Posts mit dem Label Fremde Länder werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Fremde Länder werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

4. November 2021

Marc Balzano: Wenn ich wiederkomme

Die im Dunkeln sieht man nicht.

Eine Mutter verlässt ihre Familie und es fällt ihr so schwer, dass sie sich nicht mal verabschiedet. So beginnt Marc Balzanos neuester Roman; eine tragische und doch leichtgängig erzählte Geschichte, die mich nicht mehr losgelassen hat. Danielas Kinder und Mann bleiben nicht lange im Unklaren: Die Rumänin hat einen Zettel hinterlassen und meldet sich auch schon bald – aus Mailand, wo sich Daniela nun um einen Pflegebedürftigen kümmert. Win-win, könnte man meinen – sie verdient Geld, mit dem sie ihren Kindern im rumänischen Heimatdorf eine gute Ausbildung finanziert sowie den Ausbau des Eigenheims, während der alte Mann dank ihr in seiner gewohnten Umgebung bleiben kann. Aber es ist ebenfalls Lose-lose: Daniela hat nie zuvor als Pflegerin gearbeitet und auch keine Neigung zu dem Beruf. Sie ist ein anständiger Mensch und kümmert sich fast rund um die Uhr so gut um den Patienten, wie es ihr – auch psychisch – möglich ist. Ideal ist die Situation jedoch für keinen von beiden.


Doch zunächst geht es in „Wenn ich wiederkomme“ weniger um Daniela und mehr um die Familie, die sie zurücklässt: ihren arbeitslosen Mann, ihre im Nachbarhaus wohnenden Eltern und ihre Kinder, die fast erwachsene Tochter Angelica und den zwölfjährigen Manuel. Letzterer scheint unter der Abwesenheit der Mutter am meisten zu leiden, ihre täglichen Anrufe sind kein Ersatz und halten die gegenseitige Entfremdung kaum auf. Seine schulischen Leistungen lassen nach, er zieht sich zurück. Und dann passiert etwas.

Marc Balzano skizziert ein Modell, das in vielen europäischen Ländern gelebt wird: Die osteuropäische Pflegekraft, die als 24-Stunden-Inhouse-Hilfe im Westen ihr Geld verdient – mehr Geld, als es ihr in ihrer Heimat möglich wäre (und natürlich weniger, als eine Einheimische oder ein Einheimischer bekommen würde). Doch der Autor widmet sich auch dem in der Regel unbeachteten Thema, das dahintersteht: Wie geht es eigentlich denen, die zurückbleiben? Und denen, die irgendwann zurückkehren? In „Wenn ich wiederkomme“ habe ich zum ersten Mal von der Italienkrankheit gelesen. Danielas Auslandsjahre gehen an keinem Familienmitglied spurlos vorbei; aufzuholen sind sie erst recht nicht. Hat sich ihr Opfer gelohnt?

Eine große Stärke dieses sehr gelungenen Romans ist, dass er keine einfachen Lösungen serviert, Haupt- und Nebenfiguren nicht in gut und böse einteilt und auch sonst nicht urteilt. Balzano bietet einen Einblick in verschiedene Schicksale und sensibilisiert für eine Thematik, über die gerne hinweggeschaut wird. Ein Roman über die fast Unsichtbaren, die in der Pflege vielerorts unersetzlich geworden sind – und über die Lücken, die sie woanders hinterlassen.

Verlag: Diogenes
Seitenzahl: 320
Erscheinungsdatum: 29. September 2021
ISBN: 978-3257071702
Preis: 22,00 € (E-Book: 18,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

10. Oktober 2021

Richard Löwenherz: Eis. Abenteuer. Einsamkeit

Eiswüste im Polarlicht.

Jakutien war für mich ein weißer Fleck auf der Landkarte und bleibt es auch, nachdem ich diesen Reisebereicht gelesen habe. Allerdings ist es jetzt ein extrem kalter, vereister weißer Fleck: Wer „Eis. Abenteuer. Einsamkeit“ gelesen hat, wird die im nordöstlichen Teil des asiatischen Russlands gelegene Republik nicht mehr so schnell vergessen. Schon das Cover macht neugierig: Grandioses Polarlicht und ein vollbepacktes Fatbike im Schnee. Was bringt jemanden dazu, eine Radtour in die sibirische Arktis zu unternehmen? Und wie funktioniert so ein Unterfangen?


Richard Löwenherz erzählt in seinem ersten Buch von seiner 2017 unternommenen Nordjakutien-Reise, bei der er das Winterstraßennetz Richtung Norden befahren hat. Die sogenannten „Zimniks“ sind nur in der kältesten Jahreszeit nutzbar: Gefrorene Flüsse bilden die Straßen und sind bei hohen Minusgraden auch von Trucks befahrbar – genau wie die Laptewsee, ein Randmeer des Nordpolarmeers, auf dem Löwenherz die letzten Etappen seiner Tour zur Hafensiedlung Tiksi geradelt ist. Seine komplette Reise hat er ohne besondere High-Tech-Ausrüstung bestritten; Löwenherz‘ Equipment ist zum Teil zusammengeliehen, zweckentfremdet oder schon etwas in die Jahre gekommen. Statt auf das Neueste vom Neuesten setzt er auf Bewährtes und seine bei vielen früheren Radreisen gewonnenen Erfahrungen.

Was den Abenteurer antreibt, schildert er in seinem tagebuchähnlichen Bericht: die Herausforderung, die Faszination für die vereiste, karge und spärlich besiedelte Landschaft, die Erfahrung, völlig auf sich selbst zurückgeworfen zu sein. Doch auch die Begegnungen auf seiner über 40 Tage dauernden Reise sind spannend zu lesen. Bei den die Zimniks befahrenden Truckfahrern ist er bald bekannt, Zeit für einen Wodka oder einen heißen Tee findet sich bei fast jeder Begegnung. In besiedelten Dörfern wird ihm in der Regel schnell ein Schlafplatz für die Nacht angeboten. Löwenherz‘ Bekanntschaften sind nicht immer gesprächig, meist aber sehr gastfreundlich. Und so bekommen Leserinnen und Leser gleich noch einen kleinen Eindruck von dem Menschenschlag, der die meiste Zeit des Jahres in einer Eiswüste lebt – zumindest von den Männern; Frauen begegnet Löwenherz auf seiner Fahrt nur sehr selten.

Mir hat „Eis. Abenteuer. Einsamkeit“ sehr gefallen: Die Beschreibung einer Reise, von der ich nicht geglaubt hätte, dass sie so stattfinden kann, die vielen Fotos, die Schilderung vom Umgang mit Eis und Schnee, denen der Autor radelnd und campend komplett ausgesetzt war. Sein außergewöhnliches Abenteuer schildert Löwenherz packend und anschaulich und zeigt dabei, was alles möglich ist, wenn man für eine Sache brennt.

Verlag: Delius Klasing
Seitenzahl: 160
Erscheinungsdatum: 3. September 2021
ISBN: 978-3667122230
Preis: 24,90 € (E-Book: 19,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

16. September 2021

Ayelet Gundar-Goshen: Löwen wecken

Zwischen den Welten.

Die Israeli Ayelet Gundar-Goshen hat einen Roman geschrieben, den Deutschlandradio Kultur als „nachhaltige Verstörung“ bezeichnet hat. Diesem Urteil kann ich mich nur anschließen – „Löwen wecken“ ist kein bequemes Buch, sondern eins, das immer wieder mit dem Finger in die Wunde tatscht, weil es so entlarvend ist. Und gerade das macht es gut.


Neurochirurg Etan führt ein geregeltes Leben: Er ist mit der Kriminalbeamtin Liat verheiratet, hat zwei kleine Söhne und ein schickes Haus in der israelischen Wüstenstadt Beer Scheva. Doch eine kleine Entscheidung stellt sein Leben auf den Kopf: Nach einer Nachtschicht beschließt, er mit seinem Jeep noch durch die Wüste zu rasen – just for fun. Und fährt dabei einen Mann um, einen eritreischen Einwanderer, der zwar nicht sofort tot ist, aber doch keine Chance hat, zu überleben. Als Arzt ist sich Etan sicher – wie er sich ebenso sicher ist, dass sein Leben ruiniert sein wird, wenn er nun Krankenwagen und Polizei ruft. Also stiehlt er sich vom Unfallort nach Hause.
Doch in jener Nacht war nicht nur das Unfallopfer unterwegs, sondern auch dessen Ehefrau Sirkit. Und die sucht Etan auf und macht ihm ein Angebot, dass er nicht ablehnen kann: Er soll illegale eritreische Einwanderer nachts in einer leerstehenden Werkstatt behandeln – sonst verrät sie ihn. Mit großem Widerwillen lässt sich Etan auf diesen Deal ein, während seine Frau Liat und ihre Kollegen versuchen, den Unfallfahrer zu finden.

Israelis, Eritreer und Beduinen – das ist mal wieder ein Roman, der mir eine neue Welt eröffnet hat, aber gleichzeitig auch in ganz anderen Ecken der Erde spielen könnte. Er handelt von Menschen verschiedener Kulturen, die zwar in direkter Nachbarschaft zueinander leben, sich jedoch sehr fremd sind. Etan und Sirkit wären sich ohne den Unfall nie begegnet und bilden jetzt eine Zweckgemeinschaft. Ist Annäherung so möglich?

