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30. Januar 2026

Jessica Berger Gross: Hazel sagt Nein

Wenn ein Moment alles verändert

Das erste Buch, das ich 2026 gelesen habe, ist der Debütroman der amerikanischen Autorin Jessica Berger Gross. Sein Titel „Hazel sagt Nein“, groß gedruckt über eine Bilderbuchidylle (weißes Haus mit grünen Fensterläden vor strahlend blauem Himmel), lässt erst einmal nicht auf den Inhalt schließen, doch Berger Gross klärt sehr schnell auf, was es mit dem „Nein“ auf sich hat: Es ist Hazels spontane Antwort, als der Leiter ihrer neuen Schule ihr an ihrem ersten Schultag ankündigt, mit ihr schlafen zu wollen. Was war ich erleichtert, dass Hazel dem Widerling sofort seine Grenzen aufzeigt. Gefahr erkannt – Gefahr gebannt? Ganz so einfach ist es leider doch nicht.

Hazels Nein hat Auswirkungen auf ihre komplette, gerade frisch nach Maine gezogene Familie: ihren Vater Gus, der seine erste richtige Professur an der örtlichen Uni bekommen hat, ihre Mutter Claire, die vor allem mit Selbstfindung und ihrem Heimweh nach New York beschäftigt ist, und ihren 11-jährigen Bruder Wolf, den alle von allem fernhalten wollen, was natürlich nicht gelingt.

Gut erzählt fand ich, wie schwer erträglich die Situation für Hazel ist. Ihr ursprünglicher Plan, ihr letztes Schuljahr möglichst gut und fokussiert hinter sich zu bringen, wurde unwiderruflich sabotiert und nun ist sie gezwungen, Gerede, Zweifel und Internetmobbing zu ertragen und irgendwie einen Weg zu finden, das Ganze hinter sich zu lassen. Jeder, der denkt „Es ist doch eigentlich nichts passiert“ wird nachdrücklich eines Besseren belehrt – das ist sehr gelungen. Welche Dynamiken sich im Roman entwickeln, erschien mir teilweise etwas abenteuerlich, aber insgesamt hat mich die Darstellung überzeugt. Was vor allem an der wahnsinnig reflektierten Protagonistin liegt, die vieles hinterfragt und auf den Punkt bringt, was mir als Leserin ebenfalls im Kopf herumspukte. Auch die Perspektiven ihrer Familienangehörigen finden kapitelweise statt: die Hilflosigkeit der Eltern sowie der Versuch von Wolf, an seiner neuen Schule Fuß zu fassen und nicht nur als „der Bruder von“ wahrgenommen zu werden.

Die vielen verschiedenen Sichtweisen sind spannend zu lesen; darüber hinaus beschäftigen sich alle Familienmitglieder naturgemäß noch mit dem restlichen Leben und haben in ihrem neuen Alltag Herausforderungen zu meistern. Dadurch wird eine Vielzahl an Themenkomplexen angeschnitten, die dann teilweise sehr wenig Raum bekommen – verständlich, aber doch etwas schade. Was außerdem zu kurz kommt, ist die Täterperspektive. Zwar finde ich die Fokussierung auf Hazel genau richtig, aber der Schulleiter kommt so selten vor und bleibt insgesamt so blass, dass seine Figur etwas unausgegoren wirkt.

Insgesamt hat mir „Hazel sagt Nein“ gut gefallen. Der Roman ist eine ungewöhnliche Coming-of-Age Geschichte, die dazu einlädt, Verhaltensweisen zu hinterfragen und sich zu positionieren.


Verlag: Lübbe
Seitenzahl: 384
Erscheinungsdatum: 2. Februar 2026
ISBN: 978-3757701963
Preis: 22,- € (E-Book: 17,99 €)

Ich habe dieses E-Book als Rezensionsexemplar erhalten.

23. Januar 2026

Alena Schröder: Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel

Zwei starke Geschichten, zart verbandelt

Seit ich Kinder habe, fallen mir abends beim Lesen immer schnell die Augen zu. Aber nicht bei diesem Buch – ich konnte es kaum weglegen. Autorin Alena Schröder erzählt zwei Geschichten parallel: Die der 1931 geborenen Marlen und die von Hannah, Jahrgang 1989. Marlen ist zu Kriegsende Vollwaise und landet eher zufällig bei der Güstrower Malerin Wilma. Diese hat bisher im Schatten ihres inzwischen in Russland vermissten Mannes gestanden und beginnt nun, eine eigene Karriere zu verfolgen. Marlen wächst in die Rolle ihrer Assistentin hinein und wird für Wilma unentbehrlich.

Viele Jahrzehnte später, 2023, weiß die 34-jährige Hannah nicht so recht, was sie mit sich anfangen soll, als sie plötzlich von ihrem Erzeuger kontaktiert wird – zum ersten Mal in ihrem Leben. Martin van der Kampen will plötzlich eine Beziehung zu ihr aufbauen und behauptet, das sei ihm von ihrer verstorbenen Mutter und Großmutter früher verboten worden. Seine Frau und Söhne wären schon voller Vorfreude. Eher skeptisch gibt Hannah der Familienzusammenführung eine kleine Chance. Und dann entwickelt sich alles ganz anders als erwartet.

Schröder erzählt zwei komplett unterschiedliche Geschichten, immer abwechselnd, Kapitel für Kapitel. Der Prolog macht die zarte Verknüpfung klar, doch beide Handlungsstränge stehen komplett für sich und spielen zu unterschiedlichen Zeiten in unterschiedlichen Welten. Und beide haben mich nicht losgelassen. Alena Schröder macht Emotionen wunderbar greifbar, ohne viele Worte zu verlieren. Ihre beiden Protagonistinnen und das undurchsichtige Beziehungsgeflecht um sie herum haben mich komplett in ihren Bann gezogen. Die Entwicklung des Ganzen war dabei unvorhersehbar und doch sehr stimmig. Mit Titel und Cover konnte ich erst nach der Lektüre etwas anfangen, aber auch das passt nun perfekt. Einfach ein großartiger Roman – und der dritte Teil einer Trilogie, wie ich jetzt erst bemerkt habe. Ganz offensichtlich kann man „Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel“ auch unabhängig von den beiden früher erschienenen Büchern lesen. Ich freue mich jetzt auf Teil eins und zwei und bin gespannt, in welche Winkel von Hannahs Familiengeschichte sie mich führen werden.


Verlag: dtv
Seitenzahl: 352
Erscheinungsdatum: 19. Januar 2026
ISBN: 978-3423285285
Preis: 23,- € (E-Book: 19,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

29. Dezember 2025

Anthony Horowitz: Tod zur Teestunde

Gelungen verschachtelt

Lektorin Susan Ryeland ermittelt – und das bereits zum dritten Mal! Nachdem ihr langjähriger Starautor Alan Conway bereits in „Die Morde von Pye Hall“ zu Tode kam und sie schließlich nach Kreta auswanderte, versucht sie jetzt, in der britischen Verlagsbranche erneut Fuß zu fassen. Und erhält ein unerwartetes Angebot: Ein junger, bislang eher erfolgloser Autor namens Eliot Crace soll Alan Conways Reihe um den Meisterdetektiv Atticus Pünd um einen weiteren Band ergänzen. Was läge näher, als dass sie das Lektorat übernimmt? Susan ist allerdings nicht restlos begeistert: Crace ist kein einfacher Charakter und bringt sie mit Teilen ihrer Vergangenheit in Kontakt, die sie lieber gemieden hätte. Sein Buch „Pünds letzter Fall“ startet zwar recht gelungen, doch Susan kommt bald dahinter, dass Crace darin seine eigene Familiengeschichte verarbeitet. Um die Hintergründe zu verstehen, stellt sie Nachforschungen an und stößt in ein Wespennest. Kurz darauf ist sie nicht nur wieder arbeitslos, sondern auch noch mordverdächtig …

