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19. September 2019

Karen Duve: Fräulein Nettes kurzer Sommer

Diese Autorin kannte ich bereits – von ihren Romanen „Taxi“, „Dies ist kein Liebeslied“ und „Die entführte Prinzessin“. Einen historischen Roman über Annette von Droste-Hülshoff hätte ich von ihr allerdings nicht unbedingt erwartet. Historische Romane lese ich generell eher selten und wenn sie dann auch noch 592 Seiten haben, überlege ich mir dreimal, ob ich zugreife. Habe ich hier aber, weil ich mir relativ sicher war, dass diese Autorin etwas Besonderes aus ihrem Thema machen würde. Und ich wurde nicht enttäuscht.


Karen Duve schildert in „Fräulein Nettes kurzer Sommer“ die Jugendjahre der Annette von Droste-Hülshoff. Sie ist Anfang 20, wohnt – wie im 19. Jahrhundert für unverheiratete adelige Damen üblich – bei ihren Eltern, schreibt Gedichte und besucht häufig die weitläufige Verwandtschaft. Die standesüblichen Beschäftigungen junger Damen – sticken, stricken, Gartenpflege – interessieren sie wenig, nur zum Musizieren lässt sie sich hin und wieder hinreißen und hat da anscheinend ein gewisses Talent, wenn auch ihre laute, grelle Stimme als nicht besonders ladylike empfunden wird.

Aber so richtig ladylike ist Fräulein Nette eh nicht bzw. scheint sie den ihr zugedachten Platz in der Gesellschaft immer wieder zu vergessen. Nette will schreiben, dichten, sich mit anderen Autoren messen und mit Literaturkennern fachsimpeln. Doch leider ist das alles mehr oder weniger unweiblich. Von ihren zum Teil Germanistik studierenden Onkeln als Mädchen noch gelobt und belächelt, wird sie immer stärker in die Schranken gewiesen, je erwachsener sie wird und je mehr ihr Talent zum Vorschein kommt. Doch dann, während eines magischen Sommers, trifft Nette auf einen sogenannten „Herzensfreund“, einen Seelenverwandten, der ihre (sämtlich noch unveröffentlichten) Werke rühmt und sie ernster nimmt, als sie es je erlebt hat. Und er bleibt nicht der einzige, den die sonst kränkelnde, stark kurzsichtige und oft etwas überspannte Droste-Hülshoff in ihren Bann zieht. Die Verwandtschaft ist entgeistert.

Karen Duve betreibt in „Fräulein Nettes kurzer Sommer“ Namedropping der besten Sorte. Annettes Radius ist nicht riesig, der ihres zeitweise in Göttingen studierenden Onkels August jedoch umso größer. Er verkehrt mit den Grimms (den Gebrüdern sowie ihren Geschwistern), Hoffmann von Fallersleben, später findet sich sogar noch Heine an der Göttinger Universität ein. Man verehrt das Altdeutsche, streitet, ob Goethe oder Schiller besser schreibt und fordert sich gegenseitig auch schon mal zum Duell. Duve lässt alle Literaten sehr lebendig werden. Man sitzt mit ihnen in heruntergekommenen Studentenkammern, bleibt mit ihnen in der Kutsche stecken und leistet ihnen auch bei ihren endlosen Dialogen in der Kneipe Gesellschaft. Generell macht die Autorin ihre Figuren nahbar; streut immer wieder Humor und Situationskomik ein und zeigt, dass es auch schon vor 200 Jahren menschelte. Neid, Intrigen und heimliche Liebschaften – alles da. Und so blieb ich am Ball, während Teile der literarischen Szene des frühen 19. Jahrhunderts ausgiebig beleuchtet wurden, auch wenn ich mich manchmal fragte, ob man das Ganze nicht doch etwas verkürzen hätte können.
Wer Lust hat, eine der größten deutschen Dichterinnen des 19. Jahrhunderts mal „privat“ zu erleben, bekommt hier die Gelegenheit. Die Droste wird nicht nur als verkanntes Genie geschildert, sondern kann auch lachen, lästern und sich anstellen. Und so ist „Fräulein Nettes kurzer Sommer“ eine augenzwinkernde Hommage an ihre Hauptfigur.

