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30. Oktober 2026

John Green: Hollywood, Ending

Durchhalten

Manchmal weiß ich schon vor der Lektüre, dass ich ein Buch großartig finden werde. Wenn Thema, Autor, Cover, kurzum ALLES zu stimmen scheint: Was könnte noch schiefgehen? Umso größer die Enttäuschung, wenn der Funke wider Erwarten nicht überspringt. Und hier ist er tatsächlich sehr lange nicht übergesprungen – ich habe mehr als 100 Seiten gebraucht, bis ich mit „Hollywood, Ending“ ansatzweise warm wurde. Puh.

„Andy Warhol wird nie alt“ ist der Film, der die beiden Jungschauspieler Juniper Castillo und Kai Laramie zusammenführt. Sie lernen sich am Set kennen. Juniper ist ein alter Hase im Filmgeschäft und hat bereits als Kind gedreht; für Kai ist es der erste Film. Zunächst dominiert der Filmdreh den Roman, was mein Lesevergnügen ziemlich ausgebremst hat – zum einen hatte ich das Gefühl, dass mir das nötige Wissen über Warhol fehlte, zum anderen waren mir die vielen Beteiligten am Filmset und die Abläufe dort zu langatmig beschrieben, während die Protagonist*innen seltsam blass blieben. Als es dann mit dem Presse-Junket (ein neues Wort für mich) begann, wurde die Geschichte langsam interessanter und mein Leseerlebnis flüssiger, je mehr sich die zwischenmenschlichen Beziehungen entwickelten. Die Figuren wurden greifbarer und irgendwann fühlte ich die Story auch. Aber bis dahin war es ein viel weiterer und mühsamerer Weg, als ich erwartet hatte.

Und trotzdem gebe ich gerade noch so vier Sterne. Auf den letzten ca. 100 Seiten hat mich „Hollywood, Ending“ nämlich endlich so richtig gepackt. Das Ende fand ich überaus gelungen. Wie würde ich wohl den Anfang beurteilen, wenn ich ihn jetzt nochmal lesen würde? Ich werde es nicht erfahren, denn meine Lust darauf hält sich sehr in Grenzen. Empfehlen kann ich „Hollywood, Ending“ nur bedingt; Durchhaltewillen ist nötig.



Verlag: Hanser
Seitenzahl: 368
Erscheinungsdatum: 6. Oktober 2026
ISBN: 978-3446291461
Preis: 26,- € (E-Book: 19,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.


21. September 2026

Alexa Hennig von Lange: Alte Pfade

Die letzte Reise

„Alte Pfade“ ist ein bisschen Generationenroman, ein bisschen Roadmovie und ein bisschen Coming-of-Age-Geschichte. Es geht um diverse zwischenmenschliche Beziehungen: zwischen Eltern und Kindern, Geschwistern und ehemaligen Partner*innen. Im Zentrum des Ganzen steht Liliane, Anfang 50, die auf dem Rückweg von ihrem Spanienurlaub eigentlich nur einen Besuch bei ihrem 89-jährigen Vater in Hannover machen wollte. Ihn stattdessen in einem schottischen Krankenhaus nach einer Herz-OP zu besuchen, war nicht der Plan – und am Folgetag seine Wanderung durch die Highlands mit ihm gemeinsam fortzusetzen, erst recht nicht. Lilianes Vater sollte im Krankenhaus sein, doch unbeirrbar und beratungsresistent hält er daran fest, diese mehrtägige Wanderung machen zu wollen, wie schon als junger Architekturstudent vor über 60 Jahren. Lilliane sieht keine andere Möglichkeit, als mitzuwandern – in den Leinenschuhen aus dem Spanienurlaub und mit Strandtasche statt Rucksack. Auf dem Weg muss sie sich damit auseinandersetzen, dass zwischen ihr und ihrem Vater einiges ungeklärt bleiben wird. Trotzdem gelingt es ihr, sich ein Stück von ihm zu emanzipieren und etwas mehr zu sich selbst zu finden.

Das ist mindestens der dritte Roman, den ich von Alexa Hennig von Lange gelesen habe. Zurück bleibt immer ein ähnliches Gefühl: Ich hätte gerne noch etwas mehr von den Figuren erfahren, sie noch weiter begleitet, ihr Beziehungsgeflecht noch ein bisschen besser durchschaut. Die Autorin fasst ihre Geschichten generell recht knapp. Die Wanderung von Liliane und ihrem Vater durch die schottischen Highlands schildert sie allerdings sehr atmosphärisch; das Naturerlebnis wird richtig erfahrbar. Die Vater-Tochter-Beziehung hat mich berührt, zeigt sie doch, wie schwer es sein kann, ein tiefergehendes Gespräch zu führen, obwohl man sich familiär so nahesteht. „Alte Pfade“ ist ein bittersüßes Leseerlebnis, das existentielle Fragen aufwirft. Auch wenn ich bedaure, die Figuren nun alle wieder loslassen zu müssen, hat mir der Roman sehr gut gefallen.


Verlag: DuMont
Seitenzahl: 240
Erscheinungsdatum: 15. September 2026
ISBN: 978-3755800651
Preis: 24,- € (E-Book: 18,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

24. August 2026

Ilona Bannister: FIVE

Hop-on Hop-off

Fünf Minuten, bis der Zug kommt. Fünf Menschen auf einem Bahnsteig. Einer von ihnen wird die Ankunft nicht überleben. Es geht also gleich ums Ganze in diesem Roman. Um das zu illustrieren, wird den verschiedenen Abschnitten die Anzeigetafel für das Gleis vorangestellt. Und die Uhr tickt …

Ein allwissender Erzähler nimmt die Leserinnen und Leser von „FIVE“ so ausdauernd an die Hand, wie ich es selten erlebt habe. Er spricht an, was man – seiner Meinung nach – gerade denkt, welche Fragen man hat, orakelt zu den baldigen Geschehnissen und kommentiert ab und zu. Zuerst fand ich das ganz erfrischend, gegen Ende wurde es mir etwas viel.

Dann sind da noch die Geschichten in der Geschichte, denn mit den fünf Minuten, bis der Zug kommt, ist es längst nicht getan. Die Schicksale der fünf Hauptfiguren werden in ausführlichen Kapiteln beschrieben. Hat man anfangs etwas über ihr Verhalten auf dem Bahnsteig erfahren, geht es nun tief in ihre Vergangenheit. Man sieht sie danach alle mit anderen Augen – die Mutter mit dem Kind, den Geschäftsmann, den jungen Mann mit den extravaganten Klamotten und die alte Dame. Allerdings wird man jedes Mal rausgerissen – da ist das Geschehen am Bahnsteig, dann die Erzählung eines Schicksals im Zeitraffer, dann wieder Bahnsteig, dann das Schicksal einer ganz anderen Person …  Und als ob das noch nicht reichen würde, gibt es auch noch ein paar Nebendarsteller, die sich ebenfalls am Bahnhof aufhalten, die Geschehnisse beeinflussen und von ihnen beeinflusst werden.

Und so spielt die Gegenwartshandlung zwar an einem Bahnhof, fühlt sich mitunter aber wie eine „hop-on hop-off“-Bustour an: Wenn man zu viele Stopps macht, läuft man irgendwann in Gefahr, dass einem die Puste ausgeht.

