehr fasziniert, wie Evaristo ihre Frauenfiguren mit deren vielfältigen Geschichten und Erfahrungen zum Leben erweckt. Sie sind so divers, wie Frauen nur sein können: aufopferungsvoll, borniert, ehrgeizig, ängstlich, rassistisch, stolz, fürsorglich, arrogant, verliebt, gehässig, antriebslos … Die Geschichte jeder einzelnen hätte für die Hauptfigur eines eigenen Romans gereicht, und mehr als einmal habe ich mir gewünscht, dass die Autorin noch einen über sie schreiben wird: z.B. über Bummi, die in Nigeria eine von Verlusten geprägte Kindheit hatte und das Leben ihrer Tochter Carole, einer Oxford-Absolventin, kaum mehr nachvollziehen kann. Oder über ebendiese Carole, die ein Trauma überlebt, Freundschaften geopfert, gekämpft und sich angepasst hat, um es als schwarze Frau in der Londoner Businesswelt nach oben zu schaffen, die aber trotzdem nicht glücklich wirkt. Über Hattie, die ihren Hof bis ins hohe Alter allein bewirtschaftet und ihre weitverzweigte Nachkommenschaft zu großen Teilen nicht besonders mag. Sie alle sind stark und verletzlich und haben Erfahrungen gemacht, die man sich kaum vorstellen kann, wenn man weiß ist. Bernadine Evaristos Roman ist horizonterweiternd, bereichernd, sensationell gut geschrieben und hat mich sowohl begeistert als auch zum Nachdenken angeregt.

Verlag: Tropen
Seitenzahl: 512
Erscheinungsdatum: 23. Januar 2021
ISBN: 978-3608504842
Preis: 25,00 € (E-Book: 19,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

1. Februar 2021

T. C. Boyle: Sprich mit mir

Zwischen Tier und Mensch.

Ich hatte vorher noch nie einen Roman von T. C. Boyle gelesen, aber das hier wird ganz bestimmt nicht mein letzter gewesen sein. In dieser besonderen Geschichte geht es um verschwimmende Grenzen und darum, was möglich ist, was moralisch ist, was das Beste ist – aber auch um Liebe und Vertrauen aus einer gänzlich ungewöhnlichen Perspektive.


Kommunikation ist ebenfalls ein großes Thema, wie der Titel „Sprich mit mir“ schon erahnen lässt. Hauptfigur Sam kann zwar nicht sprechen, sich aber in Zeichensprache verständlich machen sowie zuhören. An und für sich mag das noch nicht so ungewöhnlich sein – doch Sam ist ein Schimpansenkind. Ein 10.000 Dollar-Menschenaffe, der im Rahmen eines Spracherwerb-Forschungsprojekts von Professor Guy Schermerhorn menschlich erzogen wird. Und so wächst Sam in einem kalifornischen Ranchhaus auf, lernt sich mit Menschen zu verständigen, isst Cheeseburger und schläft in einem Bett. Sogar ins Fernsehen schafft er es, als Guy mit ihm in einer Rateshow auftritt. Dadurch erfährt die introvertierte Studentin Aimee von dem Forschungsprojekt und wird kurz darauf von Guy als Hilfskraft eingestellt. Sie und Sam haben sofort eine Verbindung zueinander und schon bald ist die Beziehung zu ihrem Schützling die wichtigste in Aimees Leben. Für Guys Mentor, Dr. Moncrief, ist der Schimpanse jedoch nur eines von vielen teuren Versuchstieren – und sein Eigentum. Und als er beschließt, die Forschung einzustellen und Sam in seinen Schimpansenstall nach Iowa zu holen, stellt das nicht nur dessen Leben auf den Kopf.

