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11. September 2019

Simon Stranger: Vergesst unsere Namen nicht

Dieses Buch fällt für mich mal wieder unter die Rubrik „Don’t judge a book by its cover“. Letzteres ist mir etwas zu pathetisch geraten: Kleine Mädchen in sepia, die in Trümmern spielen, der Titel ein mahnender Appell. Die schlichte Gestaltung des norwegischen Originals gefällt mir weitaus besser; „Lexikon von Licht und Schatten“ ist außerdem ein treffender Titel, hat der Autor seinen Roman doch auf ungewöhnliche Art und Weise gegliedert: nach dem Alphabet.


Der Norweger Simon Stranger hat sich mit seinem Roman „Vergesst unsere Namen nicht“ einiges vorgenommen – und schafft das auch: Er arbeitet die jüdische Familiengeschichte seiner Ehefrau auf. Er setzt den von den Nazis während der deutschen Besatzung ermordeten norwegischen Juden und Widerstandskämpfern ein Denkmal. Und er führt vor Augen, zu welchen Gräueltaten Menschen fähig sind. Letzteres wird am Beispiel der Trondheimer Rinnan-Bande gezeigt, die, angeführt vom Norweger Henry Rinnan, im Auftrag der Nationalsozialisten die eigenen Landsleute ausspionierte, erpresste, folterte und auch tötete. Henry Rinnan konnte nach dem Zweiten Weltkrieg der Prozess gemacht werden; er endete mit seinem Todesurteil. Seine Taten sind gut dokumentiert, im Gegensatz zu den Leben seiner Opfern, die deportiert, ins Gefängnis geschafft oder ermordet wurden.
Während der Besatzung Norwegens wurde auch Hirsch Komissar erschossen – der Urgroßvater von Simon Strangers Ehefrau, ein Jude, an den ein Stolperstein in Trondheim erinnert. Eine direkte Verbindung von Rinnan zu ihm lässt sich nicht nachweisen, doch sie lebten zur gleichen Zeit in der gleichen Stadt. Zu Beginn seines Buches berichtet Stranger, dass der jüdischen Tradition nach ein Mensch erst dann wirklich tot ist, wenn sich niemand mehr an seinen Namen erinnert. Für die Erinnerung an Hirsch Komissar sorgen außer dem Stolperstein des Künstlers Gunter Demnig, der seit 1992 bereits über 70.000 kleine Gedenktafeln verlegt hat, Komissars Nachkommen – und außerdem dieses Buch, das immer wieder von seinem Leben und Sterben erzählt.

Den Fakten will Stranger möglichst gerecht zu werden. Zeiten und Orte sind belegt, die geschilderten Gedanken und Gefühle aber natürlich nicht. Sein gesamtes Buch über balanciert der Autor zwischen Historie und Roman, was ihm überraschend gut glückt. Täter Rinnan wird dabei mehr Raum gegeben als Hirsch Komissar, was an der unterschiedlichen Quellenlage liegt. Stranger hat nichtfiktives und fiktives Material äußerst behutsam miteinander verwoben. Weniger behutsam, sondern zum Teil unerträglich sind dagegen die – geschichtlich belegten – Gewaltexzesse im Bandenquartier von Rinnan, der seine Oper eigenhändig gefoltert hat. Hier konnte ich einige der expliziten Beschreibungen nur überfliegen.

„Vergesst unsere Namen nicht“ ist assoziativ erzählt – der Autor springt zwischen Zeiten, Orten und Personen hin und her. Als Orientierungspunkt dient hier das Alphabet; von A bis Z werden meist mehrere Stichwörter pro Buchstabe aufgegriffen. So wirkt der Roman anfangs wie eine ungeordnete Anekdotensammlung, was meinen Lesefluss jedoch nicht gestört hat. Im Gegenteil: Er machte die Lektüre erträglicher, auf Schreckliches folgten Alltag oder Gedanken zu Reue, Vergebung und Versöhnung. Und so ist dieses Buch wirklich ein "Lexikon von Licht und Schatten", wie es auch im Originaltitel heißt. Stranger ist eine besondere Komposition gelungen, die vielleicht wegen des ungewöhnlichen Aufbaus noch mehr nachwirkt als andere Bücher zu diesem Thema. Am Ende verspricht der Autor dem Ahnen seiner Kinder: „Wir werden weiter Deinen Namen sagen.“ Und auch der Leser wird ihn nach der Lektüre dieses Buches nicht mehr vergessen.

Verlag: Eichborn
Seitenzahl: 352
Erscheinungsdatum: 30. August 2019
ISBN: 978-3847906667
Preis: 22,00 € (E-Book: 15,99 €)

Ich habe dieses E-Book als Rezensionsexemplar erhalten.

