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26. September 2020

Charles Lewinsky: Der Halbbart

Kluger Roman über eine erbarmungslose Zeit.

Das ist der zweite Longlist-Roman, den ich bislang gelesen habe. Auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises ist er leider nicht gelandet, dafür jedoch auf der des Schweizer Buchpreises, der am 8. November verliehen wird. Ich drücke ihm die Daumen!

 
 
„Der Halbbart“ von Charles Lewinsky beginnt im Jahr 1313, also im tiefsten Mittelalter. Hauptfigur ist der ca. 12- oder 13-jährige Eusebius, der von allen Sebi genannt wird (oder Stündelerzwerg – einer von vielen schwyzerdütschen Begriffen im Buch, zum Glück gibt es auf der Website von Diogenes ein Glossar der Helvetismen). Der junge Ich-Erzähler lebt mit seiner Mutter und den beiden älteren Brüdern in einem kleinen Dorf. Es gibt ein Stückchen Land, das die Brüder bestellen; Sebi verdient außerdem Geld, indem er dem betagten Totengräber des Ortes hilft, Gräber auszuheben. Außerdem schaut er gerne bei dem Fremden vorbei, der sich in Nähe des Dorfes angesiedelt hat. Dieser wird von allen „Halbbart“ genannt, da sein Bart nur noch auf einer Gesichtshälfte sprießt – die andere ist durch Brandnarben komplett entstellt. Der Halbbart ist ein intelligenter Mann und kennt sich außerdem mit Medizin aus. Als Sebis ältester Bruder Geni einen schrecklichen Unfall hat und die Rosskur der örtlichen Heiler den Sterbeprozess nur zu beschleunigen scheint, wird er schließlich gerufen.

Das könnte jetzt schon die Zusammenfassung eines Romans gewesen sein, in diesem Fall ist es allerdings nur ein kurzer Ausblick auf die ersten 50 Seiten – von 677. Die Handlung des „Halbbarts“ erstreckt sich über vielleicht zwei, drei Jahre. Sie ist Sebis Coming-of-Age-Geschichte und beschreibt seine Suche nach dem eigenen Weg. Sie handelt aber auch vom historisch verbürgten Marchenstreit zwischen dem Kloster Einsiedeln und Schwyz, von der Macht der Kirche, der Macht des Aberglaubens und der Verführung der Massen. Dabei gibt es immer wieder Passagen, die verdeutlichen, dass das Mittelalter in mancher Beziehung nur einen Wimpernschlag von uns entfernt ist: Wenn z.B. jemand im Dorf erscheint, der von einem schrecklichen Überfall erzählt mit vielen, vielen Toten und die Geschichte zwar seltsame Lücken aufweist, sich aber trotzdem wie selbstständig verbreitet. Fake News im 14. Jahrhundert – und ihre Auswirkungen waren genauso bedrohlich wie heute.
Um den titelgebenden Halbbart geht es dagegen nur in Teilen des Buches; in der zweiten Romanhälfte verkommt er zur Randfigur, deren Denken, Handeln, Streben mehr und mehr im Dunkeln bleiben. Und so hätte Lewinsky sein Buch vielleicht doch besser „Eusebius“ genannt.

Sebi bewahrt sich bei aller Gräuel ein reines Herz und war so immer wieder mein Rettungsanker während der Lektüre – aus seiner Perspektive ließen sich auch die düstersten Kapitel irgendwie bewältigen, ob es nun um Amputationen, Bestrafungen oder Schlachten ging. Mit seinem etwas naiven, aber freundlichen Blick beobachtet Sebi Menschen, durchdenkt Ereignisse und teilt seine Gedanken dann mit dem Leser. Dabei ist er ein begnadeter Geschichtenerzähler. Und so hat Lewinsky einen einerseits anrührenden und weisen Roman geschaffen, der andererseits brutal ist und mit den Menschen an sich hart ins Gericht geht. Etwas desillusioniert hat er mich schon zurückgelassen, war die lange Lektüre aber allemal wert.

