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24. Oktober 2020

Tom Liehr: Die Wahrheit über Metting

Ein bisschen Metting ist überall.

Dieser Roman schildert im ersten Teil das Heranwachsen der Hauptfigur Tomás Lebesanft in einer Kleinstadt namens Metting. Teil zwei spielt über dreißig Jahre später und handelt von der Rückkehr des Protagonisten in den Ort seiner Kindheit. Und so ist „Die Wahrheit über Metting“ sowohl „Coming-of-Age“- als auch „Coming-back“-Geschichte. Beide Teile sind sehr verschieden, beide aber auch sehr gelungen.


Wobei ich bei der Lektüre von Tom Liehrs „Die Wahrheit über Metting“ anfangs schon etwas gelitten habe – mitgelitten, mit Tomás, diesem einsamen, sich selbst überlassenen Kind, das in den 1970er Jahren in einem von seinen Eltern geleiteten Pflegeheim aufwächst. Hier gehört der Tod nicht nur zum Leben, sondern tatsächlich zum Alltag. Die Schule könnte ein wohltuendes Gegengewicht bilden, ist aber leider ein Ort der Demütigungen, denen sowohl der Legastheniker Tomás als auch dessen bester, als „Zigeunerkind“ beschimpfter Freund Filip ausgesetzt sind. Letzterer ist in der Schule quasi vogelfrei, die Lehrer sind gottgleiche Autoritäten und die Zeit der Helikopter-Eltern ist noch weit entfernt. Ein Lichtblick für Tomás ist die Freundschaft zu Marieluise Benedickt, einer Pflegeheimbewohnerin, die seine Großmutter sein könnte, für die er aber ganz andere Gefühle hegt. Doch nach und nach zerbricht Tomás‘ Welt und ein unaufhaltsamer Abwärtsstrudel scheint alle seine Hoffnungen und Wünsche mitzureißen.

Doch in „Die Wahrheit über Metting“ geht es längst nicht nur um die Hauptfigur. Es geht um das Leben an sich, den Prozess des Älterwerdens und Sterbens, unerfüllte Träume und verpasste Gelegenheiten. Diese Themen packt Liehr in deutliche, aber immer wieder auch sehr feinfühlige Worte.
Das zweite Thema dieses Buches ist die Vorhölle, die eine Kleinstadt sein kann. Mettings Spießbürger und ihre Spießigkeit, ihr Rassismus, ihre Homophobie und ihr Getratsche werden von Liehr so schonungslos dargestellt, dass es weh tut. Und gleichzeitig wird klar, dass Metting überall sein könnte, denn vermutlich können die meisten der 70er und 80er Jahrgänge einen Teil ihrer Kindheit in Metting wiederentdecken.

Ich hatte erwartet, dass die Geschichte leicht skurrile Züge entwickeln könnte, aber stattdessen bekam sie eine unerwartete Tiefe. Liehr trifft den richtigen Ton – immer wieder. „Die Wahrheit über Metting“ berührt und klingt auf eine gute Art nach. Ein Roman, dem man von außen so gar nicht ansieht, was alles in ihm steckt.

Verlag: Rowohlt Taschenbuch
Seitenzahl: 368
Erscheinungsdatum: 13. Oktober 2020
ISBN: 978-3499001840
Preis: 12,00 € (E-Book: 9,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

15. Oktober 2020

Marie-Renée Lavoie: Tagebuch einer furchtbar langweiligen Ehefrau

Nicht mein Humor.

Es ist die Woche der Frankfurter Buchmesse, die dieses Jahr größtenteils digital stattfindet. Und damit der ideale Zeitpunkt, das Buch als solches zu feiern, weswegen es mir auch etwas leid tut, dass ich gerade jetzt eines verreiße - und dann auch noch einen Titel vom Eichborn Verlag, den ich ansonsten sehr mag. Aber der Roman ist von einer kanadischen Autorin und passt dadurch bestens zur Buchmesse, bei der ja Kanada Gastland ist. Außerdem habe ich als letztes auch wieder einen sehr guten Eichborn-Roman gelesen, dessen Rezension ich am Samstag teilen werde. Und mit zwei Rezensionen pro Woche ist das dann ja auch schon wieder eine Feier des Buches!


Auf das „Tagebuch einer furchtbar langweiligen Ehefrau“ hatte ich mich sehr gefreut. Das Cover gefiel mir, den ironischen Titel fand ich vielversprechend und die Leseprobe originell. Aber dann ist der Funke leider nicht übergesprungen.
Die Kanadierin Marie-Renée Lavoie erzählt von Diane, die im Alter von 48 Jahren von ihrem Mann verlassen wird, was für sie völlig überraschend kommt. Das Leben verlief doch in so klaren, bequemen Bahnen: Die Kinder sind aus dem Haus und die Silberhochzeit steht an – die der untreue Gatte (ja, natürlich steckt eine andere, weitaus jüngere Frau hinter der Trennung) auch gerne noch feiern möchte, „denn das erwarten alle und sie haben es verdient“. Wie rücksichtsvoll! Jacques bittet seine Noch-Ehefrau, über diesen Vorschlag nachzudenken. Diane tut das auch, legt sich dann ein Facebook-Profil an, schickt Freundschaftsanfragen an alle Menschen, die sich auch nur entfernt kennt und verkündet dann nicht nur ihre Trennung, sondern auch den Silberhochzeitsfeier-Vorschlag ihres Mannes.

Schon diese kurze Passage zeigt, dass Diane offensichtlich nicht ganz so berechenbar und selbstlos ist, wie von ihrem Umfeld angenommen. Aber wer ist sie eigentlich – ohne Jacques? Dieser Roman erzählt vom Versuch einer Frau, ihr Leben neu in die Hand zu nehmen. In Tagebuchform wird die Verarbeitung einer Trennung geschildert und alle sie begleitenden Emotionen: Verzweiflung, Trauer, Trotz, kleine Rachen und Absurditäten inklusive.

Das hätte anrührend und lustig sein können, war es aber leider nicht im erwarteten Maße. Mein Problem: Diane blieb mir irgendwie fremd. Ihre Aktionen fand ich meist leicht übertrieben, nicht wirklich nachvollziehbar und ein gewisses Fremdschäm-Potential hatten sie auch. Außerdem kokettierte sie mir deutlich zu oft damit, dass sie ja ach so langweilig sei. Der Humor dieses Romans war leider einfach nicht meiner.

Verlag: Eichborn
Seitenzahl: 256
Erscheinungsdatum: 28. August 2020
ISBN: 978-3847900641
Preis: 18,00 € (E-Book: 13,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

9. Oktober 2020

David Szalay: Turbulenzen

Temporeicher Episodenroman.

Es heißt, dass man über sechs bis sieben Ecken jeden anderen Menschen auf der Welt kennt. In diesem Episodenroman sind es 13 Ecken, die wieder zu der Person führen, bei der die Geschichte ihren Ausgangspunkt genommen hat. Und aus jeder Ecke wird ein kleiner Einblick in ein Leben.


Die „Turbulenzen“ des britischen Autors David Szalay haben es in sich und führen die Lesenden einmal um den Globus. Auf jeder Strecke, an jeder Station wird ein anderer Protagonist begleitet, der mit der Hauptperson des vorigen und der des folgenden Kapitels in mal mehr, mal weniger loser Verbindung steht. Was alle eint: eine gewisse, mindestens temporäre Einsamkeit, wie man sie z.B. erlebt, wenn man alleine eine Flugreise antritt. Außerdem sind alle Figuren entweder bereits in „Turbulenzen“ geraten oder haben diese unmittelbar vor sich. Und so erzählen die mit Flugrouten überschriebenen Kapitel von Scheidewegen und Wendepunkten.

Obwohl man jeden Protagonisten nur ein paar Seiten lang begleitet, vermitteln diese einen lebhaften Eindruck von Charakteren und Lebenssituationen. Die kurzen Kapitel handeln von den Zufällen, die Menschen zusammenführen. Und von Schicksalsschlägen, die das Leben des einen auf den Kopf stellen und die der andere nur am Rande wahrnimmt. Der Taxifahrer oder die Sitznachbarin im Flugzeug sind schnell vergessen und ebenfalls wieder mit ihren eigenen Leben beschäftigt.