Zwei unterschiedliche Perspektiven wechseln sich in diesem Roman kapitelweise ab: Eine menschliche (meist Aimees) und Sams tierische. Die Kapitel aus Sams Sicht sind wesentlich kürzer und handeln von seinen Empfindungen und Bedürfnissen. Die Gedanken des menschlich aufgezogenen Affens erscheinen sowohl tierisch als auch ziemlich gut nachvollziehbar. Ob Mensch oder Schimpanse: T. C. Boyle hat facettenreiche Charaktere erschaffen, die aus sehr unterschiedlichen Motivationen handeln und dabei durch und durch authentisch wirken. Manche Episoden greift „Sprich mit mir“ zwei- oder sogar dreimal auf; aus Sams sowie aus Aimees und/oder Guys Perspektive. Langeweile kommt dabei nicht auf, denn die unterschiedlichen Bewertungen von Situationen lesen sich spannend. Und nicht nur Aimee und Guy sinnieren ab und an, was Forschung kann und Forschung darf – auch als Leserin habe ich mir diese Frage immer wieder gestellt. Denn Sam ist zwar kein Mensch, doch auch mit seinen Artgenossen hat er nicht mehr viel gemein. Ist das gut für ihn? Bis zum Schluss habe ich mit ihm und Aimee mitgefiebert und konnte den Roman kaum mehr aus der Hand legen.

Vor einigen Tagen fand die Buchpremiere statt, wie so vieles in diesen Tagen virtuell; aber so lässt sie sich jederzeit auf dem heimischen Sofa anschauen. Die Radioeins-Aufzeichnung ist hier zu finden.

Verlag: Hanser
Seitenzahl: 352
Erscheinungsdatum: 25. Januar 2021
ISBN: 978-3446269156
Preis: 25,00 € (E-Book: 18,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

12. Januar 2021

Delia Owens: Der Gesang der Flusskrebse

Wiedersehen mit Delia Owens.

Vor einiger Zeit habe ich schon einmal ein Buch der amerikanischen Zoologin Delia Owens gelesen; allerdings keinen Roman, sondern einen autobiographischen Bericht über die Feldstudien, die sie von Mitte der 1970er bis Anfang der 1980er Jahre mit ihrem Mann Mark in Botswana durchgeführt hat – „Cry of the Kalahari“. Das Deception Valley im Central Kalahari Game Reserve, wo die beiden gecampt und das Verhalten von u.a. Löwen und Hyänen erforscht haben, ist ein unwirtlicher Ort. Sowohl das nächste Dorf als auch der Zugang zu Wasser waren damals eine mehrstündige Autofahrt entfernt. Es gab keine Kommunikationsmittel, mit denen das Ehepaar im Notfall einen Hilferuf hätten absetzen können. Dass die beiden ihr mehrjähriges Abenteuer unbeschadet überstanden haben, erscheint mir nach wie vor wie ein Wunder. Umso mehr habe ich mich gefreut, als die mittlerweile 71-jährige Owens 2019 plötzlich mit einem Belletristik-Bestseller wiederauftauchte.


In ihrem ersten Roman „Der Gesang der Flusskrebse“ beschreibt die Autorin das Marschland von North Carolina, das so ungefähr das Gegenteil der Kalahari ist: sumpfig, in Meeresnähe, voller Fische, Libellen und Vögel. Wasser gibt es im Überfluss, doch sonst fehlt es der Protagonistin Kya an fast allem: Als das Mädchen sechs Jahre alt ist, verlässt ihre Mutter die Familie und die wesentlich älteren Geschwister folgen ihr bald. Nur die kleine Kya bleibt mit ihrem Vater zurück, einem jähzornigen Säufer, der oft tagelang verschwindet. Das Kind lernt sehr schnell, kärgste Mahlzeiten zuzubereiten und sich ansonsten unsichtbar zu machen. Die Schule besucht sie nur einen einzigen Tag, ihre Freunde sind die Möwen und so wächst sie zu einer extrem menschenscheuen jungen Frau heran. Umso mehr erstaunt es, dass sie mit Anfang zwanzig einen der begehrtesten Männer aus dem nächstgelegenen Dorf umgebracht haben soll. Kann an dem Verdacht etwas dran sein – oder ist die als „Marschmädchen“ bekannte Einsiedlerin einfach ein willkommener Sündenbock?