Verlag: Diogenes
Seitenzahl: 688
Erscheinungsdatum: 26. August 2020
ISBN: 978-3257071368
Preis: 26,00 € (E-Book: 22,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

5. September 2020

Robert Seethaler: Der letzte Satz

Im Gedankenkarussell gefangen.

Dieser Roman steht auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2020. Über den Autor hatte ich bereits viel Gutes gehört und wollte schon längst mal eines seiner Bücher lesen. Und so habe ich mich riesig gefreut, dass ich über Lovelybooks sogar ein Rezensionsexemplar bekommen habe.
 


Robert Seethaler nimmt die Lesenden in „Der letzte Satz“ mit an Bord eines Passagierschiffes. Der berühmte Komponist Gustav Mahler und seine Familie reisen mit der „Amerika“ von New York nach Europa, doch weder seine Frau Alma noch die gemeinsame Tochter Anna treten in Erscheinung, während Mahler an Deck sitzt und dort seinen Gedanken nachhängt. Sein einziger Besucher ist ein Schiffsjunge, der dafür sorgen soll, dass es dem Herrn Direktor an nichts fehlt. Doch Mahler fehlt es an vielem: Sein Körper lässt ihn mehr und mehr im Stich, er ahnt den nahenden Tod und quält sich mit dem Gedanken an all die unvollendete Musik, die er noch erschaffen wollte. Auch seine Frau fehlt ihm – die Mahlers stecken in einer tiefen Ehekrise. Er vermisst seine ältere, verstorbene Tochter. Der Kranke lässt einschneidende Erlebnisse seines Lebens Revue passieren, während er Himmel und Wellen beobachtet und wartet – auf die Ankunft des Schiffes oder das Ende seines Lebens? Vermutlich auf beides.

„Der letzte Satz“ liest sich fast wie ein einziger „stream of consciousness“; er besteht aus Mahlers unzusammenhängend treibenden Gedanken. Und so ist man dem Genie zwar sehr nahe, muss das Sortieren und Zuordnen der Eindrücke und Anekdoten aber komplett selbst übernehmen. Wenn man sich schon mal mit Mahlers Biografie beschäftigt hat, hilft das sicher.

Sprachlich ist der Roman elegant: Mahlers Empfinden und seine Detailbeobachtungen werden in poetische Sätze gepackt. Wehmut und Fatalismus durchziehen die Kapitel, ab und zu kommt eine gewisse Bittersüße dazu. Das Buch bietet einen Einblick in das Seelenleben des Komponisten, wie es gewesen sein könnte. Gepackt hat mich das Ganze jedoch nicht. Während der Lektüre ist man nicht im Geschehen, sondern hängt im Gedankenkarussell der Hauptfigur fest. Dieses streift viele Themen, geht aber selten in die Tiefe – eine logische Konsequenz des gewählten Erzählstils. Es führte jedoch dazu, dass ich beim Lesen seltsam unbeteiligt blieb. Das Buch hat mich einfach kaltgelassen.

Verlag: Hanser Berlin
Seitenzahl: 128
Erscheinungsdatum: 3. August 2020
ISBN: 978-3446267886
Preis: 19,00 € (E-Book: 14,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

9. Oktober 2018

Katja Lange-Müller: Drehtür

Am Mittwoch beginnt die Frankfurter Buchmesse! Leider wieder ohne mich. Aus der Ferne habe ich aber natürlich verfolgt, wer gestern den Deutschen Buchpreis 2018 erhalten hat: Nicht Maxim Biller und seine „Sechs Koffer“, sondern Inger-Maria Mahlke mit "Archipel". Diesen rückwärts erzählten Roman habe ich bislang nicht gelesen, hoffe aber, das bald nachholen zu können.

Trotzdem bin ich am vergangenen Wochenende noch halbwegs in der Buchpreis-Thematik geblieben mit der Lektüre eines Buches, das immerhin auf der Longlist stand – allerdings schon 2016. Nachdem es in diesem Sommer im Taschenbuch erschienen ist, hatte ich zugegriffen.


