20. August 2019

Johann Scheerer: Wir sind dann wohl die Angehörigen

Dieses Buch hat mich auf den ersten Blick gereizt – schon durch seinen Titel. Die „Angehörigen“ stehen selten im Mittelpunkt, das Wort wir in der Regel nur verwendet, um Menschen in Zusammenhang zu anderen zu setzen, um die es dann eigentlich geht. Überdies wird „Angehörige“ vor allem in unerfreulichen Kontexten verwendet, man muss es nur googeln und kommt auf Treffer wie: „Tatort heute: Dürfen Angehörige wirklich an den Unglücksort?“, „Freunde und Angehörige nehmen Abschied“, „Informationen für Angehörige und Partner erkrankter Personen“.
In diesem Buch geht es jedoch hauptsächlich um die Angehörigen, und zwar um die eines prominenten Entführungsopfers: Jan Philipp Remtsmaa wurde 1996 gekidnappt und über einen Monat festgehalten. Er hat über diesen Albtraum bereits ein Jahr später ein Buch veröffentlicht. 21 Jahre danach legte sein Sohn dann seine Erinnerungen vor.


Johann Scheerer gelingt in „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ ein schwieriger Spagat: Er schreibt zum einen aus seiner Perspektive im Jahr 1996, als er gerade mal 13 Jahre alt war. Zum anderen streut er immer wieder Informationen ein, die er erst später erfahren hat, weil sie ihm entweder bewusst vorenthalten wurden oder generell noch nicht bekannt waren. Beides fließt stimmig und ohne Brüche ineinander. Dennoch ist „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ keine lückenlose Chronologie einer Entführung und will es auch gar nicht sein. Scheerer schildert einfach immens furchtbare 33 Tage im Leben eines Teenagers, der abrupt aus seiner Normalität gerissen wird und sich in einem Albtraum wiederfindet: Der Vater entführt und zwei „Angehörigenbetreuer“ der Polizei im Haus, die mit der Mutter sowie Freunden der Familie allnächtlich auf den Anruf der Entführer warten. Entführer, die ihren ersten Brief unter einer scharfen Handgranate deponierten – wäre das Ganze fiktiv, käme es einem an manchen Stellen schon etwas dick aufgetragen vor.

Doch „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ schildert die wahren Begebenheiten und erzählt von unerträglichen Durststrecken, die Scheerer auch für den Leser fühlbar macht: Die Ungewissheit zermürbt, während beständig auf Nachrichten und Anweisungen der Entführer gewartet wird, auf ein Lebenszeichen des Vaters, ab und an auch auf die Polizei. Mehrmals entsteht der Eindruck, dass sich diese bei der Organisation der Lösegeldübergaben nicht mit Ruhm bekleckert hat, doch Scheerers Buch ist keine Abrechnung. Der Autor bewertet das Verhalten anderer kaum, sondern bleibt hier in seiner 13-jährigen Perspektive und schildert sein inneres Chaos zwischen Hilfs- und Fassungslosigkeit. Dazu kommen manchmal unverhofft leichte Momente, gefolgt von Schuldgefühlen. Die Qual des Jungen macht nachvollziehbar, was kaum jemand selbst erlebt haben dürfte. Schon lesend ist die Geschichte an einigen Stellen schwer auszuhalten, obwohl ihr Ausgang ja bekannt ist. Scheerer tritt aus der Anonymität der Angehörigen hervor und schildert, wie es ihm ergangen ist. Bei mir ist der Eindruck entstanden, dass ihm diese persönliche Aufarbeitung des Traumas eventuell gutgetan haben könnte – zumindest wünsche ich es ihm.

Verlag: Piper
Seitenzahl: 240
Erscheinungsdatum: 1. März 2018
ISBN: 978-3492059091
Preis: 20,00 € (E-Book: 18,99 €)

13. August 2019

Wiebke Lorenz: Einer wird sterben

Ist dieser Trend, Psychothriller mit ihrer Endsequenz anfangen zu lassen, eigentlich schon älter? Das Stilmittel an sich ist bestimmt nicht neu, aber kam es früher auch so oft zum Einsatz? Die letzten beiden Psychothriller, die ich gelesen habe, starteten jeweils mit ihrem dramatischen Finale. In „Something in the water“ hebt die weibliche Hauptfigur für ihren Mann ein Grab aus (was ich immerhin ganz originell beschrieben fand), in meinem neuesten Lesestoff stirbt jemand in den Armen seines Partners. Die Namen der handelnden Figuren werden hier nicht genannt, doch im Verlauf der Lektüre lässt sich nicht allzu schwer zusammenreimen, wer da beschrieben wird. Vermutlich soll die Sequenz zusätzliche Spannung aufbauen, was in meinem Fall allerdings nicht so gut geklappt hat: Ich hatte hier eher das Gefühl, jemand hätte mir ungebeten das Ende verraten.


Wiebke Lorenz‘ Psychothriller „Einer wird sterben“ basiert auf einer so banalen wie irritierenden Grundbedrohung: Ein unbekanntes Auto parkt in einer ruhigen, beschaulichen Wohnstraße. Die beiden Fahrzeuginsassen steigen jedoch nicht aus. Der Mann und die Frau bleiben einfach im Auto sitzen – erst stunden-, dann tagelang. Und lassen die Anwohner dadurch immer nervöser werden.

Laut Klappentext las die Autorin eine Zeitungsmeldung über ein so parkendes Auto und entwickelte aus dieser Ausgangssituation ihre fiktive Geschichte. Besonders Lorenz‘ Hauptfigur, die junge Hausfrau Stella Johannsen, beunruhigt das Auto nachhaltig. Schnell ist sie davon überzeugt, dass es nur wegen ihr und ihrem Mann dastehen kann – schließlich haben sie beide etwas zu verbergen. Doch nach und nach zeigt sich, dass sie nicht die einzigen Anwohner in der Blumenstraße sind, die Geheimnisse haben. Trotzdem gehen Stella mehr und mehr die Nerven durch – vielleicht auch, weil sie allein ist: Ihr Mann Paul, ein Frachtpilot, kann sie zwar ab und an übers Telefon trösten, ist ansonsten jedoch gerade am anderen Ende der Welt unterwegs. Und so ist Stella ihrer Panik ausgeliefert, vor allem nachts. Wie sie zwischen Angst und Hysterie schwankt, wird sehr eindringlich beschrieben, hat mir aber um so deutlicher die Schwäche des Plots vor Augen geführt: Zwar gibt es durch das parkende Auto eine gefühlte Bedrohung, dieser kann sich Stella aber eigentlich gut entziehen, denn ist sie unterwegs, folgt der Wagen ihr nicht. Ich weiß nicht mehr, ob ihr Mann oder ihr Therapeut es telefonisch vorschlagen ob sie selbst darüber nachdenkt: Wenn Stella einfach für ein paar Tage in ein Hotel gezogen wäre, hätte sie sich den Spuk vom Hals geschafft. Da sie überzeugt ist, dass ihr Mann alles in Ordnung bringen wird, sobald er heimkehrt, wäre das eine ziemlich pragmatische Lösung gewesen. Stattdessen dreht Stella aber immer mehr durch, was mir zunehmend auf die Nerven ging. Überdies wirkte der Plot stellenweise recht überladen: Fast jeder Nachbar verbirgt etwas vor den anderen Bewohnern der Blumenstraße und über die Auflösung wollen wir gar nicht reden. Dennoch: Letztere hat mich dann doch unerwartet beeindruckt. Sie schafft es, alle Vorkommnisse lückenlos zu erklären – das hatte ich mir zwischenzeitlich beim besten Willen nicht mehr vorstellen können. Das offene Ende hätte ich dagegen nicht unbedingt gebraucht. So wirklich getroffen hat „Einer wird sterben“ meinen Geschmack also nicht.

Verlag: FISCHER Scherz
Seitenzahl: 352
Erscheinungsdatum: 27. Februar 2019
ISBN: 978-3651025417
Preis: 14,99 € (E-Book: 12,99 €)

6. August 2019

Agatha Christie: Das Böse unter der Sonne

Greife ich zu einem Krimi von Agatha Christie, weiß ich in der Regel, was mich erwartet, obwohl der Ausgang des jeweiligen Falls für mich stets unvorhersehbar ist. Neulich hatte ich allerdings einmal einen komplett untypischen Poirot erwischt, der mir nicht besonders gefallen hatte. Und so war ich bei der Lektüre des 22. Falls, den Christie um ihren belgischen Meisterdetektiv geschrieben hat (und ihres 29. Kriminalromans überhaupt) dann sehr beruhigt, dass alles wieder in gewohnter Manier zuging.


„Das Böse unter Sonne“ spielt in einem exklusiven Hotel auf einer kleinen britischen Insel, die über einen während der Flut stets überschwemmten Damm mit dem Festland verbunden ist. Hercule Poirot verbringt hier seinen Urlaub, wie noch einige andere: Paare, Familien, Alleinreisende. Die Idylle zerbricht, als ein weiblicher Gast ermordet in einer Badebucht aufgefunden wird. Die frühere Schauspielerin Arlena Stuart Marshall, die mit Ehemann und Stieftochter angereist war, wurde erwürgt. Wie immer dauert es nur ein paar Seiten, bis Poirot die örtliche Polizei, bei der er zufällig jemanden kennt, bei ihren Ermittlungen unterstützt. Wie immer stellt er unorthodoxe Fragen und wird vom ein oder anderen dafür belächelt. Wie immer lässt er niemanden an seinen Gedankengängen teilhaben, klärt den Fall jedoch lückenlos auf, sobald er alle zum großen Finale versammelt hat. Und wie immer macht in Poirots Ausführungen jedes noch so kleine Detail Sinn. Einer Miturlauberin setzt der Detektiv sogar auseinander, dass seine Arbeit durchaus mit dem Lösen eines besonders schwierigen Puzzles vergleichbar ist.

Alle mysteriösen Vorfälle in „Das Böse unter der Sonne“ lassen sich am Ende erklären. Mich hat das bei der Auflösung so beeindruckt, dass mir erst später auffiel, dass Christie ein anderes wichtiges Krimielement diesmal etwas vernachlässigt hat: das Motiv. Der Grund, aus dem Arena Stuart Marshall sterben musste, macht bei näherer Betrachtung nicht besonders viel Sinn. Kurz: Der Mord wäre eigentlich nicht nötig gewesen. Das mag für viele Morde gelten, aber hier kommentiert es niemand, nicht mal Poirot – wodurch dann doch der Eindruck entsteht, dass das Motiv hier mehr schlecht als recht zusammengezimmert wurde, während die Durchführung des Mordplans dagegen richtiggehend kunstvoll ist. Lässt man auch sie nochmal Revue passieren, muss man allerdings feststellen, dass das Ganze leicht hätte schief gehen können. Der Mörder / die Mörderin hat hohe Risiken auf sich genommen, was angesichts des kaum vorhandenen Motivs doppelt erstaunlich ist. Doch vielleicht muss auch gar nicht alles im Detail erklärt werden, braucht der Täter / die Täterin hier gar keinen guten Grund – „das Böse unter der Sonne“ existiert eben einfach.

Obwohl sich das Ende also nicht allzu schwer zerpflücken ließe, hat mir dieser Krimi insgesamt gut gefallen. Es ist ein typischer Poirot-Fall, der zum Miträtseln einlädt, es dem Leser nicht allzu schwer macht, einen Überblick über Figuren und Geschehnisse zu behalten und dann am Ende doch wieder verlässlich verblüfft. „Das Böse unter der Sonne“ ist ein Krimiklassiker, der sich auch 78 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung noch sehr gut lesen lässt.

Ich habe eine ältere Ausgabe von "Das Böse unter der Sonne" gelesen; aktuell im Handel ist jedoch diese erhältlich:

Verlag: Atlantik
Seitenzahl: 224
Erscheinungsdatum: 13. Juni 2015; „Das Böse unter der Sonne“ erschien jedoch bereits 1945 erstmals auf Deutsch (und 1941 auf Englisch)
ISBN: 978-3455650273
Preis: 12,- € (E-Book: 8,99 €)

31. Juli 2019

Anna Moretti: Effi liest

Schon der Titel dieses Buches ist ein Eyecatcher, weil er an einen fast gleichlautenden, sehr viel älteren Gesellschaftsroman denken lässt und dadurch eine ordentliche Portion Humor verrät. Auch das überaus liebliche Cover bestätigt den Eindruck: Diese Lektüre wird vergnüglich.


