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10. Juli 2024

Marc-Uwe Kling: Views

Beklemmend

Die erste Hälfte dieses Buchs habe ich verschlungen. Danach konnte ich nur noch kleine Häppchen von ein, zwei Kapiteln lesen, bevor ich eine Pause brauchte. Marc-Uwe Kling hat einen Richtung Thriller gehenden Roman vorgelegt, der mir als Science-Fiction oder Dystopie deutlich besser gefallen hätte. Dummerweise wirkt er aber realitätsnah sowie gut recherchiert und hat mich dadurch erst so richtig gegruselt. In einem Bericht zur Preview des Buches habe ich gelesen, dass der Autor der Känguru-Chroniken befürchtet hatte, die Realität könnte „Views“ noch vor der Veröffentlichung einholen. Man will es sich nicht vorstellen.

Und worum geht’s? Ein 16-jähriges Mädchen wird vermisst und taucht in einem verstörenden Video als Opfer mutmaßlicher Flüchtlinge wieder auf. Die Empörungsmaschinerie läuft an und gewinnt immer mehr an Fahrt. Während die polizeilichen Ermittlungen erfolglos bleiben, formiert sich eine Art Bürgerwehr, die Jagd auf die Täter machen will. Yasira Saad, Leiterin der zuständigen Soko beim BKA, steht unter immensem Druck. Und dann tauchen weitere Videos auf …

Mehr lässt sich an dieser Stelle kaum erzählen, ohne zu spoilern, und letzteres will ich auf keinen Fall – mich hat „Views“ nämlich mehrmals kalt erwischt, was den beklemmenden Gesamteindruck noch verstärkt hat. Marc-Uwe Kling führt hier gnadenlos vor Augen, wie fragil alles sein kann – das Leben an sich, der zivilisatorische Anstrich, der Rechtsstaat, die Demokratie … keine leichte Lektüre, obwohl sich „Views“ locker-flockig runterliest: kurze Kapitel und eine knackig erzählte Geschichte, die immer verstörendere Züge annimmt, bis hin zum für mich sehr unerwarteten Ende. Jetzt schwanke ich zwischen dem Wunsch nach einem schönen Feelgood-Roman – und dem nach einer Fortsetzung.


Verlag: Ullstein
Seitenzahl: 272
Erscheinungsdatum: 27. Juni 2024
ISBN: 978-3550202995
Preis: 19,99 € (E-Book: 15,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

21. Juni 2024

Anthony Horowitz: Mord stand nicht im Drehbuch

Tod einer Kritikerin

Der Titel dieses Buches hat mich gleich an einen gemütlichen englischen Sonntagnachmittagskrimi erinnert. Doch gemütlich fühlt sich der Ich-Erzähler ganz und gar nicht, er steht nämlich unter Mordverdacht. Eine berüchtigte Theaterkritikerin hat sein gerade erstmals in London aufgeführtes Stück „Mindgame“ gnadenlos verrissen und wird am Morgen danach in ihrem Haus ermordet. Alle Indizien scheinen gegen Anthony Horowitz zu sprechen – den Protagonisten, der den Namen des echten Autors trägt und untrennbar mit ihm verschmolzen scheint. Jetzt kann nur noch Privatdetektiv Daniel Hawthorne helfen, dem Horowitz allerdings gerade die Zusammenarbeit aufgekündigt hat. Es sieht nicht gut aus für den Erdenker von Alex Rider …

„Mord stand nicht im Drehbuch“ ist der vierte Titel, in dem Anthony Horowitz über Anthony Horowitz schreibt bzw. so charmant wie gewitzt den Eindruck erweckt, seine Krimis wären autobiografisch. Die ersten beiden kenne ich noch nicht, aber den dritten „Wenn Worte töten“ habe ich sehr begeistert gelesen. Eventuell dazu beigetragen hat die Tatsache, dass der Handlungsort ein Literaturfestival ist und es immer wieder um den Literaturbetrieb geht. Dieser Folgeband hat dagegen die Theaterszene zum Thema. Ich habe etwas länger gebraucht, um damit warm zu werden, doch nach einem ruhigen Einstieg nimmt der Krimi sehr an Fahrt auf und schließlich befragt Hawthorne in bester Hercule-Poirot-Manier den scheinbar überschaubaren Kreis der möglichen Täterinnen und Täter. Dem Hauptverdächtigen Horowitz bleibt dabei wieder die Rolle des im Dunkeln tappenden Sidekicks – zum einen hat mich das amüsiert, zum anderen muss ich gestehen, auch nicht mehr Durchblick gehabt zu haben als die Hauptfigur. Die raffinierte Auflösung ließ dann aber keine Fragen mehr offen. Ein richtig guter, unterhaltsamer Krimi, in dem die nächsten Bände erfreulicherweise bereits angeteasert werden. Ich freue mich darauf!


Verlag: Insel
Seitenzahl: 327
Erscheinungsdatum: 20. Mai 2024
ISBN: 978-3458644163
Preis: 25,- € (E-Book: 21,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.


1. Mai 2024

Agatha Christie, Dominique Ziegler (Autor Graphic Novel), Olivier Dauger (Illustrator Graphic Novel): Die Tote in der Bibliothek

Falsches Format für diesen Klassiker

„Die Tote in der Bibliothek“ war der erste Agatha-Christie-Krimi überhaupt, den ich gelesen habe. Ein Freund meines Vaters besuchte uns, ich war vielleicht 12 oder 13, und brachte ihn mir in der schwarzweiß-gestreiften Ausgabe mit, die auch damals schon etwas älter war – offensichtlich ein Buch aus seinen eigenen Beständen. Ich weiß nicht mehr, ob ich es sofort gelesen habe oder erst irgendwann später, aber dass es raffiniert war, wusste ich auf jeden Fall zu schätzen und lese bis heute gerne ab und zu Krimis von der Queen of Crime. Warum also nicht mal als Graphic Novel?

Hier, nach der Lektüre, meine Antwort: Weil die Umsetzung einfach nicht so gut funktioniert. 

Kurz zum Inhalt: „Die Tote in der Bibliothek“ wird bereits zu Beginn gefunden, im Haus des ehrwürdigen, älteren Colonel Bantry und seiner Frau. Sie liegt morgens vor den Bücherregalen – blond, jung, leicht bekleidet und mausetot. Das Ehepaar hat die Frau noch nie gesehen, doch dass sie in ihrem Haus gefunden wird, macht natürlich keinen guten Eindruck. Außer der Polizei ruft Mrs. Bantry deswegen auch gleich ihre Freundin Jane Marple, die sich – zunächst zum Ärger der Ermittler Chief Constable Melchett und Inspektor Flem – selbst umhört. Bald stellt sich heraus, dass die Tote als Tänzerin in einem Hotel gearbeitet hat und ein älterer Gast ihr so zugetan war, dass er sie in seinem Testament berücksichtigen wollte. Doch seine sonstigen Erben haben wasserdichte Alibis und der Fall wird immer undurchsichtiger …

„Die Tote in der Bibliothek“ ist eine verschlungene Geschichte mit einigen Twists – wer sie noch nicht kennt, tappt vermutlich lange im Dunkeln. Wenn ich Krimis lese, rätsel ich immer gerne mit; nehme aber an, dass man beim Lesen der Graphic Novel gar nicht dazu kommt. Hier geht alles Schlag auf Schlag, man lernt die Charaktere gar nicht richtig kennen und hat keine Möglichkeit, auf Zwischentöne oder Anspielungen zu achten. Generell geht leider vieles verloren, was die Krimis von Agatha Christie ausmacht. Darüber hinaus wirkt Miss Marple wie eine nervige Besserwisserin, die ständig aus dem Nichts auftaucht und sich einmischt – und sie sieht kein bisschen aus wie Margaret Rutherford! Fair enough, aber die sehe ich einfach vor mir, wenn ich einen Miss-Marple-Krimi lese. Doch auch das Gesamtbild war für mich nicht stimmig. Die Geschichte kann sich nicht so aufbauen wie im Roman, Emotionen bleiben auf der Strecke (außer bei Inspektor Flem, der Ärger und Ungeduld stets freien Lauf lässt – das allerdings in einem Ton, der nicht zu Agatha Christies Krimis passt). Wer „Die Tote in der Bibliothek“ nicht kennt, ist vermutlich nicht so kritisch mit der Graphic Novel und auch mir haben die Illustrationen an sich eigentlich gefallen. Trotzdem tat es mir leid um die Geschichte. Für sie ist es einfach nicht das richtige Format.