Susan Ryelands zweiten Fall habe ich leider verpasst, aber mindestens an „Die Morde von Pye Hall“ knüpft „Tod zur Teestunde“ wunderbar an: Es geht nicht nur um Susans Geschichte, sondern auch um das Buch im Buch. „Pünds letzter Fall“, ein klassischer Krimi im Agatha-Christie-Stil, wird in drei langen Passagen zu großen Teilen erzählt – so großen Teilen, dass Susan Ryeland zwischendurch stark in den Hintergrund rückt. Gleichzeitig macht es Spaß, sich zunächst in das Cosy Crime zu vertiefen und sofort im Anschluss die kritischen Anmerkungen der Romanlektorin unter die Nase gerieben zu bekommen. Dass Eliot Crace seinen Krimi als Schlüsselroman über die eigene Familie konstruiert, führt beide Geschichten raffiniert zusammen. Und dann überschlagen sich die Ereignisse irgendwann. Es ist mir ein Rätsel, warum der Insel Verlag relativ spät stattfindende Romanereignisse auf dem Buchrücken spoilert – davor findet genügend anderes statt, das die Leser*innen bei Laune hält. „Tod zur Teestunde“ ist spannend, unterhaltsam, twistreich und lädt auf verschiedenen Ebenen zum Miträtseln ein. Manches Mal habe ich mir gewünscht, ich hätte „Die Morde von Pye Hall“ vor diesem dritten Band noch einmal gelesen – die Geschichten sind ungeahnt eng miteinander verwoben. Die toll verschachtelte Komposition hat mich über die ein oder andere nicht komplett logische Aktion hinwegsehen lassen, die mich bei einer weniger komplexen Geschichte vielleicht gestört hätte. Von Susan Ryeland würde ich gerne wieder lesen – und falls verschlungene Pfade doch noch zu einem weiteren Atticus-Pünd-Fall führen sollten: umso besser! Anthony Horowitz ist einfach ein Meister seines Genres.


Verlag: Insel
Seitenzahl: 572
Erscheinungsdatum: 19. November 2025
ISBN: 978-3458645153
Preis: 25,- € (E-Book: 21,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

7. November 2025

Kate Fagan: Die drei Leben der Cate Kay

Raffiniert komponiert

Auffällig und ungewöhnlich: Das pinke Buchcover mit fettem gelben Titel und dem Bild von einem gesplitterten Rückspiegel, in dem ein Auge dreifach zu sehen ist, hat mich gleich neugierig gemacht. Und ungewöhnlich beginnt auch die Geschichte der Erzählerin Cate Kay, die sich und ihr vorliegendes Memoir im Vorwort vorstellt und die drei Namen enthüllt, unter denen sie bisher gelebt hat: Annie Callahan, Cass Ford und Cate Kay. Sie fordert die Leserinnen und Leser auf, anhand des Buches zu entscheiden, ob sie ein guter Mensch ist. Ein starker Einstieg!

Cate Kays Geschichte wird dann in Rückblicken, inklusive Zeitsprüngen, erzählt – mal von ihr, mal von Weggefährten. Die einzelnen Kapitel sind überschrieben mit dem Namen der berichtenden Person sowie Ort und Zeit der Geschehnisse. Dadurch bleibt es einigermaßen übersichtlich, ist aber trotzdem nicht ganz flüssig zu lesen, da viele Figuren eingeführt werden. Mir fehlte erst einmal der Überblick, wer wirklich wichtig für die Geschichte ist. Die ersten knapp 90 Seiten lesen sich dadurch etwas zäh – aber dann platzt der Knoten durch eine krasse Wendung und ich habe das Buch in jeder freien Minute weitergelesen.

„Die drei Leben der Cate Kay“ ist eine immer wieder anrührende Geschichte über große Gefühle, lebensverändernde Entscheidungen, Angst und Mut. Sobald das Grundgerüst steht und die Handlung an Fahrt aufnimmt, entwickelt sie sich fesselnd und intensiv. Das Ende hätte ich mir ausführlicher gewünscht, obwohl eigentlich wenig Fragen offenbleiben. Und die Geschichte in der Geschichte – Cate Kays (fiktive) Bestseller-Trilogie „The very last“, aus der ab und an Auszüge eingeschoben werden – ist ein genialer Kontrast, der immer wieder inhaltliche Brücken zum Leben der Erzählerin schlägt. Ein geschickt komponiertes, packendes Buch, das mich an eine komplexe Patience erinnert, bei der am Ende jede Karte an ihrem Platz liegt.


Verlag: Insel
Seitenzahl: 409
Erscheinungsdatum: 29. September 2025
ISBN: 978-3458645160
Preis: 17,- € (E-Book: 14,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

14. Oktober 2025

Caroline Wahl: Die Assistentin

Teufel ohne Prada

Das erste Buch, das ich von Caroline Wahl gelesen habe. Der Klappentext hatte mich gleich angesprochen. Bücher, die im Verlagswesen spielen, mag ich ab und an ganz gerne und die Geschichte – Berufseinsteigerin wird Assistentin von einem schwer aushaltbaren, narzisstischen Verleger – klang interessant. Und auch ein nicht zu kleines Bisschen nach „Der Teufel klingt Prada“, wobei Wahl in ihrem Roman selbst zweimal auf diesen Stoff anspielt. 

An Protagonistin Charlotte ist man schnell ganz dicht dran. Sie zieht für den neuen Job nach München, eine ihr unbekannte Stadt, in der sie niemanden kennt. Zu der Stelle haben sie vor allem ihre Eltern gedrängt, die eine Karrierechance für ihre Tochter erkannt zu haben glauben. Generell sind „die Mutter“ und „der Vater“ (Namen werden nicht genannt) sehr selbstsicher und meinen genau zu wissen, was das Beste für die erwachsene Tochter ist. Die wiederum hat sich auch noch nicht komplett abgenabelt, schmollt viel, verhält sich ihren Eltern gegenüber oft kindisch und buhlt um die Anerkennung des Vaters. Die familiären Dynamiken fand ich ziemlich befremdlich, aber überzeugend dargestellt – genau wie die Persönlichkeit des Verlegers. Geschildert werden so viele kleine Grenzüberschreitungen unterschiedlicher Art – was die Aufgaben, die Arbeitszeiten, die Kommunikation etc. angeht – dass die Fülle einen mehr und mehr ratlos zurücklässt. Der Mann hat diverse Spleens, größere Stimmungsschwankungen, legt immer wieder unangebrachtes Verhalten an den Tag und die Frequenz macht das Ganze schließlich unerträglich. Dabei erträgt Charlotte viel, sie will sich beweisen. Doch zu welchem Preis?

Die Geschichte dieser nicht ganz unsperrigen Protagonistin hat Sogwirkung; ich habe mit ihr mitgefiebert und mich auch immer wieder gefragt, wo meine eigenen Grenzen gewesen wären. Öfters aus dem Lesefluss rausgerissen hat mich allerdings ein Stilelement, das erstaunlich oft zum Einsatz kommt: Foreshadowing. Immer wieder verkündet die Erzählerin zu Ende oder zu Beginn der kurzen Kapitel, wie es generell weitergeht: Ob es Lichtblicke geben, alles immer schlimmer werden wird o.ä. Ich hätte das nicht gebraucht, im Gegenteil, es hat mich gestört, zumindest in dieser Häufung. Die letzte Seite dagegen hat mich zum Lachen gebracht, weil sie wirkt, als hätte die Autorin noch schnell die Erwartungen erfüllen wollen, aber auch absolut keinen Bock mehr.

Insgesamt habe ich die Geschichte sehr gerne gelesen und fand die enge Begleitung Charlottes faszinierend. Wenn ich mir ein weiteres Buch aus dem Universum wünschen dürfte, wäre es wohl ein Roman über die Personalerin Alexandra Liebig – wobei Wahl es tatsächlich schafft, dass alle Haupt- und Nebenfiguren komplex und interessant wirken. Das trägt ihren Roman bestens – die ständigen Spoiler wären gar nicht nötig, um Leserinnen und Leser am Ball zu halten.