Kya lebt in enger Verbindung zu Flora und Fauna und beobachtet diese aufs Aufmerksamste. Das Studium von Tieren und Insekten hilft ihr, die Verhaltensweisen der Menschen besser zu verstehen, doch auch für die Schönheit selbst kleinster Lebewesen hat sie ein besonderes Auge. Dass Delia Owens die Faszination der Natur immer wieder zum Thema macht, wundert nicht; hat sie doch selbst lange Jahre damit verbracht, ihre Umgebung zu studieren. Ihre Naturbeschreibungen spiegeln ihre eigene Begeisterung wider, überdies ist ihr Einsamkeit nicht fremd. Owens fühlt sich in Kyas Isolation ganz und gar ein, schildert aber auch deren Sehnsucht nach anderen Menschen stimmig.
Die Geschichte des Mädchens erzählt die Autorin mit Hilfe von zwei Handlungssträngen, die sich schließlich treffen: Im einen wird Kyas Aufwachsen chronologisch geschildert, im anderen rätseln der Sherriff und sein Deputy, wer Dorfschwarm Chase Andrews umgebracht hat. Und so bilden die beiden Stränge eine Schlinge, die sich immer weiter um Kya zuzieht. Die bewusste Ausgrenzung eines kleinen, mutterlosen Mädchens, das sich jahrelang nach Familie, Freunden und Bildung sehnt, fand ich stellenweise sehr traurig zu lesen; es wurde besser, als die Protagonistin älter war. Delia Owens ist ein sehr eindrückliches Porträt einer Außenseiterin gelungen, das letzte Drittel liest sich außerdem wie ein spannender Krimi. Am 25.01. erscheint "Der Gesang der Flusskrebse" übrigens im Taschenbuch.

Verlag: Hanser
Seitenzahl: 464
Erscheinungsdatum: 22. Juli 2019
ISBN: 978-3446264199
Preis: 22,00 € (E-Book: 16,99 €)

5. Januar 2021

Elizabeth Strout: Mit Blick aufs Meer

Einblicke ins Seelenleben. 

Für dieses Buch hat die Autorin 2009 den Pulitzer-Preis für Romane bekommen. Ich habe es jetzt erst gelesen und nach der Lektüre begeistert festgestellt, dass Elizabeth Strout zehn Jahre später einen weiteren Roman mit derselben Hauptfigur vorgelegt hat, den ich mir auf jeden Fall auch bald besorgen werde. Manchmal hat es auch Vorteile, wunderbare Bücher erst mit Verspätung zu entdecken.


„Mit Blick aufs Meer“ schildert in losen Episoden das Leben in der Kleinstadt Crosby an der Küste Maines. In vielen Kapiteln spielt die pensionierte Mathematiklehrerin Olive Kitteridge nur eine kleine Nebenrolle, ist aber neben dem Handlungsort das einzige verbindende Element zwischen den Anekdoten, die sich meist um einen Bewohner oder Besucher Crosbys drehen. Jedes Kapitel ist so warmherzig geschrieben, dass es am Ende schwerfällt, die jeweilige Hauptfigur wieder ziehen zu lassen; kaum eine taucht am Rande einer anderen Geschichte noch einmal auf. Allen Episoden ist gemein, dass sie sich anrührend, wehmütig, bittersüß lesen, denn jede der handelnden Personen schleppt ein Päckchen mit sich herum, erinnert sich an vergebliche Erwartungen, hat frühere Hoffnungen aufgegeben oder wappnet sich gegen zukünftige Enttäuschungen. Strout ist eine Meisterin der Menschenbetrachtung; ihre Protagonisten macht sie so nahbar, dass ich gar nicht anders konnte, als sie alle ins Herz zu schließen, egal ob junges Mädchen oder alten Mann – selbst die barsche, selbstgerechte Olive Kitteridge, die ihren harmoniebedürftigen Ehemann Henry gnadenlos herumkommandiert und keine besondere Philantropin zu sein scheint. Mit ihrem unaufgeregten Schreibstil legt die Autorin auch Kitteridges Wesen nach und nach frei, bis man der Mathematiklehrerin direkt in die Seele schaut und dort widerfahrene Verletzungen, widersprüchliche Gefühle und stille Sehnsüchte entdeckt. Und so zieht man während der Lektüre gedanklich selbst nach Crosby und lernt die Bewohner dieses unauffälligen Durchschnittsstädtchens nach und nach so gut kennen, dass man sie kaum mehr verlassen mag. Ich freue mich auf eine Rückkehr und ein Wiedersehen mit Olive Kitteridge im 2020 auf Deutsch erschienenen Folgeband „Die langen Abende“.