Eine „Drehtür“ spielt eine wesentliche Rolle in dem gleichnamigen Roman von Katja Lange-Müller. Würde man ihn als Theaterstück inszenieren oder gar verfilmen, wäre sie der bedeutendste Teil der Kulisse. Denn Hauptfigur Asta Arnold bewegt sich kaum von ebendieser Drehtür weg, die sie aus dem Gebäude des Münchener Flughafens zu einem Aschenbecher geführt hat, wo sie nun eine Camel nach der anderen raucht. Die Ich-Erzählerin kommt gerade aus Nicaragua, wo sie als Krankenschwester für eine internationale Hilfsorganisation gearbeitet hat, bis sie ihre Arbeitgeber mit einem One-Way-Ticket nach Deutschland in den unfreiwilligen Ruhestand schickten. Da steht die Gestrandete nun und kommt irgendwie nicht mehr vom Fleck. Was bleibt der ewigen Helferin noch, wenn ihre Hilfe nicht mehr erwünscht ist? Asta Arnold raucht und lässt ihren Gedanken freien Lauf; und so liest sich der gesamte Roman wie ein einziger Stream of Consciousness. Immer wieder fallen der Protagonistin Reisende, im Flughafen Angestellte und einmal sogar eine Katze ins Auge, die in ihr Erinnerungen an frühere Wegbegleiter auslösen – teils so starke Erinnerungen, dass sie glaubt oder glauben will, vielleicht sogar diese alten Bekannten selbst am Münchener Flughafen zu sehen. Doch sie spricht keinen von ihnen an, stattdessen raucht sie und denkt an vergangene Zeiten. Einige ihrer Erinnerungen sind so ausführlich, dass sie fast Kurzgeschichtencharakter haben, andere bleiben Fragmente. Sie führen zu nichts, außer zu neuen Beobachtungen und neuen Geschichten. Asta Arnold blickt auf ein bewegtes Leben zurück, das man als Leser doch nur sehr auszugsweise kennenlernt, weil sie an das, was ihr nicht genehm ist, nur kurz oder gar nicht denken mag, eventuelle Zusammenhänge für sich behält. Und obwohl die Figur dadurch nicht komplett erfassbar wird, wächst sie einem irgendwie ans Herz und man wünscht sich fast, man könnte sie von dieser Drehtür wegführen, in der Hoffnung, das könnte Asta dazu bringen, nach vorne zu blicken. Denn wie die Tür kreist die Protagonistin seit ihrer Ankunft am Flughafen nur um sich selbst, ohne Ziel. Ob sie den Absprung schließlich schafft, sei hier nicht verraten.

„Drehtür“ ist in einem saloppen, trotzig-starken Ton geschrieben, durch den man sofort eine Beziehung mit der aus Nicaragua Entlassenen aufbaut. Man taucht mit ihr in ihre Erinnerungen ein und am Ende auch wieder daraus hervor. Nach der Lektüre fragte ich mich leicht desorientiert, was das jetzt war und kann diese Frage kaum beantworten. Aber ich habe Asta Arnold gerne Gesellschaft an ihrer Drehtür geleistet und werde an die ein oder andere ihrer Anekdoten sicher noch einmal zurückdenken.

Verlag: FISCHER Taschenbuch
Seitenzahl: 224
Erscheinungsdatum: 11. August 2016 (Hardcover-Ausgabe)
ISBN: 978-3596298891
Preis: 11,00 € (E-Book: 10,99 €)

5. Oktober 2018

Maxim Biller: Sechs Koffer

In drei Tagen (am Montag, den 8.10.) wird bereits der Deutsche Buchpreis 2018 verliehen. Ich habe keinen Favoriten für den Preis, allerdings habe ich leider auch nur eines der Bücher von der diesjährigen Shortlist gelesen. Dieses war für mich jedoch schon einmal nicht der beste deutschsprachige Roman des Jahres. Es ist zwar virtuos geschrieben, hat mich aber seltsam kalt gelassen.


