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30. Dezember 2020

Lola Randl: Die Krone der Schöpfung

Unruhiger Roman über eine seltsame Zeit.

In seiner Sendung „Druckfrisch“ vom 13.09.2020 hat Dennis Scheck dieses Buch „einen wunderbaren Erkenntnisblitz“ genannt. Hmm. Bei mir blitzten während der Lektüre keine größeren Erkenntnisse auf. Ein Wiedererkennen gab es aber durchaus, denn in Lola Randls zweitem Roman „Die Krone der Schöpfung“ schlägt sich eine namenlose Ich-Erzählerin durch die ersten Monate der Corona-Pandemie.


Die Hauptfigur googelt, lauscht Virologen, macht Homeschooling mit ihren Kindern, sorgt sich um ihre Mutter und fürchtet insgeheim, bereits erkrankt zu sein. Überdies muss sie sich mit Mann und Liebhaber auseinandersetzen, verliert einen Auftrag und beginnt, eine Zombieserie für Amazon zu schreiben: „Honka, Bar des Vergessens“ liest sich genauso trashig, wie es klingt und ist in „Die Krone der Schöpfung“ in 11 kurzen Kapiteln komplett abgedruckt. Überhaupt sind alle Kapitel kurz, viele umfassen gerade mal eine halbe Seite. Lola Randls Protagonistin ist höchst sprunghaft in ihren Gedanken, aber auch die Autorin springt nicht nur zwischen ihr und der Zombiserie hin und her, sondern auch noch zwischen der Perspektive einer Talkshowmoderatorin und der des US-Präsidenten.
Am Faszinierendsten fand ich allerdings die Einschübe zu Viren, Fledermäusen und Parasiten wie dem Kleinen Leberegel, die wie aus einem populärwissenschaftlichen Sachbuch wirken. Zudem ergänzen sie das Bild von der gegen ihre Verunsicherung ankämpfenden Ich-Erzählerin, die sich durch Aneignung ergoogelten Wissens zu beruhigen versucht. Der Erzählstil und das ambivalente Verhalten der Protagonistin verdeutlichen die Ungewissheit, die Widersprüchlichkeit und das Diffuse der Situation auf jeder Ebene.

Allerdings nutzt sich der eigenwillige Stil im Laufe dieses skurrilen Romans etwas ab. Es findet keine Entwicklung statt, sehr wenig wird zuende geführt. Das kann man Randl kaum zum Vorwurf machen, hat sie doch einen frühen Roman zu einer laufenden Pandemie vorgelegt, aber so richtig zufriedenstellend war das Leseerlebnis für mich nicht. Im Kosmos der Ich-Erzählerin bleiben außerdem alle anderen Figuren nicht nur namenlos, sondern auch blass, während ihr eigenes egozentrisches, überfordertes und kopfloses Verhalten immer schlimmer wird. Lösungen, Beruhigung oder einen hoffnungsvollen Ausblick bietet „Die Krone der Schöpfung“ nicht. Der Roman ist trotz aller Überspitzung sehr nah an der Realität – vermutlich wird man ihn in ein, zwei, drei Jahren anders lesen. Ich schaue dann bestimmt noch einmal rein.

Jetzt wünsche ich aber erst einmal allen hier Mitlesenden einen guten Rutsch in ein gesundes und glückliches Jahr 2021!

Verlag: Matthes & Seitz
Seitenzahl: 214
Erscheinungsdatum: 2. September 2020
ISBN: 978-3751800068
Preis: 18,00 € (E-Book: 12,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

6. Dezember 2020

Karin Kalisa: Bergsalz

Verwässert.

Mal wieder ein Roman mit einem äußerst gelungenen Cover und einem prägnanten und ungewöhnlichen Titel. „Bergsalz“ spielt in dieser Geschichte eine kleine, aber bedeutende Rolle. Wäre sie eine Suppe, hätte mir aber vielleicht gerade das Salz gefehlt.


Die Handlung von Karin Kalisas Roman ist in einem kleinen Allgäuer Dorf angesiedelt. Die über siebzigjährige Franziska Heberle wird von einer Nachbarin bei ihren Mittagessensvorbereitungen gestört und durchschaut schnell, dass diese nicht wirklich gekommen ist, um sich Mehl zu borgen. Denn Johanna von nebenan lebt so wie Franzi selbst: Verwitwet und allein in einem großen Haus, das die Kinder lange verlassen haben und das, wie aus Großfamilienzeiten gewohnt, eine bestens bestückte Speisekammer hat, in der keine der fünf bis sechs gewöhnlich vorhandenen Mehlsorten einfach so leer wird. Und so springt Franzi über ihren Schatten und bittet die Nachbarin herein. Zufällig kommt noch eine vorbei und weil das ungeplante Treffen ganz unverhofft guttut, verabredet man sich spontan für den nächsten Tag wieder. Nach und nach stellen die Frauen fest, wie schön es ist, mal wieder für andere zu kochen und beim Mittagessen Gesellschaft zu haben. Und die Runde wächst …

