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5. Dezember 2021

Bülent Ceylan: Ankommen – Aber wo war ich eigentlich?

Sympathische Einblicke in Höhen und Tiefen.

Bülent Ceylan, der Monnemer Comedian mit den vermutlich schönsten Haaren der Szene, hat seine Biografie geschrieben. Hätte ich ihn nicht im Rahmen der ARD-Buchmessenacht daraus lesen hören, hätte ich ihr vermutlich keine größere Beachtung geschenkt, aber so war schon nach wenigen Sätzen klar: Er hat einiges zu erzählen und macht das auf eine sehr sympathische und authentische Art.


In „Ankommen – Aber wo war ich eigentlich?“ schildert Bülent Ceylan sein Leben – quasi vom Kennenlernen seiner Eltern bis heute. Wie es war, in den 1980ern als jüngster Spross einer sechsköpfigen deutsch-türkischen Patchworkfamilie in einer 68qm-Wohnung im Mannheimer Waldhof aufzuwachsen, von der Enttäuschung der väterlichen Verwandtschaft über seine mangelnden Türkischkenntnisse und dem Entschluss, sich in der Schule lieber „Billy“ zu nennen. Überhaupt, die Schule: Bülent war eher Streber als Klassenclown. Von Rückschlägen und Verletzungen erzählt er so ehrlich wie von der liebevollen und prägenden Beziehung zu seinen Eltern. Und dass seine ersten, vorsichtigen Karriereschritte keine Selbstläufer waren, Kaya Yanar die Rolle des „türkischen Comedian“ in den Augen von Veranstaltern komplett auszufüllen schien und er doch einige Zeit auf Kleinkunstbühnen in Mannheim und Umland verbrachte, bis der Durchbruch kam.

Insbesondere die Kapitel über Kindheit und Jugend fand ich toll erzählt, aber auch die Selbstfindung des jungen Erwachsenen ist authentisch und nachvollziehbar beschrieben. Und dann kam endlich der bundesweite Erfolg und mit ihm neue Themen: Bülents Tourfamilie, wie er seine Frau kennengelernt hat und auch kleine Einblicke in das Familienleben, das er aber verständlicherweise privat halten möchte.
Teilweise wird das Buch im letzten Drittel etwas sprunghaft und ist nicht mehr so stringent erzählt wie Bülents Aufwachsen. Spaß macht die Lektüre trotzdem und gibt auch noch ein paar Schlüsselloch-Einblicke in den Comedybetrieb. Der Eindruck, dass Bülent ein offener und liebenswerter Typ ist, bleibt – und wurde bei mir noch dadurch verstärkt, dass er nach seiner Lesung auf der Frankfurter Buchmesse seine Co-Autorin Astrid Herbold auf die Bühne holte, um ihr zu danken und sie „abzufeiern“. Ehre, wem Ehre gebührt – so scheint er seine Mitmenschen generell zu behandeln und trotz großem Erfolg die Bodenständigkeit nicht verloren zu haben. Und vermutlich wirkt Bülent Ceylan gerade dadurch so sympathisch; auf dem Papier wie bei seinen Auftritten.

Verlag: Fischer Taschenbuch
Seitenzahl: 256
Erscheinungsdatum: 8. September 2021
ISBN: 978-3596706600
Preis: 18,00 € (E-Book: 16,99 €)

25. November 2021

Sarah Biasini: Die Schönheit des Himmels

Diffuse Fragmente.

Sarah Biasini ist die Tochter der Schauspielerin Romy Schneider und 2018 selbst Mutter geworden. Ihr Buch „Die Schönheit des Himmels“ hat sie für ihre eigene Tochter Anna geschrieben und damit schon vor deren Geburt begonnen. Einer der Gründe ist, dass sie Anna etwas hinterlassen will – so wie es ihr eigener Wunsch gewesen wäre, von ihrer Mutter ein persönliches Dokument hinterlassen zu bekommen.