Es ist der Autorin zugute zu halten, dass die Geschichte nicht zerfasert und es trotz der komplexen Konstruktion gut gelingt, den Überblick zu behalten. Dennoch kommt viel zusammen in diesem Roman. Ich fand es mitunter emotional etwas überfordernd, zwischen den einzelnen Abschnitten umzuschalten. Doch die Sogwirkung, die „FIVE“ von Anfang an hat, weil eben klar ist, dass der Tod einer Hauptfigur unmittelbar bevorsteht, hat mich dann doch jedes Mal zum baldigen Weiterlesen motiviert.

Der Roman bietet ein ungewöhnliches und intensives Leseerlebnis. Ich kann „FIVE“ empfehlen, auch wenn ich die Art des Erzählens und auch den Erzähler ab und zu etwas anstrengend fand.


Verlag: Droemer
Seitenzahl: 320
Erscheinungsdatum: 3. August 2026
ISBN: 978-3426566800
Preis: 18,- € (E-Book: 12,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

2. Juli 2026

Tanja Kokoska: Guten Morgen, schönes Wetter heute

Liebenswertes Menscheln

„Dieser Roman lässt Sie wieder an das Gute im Menschen glauben“ verspricht die Rückseite dieses wunderbar bunten Buches. Mir hat es auf jeden Fall das ein oder andere Lächeln aufs Gesicht gezaubert. Das episodenhafte Werk erinnert vage an das großartige „Was man von hier aus sehen kann“ von Mariana Leky. Tanja Kokoska beherrscht es ebenfalls, die Gefühlswelt verschiedenster Personen auf den Punkt zu bringen, zarte Annäherungen, stille Momente und einschneidende Erlebnisse in einer jeweils stimmigen Tonalität zu schildern und Kreise sich mühelos schließen zu lassen.

Der Roman spielt fast ausschließlich in einer großen Wohnsiedlung namens „Am Kastanienbaum“. Hier wohnen die unterschiedlichsten Leute teils seit Jahrzehnten in Nachbarschaft zueinander, ohne sich wirklich kennengelernt zu haben: Die alleinerziehende Ina, deren Sohn Henry kurz vor dem Abi steht, die Vietnamesin Anh, die in einem Nagelstudio ausgebeutet wird, Frau Kaiser, deren Gedächtnis sie immer mehr im Stich lässt, Herr Bello, der seit dem Tod seiner Frau komplett zurückgezogen lebt … und noch einige andere; die meisten sympathisch. Ihre Wege kreuzen sich ab und zu, sie grüßen einander, doch in direkten Kontakt bringt sie erst ein Blindgänger, wegen dessen Entschärfung alle ihre Wohnungen verlassen müssen. Dass ausgerechnet eine Bombe, die über 80 Jahre lang regungslos im Boden lag, die Dinge in Bewegung bringt, birgt eine gewisse Ironie. Wie Festgefahrenes sich plötzlich löst und sich neue Möglichkeiten auftun, macht Mut und entwickelt eine Sogwirkung. Es menschelt hier auf die beste Art und Weise – alle haben ihre Träume und Sehnsüchte, manche versuchen sie zu verstecken, bei anderen sind sie allseits bekannt. Ich habe mit den Figuren mitgefiebert, über ihre Schicksale sinniert und mich gefreut, wenn sich etwas zum Guten entwickelte. Und als Beigabe gibt es noch ein Rilke-Gedicht zur versteckten Weitergabe – eine hübsche Idee für einen einfach liebenswerten Roman.


Verlag: dtv
Seitenzahl: 352
Erscheinungsdatum: 18. Juni 2026
ISBN: 978-3423285629
Preis: 23,- € (E-Book: 4,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

23. Juni 2026

Caroline Seibt: Weil sie lügt

Bester Thriller seit Langem

Dieser außergewöhnliche Thriller ist tatsächlich der beste, den ich seit langer Zeit gelesen habe. Ein unvorhersehbarer Twist folgt auf den nächsten. Die Geschichte wird abwechselnd aus zwei Perspektiven erzählt: Die der verzweifelten Anna, deren große Schwester Juli vor eineinhalb Jahren mit Anfang 20 spurlos verschwunden ist, und die der Ermittlerin Katharina, die die Leitung des Falls erst kürzlich übernommen hat. Katharina würde gerne Annas Vertrauen gewinnen, doch Anna misstraut den Ermittlern spätestens, seit diese ihren eigenen Vater wegen Mordverdachts festgenommen haben. Dass sie außerdem manches zu verbergen versucht, merken die Leser*innen ziemlich bald. Doch sie scheint nicht die Einzige zu sein, die Ungereimtheiten nehmen zu und mich haben die Ereignisse irgendwann in ständige Alarmbereitschaft versetzt.

Autorin Caroline Seibt hat ein äußerst geschicktes Konstrukt aufgebaut. Sie erklärt in diesem feingliedrigen Thriller nicht alles bis ins letzte Detail, doch die Details, die sie in den Fokus rückt, wirken am Ende stimmig. Dass ein Rest der Fantasie überlassen wird, hat mich nicht gestört, im Gegenteil, ich fand das gut gelöst (nachdem ich mich von dem schockierenden Ende erholt hatte). „Weil sie lügt“ überzeugt zum einen durch die pausenlosen Wendungen, zum anderen durch die untypischen Charaktere und Szenen. Hier passiert nur wenig Erwartbares; Seibt umschifft elegant vieles, was ich als geübte Thriller-Leserin vorauszusehen glaubte. Klare Empfehlung!


Verlag: Droemer
Seitenzahl: 384
Erscheinungsdatum: 1. Juni 2026
ISBN: 978-3426567005
Preis: 16,99 € (E-Book: 12,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

23. Januar 2026

Alena Schröder: Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel

Zwei starke Geschichten, zart verbandelt

Seit ich Kinder habe, fallen mir abends beim Lesen immer schnell die Augen zu. Aber nicht bei diesem Buch – ich konnte es kaum weglegen. Autorin Alena Schröder erzählt zwei Geschichten parallel: Die der 1931 geborenen Marlen und die von Hannah, Jahrgang 1989. Marlen ist zu Kriegsende Vollwaise und landet eher zufällig bei der Güstrower Malerin Wilma. Diese hat bisher im Schatten ihres inzwischen in Russland vermissten Mannes gestanden und beginnt nun, eine eigene Karriere zu verfolgen. Marlen wächst in die Rolle ihrer Assistentin hinein und wird für Wilma unentbehrlich.

Viele Jahrzehnte später, 2023, weiß die 34-jährige Hannah nicht so recht, was sie mit sich anfangen soll, als sie plötzlich von ihrem Erzeuger kontaktiert wird – zum ersten Mal in ihrem Leben. Martin van der Kampen will plötzlich eine Beziehung zu ihr aufbauen und behauptet, das sei ihm von ihrer verstorbenen Mutter und Großmutter früher verboten worden. Seine Frau und Söhne wären schon voller Vorfreude. Eher skeptisch gibt Hannah der Familienzusammenführung eine kleine Chance. Und dann entwickelt sich alles ganz anders als erwartet.