Verlag: Carlsen Comics
Seitenzahl: 64
Erscheinungsdatum: 26. März 2024
ISBN: 978-3551794130
Preis: 20,- €

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

17. Mai 2023

Anthony Horowitz: Wenn Worte töten

Kurios, intelligent und unvorhersehbar. 

Der britische Autor Anthony Horowitz schreibt eine Krimireihe, in der der britische Autor Anthony Horowitz der Ich-Erzähler ist – schon das ist so kurios, dass es mich sehr neugierig gemacht hat. Ich habe allerdings erst durch den dritten Band davon erfahren und kann nun aus eigener Erfahrung sagen, dass man diesen unabhängig von den Vorgängerbüchern lesen kann, das aber so viel Spaß macht, dass man sich Band eins und zwei nach der Lektüre eh besorgen will.

In „Wenn Worte töten“ ist Hauptfigur Anthony Horowitz zu einem neuen, kleinen Literaturfestival auf der Kanalinsel Alderney eingeladen – zusammen mit Privatermittler Daniel Hawthorne, der ihn beauftragt hat, als Biograf über ihn zu schreiben. Obwohl die beiden schon eine längere Arbeitsbeziehung hinter sich haben, ist keine größere Vertrautheit oder gar Freundschaft bemerkbar. Horowitz ist allerdings sehr zufrieden, dass er diesmal nicht den Detektiv begleitet, sondern ein Heimspiel hat – mit Literaturfestivals kennt er sich aus, für Hawthorne sind sie unbekanntes Terrain. Als jedoch der Sponsor des Summer Festivals ermordet wird, ändert sich das schlagartig. Hawthorne hört sich um, scheint nebenbei jedoch auch noch eine ganz eigene Agenda zu verfolgen. Horowitz dagegen stellt wilde Überlegungen in alle Richtungen an und findet dabei vieles verdächtig, was mir als Leserin auch aufgefallen war. Überflüssig zu erwähnen, dass wir beide oft der gleichen falschen Fährte folgten.

Mir hat „Wenn Worte töten“ großen Spaß gemacht – die Selbstironie des Autors, der sich selbst als etwas tapsige, nur mittelmäßig erfolgreiche Hauptfigur eingesetzt hat, die Darstellung der anderen Schriftsteller und des Literaturbetriebs und letztendlich natürlich auch der Fall. Leicht irritiert hat mich nur, dass Hawthorne Horowitz beständig „Sportsfreund“ nennt. Ich musste jedes Mal an einen älteren Landadeligen denken, dabei ist der Privatermittler erst 39 Jahre alt und der Krimi spielt in der Gegenwart – dieser antiquierte Ausdruck passt da einfach nicht. Das englische „Pal“, was hier vermutlich übersetzt wurde, klingt in der Originalausgabe sicherlich geläufiger. Abgesehen von dieser Kleinigkeit liest sich „Wenn Worte töten“ wunderbar und ist ein intelligenter, literarischer Krimi mit unvorhersehbaren Wendungen.


Verlag: Insel
Seitenzahl: 333
Erscheinungsdatum: 17. April 2023
ISBN: 978-3458643739
Preis: 24,- € (E-Book: 20,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

25. März 2022

Dror Mishani: Vertrauen

Fallstricke und Gewissenskonflikte.

Vor knapp drei Jahren hat mich „Drei“ begeistert – das erste bei Diogenes erschienene Buch des israelischen Schriftstellers Dror Mishani. Als ich jetzt las, dass der Schweizer Verlag ein zweites Buch von ihm veröffentlicht, wollte ich es unbedingt lesen. „Vertrauen“ ist allerdings schon der vierte Teil einer Krimireihe um Oberinspektor Avraham (Avi) Avraham, wie ich eben erst festgestellt habe: Auch die ersten drei Teile sind bereits auf Deutsch erschienen, in den Jahren 2013 bis 2018 bei dtv. Beim Lesen hat es mich allerdings nicht gestört. Es wird zwar klar, dass Avi Avraham beruflich und privat schon einiges erlebt hat, doch seine Ermittlungen stehen für sich und ich habe keine Vorkenntnisse vermisst.


Avi Avraham, Oberinspektor im Ayalon-Polizeidistrikt in Tel Aviv, ist mit seinem Job nicht mehr zufrieden und plant eine berufliche Umorientierung, was seinen Chef aus allen Wolken fallen lässt. Bevor es jedoch zu einer Versetzung kommt, stellt sich Avis neuer Fall als weniger trivial heraus, als er angenommen hatte: Der aus einem Hotel verschwundene europäische Gast, der angeblich bei israelischen Verwandten untergekommen ist, hat seiner Tochter erzählt, er würde für den Mossad arbeiten. Und auch sonst gibt es einige Ungereimtheiten, die Avi skeptisch werden lassen. Seine Kollegin ist dagegen relativ schnell einer Frau auf die Spur gekommen, die einen Säugling ausgesetzt hat. Allerdings ist sie weder die Mutter des Kindes noch auf irgendeine Art und Weise kooperativ. Oberinspektor Avi will zwar genau solchen Fällen den Rücken kehren, aber sie lesen sich durchaus spannend und vermitteln darüber hinaus auch noch einmal einen Eindruck vom Leben in Israel. Der Schreibstil des Tel Aviver Autors Dror Mishani macht außerdem Spaß: unaufgeregt, in die Tiefe gehend und seine komplexen Figuren mit ihren unterschiedlichen Perspektiven immer ernst nehmend. „Vertrauen“ ist ein literarischer Krimi mit wenig Blut und ohne wilde Verfolgungsjagden. Aber er stellt seine Leser*innen immer wieder vor die Frage, wie sie sich entscheiden oder vorgehen würden, er zeigt Fallstricke und Gewissenskonflikte und ist dadurch stellenweise interessanter und packender als ein klassischer „Whodunit“-Roman. Selbst wenn Oberinspektor Avi tatsächlich beruflich weiterziehen sollte – ich würde ihn gerne lesend begleiten.

Verlag: Diogenes
Seitenzahl: 352
Erscheinungsdatum: 23. Februar 2022
ISBN: 978-3257071771
Preis: 22,00 € (E-Book: 18,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

6. Januar 2022

Ralf Schwob: Das Präsidium

Drogen, Geldprobleme und ein lost place.

Das zwischen 1911 und 1914 erbaute alte Polizeipräsidium in Frankfurt ist seit 20 Jahren ein lost place: leerstehend, abgeriegelt und langsam vor sich hin verfallend. Seit 2021 gibt es offizielle Führungen durch das Gebäude, die ich sehr empfehlen kann. Und nachdem man sich das alte Gemäuer mal angeschaut hat, macht es natürlich besonders großen Spaß, einen zum Teil dort angesiedelten Regional-Krimi zu lesen.