Verlag: Rowohlt
Seitenzahl: 368
Erscheinungsdatum: 28. August 2025
ISBN: 978-3498007706
Preis: 24,- € (E-Book: 19,99 €)


29. August 2025

Hannah Lühmann: Heimat

Tradwives

Drohend thront der Titel über See, Böschung und Wald – groß, übermächtig. Rosa. Er wirkt, als gäbe es kein Entkommen. Und antizipiert damit schon einmal das Grundgefühl, das sich bei mir während der Lektüre eingestellt hat: Unbehagen. Gleichzeitig war ich auch ziemlich fasziniert: „Heimat“ ist der erste deutsche Roman über Tradwives – ein Phänomen, mit dem ich bislang keinerlei Berührungspunkte hatte.

Protagonistin Jana geht es ähnlich. Sie ist schwanger mit ihrem Partner Noah und den zwei Kindern aufs Land gezogen, wo sich noch ein halbwegs bezahlbares Haus mit Garten kaufen ließ. Nun versucht sie, in der neuen Umgebung Fuß zu fassen und merkt schnell, dass hier vieles anders funktioniert als in der Stadt. Ein Lichtblick ist die Bekanntschaft mit der charismatischen Karolin, die scheinbar mehr über den Tellerrand schaut als andere. Gleichzeitig hält sie nichts von Einrichtungen zur Kinderbetreuung und zelebriert ihre Selbstverwirklichung als Hausfrau, Ehefrau und Mutter in zahlreichen Insta-Videos. Eigentlich gruselig. Aber Karolin ist eben auch scharfzüngig, humorvoll und hilfsbereit – während Noah sich immer weniger zu Hause blicken lässt. Jana beginnt, den Halt, den sie vermisst, in ungeahnten Konstellationen zu finden …

„Heimat“ ist ein kurzer Roman, den ich mir oft ausführlicher gewünscht hätte, um Janas Gefühlswelt noch besser zu ergründen. Doch Autorin Hannah Lühmann gelingt es auch so, das Innenleben ihrer Protagonistin nachvollziehbar zu machen. Sie zeigt erschreckend plausibel, wie eine noch vor kurzer Zeit beruflich erfolgreiche Städterin anfängt, ein längst überholtes Rollenbild attraktiv zu finden. Und wie anfällig und emotional bedürftig Menschen sein können, die sich nirgends so richtig verwurzelt fühlen. Dabei sind immer wieder Risse und Brüche erkennbar. Lühmann deutet an, dass nicht alles Gold sein muss, was auf Insta glänzt; sie macht Janas Zerrissenheit deutlich. Und so bleibt am Ende doch einiges offen, zu dem man eigene Überlegungen anstellen kann – über Jana, Karolin und Noah, aber auch über den Zustand der Gesellschaft an sich. Ein lesenswerter und absolut diskussionswürdiger Roman, der viele, viele Denkanstöße bietet. 


Verlag: hanserblau
Seitenzahl: 176
Erscheinungsdatum: 19. August 2025
ISBN: 978-3446282827
Preis: 22,- € (E-Book: 16,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

30. Juni 2025

Liane Moriarty: Vorsehung

Starker Anfang, starkes Ende und ein dahinplätschernder Mittelteil

Eine ältere Dame steht während eines Fluges auf, um ihren Mitreisenden Todesalter und Todesursache zu prophezeien – knapp, präzise und immer schön der Reihe nach. Klingt nach einem erstaunlichen Bucheinstieg? Ist es auch. Autorin Liane Moriarty hebt in knackig-kurzen Kapiteln sechs Menschen und ihre Reaktion auf die Prophezeiung der „Death Lady“ hervor – vom gestressten Familienvater bis hin zum Brautpaar, das noch im Hochzeits-Outfit in die Flitterwochen startet. Die ersten hundert Seiten vergehen dann auch wie im Flug. Doch als dieser vorbei ist und sich die Passagiere in alle Richtungen zerstreuen, lässt auch die Dichte und Spannung der Geschichte merklich nach.

Moriarty springt das ganze Buch hindurch zwischen sieben Protagonist*innen hin und her. Sechs von ihnen haben während des Fluges eine Prophezeiung erhalten, die siebte ist die vermeintliche Hellseherin Cherry. Sie kommt in jedem zweiten Kapitel zu Wort und erzählt rückblickend ihr Leben, was zunächst etwas zusammenhanglos wirkt. Lange fühlte ich mich ihren Mitreisenden viel näher, doch kommen diese nach dem Flug nur noch selten ausführlich zu Wort. Gleichzeitig schwebt ein Damoklesschwert über ihnen: Werden Cherrys Prophezeiungen eintreten? Oder lässt sich das vielleicht sogar aktiv verhindern? Es dauert lange, bis der Roman in die Nähe einer Antwort kommt. Bis dahin plätschert er meist langsam vor sich hin und zerfasert dabei auch sehr, da es zwischen den einzelnen Figuren kaum Schnittstellen gibt. Mein Lesefluss wurde dadurch etwas gebremst; zudem nervte es mich etwas, dass ich ständig in Sorge um die Figuren war. Am Ende allerdings zeigt die Autorin wieder, was sie eigentlich kann, führt lose Enden zusammen, schließt Kreise, enthüllt verblüffende Verbindungen und hält auch einiges elegant in der Schwebe. Zwischenzeitlich habe ich es für unmöglich gehalten, dass „Vorsehung“ ein mich zufriedenstellendes Finale haben könnte, aber voilà: Es hat mich sogar begeistert. Und so ist der Roman eigentlich ein Fünf-Sterne-Buch mit einem dreieinhalb bis vier Sterne Mittelteil. Doch selbst, wenn letzterer Längen hat – Moriarty schafft es, alle sehr unterschiedlichen Charaktere authentisch, verletzlich und nahbar darzustellen. Niemand bleibt blass, alle sind richtig gut ausgearbeitet, auch wenn ich mir oft gewünscht hätte, mehr über Einzelne zu erfahren. Insgesamt bin ich froh, am Ball geblieben zu sein – und das Buch trotz Cover und Titel gelesen zu haben, beides hat mich nämlich eigentlich nicht angesprochen. Denkt man allerdings an den Schmetterlingseffekt, ist das Bild auf dem Buchumschlag gar nicht so beliebig wie gedacht. Wieder mal ein schöner Fall von „Don’t judge a book by its cover.“


Verlag: Droemer
Seitenzahl: 512
Erscheinungsdatum: 2. Mai 2025
ISBN: 978-3426562796
Preis: 23,- € (E-Book: 16,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.



16. Juni 2025

Kim Eui-kyung: Hello Baby

Unerfüllter Kinderwunsch

Das farbenfrohe Cover und der fröhliche Titel „Hello Baby“ täuschen: Dieser Roman handelt von Sehnsucht, Trauer und Verzweiflung. Sechs der Protagonistinnen besuchen dieselbe Kinderwunschklinik und sind dadurch zu einer Art Schicksalsgemeinschaft geworden. Es gibt eine Rahmenhandlung, die alle Frauen zusammenbringt, im Fokus stehen jedoch Lebensweg und Kinderwunsch(behandlung) jeder Einzelnen.

Autorin Kim Eui-kyung eröffnet im Nachwort, dass sie selbst Patientin in einer Kinderwunschklinik war. Sonst hätte sie dieses Buch, das nicht nur die damit einhergehende Gefühlsachterbahn, sondern auch das medizinische Vorgehen an sich detailliert schildert, sicher nicht so schreiben können. Noch trostloser als die Termine im Kinderwunschzentrum mutet allerdings das Privatleben der Frauen an, obwohl sich die meisten in liebevollen Beziehungen befinden. Doch sie stehen unter enormen Druck: Die Sehnsucht nach einem Baby und die kostspielige Behandlung sind das eine, doch in den meisten Fällen warten auch die Schwiegereltern dringlichst auf ein Enkelkind und haben keine Scheu, wöchentlich nachzufragen. Auf der Arbeit ist der Druck dagegen ganz anders geartet: Hier werden hundertprozentige Leistung erwartet. Sowohl Mutterschutz als Elternzeit scheint es zwar auch in Südkorea zu geben, doch der Roman schildert es als verpönt, von diesen Rechten Gebrauch zu machen und erwähnt Mobbing durch kinderlose Arbeitskolleg*innen. Schon die Zeit für die vielen Arzttermine, die eine Kinderwunschbehandlung mit sich bringt, ist kaum freizuschaufeln, und natürlich spricht man nicht offen über den Grund für die Untersuchungen. Mich hat das sehr deprimiert, da es offensichtlich bittere Realität ist.