Verlag: Galiani Berlin
Seitenzahl: 592
Erscheinungsdatum: 7. September 2018
ISBN: 978-3869711386
Preis: 25,00 € (E-Book: 22,99 €)

20. August 2019

Johann Scheerer: Wir sind dann wohl die Angehörigen

Dieses Buch hat mich auf den ersten Blick gereizt – schon durch seinen Titel. Die „Angehörigen“ stehen selten im Mittelpunkt, das Wort wir in der Regel nur verwendet, um Menschen in Zusammenhang zu anderen zu setzen, um die es dann eigentlich geht. Überdies wird „Angehörige“ vor allem in unerfreulichen Kontexten verwendet, man muss es nur googeln und kommt auf Treffer wie: „Tatort heute: Dürfen Angehörige wirklich an den Unglücksort?“, „Freunde und Angehörige nehmen Abschied“, „Informationen für Angehörige und Partner erkrankter Personen“.
In diesem Buch geht es jedoch hauptsächlich um die Angehörigen, und zwar um die eines prominenten Entführungsopfers: Jan Philipp Remtsmaa wurde 1996 gekidnappt und über einen Monat festgehalten. Er hat über diesen Albtraum bereits ein Jahr später ein Buch veröffentlicht. 21 Jahre danach legte sein Sohn dann seine Erinnerungen vor.


Johann Scheerer gelingt in „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ ein schwieriger Spagat: Er schreibt zum einen aus seiner Perspektive im Jahr 1996, als er gerade mal 13 Jahre alt war. Zum anderen streut er immer wieder Informationen ein, die er erst später erfahren hat, weil sie ihm entweder bewusst vorenthalten wurden oder generell noch nicht bekannt waren. Beides fließt stimmig und ohne Brüche ineinander. Dennoch ist „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ keine lückenlose Chronologie einer Entführung und will es auch gar nicht sein. Scheerer schildert einfach immens furchtbare 33 Tage im Leben eines Teenagers, der abrupt aus seiner Normalität gerissen wird und sich in einem Albtraum wiederfindet: Der Vater entführt und zwei „Angehörigenbetreuer“ der Polizei im Haus, die mit der Mutter sowie Freunden der Familie allnächtlich auf den Anruf der Entführer warten. Entführer, die ihren ersten Brief unter einer scharfen Handgranate deponierten – wäre das Ganze fiktiv, käme es einem an manchen Stellen schon etwas dick aufgetragen vor.

Doch „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ schildert die wahren Begebenheiten und erzählt von unerträglichen Durststrecken, die Scheerer auch für den Leser fühlbar macht: Die Ungewissheit zermürbt, während beständig auf Nachrichten und Anweisungen der Entführer gewartet wird, auf ein Lebenszeichen des Vaters, ab und an auch auf die Polizei. Mehrmals entsteht der Eindruck, dass sich diese bei der Organisation der Lösegeldübergaben nicht mit Ruhm bekleckert hat, doch Scheerers Buch ist keine Abrechnung. Der Autor bewertet das Verhalten anderer kaum, sondern bleibt hier in seiner 13-jährigen Perspektive und schildert sein inneres Chaos zwischen Hilfs- und Fassungslosigkeit. Dazu kommen manchmal unverhofft leichte Momente, gefolgt von Schuldgefühlen. Die Qual des Jungen macht nachvollziehbar, was kaum jemand selbst erlebt haben dürfte. Schon lesend ist die Geschichte an einigen Stellen schwer auszuhalten, obwohl ihr Ausgang ja bekannt ist. Scheerer tritt aus der Anonymität der Angehörigen hervor und schildert, wie es ihm ergangen ist. Bei mir ist der Eindruck entstanden, dass ihm diese persönliche Aufarbeitung des Traumas eventuell gutgetan haben könnte – zumindest wünsche ich es ihm.

Verlag: Piper
Seitenzahl: 240
Erscheinungsdatum: 1. März 2018
ISBN: 978-3492059091
Preis: 20,00 € (E-Book: 18,99 €)