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18. April 2021

Leïla Slimani: Dann schlaf auch du

Das unvorstellbare Grauen.

Eine Nanny, die ihre Schützlinge ermordet – das klingt albtraumhaft und ist eigentlich kein Thema, über das ich Romane lesen möchte. Für dieses Buch habe ich zum Glück eine Ausnahme gemacht und konnte mich seinem Sog kaum entziehen.


Das Grauen ist auf den ersten Seiten von „Dann schlaf auch du“ bereits passiert: Louise, die „Nounou“ von Kleinkind Mila und Baby Adam, hat das ihr anvertraute Geschwisterpaar umgebracht. Es scheint unfassbar, war sie doch der Glücksfall, die gute Fee, die dem Ehepaar Myriam und Paul ermöglichte, trotz Kindern Karriere zu machen. Die ganz selbstverständlich Überstunden schob, Gäste bekochte, das Haus gemütlich und rein hielt. Die sich bereits nach wenigen Tagen unersetzlich gemacht hatte, nie etwas forderte und nie klagte.
Und ihre Arbeitgeber? Ein junges, ehrgeiziges Paar, das alles richtig machen wollte – auch wenn der Spagat zwischen familiärer Nähe und professioneller Distanz bisweilen seine Tücken hatte.

Die große Frage, die die Lektüre von „Dann schlaf auch du“ von Anfang an begleitet, ist natürlich die nach dem Warum. Leïla Slimani liefert keine einfachen Antworten darauf. Sie schildert stattdessen, wie Myriam und Paul Louise erstmals treffen, sie einstellen und wie das Leben mit Nounou so läuft. Ab und an berichten kurze Kapitel von Louises Leben außerhalb der Altbauwohnung der Familie im 10. Arrondissement von Paris. Hinzu kommen nach und nach kleine Einblicke in die Vergangenheit. Und so baut sich eine untergründige Spannung auf, die kaum zu erfassen und noch schwieriger zu beschreiben ist. Klar ist nur: Es bahnt sich etwas an.

Slimanis Figuren sind komplex. Die Autorin legt ihre Gedanken und Gefühle nicht komplett offen, macht sie aber doch in vielen kurzen Kapiteln hinreichend nahbar. Für mich hätte dieser Roman durchaus länger und ausführlicher sein können, speziell die Perspektive einer nur in Rückblicken auftauchenden Nebenfigur hätte mich sehr interessiert. Dennoch: Als Komposition ist „Dann schlaf auch du“ perfekt. Und hat mich nachhaltiger beeindruckt als so mancher Thriller.

Verlag: Luchterhand
Seitenzahl: 224
Erscheinungsdatum: 21. August 2017
ISBN: 978-3630875545
Preis: 20,00 € (Taschenbuchausgabe: 10,00 €, E-Book: 9,99 €)

7. März 2021

Anne Prettin: Die vier Gezeiten

Schicksalsüberladen.

Dieser Roman handelt von vielen Frauen: Von einer, die in den 1930er Jahren auf Juist aufwächst und miterlebt, wie sich der Nationalsozialismus auf der Nordseeinsel ausbreitet. Von einer, die dort in den 1960er Jahren vier Töchter an der Seite eines Mannes aufzieht, den sie nicht liebt. Von einer, die Ende der 1970er aus Verzweiflung im Watt verschwindet. Und von einer Neuseeländerin, die 2008 auf der Suche nach ihrer leiblichen Mutter nach Juist kommt.


Aber das ist noch nicht alles: Neben weiteren Frauenfiguren gibt es noch einen narzisstischen Familienpatriarchen, Altnazis und Umweltschützer; es ereignen sich gleich mehrere ungeplante Schwangerschaften und die deutsch-deutsche Geschichte spielt auch noch eine Rolle. Ganz schön viel für 480 Seiten! „Die vier Gezeiten“ sind leider so überladen mit Dramen, dass der Roman längst nicht jedem Handlungsstrang gerecht werden kann. Durch eine Fokussierung auf weniger Figuren hätte die Geschichte vermutlich gewonnen. Irritierend fand ich auch die Häufung der Schicksalsschläge innerhalb einer Familie, die aber kaum darüber spricht. Und das ist dann auch mein zweiter Kritikpunkt: Ich fand es nicht stimmig, wie wenig sich die einzelnen, größtenteils miteinander verwandten Protagonisten untereinander austauschen. Sicher kommt es vor, dass Gespräche zwischen Familienmitgliedern an der Oberfläche bleiben, aber hier nimmt es sehr seltsame Züge an; naheliegende Reaktionen bleiben oft aus. Das Verhalten gleich mehrerer Figuren wirkt dadurch etwas bizarr. Autorin Anne Prettin fügt ihre vielen Handlungsstränge zwar am Ende des Romans zusammen, aber auch im Nachhinein wird so längst nicht jede Reaktion auch nur halbwegs schlüssig erklärt.