Maxim Billers „Sechs Koffer“ ist ein schmales Bändchen von ungefähr 200 Seiten, die der Autor bestens nutzt. Er fächert in seinem Roman eine Familiengeschichte auf, in die der Leser 1965 ein- und 2016 wieder aussteigt. Der Ich-Erzähler ist 1960 in Russland geboren und verbringt seine frühe Kindheit in Prag, bevor seine Familie 1970 nach Westdeutschland zieht. Die Parallelen zu seinem Schöpfer Maxim Biller sind offensichtlich: Beide sind im gleichen Jahr geboren (Biller allerdings in Prag), beide sind Kinder russisch-jüdischer Eltern und beide kommen im Alter von 10 Jahren in die BRD. Selbst die Namen der Mutter und Schwester sind gleich (Rada und Elena/Jelena). Trotzdem ist der Roman nicht autobiografisch, Biller selbst stellt in seinem Einzelportrait für den Deutschen Buchpreis klar, dass er Fakten und Fiktion wild durcheinandergewirbelt hat: „Dagegen ist […] ein Eintopf nichts […] und ich kann Ihnen nur eins sagen: Die meisten Sachen, die in diesem Buch erzählt werden, sind komplett erfunden.“

Und so bleibt zumindest zu hoffen, dass Billers eigener Opa nicht 1960 in der Sowjetunion hingerichtet wurde, wie der seines Ich-Erzählers. Dieser verdächtigt ein enges Familienmitglied, den Großvater denunziert zu haben – bzw. werden nach und nach sogar mehrere Familienmitglieder verdächtigt. Wie nebenbei wird die Großfamilie knapp porträtiert: Neben dem Vater, der Mutter und der Schwester gibt es noch drei Onkel und eine angeheiratete Tante. Im Hintergrund spielen sich kleinere Erlebnisse rund ums Erwachsenwerden ab. Das Ganze ist gut lesbar, sprachlich schön erzählt und vom Ton her meist reduziert-lakonisch. Berührt hat mich der Text jedoch kaum. Wirklich mitfühlen konnte ich mit keiner der relativ blass bleibenden Figuren, ich fand zwar einige von ihnen durchaus interessant, aber nicht so nahbar, dass mich ihr Wohl und Wehe irgendwie bewegt hätten. So ähnlich ging es mir auch mit Biller, wenn ich ihn früher in der Sendung „Das Literarische Quartett“ sah, wo „Sechs Koffer“ übrigens am 10. August 2018 besprochen wurde.
Nachdem ich den Roman gelesen hatte, habe ich mir die Sendung angeschaut und teile den Wunsch der Autorin Sasha Marianna Salzmann, die zu Gast war: „Ich würde mir wünschen, dass ich mich in die Figuren hineinversetzen kann.“ Thea Dorn ergänzt später: „Maxim Biller geht dem unendlichen Schmerzpotential, das in dieser Geschichte steckt, nicht wirklich nach.“ Beides geht für mich Hand in Hand: Dadurch, dass bei den Figuren anscheinend nur an der Oberfläche gekratzt wird, bleibt die Erzählung ziemlich emotionslos, obwohl es angesichts der Handlung und Protagonisten so viel mehr Möglichkeiten gegeben hätte.

Stellenweise habe ich mich gewundert, welche belanglosen Anekdoten in diesen kurzen Text Einzug fanden – die flüchtige Zugbekanntschaft mit Hormonstau zum Beispiel, der unbedeutende Kuss der Cousine. Handlungsstränge von offensichtlich größerer Bedeutung wurden dagegen nicht auserzählt. Wie durch Zeiten und Orte gejagt wird, kann als kunstvoll bezeichnet werden, aber mehr wäre an dieser Stelle tatsächlich mehr gewesen, finde ich. Ich hatte mir auf jeden Fall mehr versprochen, nachdem ich Biller als scharfen Kritiker kennengelernt hatte. Aber, um hier doch tatsächlich mal Dr. Eckart von Hirschhausen zu zitieren: „Der Wegweiser muss den Weg nicht mitgehen“ … Die „Sechs Koffer“ sind kein schlechtes Büchlein, hinterlassen aber keinen bleibenden Eindruck bei mir. Ob sie wohl am kommenden Montag den wichtigsten Literaturpreis Deutschlands gewinnen werden? Ich bin sehr gespannt.

Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Seitenzahl: 208
Erscheinungsdatum: 8. August 2018
ISBN: 978-3462050868
Preis: 19,00 € (E-Book: 16,99 €)