Mir hat dieser rasante Roman voller schneller Wechsel sehr gut gefallen. Die Lektüre ist wie ein temporeicherr Ritt um die Welt, eine flüchtige Begegnung folgt auf die nächste, ein Schicksal streift das andere. Sehr abwechslungsreich und doch mit Tiefgang.

Verlag: Hanser
Seitenzahl: 136
Erscheinungsdatum: 17. August 2020
ISBN: 978-3446267657
Preis: 19,00 € (E-Book: 14,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

30. August 2020

Linda Holmes: Weil alles jetzt beginnt

Aufstehen, Krönchen richten, weitergehen.

Blumiges Cover, nichtssagender Titel – und doch steckt in diesem Buch weitaus mehr als ein durchschnittlicher Frauen-/Unterhaltungsroman. Dabei scheinen die Rollen klassisch-klar verteilt: Bei Evvie, Anfang 30 und seit einigen Monaten verwitwet, zieht Baseballprofi Dean als Untermieter ein. Schon ahnt man, was kommen wird – aber so einfach ist es ganz und gar nicht. Dean ist regelrecht aus New York geflohen, da er aufgrund von plötzlich aufgetretenen, unkontrollierten Muskelzuckungen keinen Korb mehr trifft. Und Evvie, die ihre Jugendliebe geheiratet und ihr ganzes Leben in Maine verbracht hat, hütet ein Geheimnis, an dem sie fast zugrunde geht.



Und so ist Linda Holmes Roman „Weil alles jetzt beginnt“ längst nicht nur eine Liebesgeschichte. Hier gibt's die unterschiedlichsten Emotionen; Humor und Tiefgang blitzen immer wieder an unerwarteter Stelle hervor. Die Handlung umfasst ein Jahr, aufgeteilt auf die vier Jahreszeiten, die auch die Blätter und Blumen auf dem Cover aufgreifen. Auf den ersten Blick wirkt die Gliederung dadurch sehr klar, doch Holmes hat ein ganz eigenes Erzähltempo. Stellenweise plätschert die Geschichte irritierend langsam dahin, erzählte Anekdoten kommen ohne größeren Zusammenhang aus und grundlegende Themen werden lange, sehr lange außer Acht gelassen. Aber auch im wahren Leben baut ja nicht alles gleichmäßig aufeinander auf und gerade die gelegentliche Lethargie von Hauptfigur Evvie macht sie sehr menschlich. Mich hat positiv überrascht, wie rund die Geschichte am Ende doch noch wurde; das tröstete mich im Nachhinein über gelegentliche Längen und Auslassungen hinweg. Und endlich wurde auch klar, worum es ging: nicht um „happily ever after“, sondern um Neustarts – gleich mehrere. Darum, dass das Leben weitergeht, aber auch immer mal wieder einen kleinen Schubs vertragen kann. „Weil alles jetzt beginnt“ – auch, wenn der Weg dorthin steinig ist.

Verlag: Lübbe
Seitenzahl: 368
Erscheinungsdatum: 28. August 2020
ISBN: 978-3785727102
Preis: 14,90 € (E-Book: 11,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

25. August 2020

Sebastian Lehmann: „Mit deinem Bruder hatten wir ja Glück“

Woanders ist es auch nicht anders.

Ich bin ein großer Fan öffentlicher Bücherschränke, wobei mein heimischer SUB (= Stapel ungelesener Bücher) meist so hoch ist, dass ich mir die Mitnahme neuen Lesestoffes zu verkneifen versuche. Manchmal kann ich aber nicht widerstehen – und entdecke Bücher, auf die ich von alleine vielleicht nie gekommen wäre. Von diesem Autor hatte ich zum Beispiel noch gar nichts gehört.

 
Sebastian Lehmanns Kolumnensammlung „Mit deinem Bruder hatten wir ja Glück“ handelt von vielen kurzen Elterntelefonaten, wie sie sich überall in Deutschland abspielen könnten: Das erwachsene Kind in der fernen Großstadt wird von seinen Eltern angerufen und schon prallen die unterschiedlichen Lebenswelten aufeinander, brechen Generationenkonflikte auf oder es wird einfach mal wieder über Lieblingsthemen debattiert. In Sebastians Fall z.B. über seine Erfolglosigkeit als Comedian, seinen Vegetarismus, die fehlenden Enkelkinder und besagten Bruder. Doch auch, wenn Eltern und Sohn nicht müde werden, sich über mangelnde Ähnlichkeiten zu wundern: In Sachen Schlagfertigkeit schenken sie sich nichts. Ist doch schön, wenn man sich nach all den Jahren noch gegenseitig überraschen kann!

Ich habe mich beim Lesen sehr amüsiert. Die kurzen, pointierten Telefon-Häppchen eignen sich prima als Zwischendurch-Lektüre, und je mehr Geschichten man liest, desto mehr Evergreens lassen sich in der Eltern-Sohn-Beziehung ausmachen. Und mal ehrlich: So überspitzt das Ganze auch ist, wird doch vielen Thirtysomethings die ein oder andere Elterntelefonate-Passage leicht bekannt vorkommen – ob es nun um IT-Probleme, das Wetter oder die Weihnachtsplanung geht. Oder um den siebten Sinn, mit den einen die eigenen Eltern doch manchmal ganz unverhofft in Erstaunen versetzen. Mir hat das Buch gute Laune gemacht – genau wie die Entdeckung, dass sich viele der Telefonate auch als Podcast nachhören lassen: https://www.sebastianlehmann.net/podcast

Verlag: Goldmann
Seitenzahl: 240
Erscheinungsdatum: 15. Oktober 2018
ISBN: 978-3442159628
Preis: 9,00 € (E-Book: 8,99 €)

16. August 2020

Kristof Magnusson: Ein Mann der Kunst

Künstlerisch wertvoll.

Vor Jahren habe ich schon einmal einen Roman von Kristof Magnusson gelesen. "Das war ich nicht" hatte mich damals komplett begeistert und so war ich sehr neugierig auf dieses neue Buch. Magnusson verschreibt sich darin voll und ganz der Kunst, mit dem ihm eigenen leisen Humor und einigen ironischen Untertönen
.



In "Ein Mann der Kunst" macht der Förderverein eines Frankfurter Museums eine Kulturreise zu einem zurückgezogen lebenden Maler. Dem Werk des verehrten KD Pratz könnte ein Neubau gewidmet werden – wenn er sich des Vorhabens würdig erweist. Blöd, wenn die Gastgeberqualitäten des Genies sich als überaus eingerostet erweisen. Schon bald ist nicht mehr klar, was Kunst ist, was wegkann und wie das alles weitergehen soll.

Kristof Magnusson erzählt plaudernd-amüsant mit einem ganz besonderen Händchen für die von ihm erschaffenen Figuren. Sie sind nicht nur sehr nahbar, sondern voller liebevoll ausgestalteter Marotten. Bildungsbürger, Neureiche, Pensionäre und Fans – alle sorgen für kurzweilige Dialoge und werden augenzwinkernd karikiert. Wer Kunstliebhaber ist oder kennt, schmunzelt sicher noch etwas mehr als andere. Im überraschenden Finale nimmt der Roman dann richtig Fahrt auf. Eine originelle Lektüre!

Verlag: Verlag Antje Kunstmann
Seitenzahl: 220
Erscheinungsdatum: 12. August 2020
ISBN: 978-3956143823
Preis: 22,00 € (E-Book: 16,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

29. März 2020

Anna Hope: Was wir sind

Wenn nichts bleibt, wie es war.

In den ersten Kapiteln dieses Romans fällt folgender Satz: „Du solltest an Deinen Freundschaften festhalten […]. An den Frauen. Am Ende werden nur sie für Dich da sein.“ Doch das Festhalten an Freundschaften, auch oder gerade langjährigen Freundschaften, ist nicht immer einfach. Meist freundet man sich während einer ähnlichen Lebenssituation an, wenn man in räumlicher Nähe zueinander wohnt und zumindest teilweise ähnliche Interessen verfolgt. Aber was passiert, wenn sich diese Parameter ändern?


