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11. September 2021

Paula Hawkins: Wer das Feuer entfacht

Raffinierter Pageturner.

„Girl on the train“ war ein internationaler Bestseller und hat mir sehr gefallen. Von Paula Hawkins folgendem Buch „Into the water“ war ich allerdings etwas enttäuscht. Nach dem Wasser kam nun das Feuer und dem wollte ich auch noch eine Chance geben. Und das hat sich mehr als gelohnt – der neueste Roman der britischen Autorin ist wirklich gelungen!


Roman, Krimi, Thriller – „Wer das Feuer entfacht“ ist ein bisschen von allem, wobei der Pageturner ganz klassisch mit einer Leiche beginnt: Daniel Sutherland, Anfang bis Mitte 20, wurde auf seinem schmuddeligen Hausboot brutal ermordet. Seine Nachbarin Miriam findet ihn, seine Tante Carla ist untröstlich und Laura, die er kurz vor seinem Tod noch abgeschleppt hatte, macht sich verdächtig. Die Polizei nimmt ihre Ermittlungen auf. Wer Daniel Sutherland auf dem Gewissen hat, blieb mir lange ein Rätsel, aber dieses Rätsel macht nicht den größten Reiz des Romans aus, sondern die Schicksale der anderen Charaktere. Miriam, Carla, Laura, aber auch weitere Nebenfiguren werden einfühlsam portraitiert. In dem Roman-Kosmos gibt es sehr unterschiedliche Menschen, die alle eint, dass sie auf irgendeine Weise beschädigt sind. Teils sieht man es ihnen an, teils können sie es kaschieren, doch alle haben ihr Päckchen zu tragen, bewältigen das jedoch nicht gleich gut.

Hawkins gelingt es durch häufige Perspektivwechsel, ihre Figuren nahbar werden zu lassen, ohne ihre Geheimnisse zu enthüllen. Gleichzeitig bleibt der Roman temporeich. Und dann schafft sie noch fast spielerisch, was für mich sowohl einen gelungenen Krimi als auch Thriller ausmacht: Viele kleine Details fügen sich unauffällig in den Lesefluss ein, haben am Ende aber eine ungeahnte Bedeutung für das Gesamtbild. Hinzu kommt ein überraschendes und dennoch stimmiges Finale, das den Roman raffiniert abrundet. Es ist schon ein paar Jahre her, dass ich „Girl on the train“ gelesen habe, aber ich würde behaupten, dass „Wer das Feuer entfacht“ bestens mit Hawkins Erfolgsroman mithalten kann.

Verlag: Blanvalet
Seitenzahl: 416
Erscheinungsdatum: 6. September 2021
ISBN: 978-3764507824
Preis: 20,00 € (E-Book: 9,99 €)

Ich habe dieses E-Book als Rezensionsexemplar erhalten.

31. Juli 2021

Agatha Christie: Fata Morgana

Ungewohntes Mittelmaß.

Es war mal wieder Zeit für Agatha Christie. In diesem Fall ermittelt Miss Marple, es ist das fünfte von insgesamt zwölf Cosy Crimes mit ihr und der 43. Krimi der Autorin. Leider hatte ich den Eindruck, dass ihr hier die Puste etwas ausgegangen ist; die meisten ihrer Bücher sind kurzweiliger und raffinierter.


In „Fata Morgana“ besucht Miss Marple ihre alte Schulfreundin Carrie Louise, die in dritter Ehe verheiratet ist und mit ihrem Mann eine Einrichtung unterhält, in der junge, männliche Straftäter auf den rechten Weg zurückgelotst werden sollen. Das Ehepaar ist voller Idealismus, den längst nicht alle Familienmitglieder teilen. Und Familienmitglieder gibt es reichlich in dieser Patchwork-Sippe: Eine bereits verwitwete Tochter, eine relativ frisch verheiratete Enkelin, zwei längst erwachsene Stiefsöhne und einen aus erster Ehe, der fast das gleiche Alter wie Carrie Louise hat. Was die Sippschaft eint, ist die Liebe zu Carrie Louise, die fast zu gut für diese Welt wirkt. Doch irgendwer scheint es auf sie abgesehen zu haben …

Normalerweise führt Agatha Christie ihre Leser sehr gekonnt aufs Glatteis, doch hier fallen kleine Ungereimtheiten relativ schnell ins Auge. Außerdem scheint der Krimi einem etwas eintönigem Schema zu folgen: Zunächst schütten fast alle wichtigen Figuren Miss Marple nacheinander ihr Herz aus, dann passiert etwas und darauf folgt eine äußerst ausführliche Polizeibefragung, bei der wiederum sämtliche Protagonisten zu Wort kommen. Andere Krimis der Autorin sind deutlich abwechslungsreicher geschrieben, in diesem gibt es nicht ganz so viel Handlung. Insgesamt wirkt er etwas uninspiriert; es fehlen der Pfiff und die gewohnte Raffinesse. „Fata Morgana“ ist nicht schlecht, aber im Vergleich zu Christies anderen Krimis nur Mittelmaß.

Ich habe eine ältere Ausgabe von „Fata Morgana“ gelesen; aktuell im Handel ist jedoch diese erhältlich:

Verlag: Atlantik
Seitenzahl: 208
Erscheinungsdatum: 4. September 2015; „Fata Morgana“ erschien jedoch bereits 1958 erstmals auf Deutsch (und 1952 auf Englisch).
ISBN: 978-3455650556
Preis: 12,- € (E-Book: 8,99 €)

25. Juli 2021

Michael Robotham: Die andere Frau

Der elfte Fall.

Mit dem elften Band einer Reihe anzufangen, ist nicht die beste aller Ideen. Beim Griff zu diesem Buch hatte ich allerdings übersehen, dass es Teil einer Reihe ist und rechne bei Psychothrillern zudem generell nicht mit einem Serienformat. Dies findet sich eher bei Krimis – zu denen ich „Die andere Frau“ allerdings auch zählen würde. Das Buch hat mich also in mehrfacher Hinsicht überrascht.


„Die andere Frau“ lernt der Psychologe Joe O’Loughlin kennen, weil sie am Krankenbett seines Vaters William auf der Intensivstation sitzt. William liegt im Koma und die Fremde behauptet, dessen Ehefrau zu sein – seine andere Ehefrau, neben O’Loughlins Mutter. Joe ist wie vor den Kopf gestoßen und lässt die Unbekannte zunächst rausschmeißen, muss jedoch bald feststellen, dass diese sich nicht so schnell abwimmeln lässt. Außerdem entdeckt er, dass sein strenger, distanzierter Vater ihm völlig unbekannte Seiten hat.

Michael Robotham hat verschiedene Unstimmigkeiten eingebaut, die eventuell Spannung erzeugen sollten, die Geschichte für mich aber eher unglaubwürdig machten. Das Verhalten mehrerer Figuren wird nicht aufgeklärt und die Begründungen hierfür empfand ich als etwas billig. So ist beispielsweise Joes Mutter so aufgebracht, dass sie Gespräche über ihre Ehe quasi verweigert, anstatt Licht ins Dunkel zu bringen. Vater William scheint komplett konträre Wesenszüge zu haben, die die Lesenden aber nicht in Aktion erleben, da er ja im Koma liegt. Joes Schwestern sind eigentlich überflüssiges Beiwerk und bleiben komplett blass – wenn ich sie aus den früheren Büchern gekannt hätte, hätte ich das aber vielleicht anders empfunden. Die Hauptfigur selbst ermittelt auf eigene Faust und vergisst dabei leider immer wieder, seine Erkenntnisse mit dem zuständigen Detective Inspector Stuart Macdermid zu teilen. Und wann immer Joe nicht weiterweiß, kreuzt praktischerweise eine neue Spur seinen Weg. Das alles fand ich vor allem irritierend; Spannung kam eher wenig auf.

Trotzdem ist es nicht so, dass mir „Die andere Frau“ gar nicht gefallen hätte. Joes tragische Familiengeschichte als verwitweter Vater zweier Töchter war besser geschrieben als der eigentliche Fall, aber auch der las sich flüssig. Dass sich viele Figuren immer wieder aufs Neue unlogisch verhielten, hat mich allerdings gestört. Und so werde ich auf die Lektüre der zehn Vorgängerbände wohl erst einmal verzichten.

Verlag: Goldmann
Seitenzahl: 480
Erscheinungsdatum: 27. Dezember 2018
ISBN:‎ 978-3442315048
Preis: 14,99 € (E-Book: 9,99 €)

31. Mai 2021

Agatha Christie: Mord im Spiegel

Pageturner mit kleinen Schwächen.