Verlag: btb
Seitenzahl: 352
Erscheinungsdatum: 19. März 2012
ISBN: 978-3442742035
Preis: 10,00 € (E-Book: 9,99 €)

6. Dezember 2020

Karin Kalisa: Bergsalz

Verwässert.

Mal wieder ein Roman mit einem äußerst gelungenen Cover und einem prägnanten und ungewöhnlichen Titel. „Bergsalz“ spielt in dieser Geschichte eine kleine, aber bedeutende Rolle. Wäre sie eine Suppe, hätte mir aber vielleicht gerade das Salz gefehlt.


Die Handlung von Karin Kalisas Roman ist in einem kleinen Allgäuer Dorf angesiedelt. Die über siebzigjährige Franziska Heberle wird von einer Nachbarin bei ihren Mittagessensvorbereitungen gestört und durchschaut schnell, dass diese nicht wirklich gekommen ist, um sich Mehl zu borgen. Denn Johanna von nebenan lebt so wie Franzi selbst: Verwitwet und allein in einem großen Haus, das die Kinder lange verlassen haben und das, wie aus Großfamilienzeiten gewohnt, eine bestens bestückte Speisekammer hat, in der keine der fünf bis sechs gewöhnlich vorhandenen Mehlsorten einfach so leer wird. Und so springt Franzi über ihren Schatten und bittet die Nachbarin herein. Zufällig kommt noch eine vorbei und weil das ungeplante Treffen ganz unverhofft guttut, verabredet man sich spontan für den nächsten Tag wieder. Nach und nach stellen die Frauen fest, wie schön es ist, mal wieder für andere zu kochen und beim Mittagessen Gesellschaft zu haben. Und die Runde wächst …

In „Bergsalz“ geht es um eine Graswurzelbewegung: Aus etwas Kleinem, von ein paar Frauen eher zufällig initiierten, entsteht nach und nach etwas Großes. Die Nachbarinnen erkennen bald, was ihnen und dem ganzen Dorf fehlt: Ein Ort, an dem man mittags zusammenkommen kann, ein Schwätzchen halten, die Einsamkeit vertreiben. Die Idee ist schön und entwickelt sich weiter; bald geht es nicht mehr nur um die älteren Damen. Nachdem sie mit so viel Herz eingeführt wurden, fand ich das richtig schade. Die weitere Entwicklung der „Offenen Küche“ ist fast märchenhaft; jegliche Hindernisse werden mühelos aus dem Weg geräumt oder scheinen wie von selbst zu verschwinden. Neue Figuren werden eingeführt und langsam fragte ich mich, ob hier weniger nicht mehr gewesen wäre, zumal es auch noch kurze Rückblicke ins Mittelalter gibt.

Richtig irritiert hat mich dann leider das Ende. Der Roman ist mit seinen 207 Seiten recht kurz für den großen Bogen, den die Autorin hier spannt – meinem Empfinden nach zu kurz. Aber auf den letzten Seiten gibt Kalisa plötzlich einem neuen Nebenschauplatz viel Raum und ein offenes Ende. Seine mystische Komponente hat für mich so gar nicht zur restlichen Geschichte gepasst, viel mehr hätten mich Details zu anderen Handlungssträngen interessiert.
Die Ausgangsidee von „Bergsalz“ hat mir gefallen; Karin Kalisa kann zudem sehr einfühlsam und berührend schreiben, ohne dass es je kitschig oder platt wird. Einzelne Sätze entfalten richtiggehend Weisheit und Wucht. Weniger Protagonisten, weniger Entwicklung und mehr Einzelheiten hätten dem Roman aber dennoch gutgetan; so erscheint mir die eigentliche Geschichte leider verwässert.

Verlag: Droemer
Seitenzahl: 207
Erscheinungsdatum: 2. November 2020
ISBN: 978-3426282083
Preis: 20,00 € (E-Book: 16,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

29. November 2020

Raffaella Romagnolo: Dieses ganze Leben

Gedankenchaos perfekt erfasst.