Davon handelt „Was wir sind“, der dritte Roman der britischen Autorin Anna Hope. Ihre drei Hauptfiguren Hannah, Lissa, Cate kennen sich aus Schule und Studium. Das Buch beginnt mit einem Rückblick auf das Jahr 2004, als die drei 29-Jährigen gemeinsam in einer WG in London wohnen, das Wochenende und den Frühling genießen, im Park liegen, Wein trinken und den Tag vertrödeln. Doch schon sechs Jahre später sind die Weichen ganz anders gestellt: Cate hat eine Familie gegründet und ist nach Canterbury gezogen. Hannah und ihr Freund Nathan versuchen, ein Baby zu bekommen. Und Schauspielerin Lissa realisiert, dass sie ihren beruflichen Zenit mit Mitte 30 schon überschritten haben könnte.

Anna Hope räumt jeder der drei Figuren gleichermaßen Platz ein, alle Frauen kommen selbst zu Wort und berichten von ihren Erlebnissen. Zwischendurch gibt es Rückblicke, die von ihrem Kennenlernen, von Wendepunkten in ihren Leben und ihren Beziehungen zueinander erzählen. Der Roman heißt „Was wir sind“, doch was sie sind, ist Hannah, Lissa und Cate gar nicht immer so klar. Denn selbst, wenn man seinen Platz im Leben gefunden zu haben glaubt, muss dieser nicht für alle Zeiten sicher sein.

Die drei Protagonistinnen sind sehr unterschiedlich, doch Anna Hope schafft es, sie den Lesern gleich nah kommen zu lassen. Berührend dargestellt werden auch die inneren Nöte, die jede der Figuren hat – obwohl sie alle Leben führen, die Außenstehende als erfolgreich, angekommen und beneidenswert beurteilen könnten. Tatsächlich beneiden Hannah, Lissa und Cate sogar einander, und auch das ist nachvollziehbar: Was einer Freundin wichtig ist, fällt der anderen vielleicht mühelos in den Schoß, was die eine sich erkämpfen muss, bedeutet der anderen wenig. Doch wie viel Diskrepanz und Distanz hält ihre Freundschaft aus?

Der Roman liest sich schnell und intensiv und hat mir aufgrund seiner abwechslungsreichen Darstellungen und der Tiefe der Figuren gut gefallen. „Was wir sind“ ist keine Feelgood-Lektüre, sondern bittersüß und stellenweise durchaus unter die Haut gehend.

Verlag: Hanser
Seitenzahl: 368
Erscheinungsdatum: 17. Februar 2020
ISBN: 978-3446265639
Preis: 22,00 € (E-Book: 16,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

18. Februar 2020

Jami Attenberg: Nicht mein Ding

Was hat sie bloß so ruiniert?

Total mein Ding ist das Cover dieses Buches. Es zeigt das Gesicht einer gezeichneten Frauenfigur, in ihrer Sonnenbrille spiegelt sich das Empire State Building. Durch den ungewöhnlichen Bildausschnitt, den flächigen Zeichenstil und die kräftigen Farben ist das Cover ein absoluter Eyecatcher und noch dazu sehr ungewöhnlich.


Ungewöhnlich ist auch der gesamte Roman von Jami Attenberg, der den Titel „Nicht mein Ding“ trägt. Es geht um all das, was nicht das Ding der 39-jährigen Ich-Erzählerin ist. Hauptfigur Andrea macht sich nichts aus einem konventionellen Leben. Karriere ist nicht ihr Ding, Beziehung ist nicht ihr Ding und Kinder sind schon mal gar nicht ihr Ding. Doch ihr Umfeld denkt zunehmend anders über diese Themen, die Freundinnen heiraten und/oder setzen Kinder in die Welt, während Andrea auf der Stelle tritt. Pläne oder gar Träume scheint sie schon lange nicht mehr zu haben. Mit Anfang 20 wollte sie noch Künstlerin werden, nun malt sie nur noch täglich den Blick aus ihrem winzigen Apartment, von dessen Zimmer aus sie in der Ferne das Empire State Building sieht – bis ein Neubau ihr auch diese Aussicht nimmt.

Ich konnte Andrea lange nicht einordnen. Sie ist eine Art Anti-Heldin, die viele fragwürdige Entscheidungen trifft und einem durch ihren gelegentlich aufblitzenden schwarzen Humor trotzdem ans Herz wächst. Jami Attenberg hat eine sehr ambivalente Figur geschaffen: sensibel und rücksichtslos, verletzlich und verletzend, zurückgenommen und egozentrisch. Wenn es mal gut läuft, scheint Andrea sich selbst zu sabotieren, um bloß kein kleines Stückchen mehr mit sich ins Reine zu kommen.
Eine bequeme Figur ist sie nicht und „Nicht mein Ding“ dadurch auch keine bequeme Lektüre, obwohl sich der Roman bestens lesen lässt. Nach und nach, durch Rückblenden und Erinnerungen, lassen sich Andreas Macken und Dämonen besser einordnen. Die kapitelweisen Zeitsprünge werden dabei nicht groß gekennzeichnet, die Orientierung in der Geschichte klappt aber dennoch erstaunlich gut. Und so füllen sich die Leerstellen von Andreas Lebensgeschichte langsam und es wird etwas klarer, wie sie so werden konnte: keine großen Höhen oder Tiefen zulassend, sich selbst betäubend und ziellos vor sich hin dümpelnd. Doch was passiert, wenn es plötzlich Menschen gibt, die Andreas Unterstützung brauchen?

Jami Attenbergs Roman ist keine Feelgood-Lektüre, aber er lädt zum Nachdenken ein: Über die unsichtbaren Päckchen, die jeder mit sich herumträgt und darüber, wie unterschiedlich Menschen doch sind und reagieren.

Verlag: Schöffling & Co.
Seitenzahl: 224
Erscheinungsdatum: 4. Februar 2020
ISBN: 978-3895613579
Preis: 22,00 € (E-Book: 17,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

26. Januar 2020

Thorsten Steffens: Klugscheißer Deluxe

In den letzten Tagen gab’s für mich ein Wiederlesen mit einer Romanfigur, die ich bereits letztes Jahr kennengelernt hatte: Timo Seidel, bereits aus und als „Klugscheißer Royale“ bekannt, mausert sich jetzt sogar zum „Klugscheißer Deluxe“.


Thorsten Steffens zweiter Roman schließt relativ nahtlos an den ersten an, wobei die Ausgangslage sich leicht verändert hat: Während Hauptfigur Timo Seidel seinem fundierten Wissen im ersten Buch zunächst freien Lauf lässt, gibt er sich in „Klugscheißer Deluxe“ alle Mühe, es nicht sofort heraus zu posaunen. Da Timo ein Ich-Erzähler ist, erfährt der Leser aber trotzdem sämtliche seiner besserwisserischen Gedanken, ohne die mir auch etwas gefehlt hätte. Auch die eingestreuten Wörterbuch-Artikel sind wieder mit von der Partie: Von A wie „Ampeldrücker“ bis V wie „Vokabelvernehmung“ erläutert Timo ungefragt seine ureigensten Wortschöpfungen, aber auch Fremdwörter wie z.B. „phonatorisch“.

Außerdem gibt’s ein Wiedersehen mit Figuren aus „Klugscheißer Royale“: Timo unterrichtet immer noch als Aushilfslehrer an der Abendschule, wo er von der Direktorin Frau Penner gefördert und seiner Kollegin Barbara bekämpft wird. Er ist nach wie vor ein passionierter Aushilfslehrer und beginnt nun sogar ein Lehramtsstudium. Das Unileben bringt ungeahnte Herausforderungen, exzentrische Dozenten und neue Freundschaften mit sich und Timo versucht, Lernen und Lehren unter einen Hut zu bringen und bekommt schließlich unerwartete familiäre Unterstützung.

