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7. Juni 2019

Alina Brosnky: Der Zopf meiner Großmutter

Großmütter gibt es in der Literatur viele. Meist handelt es sich um kluge und weitsichtige Frauen mit großem Herzen, viel Geduld und einem immer offenen Ohr, die stets zur Stelle sind, wenn sie gebraucht werden. Und oft bringen sie dann auch noch Kuchen mit.


In Alina Bronskys „Der Zopf meiner Großmutter“ erfüllt die russische Oma keins der gängigen Klischees. Sie ist selbstgerecht, herrschsüchtig, weiß alles besser, beschimpft und tyrannisiert ihr Umfeld. Backen tut sie zwar, gleich zu Beginn des Romans zum Geburtstag ihres vielleicht fünf- oder sechsjährigen Enkels Mäxchen, doch der darf die Torte nur anschauen und einmal dran schnuppern, bevor sie vor seinen sehnsüchtigen Augen verzehrt wird. Denn Max verträgt Kuchen eh nicht, weiß die Oma. Außerdem ist er, wie sie ihm immer wieder einbläut, debil, schwachsinnig, todkrank und wird das Erwachsenenalter niemals erreichen. Dass weder Ärzte noch Lehrer diese Diagnose bestätigen, verunsichert Margarita Iwanowna kein bisschen.

Diese beratungsresistente Schreckschraube war dann auch der Grund, dass mich die Geschichte anfangs ziemlich befremdet hat. Natürlich muss nicht jede Oma selbstlos und wohlwollend auftreten, aber diese hier beleidigt und piesackt ihr verwaistes Enkelkind in einem fort, ohne dass ihr schweigsamer Mann Tschingis Mäxchen jemals zu Hilfe kommt. Für mich war das kein Lesespaß, sondern ziemlich unangenehm. Doch der Roman entwickelt sich, Mäxchen, aus dessen Perspektive er geschrieben ist, wird älter, verständiger und schafft es mehr und mehr, sich von der Großmutter zu emanzipieren – wobei er gleichzeitig eine Ahnung von deren wahrem Wesen bekommt. Außerdem wirbelt noch ein für alle Seiten unerwartetes Ereignis das Familiengefüge unwiderruflich durcheinander: Der Großvater verliebt sich. Und ab da bekommt der Roman eine gewisse Leichtigkeit, die mir vorher gefehlt hat.

Alina Bronsky schildert Mäxchens Heranwachsen in einer deutschen Flüchtlingsunterkunft in nüchternen Worten, die doch anrühren. Sie ist eine Meisterin der knappen Beschreibungen, die alles ausdrücken und nachwirken. Und nötigt ihren Lesern schließlich sogar Respekt vor Margarita Iwanowna ab – einer Großmutter, die ich nicht so schnell vergessen werde.

Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Seitenzahl: 224
Erscheinungsdatum: 9. Mai 2019
ISBN: 978-3462051452
Preis: 20,00 € (E-Book: 14,99 €)

Ich habe dieses Buch als Leseexemplar erhalten.

8. April 2019

Joël Dicker: Das Verschwinden der Stephanie Mailer

Joël Dicker gehört zu meinen Lieblingsautoren. Er hat bislang drei Romane geschrieben, die ich alle verschlungen habe und herausragend fand. „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ war noch ein Spontankauf, der mir eine halbe schlaflose Nacht bescherte, als ich einfach nicht mehr aufhören konnte, zu lesen. „Die Geschichte der Baltimores“ kaufte ich mir dann direkt nach Erscheinen und freute mich über das Wiedersehen mit Protagonist Marcus Goldman. Und als jetzt „Das Verschwinden der Stephanie Mailer“ erschien, habe ich meine bei „Vorablesen“ gesammelten Punkte ohne Zögern eingesetzt, um ein Rezensionsexemplar zu ergattern. Und was soll ich sagen? Ich wurde nicht enttäuscht!


„Das Verschwinden der Stephanie Mailer“ spielt in Orphea, einer beschaulichen Kleinstadt an der amerikanischen Ostküste. Alljährlicher Höhepunkt des öffentlichen Lebens ist ein Theaterfestival, das in der Romangegenwart im Jahr 2014 bereits 20-jähriges Jubiläum feiern soll. Mindestens halbvergessen scheinen die Ereignisse vom Premierenabend des ersten Festivals 1994: Damals wurden vier Einwohner Orpheas erschossen, unter ihnen die Familie des damaligen Bürgermeisters. Zwei junge Polizisten der State Police konnten den Fall nach mehrmonatiger Arbeit lösen. Einer von ihnen, Jesse Rosenberg, feiert zu Beginn des Romans gerade sein Ausscheiden aus dem Polizeidienst, als ihn eine Journalistin anspricht, die ihm auf den Kopf zusagt, dass er damals in Orphea den Falschen verhaftet hätte. Rosenberg nimmt die geheimnistuerische Stephanie Mailer zunächst nicht ernst, doch nur ein paar Tage später wird die junge Frau als vermisst gemeldet. Hat sie eventuell wirklich etwas herausgefunden – und wohin ist sie verschwunden?

„Das Verschwinden der Stephanie Mailer“ ist vieles: hochspannend, unterhaltsam, tragisch, begeisternd und voller Leben. Joël Dicker führt seine Leser durch einen dichten Roman voller Perspektivwechsel, Rückblenden und wahnwitziger Wendungen. Doch selbst Entwicklungen, die mir überdreht vorkamen, bekamen irgendwann einen Sinn, wurden nachvollziehbar und fügten sich wie Puzzlestücke in den Gesamtkontext ein. Dieser Autor ist einfach ein Meister seines Fachs: Er hat ein unfassbares Talent, Protagonisten und Schauplätze lebendig werden zu lassen und ein großartiges Gespür für die richtige Dosis. Trotz vieler Details und einer Fülle handelnder Personen bleibt „Das Verschwinden der Stephanie Mailer“ wundervoll lesbar und auf die Haupthandlung fokussiert. Überdies macht der Roman regelrecht süchtig. Es ist wie bei einem Esel, der einer Mohrrübe hinterherläuft: Als Leser fühlt man sich der Lösung der Romanrätsel stets nah und lässt sich von Dicker willig auf jede neue Fährte mitnehmen, was die 672 Seiten im Nu verfliegen lässt. Wenn doch die Wartezeit auf das nächste Buch des Autors nur auch so schnell verginge!

Als Trost für alle, die wie ich nun wieder warten: Seit dem 1.04. ist exklusiv auf tvnow.de „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ zu sehen – als Serie, mit Patrick Dempsey in der Hauptrolle. Ich habe noch keine Folge gesehen, werde das aber als Joël Dicker-Fan natürlich bald nachholen.

Verlag: Piper
Seitenzahl: 672
Erscheinungsdatum: 2. April 2019
ISBN: 978-3492059398
Preis: 25,00 € (E-Book: 18,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

30. Januar 2019

Anne Cathrine Bomann: Agathe

Ein dünnes Büchlein, dessen türkises Cover eine Blüte und ein Zweig mit einem Spatz zieren. Lieblich und elegant sieht es aus, irgendwie passend zu dem titelgebenden Frauennamen. Allerdings geht es in diesem Roman in erster Linie um einen Mann und auch sonst warten einige Überraschungen auf den Leser. Die Lektüre lohnt sich!


„Agathe“ ist nicht die Hauptfigur des gleichnamigen Romans der Dänin Anne Cathrine Bomann. Hätte die Autorin das Buch nach ihrer Hauptfigur benannt, hätte sie zunächst einmal deren Namen enthüllen müssen, der jedoch an keiner Stelle vorkommt. Und so bleibt auch mir nichts anderes übrig, als den 71-jährigen Protagonisten nach seinem Beruf zu benennen: Er ist Psychiater. Ein Psychiater, der die Therapiestunden zählt, die ihm noch bis zu seinem Ruhestand bleiben – der finale Countdown beginnt am Buchanfang mit 800 Gesprächen. Als Agathe als neue Patientin in die Praxis schneit, weist er seine Sekretärin an, diese abzuwimmeln, kann er doch schon seine bisherigen Patienten kaum mehr ertragen. Aber wieso eigentlich, und was erhofft sich der Alleinstehende für sein Leben nach der Arbeit? Nach und nach wird dem Mann bewusst, dass er keinerlei Erwartungen an oder Pläne für die Zukunft hat.

Die Gefühle ihres namenlosen Psychiaters schildert Bomann sehr empfindsam. Sie zeichnet einen Mann, für den Einsamkeit ein seit langem gelebter Normalzustand ist. Einen Mann, der einem hinfallenden Kind nicht zu Hilfe eilt, weil er seine eigene Unbeholfenheit in zwischenmenschlichen Dingen fürchtet – weil er „das letzte Mal mit einem Kind gesprochen [hatte], als er selbst eines gewesen war“. Es ist natürlich eine Ironie des Schicksals, dass gerade dieser Mann seit fast fünf Jahrzehnten einen Beruf ausübt, in dem es darum geht, anderen Menschen zu helfen. Aber hinter seiner festen Rolle im Sprechzimmer kann sich der Therapeut gut verschanzen und überdies ist er der Patienten ja nun auch überdrüssig.

Die Mittdreißigerin Agathe, die schließlich doch seine Patientin wird, weil sie sich nicht hat abwimmeln lassen, hadert dagegen vor allem mit einem Problem: „Ich bin wütend, weil ich nichts erreicht habe. Ich hätte jemand werden sollen, aber ich bin rein gar nichts.“ Seine neue Patientin scheint in dem Psychiater unbewusst etwas aufzuwecken, das ihn aus seiner Lethargie reißen könnte. Aber lässt sich ein Leben noch ändern, das schon so lange in eingefahrenen Bahnen verläuft? Wie ihr Leben – beziehungsweise auch seines? Agathe und ihr Psychiater sind zwei verlorene Seelen, und ob sie überhaupt in der Lage sein könnten, einander zu helfen, scheint zu Beginn des Romans äußerst fraglich. Doch dann beginnt der Psychiater, für sich selbst überraschend, kleine Änderungen in seinem Leben vorzunehmen. Davon erzählt „Agathe“ auf poetische Art und Weise, ohne ein Wort zu viel zu verwenden. Autorin Bomann spart sich den größeren Kontext; sie legt keinen Wert auf detaillierte Beschreibungen und scheint ihren Roman auf das Wesentliche reduziert zu haben. Jeder Satz sitzt, und immer schwingt eine ganz besondere bittersüße Stimmung mit. „Agathe“ ist ein feines, manchmal weises, komplett unkitschiges und doch berührendes Buch. Es weist eine große Leichtigkeit auf und hat dennoch eine ebenso große Tiefe. Aufgrund seiner Kürze liest es sich sehr schnell, doch bereits während der ersten Lektüre ist klar, dass sich eine zweite lohnen könnte.