Anna Morettis „Effi liest“ erinnert anfangs an Emmy von Rhodens 1885 erschienenes Buch „Der Trotzkopf“. „Effi Briest“ wurde 10 Jahre später veröffentlicht und um diese Zeit spielt auch „Effi liest“. Morettis Effi – eigentlich Elena Sophie von Burow – langweilt sich seit Jahren in einem feinen Mädchenpensionat. Ein bei einem Ausflug gefundenes Buch verspricht Abwechslung, doch noch bevor sie eine Chance hat, mehr als einen kurzen Blick hineinzuwerfen, wird sie von ihrer gestrengen Lehrerein Fräulein Grimaud erwischt – und in der Folge aus dem Internat geschmissen. Ein hoher Preis dafür, dass Effi nur ein paar Seiten überflogen hat. Sie wird zu ihrem Vater nach Berlin zurückgeschickt, der mit ihr einen Deal vereinbart: Er fragt bei der Universität an, ob seine wissbegierige Tochter eine Sondergenehmigung als Studentin bekommt. Dafür muss diese sich jedoch Latein beibringen (sollte sie daran scheitern, ist der Universitätsbesuch erledigt – der Vater scheint darauf zu hoffen) und sich von ihrer Tante Auguste in „Frauenfragen“ unterrichten lassen – „Kleider, Blumen, Einladungen, Dankesschreiben“. „Effi liest“ verdeutlicht mindestens so gut wie Fontanes Original, was das ausklingende 19. Jahrhundert für Frauen der höheren Schichten und im heiratsfähigen Alter bereithielt.

Eine weitere Hauptfigur ist der junge Arzt Max von Waldau, den Effi bereits auf ihrer Rückfahrt nach Berlin kennenlernt. Am Ende jedes Kapitels ist ein Brief von ihm an seinen jüngeren Bruder abgedruckt, der zum einen die männliche, zum anderen die medizinische Sicht dieser Zeit widerspiegelt – wobei vor allem letztere heute sehr abenteuerlich anmutet. Und als Effi nicht nur liest, sondern auch niest, weckt sie auch noch von Waldaus berufliches Interesse. Das Ganze könnte sehr komisch sein, wären die im Folgenden geschilderten Behandlungsmethoden nicht tatsächlich historisch belegt. Überhaupt beschreibt Moretti die damalige Zeit fundiert und detailliert, aber eben auch immer mit einem Augenzwinkern. Zur Einordnung hat sie ihrem Roman einen Abriss über gesellschaftliche und medizinische Ereignisse im 19. Jahrhundert vorangestellt. Dabei erwähnt sie auch mehrere während dieser Zeit erschienene Romane, die das gleiche Muster aufweisen: eine Frau begeht Ehebruch, was jeweils tödlich endet. „Effi liest“ geht dagegen nicht tödlich aus, so viel kann schon mal verraten werden. Nach einem etwas längeren Einstieg gewinnt der Roman mehr und mehr an Fahrt, der Stil ist sehr lebendig, was nicht wundert, wird doch aus Effis Perspektive erzählt. Das Ende kommt dann fast ein bisschen schnell – während sich der Beginn etwas zieht (was wohl auch am eher unspektakulären Pensionatsleben liegt), hätte ich mir den Schluss etwas ausführlicher gewünscht.

„Effi liest“ ist eine leichte und unterhaltsame Lektüre mit einem historisch fundierten Kern, der einen hier und da durchaus ins Stocken geraten lässt. Als Leserin habe ich nicht nur einmal Dankbarkeit dafür empfunden, erst viele Jahrzehnte später geboren worden zu sein.

Verlag: Bastei Lübbe
Seitenzahl: 352
Erscheinungsdatum: 31. Juli 2019
ISBN: 978-3785726525
Preis: 20,00 € (E-Book: 16,99 €)

Ich habe dieses E-Book als Rezensionsexemplar erhalten.

21. Juli 2019

E. O. Chirovici: Das Buch der Spiegel

Titel und Cover dieses Buches haben bei mir zunächst den Eindruck erweckt, es könnte sich um einen Fantasyroman handeln – ein Genre, das ich eher selten lese. Zum Glück habe ich mich davon nicht abschrecken lassen, denn sonst wäre mir ein beeindruckender Roman entgangen: Klug komponiert, voller überraschender Wendungen und ziemlich nachdenklich machend. Er schließt mit den Worten: „Ein großer französischer Schriftsteller hat einmal bemerkt, Erinnerung an Vergangenes sei nicht unbedingt Erinnerung an wirklich Geschehenes. Ich vermute, er hat recht.“ Diese Schlusssätze greifen das Kernthema des Romans auf: Kann man Erinnerungen wirklich trauen?


E. O Chirovici ist in Rumänien aufgewachsen und hat sich dort als erfolgreicher Autor etabliert, bevor er 2013 in die USA zog und mit „Das Buch der Spiegel“ seinen ersten Roman auf Englisch schrieb. Dieser wurde inzwischen in über 30 Länder verkauft, was mich kein bisschen wundert, denn er hat mir extrem gut gefallen.

„Das Buch der Spiegel“ hat einen klassischen „Buch im Buch“-Anfang: Der Literaturagent Peter Katz erhält ein unverlangt eingesandtes Manuskript und legt es zunächst einmal zur Seite, doch als er nach ein paar Wochen die Zeit dafür findet, liest er es und ist von der Lektüre sehr angetan. Dass diese irgendwann abrupt abbricht, ist nicht weiter verwunderlich, hat sich der angehende Autor doch an die Regeln der Literaturagentur gehalten und nur eine Leseprobe eingesandt. Katz versucht ihn zu kontaktieren, doch an den Rest des Manuskripts zu kommen, ist schwieriger als gedacht – es scheint verschollen. Und das ist nicht nur für den Literaturagenten äußerst ärgerlich, sondern auch für den „Das Buch der Spiegel“ in den Händen haltenden Leser, hat dieser doch zusammen mit Katz die ersten sechs Kapitel verschlungen und wüsste nun zu gern, wie es weitergeht.

Und wovon handelt nun das Buch im Buch? Der Autor Peter Flynn beschreibt darin, wie es ihm in seinem letzten Jahr in Princeton ergangen ist: „Für mich war es das Jahr, in dem ich mich verliebte und erkennen musste, dass es den Teufel wirklich gibt“. In wen sich Flynn verliebt hat, ist schnell klar: Psychologiestudentin Laura ist seine neue Mitbewohnerin und unterstützt einen renommierten Professor bei dessen Forschungen. Sie vermittelt Flynn den Job, dessen Bibliothek neu zu ordnen. So weit, so normal, doch am Ende dieses Jahres wird besagter Professor ermordet aufgefunden. Es macht den Anschein, als hätte Flynn Jahrzehnte später verstanden, was damals wirklich passiert ist und darüber ein Buch geschrieben – doch wo ist dieses Buch?

„Das Buch der Spiegel“ beginnt gleich doppelt spannend: Zum einen hat auch mich als Leser schnell interessiert, wer besagten Professor nun umgebracht hat, zum anderen rätselte ich mit Katz, wo denn das Manuskript mit der Auflösung des Falls geblieben war. Wie E. O. Chirovici es schafft, seine doppelgleisige Geschichte mit insgesamt vier verschiedenen Ich-Erzählern auf nur 380 Seiten zu erzählen, hat mich wirklich begeistert. Dabei hatte ich schon früh einen Verdacht, was den Mörder anging. Aber eigentlich ist der Mordfall trotz allem fast nebensächlich, denn viel mehr geht hier um die Macht der Erinnerung. Und obwohl „Das Buch der Spiegel“ eine ziemlich komplexe Komposition ist, lässt es sich wie ein spannender Krimi kaum mehr aus der Hand legen. Absolute Empfehlung!

Verlag: Goldmann
Seitenzahl: 384
Erscheinungsdatum: 18. Juni 2018
ISBN: 978-3442487554
Preis: 20,00 € (Taschenbuch: 10,00 €, E-Book: 9,99 €)

10. Juli 2019

Catherine Steadman: Something in the water

Spannung ab der ersten Seite zu erzeugen, ist eine hohe Kunst, die die Autorin dieses Buches ganz offensichtlich beherrscht. Zumindest ich fand den ersten Satz „Haben Sie sich jemals gefragt, wie lange es dauert, ein Grab auszuheben?“ ziemlich innovativ. Dass Hauptfigur Erin Roberts dann auch noch ihren Mann vergräbt, obwohl sie seinen Tod durchaus zu bedauern scheint, macht ebenfalls neugierig. Der Einstieg in diesen Thriller ist also schon einmal geglückt.


Catherine Steadman hat sich in „Something in the water“ eines Kunstgriffs bedient und eines der letzten Kapitel vorne angestellt. Danach beginnt die Geschichte drei Monate zuvor mit einem Wochenendausflug der Protagonisten Erin und Mark. Die beiden feiern ihren Jahrestag und planen ihre Flitterwochen, die nach Bora-Bora gehen sollen. Er ist Banker, sie Dokumentarfilmerin, beide in den Dreißigern – ein glückliches Londoner Pärchen, dem die Welt offensteht. Doch schon während dieses Wochenendausflugs werden Entscheidungen getroffen, die dem dramatischen Ende den Weg ebnen: „Und dann sage ich etwas, was ich mein Leben lang bereuen werde. Ich will mit Dir Gerätetauchen machen.“ Tja. Ich verrate noch nicht zu viel, wenn ich erzähle, dass Erin und Mark beim Gerätetauchen auf „Something in the water“ stoßen …

Sehr gut gefallen hat mir der Erzählton dieses Thrillers. Er ist ganz und gar aus Sicht von Hauptfigur Erin geschrieben, die den Leser auch gerne mal direkt anspricht. Ab und an benimmt sie sich sehr unbedarft, aber man ist stets so dicht an ihr dran, dass auch ihr teilweise kopfloses Verhalten, ihr Gedankenkarussell und vereinzelte wahnwitzige Ideen immer halbwegs nachvollziehbar bleiben. Und je mehr ich Erin und ihr Leben kennenlernte, desto weniger konnte ich mir einen Reim auf die Geschehnisse am Buchanfang machen. Vermutlich deswegen nahm die Sogwirkung der Geschichte zu, je weiter ich gelesen habe.

Aber jeder Thriller kommt irgendwann zu seiner Auflösung und die fand ich hier dann leider doch nicht hundertprozentig gelungen. Autorin Steadman hat der Ausgestaltung von Erins Charakter viel Raum gegeben, die Hundertachtzig-Grad-Wendungen von anderen Figuren passieren jedoch ohne jede Erklärung, was ich dann doch etwas schade fand. Dennoch ist „Something in the water“ eine spannende Urlaubslektüre – nicht nur auf Bora-Bora, nicht nur für Gerätetaucher, sondern für alle, die sich gerne mal der Frage „was wäre, wenn …“ hingeben.

Verlag: Piper
Seitenzahl: 464
Erscheinungsdatum: 2. Juli 2019
ISBN: 978-3492235297
Preis: 10,00 € (E-Book: 3,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

24. Juni 2019

Helmut Krausser: Trennungen. Verbrennungen

Manche Romane plätschern einfach nur munter vor sich hin und sind trotzdem grandiose Kompositionen – oder gerade deswegen? Helmut Krausser kann ich jedem empfehlen, der auf der Suche nach etwas wohlformulierter und vergnüglicher Ablenkung ist. Der Mann kann schreiben und greift mit großer Leichtigkeit alle Höhen und Tiefen des menschlichen Daseins auf.


In „Trennungen. Verbrennungen“ entwirft Krausser einen locker-flockigen Reigen aus verschiedenen Personen, die in unterschiedlichsten Beziehungen zueinanderstehen. Im Zentrum des Ganzen steht ein wohlhabendes, in Wannsee lebendes Ehepaar: Archäologieprofessor Fred Reitlinger und seine Frau Nora, die in regelmäßigen Abständen Soireen organisieren, zu denen auch zwei besonders hoffnungsvolle Studenten eingeladen werden, Gerd und Leopold. Ersterer ist mit der kapriziösen Sonja liiert, deren Eltern für die ihrer Tochter zugedachte Zukunft finanzielle Anreize setzen. Zweiterer läuft an einem unglückseligen Tag der Tochter der Reitlingers über den Weg, die gegen alles und jeden rebelliert. Ihr Bruder Ansgar, ihre Freundin Caro, deren Affäre Petar – sie alle sind in ein komplexes Beziehungsgeflecht verwickelt und es kommt zu „Trennungen. Verbrennungen“, aber auch, um einen anderen Romantitel Kraussers zu zitieren, zu „Einsamkeit und Sex und Mitleid“. All dem lesend beizuwohnen, macht einfach Spaß. Kraussers plaudernder Erzählton, der das Leben und seine Abgründe beschreibt, ohne es sonderlich ernst zu nehmen, macht dieses Leseerlebnis sehr vergnüglich. „Trennungen. Verbrennungen“ lässt sich in einem Rutsch durchlesen und kennt weder Längen noch unnötige Aufregungen. Krausser scheut vor keiner möglichen Verwicklung zurück, wodurch es den ein oder anderen Überraschungsmoment gibt. Dabei behält er durchgehend seinen spöttisch-wohlwollenden Blick auf alles Menschliche. Ein Roman wie eine Oase der amüsanten Gelassenheit.