Dennoch ist in „Klugscheißer Deluxe“ nicht ganz so viel los wie im Vorgängerbuch. Timos Leben läuft in überschaubaren Bahnen und würde man diesen Roman verfilmen, bräuchte man eigentlich nur drei verschiedene Settings: Wohnung, Uni, Abendschule. Die Geschichte plätschert unterhaltsam vor sich hin, ohne größere Höhen und Tiefen. Die Erlebnisse des sympathischen Klugscheißers lesen sich vergnüglich, doch ich hätte mir trotzdem etwas mehr Tempo gewünscht. Überrascht hat mich dann der Epilog mit einem Ereignis, das Thorsten Steffens nicht auserzählt hat. Schade – hier wäre vielleicht noch mehr Potential drin gewesen. Ob Klugscheißer Timo wohl noch ein drittes Mal in Erscheinung treten wird?

Verlag: Piper
Seitenzahl: 270
Erscheinungsdatum E-Book: 2. Dezember 2019
Erscheinungsdatum Taschenbuch: 2. Juni 2020
ISBN: 978-3492502801
Preis: 10,00 € (E-Book: 6,99 €)

Ich habe dieses E-Book als Rezensionsexemplar erhalten.

5. Januar 2020

Liane Moriarty: Neun Fremde

Perfekte Unterhaltung

Mein Lesejahr 2020 habe ich mit einem Roman begonnen, der noch viel besser ist, als ich gehofft hatte. Das Setting hatte mich zwar gleich angesprochen, erschien mir aber trotzdem nicht besonders innovativ: „Neun Fremde“ kommen an einem Ort zusammen, an dem sie nichts Böses erwarten – aber dann nimmt ihr Aufenthalt eine unvorhersehbare Wendung und plötzlich sehen sie sich einer Situation ausgeliefert, mit der sie nicht gerechnet haben … das kennt man z.B. aus Agatha Christies „Und dann gabs keines mehr“; auch Shari Lapenas „Der zehnte Gast“ und Arno Strobels „Offline“, das noch auf meiner Leseliste steht, basieren auf dieser Idee. Vermutlich deswegen ging ich trotz des Ferienstimmung verbreitenden Covers davon aus, dass sich dieser Roman zu einem Krimi oder Thriller entwickeln würde – und lag damit falsch, wobei durchaus Spannung aufkommt und ich den Roman kaum noch aus der Hand legen wollte.


Liane Moriartys „Neun Fremde“ sind sich gar nicht alle fremd. Unter ihnen sind Vater, Mutter, Tochter sowie ein junges Pärchen. Sie und die vier anderen finden sich in einem teuren Wellness-Resort namens Tranquillum House wieder, wo sie durch ein sogenanntes „Cleansing“ Entspannung, Gewichtsabnahme, inneren Frieden oder die Rettung ihrer Ehe erreichen wollen. Der Leiterin des Resorts, Masha, sind die genannten Ziele allerdings allesamt zu klein und weltlich: Sie plant die totale Transformation ihrer Gäste zu gesünderen, weiseren und edleren Menschen – ein ehrgeiziges Vorhaben für einen zehntägigen Aufenthalt. Zusätzlich erschwert wird ihre Zielerreichung dadurch, dass die Gäste gar keine Transformation anstreben, aber von persönlichen Befindlichkeiten lässt sich eine Frau wie Masha nicht ausbremsen.

Die Autorin lässt alle wichtigen Figuren zu Wort kommen: Die „neun Fremden“, die der Leser schnell ziemlich gut kennenlernt, Masha und ihre beiden Wellness-Berater Yao und Delilah sind alle einzelne Erzähler von Kapiteln, die mit ihren jeweiligen Namen überschrieben sind. 12 Protagonisten also! Das könnte konfus werden. Oder öde oder zu kleinteilig. Wird es aber nicht, denn Moriarty ist eine begnadete Figurenentwicklerin. Sie haucht ihren Protagonisten so viel Leben und Persönlichkeit ein, dass mich wirklich alle gleichermaßen interessiert haben. Und nach und nach kommt man auch hinter die Geheimnisse, die viele dieser 12 Unikate haben. Aber auch nicht alle, und so wirken die Enthüllungen kein bisschen gekünstelt.
Meine Lieblingsfigur war Frances, eine über 50-Jährige Liebesroman-Autorin, bei der es karrieretechnisch nicht mehr läuft und die kürzlich außerdem auf einen Heiratsschwindler reingefallen ist. Doch auch der Scheidungsanwalt Lars, die schönheitsoperierte Jessica und die verbissen wirkende Hebamme Heather machen den Roman zu dem, was er ist: ein außerordentliches Lesevergnügen mit 12 amüsant geschilderten Charakterstudien, immer wieder hervorblitzendem Humor, etwas Nervenkitzel und einer Fülle von überraschenden Wendungen. „Neun Fremde“ ist richtig gute Unterhaltung ohne irgendwelche Abstriche.

Verlag: Diana
Seitenzahl: 528
Erscheinungsdatum: 26. August 2019
ISBN: 978-3453292345
Preis: 20,00 € (E-Book: 15,99 €)

17. Dezember 2019

Jojo Moyes: Mein Herz in zwei Welten

Gelungener Abschluss.

In dieser Adventszeit habe ich es schlichtweg verpasst, mir schön weihnachtlich angehauchte Lektüre zu besorgen. Stattdessen hänge ich seit Wochen in einem staubigen Südstaatenroman fest, den ich auf jeden Fall rezensieren werde, sobald ich ihn endlich beendet habe – nicht, weil er so lesenswert wäre, sondern weil ich das Gefühl habe, ihn mir gerade hart zu erarbeiten. Ende November las ich noch ein Buch ganz anderen Kalibers, da flog ich quasi durch die Seiten und die Lektüre hat mich stellenweise sehr berührt, obwohl ich nicht allzu viel erwartet hatte. „Ein ganzes halbes Jahr“ fand ich großartig, „Ein ganz neues Leben“ war eben die Fortsetzung, in der man die Hauptfigur durch eine verzweifelte Zeit begleitete. Jetzt noch ein dritter Band – musste das überhaupt sein?


Jojo Moyes entführt ihre Leser in „Mein Herz in zwei Welten“ wieder in das Leben von Louisa Clark, die zu Beginn des Buches ihren neuen Job als private Assistentin in Manhattan antritt, für den sie sich bereits am Ende von "Ein ganz neues Leben" entschieden hatte. Ihre Londoner Wohnung, ihre liebenswert schrullige Familie und ihren neuen Freund Sam hat sie zurückgelassen, um für die reiche Familie Gopnik zu arbeiten, bzw. für Agnes Gopnik – die zweite, noch relativ neue und deutlich jüngere Ehefrau von Mr. Gopnik, die von der erwachsenen Tochter des Hausherren verachtet und von der Haushälterin gehasst wird. Mrs Gopnik betrachtet Louisa bald als persönlichen Rettungsanker und beste Freundin – wobei Louisa sehr schnell klar wird, dass diese „Freundschaft“ eine absolute Einbahnstraße ist. Sie versucht, alles unter einen Hut zu bekommen: Die glamourösen Events, Agnes Eskapaden, ihre eigene Sehnsucht nach Sam. Stellenweise fühlte ich mich ein bisschen an „Der Teufel trägt Prada“ erinnert.
Aber dann nimmt der Roman eine unerwartete Wendung. Louisa findet nach und nach zu ihrem alten Selbst zurück bzw. zu dem Selbst, das Will in ihr gesehen hat, als Louisa noch gar nicht wusste, was in ihr steckt. Das war schön zu lesen und spannt irgendwie auch einen Bogen zum ersten Buch. Jojo Moyes kann Emotionen nachvollziehbar und echt schildern, ohne dass es je kitschig oder rührselig wird. Egal ob Haupt- oder Nebenfiguren: Alle Charaktere wirken greifbar und lebendig, sie schildert sie ausnahmslos authentisch. Damit hat sie mich wieder begeistert und ich habe „Mein Herz in zwei Welten“ sehr zufrieden beendet. Mir erscheint die Geschichte jetzt wirklich auserzählt, aber sollte die Autorin Louisa noch ein viertes Buch widmen, werde ich vermutlich trotzdem nicht widerstehen können.

