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16. September 2021

Ayelet Gundar-Goshen: Löwen wecken

Zwischen den Welten.

Die Israeli Ayelet Gundar-Goshen hat einen Roman geschrieben, den Deutschlandradio Kultur als „nachhaltige Verstörung“ bezeichnet hat. Diesem Urteil kann ich mich nur anschließen – „Löwen wecken“ ist kein bequemes Buch, sondern eins, das immer wieder mit dem Finger in die Wunde tatscht, weil es so entlarvend ist. Und gerade das macht es gut.


Neurochirurg Etan führt ein geregeltes Leben: Er ist mit der Kriminalbeamtin Liat verheiratet, hat zwei kleine Söhne und ein schickes Haus in der israelischen Wüstenstadt Beer Scheva. Doch eine kleine Entscheidung stellt sein Leben auf den Kopf: Nach einer Nachtschicht beschließt, er mit seinem Jeep noch durch die Wüste zu rasen – just for fun. Und fährt dabei einen Mann um, einen eritreischen Einwanderer, der zwar nicht sofort tot ist, aber doch keine Chance hat, zu überleben. Als Arzt ist sich Etan sicher – wie er sich ebenso sicher ist, dass sein Leben ruiniert sein wird, wenn er nun Krankenwagen und Polizei ruft. Also stiehlt er sich vom Unfallort nach Hause.
Doch in jener Nacht war nicht nur das Unfallopfer unterwegs, sondern auch dessen Ehefrau Sirkit. Und die sucht Etan auf und macht ihm ein Angebot, dass er nicht ablehnen kann: Er soll illegale eritreische Einwanderer nachts in einer leerstehenden Werkstatt behandeln – sonst verrät sie ihn. Mit großem Widerwillen lässt sich Etan auf diesen Deal ein, während seine Frau Liat und ihre Kollegen versuchen, den Unfallfahrer zu finden.

Israelis, Eritreer und Beduinen – das ist mal wieder ein Roman, der mir eine neue Welt eröffnet hat, aber gleichzeitig auch in ganz anderen Ecken der Erde spielen könnte. Er handelt von Menschen verschiedener Kulturen, die zwar in direkter Nachbarschaft zueinander leben, sich jedoch sehr fremd sind. Etan und Sirkit wären sich ohne den Unfall nie begegnet und bilden jetzt eine Zweckgemeinschaft. Ist Annäherung so möglich?

Ayelet Gundar-Goshen hat einen schonungslosen und desillusionierenden Roman geschrieben. Etan ist nicht besonders sympathisch, aber auch kein schlechter Mensch – genau wie Sirkit, mit der es das Leben nicht gut gemeint hat. Auf der einen Seite wollte ich wissen, wie es mit beiden weitergeht, auf der anderen Seite hatte ich kaum Hoffnung auf ein annähernd gutes Ende. Und so hatte der Roman zwar Sogwirkung, hat mich aber auch mitgenommen. Was bleibt, ist die alte Erkenntnis, dass eine Lüge meist die nächste nach sich zieht sowie der Vorsatz, seinen Mitmenschen etwas aufmerksamer zu begegnen.

Verlag: Kein & Aber
Seitenzahl: 432
Erscheinungsdatum: 1. Februar 2015
ISBN:‎ 978-3036959405
Preis: 14,00 € (E-Book: 13,99 €)

31. August 2021

Sigrid Nunez: Was fehlt dir

Gedankentreiben.

Was fehlt dir – diese Frage könnte die Ich-Erzählerin des gleichnamigen Romans sicher nicht so einfach beantworten. Überhaupt ist sie kein Typ für schnelle Antworten, sondern eher eine abwägende Beobachterin; eine Schriftstellerin, die sich viele Gedanken macht und dabei nachsichtig mit ihren Mitmenschen umgeht: Sie lässt ihnen ihre falschen Erinnerungen, ihre Widersprüchlichkeiten und ihre Urteile. Die Namenlose wirkt, als würde sie sich vom Leben treiben lassen. Und die Lesenden werden mitgetrieben.


Sigrid Nunez Roman „Was fehlt dir“ besteht vor allem aus Gedanken, Erinnerungen, Bewertungen von Situationen aller möglichen Art, die oft etwas schwermütig daherkommen, mich aber doch ziemlich in ihren Bann gezogen haben. Die Autorin schreibt klug und empathisch über zwischenmenschliche Beziehungen, wobei ihre Erzählerin zu Menschen und Ereignissen generell eine gewisse Distanz wahrt. Ihrem stream of consciousness lässt sich gut folgen und sogar dem Krimi, den sie immer wieder zur Hand nimmt.
Sehr gefallen haben mir Stil, Sprache und Gedanken. Die eigentliche Handlung, die erst im zweiten Teil wirklich beginnt, ist berührend – die Begleitung einer krebskranken Freundin durch die Ich-Erzählerin. Der sehr kurze, dritte Teil enthielt allerdings nicht das von mir erwartete Romanende – eigentlich enthält er gar kein Ende. Dass so vieles offen und unausgesprochen bleibt, hat mich ziemlich überrascht – als wären der Autorin ihre Themen auf den letzten Seiten abhandengekommen. Aber gerade dadurch lässt einen „Was fehlt dir“ nicht richtig los. Ich kann mir gut vorstellen, noch weitere Romane der New Yorkerin zu lesen.

Verlag: Aufbau
Seitenzahl: 222
Erscheinungsdatum: 19. Juli 2021
ISBN: 978-3351038755
Preis: 20,00 € (E-Book: 14,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

24. August 2021

Mithu Sanyal: Identitti

Wild, herausfordernd und Buchpreis-nominiert.

Heute ist die Longlist für den Deutschen Buchpreis 2021 veröffentlicht worden. Ich habe mich sehr gefreut, „Identitti“ von Mithu Sanyal darauf zu finden!


Auf dem Cover dieses Romans ist die hinduistische Göttin Kali abgebildet: stark, wild und kämpferisch. Und genauso verhält sie sich als imaginäre Gesprächspartnerin der Hauptfigur Nivedita, die wiederum unter den Künstlernamen Mixed-Race Wonder-Woman und Identitti einen Blog schreibt, der letzteren außerdem als Titel hat. Und so verwirrend das vielleicht schon klingen mag – es ist erst der Anfang von „Identitti“.

Autorin Mithu Sanyal verlangt ihren Leserinnen und Lesern einiges ab – zumindest solchen wie mir, die sich mit Identitätspolitik noch kaum beschäftigt haben. Für Hauptfigur Nivedita, Düsseldorfer Studentin der Postcolonial Studies, ist es dagegen ein urvertrautes Themengebiet, in dem sie es durch Social Media sogar zu einer gewissen Prominenz gebracht hat. Kein Wunder also, dass es ihr den Boden unter den Füßen wegzieht, als die von ihr verehrte, charismatische Lehrstuhlinhaberin Saraswati in der Presse geoutet wird – als deutschstämmig und weiß. Saraswati hatte vorgegeben, indische Wurzeln zu haben; nun kommt raus, dass sie nur durch diverse Eingriffe wie eine PoC aussieht und mit bürgerlichem Namen Sarah Vera Thielmann heißt.