Von Raffaella Romagnolo hatte ich letztes Jahr schon einen Roman gelesen; „Bella Ciao“. Die Handlung ist Anfang bis Mitte des 20. Jahrhunderts angesiedelt, geschildert werden entbehrungsreiche, harte Zeiten. Der Kontrast zum neuesten Werk der Autorin könnte kaum größer sein: Es spielt in der Gegenwart, die Hauptfigur ist eine einsame 16-jährige aus reichem Hause.


Die italienische Autorin hat „Dieses ganze Leben“ aus der Perspektive dieses Teenagers geschrieben und erweckt ihre Protagonistin sehr gekonnt zum Leben. Paola De Georgi ist Einzelgängerin, Tochter äußerst wohlhabender Bauunternehmer und große Schwester eines behinderten Bruders. Sie leidet an Akne, wird in der Schule gemobbt und ihre Mutter scheint sich vor allem für ihren (erhöhten) Körperfett-Anteil zu interessieren. Vor allem macht Paola aber zu schaffen, dass ihr ihr eigenes Leben so wenig wahrhaftig vorkommt: Überall geht es nur um den schönen Schein. Bei den von ihrer Mutter verordneten Nachmittagsspaziergängen mit ihrem Bruder entfernen sich die beiden immer wieder unerlaubt aus ihrer Blase. Kommen sie so dem wahren Leben näher?

Romagnolo hat eine überzeugende Hauptfigur geschaffen, die die Geschichte komplett trägt. Paola ist nicht „everybody’s darling“, sondern grüblerisch, miesgelaunt und frustriert. Ein stream of consciousness bildet das Chaos im Kopf der 16-Jährigen perfekt ab. Es geht um einen Jungen, Buch- und Filmanspielungen, Beobachtungen von Erwachsenen und liest sich ziemlich sprunghaft, doch weil die Autorin immer bei Paolas Perspektive bleibt und deren Gedankenwelt so glaubhaft erfasst, ergibt sich mit der Zeit doch ein stimmiges Gesamtbild. Viele kleine Gedankenfetzen haben eine ganz eigene Aussagekraft und beschreiben das Erleben des Mädchens nachvollziehbar und manchmal auch, trotz aller Lakonie, herzzerreißend.

Etwas bedauert habe ich das abrupte Ende des Romans. Es passt zwar zur Geschichte, doch Paolas Familie macht eine so unerwartete Entwicklung durch, dass ich gerne noch mehr davon gelesen hätte.

Verlag: Diogenes
Seitenzahl: 272
Erscheinungsdatum: 28. Oktober 2020
ISBN: 978-3257071443
Preis: 22,00 € (E-Book: 18,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

15. November 2020

Ralf Lappert: Leben ist ein unregelmäßiges Verb

Gelungenes Epos.

An diesem Buch hat der Autor vier Jahre lang gearbeitet, was keineswegs erstaunt. Er entwirft zwar keine ganze Welt, aber vier Lebensgeschichten mit sehr unterschiedlichen Verläufen. Mit großer erzählerischer Leichtigkeit erzählt er mal von dieser Entwicklung, mal von jener – legt hier seinen Fokus auf eine Kleinigkeit und überspringt in einem anderen Abschnitt mehrere Jahre. Wie man wohl einen so vielschichtigen 976-Seiten-Roman schreiben und dann aber auch irgendwann wieder beenden kann?


Ralf Lapperts „Leben ist ein unregelmäßiges Verb“ ist ein von einer überschaubaren Situation ausgehendes Epos: Vier Kinder, alle um die 12 oder 13 Jahre alt, werden aus einer Kommune im Kampstedter Bruch befreit, in der sie sich nie gefangen gefühlt haben. Die drei Jungen und das Mädchen sind dort bei neun Erwachsenen aufgewachsen. Sie sind weder irgendwo gemeldet noch haben sie eine Schule besucht oder den Hof und seine Umgebung je verlassen. Nun werden sie auseinandergerissen und zu nie gesehenen Verwandten und Pflegefamilien gebracht. Es ist Ende der 1970er Jahre und nach ein paar Wochen oder Monaten endet sowohl das mediale Interesse an den Kindern als auch ihre psychologische Betreuung. Sie werden in Schulen gesteckt und sollen ab jetzt funktionieren – das klappt mal mittelmäßig und mal schlechter.