Romy Schneider – Schauspiel-Ikone, unvergessener Filmstar – ist bereits 1982 gestorben; kein ganzes Jahr nach dem tragischen Tod ihres 14-jährigen Sohnes. Sarah Biasini war damals erst viereinhalb Jahre alt und hat kaum eigene Erinnerungen an ihre Mutter. Dafür begegnet sie immer wieder Menschen, die Romy Schneider verehren, behaupten, sie zu lieben oder ganz genau zu wissen, was in ihr vorgegangen ist. Eine große Hypothek für die Tochter, die sie hier fragmentarisch aufarbeitet. Mal geht es um Romy Schneider, mal um Anna, um ihren Lebensgefährten Gilles, ihren Vater und andere Wegbegleiter. Die Autorin schreibt sprunghaft und verweilt bei den meisten Themen nur flüchtig. Dennoch wird sie manchmal so persönlich, dass es mich fast schon irritiert hat – einiges scheint wirklich nur für die eigene Familie bestimmt, wird hier aber in Buchform generell zugänglich gemacht. Manche Gedanken von Biasini fand ich außerdem etwas seltsam: „Ich war immer davon überzeugt, dass das Geschlecht der Kinder vom Charakter der Mutter abhängt […]. Wenn es eine Mutter ist, die Frauen liebt, die keine Angst vor ihnen hat, ganz im Gegenteil, eine Frau, die ihr Geschlecht schätzt und es hochhält, wird sie ein Mädchen haben. […] Gibt man einer Frau wie mir die Möglichkeit, schwanger zu werden, wird sie unweigerlich ein Mädchen bekommen.“ (S. 48-49)

Wer hofft, in „Die Schönheit des Himmels“ Neues über Romy Schneider zu erfahren, wird enttäuscht sein – die abwesende Mutter ist zwar omnipräsent, aber dennoch Randfigur in Biasinis Leben. Auf mich hat es zum Teil gewirkt, als würde die Tochter mit diesem Buch eine gewisse Deutungshoheit über ihre Mutter zurückgewinnen wollen; gleichzeitig ein Vermächtnis für ihre Tochter Anna schaffen und das eigene Leben aufarbeiten. Die Einblicke, die sie Fremden dadurch gewährt, sind gleichzeitig oberflächlich und intim, Biasini lässt zum Teil tief in ihre Gefühlswelt blicken und springt dann wieder so von Thema zu Thema, dass Leserinnen und Leser kaum hinterherkommen. Ehrlich gesagt ist mir unklar, wer die Zielgruppe dieses Buches ist; sie bleibt diffus wie der gesamte Text. Dabei ist Biasini eine sympathische Autorin, der man nach der Lektüre einfach alles Gute wünschen möchte.

Verlag: Zsolnay
Seitenzahl: 192
Erscheinungsdatum: 25. Oktober 2021
ISBN: ‎978-3552072619
Preis: 22,00 € (E-Book: 16,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

23. April 2021

Igor Levit und Florian Zinnecker: Hauskonzert

Pointiertes Porträt.

Zum Welttag des Buches noch ein Buchtipp von mir: Ich habe gerade „Hauskonzert“ beendet und bin begeistert. „Hauskonzert“ ist, wie auch am Ende thematisiert wird, nicht das typische „Pianistenbuch“ (wobei es zugegebenermaßen das erste Pianistenbuch ist, das ich überhaupt gelesen habe). Und es handelt auch längst nicht nur vom Klavierspielen. Themen sind eine Erfolgsgeschichte mit vielen Rückschlägen, die Rezeption von Kunst, aber auch der Umgang von Menschen miteinander. Das Ganze ist klar und schnörkellos geschrieben und macht gleichzeitig die Faszination von klassischer Musik und die Leidenschaft dafür spürbar.


Autor Florian Zinnecker ist stellvertretender Ressortleiter der Wochenzeitung "Die Zeit" und auch das merkt man „Hauskonzert“ an: Es liest sich wie ein langes, fesselndes und immer wieder auch pointiertes Porträt, das ich gar nicht mehr zur Seite legen wollte.
Dabei hatte ich mich mit Igor Levit bislang nur wenig beschäftigt und höre klassische Musik äußerst selten. Dass dieses Buch mich von Anfang an gepackt hat, lag sicher auch am ungewöhnlichen Blick hinter die Kulissen des Konzertbetriebs. Aber vor allem an der Skizzierung von Levits Person: Sie wirkt komplett authentisch, denn da wird ein Künstler mit Ecken und Kanten und Schwächen sehr menschlich beschrieben – und das im Kontext eines Jahres, das gerade für Künstler sehr schwierig war. Auch das macht den Reiz dieses Buches aus: Geplant wurde es im Dezember 2019, der Konzerttourneeplan für 2020 stand, und dass er ab Mitte März pandemiebedingt komplett umgeworfen werden würde, war noch nicht abzusehen. Levits Perspektive auf diese Zäsur – als Pianist, der sich Rang und Namen bereits erspielt hat – ist spannend zu lesen.

