24. August 2026

Ilona Bannister: FIVE

Hop-on Hop-off

Fünf Minuten, bis der Zug kommt. Fünf Menschen auf einem Bahnsteig. Einer von ihnen wird die Ankunft nicht überleben. Es geht also gleich ums Ganze in diesem Roman. Um das zu illustrieren, wird den verschiedenen Abschnitten die Anzeigetafel für das Gleis vorangestellt. Und die Uhr tickt …

Ein allwissender Erzähler nimmt die Leserinnen und Leser von „FIVE“ so ausdauernd an die Hand, wie ich es selten erlebt habe. Er spricht an, was man – seiner Meinung nach – gerade denkt, welche Fragen man hat, orakelt zu den baldigen Geschehnissen und kommentiert ab und zu. Zuerst fand ich das ganz erfrischend, gegen Ende wurde es mir etwas viel.

Dann sind da noch die Geschichten in der Geschichte, denn mit den fünf Minuten, bis der Zug kommt, ist es längst nicht getan. Die Schicksale der fünf Hauptfiguren werden in ausführlichen Kapiteln beschrieben. Hat man anfangs etwas über ihr Verhalten auf dem Bahnsteig erfahren, geht es nun tief in ihre Vergangenheit. Man sieht sie danach alle mit anderen Augen – die Mutter mit dem Kind, den Geschäftsmann, den jungen Mann mit den extravaganten Klamotten und die alte Dame. Allerdings wird man jedes Mal rausgerissen – da ist das Geschehen am Bahnsteig, dann die Erzählung eines Schicksals im Zeitraffer, dann wieder Bahnsteig, dann das Schicksal einer ganz anderen Person …  Und als ob das noch nicht reichen würde, gibt es auch noch ein paar Nebendarsteller, die sich ebenfalls am Bahnhof aufhalten, die Geschehnisse beeinflussen und von ihnen beeinflusst werden.

Und so spielt die Gegenwartshandlung zwar an einem Bahnhof, fühlt sich mitunter aber wie eine „hop-on hop-off“-Bustour an: Wenn man zu viele Stopps macht, läuft man irgendwann in Gefahr, dass einem die Puste ausgeht.

Es ist der Autorin zugute zu halten, dass die Geschichte nicht zerfasert und es trotz der komplexen Konstruktion gut gelingt, den Überblick zu behalten. Dennoch kommt viel zusammen in diesem Roman. Ich fand es mitunter emotional etwas überfordernd, zwischen den einzelnen Abschnitten umzuschalten. Doch die Sogwirkung, die „FIVE“ von Anfang an hat, weil eben klar ist, dass der Tod einer Hauptfigur unmittelbar bevorsteht, hat mich dann doch jedes Mal zum baldigen Weiterlesen motiviert.

Der Roman bietet ein ungewöhnliches und intensives Leseerlebnis. Ich kann „FIVE“ empfehlen, auch wenn ich die Art des Erzählens und auch den Erzähler ab und zu etwas anstrengend fand.


Verlag: Droemer
Seitenzahl: 320
Erscheinungsdatum: 3. August 2026
ISBN: 978-3426566800
Preis: 18,- € (E-Book: 12,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

11. August 2026

Madeline Cash: Verlorene Schäfchen

 Temporeich und überspannt

„Verlorene Schäfchen“ scheinen alle Mitglieder der Familie Flynn zu sein – jedes auf seine Art. Da sind die Eltern Bud und Catherine, die sich auseinandergelebt haben, unzufrieden und vor allem mit sich selbst beschäftigt sind. Ihre Töchter Harper, Louise und Abigail (12, 15 und 17 Jahre alt) bleiben sich größtenteils selbst überlassen und gehen mit dieser fragwürdigen Freiheit sehr unterschiedlich um. Die im Ort extrem präsente Kirche scheint keinem der Flynns Trost zu bieten oder ernsthafte Anlaufstelle zu sein – bis Vater Bud von seinem Arbeitgeber verpflichtet wird, eine Selbsthilfegruppe seiner Wahl aufzusuchen und sich für die „Verlorenen Schäfchen“ entscheidet. Doch während Bud unverhofft wieder Boden unter den Füßen bekommt, scheinen Frau und Kinder immer mehr abzudriften. Schaffen sie es, wieder mit- statt nur noch nebeneinander her zu leben?