Schröder erzählt zwei komplett unterschiedliche Geschichten, immer abwechselnd, Kapitel für Kapitel. Der Prolog macht die zarte Verknüpfung klar, doch beide Handlungsstränge stehen komplett für sich und spielen zu unterschiedlichen Zeiten in unterschiedlichen Welten. Und beide haben mich nicht losgelassen. Alena Schröder macht Emotionen wunderbar greifbar, ohne viele Worte zu verlieren. Ihre beiden Protagonistinnen und das undurchsichtige Beziehungsgeflecht um sie herum haben mich komplett in ihren Bann gezogen. Die Entwicklung des Ganzen war dabei unvorhersehbar und doch sehr stimmig. Mit Titel und Cover konnte ich erst nach der Lektüre etwas anfangen, aber auch das passt nun perfekt. Einfach ein großartiger Roman – und der dritte Teil einer Trilogie, wie ich jetzt erst bemerkt habe. Ganz offensichtlich kann man „Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel“ auch unabhängig von den beiden früher erschienenen Büchern lesen. Ich freue mich jetzt auf Teil eins und zwei und bin gespannt, in welche Winkel von Hannahs Familiengeschichte sie mich führen werden.


Verlag: dtv
Seitenzahl: 352
Erscheinungsdatum: 19. Januar 2026
ISBN: 978-3423285285
Preis: 23,- € (E-Book: 19,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

7. November 2025

Kate Fagan: Die drei Leben der Cate Kay

Raffiniert komponiert

Auffällig und ungewöhnlich: Das pinke Buchcover mit fettem gelben Titel und dem Bild von einem gesplitterten Rückspiegel, in dem ein Auge dreifach zu sehen ist, hat mich gleich neugierig gemacht. Und ungewöhnlich beginnt auch die Geschichte der Erzählerin Cate Kay, die sich und ihr vorliegendes Memoir im Vorwort vorstellt und die drei Namen enthüllt, unter denen sie bisher gelebt hat: Annie Callahan, Cass Ford und Cate Kay. Sie fordert die Leserinnen und Leser auf, anhand des Buches zu entscheiden, ob sie ein guter Mensch ist. Ein starker Einstieg!

Cate Kays Geschichte wird dann in Rückblicken, inklusive Zeitsprüngen, erzählt – mal von ihr, mal von Weggefährten. Die einzelnen Kapitel sind überschrieben mit dem Namen der berichtenden Person sowie Ort und Zeit der Geschehnisse. Dadurch bleibt es einigermaßen übersichtlich, ist aber trotzdem nicht ganz flüssig zu lesen, da viele Figuren eingeführt werden. Mir fehlte erst einmal der Überblick, wer wirklich wichtig für die Geschichte ist. Die ersten knapp 90 Seiten lesen sich dadurch etwas zäh – aber dann platzt der Knoten durch eine krasse Wendung und ich habe das Buch in jeder freien Minute weitergelesen.

„Die drei Leben der Cate Kay“ ist eine immer wieder anrührende Geschichte über große Gefühle, lebensverändernde Entscheidungen, Angst und Mut. Sobald das Grundgerüst steht und die Handlung an Fahrt aufnimmt, entwickelt sie sich fesselnd und intensiv. Das Ende hätte ich mir ausführlicher gewünscht, obwohl eigentlich wenig Fragen offenbleiben. Und die Geschichte in der Geschichte – Cate Kays (fiktive) Bestseller-Trilogie „The very last“, aus der ab und an Auszüge eingeschoben werden – ist ein genialer Kontrast, der immer wieder inhaltliche Brücken zum Leben der Erzählerin schlägt. Ein geschickt komponiertes, packendes Buch, das mich an eine komplexe Patience erinnert, bei der am Ende jede Karte an ihrem Platz liegt.


Verlag: Insel
Seitenzahl: 409
Erscheinungsdatum: 29. September 2025
ISBN: 978-3458645160
Preis: 17,- € (E-Book: 14,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

14. Oktober 2025

Caroline Wahl: Die Assistentin

Teufel ohne Prada

Das erste Buch, das ich von Caroline Wahl gelesen habe. Der Klappentext hatte mich gleich angesprochen. Bücher, die im Verlagswesen spielen, mag ich ab und an ganz gerne und die Geschichte – Berufseinsteigerin wird Assistentin von einem schwer aushaltbaren, narzisstischen Verleger – klang interessant. Und auch ein nicht zu kleines Bisschen nach „Der Teufel klingt Prada“, wobei Wahl in ihrem Roman selbst zweimal auf diesen Stoff anspielt. 

An Protagonistin Charlotte ist man schnell ganz dicht dran. Sie zieht für den neuen Job nach München, eine ihr unbekannte Stadt, in der sie niemanden kennt. Zu der Stelle haben sie vor allem ihre Eltern gedrängt, die eine Karrierechance für ihre Tochter erkannt zu haben glauben. Generell sind „die Mutter“ und „der Vater“ (Namen werden nicht genannt) sehr selbstsicher und meinen genau zu wissen, was das Beste für die erwachsene Tochter ist. Die wiederum hat sich auch noch nicht komplett abgenabelt, schmollt viel, verhält sich ihren Eltern gegenüber oft kindisch und buhlt um die Anerkennung des Vaters. Die familiären Dynamiken fand ich ziemlich befremdlich, aber überzeugend dargestellt – genau wie die Persönlichkeit des Verlegers. Geschildert werden so viele kleine Grenzüberschreitungen unterschiedlicher Art – was die Aufgaben, die Arbeitszeiten, die Kommunikation etc. angeht – dass die Fülle einen mehr und mehr ratlos zurücklässt. Der Mann hat diverse Spleens, größere Stimmungsschwankungen, legt immer wieder unangebrachtes Verhalten an den Tag und die Frequenz macht das Ganze schließlich unerträglich. Dabei erträgt Charlotte viel, sie will sich beweisen. Doch zu welchem Preis?

Die Geschichte dieser nicht ganz unsperrigen Protagonistin hat Sogwirkung; ich habe mit ihr mitgefiebert und mich auch immer wieder gefragt, wo meine eigenen Grenzen gewesen wären. Öfters aus dem Lesefluss rausgerissen hat mich allerdings ein Stilelement, das erstaunlich oft zum Einsatz kommt: Foreshadowing. Immer wieder verkündet die Erzählerin zu Ende oder zu Beginn der kurzen Kapitel, wie es generell weitergeht: Ob es Lichtblicke geben, alles immer schlimmer werden wird o.ä. Ich hätte das nicht gebraucht, im Gegenteil, es hat mich gestört, zumindest in dieser Häufung. Die letzte Seite dagegen hat mich zum Lachen gebracht, weil sie wirkt, als hätte die Autorin noch schnell die Erwartungen erfüllen wollen, aber auch absolut keinen Bock mehr.

Insgesamt habe ich die Geschichte sehr gerne gelesen und fand die enge Begleitung Charlottes faszinierend. Wenn ich mir ein weiteres Buch aus dem Universum wünschen dürfte, wäre es wohl ein Roman über die Personalerin Alexandra Liebig – wobei Wahl es tatsächlich schafft, dass alle Haupt- und Nebenfiguren komplex und interessant wirken. Das trägt ihren Roman bestens – die ständigen Spoiler wären gar nicht nötig, um Leserinnen und Leser am Ball zu halten.