Und dann beschäftigen sich Igor Levit und Florian Zinnecker noch mit Themen, die so gar nichts mit Kunst zu tun haben, mit denen ersterer aber immer wieder konfrontiert wird: Antisemitismus, Rassismus, Hetze. Der Hass im Netz flammt auf, seit Levit sich zu gesellschaftspolitischen und ökologischen Themen öffentlich äußert. Was ihn dabei antreibt und wie er damit umgeht, wird in „Hauskonzert“ ebenfalls angesprochen. Und so gibt es hier Einblicke und Denkanstöße, die dieses „Pianistenbuch“ tatsächlich einzigartig machen.

Verlag: Hanser
Seitenzahl: 304
Erscheinungsdatum: 12. April 2021
ISBN: 978-3-446-26960-6
Preis: 24,00 € (E-Book: 17,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

8. November 2020

Melisa Manrique und Manik Chander: Mama Superstar

Viva la Mama!

Dieses Buch ist voller Liebe: Mutterliebe, Tochterliebe, liebevollen Texten und Illustrationen. Schon beim ersten Blättern wird klar, dass man ein Herzensprojekt in der Hand hält, das Mütter feiern will – und zwar ganz konkrete Mütter, die (bis auf eine) aus den verschiedensten Ländern (und Gründen) nach Deutschland migriert sind und ihre Kinder fernab der eigenen Heimat und des eigenen Kulturkreises bekommen und aufgezogen haben.


Erzählt werden ihre Geschichten in "Mama Superstar" von ihren Töchtern, und sie lesen sich wie eine einzige große Liebeserklärung an die jeweiligen „Migrant Mamas“. Es wird die Migrationsgeschichte jeder Mama erzählt, hinzukommen dann noch vier weitere Anekdoten, die stets unter den jeweils eine Seite umfassenden Kategorien „Verblüfft“, „Glücklich“, „Nachdenklich“ und „Berührt“ zusammengefasst werden. Das Sprachniveau ist C1, damit das Buch nicht nur für Muttersprachler*innen und Lesende mit perfekten Deutschkenntnissen geeignet ist. Überschriften und Farbgebung sind in jedem Kapitel anders und auch die farbenfrohen Zeichnungen zeigen, dass sich die Illustratorin viele Gedanken gemacht hat, um jeder der porträtierten Frauen gerecht zu werden. Abgerundet wird die Vorstellung jeder Mutter mit einem ihrer Lieblingsrezepte.

Die Mütter kommen z.B. aus Äthiopien, Bolivien, Südkorea und Kasachstan – insgesamt sind es 11 Frauen aus 11 Ländern plus eine als Teaser für ein weiteres Buch, das die beiden engagierten Autorinnen planen. Melisa Manrique und Manik Chandler sind beide Töchter von „Migrant Mamas“, die in diesem Buch auch vorgestellt werden. Spannend fand ich, dass sogar eine Deutsche vorkommt, die „nur“ in die Niederlande migriert ist – auch das ist Migration, auch das kann einen Kulturschock auslösen, auch das bedeutet, sich mit dem Leben in einem neuen Land auseinandersetzen zu müssen.

„Mama Superstar“ feiert das Improvisationstalent, die Kraft und die Flexibilität von Müttern. Die erwachsenen Töchter, die ihre jeweiligen Mütter beschreiben, rufen dazu auf, kulturelle Vielfalt, Bonuswurzeln und Mehrsprachigkeit wertzuschätzen – und lassen dabei gleichzeitig durchblicken, dass das für das Kind einer Migrant Mama nicht immer einfach ist. Doch wer dieses Buch liest, dem wird auf wunderschöne Art und Weise vor Augen geführt, wie es das Leben bereichern kann, wenn man sich auf eine andere Kultur einlässt.