Der Frankfurt-Krimi „Das Präsidium“ von Ralf Schwob beginnt mit großem Pech für Drogenkurier Maik: Sein alter Freund Zoran verschwindet auf Nimmerwiedersehen mit der von ihnen zu transportierenden Lieferung. Maik ist klar: Wenn er das Zeug nicht wieder ranschafft, ist er so gut wie tot. Doch selbst als Zoran wieder auftaucht, bleiben die Drogen verschwunden. Dass der biedere Groß-Gerauer Familienvater Thomas Danzer etwas über ihren Verbleib weiß, scheint ausgeschlossen: Der ehemalige Banker, der Frau und Sohn noch nicht gestanden hat, dass ihm wegen Veruntreuung von Geldern gekündigt wurde, hätte eigentlich auch so schon genug Probleme. Aber vielleicht lassen gerade die sich durch einen unerwarteten Geldsegen lösen – oder wird am Ende alles nur noch schlimmer?

Ralf Schwob ist mit „Das Präsidium“ ein kurzweiliger Krimi mit glaubwürdig gestalteten Protagonisten gelungen: Sie sind fehlbar, verstockt, auch mal unsympathisch, aber durch ihre nachvollziehbaren Sorgen und Nöte sehr menschlich. Durch unerwartete Wendungen und die immer wieder wechselnde Erzählperspektive bekommt die Geschichte Tempo und liest sich wie in einem Rutsch durch. Ein Krimivergnügen – nicht nur für Frankfurter.

Verlag: Societäts-Verlag
Seitenzahl: 240
Erscheinungsdatum: 12. Oktober 2021
ISBN: 978-3955424107
Preis: 15,00 € (E-Book: 10,99 €)

16. Oktober 2021

Agatha Christie: Das Geheimnis von Sittaford

Fehlender Fokus.

„Das Geheimnis von Sittaford“ ist kein ganz typischer Agatha-Christie-Krimi. Es ermitteln weder Miss Marple noch Hercule Poirot, ein übersinnliches Phänomen gibt Rätsel auf und eine scharfsinnige junge Frau will ihren Verlobten aus dem Gefängnis retten.


Am Anfang steht wie so oft ein Mord: Captain Trevelyan, ein geiziger, alternder Junggeselle, wird tot aufgefunden. Die erbenden Verwandten scheinen allesamt ein Motiv zu haben – und fast alle zudem ein Alibi. Und dann ist da noch der merkwürdige Umstand, dass der Captain sein Herrenhaus im abgeschiedenen Sittaford während des Winters an eine Witwe und ihre Tochter vermietet und sich für kleines Geld in der nächstgelegenen Kleinstadt einquartiert hat.
Inspektor Narracott versucht, den Dingen auf den Grund zu gehen. Parallel ziehen Emily Trefusis, Verlobte des Hauptverdächtigen, und Charles Enderby, ein ambitionierter Journalist, Erkundigungen ein. Da die Anzahl von Dorfbewohnern und Familienmitgliedern nicht ganz klein ist, lässt sich dabei nur schwer miträtseln – ich hatte permanent den Eindruck, mindestens ein Drittel der Nebenfiguren nicht wirklich auf dem Schirm zu haben.

Als solide Krimiunterhaltung geht „Das Geheimnis von Sittaford“ schon durch, aber ganz zufrieden war ich mit dem Leseerlebnis dennoch nicht. Freundschaftliche Beziehungen schildert Christie routiniert, aber ihre Liebespaare wirken meist etwas hölzern (was natürlich auch der Zeit geschuldet sein kann – dieser Krimi ist zum Beispiel von 1931). Oft treten sie erst zum Finale in Erscheinung, hier ist die verliebte Emily jedoch Hauptfigur. Doch so oft sie auch über ihren Verlobten spricht – was sie an ihm findet, bleibt ihr Geheimnis.
Die Auflösung war mal wieder unvorhersehbar, aber in sich logisch. Die große Anzahl von Nebenschauplätzen und falschen Fährten war mir allerdings etwas viel und ich vermisste die üblichen Ermittler. „Das Geheimnis von Sittaford“ ist kein schlechter Krimi, aber von der Queen of Crime gibt es doch viele bessere.

Ich habe eine ältere Ausgabe von „Das Geheimnis von Sittaford“ gelesen; aktuell im Handel ist jedoch diese erhältlich:

Verlag: Atlantik
Seitenzahl: 304
Erscheinungsdatum: 1. September 2021; „Das Geheimnis von Sittaford“ erschien jedoch bereits 1933 erstmals auf Deutsch (und 1931 auf Englisch).
ISBN: 978-3455011845
Preis: 12,- € (E-Book: 8,99 €)

11. September 2021

Paula Hawkins: Wer das Feuer entfacht

Raffinierter Pageturner.

„Girl on the train“ war ein internationaler Bestseller und hat mir sehr gefallen. Von Paula Hawkins folgendem Buch „Into the water“ war ich allerdings etwas enttäuscht. Nach dem Wasser kam nun das Feuer und dem wollte ich auch noch eine Chance geben. Und das hat sich mehr als gelohnt – der neueste Roman der britischen Autorin ist wirklich gelungen!


Roman, Krimi, Thriller – „Wer das Feuer entfacht“ ist ein bisschen von allem, wobei der Pageturner ganz klassisch mit einer Leiche beginnt: Daniel Sutherland, Anfang bis Mitte 20, wurde auf seinem schmuddeligen Hausboot brutal ermordet. Seine Nachbarin Miriam findet ihn, seine Tante Carla ist untröstlich und Laura, die er kurz vor seinem Tod noch abgeschleppt hatte, macht sich verdächtig. Die Polizei nimmt ihre Ermittlungen auf. Wer Daniel Sutherland auf dem Gewissen hat, blieb mir lange ein Rätsel, aber dieses Rätsel macht nicht den größten Reiz des Romans aus, sondern die Schicksale der anderen Charaktere. Miriam, Carla, Laura, aber auch weitere Nebenfiguren werden einfühlsam portraitiert. In dem Roman-Kosmos gibt es sehr unterschiedliche Menschen, die alle eint, dass sie auf irgendeine Weise beschädigt sind. Teils sieht man es ihnen an, teils können sie es kaschieren, doch alle haben ihr Päckchen zu tragen, bewältigen das jedoch nicht gleich gut.

Hawkins gelingt es durch häufige Perspektivwechsel, ihre Figuren nahbar werden zu lassen, ohne ihre Geheimnisse zu enthüllen. Gleichzeitig bleibt der Roman temporeich. Und dann schafft sie noch fast spielerisch, was für mich sowohl einen gelungenen Krimi als auch Thriller ausmacht: Viele kleine Details fügen sich unauffällig in den Lesefluss ein, haben am Ende aber eine ungeahnte Bedeutung für das Gesamtbild. Hinzu kommt ein überraschendes und dennoch stimmiges Finale, das den Roman raffiniert abrundet. Es ist schon ein paar Jahre her, dass ich „Girl on the train“ gelesen habe, aber ich würde behaupten, dass „Wer das Feuer entfacht“ bestens mit Hawkins Erfolgsroman mithalten kann.

Verlag: Blanvalet
Seitenzahl: 416
Erscheinungsdatum: 6. September 2021
ISBN: 978-3764507824
Preis: 20,00 € (E-Book: 9,99 €)

Ich habe dieses E-Book als Rezensionsexemplar erhalten.

31. Juli 2021

Agatha Christie: Fata Morgana

Ungewohntes Mittelmaß.