Agatha Christie führt mich meistens sehr erfolgreich hinters Licht. Hier hatte ich allerdings schon früh einen Verdacht, weil ich mir ein mögliches Tatmotiv vorstellen konnte, das sich am Ende des Whodunits dann tatsächlich bestätigte. „Mord im Spiegel“ hat mich aber dennoch bestens unterhalten.


Miss Marple ermittelt – allerdings die meiste Zeit aus ihrem eigenen Wohnzimmer heraus. Die alte Dame hat durch eine schwere Bronchitis einiges von ihrer Rüstigkeit eingebüßt. Ihr besorgter Neffe hat sogar eine Pflegekraft bei ihr einquartiert, die ihr mächtig auf die Nerven geht. Über die Geschehnisse in ihrem Wohnort St. Mary Mead ist sie aber nach wie vor gut informiert, denn unter anderem ihre Freundin Mrs. Bantry versorgt sie mit den neuesten Entwicklungen. Deren altes Haus, Gossington Hall (in dem viele Jahre zuvor „Die Tote in der Bibliothek“ ermordet vor dem Kamin lag, nachzulesen im gleichnamigen Krimi), wurde an eine berühmte amerikanische Filmschauspielerin namens Marina Gregg verkauft – ein Umstand, dem Mrs. Bantry die Einladung zur Einweihungsfeier verdankt. Die Party findet jedoch ein jähes Ende, als einer der Gäste stirbt. Das Opfer, Mrs. Badcock, hat einen vergifteten Cocktail getrunken. Doch wer könnte ein Interesse daran gehabt haben, die Sekretärin eines Wohltätigkeitsvereins zu ermorden – und das vor aller Augen?

„Mord im Spiegel“ ist der achte von insgesamt zwölf Miss-Marple-Krimis. Er wurde 1962 veröffentlicht, 32 Jahre, nachdem der erste Fall der Hobbydetektivin erschien – kein Wunder, dass sie inzwischen in die Jahre gekommen ist! Dass Mrs. Marple ihre Informationen nur aus zweiter Hand erhält, stört weniger, als ich zu Beginn befürchtete. Ihr Hadern mit Alter und Gebrechlichkeit ist nachvollziehbar geschildert und gibt der Geschichte noch eine neue Facette. Weniger gelungen fand ich, dass die Auflösung am Ende relativ rasch abgehandelt wurde und nicht alle offenen Fragen beantwortete – das ist normalerweise nicht Agatha Christies Stil. Die ein oder andere Verwicklung wäre vielleicht auch nicht nötig gewesen. Einige von Christies anderen Cosy Crimes sind noch raffinierter konzipiert, doch ich habe auch diesen Krimi fast in einem Rutsch verschlungen und gespannt mitgerätselt. Solide Unterhaltung von der Queen of Crime!

Ich habe eine ältere Ausgabe von „Mord im Spiegel“ gelesen; aktuell im Handel ist diese erhältlich:

Verlag: Atlantik
Seitenzahl: 256
Erscheinungsdatum: 4. September 2015; „Mord im Spiegel“ erschien jedoch bereits 1964 erstmals auf Deutsch (und 1962 auf Englisch).
ISBN: 978-3455650587
Preis: 12,- € (E-Book: 8,99 €)

11. April 2021

Agatha Christie: Kurz vor Mitternacht

Abgründiges Whodunit.

Mal wieder ein Agatha-Christie-Krimi ohne Miss Marple oder Hercule Poirot, wobei letzterer den hier ermittelnden Superintendenten Battle zumindest inspiriert. Das Buch erschien 1944 in Großbritannien und den USA, die deutsche Erstausgabe wurde zwei Jahre später veröffentlicht.


„Kurz vor Mitternacht“ beginnt mit einigen kurzen Kapiteln zu den einzelnen Hauptfiguren des Krimis, bevor diese auf dem malerisch an der Küste gelegenen Anwesen Gull’s Point zusammentreffen. Gastgeberin ist die schon einige Jahre verwitwete, bettlägerige Lady Tressilian, die von einer entfernten Verwandten namens Mary Aldin gepflegt wird. Besucht wird sie von Nevile Strange und seiner zweiten Ehefrau Kay. Der erfolgreiche Sportler Nevile ist so etwas wie der Ziehsohn von Lady Tressilian und sein Besuch wird einzig und allein davon getrübt, dass auch seine erste Ehefrau Audrey vor Ort ist. Ein Cousin von ihr verbringt die Sommertage ebenfalls auf Gull’s Point, während ein längst pensionierter Anwalt zwar im Hotel wohnt, aber freundschaftliche Beziehungen zur Hausherrin pflegt. Ein Jugendfreund von Kay komplettiert die Gesellschaft. Dass nicht alle Erwähnten diesen Spätsommer überleben, liegt auf der Hand.

Es erstaunt ebenfalls nicht, dass Agatha Christie es mal wieder schafft, ihre Leserinnen und Leser an der Nase herumzuführen. Einige mögliche Motive sind von Anfang an offensichtlich; kleine Randbemerkungen lassen erfahrene Krimi-Fans aufhorchen. Aber am Ende ist dann doch wieder alles anders – und trotzdem schlüssig. „Kurz vor Mitternacht“ ist ein sehr kurzweiliges Lesevergnügen. Nur auf die letzten zwei, drei Seiten hätte ich verzichten können, denn da soll es romantisch werden, was sich bei Agatha Christie immer ziemlich hölzern liest – hier merkt man am ehesten das Alter ihres Werks. Doch die Krimihandlung ist unverstaubt und dass dieser Fall vor fast 80 Jahren erdacht wurde, tut seiner Raffinesse keinen Abbruch.

Ich habe eine ältere Ausgabe von „Kurz vor Mitternacht“ gelesen; aktuell im Handel ist diese erhältlich:

Verlag: Atlantik
Seitenzahl: 256
Erscheinungsdatum: 14. März 2018; „Kurz vor Mitternacht“ erschien jedoch bereits 1946 erstmals auf Deutsch (und 1944 auf Englisch).
ISBN: 978-3455002263
Preis: 12,- € (E-Book: 8,99 €)

8. Februar 2021

Agatha Christie: Peril at End House

Raffiniert und perfide.

Agatha Christies zwölfter Kriminalroman erschien 1932 als der sechste, in dem sie ihren belgischen Meisterdetektiv Hercule Poirot ermitteln lässt. Wie so oft ist sein Freund Arthur Hastings an seiner Seite und auch Inspektor Japp tritt wieder in Erscheinung. Also ein Klassiker. Aber Agatha Christie wäre nicht die Queen of Crime, wenn sie nicht immer wieder überraschen würde. Und hier hat sie sich eine besonders perfide Geschichte einfallen lassen.


In „Peril at End House“ („Das Haus an der Düne“) wollen Poirot und Hastings eigentlich eine entspannte Urlaubswoche in Cornwall verbringen. Doch dann machen sie die Bekanntschaft einer jungen Frau namens Nick Buckley, die in den letzten Tagen gleich mehrere Beinahe-Unfälle gehabt hat. Sie tut das lachend ab, doch Poirot wird hellhörig und schließlich erhärtet ein Patronenfund seinen Verdacht, dass es jemand auf ihr Leben abgesehen hat. Poirot und Hastings statten Miss Buckley einen Besuch in End House bzw. dem „Haus an der Düne“ ab und treffen Vorkehrungen. Doch auch diese können ein Unglück nicht verhindern …

Was mir richtig gut gefallen hat: Poirot teilt seine Gedanken diesmal freigiebig mit Ich-Erzähler Hastings – und so auch den Lesenden. Er erstellt sogar Listen mit potentiellen Tätern und offenen Fragen. Ich bin natürlich trotzdem nicht auf die Auflösung gekommen. Wie eigentlich immer haben mich Poirots Ausführungen beim Showdown am Ende komplett verblüfft, obwohl sie durchaus schlüssig sind. An einigen Stellen wird sehr deutlich, dass der Krimi nicht nur vor ca. 90 Jahren spielt, sondern auch dann geschrieben wurde. In Sachen Raffinesse ist er aber keineswegs in die Jahre gekommen. Agatha Christie kann’s halt einfach.

Verlag: Harper Collins
Seitenzahl: 252
Erscheinungsdatum dieser Ausgabe: 24. September 2015 (Erstausgabe: 1932)
ISBN: 978-0008129521
Preis: 6,99 € (E-Book: 5,49 €)

26. Juli 2020

Agatha Christie: Ein gefährlicher Gegner

Die unbekannten Abenteurer.