20. August 2019

Johann Scheerer: Wir sind dann wohl die Angehörigen

Dieses Buch hat mich auf den ersten Blick gereizt – schon durch seinen Titel. Die „Angehörigen“ stehen selten im Mittelpunkt, das Wort wir in der Regel nur verwendet, um Menschen in Zusammenhang zu anderen zu setzen, um die es dann eigentlich geht. Überdies wird „Angehörige“ vor allem in unerfreulichen Kontexten verwendet, man muss es nur googeln und kommt auf Treffer wie: „Tatort heute: Dürfen Angehörige wirklich an den Unglücksort?“, „Freunde und Angehörige nehmen Abschied“, „Informationen für Angehörige und Partner erkrankter Personen“.
In diesem Buch geht es jedoch hauptsächlich um die Angehörigen, und zwar um die eines prominenten Entführungsopfers: Jan Philipp Remtsmaa wurde 1996 gekidnappt und über einen Monat festgehalten. Er hat über diesen Albtraum bereits ein Jahr später ein Buch veröffentlicht. 21 Jahre danach legte sein Sohn dann seine Erinnerungen vor.


Johann Scheerer gelingt in „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ ein schwieriger Spagat: Er schreibt zum einen aus seiner Perspektive im Jahr 1996, als er gerade mal 13 Jahre alt war. Zum anderen streut er immer wieder Informationen ein, die er erst später erfahren hat, weil sie ihm entweder bewusst vorenthalten wurden oder generell noch nicht bekannt waren. Beides fließt stimmig und ohne Brüche ineinander. Dennoch ist „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ keine lückenlose Chronologie einer Entführung und will es auch gar nicht sein. Scheerer schildert einfach immens furchtbare 33 Tage im Leben eines Teenagers, der abrupt aus seiner Normalität gerissen wird und sich in einem Albtraum wiederfindet: Der Vater entführt und zwei „Angehörigenbetreuer“ der Polizei im Haus, die mit der Mutter sowie Freunden der Familie allnächtlich auf den Anruf der Entführer warten. Entführer, die ihren ersten Brief unter einer scharfen Handgranate deponierten – wäre das Ganze fiktiv, käme es einem an manchen Stellen schon etwas dick aufgetragen vor.

Doch „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ schildert die wahren Begebenheiten und erzählt von unerträglichen Durststrecken, die Scheerer auch für den Leser fühlbar macht: Die Ungewissheit zermürbt, während beständig auf Nachrichten und Anweisungen der Entführer gewartet wird, auf ein Lebenszeichen des Vaters, ab und an auch auf die Polizei. Mehrmals entsteht der Eindruck, dass sich diese bei der Organisation der Lösegeldübergaben nicht mit Ruhm bekleckert hat, doch Scheerers Buch ist keine Abrechnung. Der Autor bewertet das Verhalten anderer kaum, sondern bleibt hier in seiner 13-jährigen Perspektive und schildert sein inneres Chaos zwischen Hilfs- und Fassungslosigkeit. Dazu kommen manchmal unverhofft leichte Momente, gefolgt von Schuldgefühlen. Die Qual des Jungen macht nachvollziehbar, was kaum jemand selbst erlebt haben dürfte. Schon lesend ist die Geschichte an einigen Stellen schwer auszuhalten, obwohl ihr Ausgang ja bekannt ist. Scheerer tritt aus der Anonymität der Angehörigen hervor und schildert, wie es ihm ergangen ist. Bei mir ist der Eindruck entstanden, dass ihm diese persönliche Aufarbeitung des Traumas eventuell gutgetan haben könnte – zumindest wünsche ich es ihm.

Verlag: Piper
Seitenzahl: 240
Erscheinungsdatum: 1. März 2018
ISBN: 978-3492059091
Preis: 20,00 € (E-Book: 18,99 €)

21. Juli 2019

E. O. Chirovici: Das Buch der Spiegel

Titel und Cover dieses Buches haben bei mir zunächst den Eindruck erweckt, es könnte sich um einen Fantasyroman handeln – ein Genre, das ich eher selten lese. Zum Glück habe ich mich davon nicht abschrecken lassen, denn sonst wäre mir ein beeindruckender Roman entgangen: Klug komponiert, voller überraschender Wendungen und ziemlich nachdenklich machend. Er schließt mit den Worten: „Ein großer französischer Schriftsteller hat einmal bemerkt, Erinnerung an Vergangenes sei nicht unbedingt Erinnerung an wirklich Geschehenes. Ich vermute, er hat recht.“ Diese Schlusssätze greifen das Kernthema des Romans auf: Kann man Erinnerungen wirklich trauen?