Verlag: Berlin Verlag
Seitenzahl: 256
Erscheinungsdatum: 19. März 2019
ISBN: 978-3827013934
Preis: 22,00 € (E-Book: 18,99 €)

17. Juni 2019

Christina Dalcher: Vox

Objektiv bewerten – ist das bei Büchern überhaupt möglich? Während der Lektüre dieses Romans ist mir aufgegangen, dass ich noch nicht mal innerhalb meiner eigenen Maßstäbe objektiv bewerte. Manche mittelmäßigen Bücher enttäuschen mich mehr als andere, und das liegt noch nicht mal an meiner Leselaune, sondern an meinen Erwartungen. Bin ich im Vorfeld davon überzeugt, dass mir ein Buch gefallen wird, ist seine Fallhöhe größer als bei einem Roman, den ich mir spontan in der Buchhandlung oder Bibliothek aussuche. Und so hat mich dieses Werk, das schon seit einigen Monaten auf meiner Leseliste stand, extrem enttäuscht.


„Vox“ ist das Romandebüt der amerikanischen Linguistin Christina Dalcher. Doch noch mehr als von der Stimme handelt die Geschichte vom Schweigen, was das einen Frauenmund verbergende „x“ auf dem Cover perfekt illustriert. Der dystopische Roman ist in unserer Gegenwart angesiedelt: Der erste farbige Präsident der USA ist Geschichte, sein Amtsnachfolger – nicht Trump, sondern Präsident Myers – ein Vollidiot, der von der einflussreichen „Bewegung der Reinen“ wie eine Marionette gesteuert wird. Diese Bewegung propagiert, dass das moderne Leben die Wurzel allen Übels ist und Zucht und Ordnung wiederhergestellt werden müssen, indem längst überwundene Rollenbilder reaktiviert werden. Doch wie dreht man den Lauf der Welt zurück? Der Plan ist so perfide wie wirkungsvoll: Der männlichen Hälfte der Bevölkerung wird eingeredet, als Krone der Schöpfung Gott gewollte Dominanz zu besitzen. Und die weibliche Hälfte wird zum Schweigen gebracht – mittels eines Wortzählers, der sich fest um das Handgelenk jedes Mädchens und jeder Frau schließt und zählt, wie viele Wörter sie an einem Tag ausspricht. Sind es mehr als 100, gibt es Stromstöße.

Dalcher entwirft ein ziemlich verstörendes Szenario, das mehrere große Themen streift: dass der Gedanke „sowas ist doch bei uns nicht möglich“ stets fahrlässig ist, man Bürgerrechte wahrnehmen sollte und Kommunikation den Menschen ausmacht. Die Kernaussagen von „Vox“ kannte ich dann auch schon, bevor ich überhaupt zu diesem Buch griff – durch die die Veröffentlichung begleitende Werbekampagne und den Medienhype. Worauf ich allerdings nicht gefasst war: „Vox“ ist schlecht geschrieben. Die Figuren sind holzschnittartig zusammengezimmert, Dialoge oft platt und ein Klischee jagt das nächste. Zudem hat die Autorin absolut kein Händchen dafür, Spannung aufzubauen oder irgendeine Atmosphäre zu schaffen. Die Romanhandlung entwickelt sich auf eine so komplett unlogische Art und Weise, das ich spätestens während des letzten Buchdrittels nur noch hoffte, schnell fertig zu werden. Danach las ich in einigen anderen Rezensionen, dass manche Leser „Vox“ als einen Abklatsch von Margaret Atwoods „Report einer Magd“ empfunden haben. Da ich dieses Buch jedoch nicht gelesen habe, kann ich das nicht selbst beurteilen.

„Vox“ hätte ein gutes, wichtiges Buch sein können, doch die mangelhafte Umsetzung hat aus der eigentlich packenden dystopischen Idee komplett die Luft rausgelassen. Dass aus dem vorhandenen Potential so wenig gemacht wurde, ist in meinen Augen noch schlimmer, als wenn das Buch dieses gar nicht erst gehabt hätte.

Verlag: S: Fischer
Seitenzahl: 400
Erscheinungsdatum: 15. August 2018
ISBN: 978-3103974072
Preis: 20,00 € (E-Book: 16,99 €)

7. Juni 2019

Alina Brosnky: Der Zopf meiner Großmutter

Großmütter gibt es in der Literatur viele. Meist handelt es sich um kluge und weitsichtige Frauen mit großem Herzen, viel Geduld und einem immer offenen Ohr, die stets zur Stelle sind, wenn sie gebraucht werden. Und oft bringen sie dann auch noch Kuchen mit.


In Alina Bronskys „Der Zopf meiner Großmutter“ erfüllt die russische Oma keins der gängigen Klischees. Sie ist selbstgerecht, herrschsüchtig, weiß alles besser, beschimpft und tyrannisiert ihr Umfeld. Backen tut sie zwar, gleich zu Beginn des Romans zum Geburtstag ihres vielleicht fünf- oder sechsjährigen Enkels Mäxchen, doch der darf die Torte nur anschauen und einmal dran schnuppern, bevor sie vor seinen sehnsüchtigen Augen verzehrt wird. Denn Max verträgt Kuchen eh nicht, weiß die Oma. Außerdem ist er, wie sie ihm immer wieder einbläut, debil, schwachsinnig, todkrank und wird das Erwachsenenalter niemals erreichen. Dass weder Ärzte noch Lehrer diese Diagnose bestätigen, verunsichert Margarita Iwanowna kein bisschen.

Diese beratungsresistente Schreckschraube war dann auch der Grund, dass mich die Geschichte anfangs ziemlich befremdet hat. Natürlich muss nicht jede Oma selbstlos und wohlwollend auftreten, aber diese hier beleidigt und piesackt ihr verwaistes Enkelkind in einem fort, ohne dass ihr schweigsamer Mann Tschingis Mäxchen jemals zu Hilfe kommt. Für mich war das kein Lesespaß, sondern ziemlich unangenehm. Doch der Roman entwickelt sich, Mäxchen, aus dessen Perspektive er geschrieben ist, wird älter, verständiger und schafft es mehr und mehr, sich von der Großmutter zu emanzipieren – wobei er gleichzeitig eine Ahnung von deren wahrem Wesen bekommt. Außerdem wirbelt noch ein für alle Seiten unerwartetes Ereignis das Familiengefüge unwiderruflich durcheinander: Der Großvater verliebt sich. Und ab da bekommt der Roman eine gewisse Leichtigkeit, die mir vorher gefehlt hat.

Alina Bronsky schildert Mäxchens Heranwachsen in einer deutschen Flüchtlingsunterkunft in nüchternen Worten, die doch anrühren. Sie ist eine Meisterin der knappen Beschreibungen, die alles ausdrücken und nachwirken. Und nötigt ihren Lesern schließlich sogar Respekt vor Margarita Iwanowna ab – einer Großmutter, die ich nicht so schnell vergessen werde.

Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Seitenzahl: 224
Erscheinungsdatum: 9. Mai 2019
ISBN: 978-3462051452
Preis: 20,00 € (E-Book: 14,99 €)

Ich habe dieses Buch als Leseexemplar erhalten.

29. Mai 2019

Agatha Christie: Die großen Vier

Agatha Christie ist die Queen of Crime; ihre Weltauflage wird auf zwei Milliarden Bücher geschätzt. Doch dass sie sich bis heute großer Beliebtheit erfreut, bedeutet nicht, dass jeder ihrer Krimis gleichermaßen gelungen ist.


„The Big Four“ (1927 auf Englisch veröffentlicht und erst sehr viel später, 1963, als „Die großen Vier“ auf Deutsch) wurde von ihr selbst als „rotten book“ bezeichnet; sie veröffentlichte das „scheußliche“ Werk, als sie nach ihrer Scheidung in finanziellen Schwierigkeiten steckte. „Die großen Vier“ basiert auf 12 Kurzgeschichten, die Christie bereits veröffentlicht hatte und nur noch in Romanform bringen mussten. Vor diesem Hintergrund erklären sich die größten Schwächen dieses Buches: Auf viele kleinere Fälle wird kaum eingegangen, Hercule Poirot löst sie im Handumdrehen mit übermenschlichem Scharfsinn, während sein treuer Freund Hastings extrem schwer von Begriff scheint. Gemeinsam versuchen die beiden, einer Verbrecherbande das Handwerk zu legen, die nichts Geringeres zu planen scheint, als die Weltherrschaft an sich zu reißen – was sie konkret bezweckt, bleibt allerdings mehr als schwammig. Die vier Köpfe der Untergrundorganisation sind dermaßen genial, gut vernetzt und fähig, dass sie nach Belieben in fremde Rollen schlüpfen, Geldsummen erschleichen und Gegner aus dem Weg räumen, ohne dass ihnen jemand auf die Schliche kommt. Nur Poirot können sie aus unerfindlichen Gründen nicht einfach ermorden, sondern ersinnen jede Menge komplizierter Fallen, denen der kluge Belgier jedoch immer in letzter Sekunde ausweicht (was umso erstaunlicher ist, da offentlich jeder nach Belieben in sein Haus einbrechen kann). Das alles wirkt ziemlich abstrus, um es mal vorsichtig auszudrücken. Als Agatha Christie-Fan begleite ich Poirot und Hastings generell sehr gerne, aber dass die Autorin ihren alternden Detektiv plötzlich zu einer Mischung aus Superbrain und Geheimagent weiterentwickelt, hat mich doch ziemlich befremdet. Das Gleiche gilt für die Beschreibungen von „gelbgesichtigen“ Chinesen und „verschlagenen“ Orientalen – da zeigt sich eben doch, dass der Text bald 100 Jahre alt ist.
Einer der vier Schurken schlägt Poirot bereits zu Beginn des Buches vor, er solle wieder seine „frühere Beschäftigung aufnehmen und die Probleme von Damen der Londoner Gesellschaft lösen“. Ganz ehrlich – wäre Poirot mal darauf eingegangen. Lieber einen Fall richtig und nachvollziehbar aufklären, als die Lösungen für viele kleine wie ein Magier aus dem Ärmel schütteln. Aber gut, Poirots Schöpferin war in einer schwierigen Lage und brauchte das Geld. Auch eine Königin greift mal daneben.

Ich habe eine ältere Ausgabe von "Die großen Vier" gelesen; aktuell im Handel ist jedoch diese erhältlich:

Verlag: Atlantik
Seitenzahl: 224
Erscheinungsdatum der aktuellen Ausgabe: 4. September 2015; "Die großen Vier" erschien jedoch bereits 1963 erstmals auf Deutsch (und schon 1927 auf Englisch).
ISBN: 978-3455650532
Preis: 10,00 € (E-Book: 8,99 €)

21. Mai 2019

Tara Isabella Burton: So schöne Lügen

Als ich am Wochenende durch die Fußgängerzone lief, kam mir ein kleines Mädchen entgegen, dessen T-Shirt „No glitter, no party“ verkündete. Das könnte auch das Motto dieses funkelnden Buches sein, auf dessen Umschlag Verlagsname und ISBN fast verschwinden vor lauter Glitzer. Im schwarzen Zentrum des Covers werden „So schöne Lügen“ angekündigt. Und tatsächlich ist dieser grandiose Roman voll davon …


Tara Isabella Burtons Debüt erzählt von der Endzwanzigerin Louise, die nach New York gezogen ist, um Schriftstellerin zu werden, sich jetzt allerdings mit drei Jobs mehr schlecht als recht durchschlägt und nicht mal mehr Muße hat, ein Buch zu lesen – geschweige denn, eins zu schreiben. Den Glamour des Big Apple, von dem sie früher mal geträumt hat, erleben andere – zum Beispiel die 23-jährige Lavinia, reiche Erbin und stets auf der Suche nach dem Außergewöhnlichen, Extravaganten – und dem nächsten ausdrucksstarken Foto, das sie auf ihren Facebook-Account hochladen kann. Durch einen Zufall lernen sich die beiden Frauen kennen und Lavinia lässt Louise an ihrem aufregenden Leben teilhaben, das diese sich alleine nie leisten könnte. Bald zeigt sich jedoch, dass Lavinias Großzügigkeit so schnell nachlassen kann, wie sie begonnen hat – z. B. wenn Louise nicht mit der gewünschten Begeisterung auf ihre Ideen reagiert. Louise studiert ihre neue Freundin sehr genau, um deren Wünsche zu erahnen und bloß nicht in Ungnade zu fallen. Und nach ein paar Monaten zahlt sich ihre intensive Charakterstudie noch ganz anders aus, als beide sich je hätten träumen lassen …

„So schöne Lügen“ ist die Geschichte einer toxischen Freundschaft, deren Entwicklung der Leser live miterlebt. Dabei mehren sich die leisen Alarmsignale und ab und zu meldet sich ein auktorialer Erzähler, der nonchalant einen verstörenden Blick in die Zukunft wirft, was sehr zur Spannung beiträgt. Aber auch so deutet sich an, dass Lavinia und Louise unaufhaltsam auf eine Katastrophe zusteuern – doch wie wird die aussehen und wird zumindest eine von beiden heil herauskommen?