Verlag: hanserblau
Seitenzahl: 160
Erscheinungsdatum: 28. Januar 2019
ISBN: 978-3446261914
Preis: 16,00 € (E-Book: 11,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

11. Januar 2019

Laetitia Colombani: Der Zopf

Das folgende Buch wollte ich unbedingt lesen und wurde anfangs trotzdem nicht mit ihm warm. Ich begann es und legte es wieder weg, dann kamen mir ein, zwei andere Bücher dazwischen. Letztendlich ließ mich dieser „Fehlstart“ immer mehr zögern, weiterzulesen, was der Roman nun wirklich nicht verdient hat. Denn er ist gut! Aber nachdem ich mir nun doch ein Herz gefasst und ihn inzwischen beendet habe, kann ich auch in Worte fassen, was mich gestört hat. Und warum das Buch dennoch lesenswert ist.


„Der Zopf“ hat einen schlichten Titel und ein in seiner Farbgestaltung edel wirkendes Cover. Der Debütroman der Französin Laetitia Colombani gibt einen kleinen Einblick in die Leben von drei Frauen, die auf den ersten Blick nichts zu verbinden scheint: Die Inderin Smita gehört zu den unberührbaren Dalits und führt wie ihre Vorfahren ein Leben in totaler Armut. Sarah in Montreal ist eine erfolgreiche Anwältin und Giulia auf Sizilien arbeitet in der Perückenmacherei ihres Vaters. Eigentlich scheinen sich Smita, Sarah und Giulia auf vorgezeichneten Wegen zu befinden, doch dann passiert etwas. Die als gegeben angenommene Ordnung in ihren Leben wird erschüttert und plötzlich müssen bzw. wollen sie etwas verändern. Als Leser begleitet man alle drei dabei, einzelne Kapitel zu jeder der Frauen wechseln sich ab. Diese sind kurz, „Der Zopf“ umfasst keine 300 Seiten und so entwickelt sich die Handlung nicht behutsam, sondern Schlag auf Schlag. Gefühlt bin ich nur so durch das Buch geflogen – und hatte trotzdem Probleme, am Ball zu bleiben, denn die Welten von Smita, Sarah und Giulia weisen keinerlei Gemeinsamkeiten auf und es hat mich gestört, immer schon nach ein paar Seiten wieder herausgerissen und auf einen anderen Kontinent versetzt zu werden. Trotzdem sind diese schnellen, brutalen Wechsel auch eine große Stärke des Romans: Durch die Nebeneinanderstellung der drei Leben wird deutlich, wie verschieden die Lebensbedingungen auch Anfang des 21. Jahrhunderts noch sind. Giulias Alltag auf Sizilien wirkt in Teilen so behütet und traditionell, dass es mich richtiggehend irritierte, als sie plötzlich etwas im Internet recherchierte – bis dahin kam er mir eher wie vor dessen Erfindung angesiedelt vor. Smitas Lebenstraum ist, dass ihre Tochter lesen und schreiben lernen soll, um nicht wie sie und die restliche Familie als Analphabetin zu enden – man wünscht sich, ihre Geschichte würde in einer längst überwundenen Zeit spielen, aber nein, auch das ist Gegenwart. Bei Sarah, der 40-jährigen Kanadierin, kommt man dagegen nicht in die Verlegenheit, sie gedanklich einer anderen Zeit zuordnen zu wollen: Diese Protagonistin ist die Verkörperung einer modernen Frau in einem Industrieland, hat sie doch in einer renommierten Anwaltskanzlei die gläserne Decke durchstoßen und scheint auf der Zielgeraden, die erste weibliche Partnerin zu werden. Dass sie jedoch bereits zwei gescheiterte Ehen hinter sich und einen Tagesvater für ihre drei Kinder engagiert hat, kam mir doch etwas klischeehaft vor.

Es ist der rote Faden des Romans und eine schöne Idee, dass diese Frauen, die sich – so viel kann verraten werden – nie begegnen, dennoch etwas verbindet. Allerdings hätte ich mir etwas mehr Ausgestaltung gewünscht. „Der Zopf“ liest sich intensiv, Autorin Colombani hätte den Einzelschicksalen aber durchaus noch mehr Raum geben können. So wird sie dem Potential ihres Romans in meinen Augen nicht ganz gerecht. Doch vielleicht hatte sie beim Schreiben auch bereits ein anderes Medium im Sinn: Laetitia Colombani ist Schauspielerin und Regisseurin. Verfilmt kann ich mir diesen inhaltlich verknappten Roman bestens vorstellen und bin gespannt – die Rechte sind bereits vergeben, es ist also davon auszugehen, dass „Der Zopf“ auch irgendwann ins Kino kommt.

Verlag: S. Fischer
Seitenzahl: 288
Erscheinungsdatum: 21. März 2018
ISBN: 978-3103973518
Preis: 20,00 € (E-Book: 16,99 €)

2. Dezember 2018

John Jay Osborn: Liebe ist die beste Therapie

Wenn man diesen Buchtitel hört, erwartet man fast automatisch einen schmalzigen Liebesroman. Das Cover beruhigt dann jedoch: So schmalzig kann er nicht sein, sonst wäre er nicht im Diogenes Verlag erschienen. Abgesehen davon hat das Coverbild so gar nichts Kitschiges: Ein Mann und eine Frau entfernen sich voneinander, er scheinbar entschlossenen Schrittes, sieh etwas langsamer, doch auch unbeirrbar wirkend. Beide sehen etwas verloren aus und ihre Schatten sind länger als sie selbst.


„Liebe ist die beste Therapie“ ist der neueste Roman des 73-jährigen amerikanischen Anwalts und Jura-Professors John Jay Osborn. Er wirkt allerdings wie von einem Paartherapeuten verfasst, basierend auf dessen kumulierten Erfahrungen. Das Buch ist tatsächlich nicht mehr oder weniger als die Schilderung einer Paartherapie, einziger Schauplatz ist das Sprechzimmer von Sandy, der Therapeutin. Die 31 Kapitel schildern ihre Sitzungen mit Charlotte und Steve, die sich getrennt haben, aber herausfinden wollen, ob ihre Ehe noch eine Zukunft hat. Meist kommen die beiden zusammen zu Sandy, manchmal sitzt aber auch nur einer von ihnen vor der Therapeutin.

Sandy sagt Steve bereits in seiner ersten Einzelsitzung, dass die Chance, seine Ehe zu retten, bei 1:1000 liegt. Dass Liebe die beste Therapie ist, würde diese Therapeutin sicherlich nicht unterschreiben, „Liebe allein reicht nicht“ oder „Kommunikation ist die beste Therapie“ träfe den Kern dieses Buches schon eher, klänge als Titel aber zugegebenermaßen nicht besonders vielversprechend. Apropos Versprechen: Der Verlag wirbt auf der Umschlagrückseite damit, dass der Roman „Ihre Beziehung mehr verändern könnte als jede Paartherapie“. Kann das Buch das halten? Ich glaube nicht. Dabei ist es durchaus interessant, Charlotte und Steve lesend zu begleiten. Einem Laien wie mir schienen Sandys Methoden zum Teil unorthodox, sie hatte ab und an einen verblüffenden Blick auf die Dinge, stellte öfters Fragen, die mich (und auch die beiden Protagonisten) überraschten und hielt wenig von Regeln und Absprachen. Glücklicherweise macht Osborn dem Leser zumindest einen Teil ihrer Gedanken zugänglich, so dass ich während der Lektüre ein gewisses Verständnis dafür entwickelte, auf was es Sandy ankam – oft genug tappte ich jedoch auch genauso im Dunkeln wie der untreue Ehemann Steve. Gerne hätte ich noch mehr über die Therapeutin erfahren, es gab einige neugierig machende Anspielungen auf ihr Leben außerhalb ihres Sprechzimmers, aber dabei blieb es leider. „Liebe ist die beste Therapie“ hätte das Potential gehabt, ein vielschichtiger und auch unterhaltsamer Roman zu werden, konzentriert sich aber eisern auf das, was innerhalb der vier Wände des Sprechzimmers beredet wird. Das macht den Roman sicherlich einzigartig – aber auch etwas spröde.

Wie hat mir das Buch nun gefallen? Als sehr ungewöhnliches Lektüreerlebnis hat es durchaus einen gewissen Reiz, keine Frage. Groß bewegt hat es mich allerdings nicht und Spannung kam auch keine auf. Ich will nicht ausschließen, dass der Roman seinen Lesern unterbewusst hilft, ihre Antennen für zwischenmenschliche Kommunikation zu verbessern. Dass er jedoch lebensverändernd wirken kann, glaube ich kaum.

Verlag: Diogenes
Seitenzahl: 288
Erscheinungsdatum: 24. Oktober 2018
ISBN: 978-3257070439
Preis: 22,00 € (E-Book: 18,99 €)

11. November 2018

Daniel Kehlmann: Tyll

Dieses Buch habe ich schon vor fast zwei Wochen ausgelesen, mich bislang jedoch vor der Rezension gedrückt. Der Grund: Ich habe große Zweifel, ob meine Besprechung diesem großartigen, vielschichtigen Roman gerecht werden kann. Ich habe ihn als einzigartig empfunden und somit hat er auch eine ganz besondere Rezension verdient.


Als ich anfing, Daniel Kehlmanns „Tyll“ zu lesen, war ich noch nicht so begeistert. Ich hatte das Buch quasi unaufgefordert ausgeliehen bekommen, bin generell kein besonderer Fan historischer Romane und dass mir gesagt wurde, dieser hier hätte quasi keine Handlung, machte ihn nicht unbedingt attraktiver.

Wobei es gar nicht stimmte: „Tyll“ hat durchaus Handlung. Sie steht allerdings nicht unbedingt im Vordergrund. Der Roman liest sich mehr wie ein Zeitzeugnis, was das 2017 veröffentlichte Buch natürlich in keiner Weise ist. Aber Kehlmann verleiht seinen Figuren einen Ton und eine Sprache sowie dem ganzen Roman eine solch ungewöhnliche Atmosphäre, dass man als Leser mehr in den Dreißigjährigen Krieg eintaucht, als ich es für überhaupt möglich gehalten hätte. Dabei war mir dieser Stoff anfangs sehr fremd, mein Wissen über die damalige Zeit höchst begrenzt. Die acht langen Kapitel, aus denen sich der Roman zusammensetzt, bauen außerdem nicht chronologisch aufeinander auf, was die Lektüre anfangs etwas sperrig macht. Dennoch ist „Tyll“ zu jeder Zeit sehr gut lesbar. Doch das große Ganze zu verstehen, fällt erst einmal schwer, da auch unterschiedliche Figuren im Mittelpunkt der jeweiligen Kapitel stehen, während andere, bisherige Hauptfiguren höchstens noch einmal als Randfigur vorkommen. Auch der titelgebende „Tyll“, eine Till Eulenspiegel nachempfundene Figur, ist kaum eine Hilfe, obwohl er in jedem der Kapitel zumindest auftaucht. Dennoch bleibt er eine nebulöse Figur, mit der sich kaum warm werden lässt. Dies gilt jedoch für alle Protagonisten: Das Identifikationspotential ist außerordentlich gering. Dennoch zieht der Roman einen nach und nach in seinen Bann, was auch daran liegt, dass Kehlmann all die von ihm geschaffenen losen Ende früher oder später auf kunstvollste Art und Weise zusammenführt. Irgendwann lichtet sich der Nebel, Figuren tauchen zum wiederholten Mal auf, Verbindungen werden klar und irgendwann sogar die historischen Zusammenhänge. Wie sich alles zusammenfügte, fand ich höchst faszinierend. Was mich zudem begeisterte: Wie eine längst vergangene, höchst elende Zeit plötzlich so greifbar, so nachvollziehbar und fühlbar wurde. Kehlmann lässt verschiedenste fiktive und historische Figuren zu Wort kommen, die Perspektive der hart schuftenden Müllersfrau kommt genauso vor wie die des vermeintlich Gelehrten, die der Königin und die des Narren.