E. O Chirovici ist in Rumänien aufgewachsen und hat sich dort als erfolgreicher Autor etabliert, bevor er 2013 in die USA zog und mit „Das Buch der Spiegel“ seinen ersten Roman auf Englisch schrieb. Dieser wurde inzwischen in über 30 Länder verkauft, was mich kein bisschen wundert, denn er hat mir extrem gut gefallen.

„Das Buch der Spiegel“ hat einen klassischen „Buch im Buch“-Anfang: Der Literaturagent Peter Katz erhält ein unverlangt eingesandtes Manuskript und legt es zunächst einmal zur Seite, doch als er nach ein paar Wochen die Zeit dafür findet, liest er es und ist von der Lektüre sehr angetan. Dass diese irgendwann abrupt abbricht, ist nicht weiter verwunderlich, hat sich der angehende Autor doch an die Regeln der Literaturagentur gehalten und nur eine Leseprobe eingesandt. Katz versucht ihn zu kontaktieren, doch an den Rest des Manuskripts zu kommen, ist schwieriger als gedacht – es scheint verschollen. Und das ist nicht nur für den Literaturagenten äußerst ärgerlich, sondern auch für den „Das Buch der Spiegel“ in den Händen haltenden Leser, hat dieser doch zusammen mit Katz die ersten sechs Kapitel verschlungen und wüsste nun zu gern, wie es weitergeht.

Und wovon handelt nun das Buch im Buch? Der Autor Peter Flynn beschreibt darin, wie es ihm in seinem letzten Jahr in Princeton ergangen ist: „Für mich war es das Jahr, in dem ich mich verliebte und erkennen musste, dass es den Teufel wirklich gibt“. In wen sich Flynn verliebt hat, ist schnell klar: Psychologiestudentin Laura ist seine neue Mitbewohnerin und unterstützt einen renommierten Professor bei dessen Forschungen. Sie vermittelt Flynn den Job, dessen Bibliothek neu zu ordnen. So weit, so normal, doch am Ende dieses Jahres wird besagter Professor ermordet aufgefunden. Es macht den Anschein, als hätte Flynn Jahrzehnte später verstanden, was damals wirklich passiert ist und darüber ein Buch geschrieben – doch wo ist dieses Buch?

„Das Buch der Spiegel“ beginnt gleich doppelt spannend: Zum einen hat auch mich als Leser schnell interessiert, wer besagten Professor nun umgebracht hat, zum anderen rätselte ich mit Katz, wo denn das Manuskript mit der Auflösung des Falls geblieben war. Wie E. O. Chirovici es schafft, seine doppelgleisige Geschichte mit insgesamt vier verschiedenen Ich-Erzählern auf nur 380 Seiten zu erzählen, hat mich wirklich begeistert. Dabei hatte ich schon früh einen Verdacht, was den Mörder anging. Aber eigentlich ist der Mordfall trotz allem fast nebensächlich, denn viel mehr geht hier um die Macht der Erinnerung. Und obwohl „Das Buch der Spiegel“ eine ziemlich komplexe Komposition ist, lässt es sich wie ein spannender Krimi kaum mehr aus der Hand legen. Absolute Empfehlung!

Verlag: Goldmann
Seitenzahl: 384
Erscheinungsdatum: 18. Juni 2018
ISBN: 978-3442487554
Preis: 20,00 € (Taschenbuch: 10,00 €, E-Book: 9,99 €)

21. Mai 2019

Tara Isabella Burton: So schöne Lügen

Als ich am Wochenende durch die Fußgängerzone lief, kam mir ein kleines Mädchen entgegen, dessen T-Shirt „No glitter, no party“ verkündete. Das könnte auch das Motto dieses funkelnden Buches sein, auf dessen Umschlag Verlagsname und ISBN fast verschwinden vor lauter Glitzer. Im schwarzen Zentrum des Covers werden „So schöne Lügen“ angekündigt. Und tatsächlich ist dieser grandiose Roman voll davon …