Eine der großen Stärken dieses gesellschaftskritischen Romans ist definitiv Burtons Fähigkeit, Charaktere mit vielen Facetten und Widersprüchen glaubhaft auszugestalten. Dabei gewährt sie faszinierende und abstoßende Einblicke in eine Glitzerwelt, in der es ausschließlich um den schönen Schein geht. Selbstdarstellung ist alles – sich inszenieren, Fotos machen, diese online stellen. Wenn die Lügen schön genug sind, interessiert sich niemand für die Wahrheit. Im Laufe des Romans lernt Louise, dieses Spiel bis zur Perfektion zu beherrschen. Sie dabei zu begleiten, ist faszinierend und erschreckend zugleich – und wirkt leider gar nicht realitätsfern, nimmt doch social media eine immer größere Rolle ein. Mich hat „So schöne Lügen“ sehr gepackt – wer gerne von fatalen Freundschaften und menschlichen Abgründen liest, kommt hier voll auf seine Kosten.

Verlag: DuMont Buchverlag
Seitenzahl: 336
Erscheinungsdatum: 17. Mai 2019
ISBN: 978-3832183707
Preis: 22,00 € (E-Book: 9,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

17. Mai 2019

Iain Reid: The Ending

Schon der Taschenbucheinband dieses Buches weckte bei mir hohe Erwartungen. Auf dem Cover heißt es: „Du wirst dich fürchten. Und du wirst nicht wissen, warum.“ Die Rückseite bewirbt die Geschichte als „raffiniertes, stilistisch brillantes Psychodrama für Liebhaber von Stephen King und Alfred Hitchcock“. Was kann da noch schief gehen? Eine Menge.


„The Ending“ ist das Debüt des Kanadiers Iain Reid. Es handelt von einem jungen Paar, der Ich-Erzählerin und ihrem Freund Jake. Die beiden sind noch nicht lange zusammen und gerade auf dem Weg zu Jakes Eltern, die einen Bauernhof auf dem Land haben, laut Beschreibung irgendwo im Nirgendwo. Die Erzählerin wird Jakes Familie erstmals kennenlernen und ist gespannt. Gleichzeitig überlegt sie jedoch, mit Jake Schluss zu machen. Abgelenkt wird sie durch die Anrufe eines Stalkers, der ihr seit einigen Wochen nachstellt und von dem sie Jake bislang nichts erzählt hat. Eine Ausgangssituation mit einigem Potential, könnte man meinen.

Doch trotzdem kommt während der ersten fast 100 Seiten kaum Spannung auf, was bei einem 240 Seiten langen Thriller schon ein schlechtes Zeichen ist. Stattdessen haben mich die philosophisch angehauchten Gespräche des Paares während der nicht enden wollenden Autofahrt zunehmend gelangweilt. Als die beiden ihr Ziel erreichen, nimmt die Handlung zwar immer noch nicht wirklich an Fahrt auf, doch zumindest passiert mal was – aber das erschien mir alles sehr abstrus. Und so fühlte ich mich zwar stellenweise abgestoßen, habe mich jedoch immer noch nicht gegruselt. Mit King und Hitchcock hatte die Entwicklung des Ganzen in meinen Augen sehr, sehr wenig zu tun. Beide sind Meister des Nervenkitzels, der auch in „The Ending“ mit allen Mitteln erzeugt werden soll, aber die Geschichte trägt einfach nicht, die Charaktere bleiben blass und ihr Handeln kaum nachvollziehbar. Das Ende mag so manches erklären, hat mich aber über die Längen der Geschichte nicht nachträglich hinweggetröstet. Und wenn sich alle Protagonisten seltsam verhalten und man mit niemandem mitfühlen kann, lässt einen halt auch der Showdown relativ kalt. Schade – das Cover war/ist so vielversprechend! Die Schneesturm-Atmosphäre bei Nacht und der blutrote Titel hatten mich gleich neugierig gemacht und dazu beigetragen, dass ich mir ein weitaus gruseligeres Leseerlebnis vorgestellt hatte.

Verlag: Droemer
Seitenzahl: 240
Erscheinungsdatum: 2. November 2017
ISBN: 978-3426306192
Preis: 14,95 € (E-Book: 12,99 €)

9. Mai 2019

Kevin Kwan: Crazy Rich Asians

Wenn ich in ein Buch hineinblättere und als erstes einen Stammbaum sehe, schreckt mich das – je nach Länge des Stammbaums – manchmal ab. Wenn der Stammbaum drei komplette Familienzweige mit alleine 21 Ehepaaren umfasst (plus Kinder, erwachsene Unverheiratete und deren Lebensgefährten, falls vorhanden), überlege ich mir gut, ob ich diesen Roman wirklich lesen will. Wenn zum Stammbaum aber dann auch noch Fußnoten vermerkt sind, wie „Das kommt davon, wenn man sich in Argentinien liften lässt“ und „Plant gerade, mit seinem geliebten Kindermädchen davonzulaufen und an der Karaoke-WM in Manila teilzunehmen“ ist es offensichtlich um mich geschehen, denn ab diesem Zeitpunkt war mir klar, dass ich dieses hübsche pinke Buch gerne lesen würde, das in den USA monatelang auf der Bestsellerliste stand und in 30 Sprachen übersetzt wurde. Wenn es ein Autor schafft, in seinem 576 Seiten umfassenden Roman noch vor dem Titelblatt Humor unterzubringen, muss man ihm doch eine Chance geben – oder?


Doch weder der Stammbaum noch die Seitenzahl hatten mich gewarnt: Während der Lektüre dieses Buches bekam ich mehr und mehr den Eindruck, im Grunde genommen bettelarm zu sein – und gleichzeitig Hunger auf asiatisches Essen. Mit diesen Nebenwirkungen ist definitiv zu rechnen, wenn man Kevin Kwans Debüt „Crazy Rich Asians“ liest. Es handelt, wie der Name schon sagt von „verrückten, stinkreichen Asiaten, deren Leben sich nur ums Geldausgeben, Geldvergleichen und Geldverstecken dreht, die mit ihrem Geld protzen und deswegen anderer Leute Leben ruinieren“. Das ist zumindest das bittere Fazit von Hauptfigur Rachel, die in den USA aufgewachsen ist und mit ihrem Freund Nicholas Young zu einer Hochzeit in seine Heimat fliegt – nichtahnend, dass Nicks Familie zu den reichsten Singapurs gehört und er dort wie ein heißbegehrter Kronprinz behandelt wird, als beste Partie, die frau machen kann. Bevor Rachel die Lage auch nur ansatzweise durchschaut hat, findet sie sich in einem Haifischbecken zwischen arroganten Jugendfreundinnen, herablassenden Verwandten und einer scheinheiligen Schwiegermutter in spe wieder. Wobei Rachel und Nick noch nicht mal übers Heiraten gesprochen haben, doch mindestens Teile der Singapurer Elite sind sich einig, dass diese unwürdige Amerikanerin unbekannter Abstimmung es natürlich nur auf die Ehe mit einem der reichsten Junggesellen Asiens abgesehen haben kann. Und dass sie ihr Ziel erreicht, muss selbstverständlich mit allen Mitteln verhindert werden …

Kevin Kwan entführt seine Leser in die Welt der asiatischen Superreichen, inklusive Redewendungen auf Mandarin und jeder Menge Fußnoten, die dem nicht-asiatischen Leser einige Erklärungen liefern. Und so hat er mir einen völlig unbekannten, aber durchaus faszinierenden Kosmos erschlossen. Es geht nicht nur um Rachel und Nick, sondern auch um andere Familienmitglieder, die unterschiedliche Lebensstile und Interessen verfolgen; und so bleiben die „Crazy Rich Asians“ nicht so stereotyp, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Die Beschreibung von Luxusmarken, Hotels, Privatjets und asiatischen Köstlichkeiten ist dabei ziemlich ausführlich geraten, wird aber durch amüsante und bitterböse Kommentare stets aufgelockert. Als ich zwischenzeitlich feststellte, nur den ersten Band einer Trilogie in den Händen zu halten, war ich leicht irritiert – würde die Geschichte wirklich Stoff für drei Bände hergeben? Inzwischen kann ich mir das durchaus vorstellen und wüsste überdies sehr gerne, wie es mit den Youngs, Shangs und T’Siens weitergeht. Außerdem las ich irgendwann, dass das Buch sogar verfilmt wurde – als billiger Hollywood-Klamauk, schon den Trailer fand ich abschreckend. Er wird diesem komplexen Culture-Clash-Roman nicht gerecht, indem nicht nur unterschiedliche Kulturen und Wertvorstellungen, sondern auch Generationen auf höchst amüsante, aber auch ab und an nachdenklich machende Weise immer wieder aufeinanderprallen.

Verlag: Kein & Aber
Seitenzahl: 576
Erscheinungsdatum: 13. Mai 2019
ISBN: 978-3036957975
Preis: 20,00 € (E-Book: 16,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

30. April 2019

Beck Dorey-Stein: Good Morning, Mr. President!

Dieses Buch wollte ich allein schon wegen seines vielversprechenden Beginns lesen. Noch vor dem ersten Kapitel kommen die „Leitlinien für aufstrebende Stenographinnen“, und bereits diese sind ein Eyecatcher, denn nicht nur die deutsche Übersetzung, sondern auch das amerikanische Original ist im Jahr 2018 erschienen – gibt es heutzutage überhaupt noch Stenographinnen? Anscheinend schon, und sie haben wohl Regeln zu befolgen wie „Leise atmen oder gar nicht“ und „Leben, um zu tippen, nicht tippen, um zu leben“. Eine Seite weiter steht nur ein einziger Satz „Ich sollte keine Stenographin sein.“ Ich finde, dieser Einstieg macht große Lust auf die weitere Lektüre – vor allem, wenn man weiß, wo die Autorin als Stenographin gearbeitet hat …


Beck Dorey-Stein verrät bereits im Untertitel von „Good Morning, Mr. President!“ wo sie bis 2017 beruflich tätig war: „Meine Jahre mit Obama im Weißen Haus“. Zufällig bekommt sie 2011 als arbeitslose Mittzwanzigerin ebendort einen Job als Stenographin. Nach ihren eigenen Schilderungen ist sie damit das unterste Glied in der Nahrungskette der Präsidenten-Entourage, aber trotzdem – im Wechsel mit ihren Stenographen-Kollegen – immer vor Ort, wenn es Reden von Potus (dem President of the United States) mitzuschneiden gibt. Ob im Oval Office, in der Air Force One, auf Auslandsreisen, wenn Obama sich mit den Mächtigen dieser Welt trifft oder bei Trauerfeiern nach Terroranschlägen – Beck Dorey-Stein ist live vor Ort. Man kann sich gut vorstellen, dass ihr teils verfremdeter Bericht schon allein wegen dieses Blicks hinter die Kulissen in den USA zum Bestseller wurde. Abgesehen davon ist er auch eine kleine Hommage an Obama, die zumindest mich beim Lesen ganz wehmütig werden ließ. Aber auch wenn Potus immer wieder vorkommt, ist er doch nur eine Randfigur in Beck Dorey-Steins Memoiren. Ihr Buch dreht sich vor allem um ihr eigenes Leben im und außerhalb des „Zirkus“, um Selbstfindung und ihre Suche nach echten Freunden und wahrer Liebe.
Und insbesondere, was die Suche nach wahrer Liebe angeht, hat mich die Autorin wirklich verblüfft: Schonungslos berichtet sie, wie sie immer wieder hinfällt, sich hochrappelt, erneut hinfällt. Sie macht dabei keine wirklich gute Figur und einige Schilderungen hätte sie sich und ihren Lesern vielleicht ersparen sollen – manchmal hätte ich diese Frau schütteln mögen, die sich wider besseren Wissens immer und immer wieder mit dem falschen Typen einlässt! Zu kurz kamen mir dagegen vor allem anfangs ein paar politische Hintergründe: Wohin Beck mit der Air Force One fliegt, ist in der Regel unwichtiger als der Flug selbst, die Ausstattung des Flugzeugs wird oft detaillierter beschrieben als die Erlebnisse an den Reisezielen. Aber die Autorin sieht natürlich auch nicht viel von den Zielen bzw. macht in erster Linie einfach ihren Job, der sie an faszinierende Orte führt, aber an sich nicht unbedingt faszinierend ist. Doch im Laufe ihrer Stenographinnen-Jahre lernt sie mehr und mehr, den Kopf zu heben und hinzusehen. Und der Blick hinter die Kulissen ist sowieso spannend – auch wenn die ersten paar Seiten des Buches einen pointierteren Bericht erwarten lassen als den, der dann tatsächlich zu lesen ist.

Doch vielleicht gerade, weil „Good Morning, Mr. President“ doch nicht so witzig und überspitzt ist und gerade, weil die Autorin ihr desaströses Liebesleben vor dem Leser ausbreitet, wirkt sie komplett authentisch. Und auch ein bisschen, wie man sich das typische All-American Girl so vorstellt: Beck ist ein gutaussehender, sportlicher Kumpeltyp, der bestens in eine romantische Komödie mit allerlei Verwicklungen passen würde. Und wie die Heldinnen in solchen Filmen reift auch die Autorin während ihrer Jahre im Weißen Haus, sie findet wahre Freunde und weibliche role models, bekommt ein feines Gespür für den unterschiedlichen Umgang mit Macht und geht ihrer wahren Leidenschaft nach – dem Schreiben. Das Ergebnis ist dann schließlich ihr Buch, „Good Morning, Mr. President!“, das ich allen empfehlen kann, die am Blick hinter die Kulissen der Macht Spaß haben und ein gewisses Maß an Geduld mit der Autorin mitbringen, die mir als Leserin zwar ab und zu auf die Nerven gegangen ist, ihr Herz aber definitiv am rechten Fleck hat.