Agatha Christie verbindet man in erster Linie mit Hercule Poirot und Miss Marple. Überdies hat sie auch noch Krimis geschrieben, die ohne einen bestimmten Ermittler auskommen. Dass die Autorin aber noch ein Duo erschaffen hat, dass immerhin in vier Büchern und mehreren Kurzgeschichten zum Einsatz kommt, war mir bislang unbekannt. Jetzt habe ich den ersten Band mit Tuppence Cowley und Tommy Beresford gelesen.


„Ein gefährlicher Gegner“ ist das zweite Buch, das Agatha Christie überhaupt geschrieben hat. Es wurde 1922 in Großbritannien und den USA veröffentlicht; 10 Jahre später dann auch in deutscher Übersetzung. Es erinnert vage an „Die großen Vier“, den Krimi der Queen of Crime, der mir bislang am wenigsten gefallen hat: Eine temporeiche Agentengeschichte statt eines klassischen „Whodunnit“ zum Miträtseln, viel Action auf Kosten von Logik. Dennoch hat mir „Ein gefährlicher Gegner“ weitaus besser gefallen, was sicher an den Hauptfiguren liegt: Tuppence und Tommy sind Anfang 20, arbeitslos, knapp bei Kasse und auf der Suche nach lukrativen Abenteuern. Sie beschließen, ihre Dienste als Privatermittler anzubieten und stechen ganz unverhofft in ein Wespennest. Es geht um verschwundene Papiere von höchster Wichtigkeit, eine verschollene Amerikanerin und eine Verschwörung globalen Ausmaßes. Das Ganze ist für Tuppence und Tommy mindestens drei Nummern zu groß, denn sie sind nicht nur unerschrocken und hochmotiviert, sondern auch naiv und redselig. Doch das hat immerhin einen gewissen Charme.

Wie die beiden ins Abenteuer hinein und irgendwann dann auch wieder hinaus stolpern, fand ich gelungen. Im Mittelteil wurde es mir allerdings etwas zu albern. Hier werden beide Hauptfiguren abwechselnd entführt und festgehalten, wobei sie natürlich ganz nebenbei wichtigste Informationen erhalten. Und so bekam ich mal wieder den Eindruck, dass Agatha Christie der Mikrokosmos eben doch mehr liegt als der Makrokosmos – die Geschehnisse in einem Haushalt bildet sie in der Regel raffinierter und glaubwürdiger ab, als die einer globalen Verschwörung. Wobei sich das 100 Jahre später natürlich auch sehr leicht sagen lässt – heute stellt man sich globale Verschwörungen einfach ganz anders vor. Spaß hat mir Tommys und Tuppence‘ erster Fall trotz allem gemacht.

Ich habe eine ältere Ausgabe von „Ein gefährlicher Gegner“ gelesen; aktuell im Handel ist jedoch diese erhältlich:

Verlag: Atlantik
Seitenzahl: 352
Erscheinungsdatum: 18. Juli 2017; „Ein gefährlicher Gegner“ erschien jedoch bereits 1932 erstmals auf Deutsch (und 1922 auf Englisch).
ISBN: 978-3455651355
Preis: 12,- € (E-Book: 8,99 €)

31. Mai 2020

Agatha Christie: Das Eulenhaus

Bewährt gut.

Laut dem Nachwort dieser Ausgabe hatte Agatha Christie das Gefühl, diesen Krimi „verpfuscht zu haben“ – und zwar ausgerechnet durch die Anwesenheit ihres Meisterdetektivs Hercule Poirot: „Ohne ihn, dachte ich, wäre das Buch besser geworden.“
Die Queen of Crime hat ja durchaus Bestseller geschrieben, die ohne Poirot oder auch Miss Marple auskommen – allen voran „Und dann gab‘s keines mehr“. Dass Poirot hier das Lesevergnügen schmälert, möchte ich aber nicht behaupten. Mir ist positiv aufgefallen, dass der Belgier untypisch zurückhaltend in Erscheinung tritt. Da sein Sidekick Hastings nicht mit von der Partie ist und auch sonst kein befreundeter Ermittler beteiligt, steht er weniger im Mittelpunkt als sonst, was ich als Abwechslung empfand – missen wollte ich Poirot aber nicht.


„Das Eulenhaus“ wurde 1946 veröffentlicht und war bereits der 37. Krimi von Agatha Christie sowie der 24. Fall, in dem sie Poirot ermitteln ließ. Er spielt auf einem englischen Landsitz, dessen Bewohner ein paar Familienmitglieder und Freunde zu einem entspannten Wochenende eingeladen haben. Doch nicht alle Beteiligten freuen sich gleichermaßen auf das Zusammentreffen und mit der Entspannung ist es spätestens vorbei, als einer der Gäste sterbend aufgefunden wird. Der Fall scheint auf den ersten Blick klar – aber wie so oft ist nicht alles so, wie es scheint …

Was mir besonders gut gefallen hat: Agatha Christie lässt hier einige sehr spezielle Charaktere aufeinandertreffen, in deren Seelenleben sie mehr Einblicke gewährt, als es sonst ihre Art ist. Das ist amüsant und macht den Krimi noch lebendiger. Die Auflösung hat kleine Schwächen, ist aber im Großen und Ganzen schlüssig erklärt, wobei ich natürlich ohne Poirot mal wieder nicht darauf gekommen wäre. Wie in den allermeisten Fällen bietet die Queen of Crime auch hier wieder verlässliches Lese- und Rätselvergnügen.

Ich habe eine ältere Ausgabe von „Das Eulenhaus“ gelesen; aktuell im Handel ist jedoch diese erhältlich:

Verlag: Atlantik
Seitenzahl: 288
Erscheinungsdatum: 15. April 2015; „Das Eulenhaus“ erschien jedoch bereits 1947 erstmals auf Deutsch (und 1946 auf Englisch).
ISBN: 978-3455650266
Preis: 12,- € (E-Book: 8,99 €)

11. April 2020

Deon Meyer: Beute

Zwei Krimis in einem – erst sperrig, dann spannend.

Dieses Buch ist bereits der siebte Krimi um den südafrikanischen Ermittler Bennie Griessel. Er gehört zu einer auf Gewaltverbrechen spezialisierten Einheit der Kapstädter Polizei und hat ein Privatleben, das auch gut zu einem Tatort-Kommissar passen würde: Der trockene Alkoholiker ist zweifacher Vater, geschieden und neu liiert, kämpft gegen seine Dämonen und für ein friedlicheres Südafrika. Wer die früheren Bände gelesen hat, kann Kaptein Griessels Charakter sicherlich noch besser einschätzen; ich kannte bisher allerdings nur den fünften Teil der Reihe, „Icarus“. Bei der Lektüre gestört hat das nicht.


In Griessels neuestem Fall „Beute“ hat Autor Deon Meyer zwei größtenteils unabhängig voneinander verlaufende Handlungsstränge geschaffen. Griessel und sein Partner Cupido untersuchen den Tod eines Mannes, der auf der Fahrt durch Südafrika aus einem Luxuszug gestürzt ist. 8.900 km nordwestlich davon gerät ein Landsmann von ihnen, der um keinen Preis auffallen möchte, in eine Schlägerei. Doch die ist nur der Auftakt zu ganz anderen Problemen, die der in Bordeaux lebende Daniel Darret im Laufe der Geschichte noch bekommen wird.

Anfangs springt Deon Meyer noch kapitelweise zwischen Griessel und Darret hin und her. Später widmen sich dann auch mal fast hundert Seiten den Geschehnissen in Bordeaux, was mich ziemlich irritierte, weil Ermittler Griessel so gar keine Rolle mehr spielte und mein Südafrika-Krimi plötzlich ausschließlich in Frankreich angesiedelt war. Mit Safari-Romantik ist bei Deon Meyer allerdings eh nicht zu rechnen und auch sonst kommt kein Fernweh auf: Der in der Nähe von Kapstadt lebende Autor geht mit seinem Heimatland hart ins Gericht; Misswirtschaft, Korruption und Ungleichheit sind Themen, die immer wieder angesprochen werden.

„Beute“ liest sich dennoch gut. Der Krimi kommt zwar eher langsam in die Gänge, fesselt aber trotzdem. Meyer seziert Probleme, bis es weh tut. Mit den Ermittlern, denen ein Stein nach dem anderen in den Weg gelegt wird, habe ich irgendwann richtiggehend mitgelitten – wie auch mit Daniel Darret. Vor dem Finale habe ich mich fast gefürchtet, doch dann kam alles anders – und die Weichen für Band acht sind bereits gestellt.
Frohe Ostern!