Und dann ist da noch die siebte Protagonistin, Seolju Choi: Sie hat drei Kinder; offenbar eine Anzahl, über die hinter ihrem Rücken bereits getuschelt wird. Ausgerechnet ihre Mutter und Schwiegermutter sind nicht besonders erpicht auf ihre Enkel, ihren Beruf hat sie aufgegeben, da sie nicht beides für sich zufriedenstellend vereinbaren konnte. Ihr Mann bietet zwar finanzielle Absicherung, jedoch keine emotionale Unterstützung. Und so ist auch diese Frau unglücklich. Die nebenbei eingestreute Information, dass Südkorea eine der niedrigsten Geburtenraten weltweit hat, erstaunt kaum noch.

„Hello Baby“ ist kein fröhliches Buch, aber ein wichtiges. Die Autorin berichtet, wie unsichtbar Kinderwunschbehandlungen für das Umfeld betroffener Paare oft bleiben – als wären sie ein Makel, den man besser für sich behält. Und so kann diese ohnehin schwierige Zeit auch noch ziemlich einsam werden. Hier haben die sechs Protagonistinnen mit Kinderwunsch ein Gegenmittel gefunden: Im „Hello Baby“-Chat geben sie sich Ratschläge, aber auch Halt. Und so sind dieser Chat und die Gemeinschaft der Frauen ein kleiner Hoffnungsschimmer.

Während der Lektüre war ich sehr froh, in einem Land zu leben, in dem Frauen freier in ihrer Lebensgestaltung sind, die gesellschaftlichen Erwartungen nicht dermaßen hoch und das familiäre Leben nicht so traditionell geprägt. Doch eine Kinderwunschbehandlung ist auch hier kein Spaziergang. Darüber zu reden und das Ganze zu normalisieren, kann Betroffenen nur helfen. Kim Eui-kyung leistet einen Beitrag dazu, indem sie dem Thema mehr Sichtbarkeit gibt.


Verlag: Blumenbar
Seitenzahl: 223
Erscheinungsdatum: 14. Mai 2025
ISBN: 978-3351051280
Preis: 22,- € (E-Book: 16,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

6. Mai 2025

Lucy Clarke: The Surf House

Atmosphärischer Pageturner

Das ist schon das dritte Buch, das ich von Lucy Clarke lese. „One of the Girls“ hatte mich begeistert und „The Hike“ war ebenfalls spannend, wenn auch nicht ganz so unvorhersehbar in seinen Plot Twists. „The Surf House“ steht in meinem persönlichen Ranking auf einer Stufe mit „One of the girls“ – ich habe mitgelitten, -gerätselt und war ziemlich gefesselt von den unerwarteten Wendungen. Zudem macht das Buch große Lust auf einen Surfurlaub in Marokko, auch wenn man noch nie ein Surfbrett in der Hand hatte. Lucy Clarkes Beschreibung von Wind und Wellen sind sehr atmosphärisch. 

Nun aber zum Plot: Die 23-jährige Bea ist für einen Modeljob nach Marrakesch gekommen und sitzt kurz darauf ohne Pass, Geld und Plan, dafür aber mit einem ziemlichen Schock in Marokko fest. Glücklicherweise nimmt sich Marnie ihrer an, eine Auswanderin, die gemeinsam mit ihrem Mann eine kleine Strandpension betreibt – „The Surf House“ in einem Ort namens Mallah, das Bea schnell wie ein kleines Paradies vorkommt. Sie hat das Gefühl, langsam zu sich selbst zu finden, allerdings auch drängende Geldsorgen. Und dann kommt ein Amerikaner an, der seine verschwundene Schwester sucht, deren letzte gesicherte Station das Surf House war …

Ich habe gerade noch einmal nachgeschaut, ob der Verlag das Buch wirklich als Thriller und nicht als Roman bezeichnet. Wer atemlosen Nervenkitzel sucht, wird eventuell enttäuscht sein. „The Surf House“ ist spannend und stellenweise auch temporeich, hat aber auch viele ruhigere Passagen. Wie immer bei Lucy Clarke stehen zwischenmenschliche Beziehungen im Fokus. Diese schildert sie mit viel Empathie und Fingerspitzengefühl, was die Geschichte bis hin zur Auflösung sehr plausibel wirken lässt. Und am Ende beweist die Autorin mal wieder, dass hochdramatische Showdowns ebenfalls zu ihrem Repertoire gehören. Ein rundum gelungener Pageturner.


Verlag: dtv
Seitenzahl: 432
Erscheinungsdatum: 28. März 2025
ISBN: 978-3423264242
Preis: 17,- € (E-Book: 12,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

23. April 2025

Suzanne Collins: Die Tribute von Panem L. Der Tag bricht an

Panem, die fünfte

Suzanne Collins entführt ihre Leserinnen und Leser ein fünftes Mal nach Panem – 24 Jahre vor Beginn der Trilogie um Katniss Everdeen und 40 Jahre, nachdem Coriolanus Snow selbst Mentor eines Tributs aus Distrikt 12 bei den Hungerspielen war. Inzwischen ist er längst der grausame Präsident geworden, den man aus den ersten Bänden kennt. Und hat sich mit seinen Spielemachern etwas besonders Brutales für die 50. Hungerspiele einfallen lassen: Aus jedem Distrikt werden nicht nur zwei, sondern gleich vier Tribute ins Kapitol gebracht. 

Zu den Unglücklichen gehört Haymitch Abernathy, der spätere Mentor von Katniss und Peeta. Aus der Trilogie kennt man ihn als meist betrunkenen, einzelgängerischen Zyniker – „L“ zeigt, was ihn dazu gemacht hat. Hier ist Haymitch erst 16 Jahre alt; er lebt mit seiner Mutter und seinem jüngeren Bruder im Saum, verdient für die Familie dazu, was ihm möglich ist und versucht, seine knappe Freizeit mit seiner Freundin Leonore Dove zu verbringen. All das endet jäh, als er – auch noch an seinem Geburtstag, an dem die sogenannte „Ernte“ traditionell stattfindet – zum Tribut wird.

Was Haymitch erlebt, erinnert unweigerlich an die 74. Spiele, an denen Katniss und Peeta teilnehmen mussten. Jetzt sind es allerdings vier vermeintlich chancenlose Kandidatinnen und Kandidaten aus dem verarmten Distrikt 12, die zunächst zur Schau gestellt, eingekleidet, vorbereitet und trainiert werden. Es gibt Wiedersehen mit alten Bekannten: Neben Snow treten z.B. Plutarch, Beetee, Wiress, Mags und Effie in Erscheinung. Und schließlich beginnt der Überlebenskampf in der Arena.

Über dem kompletten Roman scheint von Anfang an ein Damoklesschwert zu schweben: Zwar ist klar, dass Haymitch überlebt – wer die Trilogie kennt, weiß aber auch, was aus ihm geworden ist. Ein Happy End ist bei „L“ also nicht zu erwarten. Stattdessen sterben natürlich auch hier wieder liebgewonnene Charaktere, bei 48 Tributen sogar noch mehr als sonst. Es wirkt so, als hätte Suzanne Collins sich diesmal nicht ganz so viel Zeit dafür genommen, Nebenfiguren auszugestalten, aber es sind in diesem Buch natürlich auch besonders viele. Dennoch war ich überrascht, wie sang- und klanglos einige verschwanden und hatte teilweise mehr Interaktion oder auch nur Erwähnungen erwartet. So habe ich weniger intensiv mitgefühlt, als ich es aus den bisherigen Bänden gewohnt war.