Verlag: Rowohlt
Seitenzahl: 480
Erscheinungsdatum: 20. November 2018
ISBN: 978-3499633522
Preis: 12,99 € (E-Book: 9,99 €)

23. April 2019

Raffaella Romagnolo: Bella Ciao

Die mir gänzlich unbekannte Netflix-Serie „Haus des Geldes“ hat das Lied „Bella Ciao“ zum offiziellen Sommerhit 2018 gemacht. „Bella Ciao“ war damit vermutlich der älteste Sommerhit aller Zeiten, denn das im letzten Jahr neu abgemischte Arbeiterlied hat eine über hundertjährige Geschichte. Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts sangen es italienische Reispflückerinnen. Während des Zweiten Weltkriegs wurde es umgedichtet und entwickelte sich zur Hymne des Widerstands gegen den Faschismus, und in diesem Zusammenhang kam es auch in dem Roman vor, den ich als letztes gelesen habe.


Raffaella Romagnolo erwähnt das titelgebende Partisanenlied „Bella Ciao“ nur einmal namentlich in ihrem neuesten Buch, doch Partsianen gibt es dafür reichlich. Die Handlung spielt im Dorf Borgo di Dentro im ialienischen Piemont, in das die Amerikanerin Giulia Masca 1946 zurückkehrt, nachdem sie es 45 Jahre zuvor in einer Nacht-und-Nebel-Aktion verlassen hat. Giulia Masca stammt aus einfachsten Verhältnissen und hat schon als Kind in der örtlichen Seidenspinnerei gearbeitet. Wegen des Verrats einer Freundin hat sie die Heimat verlassen und in New York Glück und Wohlstand gefunden, während Europa erst vom Ersten und dann vom Zweiten Weltkrieg erschüttert wurde. Nun ist sie für eine Nacht zurückgekehrt und die Erinnerungen holen sie ein. Doch nicht nur Giulia Mascas Leben wird in Rückblicken berichtet – auch das ihrer Kindheitsfreundin Anita Leone, die Borgo die Dentro nie verlassen hat. Im Gegensatz zu Einzelkind Giulia wurde Anita in eine starke und nicht ganz so arme Großfamilie hineingeboren, die gepachtete Weinberge bewirtschaftet. Ihre Kindheit ist glücklicher als die ihrer Freundin, doch leicht hat sie es später nicht. Die Autorin schildert entbehrungsreiche, harte Arbeiterleben, die von Existenzängsten, Kriegen und Naturkatastrophen erschüttert werden, doch auch von Liebe, Zusammenhalt und Loyalität geprägt sind. Gleich an zwei Stellen hat Raffaella Romagnolo Stammbäume eingefügt, damit ihre Leser von den komplexen Beziehungsgeflechten nicht zu verwirrt sind. Ich musste nur manchmal darauf zurückgreifen: Die meisten Figuren sind gut greifbar und mit klaren Eigenheiten versehen, was es leichter macht, sich in den verschiedenen Familienverbünden einigermaßen zurechtzufinden.

„Bella Ciao“ ist nicht immer ganz einfach zu lesen. Nicht so sehr wegen der Fülle an Protagonisten, auch nicht wegen der immerhin fast ein halbes Jahrhundert umfassenden, umrissenen italienischen Geschichte: Was mir etwas zugesetzt hat, sind Beschreibungen von Elend und Leid. Als Leser zieht man mit den Figuren in Schlachten, die in den meisten Familiensagas nicht so detailliert beschrieben werden. Beim Lesen war ich mehr als einmal froh, 100 Jahre nach den Hauptfiguren geboren worden zu sein. Doch „Bella Ciao“ ist auch einer dieser Romane, die einem eine ganz neue, in meinem Fall unbekannte Welt eröffnen, die man nicht mehr vergisst. Die Autorin schreibt mit viel Einfühlungsvermögen und schafft so komplexe Entwicklungen, in denen Menschen über sich hinauswachsen und auch Gut und Böse nicht immer klar zu trennen sind. Ich empfehle, sich etwas Zeit für „Bella Ciao“ zu nehmen – es ist kein Buch, bei dem es reicht, jeden Abend vor dem Einschlafen ein paar Seiten zu lesen. Doch wem es möglich ist, sich von Raffaella Romagnolo nach Borgo di Dentro mitnehmen zu lassen, der wird mit einem intensiven Leseerlebnis belohnt und weder Giulia Masca noch die Familie Leone schnell vergessen können.

Verlag: Diogenes
Seitenzahl: 528
Erscheinungsdatum: 20. März 2019
ISBN: 978-3257070620
Preis: 24,00 € (E-Book: 20,99 €)

Ich habe dieses Buch als Leseexemplar erhalten.

Allen Lesern einen schönen Welttag des Buches!

16. April 2019

Katrine Engberg: Blutmond

Das erste Buch der Dänin Katrine Engberg wurde letztes Jahr auf Deutsch veröffentlicht. Ich habe „Krokodilwächter“ nicht gelesen, obwohl der Thriller vielversprechend klang. Umso gespannter war ich nun, als ich das zweite Buch der Autorin in die Hände bekam, in dem nicht nur das gleiche Polizeiteam ermittelt, sondern auch andere Figuren aus Engbergs Debüt vorkommen. Wenn man eine Serie mit Band zwei beginnt, gestaltet sich der Einstieg in die Geschichte ja manchmal als schwierig – hier gelingt er aber problemlos, was mir schon mal gefallen hat.


Ein „Blutmond“ kündigt sich in dem gleichnamigen Thriller an, der in der Nacht zu einem 28. Januar beginnt, sechs Tage vor dem Naturschauspiel. Die Hauptfiguren scheint das herzlich wenig zu interessieren: Polizeiassistent Jeppe Kørner ist gerade tiefenentspannt und mit neuer Freundin von einer Australienreise zurückgekehrt und seine Kollegin Anette Werner mit gesundheitlichen Problemen beschäftigt. Außerdem steht ganz Kopenhagen im Zeichen der alljährlichen Fashion Week. Doch schon eine Pre-Party endet tödlich: Modekönig Alpha Bartholdy wird leblos in einem Park aufgefunden. Schnell stellt sich raus: Der TV-Promi hatte nicht nur Fans, sondern auch Feinde. Im Zuge der Polizeiermittlungen erhält der Leser einige Einblicke in deren Leben, aus ihren eigenen Perspektiven. Außerdem lernt er ein paar Protagonisten kennen, die er noch gar nicht einordnen kann. Wie alles zusammenhängt, scheint rätselhaft. Polizeiassistent Jeppe Kørner muss sich allerdings bald eingestehen, dass ein Name relativ oft genannt wird – und zwar der Name eines seiner langjährigsten Freunde, der überdies nicht auffindbar ist …

Katrine Engberg führt ihre Ermittler genau wie ihre Leser mehrmals in die Irre. Das gelingt ihr außerordentlich gut, ohne dass der Plot allzu verwirrend wird. Das einzige, was mich leicht gestört hat, war die Starrköpfigkeit der Hauptfigur: Jeppe weiß, dass er befangen ist, lässt sich davon jedoch nicht stören und begehrt auch noch trotzig auf, wenn die Kollegen ihn aus guten Gründen außen vor lassen – das hat manchmal genervt, genau wie die mangelnde Kooperationsbereitschaft von gewissen Verdächtigen. Das Zwischenmenschliche kommt nicht zu kurz, steht aber auch nicht im Mittelpunkt. Obendrauf gibt’s ganz viel Kopenhagen-Atmosphäre, gepaart mit klirrender Januarkälte, deren Beschreibung einen schon beim Lesen frösteln lässt. „Blutmond“ ist facettenreich, raffiniert und toll geschrieben – einzelne Sätze und Passagen wirken richtiggehend poetisch, die Mordmethode dagegen wird so nüchtern-präzise geschildert, dass man sich dem Grauen kaum entziehen kann. Dazu gibt‘s den ein oder anderen netten Cliffhanger und in der zweiten Hälfte entwickelt sich die Geschichte irgendwann zum Pageturner. Trotzdem würde ich sie nicht dem Thriller-, sondern dem Krimigenre zuordnen. Für alle Fans des Ermittlerteams gibt’s noch die gute Nachricht, dass in Dänemark bereits der dritte Teil der Serie erschienen ist. Ich werde nicht zum letzten Mal von Jeppe Kørner gelesen haben.

Verlag: Diogenes
Seitenzahl: 480
Erscheinungsdatum: 20. März 2019
ISBN: 978-3257070583
Preis: 24,00 € (E-Book: 20,99 €, nur ePUB)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

8. April 2019

Joël Dicker: Das Verschwinden der Stephanie Mailer

Joël Dicker gehört zu meinen Lieblingsautoren. Er hat bislang drei Romane geschrieben, die ich alle verschlungen habe und herausragend fand. „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ war noch ein Spontankauf, der mir eine halbe schlaflose Nacht bescherte, als ich einfach nicht mehr aufhören konnte, zu lesen. „Die Geschichte der Baltimores“ kaufte ich mir dann direkt nach Erscheinen und freute mich über das Wiedersehen mit Protagonist Marcus Goldman. Und als jetzt „Das Verschwinden der Stephanie Mailer“ erschien, habe ich meine bei „Vorablesen“ gesammelten Punkte ohne Zögern eingesetzt, um ein Rezensionsexemplar zu ergattern. Und was soll ich sagen? Ich wurde nicht enttäuscht!


„Das Verschwinden der Stephanie Mailer“ spielt in Orphea, einer beschaulichen Kleinstadt an der amerikanischen Ostküste. Alljährlicher Höhepunkt des öffentlichen Lebens ist ein Theaterfestival, das in der Romangegenwart im Jahr 2014 bereits 20-jähriges Jubiläum feiern soll. Mindestens halbvergessen scheinen die Ereignisse vom Premierenabend des ersten Festivals 1994: Damals wurden vier Einwohner Orpheas erschossen, unter ihnen die Familie des damaligen Bürgermeisters. Zwei junge Polizisten der State Police konnten den Fall nach mehrmonatiger Arbeit lösen. Einer von ihnen, Jesse Rosenberg, feiert zu Beginn des Romans gerade sein Ausscheiden aus dem Polizeidienst, als ihn eine Journalistin anspricht, die ihm auf den Kopf zusagt, dass er damals in Orphea den Falschen verhaftet hätte. Rosenberg nimmt die geheimnistuerische Stephanie Mailer zunächst nicht ernst, doch nur ein paar Tage später wird die junge Frau als vermisst gemeldet. Hat sie eventuell wirklich etwas herausgefunden – und wohin ist sie verschwunden?

„Das Verschwinden der Stephanie Mailer“ ist vieles: hochspannend, unterhaltsam, tragisch, begeisternd und voller Leben. Joël Dicker führt seine Leser durch einen dichten Roman voller Perspektivwechsel, Rückblenden und wahnwitziger Wendungen. Doch selbst Entwicklungen, die mir überdreht vorkamen, bekamen irgendwann einen Sinn, wurden nachvollziehbar und fügten sich wie Puzzlestücke in den Gesamtkontext ein. Dieser Autor ist einfach ein Meister seines Fachs: Er hat ein unfassbares Talent, Protagonisten und Schauplätze lebendig werden zu lassen und ein großartiges Gespür für die richtige Dosis. Trotz vieler Details und einer Fülle handelnder Personen bleibt „Das Verschwinden der Stephanie Mailer“ wundervoll lesbar und auf die Haupthandlung fokussiert. Überdies macht der Roman regelrecht süchtig. Es ist wie bei einem Esel, der einer Mohrrübe hinterherläuft: Als Leser fühlt man sich der Lösung der Romanrätsel stets nah und lässt sich von Dicker willig auf jede neue Fährte mitnehmen, was die 672 Seiten im Nu verfliegen lässt. Wenn doch die Wartezeit auf das nächste Buch des Autors nur auch so schnell verginge!

Als Trost für alle, die wie ich nun wieder warten: Seit dem 1.04. ist exklusiv auf tvnow.de „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ zu sehen – als Serie, mit Patrick Dempsey in der Hauptrolle. Ich habe noch keine Folge gesehen, werde das aber als Joël Dicker-Fan natürlich bald nachholen.

Verlag: Piper
Seitenzahl: 672
Erscheinungsdatum: 2. April 2019
ISBN: 978-3492059398
Preis: 25,00 € (E-Book: 18,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

31. März 2019

Susanne Hasenstab: Irgendwo zwischen Liebe und Musterhaus

Der Titel dieses Romans lässt auf einen beliebigen Frauenroman schließen, die Farbgebung des Covers ist nicht mein Fall. Aber der Klappentext klang so, dass ich dachte, das Buch könnte trotzdem ganz amüsant werden, auch wenn es vermutlich etwas 08/15 sein würde. Großer Irrtum!