Dass die Frau, der sie ihre eigene Selbstfindung verdankt, die Welt und sie so schamlos betrogen hat, stürzt Nivedita in eine Identitätskrise. Nach der ersten Ohnmacht beschließt sie, Ex-Saraswati (wie die Professorin inzwischen in den sozialen Medien genannt wird) zur Rede zu stellen. Doch diese erscheint kein bisschen zerknirscht, sondern fabuliert von ihrer Überwindung des Weißseins. Und ab da wird diskutiert, demonstriert, angeklagt, geweint, verteidigt und es kommen weitere überraschende Enthüllungen auf den Tisch. „Identitti“ ist ein so dialoglastiger wie temporeicher Roman, in dem immer wieder Blogbeiträge, Twitter-Posts und E-Mail-Einschübe vorkommen. Ich brauchte ein bisschen, um mich an Nivedita zu gewöhnen, aber nach den ersten Kapiteln war ich in ihrer Denke soweit drin, dass mich Buch und Themen gepackt haben und mich selbst die Zwiegespräche mit der vielarmigen Kali nicht mehr irritierten. Ein schillernder, wilder und oft auch abgedrehter Roman, der seinen Leserinnen und Lesern immer wieder abverlangt, die eigene Position in Frage zu stellen und dem Denken eine neue Richtung zu geben. Wenn man sich auf „Identitti“ einlässt, ist es ein intensives und herausforderndes Lesevergnügen.

Verlag: Hanser
Seitenzahl: 432
Erscheinungsdatum: 15. Februar 2021
ISBN: 978-3446269217
Preis: 22,00 € (E-Book: 16,99 €)

11. August 2021

Gesa Neitzel: Löwenherzen

Hommage an die Wildnis.

Dieses Buch ist für alle, die wissen wollen, wie es der deutschen Rangerin Gesa Neitzel nach ihrer Ausbildung im südlichen Afrika ergangen ist. Es wird jedem Spaß machen, der sich für die Tierwelt dieses Teils der Erde interessiert. Und es weckt ohne Zweifel Fernweh, mit der Autorin, ihrem Lebensgefährten Frank und Land Rover Ellie die staubigen Straßen von Botswana, Namibia und Sambia zu bereisen.


Ungefähr drei Viertel von „Löwenherzen“ habe ich sehr gerne gelesen und auch das letzte war nicht schlecht. Während Gesa Neitzel ihre Erlebnisse in Botswana und Namibia jedoch einigermaßen chronologisch zu erzählen scheint, besteht der Sambia-Teil aus eher unzusammenhängenden Fragmenten; außerdem gibt es einen beachtlichen Zeitsprung. Neitzels Safari-Schilderungen lesen sich so anschaulich wie zuvor, dennoch fand ich es schade, wie schnell und bruchstückhaft diese letzten Kapitel abgehandelt wurden.

Die Teile über Botswana und Namibia erinnern eher an Neitzels Erstling „Frühstück mit Elefanten“. Die Autorin hat ihren authentischen Stil beibehalten und vermittelt viel Wissen über Land und Tiere. Hier und da gibt sie Privates preis, wobei sie alles andere als eine Selbstdarstellerin ist. Ihre Liebe zur Wildnis und zur Beobachtung von Tieren in ihrem natürlichen Lebensraum wird auf jeder Seite ebenso deutlich wie ihr Respekt für die Natur. Immer wieder schildert Neitzel ihre Faszination, plädiert leidenschaftlich für Umweltschutz und nimmt ihre Leserinnen und Leser mit ins Abenteuer. Entstanden ist ein würdiger Nachfolger von „Frühstück mit Elefanten“, auch wenn sich ihr erstes Buch aufgrund der Fülle an neuen Erfahrungen und Erkenntnissen und der dichteren Erzählweise noch mitreißender las.

Verlag: Ullstein
Seitenzahl: 304
Erscheinungsdatum: 2. August 2021
ISBN: 978-3864931420
Preis: 16,99 € (E-Book: 14,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

11. Juli 2021

Daniela Krien: Der Brand

Sommer unterm Brennglas.

Auf dem Cover dieses Romans scheint die titelgebende Feuersbrunst abgebildet zu sein. Doch von dem Brand, der am Anfang dieser Geschichte steht, wird nur telefonisch berichtet. Die 49-jährige Hauptfigur Rahel erfährt kurz vor der Abreise, dass das seit Langem für den Sommerurlaub gebuchte Quartier abgebrannt ist. Und so fahren sie und ihr Mann Peter nicht in die Alpen, sondern in die Uckermark und hüten dort den Hof von Freunden, was mehr eine Pflichtübung als die ersehnte Auszeit ist. Dabei wollten sie doch Kraft tanken und einander wieder näherkommen – letzteres hatte sich zumindest Rahel erhofft. Als dann noch ihre Tochter mit den beiden Enkelkindern bei dem Paar einfällt, scheint jegliche Entspannung in weite Ferne gerückt.

„Der Brand“ handelt also von Familie, ist aber weit davon entfernt, eine amüsante Generationengeschichte zu sein. Und das liegt vor allem am sezierenden Stil von Autorin Daniela Krien, die unaufgeregt und schonungslos Gefühle und Situationen schildert. Dabei schafft sie es, ihre Figuren komplex zu charakterisieren, ohne sie zu bewerten oder die Sympathien klar zu verteilen. Krien ist eine dichte Erzählung gelungen, die sich aber auch durch eine überraschende Leichtigkeit auszeichnet, weil einige Themen nur angedeutet und längst nicht alle Krisen detailliert beschrieben oder gar gelöst werden. Dadurch wirkt der Roman sehr lebensnah. Sein großes Thema ist weniger die Geschichte einer Familie oder einer Ehe, sondern die Veränderung von Menschen und ihren Beziehungen im Laufe des Lebens. Die Autorin fängt beides auf eine leise, fast nebensächliche Art und Weise ein, aber ihre präzisen Beobachtungen haben mich das ein oder andere Mal kalt erwischt und einige Sätze hallen nach. Daniela Kriens Roman hinterlässt Spuren.

Verlag: Diogenes
Seitenzahl: 272
Erscheinungsdatum: 28. Juli 2021
ISBN:‎ 978-3257070484
Preis: 22,00 € (E-Book: 18,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

23. April 2021

Igor Levit und Florian Zinnecker: Hauskonzert

Pointiertes Porträt.

Zum Welttag des Buches noch ein Buchtipp von mir: Ich habe gerade „Hauskonzert“ beendet und bin begeistert. „Hauskonzert“ ist, wie auch am Ende thematisiert wird, nicht das typische „Pianistenbuch“ (wobei es zugegebenermaßen das erste Pianistenbuch ist, das ich überhaupt gelesen habe). Und es handelt auch längst nicht nur vom Klavierspielen. Themen sind eine Erfolgsgeschichte mit vielen Rückschlägen, die Rezeption von Kunst, aber auch der Umgang von Menschen miteinander. Das Ganze ist klar und schnörkellos geschrieben und macht gleichzeitig die Faszination von klassischer Musik und die Leidenschaft dafür spürbar.