Verlag: Mentor Verlag
Seitenzahl: 147
Erscheinungsdatum: 12. März 2019
ISBN: 978-3981928969
Preis: 24,90 €

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

14. Mai 2020

Ken Krimstein: Die drei Leben der Hannah Arendt

Biografie mal anders.

Kürzlich habe ich meine erste Graphic Novel gelesen – einen Comic in Buchform. Sie war grandios gezeichnet und spannend erzählt, auch wenn vieles nur oberflächlich angerissen wurde.


Der amerikanische Autor und Cartoonist Ken Krimstein hat in „Die drei Leben der Hannah Arendt“ die Biografie der Theoretikerin illustriert. Im Nachwort äußert er die Hoffnung, mit dieser Graphic Biography „eine neue Leserschaft an Hannah Arendts bewegtes Leben [heranzuführen]“.
Der erste Teil beginnt mit Arendts Kindheit und umfasst ihr Leben in Deutschland, das 1933 ein jähes Ende findet – da ist sie 26 Jahre alt. Der zweite Abschnitt handelt von Arendts Flucht vor dem Nationalsozialismus, der dritte von ihrem amerikanischen Exil.

Krimsteins Hannah Arendt ist ein Eyecatcher – schon allein, weil sie in dieser Graphic Novel als Einzige etwas Farbe abbekommen hat. Ihre Kleidung ist grün: mal satt aufgetragen, mal mit deutlicher Übermalung der Linien, mal nur ansatzweise schraffiert. Arendts Gesicht wird oft nur mit wenigen Strichen skizziert und ist trotzdem ausdrucksstark. Emotionen wie Freude, Kummer, Zweifel und Erschöpfung wirken schnell aufs Papier gebracht und doch präzise erfasst. Obwohl sich alles um die Hauptfigur dreht, ist Krimsteins bildhaftes Erzählen sehr abwechslungsreich: kleine Porträts, seitenfüllende Gemälde; hier nur ein Kopf, da wieder eine komplette Szene. Die Auswahl der erzählten Anekdoten gibt einen insgesamt runden Eindruck von Hannah Arendts Leben – zumindest scheint es mir so, ich habe allerdings noch kein anderes Werk über sie gelesen. Natürlich sind viele Themen nur angerissen, aber ich glaube, alles andere hätte das hier gewählte Erzählformat gesprengt.

Leicht den Überblick habe ich verloren, wenn Krimstein ins Namedropping geriet: So verkehrte Hannah Arendt zu Beginn der 1930er Jahre wie viele andere Künstler im Romanischen Café in Berlin. Auf einer Doppelseite fasst der Autor zusammen, wer zu dieser Zeit dort noch ein- und ausging. Dankenswerterweise hat er die 16 Personen beschriftet sowie unter „Maler“, „Musiker“, „Regisseure“ und „Theoretiker“ kategorisiert und legt außer den letztgenannten auch noch jedem eine Sprechblase in den Mund. Das Spektrum reicht von Chagall bis Hitchcock, doch ich kannte längst nicht alle und der Großteil tritt auch nicht noch einmal in Erscheinung. Seiten wie diese vermittelten mir das Gefühl, dass hier noch viel Kontext gestreift wird, den Arendt-Kenner sicher trotzdem einordnen können, ich jedoch nicht. Wenn die Theoretikerin ins Philosophieren geriet, passierte das Gleiche: Ich hatte nicht den Eindruck, die volle Tiefe ihrer Gedanken in diesem Format zu erfassen. Aber besser, Inhalte zu streifen als ganz auf sie zu verzichten – denn ihnen mehr Raum zu geben, hätte hier wohl nicht geklappt.

Ich bin mit meinem ersten Ausflug in die Welt der Graphic Novels sehr zufrieden. Zwar ersetzt diese Graphic Biography keine normale Biographie, aber das Format an sich ist erfrischend. Es gewährt einen ungewohnten Zugang, macht Lust, mehr über Hannah Arendt zu erfahren und löst damit genau das ein, was Ken Krimstein beabsichtigt hat.

Verlag: dtv
Seitenzahl: 244
Erscheinungsdatum: 15. November 2019
ISBN: 978-3423282086
Preis: 16,90 €

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.