Ayelet Gundar-Goshen hat einen schonungslosen und desillusionierenden Roman geschrieben. Etan ist nicht besonders sympathisch, aber auch kein schlechter Mensch – genau wie Sirkit, mit der es das Leben nicht gut gemeint hat. Auf der einen Seite wollte ich wissen, wie es mit beiden weitergeht, auf der anderen Seite hatte ich kaum Hoffnung auf ein annähernd gutes Ende. Und so hatte der Roman zwar Sogwirkung, hat mich aber auch mitgenommen. Was bleibt, ist die alte Erkenntnis, dass eine Lüge meist die nächste nach sich zieht sowie der Vorsatz, seinen Mitmenschen etwas aufmerksamer zu begegnen.

Verlag: Kein & Aber
Seitenzahl: 432
Erscheinungsdatum: 1. Februar 2015
ISBN:‎ 978-3036959405
Preis: 14,00 € (E-Book: 13,99 €)

11. August 2021

Gesa Neitzel: Löwenherzen

Hommage an die Wildnis.

Dieses Buch ist für alle, die wissen wollen, wie es der deutschen Rangerin Gesa Neitzel nach ihrer Ausbildung im südlichen Afrika ergangen ist. Es wird jedem Spaß machen, der sich für die Tierwelt dieses Teils der Erde interessiert. Und es weckt ohne Zweifel Fernweh, mit der Autorin, ihrem Lebensgefährten Frank und Land Rover Ellie die staubigen Straßen von Botswana, Namibia und Sambia zu bereisen.


Ungefähr drei Viertel von „Löwenherzen“ habe ich sehr gerne gelesen und auch das letzte war nicht schlecht. Während Gesa Neitzel ihre Erlebnisse in Botswana und Namibia jedoch einigermaßen chronologisch zu erzählen scheint, besteht der Sambia-Teil aus eher unzusammenhängenden Fragmenten; außerdem gibt es einen beachtlichen Zeitsprung. Neitzels Safari-Schilderungen lesen sich so anschaulich wie zuvor, dennoch fand ich es schade, wie schnell und bruchstückhaft diese letzten Kapitel abgehandelt wurden.

Die Teile über Botswana und Namibia erinnern eher an Neitzels Erstling „Frühstück mit Elefanten“. Die Autorin hat ihren authentischen Stil beibehalten und vermittelt viel Wissen über Land und Tiere. Hier und da gibt sie Privates preis, wobei sie alles andere als eine Selbstdarstellerin ist. Ihre Liebe zur Wildnis und zur Beobachtung von Tieren in ihrem natürlichen Lebensraum wird auf jeder Seite ebenso deutlich wie ihr Respekt für die Natur. Immer wieder schildert Neitzel ihre Faszination, plädiert leidenschaftlich für Umweltschutz und nimmt ihre Leserinnen und Leser mit ins Abenteuer. Entstanden ist ein würdiger Nachfolger von „Frühstück mit Elefanten“, auch wenn sich ihr erstes Buch aufgrund der Fülle an neuen Erfahrungen und Erkenntnissen und der dichteren Erzählweise noch mitreißender las.

Verlag: Ullstein
Seitenzahl: 304
Erscheinungsdatum: 2. August 2021
ISBN: 978-3864931420
Preis: 16,99 € (E-Book: 14,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

4. August 2021

Felicity Ward: Sag mir, wer ich bin

Porträt eines Traumas.

Ein Tag im Jahr 1962 verändert das Leben der Kanadierin Sally Hamilton für immer: Die 16-jährige wird während ihrer Ferien in Paris von einem Unbekannten verschleppt, misshandelt und fast ermordet. Nach mehreren Tagen zwischen Leben und Tod erwacht sie in einem Krankenhaus; hier beginnt der Roman. Anfangs weiß die junge Frau nicht einmal mehr, wer sie ist und so dauert es, bis ihre Eltern ausfindig gemacht werden können und anreisen. Nach und nach kehren Sallys Erinnerungen zurück; nur jene an Tat und Täter bleiben verschwommen und bruchstückhaft. Sally stört das kaum, sie will sowieso nur vergessen. Doch ihre Ängste lassen sie nicht los und bestimmen ihr weiteres Leben, was beklemmend geschildert wird.


Die erste Hälfte des Romans fand ich sehr gelungen – die Beschreibung einer traumatisierten Frau, die versucht, ihren Albträumen mit einer Mischung aus Vermeidungs- und Konfrontationsstrategien zu trotzen. Sally möchte nicht über Paris reden und nach und nach gerät in ihrem Umfeld in Vergessenheit, dass sie fern ihrer Heimat Montreal einmal einen ominösen Zusammenbruch erlitten hat. Doch für Sally bleibt die Vergangenheit höchst lebendig – und scheint sie schließlich einzuholen.

Und ab da wurde „Sag mir, wer ich bin“ für meinen Geschmack leider schwächer. Die Schilderungen von Sallys Seelenleben sind einfühlsam und wirken meist authentisch. Wie sich eine nichtverarbeitete Gewalterfahrung noch Jahrzehnte später auswirken kann, führt der Roman erschütternd vor Augen. Doch das Verhalten eines weiteren Protagonisten gab mir Rätsel auf und so irritierte mich der finale Showdown mehr, als dass er mich mitriss.
Insgesamt liest sich der Roman wie ein langes Plädoyer für eine Therapie – es vergeht eigentlich kein Kapitel, in dem man sich nicht professionelle Hilfe für die Hauptfigur wünschen würde. Nebenbei ist einiges über das Montreal von vor 50 Jahren zu erfahren. „Sag mir, wer ich bin“, startet ziemlich packend, lässt im letzten Drittel jedoch nach und büßt an Nachvollziehbarkeit ein.

Verlag: Europa Verlag
Seitenzahl: 328
Erscheinungsdatum: 29. Juli 2021
ISBN:‎ 978-3958904057
Preis: 22,00 € (E-Book: 17,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

6. Juni 2021

Katharina Döbler: Dein ist das Reich

Auf Südsee-Mission.

„Dein ist das Reich“ – was für ein mächtiger Titel. Er scheint gleich auf Mehreres anzuspielen: auf das Gottvertrauen der Protagonisten, aber auch auf das Reich Gottes, das sie den Papua auf Neuguinea nahebringen wollen. Die Idee, in ein fremdes Land einzudringen und den Einheimischen die eigene Kultur aufzuzwingen, könnte ebenfalls mitschwingen. Denn um all das geht es in diesem Buch, in dem die Autorin Katharina Döbler ihre eigene Familiengeschichte verarbeitet.


1913 verlassen Döblers spätere Großväter Heiner Mohr und Johann Hensolt ihre fränkische Heimat und begeben sich auf eine lange Schiffsreise – noch nicht ahnend, dass sie dadurch dem Ersten Weltkrieg entgehen werden. Die jungen Männer sind von dem lutherischen Missionswerk in Neuendettelsau entsandt und auf dem Weg nach Kaiser-Wilhelms-Land, wie die deutsche Südsee-Kolonie heißt. Johann wird dort als Missionar arbeiten und Heiner als Pflanzer für die Bewirtschaftung einer Palmenplantage verantwortlich sein. Beide sind erst Anfang zwanzig.
Nach dem Ersten Weltkrieg wird die Kolonie australisches Mandatsgebiet, doch die deutschen Missionsabgesandten dürfen bleiben und sogar ihre Bräute aus Deutschland nachholen. Marie und Linette sind grundverschieden und lernen sich auch erst viele Jahre später kennen, da die Familien in unterschiedlichen Teilen Neuguineas leben. Doch ihre Kinder, von denen sich zwei – Döblers Eltern – nach dem Zweiten Weltkrieg verloben werden, eint die Sehnsucht nach dem inzwischen verlorenen Paradies.

Man kann sich heute kaum vorstellen, wie es ist, die Heimat zu verlassen, um in einem Land zu leben, das man nur von ein paar Reiseberichten und Schwarzweißfotografien kennt. Und dann geht es noch nicht mal „nur“ um das Leben in der Fremde, sondern sie soll auch noch nach deutschen Vorstellungen bewirtschaftet und gestaltet werden, die indigenen Völker erzogen und missioniert. Die vier Franken glauben an ihren Auftrag, gehen mit der Herausforderung jedoch so unterschiedlich um wie mit dem später aufkeimenden Nationalsozialismus.

Döblers Roman tastet sich behutsam an die fiktionalisierten Schicksale ihrer Großeltern heran. Immer wieder werden alte Fotos und ihre Erinnerungen an Gespräche mit Familienangehörigen beschrieben. Doch am Lebendigsten lesen sich die Geschehnisse in Neuguinea. Was Kolonialismus bedeutet, wie Mission funktioniert – oder eben auch nicht: Döbler macht diese Themen nahbar. „Dein ist das Reich“ ist keine leichte oder bequeme Kost, der koloniale Rassismus und die Verkennung der politischen Entwicklung schmerzen ab und zu richtiggehend. Die unterschiedlichen Haltungen von Linette, Johann, Marie und Heiner regen außerdem zum Nachdenken an: Welche Irrungen sind im historischen Kontext nachvollziehbar – und welche nicht? Was macht Macht mit Menschen? Eine spannende Ergänzung wäre die Sicht der Papua auf die beschriebenen Missionsabgesandten, doch diese hätte den Roman sicher gesprengt. „Dein ist das Reich“ zerrt ein Stück eher unbekannter deutscher Kolonialgeschichte ans Licht, gewährt einen vielschichtigen Zugang dazu und trägt dazu bei, es vor dem Vergessen zu bewahren.