Und so ist „Tyll“ ein außergewöhnlicher Roman, der mich anfangs leicht abgeschreckt und zu seinem Ende hin richtiggehend begeistert hat – und außerdem einer, den ich glatt nochmal lesen könnte, um auch wirklich alle Zusammenhänge zu begreifen. Ich kann mich nicht erinnern, schon mal ein derartiges Buch gelesen zu haben. „Tyll“ ist große Literatur und nur zu empfehlen.

Verlag: Rowohlt
Seitenzahl: 480
Erscheinungsdatum: 9. Oktober 2017
ISBN: 978-3498035679
Preis: 22,95 € (E-Book: 19,99 €)

5. November 2018

Chloe Benjamin: Die Unsterblichen

„Worte haben immer nur die Bedeutung, die man ihnen verleiht.“ Diesen Satz las ich gerade in einem eher mittelmäßigen Thriller, doch er passte noch besser zu dem Roman, den ich kurz zuvor beendet hatte. Er handelte von Worten in Form einer Prophezeiung, die das Leben von vier Geschwistern nachhaltig beeinflusst hat. Aber hätte die Prophezeiung auch diese Wirkung gehabt, wenn ihr die Kinder, die sie hörten, weniger Bedeutung zugemessen hätten?


Chloe Benjamins „Die Unsterblichen“ beginnt 1969 in der Lower East Side in New York. Die vier Kinder der Familie Gold langweilen sich in ihren Ferien und als sie von einer Wahrsagerin hören, die ihren Besuchern deren Todesdaten vorhersagt, verspricht das endlich etwas Abwechslung in die Ödnis dieses Sommers zu bringen. Sie spüren die Frau gemeinsam auf – nichtahnend, dass der Besuch jedes ihrer Leben nachhaltig beeinflussen wird: Das der vorsichtigen und vernünftigen dreizehnjährigen Varya, des selbstsicheren elfjährigen Daniel, der lebenshungrigen neunjährigen Klara und des Nesthäkchens, dem siebenjährigen Simon. Denn was bedeutet es, wenn man seinen eigenen Todestag zu kennen glaubt? Lebt man bewusster? Versucht man, dem Schicksal ein Schnippchen zu schlagen? Konzentriert man sich aufs Leben oder aufs Überleben? Wird das Ganze zur self-fulfilling prophecy oder schafft man es dauerhaft, eine solche Prophezeiung als Humbug abzutun?

Benjamin erzählt die Lebensgeschichten der Geschwister hintereinander weg. Alle vier schlagen sehr unterschiedliche Wege ein, doch die Autorin schafft es, jedes Leben gleichermaßen nachvollziehbar zu schildern. Und so lässt sie ihre Leser in die Schwulenszene San Franciscos Ende der 1970er Jahre eintauchen, eine der Figuren von ihren ersten Bühnenerfahrungen bis nach Las Vegas begleiten, eine berufliche Sinnkrise miterleben und sich schließlich mit Primatenforschung beschäftigen. Dass diese Entwicklungen alle schlüssig scheinen und jeder dieser höchst unterschiedlichen Charaktere auf seine Weise überzeugt, fand ich beachtlich. Trotz der – nicht nur örtlichen – Entfernungen zwischen den Protagonisten, ist „Die Unsterblichen“ eine Liebeserklärung an Verbundenheit durch familiäre Bande, die bleibt, auch wenn letztere zeitweise recht locker sitzen mögen. Als sich die Autorin jedoch im letzten Teil des Buches der auf den ersten Blick unscheinbarsten Figur widmet, bekam es für mich nochmal eine andere Tiefe. Der vermeintlich übersinnliche Aspekt des Ganzen, die Prophezeiung der Wahrsagerin, verliert dabei zunehmend an Bedeutung. Vielmehr geht es um den Umgang mit Angst, mit Vergänglichkeit und die verschiedenen Konsequenzen, die sich daraus ziehen lassen. Und so besitzt „Die Unsterblichen“ auch noch eine tiefergehende Ebene und ist nicht nur eine mystisch angehauchte, intensiv erzählte Familiengeschichte, wobei es auch als solche eine berührende und lesenswerte Lektüre gewesen wäre.

Verlag: btb Verlag
Seitenzahl: 480
Erscheinungsdatum: 29. Oktober 2018
ISBN: 978-3442758197
Preis: 20,00 € (E-Book: 15,99 €)

9. Oktober 2018

Katja Lange-Müller: Drehtür

Am Mittwoch beginnt die Frankfurter Buchmesse! Leider wieder ohne mich. Aus der Ferne habe ich aber natürlich verfolgt, wer gestern den Deutschen Buchpreis 2018 erhalten hat: Nicht Maxim Biller und seine „Sechs Koffer“, sondern Inger-Maria Mahlke mit "Archipel". Diesen rückwärts erzählten Roman habe ich bislang nicht gelesen, hoffe aber, das bald nachholen zu können.

Trotzdem bin ich am vergangenen Wochenende noch halbwegs in der Buchpreis-Thematik geblieben mit der Lektüre eines Buches, das immerhin auf der Longlist stand – allerdings schon 2016. Nachdem es in diesem Sommer im Taschenbuch erschienen ist, hatte ich zugegriffen.


Eine „Drehtür“ spielt eine wesentliche Rolle in dem gleichnamigen Roman von Katja Lange-Müller. Würde man ihn als Theaterstück inszenieren oder gar verfilmen, wäre sie der bedeutendste Teil der Kulisse. Denn Hauptfigur Asta Arnold bewegt sich kaum von ebendieser Drehtür weg, die sie aus dem Gebäude des Münchener Flughafens zu einem Aschenbecher geführt hat, wo sie nun eine Camel nach der anderen raucht. Die Ich-Erzählerin kommt gerade aus Nicaragua, wo sie als Krankenschwester für eine internationale Hilfsorganisation gearbeitet hat, bis sie ihre Arbeitgeber mit einem One-Way-Ticket nach Deutschland in den unfreiwilligen Ruhestand schickten. Da steht die Gestrandete nun und kommt irgendwie nicht mehr vom Fleck. Was bleibt der ewigen Helferin noch, wenn ihre Hilfe nicht mehr erwünscht ist? Asta Arnold raucht und lässt ihren Gedanken freien Lauf; und so liest sich der gesamte Roman wie ein einziger Stream of Consciousness. Immer wieder fallen der Protagonistin Reisende, im Flughafen Angestellte und einmal sogar eine Katze ins Auge, die in ihr Erinnerungen an frühere Wegbegleiter auslösen – teils so starke Erinnerungen, dass sie glaubt oder glauben will, vielleicht sogar diese alten Bekannten selbst am Münchener Flughafen zu sehen. Doch sie spricht keinen von ihnen an, stattdessen raucht sie und denkt an vergangene Zeiten. Einige ihrer Erinnerungen sind so ausführlich, dass sie fast Kurzgeschichtencharakter haben, andere bleiben Fragmente. Sie führen zu nichts, außer zu neuen Beobachtungen und neuen Geschichten. Asta Arnold blickt auf ein bewegtes Leben zurück, das man als Leser doch nur sehr auszugsweise kennenlernt, weil sie an das, was ihr nicht genehm ist, nur kurz oder gar nicht denken mag, eventuelle Zusammenhänge für sich behält. Und obwohl die Figur dadurch nicht komplett erfassbar wird, wächst sie einem irgendwie ans Herz und man wünscht sich fast, man könnte sie von dieser Drehtür wegführen, in der Hoffnung, das könnte Asta dazu bringen, nach vorne zu blicken. Denn wie die Tür kreist die Protagonistin seit ihrer Ankunft am Flughafen nur um sich selbst, ohne Ziel. Ob sie den Absprung schließlich schafft, sei hier nicht verraten.

„Drehtür“ ist in einem saloppen, trotzig-starken Ton geschrieben, durch den man sofort eine Beziehung mit der aus Nicaragua Entlassenen aufbaut. Man taucht mit ihr in ihre Erinnerungen ein und am Ende auch wieder daraus hervor. Nach der Lektüre fragte ich mich leicht desorientiert, was das jetzt war und kann diese Frage kaum beantworten. Aber ich habe Asta Arnold gerne Gesellschaft an ihrer Drehtür geleistet und werde an die ein oder andere ihrer Anekdoten sicher noch einmal zurückdenken.

Verlag: FISCHER Taschenbuch
Seitenzahl: 224
Erscheinungsdatum: 11. August 2016 (Hardcover-Ausgabe)
ISBN: 978-3596298891
Preis: 11,00 € (E-Book: 10,99 €)

5. Oktober 2018

Maxim Biller: Sechs Koffer

In drei Tagen (am Montag, den 8.10.) wird bereits der Deutsche Buchpreis 2018 verliehen. Ich habe keinen Favoriten für den Preis, allerdings habe ich leider auch nur eines der Bücher von der diesjährigen Shortlist gelesen. Dieses war für mich jedoch schon einmal nicht der beste deutschsprachige Roman des Jahres. Es ist zwar virtuos geschrieben, hat mich aber seltsam kalt gelassen.