Es war mal wieder Zeit für Agatha Christie. In diesem Fall ermittelt Miss Marple, es ist das fünfte von insgesamt zwölf Cosy Crimes mit ihr und der 43. Krimi der Autorin. Leider hatte ich den Eindruck, dass ihr hier die Puste etwas ausgegangen ist; die meisten ihrer Bücher sind kurzweiliger und raffinierter.


In „Fata Morgana“ besucht Miss Marple ihre alte Schulfreundin Carrie Louise, die in dritter Ehe verheiratet ist und mit ihrem Mann eine Einrichtung unterhält, in der junge, männliche Straftäter auf den rechten Weg zurückgelotst werden sollen. Das Ehepaar ist voller Idealismus, den längst nicht alle Familienmitglieder teilen. Und Familienmitglieder gibt es reichlich in dieser Patchwork-Sippe: Eine bereits verwitwete Tochter, eine relativ frisch verheiratete Enkelin, zwei längst erwachsene Stiefsöhne und einen aus erster Ehe, der fast das gleiche Alter wie Carrie Louise hat. Was die Sippschaft eint, ist die Liebe zu Carrie Louise, die fast zu gut für diese Welt wirkt. Doch irgendwer scheint es auf sie abgesehen zu haben …

Normalerweise führt Agatha Christie ihre Leser sehr gekonnt aufs Glatteis, doch hier fallen kleine Ungereimtheiten relativ schnell ins Auge. Außerdem scheint der Krimi einem etwas eintönigem Schema zu folgen: Zunächst schütten fast alle wichtigen Figuren Miss Marple nacheinander ihr Herz aus, dann passiert etwas und darauf folgt eine äußerst ausführliche Polizeibefragung, bei der wiederum sämtliche Protagonisten zu Wort kommen. Andere Krimis der Autorin sind deutlich abwechslungsreicher geschrieben, in diesem gibt es nicht ganz so viel Handlung. Insgesamt wirkt er etwas uninspiriert; es fehlen der Pfiff und die gewohnte Raffinesse. „Fata Morgana“ ist nicht schlecht, aber im Vergleich zu Christies anderen Krimis nur Mittelmaß.

Ich habe eine ältere Ausgabe von „Fata Morgana“ gelesen; aktuell im Handel ist jedoch diese erhältlich:

Verlag: Atlantik
Seitenzahl: 208
Erscheinungsdatum: 4. September 2015; „Fata Morgana“ erschien jedoch bereits 1958 erstmals auf Deutsch (und 1952 auf Englisch).
ISBN: 978-3455650556
Preis: 12,- € (E-Book: 8,99 €)

25. Juli 2021

Michael Robotham: Die andere Frau

Der elfte Fall.

Mit dem elften Band einer Reihe anzufangen, ist nicht die beste aller Ideen. Beim Griff zu diesem Buch hatte ich allerdings übersehen, dass es Teil einer Reihe ist und rechne bei Psychothrillern zudem generell nicht mit einem Serienformat. Dies findet sich eher bei Krimis – zu denen ich „Die andere Frau“ allerdings auch zählen würde. Das Buch hat mich also in mehrfacher Hinsicht überrascht.


„Die andere Frau“ lernt der Psychologe Joe O’Loughlin kennen, weil sie am Krankenbett seines Vaters William auf der Intensivstation sitzt. William liegt im Koma und die Fremde behauptet, dessen Ehefrau zu sein – seine andere Ehefrau, neben O’Loughlins Mutter. Joe ist wie vor den Kopf gestoßen und lässt die Unbekannte zunächst rausschmeißen, muss jedoch bald feststellen, dass diese sich nicht so schnell abwimmeln lässt. Außerdem entdeckt er, dass sein strenger, distanzierter Vater ihm völlig unbekannte Seiten hat.

Michael Robotham hat verschiedene Unstimmigkeiten eingebaut, die eventuell Spannung erzeugen sollten, die Geschichte für mich aber eher unglaubwürdig machten. Das Verhalten mehrerer Figuren wird nicht aufgeklärt und die Begründungen hierfür empfand ich als etwas billig. So ist beispielsweise Joes Mutter so aufgebracht, dass sie Gespräche über ihre Ehe quasi verweigert, anstatt Licht ins Dunkel zu bringen. Vater William scheint komplett konträre Wesenszüge zu haben, die die Lesenden aber nicht in Aktion erleben, da er ja im Koma liegt. Joes Schwestern sind eigentlich überflüssiges Beiwerk und bleiben komplett blass – wenn ich sie aus den früheren Büchern gekannt hätte, hätte ich das aber vielleicht anders empfunden. Die Hauptfigur selbst ermittelt auf eigene Faust und vergisst dabei leider immer wieder, seine Erkenntnisse mit dem zuständigen Detective Inspector Stuart Macdermid zu teilen. Und wann immer Joe nicht weiterweiß, kreuzt praktischerweise eine neue Spur seinen Weg. Das alles fand ich vor allem irritierend; Spannung kam eher wenig auf.

Trotzdem ist es nicht so, dass mir „Die andere Frau“ gar nicht gefallen hätte. Joes tragische Familiengeschichte als verwitweter Vater zweier Töchter war besser geschrieben als der eigentliche Fall, aber auch der las sich flüssig. Dass sich viele Figuren immer wieder aufs Neue unlogisch verhielten, hat mich allerdings gestört. Und so werde ich auf die Lektüre der zehn Vorgängerbände wohl erst einmal verzichten.

Verlag: Goldmann
Seitenzahl: 480
Erscheinungsdatum: 27. Dezember 2018
ISBN:‎ 978-3442315048
Preis: 14,99 € (E-Book: 9,99 €)

31. Mai 2021

Agatha Christie: Mord im Spiegel

Pageturner mit kleinen Schwächen.

Agatha Christie führt mich meistens sehr erfolgreich hinters Licht. Hier hatte ich allerdings schon früh einen Verdacht, weil ich mir ein mögliches Tatmotiv vorstellen konnte, das sich am Ende des Whodunits dann tatsächlich bestätigte. „Mord im Spiegel“ hat mich aber dennoch bestens unterhalten.


Miss Marple ermittelt – allerdings die meiste Zeit aus ihrem eigenen Wohnzimmer heraus. Die alte Dame hat durch eine schwere Bronchitis einiges von ihrer Rüstigkeit eingebüßt. Ihr besorgter Neffe hat sogar eine Pflegekraft bei ihr einquartiert, die ihr mächtig auf die Nerven geht. Über die Geschehnisse in ihrem Wohnort St. Mary Mead ist sie aber nach wie vor gut informiert, denn unter anderem ihre Freundin Mrs. Bantry versorgt sie mit den neuesten Entwicklungen. Deren altes Haus, Gossington Hall (in dem viele Jahre zuvor „Die Tote in der Bibliothek“ ermordet vor dem Kamin lag, nachzulesen im gleichnamigen Krimi), wurde an eine berühmte amerikanische Filmschauspielerin namens Marina Gregg verkauft – ein Umstand, dem Mrs. Bantry die Einladung zur Einweihungsfeier verdankt. Die Party findet jedoch ein jähes Ende, als einer der Gäste stirbt. Das Opfer, Mrs. Badcock, hat einen vergifteten Cocktail getrunken. Doch wer könnte ein Interesse daran gehabt haben, die Sekretärin eines Wohltätigkeitsvereins zu ermorden – und das vor aller Augen?