Tara Isabella Burtons Debüt erzählt von der Endzwanzigerin Louise, die nach New York gezogen ist, um Schriftstellerin zu werden, sich jetzt allerdings mit drei Jobs mehr schlecht als recht durchschlägt und nicht mal mehr Muße hat, ein Buch zu lesen – geschweige denn, eins zu schreiben. Den Glamour des Big Apple, von dem sie früher mal geträumt hat, erleben andere – zum Beispiel die 23-jährige Lavinia, reiche Erbin und stets auf der Suche nach dem Außergewöhnlichen, Extravaganten – und dem nächsten ausdrucksstarken Foto, das sie auf ihren Facebook-Account hochladen kann. Durch einen Zufall lernen sich die beiden Frauen kennen und Lavinia lässt Louise an ihrem aufregenden Leben teilhaben, das diese sich alleine nie leisten könnte. Bald zeigt sich jedoch, dass Lavinias Großzügigkeit so schnell nachlassen kann, wie sie begonnen hat – z. B. wenn Louise nicht mit der gewünschten Begeisterung auf ihre Ideen reagiert. Louise studiert ihre neue Freundin sehr genau, um deren Wünsche zu erahnen und bloß nicht in Ungnade zu fallen. Und nach ein paar Monaten zahlt sich ihre intensive Charakterstudie noch ganz anders aus, als beide sich je hätten träumen lassen …

„So schöne Lügen“ ist die Geschichte einer toxischen Freundschaft, deren Entwicklung der Leser live miterlebt. Dabei mehren sich die leisen Alarmsignale und ab und zu meldet sich ein auktorialer Erzähler, der nonchalant einen verstörenden Blick in die Zukunft wirft, was sehr zur Spannung beiträgt. Aber auch so deutet sich an, dass Lavinia und Louise unaufhaltsam auf eine Katastrophe zusteuern – doch wie wird die aussehen und wird zumindest eine von beiden heil herauskommen?

Eine der großen Stärken dieses gesellschaftskritischen Romans ist definitiv Burtons Fähigkeit, Charaktere mit vielen Facetten und Widersprüchen glaubhaft auszugestalten. Dabei gewährt sie faszinierende und abstoßende Einblicke in eine Glitzerwelt, in der es ausschließlich um den schönen Schein geht. Selbstdarstellung ist alles – sich inszenieren, Fotos machen, diese online stellen. Wenn die Lügen schön genug sind, interessiert sich niemand für die Wahrheit. Im Laufe des Romans lernt Louise, dieses Spiel bis zur Perfektion zu beherrschen. Sie dabei zu begleiten, ist faszinierend und erschreckend zugleich – und wirkt leider gar nicht realitätsfern, nimmt doch social media eine immer größere Rolle ein. Mich hat „So schöne Lügen“ sehr gepackt – wer gerne von fatalen Freundschaften und menschlichen Abgründen liest, kommt hier voll auf seine Kosten.

Verlag: DuMont Buchverlag
Seitenzahl: 336
Erscheinungsdatum: 17. Mai 2019
ISBN: 978-3832183707
Preis: 22,00 € (E-Book: 9,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

17. Mai 2019

Iain Reid: The Ending

Schon der Taschenbucheinband dieses Buches weckte bei mir hohe Erwartungen. Auf dem Cover heißt es: „Du wirst dich fürchten. Und du wirst nicht wissen, warum.“ Die Rückseite bewirbt die Geschichte als „raffiniertes, stilistisch brillantes Psychodrama für Liebhaber von Stephen King und Alfred Hitchcock“. Was kann da noch schief gehen? Eine Menge.


„The Ending“ ist das Debüt des Kanadiers Iain Reid. Es handelt von einem jungen Paar, der Ich-Erzählerin und ihrem Freund Jake. Die beiden sind noch nicht lange zusammen und gerade auf dem Weg zu Jakes Eltern, die einen Bauernhof auf dem Land haben, laut Beschreibung irgendwo im Nirgendwo. Die Erzählerin wird Jakes Familie erstmals kennenlernen und ist gespannt. Gleichzeitig überlegt sie jedoch, mit Jake Schluss zu machen. Abgelenkt wird sie durch die Anrufe eines Stalkers, der ihr seit einigen Wochen nachstellt und von dem sie Jake bislang nichts erzählt hat. Eine Ausgangssituation mit einigem Potential, könnte man meinen.