Maxim Billers „Sechs Koffer“ ist ein schmales Bändchen von ungefähr 200 Seiten, die der Autor bestens nutzt. Er fächert in seinem Roman eine Familiengeschichte auf, in die der Leser 1965 ein- und 2016 wieder aussteigt. Der Ich-Erzähler ist 1960 in Russland geboren und verbringt seine frühe Kindheit in Prag, bevor seine Familie 1970 nach Westdeutschland zieht. Die Parallelen zu seinem Schöpfer Maxim Biller sind offensichtlich: Beide sind im gleichen Jahr geboren (Biller allerdings in Prag), beide sind Kinder russisch-jüdischer Eltern und beide kommen im Alter von 10 Jahren in die BRD. Selbst die Namen der Mutter und Schwester sind gleich (Rada und Elena/Jelena). Trotzdem ist der Roman nicht autobiografisch, Biller selbst stellt in seinem Einzelportrait für den Deutschen Buchpreis klar, dass er Fakten und Fiktion wild durcheinandergewirbelt hat: „Dagegen ist […] ein Eintopf nichts […] und ich kann Ihnen nur eins sagen: Die meisten Sachen, die in diesem Buch erzählt werden, sind komplett erfunden.“

Und so bleibt zumindest zu hoffen, dass Billers eigener Opa nicht 1960 in der Sowjetunion hingerichtet wurde, wie der seines Ich-Erzählers. Dieser verdächtigt ein enges Familienmitglied, den Großvater denunziert zu haben – bzw. werden nach und nach sogar mehrere Familienmitglieder verdächtigt. Wie nebenbei wird die Großfamilie knapp porträtiert: Neben dem Vater, der Mutter und der Schwester gibt es noch drei Onkel und eine angeheiratete Tante. Im Hintergrund spielen sich kleinere Erlebnisse rund ums Erwachsenwerden ab. Das Ganze ist gut lesbar, sprachlich schön erzählt und vom Ton her meist reduziert-lakonisch. Berührt hat mich der Text jedoch kaum. Wirklich mitfühlen konnte ich mit keiner der relativ blass bleibenden Figuren, ich fand zwar einige von ihnen durchaus interessant, aber nicht so nahbar, dass mich ihr Wohl und Wehe irgendwie bewegt hätten. So ähnlich ging es mir auch mit Biller, wenn ich ihn früher in der Sendung „Das Literarische Quartett“ sah, wo „Sechs Koffer“ übrigens am 10. August 2018 besprochen wurde.
Nachdem ich den Roman gelesen hatte, habe ich mir die Sendung angeschaut und teile den Wunsch der Autorin Sasha Marianna Salzmann, die zu Gast war: „Ich würde mir wünschen, dass ich mich in die Figuren hineinversetzen kann.“ Thea Dorn ergänzt später: „Maxim Biller geht dem unendlichen Schmerzpotential, das in dieser Geschichte steckt, nicht wirklich nach.“ Beides geht für mich Hand in Hand: Dadurch, dass bei den Figuren anscheinend nur an der Oberfläche gekratzt wird, bleibt die Erzählung ziemlich emotionslos, obwohl es angesichts der Handlung und Protagonisten so viel mehr Möglichkeiten gegeben hätte.

Stellenweise habe ich mich gewundert, welche belanglosen Anekdoten in diesen kurzen Text Einzug fanden – die flüchtige Zugbekanntschaft mit Hormonstau zum Beispiel, der unbedeutende Kuss der Cousine. Handlungsstränge von offensichtlich größerer Bedeutung wurden dagegen nicht auserzählt. Wie durch Zeiten und Orte gejagt wird, kann als kunstvoll bezeichnet werden, aber mehr wäre an dieser Stelle tatsächlich mehr gewesen, finde ich. Ich hatte mir auf jeden Fall mehr versprochen, nachdem ich Biller als scharfen Kritiker kennengelernt hatte. Aber, um hier doch tatsächlich mal Dr. Eckart von Hirschhausen zu zitieren: „Der Wegweiser muss den Weg nicht mitgehen“ … Die „Sechs Koffer“ sind kein schlechtes Büchlein, hinterlassen aber keinen bleibenden Eindruck bei mir. Ob sie wohl am kommenden Montag den wichtigsten Literaturpreis Deutschlands gewinnen werden? Ich bin sehr gespannt.

Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Seitenzahl: 208
Erscheinungsdatum: 8. August 2018
ISBN: 978-3462050868
Preis: 19,00 € (E-Book: 16,99 €)

24. September 2018

Rachel Khong: Das Jahr, in dem Dad ein Steak bügelte

Als wirklichen Nachteil von E-Books empfinde ich nach wie vor den Verlust der Haptik und die auf Readern in der Regel öde wirkende Darstellung von Buchcovern. Beim folgenden Titel fehlte das Cover sogar komplett, was eventuell daran lag, dass ich die Buchdatei nicht gekauft, sondern als Leseexemplar zur Rezension bekommen habe. In jedem Fall ist es schade, denn das Buch hat einen sehr farbenfrohen, fröhlichen Titel, was auf dem Handy zumindest ansatzweise rauskommt.


„Das Jahr, in dem Dad ein Steak bügelte“ erzählt genau das, was der Titel verspricht: Das Jahr im Leben der 30-jährigen Kalifornierin Ruth, in dem sie noch einmal zu Hause einzieht, und in dem ihr Vater schließlich versucht, auf ungewöhnliche Art und Weise ein Steak zuzubereiten. Grund dafür ist, dass er sich an die herkömmliche Zubereitungsart zumindest in diesem Moment nicht mehr erinnert. Ruths Vater, ein ca. 60 Jahre alter, erfolgreicher Geschichtsprofessor, ist an Alzheimer erkrankt. Als ihre Mutter sie an Weihnachten bittet, das nächste Jahr noch einmal zu Hause einzuziehen, hat die Tochter gerade den Boden unter den Füßen verloren; ihr Verlobter hat sie verlassen. Nach eigenem Empfinden sitzt sie im „Boot der Unverheirateten, Karrierelosen. Das eher eine Art Kanu ist.“ Sie braucht einen Neuanfang und kommt dem Wunsch ihrer Mutter nach. Das Jahr in ihrem Elternhaus beschreibt sie in knappen, tagebuchartigen Einträgen. Rachel Khongs Stil fand ich dabei sehr besonders: Sie lässt ihre Ruth fragmentarisch erzählen, in lakonischer Kürze teilt sie kleine Episoden aus ihrem Alltag mit. Sie beschreibt ihre Erlebnisse sachlich und kurz, viele Einträge umfassen maximal eine Seite. Und trotzdem schwingen Tragik, aber auch Komik, Trauer und Freude bei jeder Schilderung leise mit. Es geht dabei längst nicht nur um die Krankheit des Vaters, es geht um Familie, Liebe, Freundschaft, begangene Fehler und die Verarbeitung von unwiderruflich Vergangenem. Ihr reduzierter Stil hindert Rachel Khong in keinster Weise daran, ein ganzes Spektrum von Gefühlen auszudrücken, das hat mir sehr gefallen. Ruth ist keine ganz unsperrige Protagonistin, sie hat eine Reihe von mehr oder weniger liebenswerten Marotten, unter anderem sammelt sie Mandeln, die ungewöhnlich geformt sind und unnützes Wissen. Sie hat einen ungewöhnlichen Blick auf die Dinge: „Ich sah mir das Steak an und stellte fest, wie wunderbar du es angebraten hattest. Ich briet die andere Seite in einer Pfanne und dann salzten und aßen wir es.“

Auch wenn sie – wie sämtliche Romangeschehnisse – nicht detailliert beschrieben werden, schimmern die schweren Momente durchaus durch. Doch Khong lässt ihre Ich-Erzählerin nie ihre Leichtigkeit verlieren. Und so liest sich auch dieser Roman zwar durchgängig leicht, berührt dabei aber trotzdem tief. Ein schönes Buch.

Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Seitenzahl: 256
Erscheinungsdatum: 7. September 2018
ISBN: 978-3462049725
Preis: 19,00 € (E-Book: 16,99 €)

19. September 2018

Lukas Rietzschel: Mit der Faust in die Welt schlagen

Meist lese ich Romane, weil mich der Klappentext anspricht und die Handlung interessiert. Ein anderer Grund kann sein, dass ich den Autor bereits kenne und schätze. Manchmal ist auch das Cover ausschlaggebend. Bei diesem Buch hier gab es jedoch einen anderen Auslöser: Ich hatte das Gefühl, ich sollte lesen, was die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung als den „Ost-Roman des Moments“ und der stern als einen „der besten und wichtigsten Romane des Jahres“ bezeichnet hat. Ich hoffte, es würde mir helfen, zu verstehen; eine Antwort darauf zu finden, wer solche Menschen sein können, was sie geprägt hat: sich abgehängt fühlende „besorgte Bürger“, AFD-Wähler, hasserfüllte Rechtsextremisten.


Lukas Rietzschels Debüt „Mit der Faust in die Welt schlagen“ handelt vom Leben der sächsischen Familie Zschornack und schildert das Heranwachsen der Söhne Philipp und Tobias. Die Handlung beginnt im Jahr 2000 auf einer Baustelle, auf der gerade das neue Eigenheim der Zschornacks gebaut wird. Tobias ist ungefähr fünf Jahre alt, Philipp geht bereits in die Grundschule, der Vater arbeitet als Elektriker, die Mutter als Krankenschwester. Diese Ausgangssituation wirkt eigentlich hoffnungsvoll, und doch schwingt bereits auf jeder Seite eine gewisse Trostlosigkeit mit, die sich durch den gesamten Roman zieht. Eine Trostlosigkeit, die auch die Kinder schon zu spüren und in sich aufzunehmen scheinen. Die stillgelegte und langsam verfallende Ziegelesse in der Nachbarschaft. Arbeiter mit Ausbildungen, die nichts mehr wert sind. Das abschätzige Gerede über die Sorben, deren Sprache man nicht versteht. Der Kollege des Vaters, dessen Frau allein in den Westen gezogen ist und über den sich das Gerücht hält, er wäre Stasi-Spitzel gewesen.

Die Coming-of-Age-Geschichte von Philipp und Tobias zieht sich in drei großen Zeitabschnitten bis ins Jahr 2015. Kindheit und Jugend werden in einer losen Abfolge vor allem kleinerer Ereignisse geschildert. Sie verlaufen weder besonders glücklich noch besonders unglücklich; es gibt steife Familienfeiern und Misserfolge in der Schule – so weit, so normal. Prägend scheint jedoch eine gewisse Sprachlosigkeit in der Familie zu sein, die sich durch alle Generationen zieht. Die Großeltern schweigen, die Eltern schweigen. Die Kinder schweigen irgendwann auch, nachdem ihre Fragen zu lange unbeantwortet geblieben sind. In der Familie Zschornack wird über den Alltag gesprochen, aber nicht über die Vergangenheit. Nicht über Gefühle, nicht über Perspektiven, nicht über Zukunftsträume. Letztere gibt es wohl gar nicht; die Eltern scheinen schon vor langer Zeit resigniert zu haben und diese Resignation unbewusst an beide Kinder weiterzugeben. Man fühlt sich klein, man macht sich klein. Für die Söhne funktioniert das irgendwann nicht mehr.

Rietzschel, 1994 in Ostsachsen geboren und damit ungefähr im gleichen Alter wie seine Protagonisten, macht in seinem Erstling Macht- und Mutlosigkeit greifbar. Beides scheint sich von einer Generation auf die andere zu übertragen. Einige Figuren begehren dagegen auf, was aber nicht bedeutet, dass sie sich aktiv um ein besseres Leben bemühen. Stattdessen reift der Wunsch, „Mit der Faust in die Welt schlagen“ zu wollen. Es wird plausibel dargestellt, wie manche Jugendliche ihr Ventil finden: sich zusammenrotten, Stärke durch Einschüchterung Schwächerer demonstrieren. Andere flüchten sich in Alkohol und Drogen, das Glück scheint es nur im verhassten Westen zu geben, wo die Gutmenschen leben, die man nicht kennt und auch nicht kennenlernen will. Die Wut wächst, wenn man sich ungeliebt und vergessen fühlt. Der Hass auf das Fremde ist endlich ein Gefühl, über das man reden kann; die Fremden sind Menschen, denen man sich endlich mal überlegen fühlt. Es liest sich bedrückend in seiner Nachvollziehbarkeit.