Autor Florian Zinnecker ist stellvertretender Ressortleiter der Wochenzeitung "Die Zeit" und auch das merkt man „Hauskonzert“ an: Es liest sich wie ein langes, fesselndes und immer wieder auch pointiertes Porträt, das ich gar nicht mehr zur Seite legen wollte.
Dabei hatte ich mich mit Igor Levit bislang nur wenig beschäftigt und höre klassische Musik äußerst selten. Dass dieses Buch mich von Anfang an gepackt hat, lag sicher auch am ungewöhnlichen Blick hinter die Kulissen des Konzertbetriebs. Aber vor allem an der Skizzierung von Levits Person: Sie wirkt komplett authentisch, denn da wird ein Künstler mit Ecken und Kanten und Schwächen sehr menschlich beschrieben – und das im Kontext eines Jahres, das gerade für Künstler sehr schwierig war. Auch das macht den Reiz dieses Buches aus: Geplant wurde es im Dezember 2019, der Konzerttourneeplan für 2020 stand, und dass er ab Mitte März pandemiebedingt komplett umgeworfen werden würde, war noch nicht abzusehen. Levits Perspektive auf diese Zäsur – als Pianist, der sich Rang und Namen bereits erspielt hat – ist spannend zu lesen.

Und dann beschäftigen sich Igor Levit und Florian Zinnecker noch mit Themen, die so gar nichts mit Kunst zu tun haben, mit denen ersterer aber immer wieder konfrontiert wird: Antisemitismus, Rassismus, Hetze. Der Hass im Netz flammt auf, seit Levit sich zu gesellschaftspolitischen und ökologischen Themen öffentlich äußert. Was ihn dabei antreibt und wie er damit umgeht, wird in „Hauskonzert“ ebenfalls angesprochen. Und so gibt es hier Einblicke und Denkanstöße, die dieses „Pianistenbuch“ tatsächlich einzigartig machen.

Verlag: Hanser
Seitenzahl: 304
Erscheinungsdatum: 12. April 2021
ISBN: 978-3-446-26960-6
Preis: 24,00 € (E-Book: 17,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

18. April 2021

Leïla Slimani: Dann schlaf auch du

Das unvorstellbare Grauen.

Eine Nanny, die ihre Schützlinge ermordet – das klingt albtraumhaft und ist eigentlich kein Thema, über das ich Romane lesen möchte. Für dieses Buch habe ich zum Glück eine Ausnahme gemacht und konnte mich seinem Sog kaum entziehen.


Das Grauen ist auf den ersten Seiten von „Dann schlaf auch du“ bereits passiert: Louise, die „Nounou“ von Kleinkind Mila und Baby Adam, hat das ihr anvertraute Geschwisterpaar umgebracht. Es scheint unfassbar, war sie doch der Glücksfall, die gute Fee, die dem Ehepaar Myriam und Paul ermöglichte, trotz Kindern Karriere zu machen. Die ganz selbstverständlich Überstunden schob, Gäste bekochte, das Haus gemütlich und rein hielt. Die sich bereits nach wenigen Tagen unersetzlich gemacht hatte, nie etwas forderte und nie klagte.
Und ihre Arbeitgeber? Ein junges, ehrgeiziges Paar, das alles richtig machen wollte – auch wenn der Spagat zwischen familiärer Nähe und professioneller Distanz bisweilen seine Tücken hatte.

Die große Frage, die die Lektüre von „Dann schlaf auch du“ von Anfang an begleitet, ist natürlich die nach dem Warum. Leïla Slimani liefert keine einfachen Antworten darauf. Sie schildert stattdessen, wie Myriam und Paul Louise erstmals treffen, sie einstellen und wie das Leben mit Nounou so läuft. Ab und an berichten kurze Kapitel von Louises Leben außerhalb der Altbauwohnung der Familie im 10. Arrondissement von Paris. Hinzu kommen nach und nach kleine Einblicke in die Vergangenheit. Und so baut sich eine untergründige Spannung auf, die kaum zu erfassen und noch schwieriger zu beschreiben ist. Klar ist nur: Es bahnt sich etwas an.

Slimanis Figuren sind komplex. Die Autorin legt ihre Gedanken und Gefühle nicht komplett offen, macht sie aber doch in vielen kurzen Kapiteln hinreichend nahbar. Für mich hätte dieser Roman durchaus länger und ausführlicher sein können, speziell die Perspektive einer nur in Rückblicken auftauchenden Nebenfigur hätte mich sehr interessiert. Dennoch: Als Komposition ist „Dann schlaf auch du“ perfekt. Und hat mich nachhaltiger beeindruckt als so mancher Thriller.

Verlag: Luchterhand
Seitenzahl: 224
Erscheinungsdatum: 21. August 2017
ISBN: 978-3630875545
Preis: 20,00 € (Taschenbuchausgabe: 10,00 €, E-Book: 9,99 €)

5. April 2021

Katherine Collette: Das Einmaleins des Glücks

Gefühlslegasthenikerin im Gewissenskonflikt.

Die 37-jährige Mathematikerin Germaine ist anders als die anderen. Von Zahlen versteht sie viel, von Menschen wenig. Zwischentöne sind ihr fremd, Fettnäpfchen nicht – wobei sie meist noch nicht einmal bemerkt, wenn sie wieder einmal in eins gestolpert ist. Durch Vermittlung ihrer Cousine erhält sie eine Stelle bei der Stadtverwaltung und wird ausgerechnet am Beratungstelefon für Senioren eingesetzt, was ihr überhaupt nicht zusagt. Zum Glück hat die Bürgermeisterin Höheres mit der leidenschaftlichen Sudoku-Spielerin vor und schiebt ihr Spezialaufträge zu. Nach und nach stellt sich allerdings heraus, dass diese ganz und gar nicht im Interesse der Senioren sind. Und plötzlich steckt die sonst sehr auf ihren eigenen Vorteil bedachte Germaine in einem Gewissenskonflikt.


Wer Graeme Simsions „Rosie-Projekt“, „Rosie-Effekt“ und „Rosie-Resultat“ mochte, wird vermutlich auch Germaine ins Herz schließen, auch wenn das gar nicht so einfach ist. Die Gefühlslegasthenikerin hat nämlich nicht nur Probleme, ihre Mitmenschen zu verstehen, sie sind ihr auch relativ egal. Germaine fühlt sich verkannt, ist ehrgeizig und sehnt sich nach jemandem, der ihr Potential zu schätzen weiß. Nach und nach wird klar, dass sie in ihrem Leben einige große Enttäuschungen erlebt und sich daher einen ziemlich dicken Schutzpanzer zugelegt hat.

Germaines zwischenmenschliche Begriffsstutzigkeit ist ab und an ganz erheiternd, allerdings nutzt sich dieser Effekt mit der Zeit ab. Etwas bedauert habe ich, dass alle anderen Charaktere doch recht blass bleiben, obwohl sie durchaus Potential hätten. Autorin Katherine Collette hat offensichtlich ein Herz und Händchen für leicht skurrile, verschrobene Figuren, konzentriert sich aber komplett auf Germaine. Etwas mehr Abwechslung hätte die Geschichte bereichern können.

Trotzdem ist „Das Einmaleins des Glücks“ gut lesbar, hat mich immer mal wieder zum Schmunzeln gebracht und am Ende zufrieden zurückgelassen. Eine nette Zwischendurch-Lektüre.

Verlag: insel taschenbuch
Seitenzahl: 400
Erscheinungsdatum: 18. Januar 2021
ISBN: 978-3458681274
Preis: 11,00 € (E-Book: 10,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

28. März 2021

Cho Nam-Joo: Kim Jiyoung, geboren 1982

Ausweglos.