Komplett überzeugend sind dagegen die Juist-Beschreibungen. Die Inselatmosphäre schwingt überall mit: Sonne, Strand und Sanddorn, Hammersee und Domäne Bill, Flughafen und Inselbahn – alles kommt vor und man fühlt fast, wie einem die Nordseeluft um die Nase streicht. Und so sind „Die vier Gezeiten“ schon ein gedanklicher Ausflug ans Meer, aber eben ein sehr überladener. Prettin hätte ihren vielen Protagonisten ruhig etwas weniger zumuten dürfen.

Verlag: Lübbe
Seitenzahl: 480
Erscheinungsdatum: 26. Februar 2021
ISBN: 978-3785727317
Preis: 22,00 € (E-Book: 14,99 €)

Ich habe dieses E-Book als Rezensionsexemplar erhalten.

3. März 2021

Sharon Bala: Boat People

Wenn die Humanität auf der Strecke bleibt.

Dieser beeindruckende Roman zeigt Kanada als Einwanderungsland. Sharon Bala beschreibt es aus der Perspektive eines tamilischen Flüchtlings, einer Jurastudentin und einer Asyl-Entscheiderin. Der Flüchtling, Mahindran, richtet all seine Hoffnung auf ein neues Leben mit seinem sechsjährigen Sohn Sellian, nachdem ihre komplette Familie im sri-lankischen Bürgerkrieg umgekommen ist. Als sie dann aber 2009 mit 500 anderen Tamilen auf einem verrosteten Frachter in British Columbia ankommen, werden sie getrennt: Während Frauen und Kinder zusammenbleiben, werden die männlichen Flüchtlinge separat in einem leeren Gefängnis untergebracht und warten da auf ihre Anhörungen – monatelang. Sellian kommt zu einer kanadischen Pflegefamilie, die kein Wort Tamil spricht. Seinen Vater sieht er nur noch samstags im Gefängnis.


Die Jurastudentin Priya befasst sich im Rahmen eines Praktikums wider Willen mit dem Fall – eigentlich möchte sie sich auf Körperschaftsrecht spezialisieren, doch ein Senior Counsel der Kanzlei vereinnahmt sie, um die Flüchtlinge auf ihre Anhörungen vorzubereiten. Nicht ganz zufällig, denn Priya hat tamilische Wurzeln. Und dann ist da noch Grace Nakamura, die als Mitglied einer Prüfungskommission darüber entscheidet, ob die Tamilen in Kanada einen Asylantrag stellen dürfen. Sie soll die Schwarzweiß-Maßstäbe einer reichen Industrienation auf die 500 Männer, Frauen und Kinder anwenden, die in Sri Lanka um das nackte Überleben kämpfen mussten und stößt dabei an ihre Grenzen. Und auch privat lässt sie das Thema Einwanderung nicht los: Bei ihrer demenzkranken Mutter kommen Kindheitserinnerungen hoch; Graces Großeltern sind selbst als japanische Flüchtlinge ins Land gekommen.

Balas Geschichte ist universell: Die „Boat People“ könnten aus jedem Krisengebiet stammen und statt Kanada auch ein anderes westliches Land angesteuert haben. Der Roman handelt von Flucht und Vertreibung, Terrorangst und Bürokratie. Bala wertet nur selten; sie zeigt Verständnis für alle Seiten und verdeutlicht dabei still und leise, wie die Humanität auf der Strecke bleibt. Und dass niemand als „Boat People“ geboren wird; dass es keine leichtfertige Entscheidung ist, die Heimat zu verlassen und auf ein marodes Schiff zu steigen. Manchmal liest sich der Roman herzzerreißend, wenn z.B. in Rückblicken erzählt wird, was der Abzug der Vereinten Nationen aus dem tamilischen Rebellengebiet für die Zivilbevölkerung bedeutete. Es gibt aber auch kleine Lichtblicke: Die Mitmenschlichkeit, die man im System vergebens sucht, existiert im Kleinen, Privaten durchaus.
Die „Boat People“ rühren an etwas, vor dem man nur zu gern die Augen verschließt: dem Leid der anderen, die weit weg leben. Sharon Bala bringt den Lesenden das Thema Migration ganz, ganz nah.