Verlag: Claassen
Seitenzahl: 480
Erscheinungsdatum: 3. Mai 2021
ISBN: 978-3546100090
Preis: 24,00 € (E-Book: 21,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

5. Mai 2021

Angelika Jodl: Laudatio auf eine kaukasische Kuh

Zwischen Männern und Kulturen.

„Laudatio auf eine kaukasische Kuh“ – das klingt nach einem Hohelied auf die Viehhaltung. Die Kuh spielt allerdings nur eine kleine Nebenrolle in diesem Roman. Hauptfigur ist die angehende Ärztin Olga Evgenidou, die in Bonn kurz vor dem letzten Staatsexamen steht und mit ihrem Medizinerfreund Felix van Saan glücklich zu sein scheint. Einziger Wermutstropfen: Irgendwann muss sie ihm ihre in München lebende Familie vorstellen und blickt diesem Culture Clash mit Grauen entgegen. Denn auch wenn sie schon viele Jahre in Deutschland leben, sind Olgas Eltern und Großmutter noch sehr in der griechisch-georgischen Kultur verwurzelt. Außerdem versucht ihre Mutter, Olga zu verheiraten, seit diese 15 Jahre alt ist. Natürlich weiß die Familie nichts von Felix – und natürlich hat sie sehr konkrete, eigene Vorstellungen vom zukünftigen Schwiegersohn …


Der Spagat zwischen ihrem unabhängigen Leben und ihrer Familie verlangt Olga einiges ab und liest sich dabei oft amüsant. Doch plötzlich steht sie nicht nur zwischen zwei Kulturen, sondern auch zwei Männern. Und ab da konnte ich ihre Gefühlslagen nicht mehr so recht nachvollziehen; Felix‘ Rivale Jack Jennerwein ist nämlich zunächst vor allem eins: aufdringlich. Die Annäherungsversuche des rastlosen Lebenskünstlers gehen schon in Richtung Stalking.

Auch mit einigen familiären Beziehungen tat ich mich schwer; Olgas Mutter ist zum Beispiel eine manipulative Drama-Queen, der die Gefühle der eigenen Tochter herzlich egal sind. Die nahbareren Charaktere bleiben eher blass. Und so konnte ich auf der zwischenmenschlichen Ebene nicht so richtig mitfühlen und mitfiebern; vermutlich fand ich die Entwicklungen deswegen auch etwas langatmig erzählt. Am Ende überschlagen sich die Ereignisse dann; die schnelle Abhandlung der letzten Kapitel wurde der Geschichte und den Protagonisten in meinen Augen allerdings auch nicht gerecht.
Etwas aufgefangen hat das der Georgien-Teil, denn im Laufe der Geschichte verschlägt es den Großteil der Protagonisten in das Herkunftsland von Olgas Eltern. Im Gegensatz zur Autorin war ich noch nie dort, aber die „Laudatio auf eine kaukasische Kuh“ macht große Lust, das zu ändern: Georgien wird als facettenreiches und gastfreundliches Land bunt und liebevoll geschildert. Der Roman vermittelt einen lebhaften ersten Eindruck von Sitten und Gebräuchen, Essen und Wein – letzterer wird mehrmals so anschaulich beschrieben, dass ich mir zur Lektüre gerne selbst ein Gläschen eingeschenkt hätte. Und so ist mein Interesse an der kaukasischen Kuh bzw. Georgien an sich doch etwas größer geblieben als das an Olgas Beziehungsleben.

Verlag: Eichborn
Seitenzahl: 336
Erscheinungsdatum: 30. April 2021
ISBN: 978-3847900689
Preis: 18,00 € (E-Book: 9,99 €)

Ich habe dieses E-Book als Rezensionsexemplar erhalten.

28. März 2021

Cho Nam-Joo: Kim Jiyoung, geboren 1982

Ausweglos.

Laut Kiepenheuer & Witsch wurden weltweit bislang über zwei Millionen Exemplare dieses südkoreanischen Romans verkauft. Dass die nüchtern erzählte Geschichte vielerorts einen Nerv trifft, ist gut vorstellbar: „Kim Jiyoung, geboren 1982“ handelt von der systematischen Benachteiligung von Frauen.


Die Südkoreanerin Kim Jiyoung ist verheiratet und Mutter einer kleinen Tochter, als sie 2015 plötzlich schizophrene Schübe erleidet. Sie schlüpft gegenüber ihrem Mann in die Rolle ihrer Mutter, ihres Kindes oder einer Freundin und artikuliert deren Bedürfnisse, als wären es ihre. Danach kann sie sich an nichts erinnern. Im Folgenden arbeitet ein Psychiater Jiyoungs Lebensgeschichte auf, die in diesem Buch erzählt wird.

Der Ton des Romans ist dann auch sachlich berichtend und hat mich gerade dadurch berührt. Hier wird nicht erklärt oder bewertet, sondern ein durchschnittliches Frauenleben beschrieben. Für Jiyoungs Familie beginnt es bereits mit einer Enttäuschung, hatte diese doch auf einen Sohn gehofft. Werden Jiyoung und ihre ältere Schwester dennoch von ihren Eltern geliebt? Nichts spricht dagegen. Aber sie sind eben „nur“ Mädchen. Mädchen, die in einer erschreckend patriarchalischen Gesellschaft von Beginn an systematisch diskriminiert werden. Und die dennoch viel mehr Möglichkeiten und Freiheiten haben als ihre Mütter und Großmütter und dadurch in einem seltsamen Spannungsfeld aufwachsen.

Ungewöhnlich wird die Geschichte dadurch, dass Jiyoung eben nicht die rebellierende Heldin ist, über die normalerweise Romane geschrieben werden. Schon auf dem Cover ist sie gesichtsloser Durchschnitt. Jiyoung akzeptiert die Sonderstellung des kleinen Bruders. Sie geht nicht auf die Barrikaden, weil Mädchen keine Klassensprecherinnen werden können. Sie wird nicht wütend, wenn man ihr Schuldgefühle einredet, weil Jungen sie belästigen. Kurz gesagt ist sie so, wie die Gesellschaft sie haben möchte: folgsam, angepasst, diszipliniert und strebsam. Jiyoung ist von klein auf bewusst, dass sie besser sein muss als ihre männlichen Altersgenossen. Doch sie erfährt auch immer wieder, dass selbst das nicht reicht, um annähernd gleiche Chancen zu bekommen: in der Schule, im Studium, im Job.

Autorin Cho Nam-Joo unterfüttert ihren Roman ab und an mit Fußnoten, in denen sie genannte Zahlen belegt, z.B. zu Abtreibungen oder zum Gender-Pay-Gap. Die lakonische Erzählung bekommt dadurch noch mehr Gewicht. Die männlichen Nebenfiguren bleiben blass in diesem Roman, Protagonistin Jiyoung ist es jedoch auch – auf eine erschütternde Weise. Sie ist nicht die sanfte Lenkerin ihres Mannes, wie ihre Mutter. Sie begehrt nicht auf, wie ihre Schwester. Sie erfüllt die Erwartungen, wie sie es von Kindesbeinen an gelernt hat. Und führt den Lesenden vor Augen, was sie davon hat: nicht das Leben, das sie wollte.
Die Situation in Südkorea ist speziell, Jiyoungs Geschichte jedoch trotzdem universell – einzelne Aspekte ihres Lebens werden überall nachvollzogen werden können. Und so entwickelt dieser emotionslos und kompakt erzählte Roman einen ganz eigenen, traurigen Nachhall und rüttelt gerade dadurch auf.

Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Seitenzahl: 208
Erscheinungsdatum: 11. Februar 2021
ISBN: 978-3462053289
Preis: 18,00 € (E-Book: 14,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

3. März 2021

Sharon Bala: Boat People

Wenn die Humanität auf der Strecke bleibt.

Dieser beeindruckende Roman zeigt Kanada als Einwanderungsland. Sharon Bala beschreibt es aus der Perspektive eines tamilischen Flüchtlings, einer Jurastudentin und einer Asyl-Entscheiderin. Der Flüchtling, Mahindran, richtet all seine Hoffnung auf ein neues Leben mit seinem sechsjährigen Sohn Sellian, nachdem ihre komplette Familie im sri-lankischen Bürgerkrieg umgekommen ist. Als sie dann aber 2009 mit 500 anderen Tamilen auf einem verrosteten Frachter in British Columbia ankommen, werden sie getrennt: Während Frauen und Kinder zusammenbleiben, werden die männlichen Flüchtlinge separat in einem leeren Gefängnis untergebracht und warten da auf ihre Anhörungen – monatelang. Sellian kommt zu einer kanadischen Pflegefamilie, die kein Wort Tamil spricht. Seinen Vater sieht er nur noch samstags im Gefängnis.