Laut Kiepenheuer & Witsch wurden weltweit bislang über zwei Millionen Exemplare dieses südkoreanischen Romans verkauft. Dass die nüchtern erzählte Geschichte vielerorts einen Nerv trifft, ist gut vorstellbar: „Kim Jiyoung, geboren 1982“ handelt von der systematischen Benachteiligung von Frauen.


Die Südkoreanerin Kim Jiyoung ist verheiratet und Mutter einer kleinen Tochter, als sie 2015 plötzlich schizophrene Schübe erleidet. Sie schlüpft gegenüber ihrem Mann in die Rolle ihrer Mutter, ihres Kindes oder einer Freundin und artikuliert deren Bedürfnisse, als wären es ihre. Danach kann sie sich an nichts erinnern. Im Folgenden arbeitet ein Psychiater Jiyoungs Lebensgeschichte auf, die in diesem Buch erzählt wird.

Der Ton des Romans ist dann auch sachlich berichtend und hat mich gerade dadurch berührt. Hier wird nicht erklärt oder bewertet, sondern ein durchschnittliches Frauenleben beschrieben. Für Jiyoungs Familie beginnt es bereits mit einer Enttäuschung, hatte diese doch auf einen Sohn gehofft. Werden Jiyoung und ihre ältere Schwester dennoch von ihren Eltern geliebt? Nichts spricht dagegen. Aber sie sind eben „nur“ Mädchen. Mädchen, die in einer erschreckend patriarchalischen Gesellschaft von Beginn an systematisch diskriminiert werden. Und die dennoch viel mehr Möglichkeiten und Freiheiten haben als ihre Mütter und Großmütter und dadurch in einem seltsamen Spannungsfeld aufwachsen.

Ungewöhnlich wird die Geschichte dadurch, dass Jiyoung eben nicht die rebellierende Heldin ist, über die normalerweise Romane geschrieben werden. Schon auf dem Cover ist sie gesichtsloser Durchschnitt. Jiyoung akzeptiert die Sonderstellung des kleinen Bruders. Sie geht nicht auf die Barrikaden, weil Mädchen keine Klassensprecherinnen werden können. Sie wird nicht wütend, wenn man ihr Schuldgefühle einredet, weil Jungen sie belästigen. Kurz gesagt ist sie so, wie die Gesellschaft sie haben möchte: folgsam, angepasst, diszipliniert und strebsam. Jiyoung ist von klein auf bewusst, dass sie besser sein muss als ihre männlichen Altersgenossen. Doch sie erfährt auch immer wieder, dass selbst das nicht reicht, um annähernd gleiche Chancen zu bekommen: in der Schule, im Studium, im Job.

Autorin Cho Nam-Joo unterfüttert ihren Roman ab und an mit Fußnoten, in denen sie genannte Zahlen belegt, z.B. zu Abtreibungen oder zum Gender-Pay-Gap. Die lakonische Erzählung bekommt dadurch noch mehr Gewicht. Die männlichen Nebenfiguren bleiben blass in diesem Roman, Protagonistin Jiyoung ist es jedoch auch – auf eine erschütternde Weise. Sie ist nicht die sanfte Lenkerin ihres Mannes, wie ihre Mutter. Sie begehrt nicht auf, wie ihre Schwester. Sie erfüllt die Erwartungen, wie sie es von Kindesbeinen an gelernt hat. Und führt den Lesenden vor Augen, was sie davon hat: nicht das Leben, das sie wollte.
Die Situation in Südkorea ist speziell, Jiyoungs Geschichte jedoch trotzdem universell – einzelne Aspekte ihres Lebens werden überall nachvollzogen werden können. Und so entwickelt dieser emotionslos und kompakt erzählte Roman einen ganz eigenen, traurigen Nachhall und rüttelt gerade dadurch auf.

Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Seitenzahl: 208
Erscheinungsdatum: 11. Februar 2021
ISBN: 978-3462053289
Preis: 18,00 € (E-Book: 14,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

30. Dezember 2020

Lola Randl: Die Krone der Schöpfung

Unruhiger Roman über eine seltsame Zeit.

In seiner Sendung „Druckfrisch“ vom 13.09.2020 hat Dennis Scheck dieses Buch „einen wunderbaren Erkenntnisblitz“ genannt. Hmm. Bei mir blitzten während der Lektüre keine größeren Erkenntnisse auf. Ein Wiedererkennen gab es aber durchaus, denn in Lola Randls zweitem Roman „Die Krone der Schöpfung“ schlägt sich eine namenlose Ich-Erzählerin durch die ersten Monate der Corona-Pandemie.


Die Hauptfigur googelt, lauscht Virologen, macht Homeschooling mit ihren Kindern, sorgt sich um ihre Mutter und fürchtet insgeheim, bereits erkrankt zu sein. Überdies muss sie sich mit Mann und Liebhaber auseinandersetzen, verliert einen Auftrag und beginnt, eine Zombieserie für Amazon zu schreiben: „Honka, Bar des Vergessens“ liest sich genauso trashig, wie es klingt und ist in „Die Krone der Schöpfung“ in 11 kurzen Kapiteln komplett abgedruckt. Überhaupt sind alle Kapitel kurz, viele umfassen gerade mal eine halbe Seite. Lola Randls Protagonistin ist höchst sprunghaft in ihren Gedanken, aber auch die Autorin springt nicht nur zwischen ihr und der Zombiserie hin und her, sondern auch noch zwischen der Perspektive einer Talkshowmoderatorin und der des US-Präsidenten.
Am Faszinierendsten fand ich allerdings die Einschübe zu Viren, Fledermäusen und Parasiten wie dem Kleinen Leberegel, die wie aus einem populärwissenschaftlichen Sachbuch wirken. Zudem ergänzen sie das Bild von der gegen ihre Verunsicherung ankämpfenden Ich-Erzählerin, die sich durch Aneignung ergoogelten Wissens zu beruhigen versucht. Der Erzählstil und das ambivalente Verhalten der Protagonistin verdeutlichen die Ungewissheit, die Widersprüchlichkeit und das Diffuse der Situation auf jeder Ebene.

Allerdings nutzt sich der eigenwillige Stil im Laufe dieses skurrilen Romans etwas ab. Es findet keine Entwicklung statt, sehr wenig wird zuende geführt. Das kann man Randl kaum zum Vorwurf machen, hat sie doch einen frühen Roman zu einer laufenden Pandemie vorgelegt, aber so richtig zufriedenstellend war das Leseerlebnis für mich nicht. Im Kosmos der Ich-Erzählerin bleiben außerdem alle anderen Figuren nicht nur namenlos, sondern auch blass, während ihr eigenes egozentrisches, überfordertes und kopfloses Verhalten immer schlimmer wird. Lösungen, Beruhigung oder einen hoffnungsvollen Ausblick bietet „Die Krone der Schöpfung“ nicht. Der Roman ist trotz aller Überspitzung sehr nah an der Realität – vermutlich wird man ihn in ein, zwei, drei Jahren anders lesen. Ich schaue dann bestimmt noch einmal rein.

Jetzt wünsche ich aber erst einmal allen hier Mitlesenden einen guten Rutsch in ein gesundes und glückliches Jahr 2021!

Verlag: Matthes & Seitz
Seitenzahl: 214
Erscheinungsdatum: 2. September 2020
ISBN: 978-3751800068
Preis: 18,00 € (E-Book: 12,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

17. Oktober 2020

Amity Gaige: Unter uns das Meer

Psychogramm einer Ehe.