Doch trotzdem kommt während der ersten fast 100 Seiten kaum Spannung auf, was bei einem 240 Seiten langen Thriller schon ein schlechtes Zeichen ist. Stattdessen haben mich die philosophisch angehauchten Gespräche des Paares während der nicht enden wollenden Autofahrt zunehmend gelangweilt. Als die beiden ihr Ziel erreichen, nimmt die Handlung zwar immer noch nicht wirklich an Fahrt auf, doch zumindest passiert mal was – aber das erschien mir alles sehr abstrus. Und so fühlte ich mich zwar stellenweise abgestoßen, habe mich jedoch immer noch nicht gegruselt. Mit King und Hitchcock hatte die Entwicklung des Ganzen in meinen Augen sehr, sehr wenig zu tun. Beide sind Meister des Nervenkitzels, der auch in „The Ending“ mit allen Mitteln erzeugt werden soll, aber die Geschichte trägt einfach nicht, die Charaktere bleiben blass und ihr Handeln kaum nachvollziehbar. Das Ende mag so manches erklären, hat mich aber über die Längen der Geschichte nicht nachträglich hinweggetröstet. Und wenn sich alle Protagonisten seltsam verhalten und man mit niemandem mitfühlen kann, lässt einen halt auch der Showdown relativ kalt. Schade – das Cover war/ist so vielversprechend! Die Schneesturm-Atmosphäre bei Nacht und der blutrote Titel hatten mich gleich neugierig gemacht und dazu beigetragen, dass ich mir ein weitaus gruseligeres Leseerlebnis vorgestellt hatte.

Verlag: Droemer
Seitenzahl: 240
Erscheinungsdatum: 2. November 2017
ISBN: 978-3426306192
Preis: 14,95 € (E-Book: 12,99 €)

23. April 2019

Raffaella Romagnolo: Bella Ciao

Die mir gänzlich unbekannte Netflix-Serie „Haus des Geldes“ hat das Lied „Bella Ciao“ zum offiziellen Sommerhit 2018 gemacht. „Bella Ciao“ war damit vermutlich der älteste Sommerhit aller Zeiten, denn das im letzten Jahr neu abgemischte Arbeiterlied hat eine über hundertjährige Geschichte. Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts sangen es italienische Reispflückerinnen. Während des Zweiten Weltkriegs wurde es umgedichtet und entwickelte sich zur Hymne des Widerstands gegen den Faschismus, und in diesem Zusammenhang kam es auch in dem Roman vor, den ich als letztes gelesen habe.


Raffaella Romagnolo erwähnt das titelgebende Partisanenlied „Bella Ciao“ nur einmal namentlich in ihrem neuesten Buch, doch Partsianen gibt es dafür reichlich. Die Handlung spielt im Dorf Borgo di Dentro im ialienischen Piemont, in das die Amerikanerin Giulia Masca 1946 zurückkehrt, nachdem sie es 45 Jahre zuvor in einer Nacht-und-Nebel-Aktion verlassen hat. Giulia Masca stammt aus einfachsten Verhältnissen und hat schon als Kind in der örtlichen Seidenspinnerei gearbeitet. Wegen des Verrats einer Freundin hat sie die Heimat verlassen und in New York Glück und Wohlstand gefunden, während Europa erst vom Ersten und dann vom Zweiten Weltkrieg erschüttert wurde. Nun ist sie für eine Nacht zurückgekehrt und die Erinnerungen holen sie ein. Doch nicht nur Giulia Mascas Leben wird in Rückblicken berichtet – auch das ihrer Kindheitsfreundin Anita Leone, die Borgo die Dentro nie verlassen hat. Im Gegensatz zu Einzelkind Giulia wurde Anita in eine starke und nicht ganz so arme Großfamilie hineingeboren, die gepachtete Weinberge bewirtschaftet. Ihre Kindheit ist glücklicher als die ihrer Freundin, doch leicht hat sie es später nicht. Die Autorin schildert entbehrungsreiche, harte Arbeiterleben, die von Existenzängsten, Kriegen und Naturkatastrophen erschüttert werden, doch auch von Liebe, Zusammenhalt und Loyalität geprägt sind. Gleich an zwei Stellen hat Raffaella Romagnolo Stammbäume eingefügt, damit ihre Leser von den komplexen Beziehungsgeflechten nicht zu verwirrt sind. Ich musste nur manchmal darauf zurückgreifen: Die meisten Figuren sind gut greifbar und mit klaren Eigenheiten versehen, was es leichter macht, sich in den verschiedenen Familienverbünden einigermaßen zurechtzufinden.