Verlag: Rowohlt
Seitenzahl: 368
Erscheinungsdatum: 28. August 2025
ISBN: 978-3498007706
Preis: 24,- € (E-Book: 19,99 €)


29. August 2025

Hannah Lühmann: Heimat

Tradwives

Drohend thront der Titel über See, Böschung und Wald – groß, übermächtig. Rosa. Er wirkt, als gäbe es kein Entkommen. Und antizipiert damit schon einmal das Grundgefühl, das sich bei mir während der Lektüre eingestellt hat: Unbehagen. Gleichzeitig war ich auch ziemlich fasziniert: „Heimat“ ist der erste deutsche Roman über Tradwives – ein Phänomen, mit dem ich bislang keinerlei Berührungspunkte hatte.

Protagonistin Jana geht es ähnlich. Sie ist schwanger mit ihrem Partner Noah und den zwei Kindern aufs Land gezogen, wo sich noch ein halbwegs bezahlbares Haus mit Garten kaufen ließ. Nun versucht sie, in der neuen Umgebung Fuß zu fassen und merkt schnell, dass hier vieles anders funktioniert als in der Stadt. Ein Lichtblick ist die Bekanntschaft mit der charismatischen Karolin, die scheinbar mehr über den Tellerrand schaut als andere. Gleichzeitig hält sie nichts von Einrichtungen zur Kinderbetreuung und zelebriert ihre Selbstverwirklichung als Hausfrau, Ehefrau und Mutter in zahlreichen Insta-Videos. Eigentlich gruselig. Aber Karolin ist eben auch scharfzüngig, humorvoll und hilfsbereit – während Noah sich immer weniger zu Hause blicken lässt. Jana beginnt, den Halt, den sie vermisst, in ungeahnten Konstellationen zu finden …

„Heimat“ ist ein kurzer Roman, den ich mir oft ausführlicher gewünscht hätte, um Janas Gefühlswelt noch besser zu ergründen. Doch Autorin Hannah Lühmann gelingt es auch so, das Innenleben ihrer Protagonistin nachvollziehbar zu machen. Sie zeigt erschreckend plausibel, wie eine noch vor kurzer Zeit beruflich erfolgreiche Städterin anfängt, ein längst überholtes Rollenbild attraktiv zu finden. Und wie anfällig und emotional bedürftig Menschen sein können, die sich nirgends so richtig verwurzelt fühlen. Dabei sind immer wieder Risse und Brüche erkennbar. Lühmann deutet an, dass nicht alles Gold sein muss, was auf Insta glänzt; sie macht Janas Zerrissenheit deutlich. Und so bleibt am Ende doch einiges offen, zu dem man eigene Überlegungen anstellen kann – über Jana, Karolin und Noah, aber auch über den Zustand der Gesellschaft an sich. Ein lesenswerter und absolut diskussionswürdiger Roman, der viele, viele Denkanstöße bietet. 


Verlag: hanserblau
Seitenzahl: 176
Erscheinungsdatum: 19. August 2025
ISBN: 978-3446282827
Preis: 22,- € (E-Book: 16,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

8. August 2025

Asia Mackay: A serial killer’s guide to marriage

Mr. & Mrs. Smith mit Kind

Der erste Eindruck ist nicht immer entscheidend, aber bei diesem Buch war er auf jeden Fall bestens: netter Titel, ungewöhnliches Cover, ein amüsantes Zitat von Hugh Grant … ich war gespannt. Und wurde nicht enttäuscht.

Bereits im Prolog stehen sich die Hauptfiguren kampfbereit gegenüber. Hazel und Fox sind ein Ehepaar, bei dem es nicht mehr so läuft – und Vollprofis im Umgang mit Messern. Zunächst hat mich diese Ausgangssituation an „Mr. & Mrs. Smith“ erinnert. Doch trotz kleiner Parallelen sind Hazel und Fox in einer völlig anderen Situation als die beiden von Brangelina verkörperten Agenten: Sie sind Eltern. Mit Tochter Bibi, einem reizenden Kleinkind, langweilen sie sich in einem Londoner Vorort und haben ihr früheres Jetlag-Leben gegen einen Bürojob bzw. Spielplatzbesuche und musikalische Früherziehung eingetauscht. Dass das trotz aller Liebe zum Kind zu Unzufriedenheiten und Spannungen führen kann, erstaunt nicht.

Autorin Mackay lässt abwechselnd Hazel und Fox zu Wort kommen, die beide auf eine bewegte Vergangenheit zurückblicken und nun mit den Fallstricken des bürgerlichen Lebens kämpfen. Ihre Geschichte liest sich amüsant und enthält einige nette Twists. Als Krimi würde ich das Ganze nicht bezeichnen, auch wenn immer wieder Spannung aufkommt. Der trockene Humor vor allem von Hazel hat mir gefallen und die Kombi mit dem Thema Elternschaft ist durchaus originell. Das Ganze ist nicht immer komplett logisch, was mich allerdings kaum gestört hat – genauso wenig wie die kleinen Längen im ersten Drittel. „A serial killer’s guide to marriage“ sorgt für den ein oder anderen comic relief und macht insgesamt einfach Spaß.


Verlag: DuMont
Seitenzahl: 397
Erscheinungsdatum: 15. Juli 2025
ISBN: 978-3755800255
Preis: 18,- € (E-Book: 12,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

28. Juli 2025

Gaea Schoeters: Das Geschenk

Spannendes Gedankenexperiment

2024 hat der botswanische Präsident Mokgweetsi Masisi angeboten, 20.000 Elefanten an Deutschland abzugeben. Als Reaktion auf ein hier diskutiertes Einfuhrverbot von Jagdtrophäen zürnte er: „Es ist sehr einfach, in Berlin zu sitzen und eine Meinung zu haben zu unseren Angelegenheiten in Botswana.“ Schoeter kreiert in ihrem neuen Roman ein Szenario, in dem nicht nur die deutsche Regierung die Chance bekommt, sich eine fundiertere Meinung zu bilden: 20.000 Elefanten machen von jetzt auf gleich die Hauptstadt unsicher – sie sind das titelgebende Geschenk. Der Bundeskanzler, der in diesem Buch Hans Christian Winkler heißt, hätte eigentlich auch schon ohne die Dickhäuter genug Probleme: Seine Partei schneidet in Umfragen schlecht ab, die Rechten werden immer stärker, bis zur nächsten Wahl ist es nicht mehr allzu lange hin …

Doch nun muss erst einmal das Zusammenleben von Mensch und Tier geregelt werden – auch kein Kinderspiel. Die Einwohner mancher Regionen Botswanas könnten ein Lied davon singen, das Land spielt in der weiteren Geschichte jedoch keine Rolle mehr.

„Das Geschenk“ liest sich kurz und knackig: Nur 144 Seiten hat diese schmale Satire. Die Autorin gestaltet die Reaktionen auf den durch die Elefanten verursachten, kuriosen Ausnahmezustand und seine Folgen vielschichtig aus und hat sich genauestens in die Situation hineingedacht. An dem abwegigen Szenario führt sie gekonnt bekannte Polit-Mechanismen vor. Schoeter zeigt mal elegant, mal brutal, dass Politik ein schmutziges Geschäft sein kann – von Taktierereien über Lobbyismus bis hin zu Bauernopfern. Manches Mal musste ich schmunzeln (wenn beispielsweise Winklers Amtsvorgängerin ihm verdeutlicht, dass man in diesem speziellen Fall mit der Parole „Wir schaffen das“ nicht weiterkommt), manchmal war ich auch verstört. „Das Geschenk“ ist völlig anders als Schoeters letztes Buch „Trophäe“, aber genauso ungewöhnlich. Ab und an hätte ich mir mehr Details und längere Ausführungen gewünscht, vielleicht auch eine zusätzliche private Perspektive auf die Elefanten-Invasion – Gaea Schoeters bleibt nämlich streng auf das politische Geschehen konzentriert. Insgesamt liest sich die Geschichte jedoch rund, überaus kurzweilig und desillusionierend.