„Niemand hätte jemals den Ozean überquert, wenn er die Möglichkeit gehabt hätte, bei Sturm das Schiff zu verlassen.“ – dieses Zitat des Erfinders Charles F. Kettering würde die Hauptfigur dieses Buches sicher unterschreiben. Juliet und ihre Familie segeln im eigenen Boot auf dem Karibischen Meer und haben dabei nicht nur mit Unwettern zu kämpfen.

Davon berichtet „Unter uns das Meer“, der neue Roman der amerikanischen Autorin Amity Gaige. Er ist größtenteils aus zwei Perspektiven erzählt, die durch ein unterschiedliches Schriftbild geschickt voneinander abgegrenzt sind. Die beiden Protagonisten sind ein Ehepaar, das seinen mehrmonatigen Segeltörn mit zwei kleinen Kindern schildert. Der Mann, Michael, ist die treibende Kraft dahinter, seine Frau Juliet hat irgendwann nachgegeben und so steuern sie ihre Familie schließlich in einem Boot über das Karibische Meer. Doch vor Problemen lässt sich nicht davonsegeln, und Probleme haben Michael und Juliet jede Menge – miteinander, mit anderen und mit sich selbst; beide schleppen unverarbeiteten, zum Teil nie ausgesprochenen Ballast mit sich herum. Immer wieder wird außerdem deutlich, dass es Juliet in der Romangegenwart absolut nicht gut geht. Sie sitzt in einem Schrank, während sie ihren Part der Geschichte erzählt. In Michaels Schrank. Michael dagegen schildert seine Gedanken im Logbuch des Schiffes. Die Diskrepanz zwischen den beiden Perspektiven erzeugt eine unterschwellige Spannung, die Sogwirkung entwickelt. Wie das Segelboot der beiden steuert die Geschichte auf etwas zu, aber Autorin Amity Gaige lässt die Lesenden lange im Unklaren darüber, wohin die Reise geht.

Und so navigiert sie mit sicherer Hand zwischen Drama, Abenteuerroman, Familiengeschichte und Psychogramm einer Ehe hin und her. Es geht um den Wunsch nach Freiheit und Selbstbestimmung, aber auch um den Umgang mit Ängsten und Traumata. Verschiedenste zwischenmenschliche Untiefen werden nach und nach gnadenlos ausgeleuchtet. Und immer wieder fordert das Meer volle Aufmerksamkeit und nimmt dabei keinerlei Rücksicht auf die Befindlichkeiten der Protagonisten. Ein ungewöhnlicher Roman, bei dem mir sehr lange nicht klar war, worauf er hinausläuft, der mich aber trotzdem (oder gerade deswegen?) gefesselt hat. Intelligent geschrieben und packend erzählt.

Verlag: Eichborn
Seitenzahl: 384
Erscheinungsdatum: 30. September 2020
ISBN: 978-3847900511
Preis: 22,00 € (E-Book: 16,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

15. Oktober 2020

Marie-Renée Lavoie: Tagebuch einer furchtbar langweiligen Ehefrau

Nicht mein Humor.

Es ist die Woche der Frankfurter Buchmesse, die dieses Jahr größtenteils digital stattfindet. Und damit der ideale Zeitpunkt, das Buch als solches zu feiern, weswegen es mir auch etwas leid tut, dass ich gerade jetzt eines verreiße - und dann auch noch einen Titel vom Eichborn Verlag, den ich ansonsten sehr mag. Aber der Roman ist von einer kanadischen Autorin und passt dadurch bestens zur Buchmesse, bei der ja Kanada Gastland ist. Außerdem habe ich als letztes auch wieder einen sehr guten Eichborn-Roman gelesen, dessen Rezension ich am Samstag teilen werde. Und mit zwei Rezensionen pro Woche ist das dann ja auch schon wieder eine Feier des Buches!


Auf das „Tagebuch einer furchtbar langweiligen Ehefrau“ hatte ich mich sehr gefreut. Das Cover gefiel mir, den ironischen Titel fand ich vielversprechend und die Leseprobe originell. Aber dann ist der Funke leider nicht übergesprungen.
Die Kanadierin Marie-Renée Lavoie erzählt von Diane, die im Alter von 48 Jahren von ihrem Mann verlassen wird, was für sie völlig überraschend kommt. Das Leben verlief doch in so klaren, bequemen Bahnen: Die Kinder sind aus dem Haus und die Silberhochzeit steht an – die der untreue Gatte (ja, natürlich steckt eine andere, weitaus jüngere Frau hinter der Trennung) auch gerne noch feiern möchte, „denn das erwarten alle und sie haben es verdient“. Wie rücksichtsvoll! Jacques bittet seine Noch-Ehefrau, über diesen Vorschlag nachzudenken. Diane tut das auch, legt sich dann ein Facebook-Profil an, schickt Freundschaftsanfragen an alle Menschen, die sich auch nur entfernt kennt und verkündet dann nicht nur ihre Trennung, sondern auch den Silberhochzeitsfeier-Vorschlag ihres Mannes.

Schon diese kurze Passage zeigt, dass Diane offensichtlich nicht ganz so berechenbar und selbstlos ist, wie von ihrem Umfeld angenommen. Aber wer ist sie eigentlich – ohne Jacques? Dieser Roman erzählt vom Versuch einer Frau, ihr Leben neu in die Hand zu nehmen. In Tagebuchform wird die Verarbeitung einer Trennung geschildert und alle sie begleitenden Emotionen: Verzweiflung, Trauer, Trotz, kleine Rachen und Absurditäten inklusive.

Das hätte anrührend und lustig sein können, war es aber leider nicht im erwarteten Maße. Mein Problem: Diane blieb mir irgendwie fremd. Ihre Aktionen fand ich meist leicht übertrieben, nicht wirklich nachvollziehbar und ein gewisses Fremdschäm-Potential hatten sie auch. Außerdem kokettierte sie mir deutlich zu oft damit, dass sie ja ach so langweilig sei. Der Humor dieses Romans war leider einfach nicht meiner.

Verlag: Eichborn
Seitenzahl: 256
Erscheinungsdatum: 28. August 2020
ISBN: 978-3847900641
Preis: 18,00 € (E-Book: 13,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

9. Oktober 2020

David Szalay: Turbulenzen

Temporeicher Episodenroman.

Es heißt, dass man über sechs bis sieben Ecken jeden anderen Menschen auf der Welt kennt. In diesem Episodenroman sind es 13 Ecken, die wieder zu der Person führen, bei der die Geschichte ihren Ausgangspunkt genommen hat. Und aus jeder Ecke wird ein kleiner Einblick in ein Leben.


Die „Turbulenzen“ des britischen Autors David Szalay haben es in sich und führen die Lesenden einmal um den Globus. Auf jeder Strecke, an jeder Station wird ein anderer Protagonist begleitet, der mit der Hauptperson des vorigen und der des folgenden Kapitels in mal mehr, mal weniger loser Verbindung steht. Was alle eint: eine gewisse, mindestens temporäre Einsamkeit, wie man sie z.B. erlebt, wenn man alleine eine Flugreise antritt. Außerdem sind alle Figuren entweder bereits in „Turbulenzen“ geraten oder haben diese unmittelbar vor sich. Und so erzählen die mit Flugrouten überschriebenen Kapitel von Scheidewegen und Wendepunkten.