Da Frida, Leander, Linus und Ringo keine Verbindung mehr haben, werden ihre Geschichten getrennt voneinander erzählt. Fridas und Leanders Leben wird relativ chronologisch vor den Lesenden ausgebreitet, während Ringos 50-jähriges Ich seinen Werdegang vor allem durch Selbstauskünfte, die er einer Journalistin gibt, enthüllt. Dem Autor gibt das die Möglichkeit für viele, kleine Cliffhänger, wenn mal wieder ein Kapitel mit einem Paukenschlag endet und das nächste mit einer der anderen Figuren weitergeht. Zudem bleibt der Roman nicht immer bei den ehemaligen Kommunenkindern: Einige ihrer Bekanntschaften bekommen ebenfalls ein Eigenleben – manchmal, bevor sie überhaupt als Bekannte eingeführt werden. Und so passiert es, dass einige Passagen plötzlich von jemand gänzlich Unbekanntem handeln und sich der Bezug zum restlichen Roman erst nach und nach ergibt. Das könnte stören, tut es aber nicht – zu meiner großen Verblüffung war Kapitel für Kapitel so fesselnd geschrieben, dass ich dem Autor einfach vertrauensvoll lesend gefolgt bin. Grund dafür war sicher, dass die Charaktere so stimmig und die Variationen im Erzähltempo äußerst gelungen sind. Lappert beherrscht es meisterhaft, kleine Begebenheiten detailliert zu schildern, doch ebenso kann er Wochen und Monate, sogar Jahre in ein paar Sätzen zusammenfassen, die trotzdem noch dicht erzählt sind.

Und so fängt dieser Roman halbwegs überschaubar an und wird dann immer größer, weitverzweigter, umfassender. Nebenschauplätze kommen dazu, werden zu Hauptschauplätzen und verschwinden wieder, Figuren werden ausführlich eingeführt und spielen entweder eine größere Rolle oder versinken schnell in der Bedeutungslosigkeit – hier lässt sich nie erahnen, was als nächstes geschieht. Die 976 Seiten vergehen zwar nicht wie im Flug, aber doch erstaunlich schnell. Ein großes Lesevergnügen.

Verlag: Hanser
Seitenzahl: 976
Erscheinungsdatum: 17. August 2020
ISBN: 978-3446267565
Preis: 32,00 € (E-Book: 25,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

9. Oktober 2020

David Szalay: Turbulenzen

Temporeicher Episodenroman.

Es heißt, dass man über sechs bis sieben Ecken jeden anderen Menschen auf der Welt kennt. In diesem Episodenroman sind es 13 Ecken, die wieder zu der Person führen, bei der die Geschichte ihren Ausgangspunkt genommen hat. Und aus jeder Ecke wird ein kleiner Einblick in ein Leben.


Die „Turbulenzen“ des britischen Autors David Szalay haben es in sich und führen die Lesenden einmal um den Globus. Auf jeder Strecke, an jeder Station wird ein anderer Protagonist begleitet, der mit der Hauptperson des vorigen und der des folgenden Kapitels in mal mehr, mal weniger loser Verbindung steht. Was alle eint: eine gewisse, mindestens temporäre Einsamkeit, wie man sie z.B. erlebt, wenn man alleine eine Flugreise antritt. Außerdem sind alle Figuren entweder bereits in „Turbulenzen“ geraten oder haben diese unmittelbar vor sich. Und so erzählen die mit Flugrouten überschriebenen Kapitel von Scheidewegen und Wendepunkten.

Obwohl man jeden Protagonisten nur ein paar Seiten lang begleitet, vermitteln diese einen lebhaften Eindruck von Charakteren und Lebenssituationen. Die kurzen Kapitel handeln von den Zufällen, die Menschen zusammenführen. Und von Schicksalsschlägen, die das Leben des einen auf den Kopf stellen und die der andere nur am Rande wahrnimmt. Der Taxifahrer oder die Sitznachbarin im Flugzeug sind schnell vergessen und ebenfalls wieder mit ihren eigenen Leben beschäftigt.