Verlag: Wunderlich
Seitenzahl: 592
Erscheinungsdatum: 23. Januar 2018
ISBN: 978-3805251068
Preis: 22,95 € (Taschenbuch: 12,- €, E-Book: 9,99 €)

14. November 2019

Jostein Gaarder: Genau richtig

Existenzielle Fragen, genau richtig gestellt

Ich hatte schon sehr, sehr lange nichts mehr von diesem Autor gelesen, als mir sein neuestes Büchlein in die Hände fiel und mich durch seine Dicke bzw. „Dünne“ überraschte. In meiner Erinnerung war der Norweger ausschließlich Verfasser langer und komplexer Romane, aber dieser sollte ja auch nur „Die kurze Geschichte einer langen Nacht“ enthalten. Das Cover wirkte gleich vertraut und erinnerte an „Sophies Welt“, „Das Kartengeheimnis“ und all die anderen Bücher des Autors, auf denen ebenfalls Illustrationen von Quint Buchholz abgebildet sind. Also: Ich war gespannt.


Jostein Gaarder wirft seine Leser in „Genau richtig“ ziemlich unvermittelt in die Geschichte: Sie beginnt briefförmig mit „Liebe alle,“ und es wird erst allmählich klar, dass da ein Ehemann, Vater und Großvater schreibt, der gerade eine Hiobsbotschaft erhalten hat. An einem einsamen, aber vertrauten Ort lässt er nun sein Leben Revue passieren, versucht in Worte zu fassen, was in ihm vorgeht und ringt außerdem um eine Entscheidung.
Wie immer bei Jostein Gaarder geht es dabei längst nicht nur um den Protagonisten, sondern bald auch um das große Ganze: das Universum, den Sinn oder Unsinn des Lebens, die Vergänglichkeit von allem: „Es hat nie ein Sein gegeben, sondern nur ein Werden, denn nichts auf der Welt hat Bestand.“ Der zwischenzeitliche Fatalismus des Ich-Erzählers erwischt den Leser durch solche kraftvollen Sätze mit voller Wucht. Auch auf 128 Seiten bringt Gaarder mühelos die großen Fragen der Menschheit unter, er schont Protagonisten und Leser in keiner Weise. Und schafft es dennoch, schließlich versöhnliche Töne anzuschlagen.

Für existentielle Themen findet Gaarder genau den richtigen Ton. Was die Dialoge in der Geschichte angeht, hatte ich ab und an den Eindruck, dass ihm die zwischenmenschlichen Untertöne nicht ganz so perfekt gelingen, aber das stört kaum und die meiste Zeit hält der Erzähler eh nur Zwiesprache mit sich selbst. Und so ist diese Geschichte, gerade gemessen an der Schwere ihres Themas „genau richtig“ und enthält viele kluge Gedanken.

Verlag: Hanser
Seitenzahl: 128
Erscheinungsdatum: 22. Juli 2019
ISBN: 978-3446263673
Preis: 16,00 € (E-Book: 11,99 €)

24. Juni 2019

Helmut Krausser: Trennungen. Verbrennungen

Manche Romane plätschern einfach nur munter vor sich hin und sind trotzdem grandiose Kompositionen – oder gerade deswegen? Helmut Krausser kann ich jedem empfehlen, der auf der Suche nach etwas wohlformulierter und vergnüglicher Ablenkung ist. Der Mann kann schreiben und greift mit großer Leichtigkeit alle Höhen und Tiefen des menschlichen Daseins auf.


In „Trennungen. Verbrennungen“ entwirft Krausser einen locker-flockigen Reigen aus verschiedenen Personen, die in unterschiedlichsten Beziehungen zueinanderstehen. Im Zentrum des Ganzen steht ein wohlhabendes, in Wannsee lebendes Ehepaar: Archäologieprofessor Fred Reitlinger und seine Frau Nora, die in regelmäßigen Abständen Soireen organisieren, zu denen auch zwei besonders hoffnungsvolle Studenten eingeladen werden, Gerd und Leopold. Ersterer ist mit der kapriziösen Sonja liiert, deren Eltern für die ihrer Tochter zugedachte Zukunft finanzielle Anreize setzen. Zweiterer läuft an einem unglückseligen Tag der Tochter der Reitlingers über den Weg, die gegen alles und jeden rebelliert. Ihr Bruder Ansgar, ihre Freundin Caro, deren Affäre Petar – sie alle sind in ein komplexes Beziehungsgeflecht verwickelt und es kommt zu „Trennungen. Verbrennungen“, aber auch, um einen anderen Romantitel Kraussers zu zitieren, zu „Einsamkeit und Sex und Mitleid“. All dem lesend beizuwohnen, macht einfach Spaß. Kraussers plaudernder Erzählton, der das Leben und seine Abgründe beschreibt, ohne es sonderlich ernst zu nehmen, macht dieses Leseerlebnis sehr vergnüglich. „Trennungen. Verbrennungen“ lässt sich in einem Rutsch durchlesen und kennt weder Längen noch unnötige Aufregungen. Krausser scheut vor keiner möglichen Verwicklung zurück, wodurch es den ein oder anderen Überraschungsmoment gibt. Dabei behält er durchgehend seinen spöttisch-wohlwollenden Blick auf alles Menschliche. Ein Roman wie eine Oase der amüsanten Gelassenheit.

Verlag: Berlin Verlag
Seitenzahl: 256
Erscheinungsdatum: 19. März 2019
ISBN: 978-3827013934
Preis: 22,00 € (E-Book: 18,99 €)

7. Juni 2019

Alina Brosnky: Der Zopf meiner Großmutter

Großmütter gibt es in der Literatur viele. Meist handelt es sich um kluge und weitsichtige Frauen mit großem Herzen, viel Geduld und einem immer offenen Ohr, die stets zur Stelle sind, wenn sie gebraucht werden. Und oft bringen sie dann auch noch Kuchen mit.


In Alina Bronskys „Der Zopf meiner Großmutter“ erfüllt die russische Oma keins der gängigen Klischees. Sie ist selbstgerecht, herrschsüchtig, weiß alles besser, beschimpft und tyrannisiert ihr Umfeld. Backen tut sie zwar, gleich zu Beginn des Romans zum Geburtstag ihres vielleicht fünf- oder sechsjährigen Enkels Mäxchen, doch der darf die Torte nur anschauen und einmal dran schnuppern, bevor sie vor seinen sehnsüchtigen Augen verzehrt wird. Denn Max verträgt Kuchen eh nicht, weiß die Oma. Außerdem ist er, wie sie ihm immer wieder einbläut, debil, schwachsinnig, todkrank und wird das Erwachsenenalter niemals erreichen. Dass weder Ärzte noch Lehrer diese Diagnose bestätigen, verunsichert Margarita Iwanowna kein bisschen.

Diese beratungsresistente Schreckschraube war dann auch der Grund, dass mich die Geschichte anfangs ziemlich befremdet hat. Natürlich muss nicht jede Oma selbstlos und wohlwollend auftreten, aber diese hier beleidigt und piesackt ihr verwaistes Enkelkind in einem fort, ohne dass ihr schweigsamer Mann Tschingis Mäxchen jemals zu Hilfe kommt. Für mich war das kein Lesespaß, sondern ziemlich unangenehm. Doch der Roman entwickelt sich, Mäxchen, aus dessen Perspektive er geschrieben ist, wird älter, verständiger und schafft es mehr und mehr, sich von der Großmutter zu emanzipieren – wobei er gleichzeitig eine Ahnung von deren wahrem Wesen bekommt. Außerdem wirbelt noch ein für alle Seiten unerwartetes Ereignis das Familiengefüge unwiderruflich durcheinander: Der Großvater verliebt sich. Und ab da bekommt der Roman eine gewisse Leichtigkeit, die mir vorher gefehlt hat.

Alina Bronsky schildert Mäxchens Heranwachsen in einer deutschen Flüchtlingsunterkunft in nüchternen Worten, die doch anrühren. Sie ist eine Meisterin der knappen Beschreibungen, die alles ausdrücken und nachwirken. Und nötigt ihren Lesern schließlich sogar Respekt vor Margarita Iwanowna ab – einer Großmutter, die ich nicht so schnell vergessen werde.

Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Seitenzahl: 224
Erscheinungsdatum: 9. Mai 2019
ISBN: 978-3462051452
Preis: 20,00 € (E-Book: 14,99 €)

Ich habe dieses Buch als Leseexemplar erhalten.

23. April 2019

Raffaella Romagnolo: Bella Ciao

Die mir gänzlich unbekannte Netflix-Serie „Haus des Geldes“ hat das Lied „Bella Ciao“ zum offiziellen Sommerhit 2018 gemacht. „Bella Ciao“ war damit vermutlich der älteste Sommerhit aller Zeiten, denn das im letzten Jahr neu abgemischte Arbeiterlied hat eine über hundertjährige Geschichte. Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts sangen es italienische Reispflückerinnen. Während des Zweiten Weltkriegs wurde es umgedichtet und entwickelte sich zur Hymne des Widerstands gegen den Faschismus, und in diesem Zusammenhang kam es auch in dem Roman vor, den ich als letztes gelesen habe.


Raffaella Romagnolo erwähnt das titelgebende Partisanenlied „Bella Ciao“ nur einmal namentlich in ihrem neuesten Buch, doch Partsianen gibt es dafür reichlich. Die Handlung spielt im Dorf Borgo di Dentro im ialienischen Piemont, in das die Amerikanerin Giulia Masca 1946 zurückkehrt, nachdem sie es 45 Jahre zuvor in einer Nacht-und-Nebel-Aktion verlassen hat. Giulia Masca stammt aus einfachsten Verhältnissen und hat schon als Kind in der örtlichen Seidenspinnerei gearbeitet. Wegen des Verrats einer Freundin hat sie die Heimat verlassen und in New York Glück und Wohlstand gefunden, während Europa erst vom Ersten und dann vom Zweiten Weltkrieg erschüttert wurde. Nun ist sie für eine Nacht zurückgekehrt und die Erinnerungen holen sie ein. Doch nicht nur Giulia Mascas Leben wird in Rückblicken berichtet – auch das ihrer Kindheitsfreundin Anita Leone, die Borgo die Dentro nie verlassen hat. Im Gegensatz zu Einzelkind Giulia wurde Anita in eine starke und nicht ganz so arme Großfamilie hineingeboren, die gepachtete Weinberge bewirtschaftet. Ihre Kindheit ist glücklicher als die ihrer Freundin, doch leicht hat sie es später nicht. Die Autorin schildert entbehrungsreiche, harte Arbeiterleben, die von Existenzängsten, Kriegen und Naturkatastrophen erschüttert werden, doch auch von Liebe, Zusammenhalt und Loyalität geprägt sind. Gleich an zwei Stellen hat Raffaella Romagnolo Stammbäume eingefügt, damit ihre Leser von den komplexen Beziehungsgeflechten nicht zu verwirrt sind. Ich musste nur manchmal darauf zurückgreifen: Die meisten Figuren sind gut greifbar und mit klaren Eigenheiten versehen, was es leichter macht, sich in den verschiedenen Familienverbünden einigermaßen zurechtzufinden.

„Bella Ciao“ ist nicht immer ganz einfach zu lesen. Nicht so sehr wegen der Fülle an Protagonisten, auch nicht wegen der immerhin fast ein halbes Jahrhundert umfassenden, umrissenen italienischen Geschichte: Was mir etwas zugesetzt hat, sind Beschreibungen von Elend und Leid. Als Leser zieht man mit den Figuren in Schlachten, die in den meisten Familiensagas nicht so detailliert beschrieben werden. Beim Lesen war ich mehr als einmal froh, 100 Jahre nach den Hauptfiguren geboren worden zu sein. Doch „Bella Ciao“ ist auch einer dieser Romane, die einem eine ganz neue, in meinem Fall unbekannte Welt eröffnen, die man nicht mehr vergisst. Die Autorin schreibt mit viel Einfühlungsvermögen und schafft so komplexe Entwicklungen, in denen Menschen über sich hinauswachsen und auch Gut und Böse nicht immer klar zu trennen sind. Ich empfehle, sich etwas Zeit für „Bella Ciao“ zu nehmen – es ist kein Buch, bei dem es reicht, jeden Abend vor dem Einschlafen ein paar Seiten zu lesen. Doch wem es möglich ist, sich von Raffaella Romagnolo nach Borgo di Dentro mitnehmen zu lassen, der wird mit einem intensiven Leseerlebnis belohnt und weder Giulia Masca noch die Familie Leone schnell vergessen können.

Verlag: Diogenes
Seitenzahl: 528
Erscheinungsdatum: 20. März 2019
ISBN: 978-3257070620
Preis: 24,00 € (E-Book: 20,99 €)

Ich habe dieses Buch als Leseexemplar erhalten.

Allen Lesern einen schönen Welttag des Buches!

31. März 2019

Susanne Hasenstab: Irgendwo zwischen Liebe und Musterhaus

Der Titel dieses Romans lässt auf einen beliebigen Frauenroman schließen, die Farbgebung des Covers ist nicht mein Fall. Aber der Klappentext klang so, dass ich dachte, das Buch könnte trotzdem ganz amüsant werden, auch wenn es vermutlich etwas 08/15 sein würde. Großer Irrtum!


Also nicht, dass „Irgendwo zwischen Liebe und Musterhaus“ amüsant ist – das ist kein Irrtum, ich habe mich bestens amüsiert. Aber das Buch ist bei Weitem kein Frauenroman von der Stange, eher das Gegenteil, es liest sich sehr erfrischend. Die Autorin Susanne Hasenstab erfasst Menschen und ihre Schwächen und Verhaltensweisen ganz genau und proträtiert gnadenlos Typen, die man aus dem Alltag kennt. Das ist sehr witzig, manchmal auch böse, doch weil Hasenstabs Ich-Erzählerin Katja genügend eigene Probleme hat, bleibt sie trotzdem sympathisch. Katja ist zwar mit einem scharfen, sezierenden Blick auf ihre Umgebung ausgestattet, erhebt sich aber dabei nicht über andere. Die 31-jährige dümpelt als Teilzeitangestellte der Gratis-Zeitung ihres Heimatortes durchs Leben und weiß eigentlich nicht, was sie will. Im Gegensatz zu ihrem Umfeld: Langzeitfreund Jonas will ein Eigenheim und Familie, der Bürokollege Herr Böhmann jeden Mittag woanders essen gehen, Katjas Mutter will Enkel, Freundin Inga sucht nach irgendeiner Art von Erleuchtung und Borke, Lebensgefährte von letzterer, bereist zielstrebig „die Welt des Hochprozentigen“. Katja scheint die einzige zu sein, die keinen wirklichen Plan hat. Zwar ist ihr im Grunde ihres Herzens bewusst, was sie nicht will, aber: „Was bleibt, wenn ich die Optionen Haus, Heirat, Kinder und Karriere allesamt ausschlage?“ Zwischen Besichtigungsterminen, einer aus dem Ruder laufenden Geburtstagsfeier und zwei wirren Kleinkunstabenden bleibt allerdings kaum Zeit, dieser Frage nachzugehen. Doch manchmal schließen sich ja bekanntlich auch Türen, während sich andere dafür öffnen.
Susanne Hasenstab hat ein echtes Händchen für die Ausgestaltung absurder Situationen, in die jeder rutschen könnte. Ich hatte ganz unverhofft großen Spaß beim Lesen und werde mir den Namen dieser Autorin ganz sicher merken.

Verlag: Limes Verlag
Seitenzahl: 416
Erscheinungsdatum: 25. März 2019
ISBN: 978-3809027010
Preis: 20,00 € (E-Book: 13,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

18. Februar 2019

Thomas Pierce: Die Leben danach

Ein mir unbekannter Autor, ein Buchtitel, den ich mir während des Lesens partout nicht merken konnte und ein Cover, das ich als seltsam empfand. Diese Mischung ergibt: Ein tolles Buch, das leise anfängt, leise endet, einiges im Unklaren lässt und mich komplett begeistert hat.