Verlag: Rütten & Loening
Seitenzahl: 444
Erscheinungsdatum: 10. März 2020
ISBN: 978-3352009419
Preis: 20,00 € (E-Book: 14,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

5. April 2020

Agatha Christie: Murder in Mesopotamia

Unterhaltsam und solide – nur die Auflösung überzeugt nicht ganz.

Agatha Christie schrieb im Laufe ihres 86-jährigen Lebens 66 Romane. Es ist also kein Wunder, wenn einem einige ihrer Titel gänzlich unbekannt erscheinen. Bei manchen, wie z.B. „Die großen Vier“, wird bei der Lektüre schnell klar, warum sie in der Versenkung verschwunden sind. Andere reichen vielleicht nicht an „Und dann gab’s keines mehr“, „Mord im Orientexpress“ oder „16 Uhr 50 ab Paddington“ heran, sind aber trotzdem geschickt und klug entwickelte Pageturner. Zu ihnen gehört der Krimi, den ich zuletzt gelesen habe.


Agatha Christies „Murder in Mesopotamia“ spielt im Irak. Die Schriftstellerin entwickelte ab Ende der 1920er Jahre ein Faible für den Nahen Osten. 1928 reiste sie mit dem Orientexpress nach Bagdad und lernte im Irak ein britisches Archäologenpaar kennen, das sie zwei Jahre später erneut an einer Ausgrabungsstätte besuchte. Bei dieser zweiten Reise traf sie auch ihren zweiten Ehemann, den an den Ausgrabungen beteiligten Max Mallowan.

Im 1936 auf Englisch und 1939 auf Deutsch veröffentlichten „Murder in Mesopotamia“ ermittelt Hercule Poirot, allerdings ohne seinen treuen Freund Hastings. Es dauert, bis der Detektiv am Tatort ankommt, einem abgelegenen Anwesen, in dem die an einer Ausgrabungsexpedition beteiligten Forscher mit ihren Ehefrauen untergebracht sind. Erzählerin der Geschehnisse ist Amy Leatheran, eine Krankenschwester, deren Namen ich mir während der gesamten Lektüre nicht merken konnte, da sie im englischen Original von allen nur als „Nurse“ angeredet wird. Leatheran hat eine Patientin von England in den Irak begleitet und soll nun die Frau des Ausgrabungsleiters Dr. Eric Leidner unterstützen, bevor sie wieder zurückreist. Mrs. Leidner hat kein körperliches Leiden, fühlt sich jedoch bedroht, und ihr Ehemann hofft auf den beruhigenden Einfluss der Krankenschwester, die vor allem als Gesellschaftsdame fungieren soll.

Vielleicht wollte Agatha Christie zur Abwechslung mal einen anderen Stil ausprobieren, denn dadurch, dass sie diesen Krimi aus Sicht von Nurse Leatheran erzählt, bekommt er einen ganz ungewohnten Ton. Die Krankenschwester nimmt kein Blatt vor den Mund, verleiht ihren Antipathien und Vorurteilen deutlich Ausdruck und verfügt ganz und gar nicht über das, was man heute als interkulturelle Kompetenz bezeichnet. Das Maß aller Dinge ist für sie selbstverständlich auch in der Ferne ihre Heimat Großbritannien, schon Poirot als Belgier ist ihr suspekt. Eine große Sympathieträgerin ist die Britin nicht unbedingt, aber sie bringt mal eine andere Farbe in Christies Werk und man kann sich durchaus vorstellen, dass die Queen of Crime Spaß daran hatte, eine gänzlich ungewohnte Perspektive auszuprobieren.

Zum Kriminalfall will ich keine weiteren Details verraten. Aufgrund des ungewöhnlichen Settings, des noch überschaubaren Personenkreises, der neuen Erzählerin und dem wie immer brillanten Poirot hat er mir gut gefallen. Auf die Auflösung wäre ich mal wieder nicht gekommen – allerdings ist sie doch etwas mehr an den Haaren herbeigezogen, als es sonst bei Agatha Christie der Fall ist. Dennoch hat mich „Murder in Mesopotamia“ gut unterhalten und muss sich in Christies Gesamtwerk keinesfalls verstecken.

Ich habe eine ältere Ausgabe von „Murder in Mesopotamia“ gelesen; aktuell im Handel ist jedoch diese erhältlich:

Verlag: Harper Collins
Seitenzahl: 288
Erscheinungsdatum: 24. März 2016; „Murder in Mesopotamia“ erschien jedoch bereits 1936 auf Englisch (und 1939 auf Deutsch).
ISBN: 978-0008164874
Preis: 6,69 € (E-Book: 6,99 €)

11. März 2020

Carsten Sebastian Henn: Der Gin des Lebens

Faszinierender Gin, schwacher Krimi.

Zuletzt habe ich einen kulinarischen Krimi gelesen – ein beliebtes Genre, das ich bislang eher links liegen gelassen habe. Der Autor ist laut Klappentext „Kulinariker durch und durch“ und hat sich hier dem Gin verschrieben. Über diese Spirituose habe ich dann auch viel Faszinierendes erfahren. Der Krimi-Anteil dagegen – na ja. Ich bin ja durchaus ein Fan von Cosy Crimes und das hier sollte vermutlich eins sein – ist aber eher ein unfreiwilliges „absurd crime“ geworden.


Dass „Der Gin des Lebens“ ein Buch für Gin-Liebhaber ist, sieht man auf den ersten Blick: Am Cover, am Titel, an den Exkursen zum Thema Gin, die extra auf grauen Seiten gedruckt sind und dadurch sofort erblättert werden können. Ich mag Gin, hatte mir aber noch nie über seine Aromen Gedanken gemacht (und keine Ahnung, dass diese „Botanicals“ heißen). Was für eine Kunst Gin-Herstellung sein kann, war mir völlig neu. Alles rund ums Thema fand ich super erklärt und spannend zu lesen. Dieses Buch feiert den Gin: Jedem Kapitel sind ein Zitat zum Thema Alkohol und die Illustration eines „Botanicals“ vorangestellt, hinten finden sich neben einem Glossar auch noch Gin-Rezepte.
Außerdem ist „Der Gin des Lebens“ mit viel Herz für den Handlungsort Plymouth geschrieben, der sehr pittoresk geschildert wird. Die Schauplätze sind in eine Karte eingetragen, die sich sowohl in der vorderen als auch in der hinteren Coverklappe verbirgt. Für die liebevolle Gestaltung würde ich diesem Buch fünf von fünf Punkten geben.

Für die Geschichte allerdings nicht. Ich hatte die Leseprobe gelesen und war auf einen Krimi gefasst, in dem mehr gemenschelt als ermittelt wird. Und es menschelte dann auch sehr: Da hätten wir Cathy, die in Plymouth ein gemütliches Bed & Breakfast betreibt, mit viel Herz, schrulligen, aber liebenswertesten Stammgästen und einem verwunschenen Garten. Und sie ist Single – wie Bene, ein Deutscher, der auf den Spuren seines verstorbenen Vaters nach Plymouth reist. Klingt fast ein bisschen nach Rosamunde Pilcher, trotz des erstochenen Obdachlosen in Cathys Garten. Die Rollen sind außerdem klar verteilt: Es gibt die Guten und die Bösen, mehrdimensional sind nur wenige Charaktere.
Die Handlung entwickelt sich dann komplett hanebüchen. Mir erschienen viele Stränge nicht ansatzweise zu Ende gedacht, die Figuren reagierten oft sehr unlogisch auf Ereignisse und das hat mir das Buch doch ziemlich verdorben. Zum Thema Gin war also alles super, der Krimi an sich jedoch sehr enttäuschend. Aber vielleicht war es auch mein Fehler, vielleicht hätte ich mir zur Lektüre einfach einen Dry Martini mixen sollen und dann alles gnädiger beurteilt?

Verlag: DuMont Buchverlag
Seitenzahl: 336
Erscheinungsdatum: 10. März 2020
ISBN: 978-3832183974
Preis: 16,00 € (E-Book: 11,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

13. Februar 2020

Holger Karsten Schmidt: Die Toten von Marnow

Temporeich und komplex.

Hätte ich an einem Büchertisch nach diesem Krimi gegriffen? Vermutlich nicht – das Cover empfinde ich als eher blass und nichtssagend und den Verfasser kannte ich bislang auch nicht, was vermutlich darin liegt, dass er in erster Linie Drehbuchautor ist und die meisten seiner früheren Bücher unter dem Pseudonym Gil Ribeiro veröffentlicht hat. Sie spielen alle an der Algarve. In diesem Krimi wird dagegen in Rostock ermittelt – und im titelgebenden Marnow, einem fiktiven Ort an der Mecklenburgischen Seenplatte.