Mir hat dieser rasante Roman voller schneller Wechsel sehr gut gefallen. Die Lektüre ist wie ein temporeicherr Ritt um die Welt, eine flüchtige Begegnung folgt auf die nächste, ein Schicksal streift das andere. Sehr abwechslungsreich und doch mit Tiefgang.

Verlag: Hanser
Seitenzahl: 136
Erscheinungsdatum: 17. August 2020
ISBN: 978-3446267657
Preis: 19,00 € (E-Book: 14,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

1. Oktober 2020

Ronya Othmann: Die Sommer

Starkes Debüt, aufrüttelnd erzählt.

Dieser Roman wurde nicht für den Deutschen Buchpreis 2020 nominiert, aber meinem Empfinden nach hätte er definitiv auf die Longlist gehört. Ich habe lange nichts mehr so eindringlich Geschriebenes gelesen.


Die titelgebenden Sommer in Ronya Othmanns Romandebüt sind die Ferien, die Leyla Jahr für Jahr bei ihren Großeltern verbringt. So weit, so normal; allerdings wohnen die Großeltern nicht an Nord- oder Bodensee, sondern in Kurdistan – einem Land, das es offiziell gar nicht gibt und dessen Namen Leyla auf keinen Fall vor Dritten erwähnen soll. Das jedenfalls schärft ihr kurdischer Vater seiner Tochter von Kindesbeinen an ein. Und so lebt Leyla von klein auf mit einer Schere im Kopf: Hier ihr deutsches Leben in der Nähe von München, da ihre kurdischen Sommer bei den Großeltern in Nordsyrien. Hier Wohlstand, da einfachste Verhältnisse. Hier nur die Eltern, da eine Großfamilie. Hier das Leben eines Durchschnittsteenagers, da Angehörige einer stets bedrohten Minderheit als Jesidin.

Leyla liebt ihre Sommer und Ronya Othmann gelingt es, sie für die Lesenden erfahrbar zu machen – immer wieder geht es um Licht, Gerüche, Haptik. Im Buch scheitert die Protagonistin dagegen daran, ihren deutschen Klassenkameraden und Freundinnen dieses andere Leben nahezubringen. Es rührt an, wie Leyla, die Außenseiterin mit der deutschen Mutter, im Laufe eines Sommers mehr und mehr im nordsyrischen Dorf ankommt, um dann durch ihre Abreise wieder in eine andere Welt katapultiert zu werden und im Jahr darauf erneut von vorne anzufangen.

„Die Sommer“ ist ein wichtiges Buch – über Verfolgung, Flucht und Heimatlosigkeit, ein Leben als Außenseiterin und Fremdheit im eigenen Land. Gleichzeitig ist die Grundstimmung von einer unbestimmten Sehnsucht nach Menschlichkeit, Zugehörigkeit und Frieden geprägt. Wie nebenbei erzählt Ronya Othmann die Geschichte der Jesiden; von Vertreibung, Flucht, Schikane, staatlicher Willkür und ständiger Benachteiligung. Sie erzählt sie durch Leylas Vater, der seine gesamte Freizeit vor dem Fernseher verbringt und sämtliche arabische Nachrichtensendungen verfolgt, die er finden kann. Der davon träumt, dass verschiedene Ethnien und Religionen gleichberechtigt in einer Demokratie zusammenleben – und dessen Hoffnungen mit Ausbruch des Krieges in Syrien wieder einmal zerstört werden. Ab da verbringt Leyla, inzwischen fast erwachsen, ihre Sommer in Deutschland und entfremdet sich trotzdem mehr und mehr von ihrer Umgebung. Ihre Zerrissen- und Verlorenheit sowie ihre Ohnmacht werden dabei immer erdrückender. Blass bleibt dagegen Leylas Mutter, die allerdings auch nur eine Nebenfigur ist: eine pragmatische Krankenschwester, die ihren Ehemann und dessen kurdische Verwandtschaft bedingungslos unterstützt und offensichtlich keinerlei Verwandte oder Freunde hat, mit denen sie ihre Tochter auch in Deutschland etwas verwurzeln könnte. Das fand ich etwas unstimmig, aber es war auch das einzige.

Verlag: Hanser
Seitenzahl: 288
Erscheinungsdatum: 17. August 2020
ISBN: 978-3446267602
Preis: 22,00 € (E-Book: 16,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

26. September 2020

Charles Lewinsky: Der Halbbart

Kluger Roman über eine erbarmungslose Zeit.