Verlag: Zsolnay
Seitenzahl: 144
Erscheinungsdatum: 22. Juli 2025
ISBN: 978-3552075740
Preis: 22,- € (E-Book: 16,99 €)

Ich habe ein kostenloses Exemplar dieses Buches erhalten.

30. Juni 2025

Liane Moriarty: Vorsehung

Starker Anfang, starkes Ende und ein dahinplätschernder Mittelteil

Eine ältere Dame steht während eines Fluges auf, um ihren Mitreisenden Todesalter und Todesursache zu prophezeien – knapp, präzise und immer schön der Reihe nach. Klingt nach einem erstaunlichen Bucheinstieg? Ist es auch. Autorin Liane Moriarty hebt in knackig-kurzen Kapiteln sechs Menschen und ihre Reaktion auf die Prophezeiung der „Death Lady“ hervor – vom gestressten Familienvater bis hin zum Brautpaar, das noch im Hochzeits-Outfit in die Flitterwochen startet. Die ersten hundert Seiten vergehen dann auch wie im Flug. Doch als dieser vorbei ist und sich die Passagiere in alle Richtungen zerstreuen, lässt auch die Dichte und Spannung der Geschichte merklich nach.

Moriarty springt das ganze Buch hindurch zwischen sieben Protagonist*innen hin und her. Sechs von ihnen haben während des Fluges eine Prophezeiung erhalten, die siebte ist die vermeintliche Hellseherin Cherry. Sie kommt in jedem zweiten Kapitel zu Wort und erzählt rückblickend ihr Leben, was zunächst etwas zusammenhanglos wirkt. Lange fühlte ich mich ihren Mitreisenden viel näher, doch kommen diese nach dem Flug nur noch selten ausführlich zu Wort. Gleichzeitig schwebt ein Damoklesschwert über ihnen: Werden Cherrys Prophezeiungen eintreten? Oder lässt sich das vielleicht sogar aktiv verhindern? Es dauert lange, bis der Roman in die Nähe einer Antwort kommt. Bis dahin plätschert er meist langsam vor sich hin und zerfasert dabei auch sehr, da es zwischen den einzelnen Figuren kaum Schnittstellen gibt. Mein Lesefluss wurde dadurch etwas gebremst; zudem nervte es mich etwas, dass ich ständig in Sorge um die Figuren war. Am Ende allerdings zeigt die Autorin wieder, was sie eigentlich kann, führt lose Enden zusammen, schließt Kreise, enthüllt verblüffende Verbindungen und hält auch einiges elegant in der Schwebe. Zwischenzeitlich habe ich es für unmöglich gehalten, dass „Vorsehung“ ein mich zufriedenstellendes Finale haben könnte, aber voilà: Es hat mich sogar begeistert. Und so ist der Roman eigentlich ein Fünf-Sterne-Buch mit einem dreieinhalb bis vier Sterne Mittelteil. Doch selbst, wenn letzterer Längen hat – Moriarty schafft es, alle sehr unterschiedlichen Charaktere authentisch, verletzlich und nahbar darzustellen. Niemand bleibt blass, alle sind richtig gut ausgearbeitet, auch wenn ich mir oft gewünscht hätte, mehr über Einzelne zu erfahren. Insgesamt bin ich froh, am Ball geblieben zu sein – und das Buch trotz Cover und Titel gelesen zu haben, beides hat mich nämlich eigentlich nicht angesprochen. Denkt man allerdings an den Schmetterlingseffekt, ist das Bild auf dem Buchumschlag gar nicht so beliebig wie gedacht. Wieder mal ein schöner Fall von „Don’t judge a book by its cover.“


Verlag: Droemer
Seitenzahl: 512
Erscheinungsdatum: 2. Mai 2025
ISBN: 978-3426562796
Preis: 23,- € (E-Book: 16,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.



16. Juni 2025

Kim Eui-kyung: Hello Baby

Unerfüllter Kinderwunsch

Das farbenfrohe Cover und der fröhliche Titel „Hello Baby“ täuschen: Dieser Roman handelt von Sehnsucht, Trauer und Verzweiflung. Sechs der Protagonistinnen besuchen dieselbe Kinderwunschklinik und sind dadurch zu einer Art Schicksalsgemeinschaft geworden. Es gibt eine Rahmenhandlung, die alle Frauen zusammenbringt, im Fokus stehen jedoch Lebensweg und Kinderwunsch(behandlung) jeder Einzelnen.

Autorin Kim Eui-kyung eröffnet im Nachwort, dass sie selbst Patientin in einer Kinderwunschklinik war. Sonst hätte sie dieses Buch, das nicht nur die damit einhergehende Gefühlsachterbahn, sondern auch das medizinische Vorgehen an sich detailliert schildert, sicher nicht so schreiben können. Noch trostloser als die Termine im Kinderwunschzentrum mutet allerdings das Privatleben der Frauen an, obwohl sich die meisten in liebevollen Beziehungen befinden. Doch sie stehen unter enormen Druck: Die Sehnsucht nach einem Baby und die kostspielige Behandlung sind das eine, doch in den meisten Fällen warten auch die Schwiegereltern dringlichst auf ein Enkelkind und haben keine Scheu, wöchentlich nachzufragen. Auf der Arbeit ist der Druck dagegen ganz anders geartet: Hier werden hundertprozentige Leistung erwartet. Sowohl Mutterschutz als Elternzeit scheint es zwar auch in Südkorea zu geben, doch der Roman schildert es als verpönt, von diesen Rechten Gebrauch zu machen und erwähnt Mobbing durch kinderlose Arbeitskolleg*innen. Schon die Zeit für die vielen Arzttermine, die eine Kinderwunschbehandlung mit sich bringt, ist kaum freizuschaufeln, und natürlich spricht man nicht offen über den Grund für die Untersuchungen. Mich hat das sehr deprimiert, da es offensichtlich bittere Realität ist.

Und dann ist da noch die siebte Protagonistin, Seolju Choi: Sie hat drei Kinder; offenbar eine Anzahl, über die hinter ihrem Rücken bereits getuschelt wird. Ausgerechnet ihre Mutter und Schwiegermutter sind nicht besonders erpicht auf ihre Enkel, ihren Beruf hat sie aufgegeben, da sie nicht beides für sich zufriedenstellend vereinbaren konnte. Ihr Mann bietet zwar finanzielle Absicherung, jedoch keine emotionale Unterstützung. Und so ist auch diese Frau unglücklich. Die nebenbei eingestreute Information, dass Südkorea eine der niedrigsten Geburtenraten weltweit hat, erstaunt kaum noch.

„Hello Baby“ ist kein fröhliches Buch, aber ein wichtiges. Die Autorin berichtet, wie unsichtbar Kinderwunschbehandlungen für das Umfeld betroffener Paare oft bleiben – als wären sie ein Makel, den man besser für sich behält. Und so kann diese ohnehin schwierige Zeit auch noch ziemlich einsam werden. Hier haben die sechs Protagonistinnen mit Kinderwunsch ein Gegenmittel gefunden: Im „Hello Baby“-Chat geben sie sich Ratschläge, aber auch Halt. Und so sind dieser Chat und die Gemeinschaft der Frauen ein kleiner Hoffnungsschimmer.