Insgesamt bin ich hin- und hergerissen: Die Geschichte von Haymitch hat mich durchaus interessiert, ist aber in noch höherem Maße tragisch, traurig und grausam als die anderen Panem-Bücher. Vieles habe ich unweigerlich mit den 74. Hungerspielen verglichen, die ich als ausgewogener geschildert in Erinnerung hatte. Und so landet die Geschichte des zweiten Siegers aus Distrikt 12 auf meinem persönlichen fünften Platz. Sie macht allerdings tatsächlich Lust darauf, die Trilogie noch einmal zu lesen. Haymitch sieht man nach dieser Geschichte mit anderen Augen.


Verlag: Oetinger
Seitenzahl: 464
Erscheinungsdatum: 18. März 2025
ISBN: 978-3751207164
Preis: 26,- € (E-Book: 15,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

16. April 2025

Sarah Goodwin: Die Yacht

Erst Luxusparty, dann Seenot

Aller guten Dinge sind drei! Tatsächlich ist das schon der dritte Thriller, den ich von Sarah Goodwin gelesen habe. (Die Rezension zum ersten, "Stranded", ist hier zu finden.) Was die Autorin richtig gut kann: verzweifelte Überlebenskämpfe schildern. Woran es ab und zu hapert: an der Plausibilität.

Hauptfigur Hannah freut sich auf die luxuriöse Silvesterparty ihrer Kindheitsfreundin Libby, die dieses Jahr auf einer an der Ligurischen Küste liegenden Yacht stattfindet. Die Anreise, die sie mit dem eigenen Auto möglichst kostengünstig gestaltet, ist zwar mühsam, doch sie will sich das Ganze auch nicht entgehen lassen. Schließlich ist Libbys Silvesterspektakel ihr jährlicher Ausflug in die Welt der Reichen und Schönen, zu der sie sonst keinen Zugang hat. Erst bei ihrer Ankunft wird Hannah klar, wie exklusiv die diesjährige Party ist: Sie sind gerade mal zu sechst auf der gar nicht so großen, aber extrem aufgemotzten Yacht, die gut vertaut im Hafen liegen bleiben soll. Doch am Neujahrsmorgen finden sich Hannah und die anderen plötzlich auf hoher See wieder und erkennen bald, dass sie aus eigener Kraft nicht zurück an Land kommen werden. Als von den sechs Anwesenden nur noch fünf auffindbar sind, spitzt sich die Lage immer weiter zu …

Goodwins neuester Thriller hat das Zeug zu einem fesselnden Pageturner: Locked-Room-Szenario, undurchschaubare Gruppendynamik und jede Menge Geheimnisse inklusive. Geschmälert wird das Lesevergnügen durch die zum Teil ziemlich eindimensional dargestellten Charaktere. Ich-Erzählerin Hannah mit ihren Nöten und Ängsten ist man dagegen ganz nah – das ist spannend und ließ mich am Ball bleiben. Vorteilhaft war auch, dass ich keine Ahnung von Yachten und Seewegen habe – denkt man jedoch etwas länger auf der ganzen Situation herum, stellt sich schnell die Frage, wie realistisch das Setting eigentlich ist. Insbesondere im letzten Drittel wurde die Geschichte wieder sehr abenteuerlich. In ihren Bann gezogen hat sie mich trotzdem: Mit Schreibstil und Spannungsaufbau kann Goodwin größtenteils überzeugen.


Verlag: Lübbe
Seitenzahl: 400
Erscheinungsdatum: 28. März 2025
ISBN: 978-3404194292
Preis: 13,99 € (E-Book: 4,99 €)

Ich habe dieses E-Book als Rezensionsexemplar erhalten.

28. Februar 2025

Emily Rudolf: Das Dinner

True-Crime- statt Krimi-Dinner

„Das Dinner“ hatte das Zeug, ein Thriller ganz nach meinem Geschmack zu werden: Fünf Freunde und ein vermeintlich fröhliches Zusammenkommen, das nach und nach durch immer mehr ans Licht kommende Geheimnisse getrübt wird. Begeistert hat mich das Buch aber leider nicht, was zum einen an gewissen Längen, zum anderen an ein paar Logiklücken liegt.

Lotta und Jonathan haben ihre alte Clique zu einem Abendessen eingeladen, nachdem sie sie jahrelang nicht gesehen haben: Kiano ist Jonathans ehemals bester Freund, Hanna Jonathans Schwester und Tristan ihr Ex. Man trifft sich in einem so stylischen wie abgelegenen Restaurant in der Eifel, das das Pärchen Lotta und Jonathan zusammen managt. Geplant ist ein Krimi-Dinner, wie zu früheren, unbeschwerten Zeiten. Doch ein Stuhl bleibt leer: Der von Maria, Hannas bester Freundin, die vor fünf Jahren bei einem Musikfestival spurlos verschwunden ist. Der verbliebene Freundeskreis hat sich seitdem nicht mehr getroffen, doch nun will man nach vorne sehen – oder? Beim Krimi-Dinner kommen Erinnerungen an jenen letzten Festivalabend hoch und es wird schnell klar, dass einige der Mitspielenden etwas zu verbergen haben und nicht mehr allzu viele freundschaftliche Gefühle vorhanden sind. Und irgendjemand scheint sein ganz eigenes Spielchen zu spielen – aber wer? Und warum?

Emily Rudolf lässt alle Figuren zu Wort kommen, sowohl in Rückblenden als auch in der Krimi-Dinner-Gegenwart. Das macht das Ganze zunächst sehr abwechslungsreich, hilft beim Kennenlernen der Charaktere und bei der Einschätzung der Situation. Allerdings kommt irgendwann der Punkt, an dem Lotta, Jonathan, Kiano, Hanna und Tristan ihre Erinnerungen immer genauer miteinander abgleichen – und da wird es dann manchmal etwas eintönig. Das Festivalgeschehen spielt sich zwischen Zelten, Tanzfläche und Toiletten ab; hier gibt es naturgemäß nicht so viel Abwechslung, wenn auch etwas mehr als beim gegenwärtigen Setting im Restaurant. Darüber hinaus habe ich weniger mit den Protagonistinnen und Protagonisten mitgefiebert als erwartet, denn kaum eine*r von ihnen war wirklich sympathisch; stattdessen werden jede Menge fragwürdige Entscheidungen bezüglich Partnerwahl und Substanzkonsum getroffen. Am Ende wartet Rudolf noch mit überraschenden Twists auf, bei denen allerdings nicht jedes Detail logisch erscheint. Insgesamt hatte ich mir von diesem Thriller einfach mehr erhofft.


Verlag: Scherz
Seitenzahl: 464
Erscheinungsdatum: 29. Januar 2025
ISBN: 978-3651025158
Preis: 18,- € (E-Book: 12,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

20. Januar 2025

Paula Hawkins: Die blaue Stunde

Psychogramm einer Unterschätzten

Dieser Roman beginnt mit einem überraschenden Knochenfund und entwickelt sich dann nach und nach zu einer erschreckenden und faszinierenden Charakterstudie. Der Verlag hat ihn nicht als Thriller betitelt, was nur folgerichtig ist, plätschern die Geschehnisse doch teilweise so vor sich hin wie das Wasser zwischen Ebbe und Flut am Fahrdamm von Eris Island. Doch Paula Hawkins spitzt die Begebenheiten mehr und mehr zu, bis es am Ende einen Showdown gibt, der mich komplett kalt erwischt hat.

Handlungsort von „Die blaue Stunde“ ist besagte Insel, die bei Niedrigwasser durch einen Fahrdamm erreichbar ist. Hier hat die Künstlerin Vanessa Chapman gelebt, gemalt und getöpfert, bevor sie ihrer Krebserkrankung erlegen ist. Ihren künstlerischen Nachlass hat sie zur Überraschung aller einer Stiftung vermacht, mit deren Gründer sie sich wegen einer abgesagten Ausstellung einen jahrelangen Rechtsstreit geliefert hatte. Allerdings sind seit der Testamentseröffnung bereits Jahre vergangen, und Kunstwerke sowie Tagebücher der Verstorbenen sind noch immer nicht komplett übergeben worden. Plötzlich steht zudem ein ungeheurer Verdacht im Raum: Ein Anthropologe behauptet, das eines von Chapmans Kunstwerken nicht, wie von ihr angegeben, eine Paarhuferrippe enthält, sondern die eines Menschen. Da der Ehemann der verstorbenen Künstlerin bereits viele Jahre vor ihrem Tod verschollen ist, bietet es sich förmlich an, über die Herkunft der Rippe zu spekulieren. Um Schadensbegrenzung bemüht, reist Stiftungs-Kurator James Becker, ein ausgewiesener Chapman-Experte, nach Eris Island, um mit Grace Haswell, der Testamentsvollstreckerin, langjährigen Freundin und Mitbewohnerin der Künstlerin zu sprechen – und endlich auch die Herausgabe des restlichen Nachlasses in die Wege zu leiten.

