25. Juli 2026

Florence Knapp: Die Namen

Was wäre wenn ...

Ein Baby ist geboren und die Mutter mit ihm und der großen Schwester auf dem Weg zum Amt, um die Geburtsurkunde zu beantragen. Für den Vater war schon immer klar, dass er seinem Stammhalter seinen eigenen Namen Gordon weitervererben wird. Die Mutter präferiert insgeheim Julian. Die neunjährige Maia fände „Bear“ am passendsten für ihr kleines Brüderchen. Im Folgenden wechseln sich Kapitel ab, die das weitere Leben des Jungen und seiner Familie erzählen: Erst Bear, dann Julian, dann Gordon; ein Zeitsprung von sieben Jahren und erneut erst Bear, dann Julian und Gordon … vom Geburtsjahr 1987 bis 2022. Wie unterschiedlich kann sich ein Leben aufgrund des gewählten Vornamens entwickeln? Der Buchumschlag erweckt den Eindruck, dass das die Kernfrage dieses Romans ist. Allerdings wird der Lebensweg von Bear/Julian/Gordon vor allem von häuslicher Gewalt beeinflusst. Der Titelseite ist eine kleine „Content Note“ vorangestellt, die ich vollkommen überlesen hatte. Dementsprechend hat mich das Thema kalt erwischt. Und ich fühlte mich auch etwas getäuscht, denn die Namensgebung hätte vermutlich einen weitaus geringeren Einfluss gehabt, wenn der Vater des Jungen kein sadistischer Choleriker gewesen wäre.

Abgesehen davon ist der der Roman durchaus fesselnd. Die drei Lebens-Varianten der Hauptfigur entwickeln sich sehr unterschiedlich; sowohl sein Leben als auch das seiner Familienmitglieder verläuft zum Teil gänzlich anders. Die Beziehungen zueinander variieren, manche Randfiguren spielen in einer Version plötzlich Hauptrollen. Der Gedanke, dass sich die Wege von einigen Menschen auf jeden Fall kreuzen und das Ganze mal so und mal ganz anders ausgeht, ist charmant; das komplette Gedankenexperiment fand ich spannend. Dadurch, dass der Roman dreigeteilt ist, bin ich allerdings nicht ganz so tief eingestiegen wie es sonst der Fall gewesen wäre. Vieles wurde notgedrungen im Schnelldurchlauf erzählt, vielen Charakteren hätte ich mehr Raum gewünscht. Trotzdem ist „Die Namen“ ein lesenswerter Roman, der mich immer noch beschäftigt.


Verlag: Eichborn
Seitenzahl: 352
Erscheinungsdatum: 2. März 2026
ISBN: 978-3847902294
Preis: 24,- € (E-Book: 23,99 €)

15. Juli 2026

Cleo Konrad: Home Story

„Jeder hat’s Töten in sich, wenn’s drauf ankimmt“

Der in fünfter Generation von Wilma Steingruber geführte Steingruberhof scheint idyllisch. Es gibt dort Schafe und Hühner, das Gemüse wird ökologisch angebaut und zum Teil auf dem Markt verkauft. Auf dem fränkischen Hof lebt eine bunte Schar von Menschen, die dort Heimat oder Zuflucht gefunden haben. Nur Wilmas leibliche Tochter Eva, die dort aufgewachsen ist, hat seit 13 Jahren keinen Fuß über die Schwelle gesetzt und arbeitet inzwischen als Anwältin in München. Doch nun wird sie von ihrer Ziehschwester Blossom gerufen, denn der Hof braucht juristische Hilfe: Eine Journalistin, die die Bewohnerinnen und Bewohner am Vortag noch bedrängt hat, wurde in unmittelbarer Nachbarschaft tot aufgefunden. Eva Gruber ist gleich doppelt alarmiert: Sie kannte die Tote beruflich.

Wen sie nicht kennt, sind mehr als die Hälfte der Leute, die inzwischen auf dem Hof ihrer Mutter leben. Schnell hat sie das Gefühl, dass sie ihr etwas verschweigen – aber ist es ein Wunder, dass die Aussteiger*innen auf dem Hof ihr misstrauen, der der Hof nicht genug war? In der Gemeinschaft wächst außerdem das gegenseitige Misstrauen. Und schon die erste Seite deutet an, dass der Mord an der Journalistin nicht das letzte Verbrechen auf dem Steingruberhof bleibt.