Obwohl man jeden Protagonisten nur ein paar Seiten lang begleitet, vermitteln diese einen lebhaften Eindruck von Charakteren und Lebenssituationen. Die kurzen Kapitel handeln von den Zufällen, die Menschen zusammenführen. Und von Schicksalsschlägen, die das Leben des einen auf den Kopf stellen und die der andere nur am Rande wahrnimmt. Der Taxifahrer oder die Sitznachbarin im Flugzeug sind schnell vergessen und ebenfalls wieder mit ihren eigenen Leben beschäftigt.

Mir hat dieser rasante Roman voller schneller Wechsel sehr gut gefallen. Die Lektüre ist wie ein temporeicherr Ritt um die Welt, eine flüchtige Begegnung folgt auf die nächste, ein Schicksal streift das andere. Sehr abwechslungsreich und doch mit Tiefgang.

Verlag: Hanser
Seitenzahl: 136
Erscheinungsdatum: 17. August 2020
ISBN: 978-3446267657
Preis: 19,00 € (E-Book: 14,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

1. Oktober 2020

Ronya Othmann: Die Sommer

Starkes Debüt, aufrüttelnd erzählt.

Dieser Roman wurde nicht für den Deutschen Buchpreis 2020 nominiert, aber meinem Empfinden nach hätte er definitiv auf die Longlist gehört. Ich habe lange nichts mehr so eindringlich Geschriebenes gelesen.


Die titelgebenden Sommer in Ronya Othmanns Romandebüt sind die Ferien, die Leyla Jahr für Jahr bei ihren Großeltern verbringt. So weit, so normal; allerdings wohnen die Großeltern nicht an Nord- oder Bodensee, sondern in Kurdistan – einem Land, das es offiziell gar nicht gibt und dessen Namen Leyla auf keinen Fall vor Dritten erwähnen soll. Das jedenfalls schärft ihr kurdischer Vater seiner Tochter von Kindesbeinen an ein. Und so lebt Leyla von klein auf mit einer Schere im Kopf: Hier ihr deutsches Leben in der Nähe von München, da ihre kurdischen Sommer bei den Großeltern in Nordsyrien. Hier Wohlstand, da einfachste Verhältnisse. Hier nur die Eltern, da eine Großfamilie. Hier das Leben eines Durchschnittsteenagers, da Angehörige einer stets bedrohten Minderheit als Jesidin.

Leyla liebt ihre Sommer und Ronya Othmann gelingt es, sie für die Lesenden erfahrbar zu machen – immer wieder geht es um Licht, Gerüche, Haptik. Im Buch scheitert die Protagonistin dagegen daran, ihren deutschen Klassenkameraden und Freundinnen dieses andere Leben nahezubringen. Es rührt an, wie Leyla, die Außenseiterin mit der deutschen Mutter, im Laufe eines Sommers mehr und mehr im nordsyrischen Dorf ankommt, um dann durch ihre Abreise wieder in eine andere Welt katapultiert zu werden und im Jahr darauf erneut von vorne anzufangen.

„Die Sommer“ ist ein wichtiges Buch – über Verfolgung, Flucht und Heimatlosigkeit, ein Leben als Außenseiterin und Fremdheit im eigenen Land. Gleichzeitig ist die Grundstimmung von einer unbestimmten Sehnsucht nach Menschlichkeit, Zugehörigkeit und Frieden geprägt. Wie nebenbei erzählt Ronya Othmann die Geschichte der Jesiden; von Vertreibung, Flucht, Schikane, staatlicher Willkür und ständiger Benachteiligung. Sie erzählt sie durch Leylas Vater, der seine gesamte Freizeit vor dem Fernseher verbringt und sämtliche arabische Nachrichtensendungen verfolgt, die er finden kann. Der davon träumt, dass verschiedene Ethnien und Religionen gleichberechtigt in einer Demokratie zusammenleben – und dessen Hoffnungen mit Ausbruch des Krieges in Syrien wieder einmal zerstört werden. Ab da verbringt Leyla, inzwischen fast erwachsen, ihre Sommer in Deutschland und entfremdet sich trotzdem mehr und mehr von ihrer Umgebung. Ihre Zerrissen- und Verlorenheit sowie ihre Ohnmacht werden dabei immer erdrückender. Blass bleibt dagegen Leylas Mutter, die allerdings auch nur eine Nebenfigur ist: eine pragmatische Krankenschwester, die ihren Ehemann und dessen kurdische Verwandtschaft bedingungslos unterstützt und offensichtlich keinerlei Verwandte oder Freunde hat, mit denen sie ihre Tochter auch in Deutschland etwas verwurzeln könnte. Das fand ich etwas unstimmig, aber es war auch das einzige.

Verlag: Hanser
Seitenzahl: 288
Erscheinungsdatum: 17. August 2020
ISBN: 978-3446267602
Preis: 22,00 € (E-Book: 16,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

30. August 2020

Linda Holmes: Weil alles jetzt beginnt

Aufstehen, Krönchen richten, weitergehen.

Blumiges Cover, nichtssagender Titel – und doch steckt in diesem Buch weitaus mehr als ein durchschnittlicher Frauen-/Unterhaltungsroman. Dabei scheinen die Rollen klassisch-klar verteilt: Bei Evvie, Anfang 30 und seit einigen Monaten verwitwet, zieht Baseballprofi Dean als Untermieter ein. Schon ahnt man, was kommen wird – aber so einfach ist es ganz und gar nicht. Dean ist regelrecht aus New York geflohen, da er aufgrund von plötzlich aufgetretenen, unkontrollierten Muskelzuckungen keinen Korb mehr trifft. Und Evvie, die ihre Jugendliebe geheiratet und ihr ganzes Leben in Maine verbracht hat, hütet ein Geheimnis, an dem sie fast zugrunde geht.



Und so ist Linda Holmes Roman „Weil alles jetzt beginnt“ längst nicht nur eine Liebesgeschichte. Hier gibt's die unterschiedlichsten Emotionen; Humor und Tiefgang blitzen immer wieder an unerwarteter Stelle hervor. Die Handlung umfasst ein Jahr, aufgeteilt auf die vier Jahreszeiten, die auch die Blätter und Blumen auf dem Cover aufgreifen. Auf den ersten Blick wirkt die Gliederung dadurch sehr klar, doch Holmes hat ein ganz eigenes Erzähltempo. Stellenweise plätschert die Geschichte irritierend langsam dahin, erzählte Anekdoten kommen ohne größeren Zusammenhang aus und grundlegende Themen werden lange, sehr lange außer Acht gelassen. Aber auch im wahren Leben baut ja nicht alles gleichmäßig aufeinander auf und gerade die gelegentliche Lethargie von Hauptfigur Evvie macht sie sehr menschlich. Mich hat positiv überrascht, wie rund die Geschichte am Ende doch noch wurde; das tröstete mich im Nachhinein über gelegentliche Längen und Auslassungen hinweg. Und endlich wurde auch klar, worum es ging: nicht um „happily ever after“, sondern um Neustarts – gleich mehrere. Darum, dass das Leben weitergeht, aber auch immer mal wieder einen kleinen Schubs vertragen kann. „Weil alles jetzt beginnt“ – auch, wenn der Weg dorthin steinig ist.