Paula Hawkins verknüpft geschickt verschiedene Zeitebenen miteinander. Es gibt Beckers Nachforschungen, Haswells Gedanken und Erinnerungen, aber auch Briefe und Tagebucheinträge von der verstorbenen Künstlerin – letztere sämtlich undatiert, es ist also weder für Hauptfigur Becker noch für die Leserinnen und Leser dieses Romans einfach, sich einen Reim auf die Abfolge der Ereignisse zu machen. Die Inhalte der kurzen Kapitel fügen sich nach und nach wie ein Mosaik zusammen. Wie die Geschichte dabei fast unmerklich an Fahrt aufnimmt und plötzlich alles ineinandergreift, hat mich sehr fasziniert. Schon früh wird klar, dass „Die blaue Stunde“ sehr viel mehr ist als eine Art Kunstkrimi um einen gefundenen Knochen – der Roman enthält Geschichten von Liebe, Freundschaft, Hass und Einsamkeit. Ab und zu packte mich durchaus ein leichter Grusel, wozu der Handlungsort Eris Island definitiv beigetragen hat – diese kleine Insel, mal abgeschnitten, mal für jeden zugänglich und unbarmherzig gegenüber denen, die sie unterschätzen. Das Gesamtbild am Ende ist stimmig, unvorhersehbar und verstörend. Paula Hawkins ist einfach eine Meisterin ihres Fachs.


Verlag: dtv
Seitenzahl: 368
Erscheinungsdatum: 9. Januar 2025
ISBN: 978-3423284547
Preis: 22,- € (E-Book: 16,99 €)

28. Dezember 2024

Ruth Ware: One Perfect Couple

Von der Reality-Show zum Survival Trip

Ein TV-Dreh auf einer einsamen Insel, bei dem die Teilnehmerinnen und Teilnehmer plötzlich auf sich allein gestellt sind und ums Überleben kämpfen – genau so eine Geschichte hatte ich vor fast zwei Jahren schon einmal gelesen. „Stranded – Die Insel“ von Sarah Goodwin hatte mich letztendlich ziemlich enttäuscht – die Logiklücken waren einfach zu groß und haben mir den Thriller verleidet. Umso gespannter war ich, ob Ruth Wares Umsetzung eines ähnlichen Settings gelungener sein würde. Und tatsächlich wurde ich positiv überrascht!

Eine neue Reality-Show mit dem Titel „One Perfect Couple“ soll auf einer einsamen Insel im Indischen Ozean gedreht werden. Schauspieler Nico wird für das TV-Format angefragt und bekniet seine Freundin Lyla, ihn zu begleiten. Die Virologin steckt gerade in einer Sinnkrise: Ihre Studien bringen nicht die erhofften Ergebnisse, ihr befristeter Vertrag an der Uni wird vermutlich nicht verlängert werden und wohin ihre Beziehung führt, ist sie sich auch nicht mehr so sicher. Da Nico jedoch überzeugt ist, dass „One Perfect Couple“ sein Durchbruch werden könnte, lässt sie sich breitschlagen. Und findet sich nur kurze Zeit später mit vier anderen Paaren in einem noch nicht komplett fertiggestellten Boutique Resort wieder; viele Seemeilen vom Festland entfernt.

Gleich nach der Ankunft überschlagen sich die Ereignisse: Völlig unerwartet muss bereits der erste Kandidat die Sendung verlassen und wird von der Fernsehcrew auf einer Jacht zurück zum Festland eskortiert. Nur wenige Stunden später wird die Insel von einem heftigen Sturm getroffen, der nicht nur Teile der Infrastruktur zerstört, sondern auch Menschenleben fordert. Das Fernsehteam kehrt nicht zurück und bald müssen die TV-Kandidatinnen und -Kandidaten erkennen, dass ihnen auch sonst niemand zu Hilfe eilt. Und dass sowohl die Essens- als auch die Trinkwasservorräte auf dieser Insel endlich sind …

Was dann folgt, fand ich ziemlich spannend: Die Gruppe sortiert sich völlig neu. Während es im Fernsehformat darum gegangen wäre, Challenges zu gewinnen und sich zu profilieren, sind nun alle damit beschäftigt, das eigene Überleben zu sichern. Erst scheint die Gruppe an einem Strang zu ziehen, doch die Nerven liegen bei vielen blank.

Die sich entwickelnde Dynamik ist sehr fesselnd geschildert. Schnell habe ich mit Ich-Erzählerin Lyla gerätselt, mit wem sie Allianzen bilden und wem sie noch vertrauen kann. Die Entwicklung der Dinge habe ich ebenso wenig vorhergesehen wie die Hauptfigur, trotz des Prologs. Und dann gab es am Ende noch mal einen Twist, der meine letzten offenen Fragen ziemlich elegant beseitigte. Ruth Ware greift Themen auf, die ich im ersten Teil des Buches niemals erwartet hätte, doch das Ergebnis hat mich ziemlich überzeugt. Ein gelungener Pageturner mit einem Cover, das einem Trash-TV-Werbeplakat alle Ehre machen würde, dessen Ende aber kaum weiter davon entfernt sein könnte.


Verlag: dtv
Seitenzahl: 416
Erscheinungsdatum: 27. Dezember 2024
ISBN: 978-3423264136
Preis: 17,- € (E-Book: 12,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

10. Juli 2024

Marc-Uwe Kling: Views

Beklemmend

Die erste Hälfte dieses Buchs habe ich verschlungen. Danach konnte ich nur noch kleine Häppchen von ein, zwei Kapiteln lesen, bevor ich eine Pause brauchte. Marc-Uwe Kling hat einen Richtung Thriller gehenden Roman vorgelegt, der mir als Science-Fiction oder Dystopie deutlich besser gefallen hätte. Dummerweise wirkt er aber realitätsnah sowie gut recherchiert und hat mich dadurch erst so richtig gegruselt. In einem Bericht zur Preview des Buches habe ich gelesen, dass der Autor der Känguru-Chroniken befürchtet hatte, die Realität könnte „Views“ noch vor der Veröffentlichung einholen. Man will es sich nicht vorstellen.

Und worum geht’s? Ein 16-jähriges Mädchen wird vermisst und taucht in einem verstörenden Video als Opfer mutmaßlicher Flüchtlinge wieder auf. Die Empörungsmaschinerie läuft an und gewinnt immer mehr an Fahrt. Während die polizeilichen Ermittlungen erfolglos bleiben, formiert sich eine Art Bürgerwehr, die Jagd auf die Täter machen will. Yasira Saad, Leiterin der zuständigen Soko beim BKA, steht unter immensem Druck. Und dann tauchen weitere Videos auf …

Mehr lässt sich an dieser Stelle kaum erzählen, ohne zu spoilern, und letzteres will ich auf keinen Fall – mich hat „Views“ nämlich mehrmals kalt erwischt, was den beklemmenden Gesamteindruck noch verstärkt hat. Marc-Uwe Kling führt hier gnadenlos vor Augen, wie fragil alles sein kann – das Leben an sich, der zivilisatorische Anstrich, der Rechtsstaat, die Demokratie … keine leichte Lektüre, obwohl sich „Views“ locker-flockig runterliest: kurze Kapitel und eine knackig erzählte Geschichte, die immer verstörendere Züge annimmt, bis hin zum für mich sehr unerwarteten Ende. Jetzt schwanke ich zwischen dem Wunsch nach einem schönen Feelgood-Roman – und dem nach einer Fortsetzung.