Der Thriller ist gelungen. Er stellt den Culture Clash zwischen den Hofbewohner*innen und insbesondere Eva Steingruber überzeugend dar. Durch vier verschiedene Perspektiven werden die vielen Personen greifbar; Autorin Cleo Konrad schafft es zudem, auch Nebenfiguren so zu gestalten, dass man ihre Charakteristika schnell erfasst. Und während es erst lange um die Gemeinschaft und ihre eventuellen Geheimnisse geht, überschlagen sich gegen Ende die Ereignisse und es kommt zu einigen Twists. Hat wirklich jeder das Töten in sich, „wenn’s drauf ankimmt“, wie Wilma Steingruber behauptet?

Das Einzige, was mich hier so gar nicht überzeugt, ist das Cover. Gleichzeitig düster und in pink, lila, gelb und orange getaucht, die Buchstabend des Titels in schreienden Farben und irgendwie verwischt – für mich sieht das ganze mehr nach Horror als nach Thriller aus. Es wird dieser Geschichte über eine alternative Hofgemeinschaft überhaupt nicht gerecht. Der Thriller selbst nimmt sich Zeit, den Hof und seine Bewohner*innen vorzustellen, Atmosphäre aufzubauen und auch die unterschiedlichen Perspektiven wirken zu lassen. Das Cover wirkt auf mich dagegen lieblos und trashig. Gestaltung und Inhalt passen selten so schlecht zusammen wie bei diesem Buch.


Verlag: Lübbe
Seitenzahl: 512
Erscheinungsdatum: 29. Juni 2026
ISBN: 978-3757702052
Preis: 18,- € (E-Book: 14,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

2. Juli 2026

Tanja Kokoska: Guten Morgen, schönes Wetter heute

Liebenswertes Menscheln

„Dieser Roman lässt Sie wieder an das Gute im Menschen glauben“ verspricht die Rückseite dieses wunderbar bunten Buches. Mir hat es auf jeden Fall das ein oder andere Lächeln aufs Gesicht gezaubert. Das episodenhafte Werk erinnert vage an das großartige „Was man von hier aus sehen kann“ von Mariana Leky. Tanja Kokoska beherrscht es ebenfalls, die Gefühlswelt verschiedenster Personen auf den Punkt zu bringen, zarte Annäherungen, stille Momente und einschneidende Erlebnisse in einer jeweils stimmigen Tonalität zu schildern und Kreise sich mühelos schließen zu lassen.

Der Roman spielt fast ausschließlich in einer großen Wohnsiedlung namens „Am Kastanienbaum“. Hier wohnen die unterschiedlichsten Leute teils seit Jahrzehnten in Nachbarschaft zueinander, ohne sich wirklich kennengelernt zu haben: Die alleinerziehende Ina, deren Sohn Henry kurz vor dem Abi steht, die Vietnamesin Anh, die in einem Nagelstudio ausgebeutet wird, Frau Kaiser, deren Gedächtnis sie immer mehr im Stich lässt, Herr Bello, der seit dem Tod seiner Frau komplett zurückgezogen lebt … und noch einige andere; die meisten sympathisch. Ihre Wege kreuzen sich ab und zu, sie grüßen einander, doch in direkten Kontakt bringt sie erst ein Blindgänger, wegen dessen Entschärfung alle ihre Wohnungen verlassen müssen. Dass ausgerechnet eine Bombe, die über 80 Jahre lang regungslos im Boden lag, die Dinge in Bewegung bringt, birgt eine gewisse Ironie. Wie Festgefahrenes sich plötzlich löst und sich neue Möglichkeiten auftun, macht Mut und entwickelt eine Sogwirkung. Es menschelt hier auf die beste Art und Weise – alle haben ihre Träume und Sehnsüchte, manche versuchen sie zu verstecken, bei anderen sind sie allseits bekannt. Ich habe mit den Figuren mitgefiebert, über ihre Schicksale sinniert und mich gefreut, wenn sich etwas zum Guten entwickelte. Und als Beigabe gibt es noch ein Rilke-Gedicht zur versteckten Weitergabe – eine hübsche Idee für einen einfach liebenswerten Roman.


Verlag: dtv
Seitenzahl: 352
Erscheinungsdatum: 18. Juni 2026
ISBN: 978-3423285629
Preis: 23,- € (E-Book: 4,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.