Die Jurastudentin Priya befasst sich im Rahmen eines Praktikums wider Willen mit dem Fall – eigentlich möchte sie sich auf Körperschaftsrecht spezialisieren, doch ein Senior Counsel der Kanzlei vereinnahmt sie, um die Flüchtlinge auf ihre Anhörungen vorzubereiten. Nicht ganz zufällig, denn Priya hat tamilische Wurzeln. Und dann ist da noch Grace Nakamura, die als Mitglied einer Prüfungskommission darüber entscheidet, ob die Tamilen in Kanada einen Asylantrag stellen dürfen. Sie soll die Schwarzweiß-Maßstäbe einer reichen Industrienation auf die 500 Männer, Frauen und Kinder anwenden, die in Sri Lanka um das nackte Überleben kämpfen mussten und stößt dabei an ihre Grenzen. Und auch privat lässt sie das Thema Einwanderung nicht los: Bei ihrer demenzkranken Mutter kommen Kindheitserinnerungen hoch; Graces Großeltern sind selbst als japanische Flüchtlinge ins Land gekommen.

Balas Geschichte ist universell: Die „Boat People“ könnten aus jedem Krisengebiet stammen und statt Kanada auch ein anderes westliches Land angesteuert haben. Der Roman handelt von Flucht und Vertreibung, Terrorangst und Bürokratie. Bala wertet nur selten; sie zeigt Verständnis für alle Seiten und verdeutlicht dabei still und leise, wie die Humanität auf der Strecke bleibt. Und dass niemand als „Boat People“ geboren wird; dass es keine leichtfertige Entscheidung ist, die Heimat zu verlassen und auf ein marodes Schiff zu steigen. Manchmal liest sich der Roman herzzerreißend, wenn z.B. in Rückblicken erzählt wird, was der Abzug der Vereinten Nationen aus dem tamilischen Rebellengebiet für die Zivilbevölkerung bedeutete. Es gibt aber auch kleine Lichtblicke: Die Mitmenschlichkeit, die man im System vergebens sucht, existiert im Kleinen, Privaten durchaus.
Die „Boat People“ rühren an etwas, vor dem man nur zu gern die Augen verschließt: dem Leid der anderen, die weit weg leben. Sharon Bala bringt den Lesenden das Thema Migration ganz, ganz nah.

Verlag: Mitteldeutscher Verlag
Seitenzahl: 480
Erscheinungsdatum: 7. August 2020
ISBN: 978-3963112690
Preis: 21,99 € (E-Book: 28,00 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

14. Dezember 2020

Tim MacGabhann: Der erste Tote

Für Mexiko-Kenner.

Das farbenfrohe, morbide Cover hat mein Interesse sofort geweckt und passt außerdem perfekt zu einem in Mexiko spielenden Thriller. Es zeigt Santa Muerte, eine vor allem in Mittel- und Lateinamerika verehrte Todesheilige, von der ich allerdings noch nie gehört hatte. Insgesamt weiß ich nicht besonders viel über Mexiko und spreche auch kein spanisch. Beides erschwerte die Lektüre dieses Buches – tatsächlich würde ich diesen Thriller nur Lesenden empfehlen, die einiges an Hintergrundwissen mitbringen.


Ich könnte immer noch nicht sagen, wer „Der erste Tote“ in Tim MacGabhanns gleichnamigem Thriller überhaupt ist. Zwar finden die Journalisten Andrew und Carlos gleich zu Beginn des Buches eine grausam entstellte Leiche an einem Straßenrand in Poza Rica, aber es ist nicht der erste Ermordete, den die beiden sehen – für Carlos allerdings der letzte. Zunächst werden sie von der Guardia Civil überrascht, die die beiden bedroht und verscheucht. Während Andrew nach Mexiko City zurückkehrt, beschließt Carlos, mehr über den Toten zu erfahren – und bezahlt seine Neugier sehr schnell mit dem Leben. Andrew betäubt Schmerz und Trauer zunächst, beginnt jedoch bald, Carlos‘ Recherche fortzusetzen, was nicht unbemerkt bleibt und ihn in größte Gefahr bringt.

Der Ire Tim MacGabhann lebt in Mexico City und weiß, wovon er schreibt, das merkt man in jeder Zeile. Kartellkriege, Heiligenfiguren, Musik – „Der erste Tote“ schildert kein Mexiko für Anfänger. Da ich aber nicht zu den Kennern gehöre, hatte ich immer wieder das Gefühl, dass mir bei der Lektüre einiges entgeht. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass für einen Thriller Vorkenntnisse vorteilhaft wären. Aber ist dieses Buch überhaupt ein Thriller? Zwar ist die Gefahr überall und es gibt immer wieder unverhohlene Drohungen, Verfolgungen und entstellte Leichen. Spannend war das allerdings in geringerem Ausmaß, als ich erwartet hätte. Zum einen lag das vielleicht daran, dass ich nicht alle Zusammenhänge begriffen habe. Aber zum anderen ist der Tod in diesem Buch überall nur einen Wimpernschlag entfernt. Eindringlich wird dargestellt, wie wenig ein Menschenleben in Mexiko wert ist und dass Dich niemand schützen kann, wenn Du den falschen Leuten auf die Füße trittst. Die Gefahr war stets diffus und allgegenwärtig, die Spannungskurve verlief dadurch aber eher flach.

Das letzte Drittel war für mich das nachvollziehbarste. MacGabhann gelingt es hier, verschiedenste lose Fäden aufzunehmen, womit ich schon nicht mehr gerechnet hatte. Zwei abschließende Erläuterungskapitel helfen zusätzlich bei der Einordnung, auch wenn sie etwas spät kamen. Die nächsten Teile der Trilogie werde ich dennoch nicht mehr lesen.

Verlag: Suhrkamp
Seitenzahl: 274
Erscheinungsdatum: 16. November 2020
ISBN: 978-3518471043
Preis: 15,95 € (E-Book: 13,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

21. November 2020

Lucinda Riley: Die Sonnenschwester

Vor allem für Fans?

Dieses Buch ist in dieser Woche ganz neu auf der SPIEGEL Beststellerliste Taschenbuch Belletristik eingestiegen und hat sich direkt an die Spitze gesetzt. Mich hat das etwas erstaunt, denn ich habe gerade die Hardcover-Ausgabe gelesen und bin nicht komplett überzeugt – allerdings ist es vielleicht auch nicht die beste aller Ideen, mit dem sechsten Teil einer Buchreihe zu beginnen. Aber nachdem diese schon seit Jahren immer wieder in den Bestsellerlisten auftaucht, war ich doch neugierig auf die Geschichte und habe mir den Band ausgesucht, der zum Teil in Afrika spielt, weil mich das am meisten interessierte.


Lucinda Riley schreibt Romane über sechs junge Frauen, die allesamt von „Pa Salt“ adoptiert wurden und zusammen in der Nähe von Genf aufgewachsen sind. Nach dem Tod ihres Adoptivvaters bekommt jede einen Brief mit Informationen zu ihrer Herkunft ausgehändigt. In jedem Buch der Reihe geht eine der Schwestern dem Rätsel um ihre Geburt nach; im sechsten Band „Die Sonnenschwester“, ist es die jüngste, Elektra. Sie ist Mitte zwanzig, lebt als Supermodel in Manhattan, hat ein ausgeprägtes Alkohol- und Drogenproblem und interessiert sich zunächst überhaupt nicht für ihre Wurzeln. Wichtig ist ihr eigentlich nur die eigene Selbstbetäubung, was sich nicht besonders fesselnd liest. Dann taucht allerdings eine Frau auf, die sich als Elektras Großmutter vorstellt und ihrer Enkelin die Geschichte ihrer kenianischen Vorfahrinnen erzählt, was eigentlich ein eigenständiger, historischer Roman sein könnte. Ab da wird zwischen den beiden Geschichten hin- und hergesprungen, wobei gleich der erste Einschub über 100 Seiten lang ist. Das Buch im Buch handelt von Cecily, einer jungen New Yorkerin, die 1939 ihre Patentante in Kenia besucht und deren Geschichte ich um einiges spannender fand als Elektras Läuterung in der Entzugsklinik. Beide Handlungsstränge eint leider eine gewisse Vorhersehbarkeit. Lucinda Rileys Andeutungen sind nicht besonders subtil, mir kam es mitunter so vor, als würde die Autorin mit einem blinkenden Neonpfeil in die Richtung zeigen, in die sich die Geschichte entwickelt.

In der zweiten Buchhälfte war ich dann inhaltlich doch so sehr angekommen, dass mich der Ausgang des Ganzen interessierte. Ich kann mir vorstellen, dass die Reihe einen gewissen Suchtfaktor hat. Die Schwestern der Hauptfigur hatten kleine Auftritte in „Die Sonnenschwester“ oder wurden zumindest erwähnt – wenn man die Bände über sie bereits gelesen hat, sind das vermutlich schöne Wiedersehen. So werde ich Band eins vielleicht noch irgendwann lesen – aber auf Band sieben, der nächstes Jahr erscheint, eher verzichten, denn ich habe den Verdacht, dass der Autorin zum Ende ihrer Reihe hin vielleicht doch langsam die Puste ausgeht.