In „Bergsalz“ geht es um eine Graswurzelbewegung: Aus etwas Kleinem, von ein paar Frauen eher zufällig initiierten, entsteht nach und nach etwas Großes. Die Nachbarinnen erkennen bald, was ihnen und dem ganzen Dorf fehlt: Ein Ort, an dem man mittags zusammenkommen kann, ein Schwätzchen halten, die Einsamkeit vertreiben. Die Idee ist schön und entwickelt sich weiter; bald geht es nicht mehr nur um die älteren Damen. Nachdem sie mit so viel Herz eingeführt wurden, fand ich das richtig schade. Die weitere Entwicklung der „Offenen Küche“ ist fast märchenhaft; jegliche Hindernisse werden mühelos aus dem Weg geräumt oder scheinen wie von selbst zu verschwinden. Neue Figuren werden eingeführt und langsam fragte ich mich, ob hier weniger nicht mehr gewesen wäre, zumal es auch noch kurze Rückblicke ins Mittelalter gibt.

Richtig irritiert hat mich dann leider das Ende. Der Roman ist mit seinen 207 Seiten recht kurz für den großen Bogen, den die Autorin hier spannt – meinem Empfinden nach zu kurz. Aber auf den letzten Seiten gibt Kalisa plötzlich einem neuen Nebenschauplatz viel Raum und ein offenes Ende. Seine mystische Komponente hat für mich so gar nicht zur restlichen Geschichte gepasst, viel mehr hätten mich Details zu anderen Handlungssträngen interessiert.
Die Ausgangsidee von „Bergsalz“ hat mir gefallen; Karin Kalisa kann zudem sehr einfühlsam und berührend schreiben, ohne dass es je kitschig oder platt wird. Einzelne Sätze entfalten richtiggehend Weisheit und Wucht. Weniger Protagonisten, weniger Entwicklung und mehr Einzelheiten hätten dem Roman aber dennoch gutgetan; so erscheint mir die eigentliche Geschichte leider verwässert.

Verlag: Droemer
Seitenzahl: 207
Erscheinungsdatum: 2. November 2020
ISBN: 978-3426282083
Preis: 20,00 € (E-Book: 16,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

29. Februar 2020

Patrik Svensson: Das Evangelium der Aale

Ode an den Aal.

Dieses Buch handelt von einem Fisch, besser gesagt: einer Fischart. Es ist kein Roman, sondern eher eine literarische Annäherung an die Spezies. Und das Ganze wirkt durch den Titel auch noch religiös. Das klingt zugebenermaßen alles eher seltsam, doch die höchst ungewöhnliche Erzählung liest sich komplett faszinierend.


In seinem Debüt „Das Evangelium der Aale“ hat sich der Schwede Patrik Svensson ganz und gar dem Europäischen Aal verschrieben. Und damit ist er in bester Gesellschaft: Schon Aristoteles und Sigmund Freud versuchten, das Leben des Aals zu erforschen. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts konnte eingegrenzt werden, wo der Aal sich mutmaßlich fortpflanzt und stirbt: in der Sargassosee, einem Meeresgebiet im Atlantik, das 6.000 km von Europas Küsten entfernt liegt. Aale dort bei der Paarung zu beobachten oder die Fische zu züchten, ist bislang nicht gelungen. Der Aal hat viele seiner Geheimnisse lange und erfolgreich für sich behalten, einige bis heute. Von denen, die ihm zu entlocken waren und den Menschen, die sie ihm teils unter widrigsten Bedingungen entlockt haben, erzählt Patrik Svensson. Aber er berichtet auch von Angelnächten mit seinem Vater, von der Beziehung zwischen Mensch und Tier allgemein, von den Wundern der Natur und den unterschiedlichen Umgang mit ihnen. Die sogenannte Aalfrage und die Vater-Sohn-Beziehung sind dabei die Konstanten, auf die der Autor in seiner abwechslungsreichen Erzählung immer wieder zurückkommt. „Das Evangelium der Aale“ ist in erster Linie eine Ode an den Fisch, aber irgendwann wurde mir klar, dass es auch eine Hommage an den Vater des Autors beinhaltet.

Svensson erzählt behutsam, zum Teil erscheint sein Stil fast poetisch, seine Gedanken philosophisch. Mehr als einmal habe ich mich beim Lesen gefragt, warum ich über Aale so gar nichts wusste – und ob diese Spezies mein Interesse genauso sehr geweckt hätte, wenn ich beim Zappen in eine Naturdoku geraten wäre. Vermutlich nicht (obwohl der Aal wirklich ein einzigartiger Fisch ist!). Svensson hat sich mit seiner Erzählung zum Fürsprecher des Europäischen Aals gemacht, der vom Aussterben bedroht ist. Er verführt seine Leser richtiggehend, diesen nicht besonders gutaussehenden Fisch kennenzulernen. Und wer den Aal einmal kennengelernt hat, den lässt er nicht mehr so einfach los – das hat Svensson so oder ähnlich in irgendeiner Passage seines „Evangeliums“ festgestellt und ich kann ihm nur zustimmen.

Verlag: Hanser
Seitenzahl: 256
Erscheinungsdatum: 27. Januar 2020
ISBN: 978-3446265844
Preis: 22,00 € (E-Book: 16,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.