Verlag: Mitteldeutscher Verlag
Seitenzahl: 480
Erscheinungsdatum: 7. August 2020
ISBN: 978-3963112690
Preis: 21,99 € (E-Book: 28,00 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

1. Februar 2021

T. C. Boyle: Sprich mit mir

Zwischen Tier und Mensch.

Ich hatte vorher noch nie einen Roman von T. C. Boyle gelesen, aber das hier wird ganz bestimmt nicht mein letzter gewesen sein. In dieser besonderen Geschichte geht es um verschwimmende Grenzen und darum, was möglich ist, was moralisch ist, was das Beste ist – aber auch um Liebe und Vertrauen aus einer gänzlich ungewöhnlichen Perspektive.


Kommunikation ist ebenfalls ein großes Thema, wie der Titel „Sprich mit mir“ schon erahnen lässt. Hauptfigur Sam kann zwar nicht sprechen, sich aber in Zeichensprache verständlich machen sowie zuhören. An und für sich mag das noch nicht so ungewöhnlich sein – doch Sam ist ein Schimpansenkind. Ein 10.000 Dollar-Menschenaffe, der im Rahmen eines Spracherwerb-Forschungsprojekts von Professor Guy Schermerhorn menschlich erzogen wird. Und so wächst Sam in einem kalifornischen Ranchhaus auf, lernt sich mit Menschen zu verständigen, isst Cheeseburger und schläft in einem Bett. Sogar ins Fernsehen schafft er es, als Guy mit ihm in einer Rateshow auftritt. Dadurch erfährt die introvertierte Studentin Aimee von dem Forschungsprojekt und wird kurz darauf von Guy als Hilfskraft eingestellt. Sie und Sam haben sofort eine Verbindung zueinander und schon bald ist die Beziehung zu ihrem Schützling die wichtigste in Aimees Leben. Für Guys Mentor, Dr. Moncrief, ist der Schimpanse jedoch nur eines von vielen teuren Versuchstieren – und sein Eigentum. Und als er beschließt, die Forschung einzustellen und Sam in seinen Schimpansenstall nach Iowa zu holen, stellt das nicht nur dessen Leben auf den Kopf.

Zwei unterschiedliche Perspektiven wechseln sich in diesem Roman kapitelweise ab: Eine menschliche (meist Aimees) und Sams tierische. Die Kapitel aus Sams Sicht sind wesentlich kürzer und handeln von seinen Empfindungen und Bedürfnissen. Die Gedanken des menschlich aufgezogenen Affens erscheinen sowohl tierisch als auch ziemlich gut nachvollziehbar. Ob Mensch oder Schimpanse: T. C. Boyle hat facettenreiche Charaktere erschaffen, die aus sehr unterschiedlichen Motivationen handeln und dabei durch und durch authentisch wirken. Manche Episoden greift „Sprich mit mir“ zwei- oder sogar dreimal auf; aus Sams sowie aus Aimees und/oder Guys Perspektive. Langeweile kommt dabei nicht auf, denn die unterschiedlichen Bewertungen von Situationen lesen sich spannend. Und nicht nur Aimee und Guy sinnieren ab und an, was Forschung kann und Forschung darf – auch als Leserin habe ich mir diese Frage immer wieder gestellt. Denn Sam ist zwar kein Mensch, doch auch mit seinen Artgenossen hat er nicht mehr viel gemein. Ist das gut für ihn? Bis zum Schluss habe ich mit ihm und Aimee mitgefiebert und konnte den Roman kaum mehr aus der Hand legen.

Vor einigen Tagen fand die Buchpremiere statt, wie so vieles in diesen Tagen virtuell; aber so lässt sie sich jederzeit auf dem heimischen Sofa anschauen. Die Radioeins-Aufzeichnung ist hier zu finden.

Verlag: Hanser
Seitenzahl: 352
Erscheinungsdatum: 25. Januar 2021
ISBN: 978-3446269156
Preis: 25,00 € (E-Book: 18,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

26. Januar 2021

Amelie Fried: Die Spur des Schweigens

Gute Plotidee mäßig umgesetzt.