Ich habe in diesem Roman nach dem einen Punkt gesucht, der der Wendepunkt war – der, an dem die Dinge hätten anders verlaufen können, wenn vielleicht ein, zwei Parameter anders geartet gewesen wären. Ich konnte ihn nicht finden. „Mit der Faust in die Welt schlagen“ lässt mich daher teils ratlos zurück. Und doch habe ich Einblicke in Denkweisen bekommen, die mir unbekannt waren, habe eine bessere Idee davon erhalten, was Trost-, Macht-, Mut- und Perspektivlosigkeit mit einem machen können. Lukas Rietschel hat einen Roman geschrieben, der nicht wertet, der keine Lösungen aufzeigt, der es dem Leser nicht leicht macht. Aber er klingt nach.

Verlag: Ullstein
Seitenzahl: 320
Erscheinungsdatum: 7. September 2018
ISBN: 978-3550050664
Preis: 20,00 € (E-Book: 16,99 €)

9. September 2018

Isabel Allende: Ein unvergänglicher Sommer

Praktisch jeder, dem ich in den letzten Tagen erzählte, dass ich gerade das neue Buch von Isabel Allende lese, verband diesen Namen mit ihrem vor 36 Jahren erschienen Debüt "Das Geisterhaus". Ihr erster und ihr neuester Roman haben (wie vielleicht sogar alle Bücher von Allende?) einiges gemein: Sie handeln von starken Frauen, sind spirituell angehaucht, spielen zumindest teilweise in Lateinamerika und wurden an einem 8. Januar begonnen. Isabel Allende beginnt zwar nicht jährlich, aber nie an einem anderen Datum mit einem neuen Roman. Was für eine ungewöhnliche Tradition!


Ich hatte noch nie zuvor ein Buch von Isabel Allende gelesen, obwohl sich "Das Geisterhaus" sogar in meinem Romanregal findet. Schon die Ausgangssituation von „Ein unvergänglicher Sommer“ zog mich aber gleich in ihren Bann. Eine eiskalte Winternacht in New York bringt drei höchst unterschiedliche Personen zusammen: Den Universitätsprofessor Richard, seine chilenische Untermieterin Lucia und die Guatemaltekin Evelyn, die sich illegal in den USA aufhält. Eine der drei genannten Figuren hat im wahrsten Sinne des Wortes eine Leiche im Kofferraum, die diese neugebildete Schicksalsgemeinschaft notgedrungen zusammen loswerden will. Ein Roadtrip beginnt – kurz nach einem Jahrhundertschneesturm. Und wird das Leben von Richard, Lucia und Evelyn für immer verändern.

Anfangs war ich irritiert, dass mich die Autorin wiederholt aus diesem Roadtrip herausriss. Kapitelweise widmet sie sich immer wieder der Vergangenheit ihrer Protagonisten, die schließlich mehr Raum einnimmt als die eigentliche Geschichte in der Romangegenwart. Von dieser wird man als Leser schon sehr weit weggeführt, wenn man sich z.B. in Evelyns Kindheit vertieft. Sie wächst in extrem ärmlichen Verhältnissen bei ihrer Großmutter auf, einer starken und liebevollen Frau, doch als ihr ältester Bruder sich einer Gang anschließt, brechen sich entsetzliche Ereignisse Bahn. Evelyn als jüngste der drei Hauptfiguren hat schon so viel erlebt, dass es für einen eigenen Roman gereicht hätte und so ist es dann auch ein langer Weg, bis ihre Vergangenheit schließlich mit der Gegenwart zusammengeführt wird. Gleiches gilt für die anderen beiden Protagonisten: Auch ihr bewegtes Leben wird detailliert erzählt. Allende ist eine wahre Meisterin der Beschreibung menschlicher Schicksale, doch an manchen Stellen war mir die Häufung persönlicher Unglücksfälle dann doch zu viel und schien mir auch etwas übertrieben – der Verzicht auf ein, zwei Schicksalsschläge hätte dem Buch vielleicht noch besser getan. Stellenweise kam mir „Ein unvergänglicher Sommer“ überladen vor, aber das gab sich im letzten Buchdrittel, in dem sich alles federleicht zusammenfügt. Die Autorin versteht ihr Handwerk, auch die Sprache des Romans ist durchgängig schön und bei ihrer Schilderung der Romangegenwart hat sie sich außerdem noch einen feinen Humor erlaubt, der dem Buch immer wieder die Schwere nimmt. Allende schafft es, ihre Leser gleich in mehrere Welten zu entführen, die auch noch völlig unterschiedlich sind. Sie legt dabei ihren eigenen Spannungsbogen immer wieder brach, weswegen ich mich gelegentlich zum Weiterlesen aufraffen musste, doch insgesamt hat mir dieser vielschichtige und dramatische Roman gefallen.

Verlag: Suhrkamp
Seitenzahl: 350
Erscheinungsdatum: 13. August 2018
ISBN: 978-3518428306
Preis: 24,00 € (E-Book: 20,99 €)

31. August 2018

Didi Drobna: Als die Kirche den Fluss überquerte

Manche Bücher machen etwas mit einem, und dieses Buch gehört dazu. Es hat mich nachhaltig berührt und obwohl ich seinen Anfang als etwas sperrig empfunden habe und mir die Hauptfigur lange fremd blieb, war ich am Ende extrem angetan. Ein intensives Leseerlebnis und ein Roman, der die Seele berührt.


„Als die Kirche den Fluss überquerte“ ist eine in zwei Teile zerfallende Familiengeschichte. Sie kreist um die beiden tiefen Einschnitte im Leben des Ich-Erzählers Daniel, die zusammenhanglos relativ dicht aufeinanderfolgen – oder besser gesagt: Der Ich-Erzähler selbst kreist um diese zwei Ereignisse und der Leser dreht sich gezwungenermaßen mit. Während der ersten Romanhälfte fühlte ich mich teils wie auf einem Karussell, aus dem es keinen Ausstieg gab, das änderte sich dann jedoch abrupt. Aber der Reihe nach.

Zu Beginn des Buches trennen sich Daniels Eltern, scheinbar aus heiterem Himmel, was ihn schwer trifft. Der Sohn hat immense Schwierigkeiten, mit der neuen Situation klarzukommen. Die Familie scheint sein einziger Lebensinhalt zu sein: Freunde spielen keine Rolle, auch Hobbys, eine Ausbildung oder ein Studium werden nicht erwähnt. Tatsächlich hat sich mir lange nicht erschlossen, was der Protagonist den lieben langen Tag macht, und das fand ich höchst erstaunlich, ist er doch bereits zu Beginn des Buches 20 Jahre alt. Diese Altersangabe konnte ich lange nicht mit seinem Denken und Fühlen in Einklang bringen. Nicht nur aus diesem Grund blieb mir Daniel über viele Kapitel fremd – doch das änderte sich in Folge des zweiten lebensverändernden Ereignisses, das der Hauptfigur widerfährt. Daniels Mutter Lieselotte erkrankt schwer und ohne Hoffnung auf Genesung und plötzlich wurde das Gefühlschaos des Protagonisten absolut nachvollziehbar dargestellt. Hatte ich vorher das Gefühl, dass die Autorin keinen komplett stimmigen Ton traf, fuhren mir Trauer, Verzweiflung, Angst und Wut plötzlich in einer unterwarteten Intensität unter die Haut. Sprachlich steht der erste Teil dem zweiten in nichts nach, aber die Schönheit von Didi Drobnas Formulierungen konnte ich erst komplett würdigen, als ich mich nicht mehr unwillkürlich fragte, was mit dem Ich-Erzähler bloß nicht stimmt.

Was beide Teile eint, sind die kapitelweise eingefügten Anekdoten aus Daniels Kindheit, in denen er sich an Ereignisse erinnert, die ihn und die ganze Familie geprägt haben. Passend zum Buchcover ging mir der Refrain eines Popsongs der Künstlerin Pink durch den Kopf: „In our family portrait we look pretty happy, we look pretty normal, let’s go back to that.“ Daniel sehnt sich nach einer unwiderruflich vergangenen Zeit, nach der vermeintlich heilen Welt seiner Kindheit. Seine Erinnerungen waren von Beginn an packend geschildert und halfen mir anfangs über die unreife Jammergestalt hinweg, die er in der Romangegenwart abgab. Überhaupt hat Autorin Drobna ein Händchen für die Schilderung von kuriosen, tragikomischen Geschichten; so, wie sie auch Emotionen sehr greifbar in Worte fasst. Bei der Beschreibung dramatischster Krisen läuft sie zu Höchstform auf. „Als die Kirche den Fluss überquerte“ liest sich nicht einfach so weg, es hinterlässt Spuren. Am Ende war ich mit der Hauptfigur völlig versöhnt und kann mir überdies vorstellen, den Roman irgendwann noch ein zweites Mal zu lesen. Es ist ein weises Buch über Familie, Beziehungen und Gefühle und nicht nur Daniel wächst an seinen schmerzhaften Erfahrungen, sondern nimmt die Leser des Romans auch in dieser Beziehung mit.

Verlag: Piper
Seitenzahl: 320
Erscheinungsdatum: 1. August 2018
ISBN: 978-3492059206
Preis: 20,00 € (E-Book: 18,99 €)

27. August 2018

Julia von Lucadou: Die Hochhausspringerin

Gerade habe ich festgestellt, dass ich innerhalb der letzten zwölf Monate fünf dystopische Romane gelesen habe, wovon vier von deutschen Autorinnen geschrieben wurden. Erfreuen sich Dystopien momentan besonderer Beliebtheit in Deutschland? Entwickeln Frauen eher düstere Zukunftsvisionen als Männer? Oder kommt mir das alles nur so vor, weil ich sie mir unbewusst rauspicke? Auf diese Fragen habe ich bislang keine Antworten - fest steht nur, dass ich z.B. Juli Zehs "Leere Herzen" und Zoë Becks "Die Lieferantin" sehr gerne gelesen habe und sich Julia von Lucadou mit ihrem Debüt nicht dahinter verstecken muss - auch wenn es wieder ganz anders ist als die genannten Romane, aber gerade das macht ja den Reiz aus.