Während der Lektüre war ich sehr froh, in einem Land zu leben, in dem Frauen freier in ihrer Lebensgestaltung sind, die gesellschaftlichen Erwartungen nicht dermaßen hoch und das familiäre Leben nicht so traditionell geprägt. Doch eine Kinderwunschbehandlung ist auch hier kein Spaziergang. Darüber zu reden und das Ganze zu normalisieren, kann Betroffenen nur helfen. Kim Eui-kyung leistet einen Beitrag dazu, indem sie dem Thema mehr Sichtbarkeit gibt.


Verlag: Blumenbar
Seitenzahl: 223
Erscheinungsdatum: 14. Mai 2025
ISBN: 978-3351051280
Preis: 22,- € (E-Book: 16,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

17. März 2025

Joël Dicker: Ein ungezähmtes Tier

Dickers bestes Buch

Joël Dicker ist einer meiner absoluten Lieblingsautoren. Alle Romane, die ich von ihm gelesen habe, fand ich großartig. Und so bin ich mit sehr hohen Erwartungen an „Ein ungezähmtes Tier“ herangegangen, die nicht nur nicht enttäuscht wurden: Ich glaube, es ist tatsächlich sein bestes Buch.

Die Geschichte spielt rund um einen Raubüberfall im Sommer 2022 in Genf. Dicker schildert die 20 Tage vorher, springt aber auch immer wieder kurz zum Tag des Überfalls. Zudem gibt es einige Rückblenden in die Vergangenheit. Im Zentrum des Romans stehen zwei Paare: Sophie und Arpad leben wie Karine und Greg in Cologny, einem schicken Vorort von Genf. Sie haben jeweils zwei Kinder in ähnlichem Alter, Arpad und Greg kennen sich aus deren Fußballverein. Soweit, so ähnlich, allerdings wohnen Sophie und Arpad in einer freistehenden Villa am Waldrand mit imposanten Glasfronten, während Karine und Greg in eine Neubausiedlung mit Doppelhaushälften gezogen sind, die die alteingesessenen Bewohner des Ortes naserümpfend als „Warze“ bezeichnen.

Die Paare freunden sich langsam an. Doch nicht nur das: Greg ist von der attraktiven Sophie extrem fasziniert und stalkt sie, ohne dass sie es merkt. Allerdings ist er bald nicht mehr der Einzige, der Sophie beobachtet, und überdies haben sie und Arpad etwas zu verbergen – vor der Welt, aber auch voreinander. In den 20 Tagen vor besagtem Raubüberfall drängen verschiedenste Geheimnisse ans Licht und werden die Leben von Sophie, Arpad, Karine und Greg unwiderruflich verändern.

Dicker springt spielerisch und mit immenser Leichtigkeit zwischen Perspektiven und Zeitebenen hin und her. Ich habe lange nicht verstanden, was da eigentlich im Busch ist und es hat mich kein bisschen gestört, weil diese grandiose Geschichte so wahnsinnig gut erzählt ist und immer neue Überraschungen bietet. Es gibt viele Twists und Entwicklungen, die unvorhersehbar und gleichzeitig komplett plausibel sind – und immer, wenn ich mir etwas doch nicht so recht erklären konnte, wurde irgendwann eine wasserdichte Begründung nachgeliefert. „Ein ungezähmtes Tier“ ist ein einziges spannendes Lesevergnügen und ich kann es nur absolut empfehlen. Einzig das Cover ist diesmal nicht mein Fall: Den dicken, glänzenden, weißen Rand oben und rechts empfinde ich als störend und vom Bild ablenkend.


Verlag: Piper
Seitenzahl: 432
Erscheinungsdatum: 27. Februar 2025
ISBN: 978-3492073448
Preis: 26,- € (E-Book: 18,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

4. Oktober 2024

Matt Haig: Die Unmöglichkeit des Lebens

Viel Übernatürliches, wenig überzeugende Handlung

Wie so viele andere hat mich „Die Mitternachtsbibliothek“ absolut begeistert. Schon seit Langem wollte ich mal wieder etwas von Matt Haig lesen, nun war es endlich soweit.

„Die Unmöglichkeit des Lebens“ begann in meinen Augen vielversprechend: Grace Winters ist eine verwitwete, pensionierte Mathematiklehrerin, die sich schon lange jedes Vergnügen versagt. Der Tod ihres Sohnes Daniel, noch im Kindesalter, hat sie ihrer Lebensfreude beraubt, der ihres Mannes vor wenigen Jahren sein Übriges dazu beigetragen. Grace Winters ist selbstgewählt einsam und ihre Tage verlaufen ziemlich monoton. Das ändert ein unerwartetes Erbe: Eine ehemalige Kollegin hat Grace ihr Häuschen auf Ibiza vermacht und einer überraschenden Laune folgend fliegt diese kurzentschlossen dorthin. Dass das ihr Leben grundlegend verändert, erfährt man bereits auf den allerersten Seiten, denn der Roman beginnt mit zwei Briefen: Graces früherer Schüler Maurice schreibt ihr, weil sie immer nett zu ihm war und er gerade in einer schwierigeren Lebensphase ist. Und sie antwortet ihm sehr herzlich und schickt ihm außerdem im Anhang ihre Geschichte mit – mit der Bemerkung, dass sie nie an Magie geglaubt hat und sich daran auch nichts geändert hätte. Nun ja.
Zauberstöcke und -sprüche kommen in Graces Geschichte vielleicht nicht vor, aber übernatürliche Aktivitäten spielen in „Die Unmöglichkeit des Lebens“ eine entscheidende Rolle, und zwar in einem Ausmaß, der mich immer wieder aufs Neue überrascht hat. Mit einem Hauch von Unerklärbarem hätte ich gut leben können. Aber hier steht das Paranormale dermaßen im Vordergrund, dass ich stellenweise das Gefühl hatte, es geht nur noch darum und die Handlung bleibt komplett auf der Strecke. Grob gesagt sind Matt Haigs Themen Umweltschutz, Ibiza und die Verarbeitung von persönlichen Traumata und Schuldgefühlen. Er verbindet sie mit einem ziemlich großen Schuss Übernatürlichem, auf den ich nicht näher eingehen will, um nicht zu viel vorwegzunehmen. Überzeugt hat mich das Ganze nicht.

Zwar schreibt Matt Haig gewohnt großartig, behutsam und empathisch über menschliche Empfindungen und formuliert auch in diesem Roman wieder Lebensweisheiten, die ich mir am liebsten abgeschrieben hätte. Aber die Handlung ist in meinen Augen zunehmend wild zusammengeschustert und wird eigentlich nur durch die übernatürlichen Phänomene zusammengehalten. Da passt dann auch einiges nicht so recht zueinander.

Als ich mit dem Buch begann, war ich davon überzeugt, dass ich es toll finden würde und musste mir dann irgendwann eingestehen: nö. Aber es war sicher nicht mein letzter Roman von Matt Haig – neues Buch, neues Glück?