Verlag: Goldmann
Seitenzahl: 832
Erscheinungsdatum: 25. September 2019
ISBN: 978-3442314478
Preis: 22,00 € (E-Book: 11,99 €; das Buch ist außerdem gerade im Taschenbuch erschienen und kostet broschiert 12,99 €.)


1. Oktober 2020

Ronya Othmann: Die Sommer

Starkes Debüt, aufrüttelnd erzählt.

Dieser Roman wurde nicht für den Deutschen Buchpreis 2020 nominiert, aber meinem Empfinden nach hätte er definitiv auf die Longlist gehört. Ich habe lange nichts mehr so eindringlich Geschriebenes gelesen.


Die titelgebenden Sommer in Ronya Othmanns Romandebüt sind die Ferien, die Leyla Jahr für Jahr bei ihren Großeltern verbringt. So weit, so normal; allerdings wohnen die Großeltern nicht an Nord- oder Bodensee, sondern in Kurdistan – einem Land, das es offiziell gar nicht gibt und dessen Namen Leyla auf keinen Fall vor Dritten erwähnen soll. Das jedenfalls schärft ihr kurdischer Vater seiner Tochter von Kindesbeinen an ein. Und so lebt Leyla von klein auf mit einer Schere im Kopf: Hier ihr deutsches Leben in der Nähe von München, da ihre kurdischen Sommer bei den Großeltern in Nordsyrien. Hier Wohlstand, da einfachste Verhältnisse. Hier nur die Eltern, da eine Großfamilie. Hier das Leben eines Durchschnittsteenagers, da Angehörige einer stets bedrohten Minderheit als Jesidin.

Leyla liebt ihre Sommer und Ronya Othmann gelingt es, sie für die Lesenden erfahrbar zu machen – immer wieder geht es um Licht, Gerüche, Haptik. Im Buch scheitert die Protagonistin dagegen daran, ihren deutschen Klassenkameraden und Freundinnen dieses andere Leben nahezubringen. Es rührt an, wie Leyla, die Außenseiterin mit der deutschen Mutter, im Laufe eines Sommers mehr und mehr im nordsyrischen Dorf ankommt, um dann durch ihre Abreise wieder in eine andere Welt katapultiert zu werden und im Jahr darauf erneut von vorne anzufangen.

„Die Sommer“ ist ein wichtiges Buch – über Verfolgung, Flucht und Heimatlosigkeit, ein Leben als Außenseiterin und Fremdheit im eigenen Land. Gleichzeitig ist die Grundstimmung von einer unbestimmten Sehnsucht nach Menschlichkeit, Zugehörigkeit und Frieden geprägt. Wie nebenbei erzählt Ronya Othmann die Geschichte der Jesiden; von Vertreibung, Flucht, Schikane, staatlicher Willkür und ständiger Benachteiligung. Sie erzählt sie durch Leylas Vater, der seine gesamte Freizeit vor dem Fernseher verbringt und sämtliche arabische Nachrichtensendungen verfolgt, die er finden kann. Der davon träumt, dass verschiedene Ethnien und Religionen gleichberechtigt in einer Demokratie zusammenleben – und dessen Hoffnungen mit Ausbruch des Krieges in Syrien wieder einmal zerstört werden. Ab da verbringt Leyla, inzwischen fast erwachsen, ihre Sommer in Deutschland und entfremdet sich trotzdem mehr und mehr von ihrer Umgebung. Ihre Zerrissen- und Verlorenheit sowie ihre Ohnmacht werden dabei immer erdrückender. Blass bleibt dagegen Leylas Mutter, die allerdings auch nur eine Nebenfigur ist: eine pragmatische Krankenschwester, die ihren Ehemann und dessen kurdische Verwandtschaft bedingungslos unterstützt und offensichtlich keinerlei Verwandte oder Freunde hat, mit denen sie ihre Tochter auch in Deutschland etwas verwurzeln könnte. Das fand ich etwas unstimmig, aber es war auch das einzige.

Verlag: Hanser
Seitenzahl: 288
Erscheinungsdatum: 17. August 2020
ISBN: 978-3446267602
Preis: 22,00 € (E-Book: 16,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

21. Mai 2020

Basma Abdel Aziz: Das Tor

Über das Ausgeliefertsein.

Ich hatte hohe Erwartungen an diesen Roman, der laut New York Times „in einem Atemzug mit großen Klassikern wie George Orwells 1984 und Franz Kafkas Der Prozess genannt werden [muss]“. Er wird außerdem als „erste große Dystopie einer arabischen Autorin“ beworben. Diese kommt aus Kairo – habe ich überhaupt schon einmal einen Roman einer ägyptischen Autorin gelesen? Ich war mehr als neugierig.


Basma Abdel Aziz‘ „Das Tor“ spielt allem Anschein nach in Ägypten; namentlich werden jedoch weder das Land noch die Stadt, die Handlungsort ist, genannt. Letztendlich konzentriert sich alles auf das titelgebende Tor, das die staatliche Autorität verkörpert, die die Freiheiten der Bürger immer weiter einschränkt, dabei jedoch stets auf Distanz bleibt. „Das Tor“ steht nicht explizit für einen Machthaber, eine Regierung, eine Exekutive – es steht für sich. Und viele stehen vor ihm: Menschen, die Bescheinigungen benötigen, Anträge stellen oder Sachverhalte klären wollen, bilden eine Schlange – „The Queue“, wie das Buch in der englischen Übersetzung heißt. Sie warten geduldig, dass das Tor sich öffnet und sie ihr Anliegen vortragen können. Doch das Tor öffnet sich nicht und die Schlange wächst.

In der Warteschlange entsteht ein Mikrokosmos. Die Menschen freunden sich an und streiten sich; sie beginnen, sich gegenseitig mit Informationen zu versorgen und untereinander zu handeln. Einige predigen, denn auch die Religion spielt in diesem totalitären Staat eine große Rolle.
Die Anliegen, die die Menschen zum Tor geführt haben, sind ganz unterschiedlicher Art. Eine Lehrerin hat den Aufsatz einer Schülerin zu sehr gelobt – offensichtlich ein Fehler, doch über den Inhalt des Aufsatzes erfährt man nichts. Nun benötigt sie eine Unbedenklichkeitsbescheinigung, um ihren Beruf weiter ausüben zu können. Ein Mann fordert Gerechtigkeit, besser noch eine Ehrung und finanzielle Anerkennung für seinen im Staatsdienst verstorbenen Cousin. Und dann ist da noch Yahya, der während Ausschreitungen eine Schussverletzung abbekommen hat. Die Operation in einem der städtischen Krankenhäuser darf nur durchgeführt werden, wenn eine Bestätigung des Tors vorliegt. Und so wartet Yahya, während die Kugel in seinem Körper mehr und mehr Schaden anrichtet.

Was Abdel Aziz hervorragend schafft: ihren Lesern den Wahnsinn des totalitären Staats vor Augen zu führen, der seine Bürger mehr und mehr kontrolliert und nach und nach alle Bereiche ihres Lebens einschränkt. Die Autorin packt die dreistesten Erlasse in Nebensätze und schafft es so, dass man sich auch als Leser ohnmächtig fühlt. Alles was zählt, ist das Tor – das macht die Lektüre sperrig und auch etwas zäh, doch gleichzeitig ist es ein gelungener Kunstgriff, auch die Leser auf die Öffnung des Tors warten zu lassen. Das Warten bestimmt die Lektüre und das ganze Sein der Protagonisten – doch diese bleiben leider blass. Ihrem Werdegang, ihren Familien, ihren Hoffnungen und Wünschen wird kaum Raum gegeben, dabei hätte das den Roman deutlich abwechslungsreicher gestalten können. Aber vielleicht wollte die Autorin gerade das vermeiden, denn so teilt man nur das Gefühl des lethargischen Wartens mit den Figuren und bleibt wie sie auf das Tor konzentriert.

Insgesamt hat „Das Tor“ mich wenig berührt, aber dennoch erschreckt. Abdel Aziz illustriert anschaulich, was es bedeutet, einem totalitären Staat ausgeliefert zu sein. Die Lektüre ihres Buches fesselt nicht unbedingt und rüttelt nicht auf; dazu sind die Geschehnisse und Protagonisten nicht lebendig genug beschrieben. Doch die Ohnmacht der Figuren wird durchaus greifbar und macht die Lektüre dann doch auf eine bedrückende Weise beeindruckend.

Verlag: Heyne
Seitenzahl: 288
Erscheinungsdatum: 13. April 2020
ISBN: 978-3453320468
Preis: 14,99 € (E-Book: 11,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

30. April 2020

Kevin Kwan: Crazy Rich Girlfriend

Jetset, Glamour und viel Bling-Bling: unterhaltsam mit kleinen Schwächen

„Crazy Rich Asians” hatte ich im letzten Jahr mit großem Vergnügen gelesen und mir nun endlich die Fortsetzung besorgt. Als ich sie aufschlug, war ich zunächst skeptisch: Der weitverzweigte Stammbaum der männlichen Hauptfigur ist im zweiten Band nicht mehr abgedruckt – wie sollte ich so auch nur den Hauch einer Chance haben, Nick Youngs Großfamilie ansatzweise zu überblicken? Aber abgesehen davon, dass ihm hier eher eine Nebenrolle zukommt, war die Anzahl der Figuren auch insgesamt überschaubar und ich kam gut klar.