„Mord im Spiegel“ ist der achte von insgesamt zwölf Miss-Marple-Krimis. Er wurde 1962 veröffentlicht, 32 Jahre, nachdem der erste Fall der Hobbydetektivin erschien – kein Wunder, dass sie inzwischen in die Jahre gekommen ist! Dass Mrs. Marple ihre Informationen nur aus zweiter Hand erhält, stört weniger, als ich zu Beginn befürchtete. Ihr Hadern mit Alter und Gebrechlichkeit ist nachvollziehbar geschildert und gibt der Geschichte noch eine neue Facette. Weniger gelungen fand ich, dass die Auflösung am Ende relativ rasch abgehandelt wurde und nicht alle offenen Fragen beantwortete – das ist normalerweise nicht Agatha Christies Stil. Die ein oder andere Verwicklung wäre vielleicht auch nicht nötig gewesen. Einige von Christies anderen Cosy Crimes sind noch raffinierter konzipiert, doch ich habe auch diesen Krimi fast in einem Rutsch verschlungen und gespannt mitgerätselt. Solide Unterhaltung von der Queen of Crime!

Ich habe eine ältere Ausgabe von „Mord im Spiegel“ gelesen; aktuell im Handel ist diese erhältlich:

Verlag: Atlantik
Seitenzahl: 256
Erscheinungsdatum: 4. September 2015; „Mord im Spiegel“ erschien jedoch bereits 1964 erstmals auf Deutsch (und 1962 auf Englisch).
ISBN: 978-3455650587
Preis: 12,- € (E-Book: 8,99 €)

11. April 2021

Agatha Christie: Kurz vor Mitternacht

Abgründiges Whodunit.

Mal wieder ein Agatha-Christie-Krimi ohne Miss Marple oder Hercule Poirot, wobei letzterer den hier ermittelnden Superintendenten Battle zumindest inspiriert. Das Buch erschien 1944 in Großbritannien und den USA, die deutsche Erstausgabe wurde zwei Jahre später veröffentlicht.


„Kurz vor Mitternacht“ beginnt mit einigen kurzen Kapiteln zu den einzelnen Hauptfiguren des Krimis, bevor diese auf dem malerisch an der Küste gelegenen Anwesen Gull’s Point zusammentreffen. Gastgeberin ist die schon einige Jahre verwitwete, bettlägerige Lady Tressilian, die von einer entfernten Verwandten namens Mary Aldin gepflegt wird. Besucht wird sie von Nevile Strange und seiner zweiten Ehefrau Kay. Der erfolgreiche Sportler Nevile ist so etwas wie der Ziehsohn von Lady Tressilian und sein Besuch wird einzig und allein davon getrübt, dass auch seine erste Ehefrau Audrey vor Ort ist. Ein Cousin von ihr verbringt die Sommertage ebenfalls auf Gull’s Point, während ein längst pensionierter Anwalt zwar im Hotel wohnt, aber freundschaftliche Beziehungen zur Hausherrin pflegt. Ein Jugendfreund von Kay komplettiert die Gesellschaft. Dass nicht alle Erwähnten diesen Spätsommer überleben, liegt auf der Hand.

Es erstaunt ebenfalls nicht, dass Agatha Christie es mal wieder schafft, ihre Leserinnen und Leser an der Nase herumzuführen. Einige mögliche Motive sind von Anfang an offensichtlich; kleine Randbemerkungen lassen erfahrene Krimi-Fans aufhorchen. Aber am Ende ist dann doch wieder alles anders – und trotzdem schlüssig. „Kurz vor Mitternacht“ ist ein sehr kurzweiliges Lesevergnügen. Nur auf die letzten zwei, drei Seiten hätte ich verzichten können, denn da soll es romantisch werden, was sich bei Agatha Christie immer ziemlich hölzern liest – hier merkt man am ehesten das Alter ihres Werks. Doch die Krimihandlung ist unverstaubt und dass dieser Fall vor fast 80 Jahren erdacht wurde, tut seiner Raffinesse keinen Abbruch.

Ich habe eine ältere Ausgabe von „Kurz vor Mitternacht“ gelesen; aktuell im Handel ist diese erhältlich:

Verlag: Atlantik
Seitenzahl: 256
Erscheinungsdatum: 14. März 2018; „Kurz vor Mitternacht“ erschien jedoch bereits 1946 erstmals auf Deutsch (und 1944 auf Englisch).
ISBN: 978-3455002263
Preis: 12,- € (E-Book: 8,99 €)

8. Februar 2021

Agatha Christie: Peril at End House

Raffiniert und perfide.

Agatha Christies zwölfter Kriminalroman erschien 1932 als der sechste, in dem sie ihren belgischen Meisterdetektiv Hercule Poirot ermitteln lässt. Wie so oft ist sein Freund Arthur Hastings an seiner Seite und auch Inspektor Japp tritt wieder in Erscheinung. Also ein Klassiker. Aber Agatha Christie wäre nicht die Queen of Crime, wenn sie nicht immer wieder überraschen würde. Und hier hat sie sich eine besonders perfide Geschichte einfallen lassen.


In „Peril at End House“ („Das Haus an der Düne“) wollen Poirot und Hastings eigentlich eine entspannte Urlaubswoche in Cornwall verbringen. Doch dann machen sie die Bekanntschaft einer jungen Frau namens Nick Buckley, die in den letzten Tagen gleich mehrere Beinahe-Unfälle gehabt hat. Sie tut das lachend ab, doch Poirot wird hellhörig und schließlich erhärtet ein Patronenfund seinen Verdacht, dass es jemand auf ihr Leben abgesehen hat. Poirot und Hastings statten Miss Buckley einen Besuch in End House bzw. dem „Haus an der Düne“ ab und treffen Vorkehrungen. Doch auch diese können ein Unglück nicht verhindern …

Was mir richtig gut gefallen hat: Poirot teilt seine Gedanken diesmal freigiebig mit Ich-Erzähler Hastings – und so auch den Lesenden. Er erstellt sogar Listen mit potentiellen Tätern und offenen Fragen. Ich bin natürlich trotzdem nicht auf die Auflösung gekommen. Wie eigentlich immer haben mich Poirots Ausführungen beim Showdown am Ende komplett verblüfft, obwohl sie durchaus schlüssig sind. An einigen Stellen wird sehr deutlich, dass der Krimi nicht nur vor ca. 90 Jahren spielt, sondern auch dann geschrieben wurde. In Sachen Raffinesse ist er aber keineswegs in die Jahre gekommen. Agatha Christie kann’s halt einfach.

Verlag: Harper Collins
Seitenzahl: 252
Erscheinungsdatum dieser Ausgabe: 24. September 2015 (Erstausgabe: 1932)
ISBN: 978-0008129521
Preis: 6,99 € (E-Book: 5,49 €)

26. Juli 2020

Agatha Christie: Ein gefährlicher Gegner

Die unbekannten Abenteurer.

Agatha Christie verbindet man in erster Linie mit Hercule Poirot und Miss Marple. Überdies hat sie auch noch Krimis geschrieben, die ohne einen bestimmten Ermittler auskommen. Dass die Autorin aber noch ein Duo erschaffen hat, dass immerhin in vier Büchern und mehreren Kurzgeschichten zum Einsatz kommt, war mir bislang unbekannt. Jetzt habe ich den ersten Band mit Tuppence Cowley und Tommy Beresford gelesen.