„Bella Ciao“ ist nicht immer ganz einfach zu lesen. Nicht so sehr wegen der Fülle an Protagonisten, auch nicht wegen der immerhin fast ein halbes Jahrhundert umfassenden, umrissenen italienischen Geschichte: Was mir etwas zugesetzt hat, sind Beschreibungen von Elend und Leid. Als Leser zieht man mit den Figuren in Schlachten, die in den meisten Familiensagas nicht so detailliert beschrieben werden. Beim Lesen war ich mehr als einmal froh, 100 Jahre nach den Hauptfiguren geboren worden zu sein. Doch „Bella Ciao“ ist auch einer dieser Romane, die einem eine ganz neue, in meinem Fall unbekannte Welt eröffnen, die man nicht mehr vergisst. Die Autorin schreibt mit viel Einfühlungsvermögen und schafft so komplexe Entwicklungen, in denen Menschen über sich hinauswachsen und auch Gut und Böse nicht immer klar zu trennen sind. Ich empfehle, sich etwas Zeit für „Bella Ciao“ zu nehmen – es ist kein Buch, bei dem es reicht, jeden Abend vor dem Einschlafen ein paar Seiten zu lesen. Doch wem es möglich ist, sich von Raffaella Romagnolo nach Borgo di Dentro mitnehmen zu lassen, der wird mit einem intensiven Leseerlebnis belohnt und weder Giulia Masca noch die Familie Leone schnell vergessen können.

Verlag: Diogenes
Seitenzahl: 528
Erscheinungsdatum: 20. März 2019
ISBN: 978-3257070620
Preis: 24,00 € (E-Book: 20,99 €)

Ich habe dieses Buch als Leseexemplar erhalten.

Allen Lesern einen schönen Welttag des Buches!

8. April 2019

Joël Dicker: Das Verschwinden der Stephanie Mailer

Joël Dicker gehört zu meinen Lieblingsautoren. Er hat bislang drei Romane geschrieben, die ich alle verschlungen habe und herausragend fand. „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ war noch ein Spontankauf, der mir eine halbe schlaflose Nacht bescherte, als ich einfach nicht mehr aufhören konnte, zu lesen. „Die Geschichte der Baltimores“ kaufte ich mir dann direkt nach Erscheinen und freute mich über das Wiedersehen mit Protagonist Marcus Goldman. Und als jetzt „Das Verschwinden der Stephanie Mailer“ erschien, habe ich meine bei „Vorablesen“ gesammelten Punkte ohne Zögern eingesetzt, um ein Rezensionsexemplar zu ergattern. Und was soll ich sagen? Ich wurde nicht enttäuscht!


„Das Verschwinden der Stephanie Mailer“ spielt in Orphea, einer beschaulichen Kleinstadt an der amerikanischen Ostküste. Alljährlicher Höhepunkt des öffentlichen Lebens ist ein Theaterfestival, das in der Romangegenwart im Jahr 2014 bereits 20-jähriges Jubiläum feiern soll. Mindestens halbvergessen scheinen die Ereignisse vom Premierenabend des ersten Festivals 1994: Damals wurden vier Einwohner Orpheas erschossen, unter ihnen die Familie des damaligen Bürgermeisters. Zwei junge Polizisten der State Police konnten den Fall nach mehrmonatiger Arbeit lösen. Einer von ihnen, Jesse Rosenberg, feiert zu Beginn des Romans gerade sein Ausscheiden aus dem Polizeidienst, als ihn eine Journalistin anspricht, die ihm auf den Kopf zusagt, dass er damals in Orphea den Falschen verhaftet hätte. Rosenberg nimmt die geheimnistuerische Stephanie Mailer zunächst nicht ernst, doch nur ein paar Tage später wird die junge Frau als vermisst gemeldet. Hat sie eventuell wirklich etwas herausgefunden – und wohin ist sie verschwunden?

„Das Verschwinden der Stephanie Mailer“ ist vieles: hochspannend, unterhaltsam, tragisch, begeisternd und voller Leben. Joël Dicker führt seine Leser durch einen dichten Roman voller Perspektivwechsel, Rückblenden und wahnwitziger Wendungen. Doch selbst Entwicklungen, die mir überdreht vorkamen, bekamen irgendwann einen Sinn, wurden nachvollziehbar und fügten sich wie Puzzlestücke in den Gesamtkontext ein. Dieser Autor ist einfach ein Meister seines Fachs: Er hat ein unfassbares Talent, Protagonisten und Schauplätze lebendig werden zu lassen und ein großartiges Gespür für die richtige Dosis. Trotz vieler Details und einer Fülle handelnder Personen bleibt „Das Verschwinden der Stephanie Mailer“ wundervoll lesbar und auf die Haupthandlung fokussiert. Überdies macht der Roman regelrecht süchtig. Es ist wie bei einem Esel, der einer Mohrrübe hinterherläuft: Als Leser fühlt man sich der Lösung der Romanrätsel stets nah und lässt sich von Dicker willig auf jede neue Fährte mitnehmen, was die 672 Seiten im Nu verfliegen lässt. Wenn doch die Wartezeit auf das nächste Buch des Autors nur auch so schnell verginge!

