21. November 2020

Lucinda Riley: Die Sonnenschwester

Vor allem für Fans?

Dieses Buch ist in dieser Woche ganz neu auf der SPIEGEL Beststellerliste Taschenbuch Belletristik eingestiegen und hat sich direkt an die Spitze gesetzt. Mich hat das etwas erstaunt, denn ich habe gerade die Hardcover-Ausgabe gelesen und bin nicht komplett überzeugt – allerdings ist es vielleicht auch nicht die beste aller Ideen, mit dem sechsten Teil einer Buchreihe zu beginnen. Aber nachdem diese schon seit Jahren immer wieder in den Bestsellerlisten auftaucht, war ich doch neugierig auf die Geschichte und habe mir den Band ausgesucht, der zum Teil in Afrika spielt, weil mich das am meisten interessierte.


Lucinda Riley schreibt Romane über sechs junge Frauen, die allesamt von „Pa Salt“ adoptiert wurden und zusammen in der Nähe von Genf aufgewachsen sind. Nach dem Tod ihres Adoptivvaters bekommt jede einen Brief mit Informationen zu ihrer Herkunft ausgehändigt. In jedem Buch der Reihe geht eine der Schwestern dem Rätsel um ihre Geburt nach; im sechsten Band „Die Sonnenschwester“, ist es die jüngste, Elektra. Sie ist Mitte zwanzig, lebt als Supermodel in Manhattan, hat ein ausgeprägtes Alkohol- und Drogenproblem und interessiert sich zunächst überhaupt nicht für ihre Wurzeln. Wichtig ist ihr eigentlich nur die eigene Selbstbetäubung, was sich nicht besonders fesselnd liest. Dann taucht allerdings eine Frau auf, die sich als Elektras Großmutter vorstellt und ihrer Enkelin die Geschichte ihrer kenianischen Vorfahrinnen erzählt, was eigentlich ein eigenständiger, historischer Roman sein könnte. Ab da wird zwischen den beiden Geschichten hin- und hergesprungen, wobei gleich der erste Einschub über 100 Seiten lang ist. Das Buch im Buch handelt von Cecily, einer jungen New Yorkerin, die 1939 ihre Patentante in Kenia besucht und deren Geschichte ich um einiges spannender fand als Elektras Läuterung in der Entzugsklinik. Beide Handlungsstränge eint leider eine gewisse Vorhersehbarkeit. Lucinda Rileys Andeutungen sind nicht besonders subtil, mir kam es mitunter so vor, als würde die Autorin mit einem blinkenden Neonpfeil in die Richtung zeigen, in die sich die Geschichte entwickelt.

In der zweiten Buchhälfte war ich dann inhaltlich doch so sehr angekommen, dass mich der Ausgang des Ganzen interessierte. Ich kann mir vorstellen, dass die Reihe einen gewissen Suchtfaktor hat. Die Schwestern der Hauptfigur hatten kleine Auftritte in „Die Sonnenschwester“ oder wurden zumindest erwähnt – wenn man die Bände über sie bereits gelesen hat, sind das vermutlich schöne Wiedersehen. So werde ich Band eins vielleicht noch irgendwann lesen – aber auf Band sieben, der nächstes Jahr erscheint, eher verzichten, denn ich habe den Verdacht, dass der Autorin zum Ende ihrer Reihe hin vielleicht doch langsam die Puste ausgeht.

Verlag: Goldmann
Seitenzahl: 832
Erscheinungsdatum: 25. September 2019
ISBN: 978-3442314478
Preis: 22,00 € (E-Book: 11,99 €; das Buch ist außerdem gerade im Taschenbuch erschienen und kostet broschiert 12,99 €.)


15. November 2020

Ralf Lappert: Leben ist ein unregelmäßiges Verb

Gelungenes Epos.

An diesem Buch hat der Autor vier Jahre lang gearbeitet, was keineswegs erstaunt. Er entwirft zwar keine ganze Welt, aber vier Lebensgeschichten mit sehr unterschiedlichen Verläufen. Mit großer erzählerischer Leichtigkeit erzählt er mal von dieser Entwicklung, mal von jener – legt hier seinen Fokus auf eine Kleinigkeit und überspringt in einem anderen Abschnitt mehrere Jahre. Wie man wohl einen so vielschichtigen 976-Seiten-Roman schreiben und dann aber auch irgendwann wieder beenden kann?