Kevin Kwans „Crazy Rich Girlfriend“ spielt wieder im Kosmos der chinesischen Superreichen. Millionen oder Milliarden, altehrwürdig oder neureich, Singapur oder Festlandchina – was hier wirklich zählt, ist eine Wissenschaft für sich. Und in diese einzutauchen, ist auch in Band zwei wieder sehr amüsant. Abermals reisen Rachel und Nick nach China – inzwischen als Ehepaar. Wie im ersten Teil soll die Familie besucht werden, diesmal allerdings Rachels: Sie hat ihren Vater gefunden und erfahren, dass sie einen jüngeren Halbbruder hat. Mit ihm und seiner vermögenden Influencer-Freundin machen die frisch Vermählten Schanghai unsicher, aber auch ein Privatjet-Trip nach Paris darf natürlich nicht fehlen. Kwan würzt die Beschreibungen von Shopping-Ausflügen, Partys und dekadenten Empfängen mit jeder Menge Glamour, Bling-Bling und Essensbeschreibungen, die einem das Wasser im Munde zusammenlaufen lassen. Tatsächlich hat mich das fast am meisten an Band eins erinnert: Die Beschreibung von allen möglichen chinesischen Delikatessen, nach deren Lektüre man gar nicht anders kann, als selbst beim Chinesen zu bestellen (ich habe einen richtigen Heißhunger auf Dim Sum entwickelt).

Aber auch in „Crazy Rich Girlfriend“ macht Reichtum nicht zwangsläufig glücklich und es gibt Neid, Intrigen und Missgunst, wenn auch nicht im gleichen Ausmaß und so perfide eingefädelt wie in Band eins. Kwan hat zwar wieder überraschende Wendungen für seine Leser parat, aber einiges leitet er auch mit dem Holzhammer ein: Ein Handlungsstrang illustriert beispielsweise so richtig schön schwarzweiß, wie Geld den Charakter verderben kann – ein Viertel der darauf verwendeten Seiten hätte diese Botschaft allerdings genauso klar rüberkommen lassen. Der Erzählstrang um Kitty Pong, einem aus Teil eins bekannten Soapsternchen, das nun mithilfe eines Coaches in der gehobenen Gesellschaft ankommen will, liest sich da weitaus erfrischender.

Insgesamt fand ich „Crazy Rich Girlfriend“ etwas vorhersehbarer als den ersten Band, was sicher auch daran lag, dass das eben schon die zweite Begegnung mit dem von Kwan beschriebenen China der Superreichen war. Allen, die „Crazy Rich Asians“ mochten, ist der Roman zu empfehlen, wobei ich ihn besser mit weniger Abstand zum ersten Teil gelesen hätte. Band drei werde ich mir auf jeden Fall bald besorgen, denn nachdem ich mir die wichtigsten familiären Verwicklungen jetzt wieder draufgeschafft habe, bin ich doch sehr gespannt, wie Kevin Kwan seine Trilogie zu Ende führen wird.

Verlag: Kein & Aber
Seitenzahl: 576
Erscheinungsdatum: 12. November 2019
ISBN: 978-3036958057
Preis: 22,00 € (E-Book: 16,99 €)

23. April 2020

Timur Vermes: Die Hungrigen und die Satten

Grotesk, furchtbar und gleichzeitig brillant.

Wie viele andere habe ich vor Jahren „Er ist wieder da“ gelesen und war begeistert. Ich stelle es mir schwierig vor, nach so einem Erfolg einen zweiten Roman nachzulegen – mit dem ersten Buch als Messlatte. Timur Vermes ist es aber gelungen, eine weitere zynische, aufrüttelnde und irgendwie auch geniale Satire zu schreiben, die gegenüber seinem Bestseller keineswegs abfällt.


„Die Hungrigen und die Satten“ spielt zu großen Teilen in Afrika, dem „Land der Tiger und Marabus“ – oder waren es doch Marlboros? Schon das Zitat lässt ahnen, wohin die Reise geht – nämlich dahin, wo es sehr, sehr weh tut. Autor Timur Vermes ist hauptberuflich Journalist für Boulevardzeitungen und scheint sich mit Medien generell bestens auszukennen. Er karikiert das Reality-Fernsehen aufs Übelste: Die strunzdumme, aber erfolgreiche Moderatorin Nadeche Hackenbusch soll im Rahmen einer mehrteiligen Sendung ein großes Flüchtlingslager besuchen, in dem über zwei Millionen Menschen leben, irgendwo in Zentralafrika, fernab jeder größeren Stadt. Die Idee ist simpel: Der Culture Clash soll medial ausgeschlachtet werden, denn: „Es ist nicht das Leben, das die besten Geschichten schreibt, es ist das Fernsehen.“ Hackenbuschs Aufgabe als „Engel im Elend“ sieht unter anderem vor, eine Modenschau mit Flüchtlingsfrauen zu organisieren und werbewirksam Push-up-BHs ihrer eigenen Marke zu verschenken. Das Format startet sehr erfolgreich und die Quoten gehen steil nach oben – während die Moderatorin ihrem Sender mehr und mehr entgleitet. Und nach drei Wochen täglichem Reality-TV ist klar: Die Show geht nicht planmäßig zu Ende, sondern hat gerade erst angefangen. Hackenbusch tritt zwar die Heimreise an, wählt dafür jedoch den Fußweg und hat neben den auf sie gerichteten Kameras auch noch 150.000 Flüchtlinge im Schlepptau. Mit 15 Kilometern pro Tag bewegt sich der Treck langsam, aber stetig, Richtung Europa. Und in Deutschland, dem Ziel der Menschen, werden verschiedene TV-Leute, Politiker und Bürger zunehmend nervös …

Kurz gesagt: Der Plot dieses Romans ist irre – und wahnsinnig gut durchdacht. Die Logistik des Ganzen malt Vermes seinen Lesern so einfach wie überzeugend aus. Einige seiner Protagonisten sind komplett überzeichnete Klischees – doch dann überrascht er auch wieder, zum Beispiel mit der unsäglichen Hackenbusch. Diese hat zwar den IQ eines Kastenbrots, entwickelt aber dennoch eine innere Haltung. Die sie begleitende Frauenzeitschriftenredakteurin Astrid von Roëll schwankt dagegen nonstop zwischen Selbstmitleid und Größenwahn, während sie ihre schwer zu ertragenden Schmalzgeschichten verfasst. Eine Hauptfigur ist ein namenloser Flüchtling, der gecastet und instrumentalisiert über sich hinauswächst und dabei eigentlich immer nur eine Perspektive jenseits des Flüchtlingslagers wollte. Und einer der wenigen Sympathieträger des Romans ist ausgerechnet ein CSU-Innenminister. Vermes macht es seinen Lesern ganz und gar nicht leicht.

„Die Hungrigen und die Satten“ ist eine Mediensatire, die ein komplett entseeltes Bild von Privatfernsehen und Boulevardjournalismus zeichnet, aber auch eine satte Wohlstandsgesellschaft mit komplettem Empathieverlust karikiert. Zum einen ist der Roman natürlich total überspitzt, zum anderen immer so nah an der Realität und mit derart vielen Bezügen zu ihr, dass einem das Lachen im Halse stecken bleibt. Absolute Empfehlung!
Gerade der heutige Welttag des Buches eignet sich übrigens wunderbar zum Kauf neuer Lektüre :-)

Verlag: Eichborn
Seitenzahl: 512
Erscheinungsdatum: 27. August 2018
ISBN: 978-3847906605
Preis: 22,00 € (E-Book: 9,99 €; ich habe die gebundene Ausgabe gelesen, der Roman ist aber am 31. Okober 2019 auch schon im Taschenbuch für 12,90 € erschienen.)

11. April 2020

Deon Meyer: Beute

Zwei Krimis in einem – erst sperrig, dann spannend.

Dieses Buch ist bereits der siebte Krimi um den südafrikanischen Ermittler Bennie Griessel. Er gehört zu einer auf Gewaltverbrechen spezialisierten Einheit der Kapstädter Polizei und hat ein Privatleben, das auch gut zu einem Tatort-Kommissar passen würde: Der trockene Alkoholiker ist zweifacher Vater, geschieden und neu liiert, kämpft gegen seine Dämonen und für ein friedlicheres Südafrika. Wer die früheren Bände gelesen hat, kann Kaptein Griessels Charakter sicherlich noch besser einschätzen; ich kannte bisher allerdings nur den fünften Teil der Reihe, „Icarus“. Bei der Lektüre gestört hat das nicht.