Verlag: Lübbe
Seitenzahl: 368
Erscheinungsdatum: 28. August 2020
ISBN: 978-3785727102
Preis: 14,90 € (E-Book: 11,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

16. August 2020

Kristof Magnusson: Ein Mann der Kunst

Künstlerisch wertvoll.

Vor Jahren habe ich schon einmal einen Roman von Kristof Magnusson gelesen. "Das war ich nicht" hatte mich damals komplett begeistert und so war ich sehr neugierig auf dieses neue Buch. Magnusson verschreibt sich darin voll und ganz der Kunst, mit dem ihm eigenen leisen Humor und einigen ironischen Untertönen
.



In "Ein Mann der Kunst" macht der Förderverein eines Frankfurter Museums eine Kulturreise zu einem zurückgezogen lebenden Maler. Dem Werk des verehrten KD Pratz könnte ein Neubau gewidmet werden – wenn er sich des Vorhabens würdig erweist. Blöd, wenn die Gastgeberqualitäten des Genies sich als überaus eingerostet erweisen. Schon bald ist nicht mehr klar, was Kunst ist, was wegkann und wie das alles weitergehen soll.

Kristof Magnusson erzählt plaudernd-amüsant mit einem ganz besonderen Händchen für die von ihm erschaffenen Figuren. Sie sind nicht nur sehr nahbar, sondern voller liebevoll ausgestalteter Marotten. Bildungsbürger, Neureiche, Pensionäre und Fans – alle sorgen für kurzweilige Dialoge und werden augenzwinkernd karikiert. Wer Kunstliebhaber ist oder kennt, schmunzelt sicher noch etwas mehr als andere. Im überraschenden Finale nimmt der Roman dann richtig Fahrt auf. Eine originelle Lektüre!

Verlag: Verlag Antje Kunstmann
Seitenzahl: 220
Erscheinungsdatum: 12. August 2020
ISBN: 978-3956143823
Preis: 22,00 € (E-Book: 16,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

20. Juni 2020

Corina Bomann: Die Sturmrose

Überladen und doch platt.

Auf Rügen im Urlaub sein und währenddessen einen auf Rügen spielenden Roman lesen – die Idee hat mir gefallen. Dieses Buch war jedoch trotz Binz-, Sassnitz- und Ostsee-Flair ein Missgriff; völlig überladen mit dramatischen Geschichten, die in seltsamem Kontrast zu den platten Dialogen standen. Schade!


Corina Bomanns Roman „Die Sturmrose“ handelt von der Werbefachfrau Annabel Hansen, die mit ihrer fünfjährigen Tochter Leonie nach Binz zieht, weil sie auf Rügen ein neues Leben beginnen will. Nachdem die beiden ihr Traumhaus bezogen haben, entdeckt Annabel im Sassnitzer Hafen auch noch ihr Traumschiff: die titelgebende „Sturmrose“, einen alten Kutter, der demnächst versteigert wird. Für Annabel ist es Liebe auf den ersten Blick, doch schnell stellt sich heraus, dass sie einen äußerst entschlossenen Mitbieter hat. Christian Merten trägt einige Geheimnisse mit sich herum, doch auch die „Sturmrose“ hat eine bewegtere Geschichte hinter sich, als Annabel ahnt.

Als Ich-Erzählerin lässt Annabel die Lesenden an jedem kleinsten Gedanken, jeder aufkeimenden Gefühlsregung teilhaben. Ich habe mir oft gewünscht, dass dem nicht so wäre, bewegt sich doch alles eher auf Soap-Niveau. Besonders fiel das auf, als drei andere Charaktere kapitelweise zu Wort kamen und ihre Geschichte erzählten: Der Stil blieb stets der gleiche, Gedanken und Dialoge waren einfach platt und so wirkten diese anderen Protagonisten ähnlich naiv wie die Hauptfigur, was mich beim Lesen doch ziemlich störte.

Insgesamt scheinen komplexe Charaktere nicht Bomannns Sache zu sein; es gibt viel Gut, etwas Böse und kaum Schattierungen. Der schmierige Ex-Stasi-Mitarbeiter, der verantwortungslose Exmann, die überaus patente Adoptivmutter und die so goldige wie pflegeleichte Fünfjährige – alle wirkten wie aus dem Bilderbuch. Und auch die Handlung mit ihren dramatischen Wendungen und ein paar unglaubwürdigen Zufällen überzeugte mich nicht, da wurde einfach viel zu viel zwischen die Buchdeckel gepresst: deutsch-deutsche Geschichte, Republikflucht, Adoption, Trennungsdrama, Liebesgeschichte, Schiff-Restaurierung … weniger wäre hier mehr gewesen, auf allen Ebenen. „Die Sturmrose“ konnte mich leider so gar nicht überzeugen.

Verlag: Ullstein
Seitenzahl: 560
Erscheinungsdatum: 6. März 2015
ISBN: 978-3548286686
Preis: 11,00 € (E-Book: 8,99 €)

6. Mai 2020

Adeline Dieudonné: Das wirkliche Leben

Wilder Ritt in bedrohlicher Atmosphäre.

Dieses Romandebüt stand laut Klappentext „monatelang auf der französischen Bestsellerliste, wurde mit 14 Literaturpreisen ausgezeichnet und wird in 20 Sprachen übersetzt“. Wow! Und trotzdem war ich mir zunächst unsicher, ob ich es wirklich lesen will. Coming-of-Age-Geschichten mag ich, aber diese hier klang düster. Und schon das Cover mit Krakelschrift, springendem Hasen und grellem Pink macht deutlich, dass dieses Buch keine Wohlfühllektüre ist.


Adeline Dieudonné hat in „Das wirkliche Leben“ eine namenlose Heldin erschaffen, die ich nicht so schnell vergessen werde. Das Mädchen ist zu Beginn des Romans erst 10 Jahre alt. Sie wohnt mit ihren Eltern, ihrem vier Jahre jüngeren Bruder Gilles und einigen Haustieren in einem Einfamilienhaus in einer grauen Siedlung. Von außen mag alles normal wirken, doch der Schein trügt: Der Vater, ein passionierter Trophäenjäger, tyrannisiert seine Familie und verprügelt seine Frau. Deren einziges Glück scheinen die Tiere zu sein; die beiden Kinder bleiben weitestgehend sich selbst überlassen. Das Mädchen liebt seinen kleinen Bruder sehr, doch dann passiert etwas, das ihn von ihr wegtreibt. Gegen alle Widerstände beginnt die Protagonistin, um Gilles zu kämpfen.

Die Belgierin Dieudonné erzählt die brutalen Geschehnisse knapp und präzise aus Sicht ihrer einsamen, zerbrechlichen und doch starken Heldin. Der nur 240 Seiten umfassende Roman deckt dabei die sich zuspitzenden Ereignisse von vier oder fünf Jahren ab. Es gibt durchaus auch ein paar ruhigere Passagen, doch insgesamt liest sich die Coming-of-Age-Geschichte wie eine Hetzjagd: Die unterschwellige Bedrohung, der das Mädchen in seinem Zuhause von Anfang an ausgesetzt ist, ist omnipräsent – und nimmt mehr und mehr zu. Die Ich-Erzählerin bleibt stets wachsam, was sich auf mich als Leserin komplett übertragen hat und mich zunehmend nervös werden ließ. Und obwohl das Ganze sehr packend erzählt ist, musste ich „Das wirkliche Leben“ ab und an beiseitelegen, weil ich es stellenweise kaum ertragen konnte – doch gleichzeitig wollte ich diese ungewöhnliche Protagonistin, die mehr schultert, als es irgendeine Heranwachsende sollte, nicht alleine lassen. „Das wirkliche Leben“ geht unter die Haut. Letztlich ist es kein Roman über vernachlässigte Kinder in einem dysfunktionalen Elternhaus, sondern die Geschichte eines atemlosen Kampfes um eine Zukunft, für ein besseres Leben; für den Menschen, den man liebt. Ein verstörender Roman, der gleichzeitig Hoffnung macht.