Verlag: Droemer
Seitenzahl: 416
Erscheinungsdatum: 29. August 2024
ISBN: 978-3426282762
Preis: 24,- € (E-Book: 19,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

6. September 2024

Micha Lewinsky: Sobald wir angekommen sind

Selbstfindung in Brasilien

Ben Oppenheim ist Ende vierzig, semi-erfolgreicher Schriftsteller, nicht praktizierender Jude, lebt in Zürich und von seiner Ehefrau Marina getrennt. Er hat zwei Kinder, eine Geliebte und jede Menge Selbstzweifel. Als der Krieg in Osteuropa jedoch näher zu rücken scheint und Marina und er den Ausbruch des dritten Weltkriegs befürchten, sind sich beide für einen Moment ihrer Sache ganz sicher. Kurz darauf sitzen sie mit Kindern und Gepäck im Flugzeug nach Brasilien – in das Land, in das schon Bens Vorbild Stefan Zweig auf seiner Flucht vor den Nationalsozialisten emigriert ist. Für einen Moment scheint alles möglich, doch dann muss Ben feststellen, dass er seine Unsicherheiten und Probleme nicht in Zürich zurückgelassen hat.

Wäre die Hauptfigur nicht schon fortgeschrittenen Alters, wäre ich glatt versucht, diesen Roman mit „Coming of Age“ zu beschreiben. Doch Ben ist längst erwachsen. Eventuell befindet er sich in einer Midlife-Crisis, doch die Ängste, mit denen er kämpft, scheinen ihn bereits den Großteil seines Lebens zu begleiten und werden von ihm gerne auf seine jüdische Herkunft und die Last der Geschichte zurückgeführt – Bens Reflektionen hierzu haben mich zum Teil berührt und zum Teil überfordert. Paradoxerweise sind diese Ängste sowohl mit extremer Selbstkritik als auch der Gewohnheit, die Schuld bei anderen zu suchen, gepaart. Da der Erzähler Bens Innenleben und Gedanken minutiös enthüllt, bleibt Leserinnen und Lesern wenig erspart: Seine Larmoyanz ist allgegenwärtig und nur erträglich durch die glücklicherweise ebenfalls vorhandene Selbstironie und die pointierte Sichtweise auf das Leben. Als seine Ex zu ihm sagt: „Je schlechter es dir geht, desto lustiger bist du“ antwortet Ben zum Beispiel: „Ohne Deine Hilfe könnte ich das nicht.“

Der Humor und die Neugier darauf, ob und wie Ben sein Leben in den Griff kriegt, haben mich bei der Stange gehalten. „Sobald wir angekommen sind“ liest sich kurzweilig, auch wenn die Hauptfigur einem ein gewisses Maß an Geduld abverlangt. Etwas ratlos, was ich aus diesem Roman eigentlich mitnehme, bleibe ich am Ende dennoch zurück.


Verlag: Diogenes
Seitenzahl: 288
Erscheinungsdatum: 24. Juli 2024
ISBN: 978-3257073157
Preis: 25,- € (E-Book: 21,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

10. Juli 2024

Marc-Uwe Kling: Views

Beklemmend

Die erste Hälfte dieses Buchs habe ich verschlungen. Danach konnte ich nur noch kleine Häppchen von ein, zwei Kapiteln lesen, bevor ich eine Pause brauchte. Marc-Uwe Kling hat einen Richtung Thriller gehenden Roman vorgelegt, der mir als Science-Fiction oder Dystopie deutlich besser gefallen hätte. Dummerweise wirkt er aber realitätsnah sowie gut recherchiert und hat mich dadurch erst so richtig gegruselt. In einem Bericht zur Preview des Buches habe ich gelesen, dass der Autor der Känguru-Chroniken befürchtet hatte, die Realität könnte „Views“ noch vor der Veröffentlichung einholen. Man will es sich nicht vorstellen.

Und worum geht’s? Ein 16-jähriges Mädchen wird vermisst und taucht in einem verstörenden Video als Opfer mutmaßlicher Flüchtlinge wieder auf. Die Empörungsmaschinerie läuft an und gewinnt immer mehr an Fahrt. Während die polizeilichen Ermittlungen erfolglos bleiben, formiert sich eine Art Bürgerwehr, die Jagd auf die Täter machen will. Yasira Saad, Leiterin der zuständigen Soko beim BKA, steht unter immensem Druck. Und dann tauchen weitere Videos auf …

Mehr lässt sich an dieser Stelle kaum erzählen, ohne zu spoilern, und letzteres will ich auf keinen Fall – mich hat „Views“ nämlich mehrmals kalt erwischt, was den beklemmenden Gesamteindruck noch verstärkt hat. Marc-Uwe Kling führt hier gnadenlos vor Augen, wie fragil alles sein kann – das Leben an sich, der zivilisatorische Anstrich, der Rechtsstaat, die Demokratie … keine leichte Lektüre, obwohl sich „Views“ locker-flockig runterliest: kurze Kapitel und eine knackig erzählte Geschichte, die immer verstörendere Züge annimmt, bis hin zum für mich sehr unerwarteten Ende. Jetzt schwanke ich zwischen dem Wunsch nach einem schönen Feelgood-Roman – und dem nach einer Fortsetzung.


Verlag: Ullstein
Seitenzahl: 272
Erscheinungsdatum: 27. Juni 2024
ISBN: 978-3550202995
Preis: 19,99 € (E-Book: 15,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

7. Juni 2024

Rebecca F. Kuang: Yellowface

Buchliebe auf den ersten Blick 

Buchliebe auf den ersten Blick: Das Cover, die Leseprobe, der Farbschnitt mit dem tropfenden Füller – ich wusste sofort, das muss ich lesen. Romane, die den Literaturbetrieb thematisieren, mag ich sowieso, Pointiert-Satirisches ebenfalls und wenn dann noch Richtig und Falsch verschwimmen und die Protagonistin Leserinnen und Leser auf ihre mutmaßlich dunkle Seite zieht, finde ich das ziemlich spannend. „Yellowface“ bietet all das und ist darüber hinaus sehr unterhaltsam geschrieben.


Zum Inhalt: June Hayward und Athena Liu, beide 27 Jahre alt, kennen sich seit dem Studium in Yale, das beide mit einem klaren Ziel vor Augen verfolgt haben: Sie wollten erfolgreiche Autorinnen werden. Athena hat es ein paar Jahre später geschafft, June nicht. Zwar hat auch sie einen Verlag gefunden, der ihren Debütroman veröffentlicht hat, doch der Titel fand keine große Aufmerksamkeit und ist mehr oder weniger versandet. Nun hat June eine Schreibblockade und Athena einen Netflix-Deal, auf den sie mit ihrer früheren Kommilitonin anstoßen will. Dass Athena an diesem ausgelassenen Abend das Zeitliche segnet, ist ein tragischer Unfall. Dass June ein unveröffentlichtes Manuskript von ihr einsteckt, eine Kurzschlussreaktion. Dass sie es lektoriert, weiterentwickelt und schließlich als ihres veröffentlicht ein Coup – aber wird sie tatsächlich damit durchkommen?

Autorin Rebecca F. Kuang ist ein temporeicher, überraschender und extrem origineller Roman gelungen. „Yellowface“ setzt sich amüsant-intelligent und erstaunlich ergebnisoffen mit Themen wie dem Autorendasein, geistigem Eigentum und kultureller Aneignung auseinander. Die Irrungen und Wendungen haben mich vielfach verblüfft und gefesselt. Kurz vorm Finale driftet der Roman dann etwas ab und wird noch eine ganze Ecke abgedrehter als vorher. Das Ende fand ich allerdings wieder sehr stimmig und der Geschichte würdig. Ein cooles Buch und einer meiner zwei Frühjahrs-Favoriten.