Der Roman liest sich amüsant und hat eine hohe Dichte an Pointen, Slapstick und Wortwitz. Die Handlung ist tragikomisch und alles Angestaute entlädt sich am Ende auf fulminante Weise. Allerdings habe ich da erst gemerkt, dass ich die Flynns doch in mein Herz geschlossen hatte. Ihre überspannte, um sich selbst kreisende Art, die abgedrehten Verhaltensweisen und das fehlende Gespür füreinander machen es gar nicht so leicht, sie sympathisch zu finden. „Verlorene Schäfchen“ ist temporeich und macht durchaus Spaß, aber das Lachen bleibt einem auch öfters im Halse stecken. Und was ist eigentlich aus Father Andrew geworden?


Verlag: Penguin Verlag
Seitenzahl: 320
Erscheinungsdatum: 13. Mai 2026
ISBN: 978-3328604518
Preis: 24,- € (E-Book: 21,99 €)

1. August 2026

Moa Herngren: Geschwister

Alles eine Frage der Perspektive

Es ist lange her, dass mich eine Familiengeschichte so begeistert hat. Die von Autorin Moa Herngren aufgebaute dichte Atmosphäre entwickelt schnell eine absolute Sogwirkung. Am meisten fasziniert haben mich bei „Geschwister“ aber die extrem gelungenen Perspektivwechsel, die ermöglichen, Teile der komplexen Geschichte aus einem anderen Blickwinkel zu erleben. Sie lassen Gewissheiten zerbröseln und zeigen, dass jeder Mensch in seiner ganz eigenen Blase lebt.

Die Geschwister Ulrika, Andrea und Rasmus treffen sich im Prolog auf einer Beerdigung und schnell wird klar, dass irgendetwas vollkommen im Argen liegt. Aber dann geht es auch schon los mit dem ersten Teil des Buches, der komplett aus Sicht der mittleren Schwester Andrea geschildert ist: Anfang 40, erfolgreiche Architektin, Mutter einer Tochter und offensichtlich die Patente in der Familie. Seit dem überraschenden Tod des Vaters vor gut einem Jahr versucht sie, alles am Laufen zu halten, unterstützt die überforderte Mutter und treibt sowohl ihre ältere Schwester als auch ihren jüngeren Bruder an, weil beide alleine kaum etwas auf die Reihe kriegen. Oder? Dass Andrea dabei leicht übergriffig agiert, kann man ihr kaum übelnehmen – sie reißt sich im Gegensatz zu ihren Geschwistern schließlich ein Bein aus. Dass Ulrika die Dinge etwas anders sieht, überrascht nicht. Moa Herngren arbeitet fein nuanciert ihre Perspektive heraus, erzählt einiges noch einmal aus Ulrikas Blickwinkel, lässt weg, ergänzt und hat mich sehr nachdenklich gemacht. Und dann ist da noch Rasmus, der 33-jährige Bruder. Er erscheint zunächst blass, sein Buchteil ist der kürzeste. Zunächst habe ich mich gefragt, was er nun überhaupt noch beisteuern könnte, aber diese Überlegung hat sich schnell erübrigt.

„Geschwister“ besticht durch die grundverschiedenen Charaktere, die alle auf ihre Art und Weise Recht zu haben scheinen. Die Autorin führt faszinierend vor Augen, wie schwierig Kommunikation sein kann; auch oder gerade innerhalb der Familie. Es geht aber auch um Familien-Traumata, wie Eltern unbewusst und unwissentlich die Weichen für ihre Kinder stellen und die Frage, wie man sich von der Vergangenheit lösen kann. Am Ende des Romans wissen die Leserinnen und Leser mehr über die Familie Edman als die einzelnen Mitglieder selbst. Mich hat die Geschichte immens gefesselt und beschäftigt.


Verlag: Kein & Aber
Seitenzahl: 496
Erscheinungsdatum: 8. Juni 2026
ISBN: 978-3036950921
Preis: 26,- € (E-Book: 18,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.