Holger Karsten Schmidt holt in „Die Toten von Marnow“ zum Rundumschlag aus: Es geht um vertuschte Skandale in der deutsch-deutschen Geschichte, den Kampf gegen das vermeintlich Aussichtslose, Rache und Selbstjustiz. Im Zentrum stehen zwei Ermittler, die auf den ersten Blick kaum unterschiedlicher sein könnten: Der Rostocker Frank Elling, stolzer Familienvater, der seinen Lieben alle Wünsche erfüllen will und um 17 Uhr den Stift fallen lässt, um zu ebendiesen nach Hause zu eilen. Und Lona Mendt: Die westdeutsche Zugezogene, effizient, verschwiegen, wurzellos und in einem Wohnmobil lebend. Klingt nach einem Tatort-Duo? Dann wäre es eines, bei dem ich einschalten würde. Denn obwohl das Privatleben der Ermittler in diesem Thriller durchaus eine Rolle spielt, nimmt es nicht zu viel Raum ein, macht sie nur menschlich und ihre Handlungen nachvollziehbar. Schmidt gestaltet seine extrem unterschiedlichen Hauptfiguren gleichermaßen gelungen aus. Er beweist viel Talent bei der Darstellung von allem Menschlichen – das ihn nur bei Ellings Frau Susanne etwas im Stich gelassen hat, die erstaunlich eindimensional und klischeehaft daherkommt.

Aber nun zur eigentlichen Handlung, die im Jahr 2003 angesiedelt ist: Zunächst wird ein Arbeitsloser in seiner Wohnung ermordet. Dann ein alter, dementer Mann in einem luxuriösen Pflegeheim. Die beiden haben keine Verbindung zueinander, die Tat trägt allerdings die gleiche Handschrift. Und die Spuren weisen nach Marnow. Also beschließt Lona Mendt, ihr Wohnmobil auf dem dortigen Campingplatz aufzustellen. Doch dann kommt es zu einem ersten Showdown in Rostock – und es wird nicht der letzte bleiben …

In „Die Toten von Marnow“ überschlagen sich die Ereignisse immer wieder. Mehrmals dachte ich: „Ach, SO ein Krimi ist das“ – wenn wieder mal eine Actionszene kam oder ein anderes, nicht vorhersehbares Ereignis aus dem Nichts auftauchte und richtungsweisend wirkte. Allerdings war es das längst nicht immer, denn was in anderen Büchern eventuell noch sehr ausgewalzt worden wäre, wickelt Schmidt stets schnell und gekonnt wieder ab. Im Beschleunigen und Drosseln des Handlungstempos ist er ein wahrer Meister, nie gibt es Längen – dafür jedoch immer wieder Überraschungen. Vor Action schreckt der Autor bei keiner Gelegenheit zurück – wenn das Ganze ein Tatort wäre, dann vermutlich einer mit Till Schweiger. Wobei Schmidt durchaus auch mal leise Töne anschlägt und sich Zeit für langsame Entwicklungen nimmt. Und so steuert die Handlung in ganz verschiedene Richtungen, während die Spannung immer weiter steigt.

Einige der Protagonisten in „Die Toten von Marnow“ haben mehr Glück als Verstand. Gestört hat mich das allerdings kaum und ich habe diesen Krimi als sehr gelungen empfunden, weil er gleichzeitig komplex und spannend ist und darüber hinaus eine ungeheuerliche Geschichte erzählt. Der NDR verfilmt ihn als vierteilige Miniserie, die nächstes Jahr ausgestrahlt werden soll – ob die vielen Facetten und Untertöne dabei erhalten bleiben? Ich bin gespannt.

Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Seitenzahl: 480
Erscheinungsdatum: 16. Januar 2020
ISBN: 978-3462047943
Preis: 16,00 € (E-Book: 12,99 €)

Ich habe dieses Buch als Leseexemplar erhalten.

31. Januar 2020

Agatha Christie: Dreizehn bei Tisch

Whodunit vom Feinsten.

Es war mal wieder Zeit für einen Agatha Christie-Krimi. Von diesem hatte ich noch nie zuvor gehört, obwohl er Mitte der Achtziger sogar mit Sir Peter Ustinov und Faye Dunaway verfilmt wurde.


„Dreizehn bei Tisch“ ist passenderweise der dreizehnte Kriminalroman der Queen of Crime und 1933 erschienen; die deutsche Übersetzung wurde bereits 1934 veröffentlicht. Es ermittelt mal wieder Hercule Poirot, unterstützt (und bisweilen auch behindert) durch seine Freunde Captain Hastings und Chief Inspektor Japp.
Zusammen mit Hastings lernt Poirot zu Beginn des Romans eine Filmschauspielerin kennen, die ihn um Hilfe bittet, weil ihr getrennt von ihr lebender Ehemann, Lord Edgware, nicht in die Scheidung einwilligt. Paarberatung gehört eigentlich nicht zu Poirots Fachgebieten, aber bald darauf rückt der Lord dennoch in seinen Fokus: Er wird ermordet aufgefunden. Die Zahl der Verdächtigen scheint genauso groß wie jene der stichhaltigen Alibis. Doch Poirot lässt sich nicht in seinen Ermittlungen beirren – und auch der Mörder schlägt nicht nur das eine Mal zu …

Agatha Christie zeigt sich hier in Bestform: Ein rätselhafter Fall, interessante Charaktere, unvorhersehbare Entwicklungen und eine Auflösung, die jedes noch so kleine Detail berücksichtigt – und auf die ich mal wieder nie im Leben gekommen wäre. Wie immer irritiert leicht, dass Freunde und Angehörige der Opfer deren Ableben sehr gefasst aufnehmen – mit Schock oder Trauer hält sich Christie in keinem ihrer Werke länger auf. Ob die Beschreibung solcher Emotionen in der englischen Kriminalliteratur damals generell unüblich war oder ob Christie ihnen einfach keine Beachtung schenken wollte? Die Stimmigkeit ihrer Geschichten stört es auf jeden Fall nicht. „Dreizehn bei Tisch“ ist ein äußerst raffinierter Whodunit und steht den bekannteren Werken der Autorin in nichts nach.

Ich habe eine ältere Ausgabe von „Dreizehn bei Tisch“ gelesen; aktuell im Handel ist jedoch diese erhältlich:

Verlag: Atlantik
Seitenzahl: 288
Erscheinungsdatum: 15. Juli 2015; „Dreizehn bei Tisch“ erschien jedoch bereits 1934 erstmals auf Deutsch (und 1933 auf Englisch).
ISBN: 978-3455650297
Preis: 12,- € (E-Book: 8,99 €)

19. Januar 2020

Karsten Dusse: Achtsam morden

Originelle Idee, genial ausgeführt.

Zu diesem Buch hätte ich schon aus einem einzigen Grund nie von allein gegriffen: Auf dem Cover ist Blut abgebildet, und ich mag weder Splatter-Krimis noch -Thriller. Zum Glück habe ich diesem „entschleunigten Kriminalroman“ aufgrund einer persönlichen Empfehlung doch eine Chance gegeben und schon die Rückseite machte mich neugierig: Man hält nicht alle Tage ein Buch in den Händen, das von Jan Böhmermann und Martina Hill empfohlen wird.