Wie könnte sich unsere Welt irgendwann einmal entwickeln? Autorin Julia von Lucadou gibt auf diese Frage eine ziemlich düstere Antwort. Dabei leben die, die es geschafft haben, in ihrer Dystopie „Die Hochhausspringerin“ in einer funkelnden Stadt voller strahlender Wolkenkratzer. Ihr Leben ist perfekt durchorganisiert und hocheffizient geregelt. Die Erfolgreichen gehen den Jobs nach, für die sie am besten geeignet sind, treffen die potentiellen Beziehungspartner, die ein Algorithmus für sie auswählt und betreiben zur Entspannung ein eigens auf den Einzelnen zugeschnittenes Fitness- und Meditationsprogramm. Das Leben in der Stadt könnte leicht sein – wenn man sich nach den Wünschen des Systems optimiert steuern lässt. Gerade das aber verweigert Riva, eine seit ihrer Kindheit höchst erfolgreiche Hochhausspringerin, von einem Tag auf den anderen. Sie will ihrem Hochleistungssport – Sprünge von Wolkenkratzern im Flysuit, Performances von akrobatischen Figuren im freien Fall und Wiederaufschwingen in der letzten Millisekunde vor dem Aufprall – nicht weiter nachgehen und lässt sich auch von dem drohenden Verlust ihrer Privilegien nicht umstimmen. Die Wirtschaftspsychologin Hitomi wird auf Riva angesetzt und versucht, unter anderem durch lückenlose Videoüberwachung – die in dieser schönen neuen Welt quasi zum Standard gehört – die Motive der Sportlerin zu ergründen. Sie gerät dabei mehr und mehr unter Druck, denn was Riva in ihrer Lethargie nicht zu schrecken scheint – eine Ausweisung aus der Stadt und ein Leben in den Peripherien mit all denjenigen, die es (noch) nicht geschafft haben – ist für Hitomi ein absoluter Alptraum, der jedoch wahr zu werden droht, wenn sie ihren Auftrag, Riva wieder auf Spur zu setzen, nicht erfüllt.

„Die Hochhausspringerin“ handelt von diesen beiden unterschiedlichen Frauen. Ihre geschilderte, in allen Bereichen durchoptimierte Realität ist quasi Beiwerk, sie wird nicht groß vorgestellt, sondern eröffnet sich dem Leser nur nach und nach durch Randbemerkungen. Gerade das fand ich extrem gelungen; zwar ist das System dadurch nicht komplett durchschaubar, aber als Leser erfährt man genug, um die Geschichte nachzuvollziehen – und sich bei dem Gedanken, dass es wirklich mal so kommen könnte, gehörig zu gruseln. Braucht Hitomi ein paar freundliche Worte, ruft sie einen „Mutterbot“ an – eine Hotline, bei der eine Computerstimme auf Wunsch die liebevollen Reaktionen einer besorgten Mutter imitiert. Trifft sie einen potentiellen Partner, folgt danach die gegenseitige Bewertung im Internet. Kommt sie übermüdet zur Arbeit, ist ihr Chef schon über die Dauer und Erholsamkeit ihres Schlafes informiert. Lucadou hat einen absoluten Überwachungsstaat entworfen – zum Wohle der Gesellschaft und zum Besten des jeweiligen optimierten Individuums. Oder?

Die Dystopie bringt zum Nachdenken: Bringt Perfektion Glück? Wie wichtig ist die Freiheit des Einzelnen? Was macht ein gelungenes Leben aus? Ich fand dieses Gedankenexperiment hochspannend und habe die Entwicklung der Protagonisten gebannt verfolgt. Es bleibt die Frage, wie gut man selbst darin wäre, sich an ein derartig lückenlos optimiertes Leben und ein rein leistungsorientiertes System anzupassen. Und die Erkenntnis, dass das gar nicht in allen Bereichen so weit weg ist, wie man hoffen würde.

Verlag: Hanser Berlin
Seitenzahl: 288
Erscheinungsdatum: 23. Juli 2018
ISBN: 978-3446260399
Preis: 19,00 € (E-Book: 14,99 €)

8. August 2018

Alexa Hennig von Lange: Kampfsterne

Mit ihrem Erstling „Relax“ hat Alexa Hennig von Lange die deutsche Popliteratur Ende der 1990er Jahre mitbegründet, und seitdem ist sie mir auch irgendwie ein Begriff, obwohl ich noch nie etwas von ihr gelesen hatte – es hat sich irgendwie nicht ergeben. Diesen Monat erscheint ihr neuester Roman, die Beschreibung klang vielversprechend und ich war sehr gespannt, als ich durch „Vorablesen“ die Möglichkeit bekam, ihn – wie der Name schon sagt – vor dem Erscheinungstermin zu lesen.


Die Verlagsankündigung von „Kampfsterne“ beginnt wie folgt: „1985 – Es ist ein verrückter, heißer Sommer, in dem Boris Becker Wimbledon gewinnt, vier Passagierflugzeuge innerhalb eines Monats abstürzen, alle großen Rockstars bei Life Aid für das hungernde Afrika singen und in einer Siedlung am Rand der Stadt drei Familien zu zerbrechen drohen.“
Das Buch machte mich neugierig, weil ich mehr über den verrückten, heißen Sommer 1985 erfahren wollte – ich dachte, es könnte spannend sein, mit Hilfe dieses Romans in diese Zeit einzutauchen. Boris Becker und Life Aid werden allerdings nur sehr am Rande erwähnt und über den Absturz der vier Passagierflugzeuge habe ich eigentlich gar nichts gelesen. Stattdessen kreist das Buch allein um die erwähnten drei Familien, die von außen betrachtet alles haben: ein Eigenheim im Grünen, gesunde Kinder und genügend Geld, um deren Musikstunden zu bezahlen. Glückliches Bildungsbürgertum, könnte man meinen. Aber niemand ist glücklich, das weiß der Leser aus erster Hand, lernt er doch fast alle Figuren dank der „stream of consciousness“-Technik teils besser kennen, als ihm lieb ist. Selbst Lexchen (kurz für „Alexa“, also eine Namensvetterin der Autorin), mit ihren acht Jahren das jüngste erwähnte Kind, das sich alle Mühe gibt, Glück zu verbreiten, stößt schließlich an ihre Grenzen.

Die Verkorkstheit der übrigen Kinder und Teenager ließe sich größtenteils auf normale Eifersüchteleien und die Pubertät schieben, wären da nicht ihre Eltern: Ignorant. Einsam. Verkrampft. Schwach. Überspannt. Betrogen. Missverstanden. Größenwahnsinnig. Emanzipiert. Opfer. Täter. Allesamt verlorene Seelen. Fliegende Kampfsterne, zumindest einige von ihnen. Dankenswerterweise lässt Alexa Hennig von Lange ihren Lesern trotzdem die Hoffnung, dass die heranwachsende Generation etwas glücklicher, ehrlicher und aufrechter durchs Leben gehen wird als ihre Eltern. Und vielleicht besteht sogar noch mehr Hoffnung: Am Ende des Buches gibt es gleich mehrere große Knalle, die die bestehende Siedlungsordnung in ihren Grundfesten erschüttern. Vielleicht entsteht daraus tatsächlich etwas Gutes, wer weiß das schon – vermutlich nur die Autorin, denn das Buch endet so abrupt, dass mein erster Impuls war, den Verlag anzuschreiben und nachzufragen, ob es sein kann, dass die E-Book-Version unvollständig ist.

Wie haben mir die „Kampfsterne“ nun gefallen? Zunächst fand ich die Charaktere skurril. Dann war ich etwas enttäuscht, als ich realisierte, dass der Roman ausschließlich vom Siedlungs-Leben handelt – das restliche 1985 geht relativ spurlos an der Erzählung vorbei. Die Enttäuschung wich irgendwann der Erleichterung: Eine ganz eigene und durchaus auch eigenartige Stimmung zieht sich durch den Roman, und wenn das die Stimmung dieser Zeit auch nur ansatzweise widerspiegelt, sollte ich vielleicht froh sein, dass ich damals noch zu jung war, um sie mitzubekommen.
Tja, und dann – packte mich das Buch irgendwann doch noch. Nachdem die Protagonisten mehr als den halben Roman lang durch ihre festgefahrenen Leben dümpeln, wird ihre Welt immens durcheinandergeschüttelt. Wie sich schließlich etwas in Gang setzte, erst zögerlich, dann aber immer unaufhaltbarer – das faszinierte mich dann, denn es war richtig gut geschrieben. Und plötzlich konnte ich sogar mitfühlen. Das kam spät und war für mich um so erstaunlicher, aber jetzt sitze ich hier und bedaure, dass ich schreibe, statt noch zu lesen, dass das Buch einfach schon zu Ende ist, nachdem mir das Wohlergehen seiner schrägen Charaktere endlich am Herzen liegt. So kann’s gehen.

Verlag: DuMont Buchverlag
Seitenzahl: 224
Erscheinungsdatum: 20. August 2018
ISBN: 978-3832197742
Preis: 20,00 € (E-Book: 15,99 €)

20. Juli 2018

Lize Spit: Und es schmilzt

Dieser erste und bisher einzige Roman der flämischen Autorin Lize Spit (Jahrgang 1988) war 2016 ein Bestseller in Belgien und den Niederlanden, es wurden 160.000 Exemplare verkauft. Kein Wunder, dass der S. Fischer Verlag ihn als Spitzentitel in sein Herbstprogramm 2017 aufgenommen hatte. Zur Ankündigung verwendete er folgenden vielversprechenden Slogan: „Ein Buch, das alles gibt und alles verlangt“. Der generelle Hype sowie diese Ankündigung machten mich neugierig – was würde das Buch mir geben, was von mir verlangen? Mit relativ hohen Erwartungen begann ich die Lektüre dieses optisch sehr schönen Romans mit grünem Schnitt.


Obwohl von Anfang an klar ist, dass die Handlung von „Und es schmilzt“ in Belgien angesiedelt ist, musste ich mir das immer wieder in Erinnerung rufen – ich hatte nämlich fortlaufend das Gefühl, einen skandinavischen Roman zu lesen, der irgendwo spielt, wo das Land spärlich besiedelt ist, die Tage kurz und die Menschen schweigsam und in sich gekehrt sind. Die Atmosphäre ist von Anfang an von einer kaum wahrnehmbaren Düsternis geprägt, obwohl noch gar nichts Düsteres passiert ist. Die Autorin Lize Spit kann ohne Frage schreiben, sie weiß, wie man eine Dramaturgie aufbaut und legt die Psyche ihrer Hauptfigur nach und nach auf herzzerreißende Weise offen. Generell hat mich die Darstellung ihrer weiblichen Protagonisten dabei stärker überzeugt als die der männlichen, die mir insbesondere gegen Ende des Romans unglaubwürdig gefühlskalt und passiv vorkamen.

Was hat das Buch nun von mir verlangt? Auf den ersten 100 Seiten: vor allem einen langen Atem. Als Leser erlebt man „Und es schmilzt“ aus Sicht von Protagonistin Eva. Es geht um den Sommer 2002, in dem sie 13 oder 14 ist – und um die Jetzt-Zeit, während der sie ungefähr doppelt so alt sein dürfte. Die erwachsene Eva reist das erste Mal seit vielen Jahren in ihr Heimatdorf Bovenmeer. Sie ist dort zu einer Feier eingeladen und fährt nach längerem inneren Ringen hin, einen großen Eisklotz in ihrem Gepäck.