In Griessels neuestem Fall „Beute“ hat Autor Deon Meyer zwei größtenteils unabhängig voneinander verlaufende Handlungsstränge geschaffen. Griessel und sein Partner Cupido untersuchen den Tod eines Mannes, der auf der Fahrt durch Südafrika aus einem Luxuszug gestürzt ist. 8.900 km nordwestlich davon gerät ein Landsmann von ihnen, der um keinen Preis auffallen möchte, in eine Schlägerei. Doch die ist nur der Auftakt zu ganz anderen Problemen, die der in Bordeaux lebende Daniel Darret im Laufe der Geschichte noch bekommen wird.

Anfangs springt Deon Meyer noch kapitelweise zwischen Griessel und Darret hin und her. Später widmen sich dann auch mal fast hundert Seiten den Geschehnissen in Bordeaux, was mich ziemlich irritierte, weil Ermittler Griessel so gar keine Rolle mehr spielte und mein Südafrika-Krimi plötzlich ausschließlich in Frankreich angesiedelt war. Mit Safari-Romantik ist bei Deon Meyer allerdings eh nicht zu rechnen und auch sonst kommt kein Fernweh auf: Der in der Nähe von Kapstadt lebende Autor geht mit seinem Heimatland hart ins Gericht; Misswirtschaft, Korruption und Ungleichheit sind Themen, die immer wieder angesprochen werden.

„Beute“ liest sich dennoch gut. Der Krimi kommt zwar eher langsam in die Gänge, fesselt aber trotzdem. Meyer seziert Probleme, bis es weh tut. Mit den Ermittlern, denen ein Stein nach dem anderen in den Weg gelegt wird, habe ich irgendwann richtiggehend mitgelitten – wie auch mit Daniel Darret. Vor dem Finale habe ich mich fast gefürchtet, doch dann kam alles anders – und die Weichen für Band acht sind bereits gestellt.
Frohe Ostern!

Verlag: Rütten & Loening
Seitenzahl: 444
Erscheinungsdatum: 10. März 2020
ISBN: 978-3352009419
Preis: 20,00 € (E-Book: 14,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

5. April 2020

Agatha Christie: Murder in Mesopotamia

Unterhaltsam und solide – nur die Auflösung überzeugt nicht ganz.

Agatha Christie schrieb im Laufe ihres 86-jährigen Lebens 66 Romane. Es ist also kein Wunder, wenn einem einige ihrer Titel gänzlich unbekannt erscheinen. Bei manchen, wie z.B. „Die großen Vier“, wird bei der Lektüre schnell klar, warum sie in der Versenkung verschwunden sind. Andere reichen vielleicht nicht an „Und dann gab’s keines mehr“, „Mord im Orientexpress“ oder „16 Uhr 50 ab Paddington“ heran, sind aber trotzdem geschickt und klug entwickelte Pageturner. Zu ihnen gehört der Krimi, den ich zuletzt gelesen habe.


Agatha Christies „Murder in Mesopotamia“ spielt im Irak. Die Schriftstellerin entwickelte ab Ende der 1920er Jahre ein Faible für den Nahen Osten. 1928 reiste sie mit dem Orientexpress nach Bagdad und lernte im Irak ein britisches Archäologenpaar kennen, das sie zwei Jahre später erneut an einer Ausgrabungsstätte besuchte. Bei dieser zweiten Reise traf sie auch ihren zweiten Ehemann, den an den Ausgrabungen beteiligten Max Mallowan.

Im 1936 auf Englisch und 1939 auf Deutsch veröffentlichten „Murder in Mesopotamia“ ermittelt Hercule Poirot, allerdings ohne seinen treuen Freund Hastings. Es dauert, bis der Detektiv am Tatort ankommt, einem abgelegenen Anwesen, in dem die an einer Ausgrabungsexpedition beteiligten Forscher mit ihren Ehefrauen untergebracht sind. Erzählerin der Geschehnisse ist Amy Leatheran, eine Krankenschwester, deren Namen ich mir während der gesamten Lektüre nicht merken konnte, da sie im englischen Original von allen nur als „Nurse“ angeredet wird. Leatheran hat eine Patientin von England in den Irak begleitet und soll nun die Frau des Ausgrabungsleiters Dr. Eric Leidner unterstützen, bevor sie wieder zurückreist. Mrs. Leidner hat kein körperliches Leiden, fühlt sich jedoch bedroht, und ihr Ehemann hofft auf den beruhigenden Einfluss der Krankenschwester, die vor allem als Gesellschaftsdame fungieren soll.

Vielleicht wollte Agatha Christie zur Abwechslung mal einen anderen Stil ausprobieren, denn dadurch, dass sie diesen Krimi aus Sicht von Nurse Leatheran erzählt, bekommt er einen ganz ungewohnten Ton. Die Krankenschwester nimmt kein Blatt vor den Mund, verleiht ihren Antipathien und Vorurteilen deutlich Ausdruck und verfügt ganz und gar nicht über das, was man heute als interkulturelle Kompetenz bezeichnet. Das Maß aller Dinge ist für sie selbstverständlich auch in der Ferne ihre Heimat Großbritannien, schon Poirot als Belgier ist ihr suspekt. Eine große Sympathieträgerin ist die Britin nicht unbedingt, aber sie bringt mal eine andere Farbe in Christies Werk und man kann sich durchaus vorstellen, dass die Queen of Crime Spaß daran hatte, eine gänzlich ungewohnte Perspektive auszuprobieren.

Zum Kriminalfall will ich keine weiteren Details verraten. Aufgrund des ungewöhnlichen Settings, des noch überschaubaren Personenkreises, der neuen Erzählerin und dem wie immer brillanten Poirot hat er mir gut gefallen. Auf die Auflösung wäre ich mal wieder nicht gekommen – allerdings ist sie doch etwas mehr an den Haaren herbeigezogen, als es sonst bei Agatha Christie der Fall ist. Dennoch hat mich „Murder in Mesopotamia“ gut unterhalten und muss sich in Christies Gesamtwerk keinesfalls verstecken.

Ich habe eine ältere Ausgabe von „Murder in Mesopotamia“ gelesen; aktuell im Handel ist jedoch diese erhältlich:

Verlag: Harper Collins
Seitenzahl: 288
Erscheinungsdatum: 24. März 2016; „Murder in Mesopotamia“ erschien jedoch bereits 1936 auf Englisch (und 1939 auf Deutsch).
ISBN: 978-0008164874
Preis: 6,69 € (E-Book: 6,99 €)

22. März 2020

Anna Burns: Milchmann

Anstrengend und Eindruck hinterlassend.

Dieses hochgelobte Buch wurde mit dem Man Booker Prize 2018 ausgezeichnet – dem wichtigsten britischen Literaturpreis. Auf dem Buchrücken werden die Jury und die Zeitungen The Guardian und The New Yorker zitiert, die den Roman „überwältigend“ und „einzigartig“ fanden. Und wie hat er mir gefallen? „Einzigartig“ trifft es sicher. Aber eine Empfehlung auszusprechen, fällt mir schwer.


Mit „Milchmann“ verlangt die Autorin Anna Burns ihren Lesern einiges ab. Zum Beispiel stilistisch: Die Namen ihrer Protagonisten werden nicht genannt, nur ihre Spitznamen oder auch Bezeichnungen, die ausschließlich die namenlose Hauptfigur verwendet. Da gibt es „Vielleicht-Freund“, „Tablettenmädchen“ „Irgendwer McIrgendwas“, „Kleine Schwestern“ und natürlich „Milchmann“, nach dem dieser Roman benannt ist. Auch die Ich-Erzählerin wird ihrer jeweiligen Rolle gemäß angesprochen, z.B. als „Vielleicht-Freundin“, „Älteste Freundin“, „Tochter“ und „Mittelschwester“. Welche Position „Milchmann“ ihr zugedacht hat, ist allerdings lange unklar. Sicher ist nur: Der wesentlich ältere Mann sucht die Nähe der 18-Jährigen. Und dadurch fällt sie plötzlich auf, obwohl sie niemals auffallen wollte, denn das kann in einer Gesellschaft, in der jeder jeden belauert und verdächtigt, nur gefährlich werden.
Der Roman spielt in den 1970er Jahren in Nordirland, wobei letzteres zu keinem Zeitpunkt explizit genannt wird. Es gibt sehr viel „uns“ und „die anderen“, wobei letztere sich noch einmal in die „auf der anderen Seite der Hauptstraße“ und die „auf der anderen Seite der See“ aufspalten. Es herrschen jede Menge ungeschriebener Verhaltensregeln, z.B. Paramilitärs zu unterstützen, in keinem Fall ein Krankenhaus aufzusuchen und nicht im Gehen zu lesen.

Apropos lesen: Wie liest sich das Ganze denn nun? Wie sich vielleicht schon erahnen lässt: verwirrend. Anstrengend. Dass das Buch in größten Teilen als ein langer, innerer Monolog der zunehmend verunsicherten und verängstigten Hauptfigur daherkommt, macht die Lektüre nicht einfacher. Über lange Strecken passiert wenig, stattdessen wird viel reflektiert, wobei manchmal auch schwarzer Humor aufblitzt und die Absurdität der ganzen Situation immer stärker herausgearbeitet wird. Dabei hatte ich oft das Gefühl, dass mir zwischen den Zeilen eine ganze Menge entgehen könnte, da ich einfach viel zu wenig über die nordirische Geschichte weiß.
Unverwechselbar ist der Roman zweifellos, inhaltlich und stilistisch habe ich sicher noch nichts Derartiges gelesen. Die eindringlichen Beschreibungen des Lebens in einer toxischen, von Willkür und allgemeinem Misstrauen geprägten Atmosphäre werden mir sicherlich im Gedächtnis bleiben. Beeindruckt hat mich „Milchmann“; weiterverschenken würde ich dieses Buch jedoch nicht. Der Roman ist eher schwere Kost – ob man sich darauf einlassen will, muss jeder für sich selbst entscheiden.