Also nicht, dass „Irgendwo zwischen Liebe und Musterhaus“ amüsant ist – das ist kein Irrtum, ich habe mich bestens amüsiert. Aber das Buch ist bei Weitem kein Frauenroman von der Stange, eher das Gegenteil, es liest sich sehr erfrischend. Die Autorin Susanne Hasenstab erfasst Menschen und ihre Schwächen und Verhaltensweisen ganz genau und proträtiert gnadenlos Typen, die man aus dem Alltag kennt. Das ist sehr witzig, manchmal auch böse, doch weil Hasenstabs Ich-Erzählerin Katja genügend eigene Probleme hat, bleibt sie trotzdem sympathisch. Katja ist zwar mit einem scharfen, sezierenden Blick auf ihre Umgebung ausgestattet, erhebt sich aber dabei nicht über andere. Die 31-jährige dümpelt als Teilzeitangestellte der Gratis-Zeitung ihres Heimatortes durchs Leben und weiß eigentlich nicht, was sie will. Im Gegensatz zu ihrem Umfeld: Langzeitfreund Jonas will ein Eigenheim und Familie, der Bürokollege Herr Böhmann jeden Mittag woanders essen gehen, Katjas Mutter will Enkel, Freundin Inga sucht nach irgendeiner Art von Erleuchtung und Borke, Lebensgefährte von letzterer, bereist zielstrebig „die Welt des Hochprozentigen“. Katja scheint die einzige zu sein, die keinen wirklichen Plan hat. Zwar ist ihr im Grunde ihres Herzens bewusst, was sie nicht will, aber: „Was bleibt, wenn ich die Optionen Haus, Heirat, Kinder und Karriere allesamt ausschlage?“ Zwischen Besichtigungsterminen, einer aus dem Ruder laufenden Geburtstagsfeier und zwei wirren Kleinkunstabenden bleibt allerdings kaum Zeit, dieser Frage nachzugehen. Doch manchmal schließen sich ja bekanntlich auch Türen, während sich andere dafür öffnen.
Susanne Hasenstab hat ein echtes Händchen für die Ausgestaltung absurder Situationen, in die jeder rutschen könnte. Ich hatte ganz unverhofft großen Spaß beim Lesen und werde mir den Namen dieser Autorin ganz sicher merken.

Verlag: Limes Verlag
Seitenzahl: 416
Erscheinungsdatum: 25. März 2019
ISBN: 978-3809027010
Preis: 20,00 € (E-Book: 13,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

25. März 2019

Brigitte Glaser: Rheinblick

Mir hat „Bühlerhöhe“ gut gefallen und so war ich sehr gespannt auf Brigitte Glasers neuen Roman. Schon der Klappentext macht klar: Die Autorin bleibt sich treu und hat sich erneut eines Stücks bundesrepublikanischer Geschichte angenommen.


„Rheinblick“ spielt 1972, Willy Brandt ist gerade wiedergewählt worden. Doch statt voller Elan in die Koalitionsverhandlungen zu ziehen, muss sich der Kanzler zu einer Stimmbandoperation ins Krankenhaus begeben. Eine junge Krankenschwester namens Sonja, die schon erste Erfahrungen auf dem noch neuen Gebiet der Logopädie sammeln konnte, ist für die Betreuung des prominenten Patienten mitzuständig. Sie ist eine der vier Hauptfiguren des Romans, zwei weitere wohnen in ihrer WG: Student Max, der nebenbei als Taxifahrer arbeitet und ständig knapp bei Kasse ist, und Journalistin Lotti, die nur für eine Woche aus der Bundeshauptstadt berichtet, bevor sie wieder in ihre badische Heimat zurückreist. Die vierte Hauptfigur hat keinen direkten Bezug zu den drei anderen: Hilde führt das titelgebende Lokal „Rheinblick“, das in direkter Nähe zum Bundestag Anlaufpunkt für Politiker aller Parteien ist. Die Wirtin sieht viel, hört viel und erzählt nichts weiter; was im Rheinblick passiert, bleibt auch im Rheinblick. Ein-, zweimal hat sie ihre goldene Regel allerdings gebrochen und fürchtet nun, dass sich das rächen und ihr Geschäft ruinieren könnte. Denn Bonn ist ein heißes Pflaster und jeder verfolgt mehr oder weniger gnadenlos seine eigenen Interessen.

Vermutlich weist schon meine kleine Zusammenfassung auf meinen größten Kritikpunkt an diesem Roman hin: Er ist mit zu vielen Hauptfiguren und zu vielen Nebenschauplätzen einfach etwas überladen. Der Handlungsort von Brigitte Glasers „Bühlerhöhe“ war ein abgeschiedenes Kurhotel, was es vermutlich leichter machte, die Geschichte überschaubar zu halten. In der Bundeshauptstadt ist naturgemäß mehr los und die Autorin zeigt ganz verschiedene Facetten des Bonner Lebens: Wie sich die Politiker im „Rheinblick“ die Klinke in die Hand geben, was sich in Brandts Krankenzimmer abspielt, was Taxifahrer Max so aufschnappt und wie es Lotti in der linken Studenten-WG ergeht. Neben politischen Intrigen hat Glaser auch noch einen Kriminalfall eingebaut. Die Bonner Republik wird so richtig erlebbar: Einerseits wirkt sie piefig, spießig und patriarchalisch, andererseits ist aber auch Aufbruchsstimmung zu spüren und die Hoffnung auf radikale Veränderungen. Hier wurde jede Menge Zeitgeist detailliert eingefangen. All die quirligen Verstrickungen lesen sich allerdings nicht ganz so flüssig, denn es gibt einfach zu viele Themen, die angeschnitten werden. Die Geschichte springt ständig zwischen den vier Hauptpersonen und ihren vielfältigen privaten und beruflichen Problemen hin und her. Eine wirkliche Bindung zu den Figuren kann so kaum aufgebaut werden; am besten charakterisiert wurde meiner Meinung nach dann auch keiner der Protagonisten, sondern die Stadt Bonn an sich. Das hat zugegebenermaßen auch seinen Reiz – zumindest, wenn man Bonn kennt. Mich von „Rheinblick“ ins Jahr 1972 mitnehmen zu lassen, fand ich spannend; Stimmungen und Strömungen werden packend beschrieben und so liest sich der Roman fast wie ein Zeitzeugnis. In diesem Punkt, der vermutlich Glasers Erfolgsrezept ist, ähnelt er dann auch wieder seinem Vorgänger „Bühlerhöhe“.

Verlag: List
Seitenzahl: 432
Erscheinungsdatum: 22. Februar 2019
ISBN: 978-3471351802
Preis: 20,00 € (E-Book: 16,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

19. März 2019

Marlene Fleißig: Bestimmt schön im Sommer

Anfangs gefiel mir das farbenfrohe, stimmungsvolle Cover dieses Buches sehr und auch der leicht melancholisch anmutende Titel sprach mich an. Auch nach der ersten Romanhälfte war ich noch guter Dinge. Vieles fand – und finde – ich recht gelungen: Den Ton der Geschichte, den sarkastischen Blick der in sich gekehrt wirkenden Hauptfigur, den Schreibstil der Autorin.


Marlene Fleißig scheint in ihrem Romandebüt „Bestimmt schön im Sommer“ verschiedene Fragmente zusammenzusetzen; es wirkt mitunter fast tagebuchartig aus der Sicht von Ich-Erzählerin Maria geschrieben. Maria springt von einer Anekdote zur nächsten, was kein Wunder ist, denn es kommen viele Erinnerungen hoch, als sie zum ersten Mal ihre Eltern in Galicien besucht, nachdem sie nach dem Tod ihrer Schwester Adela vor einigen Jahren regelrecht nach Deutschland geflüchtet ist. Fern von der Heimat hat sie sich einigermaßen eingerichtet, scheint jetzt jedoch an einem Wendepunkt zu stehen: Ihr Freund ist weg und mit ihm die meisten Möbel, einen ihrer beiden Jobs hat sie ebenfalls verloren. Geblieben ist ihr nur ein Hund mit chronischen Magenproblemen und ihre Freundin Eno, die jedoch vor allem mit sich selbst beschäftigt ist. Aber selbst sie drängt Maria, sich der Vergangenheit zu stellen, und irgendwann fährt diese auch tatsächlich nach Galicien, in einer Nacht- und Nebel-Aktion, die ihrer abschiedslosen Auswanderung vor ein paar Jahren fast ähnelt. Klar, dass sie innerlich in Aufruhr ist: Auf Erinnerungen an Deutschland folgen Erinnerungen an ihre Kindheit und die Beschreibung des Wiedersehens mit den Eltern. Zum Teil werden auch diese noch unterbrochen, von manchmal nur eine halbe Seite langen Kurzkapiteln, in denen die Hauptfigur etwas auflistet, ein vorsichtiges Gespräch mit ihrer Mutter in Gedanken transkribiert oder ein Telefonat mit Eno wörtlich wiedergibt. Stilistisch hat mir das sehr gefallen, denn obwohl Marias Beweggründe nie direkt geschildert werden, bekommt man doch einen Eindruck von ihrem Innenleben, ihrer Traurigkeit und nicht zuletzt von ihrem sarkastischen Humor.

Doch dieser Stil trägt leider nicht bis zum Ende des Buches. Dadurch, dass vieles anfangs nur angedeutet wird, man als Leser oft im Dunkeln tappt und sich die Geschehnisse nicht so recht erklären kann, erwartete ich während der zweiten Romanhälfte doch eine Art von Auflösung des Vergangenen und eine klare Perspektive für Marias Zukunft. Leider wird „Bestimmt schön im Sommer“ zum Ende hin eher verworren und es fällt schwer, sich die oft nur angedeutete Handlung zusammenzureimen – zumindest ich kam dabei zu keinem zufriedenstellenden Ergebnis. Vielleicht hätten ein paar weitere, deutlicher gehaltene Kapitel helfen können, die Kurve zu kriegen. So habe ich dieses Buch zwar in großen Teilen gerne gelesen, jedoch den Eindruck, dass mir der Zugang zu wichtigen Aspekten der Geschichte verwehrt wurde und sie mich nun ratloser zurücklässt, als ich erwartet habe. Auch das Cover erfüllt die Erwartungen an den Roman im Nachhinein nicht: Die fröhliche Urlaubsstimmung mit Meer scheint nach der Lektüre unpassend, ist doch im Meer Marias Schwester ertrunken. Und so wirkt „Bestimmt schön im Sommer“ trotz guter Ansätze letztlich einfach nicht ausgereift.

Verlag: hanserblau
Seitenzahl: 192
Erscheinungsdatum: 11. März 2019
ISBN: 978-3446261938
Preis: 14,00 € (E-Book: 10,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

6. März 2019

John Lanchester: Die Mauer

Abschottung und geplante Mauerbauten sind momentan fast Alltagsthemen und so wirkt dieser Roman schon durch seinen Titel hochaktuell. Er spielt allerdings weder in der Gegenwart noch in der Vergangenheit, sondern ist eine Dystopie, wobei sich kaum sagen lässt, wie weit in der Zukunft diese angesiedelt ist. Der technische Fortschritt scheint relativ überschaubar, der gesellschaftliche Wandel jedoch enorm. Autor John Lanchester überlässt es dem Leser, sich zusammenzureimen, was zwischen der Jetztzeit und der Romangegenwart passiert ist, es gibt kaum Einordnung. Zunächst dreht sich sowieso alles ganz und gar um „Die Mauer“.


„Die Mauer“ ist der titelgebende, höchst eintönige Schauplatz des Romans. Sie umschließt ganz Großbritannien, um das Land vor Eindringlingen zu schützen, die schlicht „die Anderen“ genannt werden. Wenn die Küstenwache die Anderen nicht erwischt, sie auch nicht von Drohnen versenkt werden, sondern tatsächlich an Land kommen und sich da der Mauer nähern – dann sind die Verteidiger gefragt. Einer von ihnen ist Ich-Erzähler Joseph Kavanagh. Wie jeder rechtmäßige Bewohner Großbritanniens, der nicht zu einer erhabenen Elite gehört, muss er seinen zweijährigen Pflichtdienst zum Schutz der Insel ableisten und macht dies, wie viele seiner Landsleute, auf der Mauer. Er verbringt viele ereignislose Zwölf-Stunden-Schichten auf seinem Posten, umgeben von Kälte, Beton, Wind, Himmel und Wasser. Dabei ist er hin- und hergerissen zwischen Lethargie und folgendem Wissen: Wenn das Worst-Case-Szenario eintritt und es Andere schaffen, die Mauer zu überwinden, wird die gleiche Anzahl an Verteidigern als Staatenlose auf dem offenen Meer ausgesetzt. Es ist ein unbarmherziges System, das keiner der Protagonisten hinterfragt, denn es ist eine Normalität, an die sich alle komplett gewöhnt haben. Und das ist eine der Erkenntnisse, die „Die Mauer“ ihren Lesern vor Augen führt: Der Mensch kann sich an alles gewöhnen, auch an den Verlust jeglicher Humanität. Autor Lanchester benutzt sogar eine entmenschlichende Sprache, wenn es um „die Anderen“ geht. Im geschilderten System ist alles klar geregelt und wird offen kommuniziert; die Ordnung scheint das Ganze zu legitimieren. Es braucht nicht viel Fantasie, um das Bild von einem sich komplett abschottenden Land und verzweifelten Bootsflüchtlingen auf die Gegenwart zu übertragen.