„Ein gefährlicher Gegner“ ist das zweite Buch, das Agatha Christie überhaupt geschrieben hat. Es wurde 1922 in Großbritannien und den USA veröffentlicht; 10 Jahre später dann auch in deutscher Übersetzung. Es erinnert vage an „Die großen Vier“, den Krimi der Queen of Crime, der mir bislang am wenigsten gefallen hat: Eine temporeiche Agentengeschichte statt eines klassischen „Whodunnit“ zum Miträtseln, viel Action auf Kosten von Logik. Dennoch hat mir „Ein gefährlicher Gegner“ weitaus besser gefallen, was sicher an den Hauptfiguren liegt: Tuppence und Tommy sind Anfang 20, arbeitslos, knapp bei Kasse und auf der Suche nach lukrativen Abenteuern. Sie beschließen, ihre Dienste als Privatermittler anzubieten und stechen ganz unverhofft in ein Wespennest. Es geht um verschwundene Papiere von höchster Wichtigkeit, eine verschollene Amerikanerin und eine Verschwörung globalen Ausmaßes. Das Ganze ist für Tuppence und Tommy mindestens drei Nummern zu groß, denn sie sind nicht nur unerschrocken und hochmotiviert, sondern auch naiv und redselig. Doch das hat immerhin einen gewissen Charme.

Wie die beiden ins Abenteuer hinein und irgendwann dann auch wieder hinaus stolpern, fand ich gelungen. Im Mittelteil wurde es mir allerdings etwas zu albern. Hier werden beide Hauptfiguren abwechselnd entführt und festgehalten, wobei sie natürlich ganz nebenbei wichtigste Informationen erhalten. Und so bekam ich mal wieder den Eindruck, dass Agatha Christie der Mikrokosmos eben doch mehr liegt als der Makrokosmos – die Geschehnisse in einem Haushalt bildet sie in der Regel raffinierter und glaubwürdiger ab, als die einer globalen Verschwörung. Wobei sich das 100 Jahre später natürlich auch sehr leicht sagen lässt – heute stellt man sich globale Verschwörungen einfach ganz anders vor. Spaß hat mir Tommys und Tuppence‘ erster Fall trotz allem gemacht.

Ich habe eine ältere Ausgabe von „Ein gefährlicher Gegner“ gelesen; aktuell im Handel ist jedoch diese erhältlich:

Verlag: Atlantik
Seitenzahl: 352
Erscheinungsdatum: 18. Juli 2017; „Ein gefährlicher Gegner“ erschien jedoch bereits 1932 erstmals auf Deutsch (und 1922 auf Englisch).
ISBN: 978-3455651355
Preis: 12,- € (E-Book: 8,99 €)

31. Mai 2020

Agatha Christie: Das Eulenhaus

Bewährt gut.

Laut dem Nachwort dieser Ausgabe hatte Agatha Christie das Gefühl, diesen Krimi „verpfuscht zu haben“ – und zwar ausgerechnet durch die Anwesenheit ihres Meisterdetektivs Hercule Poirot: „Ohne ihn, dachte ich, wäre das Buch besser geworden.“
Die Queen of Crime hat ja durchaus Bestseller geschrieben, die ohne Poirot oder auch Miss Marple auskommen – allen voran „Und dann gab‘s keines mehr“. Dass Poirot hier das Lesevergnügen schmälert, möchte ich aber nicht behaupten. Mir ist positiv aufgefallen, dass der Belgier untypisch zurückhaltend in Erscheinung tritt. Da sein Sidekick Hastings nicht mit von der Partie ist und auch sonst kein befreundeter Ermittler beteiligt, steht er weniger im Mittelpunkt als sonst, was ich als Abwechslung empfand – missen wollte ich Poirot aber nicht.


„Das Eulenhaus“ wurde 1946 veröffentlicht und war bereits der 37. Krimi von Agatha Christie sowie der 24. Fall, in dem sie Poirot ermitteln ließ. Er spielt auf einem englischen Landsitz, dessen Bewohner ein paar Familienmitglieder und Freunde zu einem entspannten Wochenende eingeladen haben. Doch nicht alle Beteiligten freuen sich gleichermaßen auf das Zusammentreffen und mit der Entspannung ist es spätestens vorbei, als einer der Gäste sterbend aufgefunden wird. Der Fall scheint auf den ersten Blick klar – aber wie so oft ist nicht alles so, wie es scheint …

Was mir besonders gut gefallen hat: Agatha Christie lässt hier einige sehr spezielle Charaktere aufeinandertreffen, in deren Seelenleben sie mehr Einblicke gewährt, als es sonst ihre Art ist. Das ist amüsant und macht den Krimi noch lebendiger. Die Auflösung hat kleine Schwächen, ist aber im Großen und Ganzen schlüssig erklärt, wobei ich natürlich ohne Poirot mal wieder nicht darauf gekommen wäre. Wie in den allermeisten Fällen bietet die Queen of Crime auch hier wieder verlässliches Lese- und Rätselvergnügen.

Ich habe eine ältere Ausgabe von „Das Eulenhaus“ gelesen; aktuell im Handel ist jedoch diese erhältlich:

Verlag: Atlantik
Seitenzahl: 288
Erscheinungsdatum: 15. April 2015; „Das Eulenhaus“ erschien jedoch bereits 1947 erstmals auf Deutsch (und 1946 auf Englisch).
ISBN: 978-3455650266
Preis: 12,- € (E-Book: 8,99 €)

11. April 2020

Deon Meyer: Beute

Zwei Krimis in einem – erst sperrig, dann spannend.

Dieses Buch ist bereits der siebte Krimi um den südafrikanischen Ermittler Bennie Griessel. Er gehört zu einer auf Gewaltverbrechen spezialisierten Einheit der Kapstädter Polizei und hat ein Privatleben, das auch gut zu einem Tatort-Kommissar passen würde: Der trockene Alkoholiker ist zweifacher Vater, geschieden und neu liiert, kämpft gegen seine Dämonen und für ein friedlicheres Südafrika. Wer die früheren Bände gelesen hat, kann Kaptein Griessels Charakter sicherlich noch besser einschätzen; ich kannte bisher allerdings nur den fünften Teil der Reihe, „Icarus“. Bei der Lektüre gestört hat das nicht.


In Griessels neuestem Fall „Beute“ hat Autor Deon Meyer zwei größtenteils unabhängig voneinander verlaufende Handlungsstränge geschaffen. Griessel und sein Partner Cupido untersuchen den Tod eines Mannes, der auf der Fahrt durch Südafrika aus einem Luxuszug gestürzt ist. 8.900 km nordwestlich davon gerät ein Landsmann von ihnen, der um keinen Preis auffallen möchte, in eine Schlägerei. Doch die ist nur der Auftakt zu ganz anderen Problemen, die der in Bordeaux lebende Daniel Darret im Laufe der Geschichte noch bekommen wird.

Anfangs springt Deon Meyer noch kapitelweise zwischen Griessel und Darret hin und her. Später widmen sich dann auch mal fast hundert Seiten den Geschehnissen in Bordeaux, was mich ziemlich irritierte, weil Ermittler Griessel so gar keine Rolle mehr spielte und mein Südafrika-Krimi plötzlich ausschließlich in Frankreich angesiedelt war. Mit Safari-Romantik ist bei Deon Meyer allerdings eh nicht zu rechnen und auch sonst kommt kein Fernweh auf: Der in der Nähe von Kapstadt lebende Autor geht mit seinem Heimatland hart ins Gericht; Misswirtschaft, Korruption und Ungleichheit sind Themen, die immer wieder angesprochen werden.

„Beute“ liest sich dennoch gut. Der Krimi kommt zwar eher langsam in die Gänge, fesselt aber trotzdem. Meyer seziert Probleme, bis es weh tut. Mit den Ermittlern, denen ein Stein nach dem anderen in den Weg gelegt wird, habe ich irgendwann richtiggehend mitgelitten – wie auch mit Daniel Darret. Vor dem Finale habe ich mich fast gefürchtet, doch dann kam alles anders – und die Weichen für Band acht sind bereits gestellt.
Frohe Ostern!