Verlag: Tropen
Seitenzahl: 452
Erscheinungsdatum: 22. Februar 2020
ISBN: 978-3608504682
Preis: 25,00 € (E-Book: 9,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

30. Dezember 2019

Lara Prescott: Alles, was wir sind

Starke Frauen.

„Doktor Schiwago“ habe ich nicht gelesen und auch den berühmten Film mit Omar Sharif nur einmal im Fernsehen gesehen – und das ist schon ewig her. Noch weniger als über den Inhalt des Klassikers wusste ich allerdings über die Geschichte seiner Veröffentlichung. Das hat sich durch diesen lesenswerten Roman geändert, der durch den transparenten Buchumschlag außerdem ein echter Hingucker ist:


Lara Prescotts Debüt „Alles, was wir sind“ dreht sich um die Publikations- und Rezeptionsgeschichte des russischen Romans „Doktor Schiwago“, die es in sich hat. Von offizieller Seite versuchte man seinen Autor Boris Pasternak schon während des von 1946 bis 1955 dauernden Schreibprozesses zu stoppen und verhaftete dessen Geliebte und Muse, Olga Iwinskaja, die Jahre im Gulag verbrachte. Nachdem der Roman fertiggestellt worden war, wagte in der UdSSR kein Verlag die Veröffentlichung. Im Ausland wuchs dagegen das Interesse an dem Text: Unter anderem die CIA hatte ein Auge darauf geworfen, denn wenn man der russischen Bevölkerung einen Text zugänglich machen würde, die die eigene Regierung ihr vorenthielte, würde das hoffentlich zur Schwächung ebendieser beitragen.

„Doktor Schiwago“ war also schon lange vor der Veröffentlichung des Romans ein grenzüberschreitendes Politikum. Autorin Prescott bringt es ihren Lesern nahe, indem sie die Geschichte aus verschiedenen Perspektiven erzählen lässt: Zum einen aus Olgas, der russischen Muse, die für den Text immer wieder ihre Freiheit aufs Spiel setzt. Auch Pasternak selbst kommt ab und zu zu Wort, aber nicht so häufig wie verschiedene CIA-Agentinnen, die von Washington aus versuchen, die Publikation des Textes in die Wege zu leiten. Und dann sind da noch die Stenotypistinnen; quasi der Schreibpool der CIA, bestehend aus überqualifizierten Frauen, die als bessere Sekretärinnen kurz gehalten werden – in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre war Karriere auch in den USA immer noch Männersache.

Wie der amerikanische Geheimdienst versuchte, Literatur im Kalten Krieg zu instrumentalisieren, fand ich spannend zu lesen. Speziell bei dem CIA-Handlungsstrang wollte Prescott aber vielleicht zu viel: Hier geht es auch noch um das Privatleben einzelner Agentinnen, das interessant erzählt ist und wiederum für die damalige Zeit sensibilisiert, aber nichts mehr mit „Doktor Schiwago“ zu tun hat. Überhaupt kommt das Buch im Buch, um das sich im Roman doch alles drehen sollte, stellenweise etwas kurz: Welche Inhalte nun dafür sorgten, dass „Doktor Schiwago“ in der UdSSR nicht erscheinen dürfte, die Amerikaner die Veröffentlichung jedoch mit allen Mitteln vorantreiben wollten, wird nicht weiter benannt.

„Alles, was wir sind“ liest sich ansonsten locker, gibt Einsichten in komplett unterschiedliche Lebenswelten und handelt von vielen starken Frauen, die sich nicht von ihren Wegen abbringen lassen. Ein Roman über die Macht der Literatur – ob der Text an sich die Politik jedoch wirklich auf irgendeine Art und Weise beeinflusst hat, lässt Prescott im Dunkeln.

Verlag: Rütten & Loening
Seitenzahl: 475
Erscheinungsdatum: 8. November 2019
ISBN: 978-3352009358
Preis: 20,00 € (E-Book: 14,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

24. Dezember 2019

Donna Tartt: Der kleine Freund

Einsamkeit, Schlangen und ein verfehltes Thema.

Achtung, jetzt wird es unweihnachtlich. Harmonie oder Besinnlichkeit werden nicht aufkommen und auch einen Buchtipp für das perfekte Last-Minute-Geschenk kann ich nicht bieten. Wobei ich an dieser Stelle nochmal den Roman „Der Distelfink“ von Donna Tartt erwähnen möchte. Dieses Buch hat mich vor ca. drei Jahren bewegt und begeistert – leider habe ich damals noch nicht regelmäßig Rezensionen geschrieben. Dafür besorgte ich mir relativ schnell den Roman, den die Autorin vor dem „Distelfink“ veröffentlicht hatte. Gelesen habe ich ihn allerdings erst jetzt.


„Der kleine Freund“ ist Donna Tartts zweiter Roman. Die Autorin hat an dem 767 Seiten-Epos 10 Jahre lang gearbeitet und ich fand, dass die Handlung vielversprechend klang. Hauptfigur ist ein 12-jähriges Mädchen, eigensinnig, eigenbrötlerisch und überdurchschnittlich intelligent. Harriet wächst mit ihrer Schwester Allison und ihrer Mutter in Alexandria, einer Kleinstadt in den Südstaaten auf, in Nachbarschaft zu ihrer Oma und drei alleinstehenden Großtanten. Ihre komplette Kindheit ist von einem Familientrauma überschattet, das sich ereignet hat, als sie noch ein Baby war: Ihr damals neunjähriger Bruder Robin wurde am Muttertag erhängt im Garten seines Elternhauses aufgefunden. Die Identität des Mörders ist auch 12 Jahre später noch komplett unklar. Doch nun beschließt Harriet, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen …

Als ich mit „Der kleine Freund“ begann, habe ich keinen Krimi erwartet, aber das „eindringliche Porträt einer außergewöhnlichen Familie“, das der Goldmann Verlag auf dem Buchrücken anpreist. Außergewöhnlich ist die Familie Cleve dann auch tatsächlich, vor allem durch ihre Dysfunktionalität. Harriets Mutter ist vom Tod ihres Sohnes zutiefst traumatisiert, wandelt somnambul durch den Tag und kümmert sich so gut wie nicht um ihre heranwachsenden Töchter. Die ältere, Allison, 16 Jahre alt, tut es ihrer Mutter nach und flüchtet sich in den Schlaf, so oft sie kann. Der Vater arbeitet einige Stunden entfernt und lässt sich nur sehr sporadisch bei seiner Familie blicken. Den Haushalt aufrecht hält eine schlechtbezahlte, dunkelhäutige Angestellte: Ida.
Wie Donna Tartt – zwar nur am Rande, aber dennoch deutlich – den Südstaaten-Rassismus skizziert, war für mich noch das gelungenste an diesem Buch. In Alexandria gibt es alles: Südstaatenvillen mit ausschließlich dunkelhäutigen Bediensteten; alteingesessene Familien, denen das Geld langsam, aber sicher, abhandenkommt; Neureiche und den sogenannten „White Trash“, auf dessen Kinder Ida verächtlich hinabschaut. Tartts Figuren sind alle komplex, nicht einfach gut oder böse, Opfer oder Täter. Und viele von ihnen scheinen nie eine richtige Chance gehabt zu haben, sich anders zu entwickeln.

Aber das hätte die Autorin auch auf weniger Seiten verdeutlichen können. Stattdessen macht sie die Langeweile im Leben einer vernachlässigten 12-jährigen mit Händen greifbar. Hitze, Staub, Ereignislosigkeit und leichte Verwahrlosung – davon handelt dieses Buch. Und von einem Mädchen mit einer fixen Idee. Ich habe nicht gezählt, wie viele Kapitel ihrer Suche nach einer Schlange gewidmet sind, aber über die verschiedenen, in den Südstaaten und anderswo lebenden Exemplare, ihre Färbung und ihren Geruch habe ich mehr erfahren, als ich je wollte. Und was mich am meisten gestört hat: Der Roman führt zu nichts. Zwar gibt es einen durchaus dramatischen Showdown, aber das in den ersten Kapiteln umrissene Thema des Buches wurde komplett verfehlt. Nach vielen hundert Seiten fühlte ich mich schließlich um die eigentliche Geschichte betrogen. Und so war „Der kleine Freund“ für mich vor allem eine große Enttäuschung.

Aber neues Buch, neues Glück. Und jetzt wünsche ich erst einmal frohe Weihnachten und schöne Feiertage!

Verlag: Goldmann
Seitenzahl: 784
Erscheinungsdatum: 16. Oktober 2017
ISBN: 978-3442487325
Preis: 13,00 € (E-Book: 9,99 €)