Verlag: Eichborn
Seitenzahl: 384
Erscheinungsdatum: 29. Februar 2024
ISBN: 978-3847901624
Preis: 24,- € (E-Book: 23,99 €)

24. März 2023

Arno Geiger: Das glückliche Geheimnis

Skurril, originell, authentisch. 

Manche Rezensent*innen erwähnen zuerst die Sprache, wenn sie über ihre Lektüren reden. Ich bin dagegen „Team Inhalt“ – wenn mich die Geschichte nicht packt, können Stil und Sprache für mich auch nichts mehr retten. Dachte ich bisher, aber was Arno Geiger angeht, würde ich wohl eine Ausnahme machen. Seine Sätze sind so elegant, klar und prägnant, dass ich immer wieder das Bedürfnis hatte, sie zu markieren (was ich mir allerdings verkniffen habe und was bei der Fülle von schönen Sätzen auch wenig Sinn machen würde).

Und der Inhalt? „Das glückliche Geheimnis“ handelt vom Doppelleben von Arno Geiger, der 2005 den ersten Deutschen Buchpreis gewonnen hat. Schriftstellerisch tätig war er zu diesem Zeitpunkt schon seit vielen Jahren. Dass er außerdem noch einer anderen Tätigkeit regelmäßig nachging, verheimlichte er jedoch bis jetzt erfolgreich: Arno Geiger hat jahrzehntelang containert. Und zwar speziell in Wiener Papiercontainern. Seine Runden hat er systematisch bei Wind und Wetter am frühen Morgen gedreht und dabei Bücher, Briefe, Fotos gefunden – und vieles mehr, oftmals nichts davon von Wert oder Bedeutung. Es waren aber auch immer wieder alte oder seltene Ausgaben dabei, die er zu Geld machen konnte und die an der Finanzierung seines Schriftstellerlebens grundlegenden Anteil hatten. Und Briefsammlungen, die Einblicke in Seelenleben gaben, die ihm sonst verwehrt geblieben wären. Eindrucksvoll beschreibt Geiger, wie er Briefwechsel so lange seziert hat, bis quasi nichts mehr vom Original übrig war – und wie er die so herausgearbeitete Essenz dann wieder in seine Bücher einfließen lassen konnte. Generell fand ich diese Passagen am stärksten, in denen der Autor über den Schreibprozess oder auch den Literaturbetrieb an sich berichtet. Die Beziehung zu seinen Eltern nimmt keinen größeren Raum an, liest sich aber anrührend, zumal einem Geigers Vater aus seinem Buch „Der alte König in seinem Exil“ bereits bekannt ist. Weniger interessiert haben mich Geigers Liebesbeziehungen und die für meinen Geschmack etwas zu ausführlich beschriebenen, mit ihnen verbundenen Irrungen und Wirrungen, aber vermutlich waren sie in den jeweiligen Phasen seines Lebens so wichtig und prägend, dass er sie auch nicht weglassen konnte.

„Das glückliche Geheimnis“ ist ein besonderes Buch; mir fällt nichts Vergleichbares ein. Dass der Autor sein lange gehütetes Doppelleben hier enthüllt, hat auch mich tatsächlich ein bisschen glücklich gemacht – er verdeutlicht originell und authentisch, wie Schein und Sein auseinanderklaffen können. Und dass das nicht das Schlechteste ist, wenn man etwas hat, was einen erdet – selbst wenn es ein skurriles, geheimes Hobby ist. Sein glückliches Geheimnis hat Arno Geigers Leben bereichert; wie schön, dass er es jetzt teilt.

Verlag: Hanser
Seitenzahl: 240
Erscheinungsdatum: 10. Januar 2023
ISBN: 978-3446276178
Preis: 25,- € (E-Book: 18,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

31. März 2022

Liane Moriarty: Eine perfekte Familie

Hinter der Fassade.

Der letzte Roman von Liane Moriarty, „Neun Fremde“, hat mich begeistert, weswegen ich mich auf das neue Buch der australischen Autorin sehr gefreut habe. „Eine perfekte Familie“ ist ebenfalls ein Lesevergnügen, aber nicht ganz so abwechslungs- und temporeich wie sein Vorgänger.


„Eine perfekte Familie“ – gibt es das überhaupt? Die Delaneys wirken zumindest so: Joy und Stan haben sich bereits als junge Erwachsene und passionierte Tennisspieler kennen und lieben gelernt, gemeinsam eine Tennisschule gegründet und vier Kinder bekommen. Inzwischen sind die beiden um die 70 Jahre alt, der Nachwuchs ist längst ausgezogen und die Tennisschule seit Kurzem verkauft. Zeit für den wohlverdienten Ruhestand – den aber beide nicht so richtig genießen können. Zumindest Joy weiß, wer ihr die Rente versüßen könnte: Enkelkinder! Doch weder ihre beiden Töchter noch die zwei Söhne machen Anstalten, sich fortzupflanzen. Und so richtet sie ihre Aufmerksamkeit auf jemand anderes, der plötzlich abends vor ihrer Tür steht: Savannah, eine junge Frau, die Opfer häuslicher Gewalt geworden ist und auf gut Glück bei den Delaneys angeklopft hat.

Diese Ausgangssituation baut sich langsam und in Rückblenden auf, während bereits der Prolog des Romans mit der Tür ins Haus fällt: Wenige Monate nach den geschilderten Ereignissen ist Joy verschwunden. Zurück bleiben eine kryptische SMS, die sie an ihre Kinder geschickt hat, und Ehemann Stan, der sich nicht groß um sie zu sorgen scheint und auch anderweitig verdächtig wirkt. Doch wie konnte das passieren – und was ist überhaupt geschehen? Liane Moriarty wechselt zwischen zwei Zeitebenen und mehreren Erzählperspektiven: In den Rückblenden erzählt die später verschwundene Joy oft ihre Sicht der Dinge, doch es sind auch immer wieder Kapitel aus den Perspektiven ihrer vier Kinder geschrieben. Letztere sind außerdem meist die Erzähler der im Jetzt spielenden Abschnitte, doch auch die Ermittlerin, die Joys Verschwinden untersucht, kommt mehrfach zu Wort. Nach und nach wird klarer, was in der Vergangenheit passiert ist – wobei die Rückblenden durchaus kleine Längen haben. Nicht zu unterschätzen ist außerdem, dass die Delaneys eine Tennisfamilie sind und der Sport eine große Rolle spielt.

Sehr gelungen sind der Autorin die Einblicke in das scheinbar perfekte Familienleben. Charakterstudien sind Moriartys große Stärke und ihre Enthüllungen rund um die einzelnen Biografien lesen sich packend. Wie sich am Ende alle Puzzleteile zusammenfügen, ist grandios: unvorhersehbar, aber absolut stimmig. Und so macht „Eine perfekte Familie“ durchaus Spaß, auch wenn dem Roman ein paar Straffungen hier und da gutgetan hätten.

Verlag: Diana Verlag
Seitenzahl: 560
Erscheinungsdatum: 8. März 2022
ISBN: 978-3453292604
Preis: 22,00 € (E-Book: momentan 4,99 €!)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.