Der Romansommer 2002 beginnt träge, wie auch der Tag der großen Feier, wie auch die Kapitel zu beiden Handlungssträngen. Doch irgendwann scheinen die kleinen, zunächst bedeutungslos wirkenden Ereignisse eine gefährliche Abwärtsspirale zu entwickeln, aus der der Ausstieg zwar möglich erscheint – aber findet er auch wirklich statt? Die Handlung schreitet schneller voran, die Anzahl verstörender Details nimmt zu, alles in allem ist das Gelesene immer schwerer zu ertragen, ab irgendeinem Punkt musste ich mich regelrecht zwingen, um weiterzulesen. Eva erfährt in diesem Sommer mehrere Formen von unglaublichen Verletzungen und unglaublichem Verrat. Eigentlich ein empathisches Mädchen mit einem funktionierenden inneren moralischen Kompass, hat sie eine große Schwäche: ihre emotionale Bedürftigkeit. Eva will gesehen, geliebt und gebraucht werden und hat von ihrer Familie dahingehend wenig zu erwarten: Das Interesse ihrer Eltern gilt in erster Linie dem Alkohol, ihren Kindern stehen sie dagegen mit einer Mischung aus Überforderung, Gleichgültigkeit und gelegentlicher Grausamkeit gegenüber. Der große Bruder flüchtet sich in sein naturwissenschaftliches Interesse, die kleine Schwester in Zwangsneurosen. Evas Überlebensstrategie sind ihre Freundschaften. Aber kann sie so den toxischen Sommer 2002 überstehen?

Ausführlicher kann ich auf den Inhalt dieses Romans kaum eingehen, ohne zu viel zu verraten. Abverlangt hat er mir beim Lesen tatsächlich außer einem langen Atem noch einiges mehr, „ein Buch, das alles verlangt“ kann man von mir aus so stehen lassen. Aber hat mir „Und es schmilzt“ auch etwas gegeben – außer einem Kopfkino, das ich hoffentlich eines Tages wieder vergessen werde? Ich weiß es nicht. Sicher bin ich mir dagegen, dass ich diesen Roman weder verschenken noch empfehlen werde. Trotzdem bleibt für mich die Frage nach dem Warum. Soll „Und es schmilzt“ mit seinen schonungslosen Schilderungen schocken? Die Abgründe der menschlichen Natur aufzeigen? Warnen, genauer hinzusehen? All das tut der Roman. Ist das ein Gewinn, eine Bereicherung für seine Leser? Ich bin mir da nicht so sicher.

Verlag: S. Fischer Verlag
Seitenzahl: 512
Erscheinungsdatum: 24. August 2017
ISBN: 978-3103972825
Preis: 22,00 € (E-Book: 18,99 €).
Der Roman erscheint am 24. Oktober 2018 im Taschenbuch für 12,00 €.

10. Juli 2018

Meg Wolitzer: Das weibliche Prinzip

Von Meg Wolitzer hatte ich noch nie gehört, dabei hat sie schon etliche Romane geschrieben, von denen zwei auch verfilmt wurden. Mehrere ihrer Bücher standen auf der New-York-Times-Bestsellerliste und auch einen deutschen SPIEGEL-Bestseller kann sie bereits vorweisen. Ihre Themen scheinen immer zwischenmenschliche Beziehungen sowie deren Abgründe zu sein - worüber ich im Allgemeinen durchaus gerne lesen.


Mit diesem Roman hatte ich anfangs dennoch ein bisschen zu kämpfen. Alles an ihm schien sperrig: Der Beginn, die Charaktere, die Handlung. Autorin Meg Wolitzers Art, Dinge zu beschreiben, fand ich jedoch von Anfang an ansprechend – in „Das weibliche Prinzip“ gibt es weise Sätze wie „Beziehungen waren ein Luxus, den sich nur Menschen leisten konnten, die nicht in einer Krise steckten“. Oder: „Ich denke manchmal, dass Introvertierte, die sich beigebracht haben, extrovertiert zu sein, die effektivsten Menschen der Welt sind.“ Ich habe mir einige interessante Gedanken markiert, doch manchmal wirkte der Stil der Autorin auch etwas überladen auf mich.

Und dann sprang der Funke doch noch über. Rückblickend denke ich, dass das geschah, nachdem der größte Coming-of-Age-Teil überstanden war. Natürlich verhalten sich die Hauptfigur und ihre Freunde mit Anfang/Mitte 20 noch nicht ganz erwachsen, aber die Irrungen und Wirrungen, die Schulabschluss und Universitätsbeginn mit sich bringen, waren irgendwann überstanden – für sie und für mich.
„Das weibliche Prinzip“ handelt von der ehrgeizigen Greer Kadetsky, die zu Beginn des Buches ihr Studium am Ryland College beginnt, nachdem ihre Eltern ihre Anmeldung in Yale vermasselt haben. Während ihre Jugendliebe Cory nach Princeton geht und ihm die Welt von nun an zu Füßen zu liegen scheint, fühlt sich Greers neues Leben im Vergleich zunächst minderwertig an – zumindest für sie selbst. Doch sie findet bald Freunde am Ryland College und obwohl die Dichte an interessanten Abendveranstaltungen natürlich nicht mit der in Princeton mithalten kann, hört Greer an ihrer Hochschule einen Vortrag, der ihr Leben verändern wird: Den der Feministin Faith Frank. Diese Figur, die zu Beginn des Romans Mitte 60 ist, habe ich mir als eine Art Alice Schwarzer vorgestellt: bekannte Feministin und Bestsellerautorin mit eigener Zeitschrift, die ihre erfolgreichste Zeit bereits hinter sich hat. Im Roman ist Faith Frank immer noch eine Galionsfigur der Frauenbewegung, der man gerne zuhört, doch die Auflagenzahlen ihres Magazins „Bloomer“ sinken und andere Feministinnen mit radikaleren Ansichten erhalten inzwischen mehr Aufmerksamkeit als sie. Dennoch ist Faith Franks Vortrag für Greer eine Art Erweckungserlebnis, der ihr Leben nachhaltig prägt – nicht zuletzt, weil sie danach noch ein kurzes Gespräch mit der Rednerin führen kann und sich nach dem Studium bei „Bloomer“ bewirbt.

Greer wird nach und nach eine begeisterte Feministin und bleibt dabei eine glühende Bewunderin Faith Franks. Doch nach ihrem Abschluss am Ryland College, wenn der Leser sie durch die ersten Jahre ihres Arbeitslebens begleitet, muss die Hauptfigur entdecken, dass man zwar für das Wohl der Frauen im Allgemeinen kämpfen kann, das jedoch nicht bedeutet, dass man sich den eigenen Freundinnen immer loyal und fair gegenüber verhält. Was macht erfolgreicher – Kompromisslosigkeit oder Abwägen? Greer lernt, kämpft und muss sich schließlich selbst behaupten – und das regt zum Nachdenken an. Wichtige Nebenrollen spielen neben Faith Frank Greers Freundin Zee und Cory, der mit Princeton das große Los gezogen zu haben schien. Aber: „Er würde immer ein Mensch sein, der nicht weglief, sondern half“ – wieder so ein starker Wolitzer-Satz von der Art, wie sie in diesem Roman massenhaft zu finden sind. Schon für diese Art von Beschreibungen lohnt es sich, „Das weibliche Prinzip“ zu lesen.
Die Selbstfindung der Protagonisten mitzuerleben sowie kapitelweise auch mal hinter die Fassade von Faith Frank und anderen Figuren blicken zu können, riss mich nach dem ersten Buchdrittel doch mit. Die Charaktere in diesem komplexen Romankonstrukt sind außergewöhnlich vielschichtig. Autorin Meg Wolitzer macht es ihren Lesern nicht immer leicht, doch die Lektüre lohnt sich. „Das weibliche Prinzip“ bietet jede Menge gedankliche Anregungen, nicht nur über Bedeutung und Entwicklung des Feminismus in der heutigen Zeit, sondern auch darüber, was wirklich wichtig im Leben ist.

Verlag: DuMont Buchverlag
Seitenzahl: 496
Erscheinungsdatum: 16. Juli 2018
ISBN: 978-3832198985
Preis: 24,00 € (E-Book: 18,99 €)

28. Juni 2018

Kristine Bilkau: Eine Liebe, in Gedanken

Vor einigen Tagen las ich auf der Seite boersenblatt.net eine Kolumne zum Thema Buchcover, die mich so amüsiert hat, dass ich sie hier verlinken möchte. Die Journalistin Constanze Kleis beschreibt darin das Buchcover-Phänomen "Frauen, die aufs Wasser starren". "Frauen, die aufs Wasser starren" sind scheinbar gerade auf Buchtiteln en vogue, weswegen eine gewisse Häufung festzustellen ist. Da ich mich momentan frustrierend wenig in deutschen Buchhandlungen aufhalte, war mir diese Mode noch nicht bewusst aufgefallen - mit der Nase darauf gestoßen stellte ich aber fest, dass selbst ich innerhalb der letzten zwei Monate zwei Bücher gelesen habe, auf deren Covern Frauen aufs Wasser starren.


Über Verena Carls "Die Lichter unter uns" hatte ich bereits geschrieben. Letzte Woche habe ich nun Kristine Bilkaus "Eine Liebe, in Gedanken" gelesen. Die Bücher haben einen gewissen melancholischen Grundton gemeinsam, den das Covermotiv bereits widerspiegelt. Das ist aber auch schon ihre einzige Ähnlichkeit miteinander.

In "Eine Liebe, in Gedanken" räumt eine Tochter nach dem Tod ihrer verstorbenen Mutter deren Wohnung aus. Die namenlose Erzählerin findet alte Briefe und Fotos und verliert sich in Gedanken an das Leben der ruhelosen Antonia. Diese hatte mit Anfang 20 – lange vor der Geburt der Tochter – ihre große Liebe in Edgar gefunden. Die Erzählerin trägt zusammen, was sie über die Liebesgeschichte von Antonia und Edgar weiß. Und so erstehen die 1960er Jahre in „Eine Liebe, in Gedanken“ noch einmal auf. Antonia wächst einem dabei schnell ans Herz, diese beherzte, freiheitsliebende junge Frau, die gleichzeitig bereit ist, sich voll und ganz den Bedürfnissen ihres Edgars unterzuordnen. Gerade weil sie sich für eine traditionelle Versorgungsehe zu modern fühlt, stellt sie keine Forderungen an ihren Liebsten. Doch was will, was plant der grüblerische, vorsichtige Edgar eigentlich?