Die Bürger dieses zum Teil fast postapokalyptisch wirkenden Großbritanniens zeichnen sich größtenteils durch eine fatalistische Grundstimmung aus und sind ganz offensichtlich abgestumpft. Allerdings herrscht ein weitestgehend unausgesprochener Generationenkonflikt zwischen der jungen Generation, die Dienst an der Mauer leisten muss, und den Älteren, die die Welt vor dem alles verändernden „Wandel“ gekannt, ihn aber dennoch zugelassen haben. Auch hier klingeln leise Alarmglocken beim Lesen. Leider spielt die „Täter-“/Elterngeneration nur eine Randrolle, Details und globale Bedeutung des Wandels werden nicht näher ausgeführt. Für die eigentliche Handlung ist dies auch nicht erforderlich, dennoch hätte ich eine größere Ausarbeitung der Dystopie spannend gefunden.

Lanchester hat einen Roman geschrieben, der nicht mehr loslässt, obwohl über weite Strecken nur sehr wenig passiert. Es ist zweifellos eine Kunst, Monotonie auf eine fesselnde Art und Weise darzustellen, und der Autor beherrscht diese perfekt. „Die Mauer“ liest sich erschütternd und eindringlich. Die Anzahl der Protagonisten ist überschaubar, die Handlungsstränge wirken karg, und dennoch geht ein Sog von der Erzählung aus, dem man sich kaum entziehen kann. Der Ich-Erzähler ist in einem Alptraum gefangen, aus dem der Leser am Ende des Romans aufwacht und vielleicht die ein oder andere Erkenntnis gewonnen hat.

Verlag: Klett-Cotta
Seitenzahl: 348
Erscheinungsdatum: 31. Januar 2019
ISBN: 978-3608963915
Preis: 24,00 € (E-Book: 18,99 €)

Ich habe dieses E-Book als Rezensionsexemplar erhalten.

27. Februar 2019

Mark and Delia Owens: Cry of the Kalahari

Ein hochmotiviertes, amerikanisches Paar beschließt, nach dem Studium nach Afrika zu gehen. Die beiden jungen Zoologen haben das gemeinsame Ziel, zur Bewahrung noch nicht von der Zivilisation zerstörter Wildnis beizutragen. Sie entscheiden sich für Botswana als Wirkungsstätte und leben dort fast sieben Jahre lang die meiste Zeit in der völligen Abgeschiedenheit des Deception Valley im Central Kalahari Game Reserve – viele Autostunden entfernt von anderen Menschen, jeglichen Kommunikationsmitteln und vor allem: Wasser. Eine Autopanne kann genauso tödlich enden wie die gelegentlichen Besuche von Löwen, Hyänen und Leoparden im Zeltcamp der beiden. Dass Delia and Mark Owens vor allem die ersten Jahre ihrer Feldforschung überlebt haben, grenzt an ein Wunder.


„Cry of the Kalahari“ ist gewissermaßen ihr Vermächtnis für die Allgemeinheit und fasziniert von der ersten bis zur letzten Seite: Zunächst durch die widrigen Umstände, unter denen die Owens ihre Forschungen in lebensfeindlicher Umgebung aufnehmen, später durch die Schilderungen ihrer Beobachtungen von Schakalen, Wildhunden, Löwen und Braunen Hyänen. Die Autoren sind auf ihrem Gebiet Pioniere, haben sie doch als erste überhaupt das Verhalten der genannten Spezies in der Kalahari untersucht. Wer sich auch nur ein wenig für Tiere interessiert, wird aus dem Staunen nicht mehr herauskommen. Jede einzelne Seite zeugt von der Leidenschaft, mit der Delia und Mark Owens ihre Forschungen betrieben haben und von ihrem Bestreben, sich völlig an die Natur anzupassen, um das Leben der von ihnen beobachteten Tiere so wenig wie möglich durch ihre Anwesenheit zu verändern. Ihre Studienobjekte wachsen dabei nicht nur den Forschern ans Herz, sondern auch deren Lesern, lernen sie doch ihre Charakteristika kennen. Auch Hyänen können abenteuerlustig oder vorsichtig sein, auch Löwen nachlässig oder fürsorglich. Das Ehepaar Owens nimmt seine Leser mit in die Kalahari, nicht zuletzt, um für den Erhalt der Wildnis zu werben. Inzwischen ist „Cry oft he Kalahari“ bereits 35 Jahre alt, wirkt jedoch kein bisschen antiquiert. Das Abenteuer bleibt miterlebbar.

Verlag: Mariner Books
Seitenzahl: 342
Erscheinungsdatum: 15. Oktober 1992 (dieser Ausgabe; Erstveröffentlichung des Buches war 1984)
ISBN: 978-0395647806
Preis: 16,50 € (E-Book: 7,99 €)

18. Februar 2019

Thomas Pierce: Die Leben danach

Ein mir unbekannter Autor, ein Buchtitel, den ich mir während des Lesens partout nicht merken konnte und ein Cover, das ich als seltsam empfand. Diese Mischung ergibt: Ein tolles Buch, das leise anfängt, leise endet, einiges im Unklaren lässt und mich komplett begeistert hat.


Thomas Pierces Hauptfigur Jim Byrd beschäftigt sich in „Die Leben danach“ zunächst nur mit seinem eigenen, aktuellen Leben. Das hätte nämlich um ein Haar bereits geendet, nachdem er mit nur 33 Jahren einen Herzinfarkt erlitten hat. Seitdem ist er Besitzer eines HeartNets, eines hoch entwickelten implantierten Defibrillators, der sein Herz wie ein engmaschiges Zwiebelnetz umschließt, es im Falle einer erneuten „Fehlzündung“ aktiv bepumpt und überdies per App mitteilt, wenn er eingreifen muss. Dass die Notwendigkeit eines solchen Implantats beim Empfänger zu einer Sinnkrise führen kann, ist verständlich. Jims Sinnkrise wird allerdings vielmehr dadurch ausgelöst, dass er vor seiner erfolgreichen Wiederbelebung kurz klinisch tot war – und nichts gesehen hat. Nicht das berühmte Licht am Ende des Tunnels, nicht seinen Körper aus schwebender Perspektive, nicht den Film seines Lebens, der noch einmal vor seinem geistigen Auge abläuft – Jim hat absolut nichts gesehen, und das befremdet ihn am meisten. Ist es das, was ihn nach seinem Tod erwarten wird – nichts?

Diese Frage zieht sich durch das Buch – aber auf unaufdringliche Art und Weise. Jim beschäftigt sich zwar mit dem Existenziellen, aber vor allem lebt er. Der Durchschnittstyp, ein Kreditberater in seiner Heimatstadt Shula, ändert sich nicht um 180 Grad, aber er verliebt sich, er heiratet, wird Stiefvater eines Teenagers, schließt sich einer Glaubensgemeinschaft an, die keinen gemeinsamen Glauben teilt und begibt sich schließlich noch auf Geistersuche. Ja, richtig gelesen. In einem Haus in Shula spukt’s – darauf näher einzugehen, würde hier zu weit führen, aber es sei kurz erwähnt, dass die Geschichte in der Geschichte unerwartet gut passt – geht es doch im Großen und Ganzen um die Leben danach, die Leben davor und wie alles miteinander verbunden ist.

Selbst die Geistergeschichte ändert nichts daran, dass das Buch realistisch wirkt. Es finden sich ein paar Science Fiction-Elemente, die jedoch so überzeugend eingewebt sind, dass sie vollkommen stimmig scheinen – angefangen bei Jims HeartNet. Auch Hologramme von Prominenten als Werbeträger wirken wie technische Weiterentwicklungen, die die Zukunft durchaus mit sich bringen könnte. Apropos Zukunft – zwei Figuren unterhalten sich darüber und eine fragt die andere: „Wünscht du dir nie, in der Zukunft geboren worden zu sein?“ Die Antwort: „Na ja, bist Du ja irgendwie. Nur dass es die Zukunft von jemand anderem ist. Nicht deine.“

Und so ist Thomas Pierces „Die Leben danach“ hier und da durchaus philosophisch angehaucht, bleibt dabei aber bestens lesbar. Es enthält jede Menge kluger Gedanken, aber auch jede Menge konkretes Leben, ist also in keinster Weise vergeistigt. Der Autor hat ein großes Herz für seine Protagonisten und das von ihm erdachte Shula. Ich habe Jim Byrd wahnsinnig gern durch sein Leben begleitet. Einige der im Buch geschilderten Gedanken haben sich überdies in meinem Kopf festgesetzt und werden da wohl noch einige Zeit kreisen.

Verlag: DuMont Buchverlag
Seitenzahl: 400
Erscheinungsdatum: 18. Februar 2019
ISBN: 978-3832198930
Preis: 24,00 € (E-Book: 18,99 €)

Ich habe dieses E-Book als Rezensionsexemplar erhalten.

12. Februar 2019

Clare Mackintosh: Deine letzte Lüge

Für diesen Thriller hatte ich mich auf dem Portal „Lesejury“ beworben, weil ich fand, dass er ziemlich vielversprechend klang. Die Autorin ist eine frühere Polizistin, die ihren ersten Beruf nach zwölf Jahren an den Nagel gehängt hat, um sich dem Schreiben zu widmen. Sie hat seitdem schon mehrere Psychothriller verfasst und schien sich also sowohl mit Verbrechen als auch mit dem Verfassen spannender Geschichten auszukennen, weswegen ich doch hohe Erwartungen an ihr Buch hatte. Diese wurden dann leider enttäuscht, aber auch das passiert eben manchmal.


In Clare Mackintoshs „Deine letzte Lüge“ hat die Mittzwanzigerin Anna bereits zu Beginn der Geschichte eine furchtbare Zeit hinter sich: Innerhalb von sieben Monaten hat sie beide Elternteile verloren. Unfassbar: Beide sind offenbar freiwillig aus dem Leben geschieden und haben sich vom Beachy Head, dem höchsten Kreidefelsen Großbritanniens, in den Tod gestürzt. Oder? Am ersten Todestag ihrer Mutter erhält Anna eine geschmacklose Klappkarte, die nur drei Wörter enthält: „Selbstmord? Von wegen.“ Für sie der ultimative Beweis, dass sich zumindest ihre Mutter nicht umgebracht hat. Und an dieser Stelle war ich dann auch schon zum ersten Mal leicht irritiert – da trauert jemand seit 19 Monaten und lässt sich dann von einer anonymen Postsendung in nullkommanix überzeugen, dass alles ganz anders war?
Natürlich muss Protagonistin Anna anfangen, Nachforschungen zu stellen, sonst wäre dieses Buch schon zuende gewesen, bevor es richtig angefangen hätte. Aber ihr Denken und Handeln erschien mir dabei längst nicht immer schlüssig dargestellt und das bleibt meiner Meinung nach eine sich durch das Buch ziehende Schwäche. Viele Charaktere verhalten sich – im Nachhinein meist grundlos – seltsam oder bleiben durchgängig sehr blass, als hätte die Autorin sie bewusst vernachlässigt, um sich mehr Optionen für die weitere Handlungsgestaltung offen zu halten. Eine Ausnahme bildet Murray, ein Polizist im Ruhestand, der als Zivilangestellter weiterhin auf einer Polizeiwache arbeitet und für den Annas Geschichte eine willkommene Ablenkung von der Sorge um seine Ehefrau ist, die unter einer Borderline-Persönlichkeitsstörung leidet. Murray und auch seine Frau hat Mackintosh etwas achtsamer gestaltet, ihr Schicksal berührt, während mir Anna bald vor allem auf die Nerven ging.

Was mich an „Deine letzte Lüge“ zusätzlich gestört hat: Die Autorin versucht mehrmals, ihre Leser auf die falsche Fährte zu locken. Vollkommen legitim bei einem Thriller, könnte man einwenden, aber hier kam mir das Ganze sehr überkonstruiert vor. Zum Teil war die falsche Fährte so nachvollziehbar geschildert, dass die richtige Lösung kaum mithalten konnte. Auch die Auflösung überzeugte mich nicht komplett. Das Buch hat ein paar kaum vorhersehbare Twists, auf das Ende wäre ich von alleine sicher nicht gekommen. Aber über das öfters irritierende Verhalten der Figuren konnte mich das kaum hinwegtrösten. Die Grundidee des Psychothrillers versprach weitaus mehr, als die Autorin dann einlösen konnte. Rückblickend ist die Geschichte dann auch mehr Drama als Thriller und hat mich doch eher unzufrieden zurückgelassen.

Verlag: Bastei Lübbe
Seitenzahl: 464
Erscheinungsdatum: 31. Januar 2019
ISBN: 978-3404177035
Preis: 11,00 € (E-Book: 3,99 €)

Ich habe dieses E-Book als Rezensionsexemplar erhalten.