Thomas Pierces Hauptfigur Jim Byrd beschäftigt sich in „Die Leben danach“ zunächst nur mit seinem eigenen, aktuellen Leben. Das hätte nämlich um ein Haar bereits geendet, nachdem er mit nur 33 Jahren einen Herzinfarkt erlitten hat. Seitdem ist er Besitzer eines HeartNets, eines hoch entwickelten implantierten Defibrillators, der sein Herz wie ein engmaschiges Zwiebelnetz umschließt, es im Falle einer erneuten „Fehlzündung“ aktiv bepumpt und überdies per App mitteilt, wenn er eingreifen muss. Dass die Notwendigkeit eines solchen Implantats beim Empfänger zu einer Sinnkrise führen kann, ist verständlich. Jims Sinnkrise wird allerdings vielmehr dadurch ausgelöst, dass er vor seiner erfolgreichen Wiederbelebung kurz klinisch tot war – und nichts gesehen hat. Nicht das berühmte Licht am Ende des Tunnels, nicht seinen Körper aus schwebender Perspektive, nicht den Film seines Lebens, der noch einmal vor seinem geistigen Auge abläuft – Jim hat absolut nichts gesehen, und das befremdet ihn am meisten. Ist es das, was ihn nach seinem Tod erwarten wird – nichts?

Diese Frage zieht sich durch das Buch – aber auf unaufdringliche Art und Weise. Jim beschäftigt sich zwar mit dem Existenziellen, aber vor allem lebt er. Der Durchschnittstyp, ein Kreditberater in seiner Heimatstadt Shula, ändert sich nicht um 180 Grad, aber er verliebt sich, er heiratet, wird Stiefvater eines Teenagers, schließt sich einer Glaubensgemeinschaft an, die keinen gemeinsamen Glauben teilt und begibt sich schließlich noch auf Geistersuche. Ja, richtig gelesen. In einem Haus in Shula spukt’s – darauf näher einzugehen, würde hier zu weit führen, aber es sei kurz erwähnt, dass die Geschichte in der Geschichte unerwartet gut passt – geht es doch im Großen und Ganzen um die Leben danach, die Leben davor und wie alles miteinander verbunden ist.

Selbst die Geistergeschichte ändert nichts daran, dass das Buch realistisch wirkt. Es finden sich ein paar Science Fiction-Elemente, die jedoch so überzeugend eingewebt sind, dass sie vollkommen stimmig scheinen – angefangen bei Jims HeartNet. Auch Hologramme von Prominenten als Werbeträger wirken wie technische Weiterentwicklungen, die die Zukunft durchaus mit sich bringen könnte. Apropos Zukunft – zwei Figuren unterhalten sich darüber und eine fragt die andere: „Wünscht du dir nie, in der Zukunft geboren worden zu sein?“ Die Antwort: „Na ja, bist Du ja irgendwie. Nur dass es die Zukunft von jemand anderem ist. Nicht deine.“

Und so ist Thomas Pierces „Die Leben danach“ hier und da durchaus philosophisch angehaucht, bleibt dabei aber bestens lesbar. Es enthält jede Menge kluger Gedanken, aber auch jede Menge konkretes Leben, ist also in keinster Weise vergeistigt. Der Autor hat ein großes Herz für seine Protagonisten und das von ihm erdachte Shula. Ich habe Jim Byrd wahnsinnig gern durch sein Leben begleitet. Einige der im Buch geschilderten Gedanken haben sich überdies in meinem Kopf festgesetzt und werden da wohl noch einige Zeit kreisen.

Verlag: DuMont Buchverlag
Seitenzahl: 400
Erscheinungsdatum: 18. Februar 2019
ISBN: 978-3832198930
Preis: 24,00 € (E-Book: 18,99 €)

Ich habe dieses E-Book als Rezensionsexemplar erhalten.

23. Januar 2019

Thorsten Steffens: Klugscheißer Royale

Im Alltag können Klugscheißer sehr nerven, als Romanfiguren allerdings ziemlich lustig sein. Diese hier ist mir tatsächlich nach und nach ans Herz gewachsen. Und nicht nur das: Ich gestehe an dieser Stelle, dass ich trotz Germanistik im Nebenfach den semantischen Unterschied zwischen den Pluralformen „Wörter“ und „Worte“ nicht aus dem Stehgreif hätte definieren können und so sogar eventuell zu den im Buch definierten „Wör│ter-│Wor│te-│Ver│wechs│ler[n]“ gehörte. Nach der ausführlichen Erklärung des klugscheißenden Protagonisten wird mir das sicher nie mehr passieren – also auch noch was gelernt!


Ein „Klugscheißer Royale“ – das ist der Endzwanziger Timo Seidel, die Hauptfigur des nach ihm benannten Romans. Einen echten Klugscheißer zeichnet u.a. ein gesundes Selbstbewusstsein aus, welches bei Timo sogar die Mailadresse ausstrahlt, die mit „supertimo“ beginnt. Außerdem fühlt sich ein Klugscheißer seinen Mitmenschen grundsätzlich überlegen. Zu Beginn des Romans lebt Timo dieses Gefühl von nine to five beim ProTrend-Kundenservice aus, wo er als Callcenter-Mitarbeiter Reklamationen entgegennimmt – seit mehreren Jahren. Da dieser Job ihn weder ausfüllt noch fordert, beschäftigt er sich nebenbei noch als „Oswald Kolle der deutschen Sprache“ und versucht mehr oder weniger dezent, das Sprachniveau seiner Anrufer zu heben, in dem er ihre Grammatikfehler korrigiert. Dumm nur, wenn der Chef mithört, während man einen Kunden im Eifer des Gefechts als „Bezirkstrottel“ bezeichnet. Dumm auch, wenn man nach der Kündigung nach Hause fährt und feststellen muss, dass die langjährige Freundin, die einen zudem bisher mitfinanziert, gerade Kisten packt und ausziehen will.

Und das ist auch schon der Beginn dieses amüsanten Debütromans von Thorsten Steffens: Timo Seidel bekommt nach Jahren des bequemen Klugscheißens plötzlich richtig Gegenwind. Sein Leben fällt in sich zusammen und bald zeigt sich, dass sich weder der Arbeitsmarkt noch sein Kontostand vom Klugscheißen beeindrucken lassen. Aber Timo lässt sich nicht unterkriegen und ihn dabei zu begleiten, wie er versucht, dem Leben die Stirn zu bieten, macht Spaß – genau wie seine Wortschöpfungen, die er als Ich-Erzähler seinen Lesern in mundgerecht eingestreuten Wörterbuch-Artikeln darbietet: Von Brülltante bis Teilzeitgrübler.

Für mich fällt dieser Roman in die Kategorie „Das Leben eben“: Timo wird aus seiner Komfortzone hinausgeschleudert und versucht mal mehr, mal weniger erfolgreich, sein Leben wieder in den Griff zu kriegen, während der Leser ihn dabei begleitet und nach und nach Eigenschaften des Protagonisten entdeckt, die dieser selbst noch nicht kannte. Manchmal plätschert „Klugscheißer Royale“ etwas vor sich hin, ein oder zwei Nebenschauplatz hätte ich nicht unbedingt gebraucht. Aber langweilig wird „Klugscheißer Royale“ nie: Etwas „Fack ju Göthe“, etwas Coming-of-Age und tatsächlich auch noch ein paar Gedanken zum Thema Feminismus – der Roman wagt sich ab und an in Bereiche vor, die ich ihm gar nicht zugetraut hätte. Lustig ist er ab Seite eins, aber stellenweise kommt auch noch etwas Tiefgang hinzu. Und am Ende hat man den „Klugscheißer Royale“ tatsächlich liebgewonnen.

Verlag: Piper
Seitenzahl: 232
Erscheinungsdatum: 1. August 2018
ISBN: 978-3492501651
Preis: 12,99 € (E-Book: 6,99 €)

Ich habe dieses E-Book als Rezensionsexemplar vom Piper Verlag erhalten.