Verlag: Rütten & Loening
Seitenzahl: 444
Erscheinungsdatum: 10. März 2020
ISBN: 978-3352009419
Preis: 20,00 € (E-Book: 14,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

5. April 2020

Agatha Christie: Murder in Mesopotamia

Unterhaltsam und solide – nur die Auflösung überzeugt nicht ganz.

Agatha Christie schrieb im Laufe ihres 86-jährigen Lebens 66 Romane. Es ist also kein Wunder, wenn einem einige ihrer Titel gänzlich unbekannt erscheinen. Bei manchen, wie z.B. „Die großen Vier“, wird bei der Lektüre schnell klar, warum sie in der Versenkung verschwunden sind. Andere reichen vielleicht nicht an „Und dann gab’s keines mehr“, „Mord im Orientexpress“ oder „16 Uhr 50 ab Paddington“ heran, sind aber trotzdem geschickt und klug entwickelte Pageturner. Zu ihnen gehört der Krimi, den ich zuletzt gelesen habe.


Agatha Christies „Murder in Mesopotamia“ spielt im Irak. Die Schriftstellerin entwickelte ab Ende der 1920er Jahre ein Faible für den Nahen Osten. 1928 reiste sie mit dem Orientexpress nach Bagdad und lernte im Irak ein britisches Archäologenpaar kennen, das sie zwei Jahre später erneut an einer Ausgrabungsstätte besuchte. Bei dieser zweiten Reise traf sie auch ihren zweiten Ehemann, den an den Ausgrabungen beteiligten Max Mallowan.

Im 1936 auf Englisch und 1939 auf Deutsch veröffentlichten „Murder in Mesopotamia“ ermittelt Hercule Poirot, allerdings ohne seinen treuen Freund Hastings. Es dauert, bis der Detektiv am Tatort ankommt, einem abgelegenen Anwesen, in dem die an einer Ausgrabungsexpedition beteiligten Forscher mit ihren Ehefrauen untergebracht sind. Erzählerin der Geschehnisse ist Amy Leatheran, eine Krankenschwester, deren Namen ich mir während der gesamten Lektüre nicht merken konnte, da sie im englischen Original von allen nur als „Nurse“ angeredet wird. Leatheran hat eine Patientin von England in den Irak begleitet und soll nun die Frau des Ausgrabungsleiters Dr. Eric Leidner unterstützen, bevor sie wieder zurückreist. Mrs. Leidner hat kein körperliches Leiden, fühlt sich jedoch bedroht, und ihr Ehemann hofft auf den beruhigenden Einfluss der Krankenschwester, die vor allem als Gesellschaftsdame fungieren soll.

Vielleicht wollte Agatha Christie zur Abwechslung mal einen anderen Stil ausprobieren, denn dadurch, dass sie diesen Krimi aus Sicht von Nurse Leatheran erzählt, bekommt er einen ganz ungewohnten Ton. Die Krankenschwester nimmt kein Blatt vor den Mund, verleiht ihren Antipathien und Vorurteilen deutlich Ausdruck und verfügt ganz und gar nicht über das, was man heute als interkulturelle Kompetenz bezeichnet. Das Maß aller Dinge ist für sie selbstverständlich auch in der Ferne ihre Heimat Großbritannien, schon Poirot als Belgier ist ihr suspekt. Eine große Sympathieträgerin ist die Britin nicht unbedingt, aber sie bringt mal eine andere Farbe in Christies Werk und man kann sich durchaus vorstellen, dass die Queen of Crime Spaß daran hatte, eine gänzlich ungewohnte Perspektive auszuprobieren.

Zum Kriminalfall will ich keine weiteren Details verraten. Aufgrund des ungewöhnlichen Settings, des noch überschaubaren Personenkreises, der neuen Erzählerin und dem wie immer brillanten Poirot hat er mir gut gefallen. Auf die Auflösung wäre ich mal wieder nicht gekommen – allerdings ist sie doch etwas mehr an den Haaren herbeigezogen, als es sonst bei Agatha Christie der Fall ist. Dennoch hat mich „Murder in Mesopotamia“ gut unterhalten und muss sich in Christies Gesamtwerk keinesfalls verstecken.

Ich habe eine ältere Ausgabe von „Murder in Mesopotamia“ gelesen; aktuell im Handel ist jedoch diese erhältlich:

Verlag: Harper Collins
Seitenzahl: 288
Erscheinungsdatum: 24. März 2016; „Murder in Mesopotamia“ erschien jedoch bereits 1936 auf Englisch (und 1939 auf Deutsch).
ISBN: 978-0008164874
Preis: 6,69 € (E-Book: 6,99 €)

11. März 2020

Carsten Sebastian Henn: Der Gin des Lebens

Faszinierender Gin, schwacher Krimi.

Zuletzt habe ich einen kulinarischen Krimi gelesen – ein beliebtes Genre, das ich bislang eher links liegen gelassen habe. Der Autor ist laut Klappentext „Kulinariker durch und durch“ und hat sich hier dem Gin verschrieben. Über diese Spirituose habe ich dann auch viel Faszinierendes erfahren. Der Krimi-Anteil dagegen – na ja. Ich bin ja durchaus ein Fan von Cosy Crimes und das hier sollte vermutlich eins sein – ist aber eher ein unfreiwilliges „absurd crime“ geworden.


Dass „Der Gin des Lebens“ ein Buch für Gin-Liebhaber ist, sieht man auf den ersten Blick: Am Cover, am Titel, an den Exkursen zum Thema Gin, die extra auf grauen Seiten gedruckt sind und dadurch sofort erblättert werden können. Ich mag Gin, hatte mir aber noch nie über seine Aromen Gedanken gemacht (und keine Ahnung, dass diese „Botanicals“ heißen). Was für eine Kunst Gin-Herstellung sein kann, war mir völlig neu. Alles rund ums Thema fand ich super erklärt und spannend zu lesen. Dieses Buch feiert den Gin: Jedem Kapitel sind ein Zitat zum Thema Alkohol und die Illustration eines „Botanicals“ vorangestellt, hinten finden sich neben einem Glossar auch noch Gin-Rezepte.
Außerdem ist „Der Gin des Lebens“ mit viel Herz für den Handlungsort Plymouth geschrieben, der sehr pittoresk geschildert wird. Die Schauplätze sind in eine Karte eingetragen, die sich sowohl in der vorderen als auch in der hinteren Coverklappe verbirgt. Für die liebevolle Gestaltung würde ich diesem Buch fünf von fünf Punkten geben.

Für die Geschichte allerdings nicht. Ich hatte die Leseprobe gelesen und war auf einen Krimi gefasst, in dem mehr gemenschelt als ermittelt wird. Und es menschelte dann auch sehr: Da hätten wir Cathy, die in Plymouth ein gemütliches Bed & Breakfast betreibt, mit viel Herz, schrulligen, aber liebenswertesten Stammgästen und einem verwunschenen Garten. Und sie ist Single – wie Bene, ein Deutscher, der auf den Spuren seines verstorbenen Vaters nach Plymouth reist. Klingt fast ein bisschen nach Rosamunde Pilcher, trotz des erstochenen Obdachlosen in Cathys Garten. Die Rollen sind außerdem klar verteilt: Es gibt die Guten und die Bösen, mehrdimensional sind nur wenige Charaktere.
Die Handlung entwickelt sich dann komplett hanebüchen. Mir erschienen viele Stränge nicht ansatzweise zu Ende gedacht, die Figuren reagierten oft sehr unlogisch auf Ereignisse und das hat mir das Buch doch ziemlich verdorben. Zum Thema Gin war also alles super, der Krimi an sich jedoch sehr enttäuschend. Aber vielleicht war es auch mein Fehler, vielleicht hätte ich mir zur Lektüre einfach einen Dry Martini mixen sollen und dann alles gnädiger beurteilt?