Verlag: Ullstein
Seitenzahl: 272
Erscheinungsdatum: 27. Juni 2024
ISBN: 978-3550202995
Preis: 19,99 € (E-Book: 15,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

7. Juni 2024

Rebecca F. Kuang: Yellowface

Buchliebe auf den ersten Blick 

Buchliebe auf den ersten Blick: Das Cover, die Leseprobe, der Farbschnitt mit dem tropfenden Füller – ich wusste sofort, das muss ich lesen. Romane, die den Literaturbetrieb thematisieren, mag ich sowieso, Pointiert-Satirisches ebenfalls und wenn dann noch Richtig und Falsch verschwimmen und die Protagonistin Leserinnen und Leser auf ihre mutmaßlich dunkle Seite zieht, finde ich das ziemlich spannend. „Yellowface“ bietet all das und ist darüber hinaus sehr unterhaltsam geschrieben.


Zum Inhalt: June Hayward und Athena Liu, beide 27 Jahre alt, kennen sich seit dem Studium in Yale, das beide mit einem klaren Ziel vor Augen verfolgt haben: Sie wollten erfolgreiche Autorinnen werden. Athena hat es ein paar Jahre später geschafft, June nicht. Zwar hat auch sie einen Verlag gefunden, der ihren Debütroman veröffentlicht hat, doch der Titel fand keine große Aufmerksamkeit und ist mehr oder weniger versandet. Nun hat June eine Schreibblockade und Athena einen Netflix-Deal, auf den sie mit ihrer früheren Kommilitonin anstoßen will. Dass Athena an diesem ausgelassenen Abend das Zeitliche segnet, ist ein tragischer Unfall. Dass June ein unveröffentlichtes Manuskript von ihr einsteckt, eine Kurzschlussreaktion. Dass sie es lektoriert, weiterentwickelt und schließlich als ihres veröffentlicht ein Coup – aber wird sie tatsächlich damit durchkommen?

Autorin Rebecca F. Kuang ist ein temporeicher, überraschender und extrem origineller Roman gelungen. „Yellowface“ setzt sich amüsant-intelligent und erstaunlich ergebnisoffen mit Themen wie dem Autorendasein, geistigem Eigentum und kultureller Aneignung auseinander. Die Irrungen und Wendungen haben mich vielfach verblüfft und gefesselt. Kurz vorm Finale driftet der Roman dann etwas ab und wird noch eine ganze Ecke abgedrehter als vorher. Das Ende fand ich allerdings wieder sehr stimmig und der Geschichte würdig. Ein cooles Buch und einer meiner zwei Frühjahrs-Favoriten.


Verlag: Eichborn
Seitenzahl: 384
Erscheinungsdatum: 29. Februar 2024
ISBN: 978-3847901624
Preis: 24,- € (E-Book: 23,99 €)

23. April 2024

Lucy Clarke: The Hike

Spannung, Twists und Emotionen

Mehrere Freundinnen in unterschiedlichsten Lebenssituationen, ein Reiseziel, das sie an ihre Grenzen bringt und eine Handvoll unvorhersehbarer Ereignisse – fertig ist der neue Thriller von Lucy Clarke. Die vier Protagonistinnen, von denen „The Hike“ handelt, sind schon zusammen zur Schule gegangen. Inzwischen sind Maggie, Liz, Helena und Joni Anfang dreißig und haben sich mehr oder weniger auseinandergelebt. Ein gemeinsamer Urlaub soll die Freundschaft auffrischen und den Vieren eine Alltagsauszeit ermöglichen. Allerdings stehen nicht Sonne, Strand und Meer auf dem Programm, sondern eine Wanderung zu einem abgelegenen Berggipfel in Norwegen. Liz ist fest entschlossen, den anspruchsvollen Trip auch gegen den Widerstand ihrer Freundinnen durchzuziehen, sieht sich jedoch bald mit Widrigkeiten konfrontiert, die sie sich nie hätte vorstellen können …

Lucy Clarkes letztes Buch „One of the girls“ fand ich richtig super und habe mich daher sehr auf „The Hike“ gefreut. Und auch hier zeigt die britische Autorin ihr Können: Spannung, Twists und Emotionen kommen nicht zu kurz. Schriftstellerkollegin Claire Douglas bezeichnet „The Hike“ in einem Blurb auf dem Buchrücken sogar als „ihr bestes Buch“ – soweit würde ich allerdings nicht gehen, denn „One of the girls“ war noch unvorhersehbarer. Apropos Buchrücken: Komplett überflüssig ist die Ankündigung „Vier Freundinnen in der Wildnis Norwegens. Nur drei kommen zurück.“ – klingt unheilvoll und mysteriös, ist aber vor allem ein Spoiler, den dieser atmosphärische Thriller nicht nötig hat. Er hat mich gut unterhalten und immer wieder überrascht. Einige Wendungen habe ich zwar durchaus erahnt, aber gestört hat mich das nicht. Schöne Spannungslektüre für die nächste Bergtour oder einen Freundinnenurlaub.


Verlag: dtv
Seitenzahl: 416
Erscheinungsdatum: 18. April 2024
ISBN: 978-3423263849
Preis: 17,- € (E-Book: 12,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

17. März 2024

Gaea Schoeters: Trophäe

Ausnahmebuch

Auf diesem Blog war es lange ruhig - das wird sich heute ändern, denn dieser Roman ist einfach zu gut, um ihn nicht hier vorzustellen. Das erste Buch seit langem, das mich mal wieder so richtig begeistert (und gleichzeitig mit Grauen erfüllt). Auf der Rückseite des Schutzumschlags wird es völlig zu Recht als "ethischer Mindfuck" beschrieben. Ein absoluter Lesetipp – und warum?

Es lässt sich so vieles an "Trophäe" hervorheben; zum Beispiel die präzise, elegante Sprache und die eindrückliche Darstellung von Tieren und Natur. Der Roman ist dicht erzählt und konzentriert sich auf wenige Protagonisten und Handlungsschauplätze. Hauptfigur ist der amerikanische Jäger Hunter White – der Name ein Klischee, der Mann dahinter jedoch nicht zu unterschätzen. Hunter ist ein Trophäenjäger mit Ethos, zumindest stellt er sich selbst so dar und seine Perspektive ist den Leserinnen und Lesern am nächsten. Nicht zum ersten Mal ist er mit einer teuer erkauften Jagdlizenz nach Afrika gekommen, doch diese hier war vermutlich die kostspieligste: Hunter will ein Nashorn erschießen und damit die Big Five vollmachen – Löwe, Büffel, Elefant und Leopard hat er also bereits erlegt. Kein Wunder, dass er mit seinem südafrikanischen Jagdtourenorganisator schon gut befreundet ist – van Heeren weiß genau, was Hunter White will. Eine halbwegs authentische Jagderfahrung, Übernachtungen im Zelt, keinen Firlefanz. Die Tage des ausgewählten Nashorns sind gezählt, doch erstmals läuft nicht alles nach Plan und es sieht ganz so aus, als müsste Hunter mit leeren Händen zurückreisen. Doch dann erzählt ihm van Heeren von den Big Six und plötzlich erscheinen alle moralischen und ethischen Fragen, mit denen Gaea Schoeters ihre Leser*innen bis dahin konfrontiert hat, wie leichte Aufwärmübungen …

Die flämische Autorin geht von Anfang an in die Vollen. Hunter Whites Respekt vor der Beute hat mir beim Lesen durchaus welchen abgenötigt, seine Argumentation, warum Trophäenjagd Artenschutz bedeutet, klingt erschreckend logisch. Nebenbei lässt Gaea Schoeters ihren passionierten Jäger immer wieder Erfahrungen machen, die ihm zeigen: Westliche Wertevorstellungen muss man sich erstmal leisten können. Vom amerikanischen oder auch deutschen Sofa aus mag Gut und Böse klar trennbar sein, in Afrika stellt sich aber einiges anders dar. Darf man urteilen, wenn man die Komplexität von Situationen interkulturell gar nicht erfassen kann? Und als sie mich als Leserin endlich soweit hatte, dass ich alte Gewissheiten mit neuer Demut in Frage stellte, trieb es die Autorin erbarmungslos auf die Spitze. Ein verstörender Roman, der fasziniert, herausfordert und erschreckt. Ungewöhnlich und absolut lesenswert.