Als Trost für alle, die wie ich nun wieder warten: Seit dem 1.04. ist exklusiv auf tvnow.de „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ zu sehen – als Serie, mit Patrick Dempsey in der Hauptrolle. Ich habe noch keine Folge gesehen, werde das aber als Joël Dicker-Fan natürlich bald nachholen.

Verlag: Piper
Seitenzahl: 672
Erscheinungsdatum: 2. April 2019
ISBN: 978-3492059398
Preis: 25,00 € (E-Book: 18,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

6. März 2019

John Lanchester: Die Mauer

Abschottung und geplante Mauerbauten sind momentan fast Alltagsthemen und so wirkt dieser Roman schon durch seinen Titel hochaktuell. Er spielt allerdings weder in der Gegenwart noch in der Vergangenheit, sondern ist eine Dystopie, wobei sich kaum sagen lässt, wie weit in der Zukunft diese angesiedelt ist. Der technische Fortschritt scheint relativ überschaubar, der gesellschaftliche Wandel jedoch enorm. Autor John Lanchester überlässt es dem Leser, sich zusammenzureimen, was zwischen der Jetztzeit und der Romangegenwart passiert ist, es gibt kaum Einordnung. Zunächst dreht sich sowieso alles ganz und gar um „Die Mauer“.


„Die Mauer“ ist der titelgebende, höchst eintönige Schauplatz des Romans. Sie umschließt ganz Großbritannien, um das Land vor Eindringlingen zu schützen, die schlicht „die Anderen“ genannt werden. Wenn die Küstenwache die Anderen nicht erwischt, sie auch nicht von Drohnen versenkt werden, sondern tatsächlich an Land kommen und sich da der Mauer nähern – dann sind die Verteidiger gefragt. Einer von ihnen ist Ich-Erzähler Joseph Kavanagh. Wie jeder rechtmäßige Bewohner Großbritanniens, der nicht zu einer erhabenen Elite gehört, muss er seinen zweijährigen Pflichtdienst zum Schutz der Insel ableisten und macht dies, wie viele seiner Landsleute, auf der Mauer. Er verbringt viele ereignislose Zwölf-Stunden-Schichten auf seinem Posten, umgeben von Kälte, Beton, Wind, Himmel und Wasser. Dabei ist er hin- und hergerissen zwischen Lethargie und folgendem Wissen: Wenn das Worst-Case-Szenario eintritt und es Andere schaffen, die Mauer zu überwinden, wird die gleiche Anzahl an Verteidigern als Staatenlose auf dem offenen Meer ausgesetzt. Es ist ein unbarmherziges System, das keiner der Protagonisten hinterfragt, denn es ist eine Normalität, an die sich alle komplett gewöhnt haben. Und das ist eine der Erkenntnisse, die „Die Mauer“ ihren Lesern vor Augen führt: Der Mensch kann sich an alles gewöhnen, auch an den Verlust jeglicher Humanität. Autor Lanchester benutzt sogar eine entmenschlichende Sprache, wenn es um „die Anderen“ geht. Im geschilderten System ist alles klar geregelt und wird offen kommuniziert; die Ordnung scheint das Ganze zu legitimieren. Es braucht nicht viel Fantasie, um das Bild von einem sich komplett abschottenden Land und verzweifelten Bootsflüchtlingen auf die Gegenwart zu übertragen.

Die Bürger dieses zum Teil fast postapokalyptisch wirkenden Großbritanniens zeichnen sich größtenteils durch eine fatalistische Grundstimmung aus und sind ganz offensichtlich abgestumpft. Allerdings herrscht ein weitestgehend unausgesprochener Generationenkonflikt zwischen der jungen Generation, die Dienst an der Mauer leisten muss, und den Älteren, die die Welt vor dem alles verändernden „Wandel“ gekannt, ihn aber dennoch zugelassen haben. Auch hier klingeln leise Alarmglocken beim Lesen. Leider spielt die „Täter-“/Elterngeneration nur eine Randrolle, Details und globale Bedeutung des Wandels werden nicht näher ausgeführt. Für die eigentliche Handlung ist dies auch nicht erforderlich, dennoch hätte ich eine größere Ausarbeitung der Dystopie spannend gefunden.

Lanchester hat einen Roman geschrieben, der nicht mehr loslässt, obwohl über weite Strecken nur sehr wenig passiert. Es ist zweifellos eine Kunst, Monotonie auf eine fesselnde Art und Weise darzustellen, und der Autor beherrscht diese perfekt. „Die Mauer“ liest sich erschütternd und eindringlich. Die Anzahl der Protagonisten ist überschaubar, die Handlungsstränge wirken karg, und dennoch geht ein Sog von der Erzählung aus, dem man sich kaum entziehen kann. Der Ich-Erzähler ist in einem Alptraum gefangen, aus dem der Leser am Ende des Romans aufwacht und vielleicht die ein oder andere Erkenntnis gewonnen hat.