Ralf Lapperts „Leben ist ein unregelmäßiges Verb“ ist ein von einer überschaubaren Situation ausgehendes Epos: Vier Kinder, alle um die 12 oder 13 Jahre alt, werden aus einer Kommune im Kampstedter Bruch befreit, in der sie sich nie gefangen gefühlt haben. Die drei Jungen und das Mädchen sind dort bei neun Erwachsenen aufgewachsen. Sie sind weder irgendwo gemeldet noch haben sie eine Schule besucht oder den Hof und seine Umgebung je verlassen. Nun werden sie auseinandergerissen und zu nie gesehenen Verwandten und Pflegefamilien gebracht. Es ist Ende der 1970er Jahre und nach ein paar Wochen oder Monaten endet sowohl das mediale Interesse an den Kindern als auch ihre psychologische Betreuung. Sie werden in Schulen gesteckt und sollen ab jetzt funktionieren – das klappt mal mittelmäßig und mal schlechter.

Da Frida, Leander, Linus und Ringo keine Verbindung mehr haben, werden ihre Geschichten getrennt voneinander erzählt. Fridas und Leanders Leben wird relativ chronologisch vor den Lesenden ausgebreitet, während Ringos 50-jähriges Ich seinen Werdegang vor allem durch Selbstauskünfte, die er einer Journalistin gibt, enthüllt. Dem Autor gibt das die Möglichkeit für viele, kleine Cliffhänger, wenn mal wieder ein Kapitel mit einem Paukenschlag endet und das nächste mit einer der anderen Figuren weitergeht. Zudem bleibt der Roman nicht immer bei den ehemaligen Kommunenkindern: Einige ihrer Bekanntschaften bekommen ebenfalls ein Eigenleben – manchmal, bevor sie überhaupt als Bekannte eingeführt werden. Und so passiert es, dass einige Passagen plötzlich von jemand gänzlich Unbekanntem handeln und sich der Bezug zum restlichen Roman erst nach und nach ergibt. Das könnte stören, tut es aber nicht – zu meiner großen Verblüffung war Kapitel für Kapitel so fesselnd geschrieben, dass ich dem Autor einfach vertrauensvoll lesend gefolgt bin. Grund dafür war sicher, dass die Charaktere so stimmig und die Variationen im Erzähltempo äußerst gelungen sind. Lappert beherrscht es meisterhaft, kleine Begebenheiten detailliert zu schildern, doch ebenso kann er Wochen und Monate, sogar Jahre in ein paar Sätzen zusammenfassen, die trotzdem noch dicht erzählt sind.

Und so fängt dieser Roman halbwegs überschaubar an und wird dann immer größer, weitverzweigter, umfassender. Nebenschauplätze kommen dazu, werden zu Hauptschauplätzen und verschwinden wieder, Figuren werden ausführlich eingeführt und spielen entweder eine größere Rolle oder versinken schnell in der Bedeutungslosigkeit – hier lässt sich nie erahnen, was als nächstes geschieht. Die 976 Seiten vergehen zwar nicht wie im Flug, aber doch erstaunlich schnell. Ein großes Lesevergnügen.

Verlag: Hanser
Seitenzahl: 976
Erscheinungsdatum: 17. August 2020
ISBN: 978-3446267565
Preis: 32,00 € (E-Book: 25,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

8. November 2020

Melisa Manrique und Manik Chander: Mama Superstar

Viva la Mama!

Dieses Buch ist voller Liebe: Mutterliebe, Tochterliebe, liebevollen Texten und Illustrationen. Schon beim ersten Blättern wird klar, dass man ein Herzensprojekt in der Hand hält, das Mütter feiern will – und zwar ganz konkrete Mütter, die (bis auf eine) aus den verschiedensten Ländern (und Gründen) nach Deutschland migriert sind und ihre Kinder fernab der eigenen Heimat und des eigenen Kulturkreises bekommen und aufgezogen haben.


Erzählt werden ihre Geschichten in "Mama Superstar" von ihren Töchtern, und sie lesen sich wie eine einzige große Liebeserklärung an die jeweiligen „Migrant Mamas“. Es wird die Migrationsgeschichte jeder Mama erzählt, hinzukommen dann noch vier weitere Anekdoten, die stets unter den jeweils eine Seite umfassenden Kategorien „Verblüfft“, „Glücklich“, „Nachdenklich“ und „Berührt“ zusammengefasst werden. Das Sprachniveau ist C1, damit das Buch nicht nur für Muttersprachler*innen und Lesende mit perfekten Deutschkenntnissen geeignet ist. Überschriften und Farbgebung sind in jedem Kapitel anders und auch die farbenfrohen Zeichnungen zeigen, dass sich die Illustratorin viele Gedanken gemacht hat, um jeder der porträtierten Frauen gerecht zu werden. Abgerundet wird die Vorstellung jeder Mutter mit einem ihrer Lieblingsrezepte.