11. Januar 2019

Laetitia Colombani: Der Zopf

Das folgende Buch wollte ich unbedingt lesen und wurde anfangs trotzdem nicht mit ihm warm. Ich begann es und legte es wieder weg, dann kamen mir ein, zwei andere Bücher dazwischen. Letztendlich ließ mich dieser „Fehlstart“ immer mehr zögern, weiterzulesen, was der Roman nun wirklich nicht verdient hat. Denn er ist gut! Aber nachdem ich mir nun doch ein Herz gefasst und ihn inzwischen beendet habe, kann ich auch in Worte fassen, was mich gestört hat. Und warum das Buch dennoch lesenswert ist.


„Der Zopf“ hat einen schlichten Titel und ein in seiner Farbgestaltung edel wirkendes Cover. Der Debütroman der Französin Laetitia Colombani gibt einen kleinen Einblick in die Leben von drei Frauen, die auf den ersten Blick nichts zu verbinden scheint: Die Inderin Smita gehört zu den unberührbaren Dalits und führt wie ihre Vorfahren ein Leben in totaler Armut. Sarah in Montreal ist eine erfolgreiche Anwältin und Giulia auf Sizilien arbeitet in der Perückenmacherei ihres Vaters. Eigentlich scheinen sich Smita, Sarah und Giulia auf vorgezeichneten Wegen zu befinden, doch dann passiert etwas. Die als gegeben angenommene Ordnung in ihren Leben wird erschüttert und plötzlich müssen bzw. wollen sie etwas verändern. Als Leser begleitet man alle drei dabei, einzelne Kapitel zu jeder der Frauen wechseln sich ab. Diese sind kurz, „Der Zopf“ umfasst keine 300 Seiten und so entwickelt sich die Handlung nicht behutsam, sondern Schlag auf Schlag. Gefühlt bin ich nur so durch das Buch geflogen – und hatte trotzdem Probleme, am Ball zu bleiben, denn die Welten von Smita, Sarah und Giulia weisen keinerlei Gemeinsamkeiten auf und es hat mich gestört, immer schon nach ein paar Seiten wieder herausgerissen und auf einen anderen Kontinent versetzt zu werden. Trotzdem sind diese schnellen, brutalen Wechsel auch eine große Stärke des Romans: Durch die Nebeneinanderstellung der drei Leben wird deutlich, wie verschieden die Lebensbedingungen auch Anfang des 21. Jahrhunderts noch sind. Giulias Alltag auf Sizilien wirkt in Teilen so behütet und traditionell, dass es mich richtiggehend irritierte, als sie plötzlich etwas im Internet recherchierte – bis dahin kam er mir eher wie vor dessen Erfindung angesiedelt vor. Smitas Lebenstraum ist, dass ihre Tochter lesen und schreiben lernen soll, um nicht wie sie und die restliche Familie als Analphabetin zu enden – man wünscht sich, ihre Geschichte würde in einer längst überwundenen Zeit spielen, aber nein, auch das ist Gegenwart. Bei Sarah, der 40-jährigen Kanadierin, kommt man dagegen nicht in die Verlegenheit, sie gedanklich einer anderen Zeit zuordnen zu wollen: Diese Protagonistin ist die Verkörperung einer modernen Frau in einem Industrieland, hat sie doch in einer renommierten Anwaltskanzlei die gläserne Decke durchstoßen und scheint auf der Zielgeraden, die erste weibliche Partnerin zu werden. Dass sie jedoch bereits zwei gescheiterte Ehen hinter sich und einen Tagesvater für ihre drei Kinder engagiert hat, kam mir doch etwas klischeehaft vor.

Es ist der rote Faden des Romans und eine schöne Idee, dass diese Frauen, die sich – so viel kann verraten werden – nie begegnen, dennoch etwas verbindet. Allerdings hätte ich mir etwas mehr Ausgestaltung gewünscht. „Der Zopf“ liest sich intensiv, Autorin Colombani hätte den Einzelschicksalen aber durchaus noch mehr Raum geben können. So wird sie dem Potential ihres Romans in meinen Augen nicht ganz gerecht. Doch vielleicht hatte sie beim Schreiben auch bereits ein anderes Medium im Sinn: Laetitia Colombani ist Schauspielerin und Regisseurin. Verfilmt kann ich mir diesen inhaltlich verknappten Roman bestens vorstellen und bin gespannt – die Rechte sind bereits vergeben, es ist also davon auszugehen, dass „Der Zopf“ auch irgendwann ins Kino kommt.

Verlag: S. Fischer
Seitenzahl: 288
Erscheinungsdatum: 21. März 2018
ISBN: 978-3103973518
Preis: 20,00 € (E-Book: 16,99 €)

24. September 2018

Rachel Khong: Das Jahr, in dem Dad ein Steak bügelte

Als wirklichen Nachteil von E-Books empfinde ich nach wie vor den Verlust der Haptik und die auf Readern in der Regel öde wirkende Darstellung von Buchcovern. Beim folgenden Titel fehlte das Cover sogar komplett, was eventuell daran lag, dass ich die Buchdatei nicht gekauft, sondern als Leseexemplar zur Rezension bekommen habe. In jedem Fall ist es schade, denn das Buch hat einen sehr farbenfrohen, fröhlichen Titel, was auf dem Handy zumindest ansatzweise rauskommt.


„Das Jahr, in dem Dad ein Steak bügelte“ erzählt genau das, was der Titel verspricht: Das Jahr im Leben der 30-jährigen Kalifornierin Ruth, in dem sie noch einmal zu Hause einzieht, und in dem ihr Vater schließlich versucht, auf ungewöhnliche Art und Weise ein Steak zuzubereiten. Grund dafür ist, dass er sich an die herkömmliche Zubereitungsart zumindest in diesem Moment nicht mehr erinnert. Ruths Vater, ein ca. 60 Jahre alter, erfolgreicher Geschichtsprofessor, ist an Alzheimer erkrankt. Als ihre Mutter sie an Weihnachten bittet, das nächste Jahr noch einmal zu Hause einzuziehen, hat die Tochter gerade den Boden unter den Füßen verloren; ihr Verlobter hat sie verlassen. Nach eigenem Empfinden sitzt sie im „Boot der Unverheirateten, Karrierelosen. Das eher eine Art Kanu ist.“ Sie braucht einen Neuanfang und kommt dem Wunsch ihrer Mutter nach. Das Jahr in ihrem Elternhaus beschreibt sie in knappen, tagebuchartigen Einträgen. Rachel Khongs Stil fand ich dabei sehr besonders: Sie lässt ihre Ruth fragmentarisch erzählen, in lakonischer Kürze teilt sie kleine Episoden aus ihrem Alltag mit. Sie beschreibt ihre Erlebnisse sachlich und kurz, viele Einträge umfassen maximal eine Seite. Und trotzdem schwingen Tragik, aber auch Komik, Trauer und Freude bei jeder Schilderung leise mit. Es geht dabei längst nicht nur um die Krankheit des Vaters, es geht um Familie, Liebe, Freundschaft, begangene Fehler und die Verarbeitung von unwiderruflich Vergangenem. Ihr reduzierter Stil hindert Rachel Khong in keinster Weise daran, ein ganzes Spektrum von Gefühlen auszudrücken, das hat mir sehr gefallen. Ruth ist keine ganz unsperrige Protagonistin, sie hat eine Reihe von mehr oder weniger liebenswerten Marotten, unter anderem sammelt sie Mandeln, die ungewöhnlich geformt sind und unnützes Wissen. Sie hat einen ungewöhnlichen Blick auf die Dinge: „Ich sah mir das Steak an und stellte fest, wie wunderbar du es angebraten hattest. Ich briet die andere Seite in einer Pfanne und dann salzten und aßen wir es.“

Auch wenn sie – wie sämtliche Romangeschehnisse – nicht detailliert beschrieben werden, schimmern die schweren Momente durchaus durch. Doch Khong lässt ihre Ich-Erzählerin nie ihre Leichtigkeit verlieren. Und so liest sich auch dieser Roman zwar durchgängig leicht, berührt dabei aber trotzdem tief. Ein schönes Buch.

Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Seitenzahl: 256
Erscheinungsdatum: 7. September 2018
ISBN: 978-3462049725
Preis: 19,00 € (E-Book: 16,99 €)