Karsten Dusses Debüt „Achtsam Morden“ bringt Achtsamkeitstraining mit Auftragsmord zwischen zwei Buchdeckel, was nicht nur gut funktioniert, sondern genial. Wobei der Autor, der außerdem Anwalt ist und für verschiedene Fernsehformate schreibt, seine Leser nicht zu mehr Achtsamkeit erziehen will – glaube ich zumindest. Seiner durch und durch gestressten Hauptfigur Björn Diemel verhilft die Achtsamkeit allerdings zu völlig neuer Lebensqualität. Der Enddreißiger steht vor den Scherben seines Lebens: Seine Ehe geht den Bach runter, seine zweijährige Tochter sieht er vor lauter Arbeit kaum, sein Beruf als Strafanwalt einer großen Kanzlei stresst ihn – was nicht zuletzt daran liegt, dass sein einziger Klient ein launischer Mafioso ist – und auf einen beruflichen Aufstieg zum Partner kann er auch nicht mehr hoffen, da er durch die Arbeit für ebendiesen Klienten zu einem „Bäh-Anwalt“ geworden ist. Kurz: Diemel sieht keine Möglichkeit, das Tempo seines selbstgezimmerten Hamsterrads auch nur zu verlangsamen – geschweige denn, auszusteigen. Auf der Suche nach Hilfe klingelt er bei Achtsamkeitscoach Joscha Breitner. Und der sensibilisiert Diemel fortan für die eigenen Grundbedürfnisse und zeigt ihm Möglichkeiten, achtsamer mit sich und seinen Mitmenschen umzugehen. Das klappt zunächst auch, allerdings stellt sich bald heraus, dass Diemels Umfeld von Leuten wimmelt, die weder sein digitales Fasten gutheißen noch ihn auf seiner Zeitinsel in Ruhe lassen wollen. Und wenn man sich dann auch noch den Namen von Diemels Tochter Emily partout nicht merken kann, kann dessen um neue Gelassenheit bemühter Geduldsfaden schon einmal reißen. Womit wir wieder beim Buchtitel wären …

„Achtsam morden“ ist auf eine extrem gute Weise skurril, originell und überraschend. Und zugegebenermaßen auch etwas blutig, was mich in dem Kontext aber kein bisschen gestört hat (sagen wir so: Bei der Verfilmung würde ich sicher nicht unbedingt die komplette Zeit hinsehen, aber lesend ging’s). Die ungewöhnliche Handlung ergibt sich komplett logisch, Björn Diemels Seelenleben wie auch das der anderen Figuren wirkt durchaus nachvollziehbar und dann hat das Ganze auch noch einen ganz eigenen, hintergründigen Humor. Jedem Kapitel ist eine Achtsamkeitslehre vorangestellt, auf die sich Diemel im jeweiligen Abschnitt besinnt. Und obwohl man annehmen könnte, dass sich Achtsamkeit und Kriminalroman nur mit der Brechstange zusammenbringen lassen, schafft Dusse das derart spielend und organisch, dass man sofort süchtig nach diesem neuen Genre wird. Im Mai 2020 erscheint die Fortsetzung „Das Kind in mir will achtsam morden“ – den Ratgeber, der hier beim Titel Pate gestanden hat, kennt man von den Bestsellerlisten. Und ich kann die Veröffentlichung kaum erwarten. Das Kind in mir will weiterlesen!

Verlag: Heyne
Seitenzahl: 416
Erscheinungsdatum: 10. Juni 2019
ISBN: 978-3453439689
Preis: 9,99 € (E-Book: 9,99 €)

20. November 2019

Håkan Nesser: Der Verein der Linkshänder

Leider überladen

Vor ein paar Jahren habe ich fast alle Krimis verschlungen, in denen Håkan Nesser seinen Inspektor Barbarotti ermitteln ließ. Dass ich 2011 „Die Einsamen“ las, war eher Zufall, aber danach war es um mich geschehen und ich besorgte mir ein Buch nach dem anderen. Später verlor ich den Autor aus den Augen und freute mich vor ein paar Wochen um so mehr, als ich die Möglichkeit bekam, sein neuestes Buch „Der Verein der Linkshänder“ zu rezensieren, in dem Inspektor Barbarotti sogar in Erscheinung tritt – neben Van Veteeren, Hauptkommissar im Ruhestand, um den Håkan Nesser seine erste, zehn- (jetzt elf-)bändige Krimireihe geschrieben hat.
Ich hatte also hohe Erwartungen, als ich mit „Der Verein der Linkshänder“ loslegte. Doch zunächst fesselte mich der Krimi kaum.


Die Romangegenwart beginnt im Oktober 2012, nicht lange vor dem 75. Geburtstag des ehemaligen Hauptkommissars Van Veteeren, dem dieser ziemlich unbegeistert entgegensieht. Davon lenkt ihn jedoch bald die ihn noch weniger begeisternde Erkenntnis ab, dass ein Vierfach-Mord, den er 1991 aufgeklärt hat, gar nicht aufgeklärt ist. Die Leiche des mutmaßlichen Täters wird gefunden und er scheint am gleichen Tag ermordet worden zu sein wie die, die man für seine Opfer hielt. Plötzlich gibt es also einen 21 Jahre zurückliegenden, unaufgeklärten Fünffach-Mord. Die Opfer gehörten als Kinder und Teenager dem selbstgegründeten „Verein der Linkshänder“ an, hatten sich aber gute zwei Jahrzehnte lang nicht gesehen, bevor sie sich 1991 wiedertrafen – und wenige Stunden später gemeinsam ums Leben kamen.

Dass diese nun ans Licht kommende Verfehlung an Van Veteerens Ehre kratzte, konnte ich verstehen. Dass ein Dreivierteljahrhundert ein Geburtstag ist, den man nicht so einfach wegsteckt, auch. Dennoch ging mir beides bald auf die Nerven, denn Van Veteerens Befindlichkeiten wurden für meinen Geschmack deutlich zu viele Seiten eingeräumt. Aufgelockert werden diese Kapitel durch andere, die 1991 spielen und nach und nach das Wiedersehen der Linkshänder beschreiben. Und schließlich taucht auch noch Inspektor Barbarotti auf – wegen eines anderen Falls und schließlich dem Verdacht, dass alles miteinander zusammenhängen könnte.

Klingt kompliziert? Ist es auch. Und liest sich – nachdem Van Veteerens Geburtstag dann irgendwann vorbei ist und der Krimi doch langsam Fahrt aufnimmt – trotzdem recht gut, denn Håkan Nesser kann prima schreiben, Persönlichkeitsentwicklungen glaubhaft darstellen und spannende Geschichten entwerfen. Diese hier hat mal locker drei ausufernde Nebenhandlungen, die an und für sich alle interessant sind. Dennoch: Für meinen Geschmack will der Autor hier zu viel. Ein neuer Fall, ein alter Fall, ein noch älterer Fall, aktive Polizisten, Polizisten im Ruhestand, die Ehefrau eines Polizisten im Ruhestand, Trauer, Angst, Rache, Schuld … und trotzdem hatte ich noch vor Seite 200 eine Ahnung, wer der wahre Mörder sein könnte. Diese bestätigte sich dann auch gute 400 Seiten später.

Und dann war der Fall zwar aufgeklärt, ließ mich aber mit einigen großen Fragezeichen zurück, weil manche Geschehnisse einfach nicht logisch sind. Ich kann hier kaum Beispiele nennen, ohne zu spoilern, aber ich hatte den Eindruck, dass Handlungsstränge einfach abbrachen, sobald der Erklärungsbedarf zu offensichtlich wurde. Weniger wäre hier wohl mehr gewesen – weniger Schauplätze, Ermittler, Geburtstagsblues und nicht so viele Seiten. Ich denke, das hätte der Geschichte gutgetan.

Verlag: btb
Seitenzahl: 608
Erscheinungsdatum: 23. September 2019
ISBN: 978-3442758159
Preis: 24,00 € (E-Book: 16,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

6. November 2019

Shari Lapena: Der zehnte Gast

Kurzweiliger Krimi im Christie-Stil

Das war bereits mein zweiter Thriller (bzw. eher Krimi) von Shari Lapena. „The couple next door“ hatte ich in gemischter Erinnerung: Durchaus spannend, aber mit Längen und auch Schwächen, vor allem in der Auflösung. Etwas vorsichtig ging ich daher an das neueste Buch der Autorin heran und war gespannt, ob mich das Ende dieses Mal nicht nur verblüffen, sondern auch überzeugen könnte. Umgehauen hat es mich nicht, war aber solide.


Shari Lapenas Setting in „Der zehnte Gast“ erinnert an ein Cosy Crime von Agatha Christie: Ein eingeschneites Luxushotel in der kanadischen Einöde, weder alle erwarteten Gäste noch das komplette Personal haben es rechtzeitig vor dem Eissturm ins Mitchell’s Inn geschafft. So sind nur sechs Zimmer belegt: Zwei junge Paare, ein älteres, eine Autorin und ein Staatsanwalt freuen sich mehr oder weniger auf ein weißes Wochenende. Der Inhaber und sein Sohn sind zuversichtlich, ihren Gästen auch unterbesetzt einen wunderschönen Aufenthalt bieten zu können. Doch bereits in der ersten Nacht fällt eissturmbedingt der Strom aus – und morgens wird eine Leiche gefunden …

„Der zehnte Gast“ enthält vieles, was einen guten Krimi ausmacht. Die überschaubare Anzahl an sehr unterschiedlichen Figuren hat mir gefallen, teilweise hätte ich mir die Charaktere allerdings etwas mehrdimensionaler gewünscht. Der ein oder andere Protagonist war mir zu schwarzweiß gezeichnet und so richtig sympathisch wird eigentlich auch keine der Figuren. Ordentlich Spannung kommt aber trotzdem auf, vor allem, da Lapena ihre Leser immer wieder in verschiedene Perspektiven schlüpfen lässt. Dadurch wird schnell klar: Mehr als einer der Anwesenden hat etwas zu verbergen. Aber macht das auch einen von ihnen zum Mörder?