„Eine Liebe, in Gedanken“ war für mich anders als erwartet. Die Mutter-Tochter-Beziehung zwischen Antonia und der Erzählerin wird eher indirekt beleuchtet, im Zentrum steht Antonias Liebe zu Edgar. Nacherzählt wird die Liebesgeschichte zwar von der Tochter, die hier jedoch fast als allwissende Erzählerin auftritt, bis sie gegen Ende des Buches wieder aus dem Schatten der Geschichte ihrer Mutter heraustritt. Und eigene Erfahrungen macht, die wie ein Nachhall erscheinen. So ermöglicht sie sich selbst wie dem Leser ein größeres Verständnis für Antonias Geschichte, ein größeres Verständnis vielleicht auch für Antonia. Es scheint fast, als würde die Erzählerin sich nach dem Tod der Mutter mehr auf deren Wünsche und Sehnsüchte einlassen können als zu ihren Lebzeiten. Dieser melancholische Roman nimmt damit ein versöhnliches Ende.

Hervorzuheben ist Bilkaus behutsame Sprache, mit der sie vorsichtig-zurückhaltend Gedanken, Gefühle und Erinnerungen schildert. Dabei sitzt jedes Wort. Der Roman kommt ohne Längen aus, erzählt, was nötig ist, mehr aber auch nicht. Ich habe den knappen Stil der Autorin als besonders berührend empfunden, er lässt genug Spielraum, um ihren präzisen Formulierungen nachzuschmecken. Die geschilderte Zeit war mir fremd, wurde mir aber nach und nach sehr nahegebracht. Am Ende dieser leisen Geschichte konnte ich wie die Erzählerin meinen Frieden mit ihr machen. Ein intensives Leseerlebnis und ein Roman, der seine Leser auch fordert: „Eine Liebe, in Gedanken“ ist zwar kein dickes Buch, aber trotzdem auch keins, das sich einfach so wegliest. Man braucht etwas Zeit sowie die Bereitschaft, sich stimmungsmäßig voll und ganz darauf einzulassen. Und muss am Ende aushalten, dass sich nicht alles zufriedenstellend aufklären lässt – wie im richtigen Leben. Vermutlich bleibt „Eine Liebe, in Gedanken“ gerade deswegen im Gedächtnis.

Verlag: Luchterhand Literaturverlag
Seitenzahl: 256
Erscheinungsdatum: 12. März 2018
ISBN: 978-3630875187
Preis: 20,00 € (E-Book: 15,99 €)

12. Juni 2018

Hala Alyan: Häuser aus Sand

Hier ein weiteres Buch aus der Serie "Cover, deren Schönheit beim E-Book so gar nicht rauskommt". Trotzdem sei lobend erwähnt, dass gerade der DuMont Verlag oft wunderschöne Cover für seine Romane gestalten lässt. Ich hatte letzte Woche die Printausgabe von "Was man von hier aus sehen kann" in den Händen und fand auch diese optisch sehr gelungen. Ansonsten haben die beiden Bücher aber nichts gemein, außer dass ich sie beide sehr gerne gelesen habe.


In „Häuser aus Sand“ begleitet der Leser Palästinenserin Alia durch fünf Jahrzehnte: 1963 steht sie kurz vor ihrer Hochzeit mit ihrer Jugendliebe Atef, 2014 ist sie eine alte Frau, die ein ruheloses Leben hinter sich hat. Alia hat ihre frühe Kindheit in Jaffa verbracht, in Nablus die Zeit bis zu ihrem ersten Ehejahr, ihre Kinder sind in Kuweit zur Welt gekommen und als diese aus dem Haus waren, ist sie nach Amman gezogen. Alle Umzüge eint, dass diese nicht freiwillig geschahen, sondern aus Flucht oder Vertreibung resultierten. Und so scheint Alia immer nur in vergänglichen „Häusern aus Sand“ gewohnt zu haben – eine Beduinin wider Willen. Auch wenn sie sich nirgends mehr so heimisch fühlte wie in Nablus, ist ihr Leben erfüllt. Der Leser erlebt es auszugsweise mit – mal aus Alias Sicht, mal aus der verschiedener Familienmitglieder. Mit jedem neuen Kapitel wechselt die Perspektive, gleichzeitig gibt es einen Zeitsprung, mal um ein Jahr, mal um zehn. So entfaltet sich nach und nach eine komplexe Familiengeschichte, in der geliebt, gestritten und getrauert wird. Kinder werden erwachsen, Menschen kommen sich näher und entfernen sich voneinander, hadern oder schließen Frieden mit sich selbst. Autorin Alyan hat ein kunstvolles Gefüge geschaffen und macht das Leben der Familie Yacoub quasi im Zeitraffer erfahrbar. Vor meinem inneren Auge entstanden dabei Bilder von Orten, die ich bislang höchstens aus den Nachrichten kannte. Nun rieche ich beim Gedanken an Jaffa schon fast den Duft sonnengereifter Orangen und kann mir die sengende Hitze in Kuweit so ansatzweise vorstellen wie das quirlige Großstadtleben in Beirut.

Auch wenn Alia und ihre Familie immer wieder umziehen müssen, handelt „Häuser aus Sand“ längst nicht nur von räumlichen Veränderungen. Es geht auch um Generationskonflikte, den Bruch mit Traditionen und die Rückbesinnung auf Werte. Schon Alias Kinder entwickeln sich so unterschiedlich, dass sie selbst nur staunen kann. Der Verlust von Traditionen, Ritualen und auch Bindungen scheint durch die häufigen Ortswechsel begünstigt. Doch auch wenn die einzelnen Familienmitglieder zum Teil über tausende Kilometer verstreut voneinander leben, wenn sie im Alltag kaum mehr arabisch sprechen und ihr gegenwärtiges Leben keinerlei Rückschlüsse auf ihre eigentlichen Wurzeln mehr zulässt, muss das laut Alyan nicht den kompletten Heimatverlust bedeuten. Denn Heimat ist nicht zwangsweise an einen Ort gebunden, auch Familie kann Heimat sein, so unähnlich sich ihre Mitglieder auch sein mögen. So der Tenor von „Häuser aus Sand“ - und das ist nur einer der tröstlichen Gedanken, die ich aus diesem sprachlich schönen und inhaltlich nachdenklich machenden Roman mitgenommen habe.

Verlag: DuMont Buchverlag
Seitenzahl: 396
Erscheinungsdatum: 18. Juni 2018
ISBN: 978-3832198558
Preis: 24,00 € (E-Book: 19,99 €)

14. Mai 2018

Christine Féret-Fleury: Das Mädchen, das in der Metro las

Manches lese ich, obwohl mich die Leseprobe nicht komplett überzeugt hat. Natürlich lese ich längst nicht immer die Leseprobe eines Romans, bevor ich mich für seine Lektüre entscheide, aber hier hatte ich es getan. Sie handelte von einer täglich zur Arbeit pendelnden jungen Frau, die in der Pariser Metro las, und hielt damit absolut, was der Buchtitel versprach. Mich irritierte allerdings ein wenig, wie träumerisch die junge Frau wirkte, wie sehr in ihre Gedankenwelt versponnen.
Aber ich wollte dieses Buch trotzdem lesen. Zum einen fand ich das Cover sehr gelungen, zum anderen mag ich Bücher über Bücher. Dazu kam, dass die Handlung in der Leseprobe noch nicht wirklich begonnen hatte, und so hatte ich mir sowieso noch keinen wirklichen Eindruck von der Erzählung machen können.


Protagonistin Juliette ist „Das Mädchen, das in der Metro las“. Sie liest vor allem morgens und abends, auf dem Hin- und Rückweg zu ihrer sie langweilenden Arbeit in einem Maklerbüro. Außerdem beobachtet sie die anderen pendelnden Leser und ihre Bücher und macht einige skurrile Beobachtungen. Insgesamt führt sie ein ruhiges, ereignisloses Leben – ein Leben, wie es sich ihre Mutter immer für sie gewünscht hat: ohne größere Probleme, Sorgen, Aufregungen. Dass es zu einer radikalen Veränderung ihres Lebens führt, als sie einmal spontan beschließt, ein paar Stationen früher aus der Metro auszusteigen und einen kleinen Spaziergang zu machen, ist dann auch am wenigsten für Juliette selbst abzusehen. Doch als sie den Antiquariats-ähnlichen Laden „Bücher ohne Grenzen“ bemerkt und betritt, kommen Ereignisse ins Rollen, die Hauptfigur und Leser gleichermaßen überraschen.

Ich möchte diese Ereignisse nicht vorwegnehmen – bei einem nur 174 Seiten umfassenden Buch ist sonst schnell der halbe Roman erzählt. Nur so viel: Es geht immer wieder um Bücher, Autorin Christine Féret-Fleury betreibt ein richtiggehendes Literatur-Namedropping. Immer wieder wird thematisiert, dass das richtige Buch zur richtigen Zeit durchaus etwas bewirken und ein Leben verändern kann. Trotz aller Bibliophilie bleibt jedoch nicht unerwähnt, dass Lesen kein Ersatz für leben ist – Bücher können ein Leben bereichern, aber wer über das Lesen sein Leben vergisst, verpasst ebenfalls etwas. Protagonistin Juliette erfährt all das am eigenen Leib. Die Häufung dieser Ereignisse gerade gegen Romanende hat mich dabei sehr überrascht; ich bin mir immer noch nicht ganz klar darüber, was ich nun eigentlich davon halte. „Das Mädchen, das in der Metro las“ hat stellenweise etwas Zauberhaftes, das mich an „Die fabelhafte Welt der Amélie“ erinnerte. Andere Elemente wollten nicht so recht zu dieser märchenhaften Stimmung passen, wie der Leser wird auch „Das Mädchen, das in der Metro las“ schmerzhaft in die Realität zurückgeholt. Und das Romanende ist eigentlich wieder ein Anfang, dem dann auch noch eine Bücherliste folgt, die schon ein halber Klassikerkanon ist. Puh!

Der träumerische Grundton zu Beginn des Buches verliert sich über die Langstrecke zwar, aber dass am Ende dann alles so schnell ging – so ganz kam ich da doch nicht mit. Vielleicht wollte Autorin Féret-Fleury hier zu viel auf zu wenig Seiten erreichen. Die Autorin hat lange als Verlagslektorin gearbeitet und bringt ihre Liebe zu Büchern auf vielfache Weise zum Ausdruck, aber ihrer eigentlichen Handlung hätte sie für meinen Geschmack mehr Seiten einräumen sollen.

Was bleibt, ist das Gefühl, irgendetwas verpasst zu haben. „Das Mädchen, das in der Metro las“ ist kein schlechtes Buch, scheint aber inhaltlich nicht komplett ausgegoren. Eine gelungene Hommage an die Literatur, aber als Roman nicht komplett überzeugend. Vielleicht hätte mich das Cover doch vorwarnen sollen?

Verlag: DuMont Buchverlag
Seitenzahl: 176
Erscheinungsdatum: 22. Mai 2018
ISBN: 978-3832198862
Preis: 18,00 € (E-Book: 14,99 €)