Das ist der zweite Longlist-Roman, den ich bislang gelesen habe. Auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises ist er leider nicht gelandet, dafür jedoch auf der des Schweizer Buchpreises, der am 8. November verliehen wird. Ich drücke ihm die Daumen!

 
 
„Der Halbbart“ von Charles Lewinsky beginnt im Jahr 1313, also im tiefsten Mittelalter. Hauptfigur ist der ca. 12- oder 13-jährige Eusebius, der von allen Sebi genannt wird (oder Stündelerzwerg – einer von vielen schwyzerdütschen Begriffen im Buch, zum Glück gibt es auf der Website von Diogenes ein Glossar der Helvetismen). Der junge Ich-Erzähler lebt mit seiner Mutter und den beiden älteren Brüdern in einem kleinen Dorf. Es gibt ein Stückchen Land, das die Brüder bestellen; Sebi verdient außerdem Geld, indem er dem betagten Totengräber des Ortes hilft, Gräber auszuheben. Außerdem schaut er gerne bei dem Fremden vorbei, der sich in Nähe des Dorfes angesiedelt hat. Dieser wird von allen „Halbbart“ genannt, da sein Bart nur noch auf einer Gesichtshälfte sprießt – die andere ist durch Brandnarben komplett entstellt. Der Halbbart ist ein intelligenter Mann und kennt sich außerdem mit Medizin aus. Als Sebis ältester Bruder Geni einen schrecklichen Unfall hat und die Rosskur der örtlichen Heiler den Sterbeprozess nur zu beschleunigen scheint, wird er schließlich gerufen.

Das könnte jetzt schon die Zusammenfassung eines Romans gewesen sein, in diesem Fall ist es allerdings nur ein kurzer Ausblick auf die ersten 50 Seiten – von 677. Die Handlung des „Halbbarts“ erstreckt sich über vielleicht zwei, drei Jahre. Sie ist Sebis Coming-of-Age-Geschichte und beschreibt seine Suche nach dem eigenen Weg. Sie handelt aber auch vom historisch verbürgten Marchenstreit zwischen dem Kloster Einsiedeln und Schwyz, von der Macht der Kirche, der Macht des Aberglaubens und der Verführung der Massen. Dabei gibt es immer wieder Passagen, die verdeutlichen, dass das Mittelalter in mancher Beziehung nur einen Wimpernschlag von uns entfernt ist: Wenn z.B. jemand im Dorf erscheint, der von einem schrecklichen Überfall erzählt mit vielen, vielen Toten und die Geschichte zwar seltsame Lücken aufweist, sich aber trotzdem wie selbstständig verbreitet. Fake News im 14. Jahrhundert – und ihre Auswirkungen waren genauso bedrohlich wie heute.
Um den titelgebenden Halbbart geht es dagegen nur in Teilen des Buches; in der zweiten Romanhälfte verkommt er zur Randfigur, deren Denken, Handeln, Streben mehr und mehr im Dunkeln bleiben. Und so hätte Lewinsky sein Buch vielleicht doch besser „Eusebius“ genannt.

Sebi bewahrt sich bei aller Gräuel ein reines Herz und war so immer wieder mein Rettungsanker während der Lektüre – aus seiner Perspektive ließen sich auch die düstersten Kapitel irgendwie bewältigen, ob es nun um Amputationen, Bestrafungen oder Schlachten ging. Mit seinem etwas naiven, aber freundlichen Blick beobachtet Sebi Menschen, durchdenkt Ereignisse und teilt seine Gedanken dann mit dem Leser. Dabei ist er ein begnadeter Geschichtenerzähler. Und so hat Lewinsky einen einerseits anrührenden und weisen Roman geschaffen, der andererseits brutal ist und mit den Menschen an sich hart ins Gericht geht. Etwas desillusioniert hat er mich schon zurückgelassen, war die lange Lektüre aber allemal wert.

Verlag: Diogenes
Seitenzahl: 688
Erscheinungsdatum: 26. August 2020
ISBN: 978-3257071368
Preis: 26,00 € (E-Book: 22,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.