Verlag: DuMont Buchverlag
Seitenzahl: 336
Erscheinungsdatum: 10. März 2020
ISBN: 978-3832183974
Preis: 16,00 € (E-Book: 11,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

13. Februar 2020

Holger Karsten Schmidt: Die Toten von Marnow

Temporeich und komplex.

Hätte ich an einem Büchertisch nach diesem Krimi gegriffen? Vermutlich nicht – das Cover empfinde ich als eher blass und nichtssagend und den Verfasser kannte ich bislang auch nicht, was vermutlich darin liegt, dass er in erster Linie Drehbuchautor ist und die meisten seiner früheren Bücher unter dem Pseudonym Gil Ribeiro veröffentlicht hat. Sie spielen alle an der Algarve. In diesem Krimi wird dagegen in Rostock ermittelt – und im titelgebenden Marnow, einem fiktiven Ort an der Mecklenburgischen Seenplatte.


Holger Karsten Schmidt holt in „Die Toten von Marnow“ zum Rundumschlag aus: Es geht um vertuschte Skandale in der deutsch-deutschen Geschichte, den Kampf gegen das vermeintlich Aussichtslose, Rache und Selbstjustiz. Im Zentrum stehen zwei Ermittler, die auf den ersten Blick kaum unterschiedlicher sein könnten: Der Rostocker Frank Elling, stolzer Familienvater, der seinen Lieben alle Wünsche erfüllen will und um 17 Uhr den Stift fallen lässt, um zu ebendiesen nach Hause zu eilen. Und Lona Mendt: Die westdeutsche Zugezogene, effizient, verschwiegen, wurzellos und in einem Wohnmobil lebend. Klingt nach einem Tatort-Duo? Dann wäre es eines, bei dem ich einschalten würde. Denn obwohl das Privatleben der Ermittler in diesem Thriller durchaus eine Rolle spielt, nimmt es nicht zu viel Raum ein, macht sie nur menschlich und ihre Handlungen nachvollziehbar. Schmidt gestaltet seine extrem unterschiedlichen Hauptfiguren gleichermaßen gelungen aus. Er beweist viel Talent bei der Darstellung von allem Menschlichen – das ihn nur bei Ellings Frau Susanne etwas im Stich gelassen hat, die erstaunlich eindimensional und klischeehaft daherkommt.

Aber nun zur eigentlichen Handlung, die im Jahr 2003 angesiedelt ist: Zunächst wird ein Arbeitsloser in seiner Wohnung ermordet. Dann ein alter, dementer Mann in einem luxuriösen Pflegeheim. Die beiden haben keine Verbindung zueinander, die Tat trägt allerdings die gleiche Handschrift. Und die Spuren weisen nach Marnow. Also beschließt Lona Mendt, ihr Wohnmobil auf dem dortigen Campingplatz aufzustellen. Doch dann kommt es zu einem ersten Showdown in Rostock – und es wird nicht der letzte bleiben …

In „Die Toten von Marnow“ überschlagen sich die Ereignisse immer wieder. Mehrmals dachte ich: „Ach, SO ein Krimi ist das“ – wenn wieder mal eine Actionszene kam oder ein anderes, nicht vorhersehbares Ereignis aus dem Nichts auftauchte und richtungsweisend wirkte. Allerdings war es das längst nicht immer, denn was in anderen Büchern eventuell noch sehr ausgewalzt worden wäre, wickelt Schmidt stets schnell und gekonnt wieder ab. Im Beschleunigen und Drosseln des Handlungstempos ist er ein wahrer Meister, nie gibt es Längen – dafür jedoch immer wieder Überraschungen. Vor Action schreckt der Autor bei keiner Gelegenheit zurück – wenn das Ganze ein Tatort wäre, dann vermutlich einer mit Till Schweiger. Wobei Schmidt durchaus auch mal leise Töne anschlägt und sich Zeit für langsame Entwicklungen nimmt. Und so steuert die Handlung in ganz verschiedene Richtungen, während die Spannung immer weiter steigt.

Einige der Protagonisten in „Die Toten von Marnow“ haben mehr Glück als Verstand. Gestört hat mich das allerdings kaum und ich habe diesen Krimi als sehr gelungen empfunden, weil er gleichzeitig komplex und spannend ist und darüber hinaus eine ungeheuerliche Geschichte erzählt. Der NDR verfilmt ihn als vierteilige Miniserie, die nächstes Jahr ausgestrahlt werden soll – ob die vielen Facetten und Untertöne dabei erhalten bleiben? Ich bin gespannt.

Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Seitenzahl: 480
Erscheinungsdatum: 16. Januar 2020
ISBN: 978-3462047943
Preis: 16,00 € (E-Book: 12,99 €)

Ich habe dieses Buch als Leseexemplar erhalten.

31. Januar 2020

Agatha Christie: Dreizehn bei Tisch

Whodunit vom Feinsten.

Es war mal wieder Zeit für einen Agatha Christie-Krimi. Von diesem hatte ich noch nie zuvor gehört, obwohl er Mitte der Achtziger sogar mit Sir Peter Ustinov und Faye Dunaway verfilmt wurde.


„Dreizehn bei Tisch“ ist passenderweise der dreizehnte Kriminalroman der Queen of Crime und 1933 erschienen; die deutsche Übersetzung wurde bereits 1934 veröffentlicht. Es ermittelt mal wieder Hercule Poirot, unterstützt (und bisweilen auch behindert) durch seine Freunde Captain Hastings und Chief Inspektor Japp.
Zusammen mit Hastings lernt Poirot zu Beginn des Romans eine Filmschauspielerin kennen, die ihn um Hilfe bittet, weil ihr getrennt von ihr lebender Ehemann, Lord Edgware, nicht in die Scheidung einwilligt. Paarberatung gehört eigentlich nicht zu Poirots Fachgebieten, aber bald darauf rückt der Lord dennoch in seinen Fokus: Er wird ermordet aufgefunden. Die Zahl der Verdächtigen scheint genauso groß wie jene der stichhaltigen Alibis. Doch Poirot lässt sich nicht in seinen Ermittlungen beirren – und auch der Mörder schlägt nicht nur das eine Mal zu …

Agatha Christie zeigt sich hier in Bestform: Ein rätselhafter Fall, interessante Charaktere, unvorhersehbare Entwicklungen und eine Auflösung, die jedes noch so kleine Detail berücksichtigt – und auf die ich mal wieder nie im Leben gekommen wäre. Wie immer irritiert leicht, dass Freunde und Angehörige der Opfer deren Ableben sehr gefasst aufnehmen – mit Schock oder Trauer hält sich Christie in keinem ihrer Werke länger auf. Ob die Beschreibung solcher Emotionen in der englischen Kriminalliteratur damals generell unüblich war oder ob Christie ihnen einfach keine Beachtung schenken wollte? Die Stimmigkeit ihrer Geschichten stört es auf jeden Fall nicht. „Dreizehn bei Tisch“ ist ein äußerst raffinierter Whodunit und steht den bekannteren Werken der Autorin in nichts nach.

Ich habe eine ältere Ausgabe von „Dreizehn bei Tisch“ gelesen; aktuell im Handel ist jedoch diese erhältlich:

Verlag: Atlantik
Seitenzahl: 288
Erscheinungsdatum: 15. Juli 2015; „Dreizehn bei Tisch“ erschien jedoch bereits 1934 erstmals auf Deutsch (und 1933 auf Englisch).
ISBN: 978-3455650297
Preis: 12,- € (E-Book: 8,99 €)