Verlag: Klett-Cotta
Seitenzahl: 348
Erscheinungsdatum: 31. Januar 2019
ISBN: 978-3608963915
Preis: 24,00 € (E-Book: 18,99 €)

Ich habe dieses E-Book als Rezensionsexemplar erhalten.

12. Februar 2019

Clare Mackintosh: Deine letzte Lüge

Für diesen Thriller hatte ich mich auf dem Portal „Lesejury“ beworben, weil ich fand, dass er ziemlich vielversprechend klang. Die Autorin ist eine frühere Polizistin, die ihren ersten Beruf nach zwölf Jahren an den Nagel gehängt hat, um sich dem Schreiben zu widmen. Sie hat seitdem schon mehrere Psychothriller verfasst und schien sich also sowohl mit Verbrechen als auch mit dem Verfassen spannender Geschichten auszukennen, weswegen ich doch hohe Erwartungen an ihr Buch hatte. Diese wurden dann leider enttäuscht, aber auch das passiert eben manchmal.


In Clare Mackintoshs „Deine letzte Lüge“ hat die Mittzwanzigerin Anna bereits zu Beginn der Geschichte eine furchtbare Zeit hinter sich: Innerhalb von sieben Monaten hat sie beide Elternteile verloren. Unfassbar: Beide sind offenbar freiwillig aus dem Leben geschieden und haben sich vom Beachy Head, dem höchsten Kreidefelsen Großbritanniens, in den Tod gestürzt. Oder? Am ersten Todestag ihrer Mutter erhält Anna eine geschmacklose Klappkarte, die nur drei Wörter enthält: „Selbstmord? Von wegen.“ Für sie der ultimative Beweis, dass sich zumindest ihre Mutter nicht umgebracht hat. Und an dieser Stelle war ich dann auch schon zum ersten Mal leicht irritiert – da trauert jemand seit 19 Monaten und lässt sich dann von einer anonymen Postsendung in nullkommanix überzeugen, dass alles ganz anders war?
Natürlich muss Protagonistin Anna anfangen, Nachforschungen zu stellen, sonst wäre dieses Buch schon zuende gewesen, bevor es richtig angefangen hätte. Aber ihr Denken und Handeln erschien mir dabei längst nicht immer schlüssig dargestellt und das bleibt meiner Meinung nach eine sich durch das Buch ziehende Schwäche. Viele Charaktere verhalten sich – im Nachhinein meist grundlos – seltsam oder bleiben durchgängig sehr blass, als hätte die Autorin sie bewusst vernachlässigt, um sich mehr Optionen für die weitere Handlungsgestaltung offen zu halten. Eine Ausnahme bildet Murray, ein Polizist im Ruhestand, der als Zivilangestellter weiterhin auf einer Polizeiwache arbeitet und für den Annas Geschichte eine willkommene Ablenkung von der Sorge um seine Ehefrau ist, die unter einer Borderline-Persönlichkeitsstörung leidet. Murray und auch seine Frau hat Mackintosh etwas achtsamer gestaltet, ihr Schicksal berührt, während mir Anna bald vor allem auf die Nerven ging.

Was mich an „Deine letzte Lüge“ zusätzlich gestört hat: Die Autorin versucht mehrmals, ihre Leser auf die falsche Fährte zu locken. Vollkommen legitim bei einem Thriller, könnte man einwenden, aber hier kam mir das Ganze sehr überkonstruiert vor. Zum Teil war die falsche Fährte so nachvollziehbar geschildert, dass die richtige Lösung kaum mithalten konnte. Auch die Auflösung überzeugte mich nicht komplett. Das Buch hat ein paar kaum vorhersehbare Twists, auf das Ende wäre ich von alleine sicher nicht gekommen. Aber über das öfters irritierende Verhalten der Figuren konnte mich das kaum hinwegtrösten. Die Grundidee des Psychothrillers versprach weitaus mehr, als die Autorin dann einlösen konnte. Rückblickend ist die Geschichte dann auch mehr Drama als Thriller und hat mich doch eher unzufrieden zurückgelassen.

Verlag: Bastei Lübbe
Seitenzahl: 464
Erscheinungsdatum: 31. Januar 2019
ISBN: 978-3404177035
Preis: 11,00 € (E-Book: 3,99 €)

Ich habe dieses E-Book als Rezensionsexemplar erhalten.