Verlag: Zsolnay
Seitenzahl: 256
Erscheinungsdatum: 19. Februar 2024
ISBN: 978-3552073883
Preis: 24,- € (E-Book: 17,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

2. August 2023

Joël Dicker: Die Affäre Alaska Sanders

Wiedersehen mit Marcus Goldman. 

Ich habe fast alle Romane von Joël Dicker gelesen – ach was, verschlungen; er ist einer der wenigen Autoren, dessen Hardcover ich mir sogar ohne Kenntnis der Inhaltsangabe kaufen würde. Sein neuestes Buch „Die Affäre Alaska Sanders“ ist die dritte Begegnung mit seinem Ich-Erzähler Marcus Goldman, auf die ich mich sehr gefreut habe. Als einziges bedauert habe ich bei der Lektüre, dass es schon eine ganze Weile (achteinhalb Jahre?) her ist, dass ich „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ gelesen habe – die Bezüge in „Die Affäre Alaska Sanders“ sind zahlreich, die Protagonisten zum Teil die gleichen und ich konnte mich an viele leider nur noch rudimentär erinnern. Dicker-Fans, die mehr Lesezeit als ich haben, würde ich daher empfehlen, den Marcus-Goldman-Erstling nochmal zu lesen. Man kann „Die Affäre Alaska Sanders“ aber auch sonst sehr genießen, und genau das habe ich getan.

Die titelgebende Alaska Sanders – 22 Jahre alt, bildhübsch, zielstrebig und immer freundlich – wird Anfang April 1999 in der Nähe der Kleinstand Mount Pleasant, New Hampshire, ermordet. Der Fall kann postwendend gelöst werden: Ihr Ex Walter gesteht nach seiner Festnahme den Mord und begeht noch auf der Polizeistation Suizid. Seinen besten Freund Eric hat er vorher als Mittäter verraten, worauf dieser zu lebenslanger Haft verurteilt wird.

Das alles ist elf Jahre her, als der Schriftsteller Marcus Goldman, beruflich erfolgreich, privat etwas verloren, durch seinen alten Bekannten Sergeant Perry Gahalowood auf den Fall stößt. Gahalowood war damals an den Ermittlungen beteiligt und bekommt nun den Hinweis, dass etwas faul ist. (Das ist die Kurzversion – hierbei spielen eine private Tragödie, Irrungen und Umwege eine Rolle, die fast eine eigene Geschichte in der Geschichte sind – typischer Dicker-Stil eben.) Und so ermitteln der Sergeant und der Schriftsteller wieder. Marcus Goldman versucht außerdem, seinen früheren Mentor Harry Quebert ausfindig zu machen, kommt dabei aber genauso wenig voran wie in der Affäre Alaska Sanders.

Der Roman hat 592 Seiten und dabei keinerlei Längen. Er wird zum Teil in Rückblenden und aus verschiedenen Perspektiven erzählt und hat mich nicht losgelassen. Auch wenn ein Mord im Zentrum steht, ist „Die Affäre Alaska Sanders“ von einem herkömmlichen Krimi weit entfernt mit den vielen Schleifen, die Dicker erzählt. Trotzdem ist der Roman spannend und hat mich keine Sekunde gelangweilt. Joël Dickers Erzählkunst begeistert mich einfach und ich hoffe auf ein baldiges Wiedersehen mit Marcus Goldman und Sergeant Gahalowood – das gelungene Ende macht Hoffnung, dass irgendwann vom Mordfall Gaby Robinson erzählt werden wird. Darauf freue ich mich jetzt schon!


Verlag: Piper
Seitenzahl: 592
Erscheinungsdatum: 1. Juni 2023
ISBN: 978-3492071963
Preis: 26,- € (E-Book: 18,99 €)

9. April 2023

Sarah Goodwin: Stranded – Die Insel

Nicht komplett stimmiger Pageturner. 

„Stranded – Die Insel“ erinnert vage an den Klassiker „Und dann gab’s keines mehr“ von Agatha Christie: Eine bunt zusammengewürfelte Gruppe von Menschen auf einer abgeschiedenen Insel ohne Kontakt zum Festland. Es gibt Bündnisse und Zerwürfnisse, bis die Situation eskaliert. Und doch ist hier alles anders.

Eine Katastrophe führt fast zum Ende der Menschheit. Vier Frauen und vier Männer stranden auf einer einsamen Insel und versuchen, dort zu überleben. Alles, was sie brauchen, müssen sie mit ihren eigenen Händen sammeln, jagen oder erbauen … na ja, fast alles. Denn die TV-Produktionsfirma, die sich diese Ausgangssituation für ihre neue Show ausgedacht hat, hat einige Vorräte und Hilfsmittel auf der ansonsten verlassenen schottischen Insel Buidseach Isle deponiert.

Ich-Erzählerin Maddy nimmt aufgrund einer persönlichen Krise an der Show teil, um 11 Monate aus ihrem Leben zu flüchten – so lange soll das Fernsehexperiment dauern. Die Endzwanzigerin ist auf Pflanzenkunde spezialisiert. Ein anderer Teilnehmer angelt, einer geht in Richtung Prepper. Theoretisch sind die acht als Team gut aufgestellt, um über die Runden zu kommen. Wie es ihnen gelingt, dokumentieren über die Insel verteilte Kameras sowie die Body-Cams, die jeder der acht ständig trägt.

Zunächst scheint alles wie erwartet zu laufen: Eine Behausung entsteht und Vorräte werden angelegt. Maddy fühlt sich jedoch bald unwohl und hat den Eindruck, dass nicht alle gleich viel zum gemeinsamen Leben beitragen – und dass mehrere Leute speziell sie auf dem Kieker haben. Langsam aber sicher findet sie sich in einer Außenseiterrolle wieder. Aber es geht ja nicht wirklich um Leben und Tod, also kann eigentlich nichts passieren … Doch dann kommt nach Ende der Produktionszeit kein Boot, um die Teilnehmenden wieder abzuholen. Und als sie feststellen, dass sie tatsächlich auf sich allein gestellt sind, eskaliert die Situation in einem mörderischen Tempo …

Goodwin hält ihre Leserinnen und Leser bei der Stange und lässt sie dabei lange im Dunkeln tappen. Gleich zu Beginn des Buches ist klar, dass Maddy die Flucht von Buidseach Isle geglückt ist – mit einem Gewehr. Ihre Berichte vom Inselleben wechseln sich mit Szenen aus einem Fernsehinterview ab, das sie offensichtlich nach den Geschehnissen gibt. Was jedoch auf der Insel passiert ist, kommt erst nach und nach ans Licht … oder ist es doch nur Maddys Version von den Geschehnissen?

„Stranded – Die Insel“ liest sich spannend und gleichzeitig beklemmend. Die Gruppendynamik, die Einzelgängerin Maddy nicht wirklich versteht, entwickelt sich rasant und die Situation scheint immer bedrohlicher zu werden. Einige Charaktere bleiben dabei recht blass. Ich-Erzählerin Maddy scheint mit ihnen wenig zu tun zu haben, was bei insgesamt nur acht Gruppenmitgliedern allerdings verwundert. Es hat mich beim Lesen jedoch kaum gestört. Teile der Auflösung haben mich dagegen etwas enttäuscht, da ich sie einfach nicht komplett plausibel finde. Egal wie spannend ein Thriller ist – am Ende muss er auch stimmig sein, und das ist Goodwin leider nicht hundertprozentig gelungen. Dennoch war es für mich ein fesselndes Leseerlebnis.

Verlag: Lübbe
Seitenzahl: 400
Erscheinungsdatum: 31. März 2023
ISBN: 978-3404188789
Preis: 12,99 € (E-Book: 4,99 €)

Ich habe dieses E-Book als Rezensionsexemplar erhalten.