Das Miträtseln hat mir Spaß gemacht und ich tappte lange – sehr lange – im Dunkeln und habe die Auflösung nicht kommen sehen. Das vielleicht etwas viel Zufall im Spiel war – geschenkt. Insgesamt ist „Der zehnte Gast“ solide Krimiunterhaltung an einem kalten Winterabend und lässt einen kaum mehr los, wenn man sich erstmal eingelesen hat. Mit Agatha Christie kann Lapena vom Raffinessegrad her nicht mithalten, aber es kann eben auch nur eine Queen of Crime geben (und, wie schon mal festgestellt: Auch die war nicht unfehlbar).

Verlag: Bastei Lübbe
Seitenzahl: 320
Erscheinungsdatum: 31. Oktober 2019
ISBN: 978-3431041279
Preis: 12,90 € (E-Book: 4,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar gelesen.

3. Oktober 2019

Agatha Christie: The Murder on the Links

Solider Fall mit irritierender Nebenhandlung

Hätte Agatha Christie Liebesromane geschrieben, würde sich heute kein Mensch mehr an ihr Werk erinnern – spätestens nach der Lektüre dieses Krimis bin ich davon überzeugt. Sicher hat man 1923, als dieses Buch auf Englisch erschien, anders über Zwischenmenschliches berichtet als heute. Dennoch: Die von Christie geschilderten Verbrechen scheinen fast zeitlos, wirken auch heute weder durchschaubar noch antiquiert. Beschreibt die Autorin dagegen Flirts und Liebesschwüre, wird zumindest mir ganz anders vor lauter Fremdscham.


Agatha Christies „The Murder on the Links“ ist eigentlich ein vielversprechender Fall: Poirot und seinen getreuen Gefährten Hastings ereilt der schriftliche Hilferuf eines in Frankreich lebenden Millionärs, der um sein Leben zu bangen scheint, jedoch in seinem Brief nicht ins Detail geht. Und obwohl sich der belgische Detektiv und sein Kompagnon direkt auf den Weg machen, treffen sie Herrn Renauld nicht mehr lebend an. Er wurde nachts auf dem Golfplatz erstochen. Seine Frau ist am Ende, sein Sohn verschweigt etwas, ein französischer Detektiv versucht, Poirot die Schau zu stehlen. Außerdem mischen gleich mehrere junge Frauen mit. Und so ist in „The Murder on the Links“ ganz schön was los. Der Fall ist ziemlich verzwickt, und zugegebenermaßen auch etwas überkonstruiert. Aber das hat mich kaum gestört. Und richtig gut gefallen hat mir, dass Poirot, anders als in Christies späteren Werken, nicht nur kryptische Andeutungen zu seinen Ermittlungen von sich gibt, sondern seine Gedanken mehrmals zumindest in Ansätzen teilt. Als ich dann nach 60% des E-Books einen plausiblen Verdacht hatte, was geschehen sein könnte, war ich fast stolz – das passiert mir bei Christie-Krimis eher selten.
Als nach 69% des Buches allerdings Poirot-Freund Hastings eine ähnliche Idee kam, desillusionierte mich das ziemlich. Denn wenn selbst er etwas merkt, muss die Sache einen Haken haben. Im Wikipedia-Eintrag zu „Mord auf dem Golfplatz“ steht, dass Christie selbst zugegeben hat, diese von ihr geschaffene Figur nicht zu mögen – kein Wunder. Es ist in der Kriminalliteratur kein Einzelfall, dass ein ermittelndes Genie einen loyalen Freund hat, neben dem es umso mehr glänzt, ohne die Bodenhaftung ganz zu verlieren. Aber Arthur Hastings stellt sich in „The Murder on the Links“ stellenweise so treudoof-dumm an, dass die Lektüre schon fast wehtut.
Apropos Wehtun: Und dann gibt es hier auch noch eine Liebesgeschichte, die zumindest aus heutiger Sicht so gar nicht überzeugt. Die „Queen of Crime“ wäre sicher niemals eine „Queen of Love“ geworden. „The Murder on the Links“ war allerdings auch erst ihr dritter Krimi, sie stand noch am Beginn ihrer Karriere. Es war übrigens auch ihr erstes auf Deutsch erscheinendes Buch (1927). Vielleicht muss man es als Frühwerk betrachten.
Habe ich „The Murder on the Links“ nun gerne gelesen? Trotz allem ja. Würde ich das Buch empfehlen? Wohl nur Christie-Fans.

Verlag: Harper Collins
Seitenzahl: 319
Erscheinungsdatum dieser Ausgabe: 21. Mai 2015 (Erstausgabe: 1923)
ISBN: 978-0008129460
Preis: 7,99 € (E-Book: 1,07 €)

6. August 2019

Agatha Christie: Das Böse unter der Sonne

Greife ich zu einem Krimi von Agatha Christie, weiß ich in der Regel, was mich erwartet, obwohl der Ausgang des jeweiligen Falls für mich stets unvorhersehbar ist. Neulich hatte ich allerdings einmal einen komplett untypischen Poirot erwischt, der mir nicht besonders gefallen hatte. Und so war ich bei der Lektüre des 22. Falls, den Christie um ihren belgischen Meisterdetektiv geschrieben hat (und ihres 29. Kriminalromans überhaupt) dann sehr beruhigt, dass alles wieder in gewohnter Manier zuging.


„Das Böse unter Sonne“ spielt in einem exklusiven Hotel auf einer kleinen britischen Insel, die über einen während der Flut stets überschwemmten Damm mit dem Festland verbunden ist. Hercule Poirot verbringt hier seinen Urlaub, wie noch einige andere: Paare, Familien, Alleinreisende. Die Idylle zerbricht, als ein weiblicher Gast ermordet in einer Badebucht aufgefunden wird. Die frühere Schauspielerin Arlena Stuart Marshall, die mit Ehemann und Stieftochter angereist war, wurde erwürgt. Wie immer dauert es nur ein paar Seiten, bis Poirot die örtliche Polizei, bei der er zufällig jemanden kennt, bei ihren Ermittlungen unterstützt. Wie immer stellt er unorthodoxe Fragen und wird vom ein oder anderen dafür belächelt. Wie immer lässt er niemanden an seinen Gedankengängen teilhaben, klärt den Fall jedoch lückenlos auf, sobald er alle zum großen Finale versammelt hat. Und wie immer macht in Poirots Ausführungen jedes noch so kleine Detail Sinn. Einer Miturlauberin setzt der Detektiv sogar auseinander, dass seine Arbeit durchaus mit dem Lösen eines besonders schwierigen Puzzles vergleichbar ist.

Alle mysteriösen Vorfälle in „Das Böse unter der Sonne“ lassen sich am Ende erklären. Mich hat das bei der Auflösung so beeindruckt, dass mir erst später auffiel, dass Christie ein anderes wichtiges Krimielement diesmal etwas vernachlässigt hat: das Motiv. Der Grund, aus dem Arena Stuart Marshall sterben musste, macht bei näherer Betrachtung nicht besonders viel Sinn. Kurz: Der Mord wäre eigentlich nicht nötig gewesen. Das mag für viele Morde gelten, aber hier kommentiert es niemand, nicht mal Poirot – wodurch dann doch der Eindruck entsteht, dass das Motiv hier mehr schlecht als recht zusammengezimmert wurde, während die Durchführung des Mordplans dagegen richtiggehend kunstvoll ist. Lässt man auch sie nochmal Revue passieren, muss man allerdings feststellen, dass das Ganze leicht hätte schief gehen können. Der Mörder / die Mörderin hat hohe Risiken auf sich genommen, was angesichts des kaum vorhandenen Motivs doppelt erstaunlich ist. Doch vielleicht muss auch gar nicht alles im Detail erklärt werden, braucht der Täter / die Täterin hier gar keinen guten Grund – „das Böse unter der Sonne“ existiert eben einfach.