Verlag: dtv
Seitenzahl: 240
Erscheinungsdatum: 24. April 2020
ISBN: 978-3423282130
Preis: 18,00 € (E-Book: 14,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

18. Februar 2020

Jami Attenberg: Nicht mein Ding

Was hat sie bloß so ruiniert?

Total mein Ding ist das Cover dieses Buches. Es zeigt das Gesicht einer gezeichneten Frauenfigur, in ihrer Sonnenbrille spiegelt sich das Empire State Building. Durch den ungewöhnlichen Bildausschnitt, den flächigen Zeichenstil und die kräftigen Farben ist das Cover ein absoluter Eyecatcher und noch dazu sehr ungewöhnlich.


Ungewöhnlich ist auch der gesamte Roman von Jami Attenberg, der den Titel „Nicht mein Ding“ trägt. Es geht um all das, was nicht das Ding der 39-jährigen Ich-Erzählerin ist. Hauptfigur Andrea macht sich nichts aus einem konventionellen Leben. Karriere ist nicht ihr Ding, Beziehung ist nicht ihr Ding und Kinder sind schon mal gar nicht ihr Ding. Doch ihr Umfeld denkt zunehmend anders über diese Themen, die Freundinnen heiraten und/oder setzen Kinder in die Welt, während Andrea auf der Stelle tritt. Pläne oder gar Träume scheint sie schon lange nicht mehr zu haben. Mit Anfang 20 wollte sie noch Künstlerin werden, nun malt sie nur noch täglich den Blick aus ihrem winzigen Apartment, von dessen Zimmer aus sie in der Ferne das Empire State Building sieht – bis ein Neubau ihr auch diese Aussicht nimmt.

Ich konnte Andrea lange nicht einordnen. Sie ist eine Art Anti-Heldin, die viele fragwürdige Entscheidungen trifft und einem durch ihren gelegentlich aufblitzenden schwarzen Humor trotzdem ans Herz wächst. Jami Attenberg hat eine sehr ambivalente Figur geschaffen: sensibel und rücksichtslos, verletzlich und verletzend, zurückgenommen und egozentrisch. Wenn es mal gut läuft, scheint Andrea sich selbst zu sabotieren, um bloß kein kleines Stückchen mehr mit sich ins Reine zu kommen.
Eine bequeme Figur ist sie nicht und „Nicht mein Ding“ dadurch auch keine bequeme Lektüre, obwohl sich der Roman bestens lesen lässt. Nach und nach, durch Rückblenden und Erinnerungen, lassen sich Andreas Macken und Dämonen besser einordnen. Die kapitelweisen Zeitsprünge werden dabei nicht groß gekennzeichnet, die Orientierung in der Geschichte klappt aber dennoch erstaunlich gut. Und so füllen sich die Leerstellen von Andreas Lebensgeschichte langsam und es wird etwas klarer, wie sie so werden konnte: keine großen Höhen oder Tiefen zulassend, sich selbst betäubend und ziellos vor sich hin dümpelnd. Doch was passiert, wenn es plötzlich Menschen gibt, die Andreas Unterstützung brauchen?

Jami Attenbergs Roman ist keine Feelgood-Lektüre, aber er lädt zum Nachdenken ein: Über die unsichtbaren Päckchen, die jeder mit sich herumträgt und darüber, wie unterschiedlich Menschen doch sind und reagieren.

Verlag: Schöffling & Co.
Seitenzahl: 224
Erscheinungsdatum: 4. Februar 2020
ISBN: 978-3895613579
Preis: 22,00 € (E-Book: 17,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

26. Januar 2020

Thorsten Steffens: Klugscheißer Deluxe

In den letzten Tagen gab’s für mich ein Wiederlesen mit einer Romanfigur, die ich bereits letztes Jahr kennengelernt hatte: Timo Seidel, bereits aus und als „Klugscheißer Royale“ bekannt, mausert sich jetzt sogar zum „Klugscheißer Deluxe“.


Thorsten Steffens zweiter Roman schließt relativ nahtlos an den ersten an, wobei die Ausgangslage sich leicht verändert hat: Während Hauptfigur Timo Seidel seinem fundierten Wissen im ersten Buch zunächst freien Lauf lässt, gibt er sich in „Klugscheißer Deluxe“ alle Mühe, es nicht sofort heraus zu posaunen. Da Timo ein Ich-Erzähler ist, erfährt der Leser aber trotzdem sämtliche seiner besserwisserischen Gedanken, ohne die mir auch etwas gefehlt hätte. Auch die eingestreuten Wörterbuch-Artikel sind wieder mit von der Partie: Von A wie „Ampeldrücker“ bis V wie „Vokabelvernehmung“ erläutert Timo ungefragt seine ureigensten Wortschöpfungen, aber auch Fremdwörter wie z.B. „phonatorisch“.

Außerdem gibt’s ein Wiedersehen mit Figuren aus „Klugscheißer Royale“: Timo unterrichtet immer noch als Aushilfslehrer an der Abendschule, wo er von der Direktorin Frau Penner gefördert und seiner Kollegin Barbara bekämpft wird. Er ist nach wie vor ein passionierter Aushilfslehrer und beginnt nun sogar ein Lehramtsstudium. Das Unileben bringt ungeahnte Herausforderungen, exzentrische Dozenten und neue Freundschaften mit sich und Timo versucht, Lernen und Lehren unter einen Hut zu bringen und bekommt schließlich unerwartete familiäre Unterstützung.

Dennoch ist in „Klugscheißer Deluxe“ nicht ganz so viel los wie im Vorgängerbuch. Timos Leben läuft in überschaubaren Bahnen und würde man diesen Roman verfilmen, bräuchte man eigentlich nur drei verschiedene Settings: Wohnung, Uni, Abendschule. Die Geschichte plätschert unterhaltsam vor sich hin, ohne größere Höhen und Tiefen. Die Erlebnisse des sympathischen Klugscheißers lesen sich vergnüglich, doch ich hätte mir trotzdem etwas mehr Tempo gewünscht. Überrascht hat mich dann der Epilog mit einem Ereignis, das Thorsten Steffens nicht auserzählt hat. Schade – hier wäre vielleicht noch mehr Potential drin gewesen. Ob Klugscheißer Timo wohl noch ein drittes Mal in Erscheinung treten wird?

Verlag: Piper
Seitenzahl: 270
Erscheinungsdatum E-Book: 2. Dezember 2019
Erscheinungsdatum Taschenbuch: 2. Juni 2020
ISBN: 978-3492502801
Preis: 10,00 € (E-Book: 6,99 €)

Ich habe dieses E-Book als Rezensionsexemplar erhalten.