Die Mütter kommen z.B. aus Äthiopien, Bolivien, Südkorea und Kasachstan – insgesamt sind es 11 Frauen aus 11 Ländern plus eine als Teaser für ein weiteres Buch, das die beiden engagierten Autorinnen planen. Melisa Manrique und Manik Chandler sind beide Töchter von „Migrant Mamas“, die in diesem Buch auch vorgestellt werden. Spannend fand ich, dass sogar eine Deutsche vorkommt, die „nur“ in die Niederlande migriert ist – auch das ist Migration, auch das kann einen Kulturschock auslösen, auch das bedeutet, sich mit dem Leben in einem neuen Land auseinandersetzen zu müssen.

„Mama Superstar“ feiert das Improvisationstalent, die Kraft und die Flexibilität von Müttern. Die erwachsenen Töchter, die ihre jeweiligen Mütter beschreiben, rufen dazu auf, kulturelle Vielfalt, Bonuswurzeln und Mehrsprachigkeit wertzuschätzen – und lassen dabei gleichzeitig durchblicken, dass das für das Kind einer Migrant Mama nicht immer einfach ist. Doch wer dieses Buch liest, dem wird auf wunderschöne Art und Weise vor Augen geführt, wie es das Leben bereichern kann, wenn man sich auf eine andere Kultur einlässt.

Verlag: Mentor Verlag
Seitenzahl: 147
Erscheinungsdatum: 12. März 2019
ISBN: 978-3981928969
Preis: 24,90 €

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

1. November 2020

Bastian Bielendorfer: Die große Pause

Themenbedingt etwas lahm.

Bastian Bielendorfers Karriere begann vor 10 Jahren bei Günther Jauchs „Wer wird Millionär“. Bielendorfer plauderte so unterhaltsam über sein Leben als Lehrerkind, dass ihm der Piper Verlag danach einen Buchvertrag anbot. Inzwischen ist Bielendorfer erfolgreicher Comedian und hat bereits vier Titel über sein Lehrerkinddasein veröffentlicht – und jetzt als neuestes Werk eines über sein Leben während der ersten Monate der Corona-Pandemie; das erste seiner Bücher, das ich gelesen habe.


„Die große Pause“ ist das mit kleinen Kritzeleien originell gestaltete „Corona-Tagebuch“ des Comedians. Es beginnt im März, Bielendorfer tritt noch in Dieter Nuhrs Kabarettsendung auf, sagt sein wenige Tage später stattfindendes Gastspiel in der Hauptstadt dann allerdings aufgrund der unüberschaubaren Lage bereits ab. Die nächsten Wochen verbringt der Wahlkölner mit Frau, Schwiegermutter und Mops vor allem in den eigenen vier Wänden und schildert in seinem Buch Anekdoten aus dieser Zeit. Bielendorfer wirkt dabei sympathisch und warmherzig, die Episoden sind unterhaltsam. Allerdings auch etwas langweilig. Aber wen wundert das? Aufregend und abwechslungsreich war dieses Frühjahr für viele nicht. Und so schreibt Bielendorfer von Home Office, Video-Telefonaten, Einkäufen (mit leichten Hamster-Tendenzen) und Spaziergängen, gewürzt mit ein paar Geschichten aus dem familiären Nähkästchen und kleinen zwischenmenschlichen Reibereien. Nur das Treffen mit einer Unbekannten im Park, die dann noch auf die Lage in den Pflegeheimen zu sprechen kommt, wirkte auf mich überkonstruiert.

Spannung kommt leider keine auf. Angesichts der beschriebenen Situation kann man Bielendorfer das kaum zum Vorwurf machen, aber ein Pageturner ist „Die große Pause“ wirklich nicht. Dass der Künstler seine Bühnen-Zwangspause zum Schreiben genutzt hat, ist verständlich. Dass er ein Händchen für amüsante Beobachtungen hat, unbestritten. Zudem ist es sicher schwierig, ein Buch zu einem Thema zu schreiben, das noch nicht ausgestanden ist – noch dazu ein Tagebuch, das Einblicke in einen eingeschränkten Alltag zeigen, aber sicher auch nicht alles Persönliche enthüllen soll. Und so liest sich „Die große Pause“ alles in allem etwas lahm. Ich hätte mir zumindest noch ein paar Reflektionen zur pandemiegebeutelten Veranstaltungsbranche gewünscht, ein paar Ideen für die Zukunft, irgendein Thema mit Biss, bei dem Bielendorfer sich klar positioniert.
Und so vergebe ich nur drei Sterne für „Die große Pause“ plus – gedanklich – viele Sympathiepunkte an den Autor, den man nach seinem sehr persönlichen Epilog am liebsten in den Arm nehmen würde.

Verlag: Gräfe und Unzer
Seitenzahl: 240
Erscheinungsdatum: 7. Oktober 2020
ISBN: 978-3833877544
Preis: 16,99 € (E-Book: 13,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.