Obwohl sich das Ende also nicht allzu schwer zerpflücken ließe, hat mir dieser Krimi insgesamt gut gefallen. Es ist ein typischer Poirot-Fall, der zum Miträtseln einlädt, es dem Leser nicht allzu schwer macht, einen Überblick über Figuren und Geschehnisse zu behalten und dann am Ende doch wieder verlässlich verblüfft. „Das Böse unter der Sonne“ ist ein Krimiklassiker, der sich auch 78 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung noch sehr gut lesen lässt.

Ich habe eine ältere Ausgabe von "Das Böse unter der Sonne" gelesen; aktuell im Handel ist jedoch diese erhältlich:

Verlag: Atlantik
Seitenzahl: 224
Erscheinungsdatum: 13. Juni 2015; „Das Böse unter der Sonne“ erschien jedoch bereits 1945 erstmals auf Deutsch (und 1941 auf Englisch)
ISBN: 978-3455650273
Preis: 12,- € (E-Book: 8,99 €)

21. Juli 2019

E. O. Chirovici: Das Buch der Spiegel

Titel und Cover dieses Buches haben bei mir zunächst den Eindruck erweckt, es könnte sich um einen Fantasyroman handeln – ein Genre, das ich eher selten lese. Zum Glück habe ich mich davon nicht abschrecken lassen, denn sonst wäre mir ein beeindruckender Roman entgangen: Klug komponiert, voller überraschender Wendungen und ziemlich nachdenklich machend. Er schließt mit den Worten: „Ein großer französischer Schriftsteller hat einmal bemerkt, Erinnerung an Vergangenes sei nicht unbedingt Erinnerung an wirklich Geschehenes. Ich vermute, er hat recht.“ Diese Schlusssätze greifen das Kernthema des Romans auf: Kann man Erinnerungen wirklich trauen?


E. O Chirovici ist in Rumänien aufgewachsen und hat sich dort als erfolgreicher Autor etabliert, bevor er 2013 in die USA zog und mit „Das Buch der Spiegel“ seinen ersten Roman auf Englisch schrieb. Dieser wurde inzwischen in über 30 Länder verkauft, was mich kein bisschen wundert, denn er hat mir extrem gut gefallen.

„Das Buch der Spiegel“ hat einen klassischen „Buch im Buch“-Anfang: Der Literaturagent Peter Katz erhält ein unverlangt eingesandtes Manuskript und legt es zunächst einmal zur Seite, doch als er nach ein paar Wochen die Zeit dafür findet, liest er es und ist von der Lektüre sehr angetan. Dass diese irgendwann abrupt abbricht, ist nicht weiter verwunderlich, hat sich der angehende Autor doch an die Regeln der Literaturagentur gehalten und nur eine Leseprobe eingesandt. Katz versucht ihn zu kontaktieren, doch an den Rest des Manuskripts zu kommen, ist schwieriger als gedacht – es scheint verschollen. Und das ist nicht nur für den Literaturagenten äußerst ärgerlich, sondern auch für den „Das Buch der Spiegel“ in den Händen haltenden Leser, hat dieser doch zusammen mit Katz die ersten sechs Kapitel verschlungen und wüsste nun zu gern, wie es weitergeht.

Und wovon handelt nun das Buch im Buch? Der Autor Peter Flynn beschreibt darin, wie es ihm in seinem letzten Jahr in Princeton ergangen ist: „Für mich war es das Jahr, in dem ich mich verliebte und erkennen musste, dass es den Teufel wirklich gibt“. In wen sich Flynn verliebt hat, ist schnell klar: Psychologiestudentin Laura ist seine neue Mitbewohnerin und unterstützt einen renommierten Professor bei dessen Forschungen. Sie vermittelt Flynn den Job, dessen Bibliothek neu zu ordnen. So weit, so normal, doch am Ende dieses Jahres wird besagter Professor ermordet aufgefunden. Es macht den Anschein, als hätte Flynn Jahrzehnte später verstanden, was damals wirklich passiert ist und darüber ein Buch geschrieben – doch wo ist dieses Buch?

„Das Buch der Spiegel“ beginnt gleich doppelt spannend: Zum einen hat auch mich als Leser schnell interessiert, wer besagten Professor nun umgebracht hat, zum anderen rätselte ich mit Katz, wo denn das Manuskript mit der Auflösung des Falls geblieben war. Wie E. O. Chirovici es schafft, seine doppelgleisige Geschichte mit insgesamt vier verschiedenen Ich-Erzählern auf nur 380 Seiten zu erzählen, hat mich wirklich begeistert. Dabei hatte ich schon früh einen Verdacht, was den Mörder anging. Aber eigentlich ist der Mordfall trotz allem fast nebensächlich, denn viel mehr geht hier um die Macht der Erinnerung. Und obwohl „Das Buch der Spiegel“ eine ziemlich komplexe Komposition ist, lässt es sich wie ein spannender Krimi kaum mehr aus der Hand legen. Absolute Empfehlung!

Verlag: Goldmann
Seitenzahl: 384
Erscheinungsdatum: 18. Juni 2018
ISBN: 978-3442487554
Preis: 20,00 € (Taschenbuch: 10,00 €, E-Book: 9,99 €)

29. Mai 2019

Agatha Christie: Die großen Vier

Agatha Christie ist die Queen of Crime; ihre Weltauflage wird auf zwei Milliarden Bücher geschätzt. Doch dass sie sich bis heute großer Beliebtheit erfreut, bedeutet nicht, dass jeder ihrer Krimis gleichermaßen gelungen ist.


„The Big Four“ (1927 auf Englisch veröffentlicht und erst sehr viel später, 1963, als „Die großen Vier“ auf Deutsch) wurde von ihr selbst als „rotten book“ bezeichnet; sie veröffentlichte das „scheußliche“ Werk, als sie nach ihrer Scheidung in finanziellen Schwierigkeiten steckte. „Die großen Vier“ basiert auf 12 Kurzgeschichten, die Christie bereits veröffentlicht hatte und nur noch in Romanform bringen mussten. Vor diesem Hintergrund erklären sich die größten Schwächen dieses Buches: Auf viele kleinere Fälle wird kaum eingegangen, Hercule Poirot löst sie im Handumdrehen mit übermenschlichem Scharfsinn, während sein treuer Freund Hastings extrem schwer von Begriff scheint. Gemeinsam versuchen die beiden, einer Verbrecherbande das Handwerk zu legen, die nichts Geringeres zu planen scheint, als die Weltherrschaft an sich zu reißen – was sie konkret bezweckt, bleibt allerdings mehr als schwammig. Die vier Köpfe der Untergrundorganisation sind dermaßen genial, gut vernetzt und fähig, dass sie nach Belieben in fremde Rollen schlüpfen, Geldsummen erschleichen und Gegner aus dem Weg räumen, ohne dass ihnen jemand auf die Schliche kommt. Nur Poirot können sie aus unerfindlichen Gründen nicht einfach ermorden, sondern ersinnen jede Menge komplizierter Fallen, denen der kluge Belgier jedoch immer in letzter Sekunde ausweicht (was umso erstaunlicher ist, da offentlich jeder nach Belieben in sein Haus einbrechen kann). Das alles wirkt ziemlich abstrus, um es mal vorsichtig auszudrücken. Als Agatha Christie-Fan begleite ich Poirot und Hastings generell sehr gerne, aber dass die Autorin ihren alternden Detektiv plötzlich zu einer Mischung aus Superbrain und Geheimagent weiterentwickelt, hat mich doch ziemlich befremdet. Das Gleiche gilt für die Beschreibungen von „gelbgesichtigen“ Chinesen und „verschlagenen“ Orientalen – da zeigt sich eben doch, dass der Text bald 100 Jahre alt ist.
Einer der vier Schurken schlägt Poirot bereits zu Beginn des Buches vor, er solle wieder seine „frühere Beschäftigung aufnehmen und die Probleme von Damen der Londoner Gesellschaft lösen“. Ganz ehrlich – wäre Poirot mal darauf eingegangen. Lieber einen Fall richtig und nachvollziehbar aufklären, als die Lösungen für viele kleine wie ein Magier aus dem Ärmel schütteln. Aber gut, Poirots Schöpferin war in einer schwierigen Lage und brauchte das Geld. Auch eine Königin greift mal daneben.

Ich habe eine ältere Ausgabe von "Die großen Vier" gelesen; aktuell im Handel ist jedoch diese erhältlich:

Verlag: Atlantik
Seitenzahl: 224
Erscheinungsdatum der aktuellen Ausgabe: 4. September 2015; "Die großen Vier" erschien jedoch bereits 1963 erstmals auf Deutsch (und schon 1927 auf Englisch).
ISBN: 978-3455650532
Preis: 10,00 € (E-Book: 8,99 €)