30. Januar 2019

Anne Cathrine Bomann: Agathe

Ein dünnes Büchlein, dessen türkises Cover eine Blüte und ein Zweig mit einem Spatz zieren. Lieblich und elegant sieht es aus, irgendwie passend zu dem titelgebenden Frauennamen. Allerdings geht es in diesem Roman in erster Linie um einen Mann und auch sonst warten einige Überraschungen auf den Leser. Die Lektüre lohnt sich!


„Agathe“ ist nicht die Hauptfigur des gleichnamigen Romans der Dänin Anne Cathrine Bomann. Hätte die Autorin das Buch nach ihrer Hauptfigur benannt, hätte sie zunächst einmal deren Namen enthüllen müssen, der jedoch an keiner Stelle vorkommt. Und so bleibt auch mir nichts anderes übrig, als den 71-jährigen Protagonisten nach seinem Beruf zu benennen: Er ist Psychiater. Ein Psychiater, der die Therapiestunden zählt, die ihm noch bis zu seinem Ruhestand bleiben – der finale Countdown beginnt am Buchanfang mit 800 Gesprächen. Als Agathe als neue Patientin in die Praxis schneit, weist er seine Sekretärin an, diese abzuwimmeln, kann er doch schon seine bisherigen Patienten kaum mehr ertragen. Aber wieso eigentlich, und was erhofft sich der Alleinstehende für sein Leben nach der Arbeit? Nach und nach wird dem Mann bewusst, dass er keinerlei Erwartungen an oder Pläne für die Zukunft hat.

Die Gefühle ihres namenlosen Psychiaters schildert Bomann sehr empfindsam. Sie zeichnet einen Mann, für den Einsamkeit ein seit langem gelebter Normalzustand ist. Einen Mann, der einem hinfallenden Kind nicht zu Hilfe eilt, weil er seine eigene Unbeholfenheit in zwischenmenschlichen Dingen fürchtet – weil er „das letzte Mal mit einem Kind gesprochen [hatte], als er selbst eines gewesen war“. Es ist natürlich eine Ironie des Schicksals, dass gerade dieser Mann seit fast fünf Jahrzehnten einen Beruf ausübt, in dem es darum geht, anderen Menschen zu helfen. Aber hinter seiner festen Rolle im Sprechzimmer kann sich der Therapeut gut verschanzen und überdies ist er der Patienten ja nun auch überdrüssig.

Die Mittdreißigerin Agathe, die schließlich doch seine Patientin wird, weil sie sich nicht hat abwimmeln lassen, hadert dagegen vor allem mit einem Problem: „Ich bin wütend, weil ich nichts erreicht habe. Ich hätte jemand werden sollen, aber ich bin rein gar nichts.“ Seine neue Patientin scheint in dem Psychiater unbewusst etwas aufzuwecken, das ihn aus seiner Lethargie reißen könnte. Aber lässt sich ein Leben noch ändern, das schon so lange in eingefahrenen Bahnen verläuft? Wie ihr Leben – beziehungsweise auch seines? Agathe und ihr Psychiater sind zwei verlorene Seelen, und ob sie überhaupt in der Lage sein könnten, einander zu helfen, scheint zu Beginn des Romans äußerst fraglich. Doch dann beginnt der Psychiater, für sich selbst überraschend, kleine Änderungen in seinem Leben vorzunehmen. Davon erzählt „Agathe“ auf poetische Art und Weise, ohne ein Wort zu viel zu verwenden. Autorin Bomann spart sich den größeren Kontext; sie legt keinen Wert auf detaillierte Beschreibungen und scheint ihren Roman auf das Wesentliche reduziert zu haben. Jeder Satz sitzt, und immer schwingt eine ganz besondere bittersüße Stimmung mit. „Agathe“ ist ein feines, manchmal weises, komplett unkitschiges und doch berührendes Buch. Es weist eine große Leichtigkeit auf und hat dennoch eine ebenso große Tiefe. Aufgrund seiner Kürze liest es sich sehr schnell, doch bereits während der ersten Lektüre ist klar, dass sich eine zweite lohnen könnte.

Verlag: hanserblau
Seitenzahl: 160
Erscheinungsdatum: 28. Januar 2019
ISBN: 978-3446261914
Preis: 16,00 € (E-Book: 11,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

23. Januar 2019

Thorsten Steffens: Klugscheißer Royale

Im Alltag können Klugscheißer sehr nerven, als Romanfiguren allerdings ziemlich lustig sein. Diese hier ist mir tatsächlich nach und nach ans Herz gewachsen. Und nicht nur das: Ich gestehe an dieser Stelle, dass ich trotz Germanistik im Nebenfach den semantischen Unterschied zwischen den Pluralformen „Wörter“ und „Worte“ nicht aus dem Stehgreif hätte definieren können und so sogar eventuell zu den im Buch definierten „Wör│ter-│Wor│te-│Ver│wechs│ler[n]“ gehörte. Nach der ausführlichen Erklärung des klugscheißenden Protagonisten wird mir das sicher nie mehr passieren – also auch noch was gelernt!


Ein „Klugscheißer Royale“ – das ist der Endzwanziger Timo Seidel, die Hauptfigur des nach ihm benannten Romans. Einen echten Klugscheißer zeichnet u.a. ein gesundes Selbstbewusstsein aus, welches bei Timo sogar die Mailadresse ausstrahlt, die mit „supertimo“ beginnt. Außerdem fühlt sich ein Klugscheißer seinen Mitmenschen grundsätzlich überlegen. Zu Beginn des Romans lebt Timo dieses Gefühl von nine to five beim ProTrend-Kundenservice aus, wo er als Callcenter-Mitarbeiter Reklamationen entgegennimmt – seit mehreren Jahren. Da dieser Job ihn weder ausfüllt noch fordert, beschäftigt er sich nebenbei noch als „Oswald Kolle der deutschen Sprache“ und versucht mehr oder weniger dezent, das Sprachniveau seiner Anrufer zu heben, in dem er ihre Grammatikfehler korrigiert. Dumm nur, wenn der Chef mithört, während man einen Kunden im Eifer des Gefechts als „Bezirkstrottel“ bezeichnet. Dumm auch, wenn man nach der Kündigung nach Hause fährt und feststellen muss, dass die langjährige Freundin, die einen zudem bisher mitfinanziert, gerade Kisten packt und ausziehen will.

Und das ist auch schon der Beginn dieses amüsanten Debütromans von Thorsten Steffens: Timo Seidel bekommt nach Jahren des bequemen Klugscheißens plötzlich richtig Gegenwind. Sein Leben fällt in sich zusammen und bald zeigt sich, dass sich weder der Arbeitsmarkt noch sein Kontostand vom Klugscheißen beeindrucken lassen. Aber Timo lässt sich nicht unterkriegen und ihn dabei zu begleiten, wie er versucht, dem Leben die Stirn zu bieten, macht Spaß – genau wie seine Wortschöpfungen, die er als Ich-Erzähler seinen Lesern in mundgerecht eingestreuten Wörterbuch-Artikeln darbietet: Von Brülltante bis Teilzeitgrübler.

Für mich fällt dieser Roman in die Kategorie „Das Leben eben“: Timo wird aus seiner Komfortzone hinausgeschleudert und versucht mal mehr, mal weniger erfolgreich, sein Leben wieder in den Griff zu kriegen, während der Leser ihn dabei begleitet und nach und nach Eigenschaften des Protagonisten entdeckt, die dieser selbst noch nicht kannte. Manchmal plätschert „Klugscheißer Royale“ etwas vor sich hin, ein oder zwei Nebenschauplatz hätte ich nicht unbedingt gebraucht. Aber langweilig wird „Klugscheißer Royale“ nie: Etwas „Fack ju Göthe“, etwas Coming-of-Age und tatsächlich auch noch ein paar Gedanken zum Thema Feminismus – der Roman wagt sich ab und an in Bereiche vor, die ich ihm gar nicht zugetraut hätte. Lustig ist er ab Seite eins, aber stellenweise kommt auch noch etwas Tiefgang hinzu. Und am Ende hat man den „Klugscheißer Royale“ tatsächlich liebgewonnen.

Verlag: Piper
Seitenzahl: 232
Erscheinungsdatum: 1. August 2018
ISBN: 978-3492501651
Preis: 12,99 € (E-Book: 6,99 €)

Ich habe dieses E-Book als Rezensionsexemplar vom Piper Verlag erhalten.

11. Januar 2019

Laetitia Colombani: Der Zopf

Das folgende Buch wollte ich unbedingt lesen und wurde anfangs trotzdem nicht mit ihm warm. Ich begann es und legte es wieder weg, dann kamen mir ein, zwei andere Bücher dazwischen. Letztendlich ließ mich dieser „Fehlstart“ immer mehr zögern, weiterzulesen, was der Roman nun wirklich nicht verdient hat. Denn er ist gut! Aber nachdem ich mir nun doch ein Herz gefasst und ihn inzwischen beendet habe, kann ich auch in Worte fassen, was mich gestört hat. Und warum das Buch dennoch lesenswert ist.


„Der Zopf“ hat einen schlichten Titel und ein in seiner Farbgestaltung edel wirkendes Cover. Der Debütroman der Französin Laetitia Colombani gibt einen kleinen Einblick in die Leben von drei Frauen, die auf den ersten Blick nichts zu verbinden scheint: Die Inderin Smita gehört zu den unberührbaren Dalits und führt wie ihre Vorfahren ein Leben in totaler Armut. Sarah in Montreal ist eine erfolgreiche Anwältin und Giulia auf Sizilien arbeitet in der Perückenmacherei ihres Vaters. Eigentlich scheinen sich Smita, Sarah und Giulia auf vorgezeichneten Wegen zu befinden, doch dann passiert etwas. Die als gegeben angenommene Ordnung in ihren Leben wird erschüttert und plötzlich müssen bzw. wollen sie etwas verändern. Als Leser begleitet man alle drei dabei, einzelne Kapitel zu jeder der Frauen wechseln sich ab. Diese sind kurz, „Der Zopf“ umfasst keine 300 Seiten und so entwickelt sich die Handlung nicht behutsam, sondern Schlag auf Schlag. Gefühlt bin ich nur so durch das Buch geflogen – und hatte trotzdem Probleme, am Ball zu bleiben, denn die Welten von Smita, Sarah und Giulia weisen keinerlei Gemeinsamkeiten auf und es hat mich gestört, immer schon nach ein paar Seiten wieder herausgerissen und auf einen anderen Kontinent versetzt zu werden. Trotzdem sind diese schnellen, brutalen Wechsel auch eine große Stärke des Romans: Durch die Nebeneinanderstellung der drei Leben wird deutlich, wie verschieden die Lebensbedingungen auch Anfang des 21. Jahrhunderts noch sind. Giulias Alltag auf Sizilien wirkt in Teilen so behütet und traditionell, dass es mich richtiggehend irritierte, als sie plötzlich etwas im Internet recherchierte – bis dahin kam er mir eher wie vor dessen Erfindung angesiedelt vor. Smitas Lebenstraum ist, dass ihre Tochter lesen und schreiben lernen soll, um nicht wie sie und die restliche Familie als Analphabetin zu enden – man wünscht sich, ihre Geschichte würde in einer längst überwundenen Zeit spielen, aber nein, auch das ist Gegenwart. Bei Sarah, der 40-jährigen Kanadierin, kommt man dagegen nicht in die Verlegenheit, sie gedanklich einer anderen Zeit zuordnen zu wollen: Diese Protagonistin ist die Verkörperung einer modernen Frau in einem Industrieland, hat sie doch in einer renommierten Anwaltskanzlei die gläserne Decke durchstoßen und scheint auf der Zielgeraden, die erste weibliche Partnerin zu werden. Dass sie jedoch bereits zwei gescheiterte Ehen hinter sich und einen Tagesvater für ihre drei Kinder engagiert hat, kam mir doch etwas klischeehaft vor.

Es ist der rote Faden des Romans und eine schöne Idee, dass diese Frauen, die sich – so viel kann verraten werden – nie begegnen, dennoch etwas verbindet. Allerdings hätte ich mir etwas mehr Ausgestaltung gewünscht. „Der Zopf“ liest sich intensiv, Autorin Colombani hätte den Einzelschicksalen aber durchaus noch mehr Raum geben können. So wird sie dem Potential ihres Romans in meinen Augen nicht ganz gerecht. Doch vielleicht hatte sie beim Schreiben auch bereits ein anderes Medium im Sinn: Laetitia Colombani ist Schauspielerin und Regisseurin. Verfilmt kann ich mir diesen inhaltlich verknappten Roman bestens vorstellen und bin gespannt – die Rechte sind bereits vergeben, es ist also davon auszugehen, dass „Der Zopf“ auch irgendwann ins Kino kommt.

Verlag: S. Fischer
Seitenzahl: 288
Erscheinungsdatum: 21. März 2018
ISBN: 978-3103973518
Preis: 20,00 € (E-Book: 16,99 €)