Dieser Roman hat es in sich: Es geht um MeToo in der Wissenschaft, eine Familientragödie und nicht zuletzt den Umgang mit Traumata und Krankheit. Große Themen, aus denen man einen echten Pageturner machen könnte. Leider ist Amelie Frieds „Die Spur des Schweigens“ jedoch keiner.


Die 39-jährige Julia Feldmann arbeitet als freie Journalistin und schlägt sich damit mehr schlecht als recht durch. Sie ist Single und hat spätestens seit dem spurlosen Verschwinden ihres Bruders vor 12 Jahren einen ausgeprägten Hang zu selbstzerstörerischen Neigungen. Als sie den Auftrag für eine potentielle „MeToo“-Geschichte erhält, ist sie zunächst wenig begeistert, merkt jedoch schnell, dass sie einem Skandal auf der Spur ist. Doch ihre Recherchen gefallen nicht jedem und auch privat wird ihr Leben immer turbulenter.

Leider fand ich einige Entwicklungen in diesem Roman einfach unglaubwürdig. Da fällt z.B. dem ehemaligen Mitbewohner des verschollenen Bruders spontan ein, dass er ja noch zwei Kisten mit dessen Sachen im Keller hat – nach 12 Jahren. Während die Polizei nach dem Vermissten suchte, kam offensichtlich niemand auf die Idee, nachzuschauen, was der denn so hinterlassen hatte.
Es gibt einige solcher Passagen, die zu unvorhersehbaren Wendungen führen, dabei jedoch ziemlich an den Haaren herbeigezogen erscheinen. Im letzten Viertel der Geschichte hat die Autorin außerdem ein paar praktische Zeitsprünge eingebaut, die ihr erlauben, Entwicklungen nicht mehr schildern zu müssen, was die aufeinanderfolgenden Ereignisse allerdings nicht plausibler macht. Eine zweite Perspektive, die der allwissende Erzähler in unregelmäßigen Abständen teilt, war so naiv, dass ich es stellenweise schwer erträglich fand. Das melodramatische Ende tat sein Übriges.

Mein Fazit: Hier wurde eine an und für sich vielversprechende Plotidee äußerst mäßig umgesetzt. Ich hätte diesem Roman wesentlich mehr zugetraut.

Verlag: Heyne
Seitenzahl: 496
Erscheinungsdatum: 31. August 2020
ISBN: 978-3453270480
Preis: 22,00 € (E-Book: 12,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

12. Januar 2021

Delia Owens: Der Gesang der Flusskrebse

Wiedersehen mit Delia Owens.

Vor einiger Zeit habe ich schon einmal ein Buch der amerikanischen Zoologin Delia Owens gelesen; allerdings keinen Roman, sondern einen autobiographischen Bericht über die Feldstudien, die sie von Mitte der 1970er bis Anfang der 1980er Jahre mit ihrem Mann Mark in Botswana durchgeführt hat – „Cry of the Kalahari“. Das Deception Valley im Central Kalahari Game Reserve, wo die beiden gecampt und das Verhalten von u.a. Löwen und Hyänen erforscht haben, ist ein unwirtlicher Ort. Sowohl das nächste Dorf als auch der Zugang zu Wasser waren damals eine mehrstündige Autofahrt entfernt. Es gab keine Kommunikationsmittel, mit denen das Ehepaar im Notfall einen Hilferuf hätten absetzen können. Dass die beiden ihr mehrjähriges Abenteuer unbeschadet überstanden haben, erscheint mir nach wie vor wie ein Wunder. Umso mehr habe ich mich gefreut, als die mittlerweile 71-jährige Owens 2019 plötzlich mit einem Belletristik-Bestseller wiederauftauchte.


In ihrem ersten Roman „Der Gesang der Flusskrebse“ beschreibt die Autorin das Marschland von North Carolina, das so ungefähr das Gegenteil der Kalahari ist: sumpfig, in Meeresnähe, voller Fische, Libellen und Vögel. Wasser gibt es im Überfluss, doch sonst fehlt es der Protagonistin Kya an fast allem: Als das Mädchen sechs Jahre alt ist, verlässt ihre Mutter die Familie und die wesentlich älteren Geschwister folgen ihr bald. Nur die kleine Kya bleibt mit ihrem Vater zurück, einem jähzornigen Säufer, der oft tagelang verschwindet. Das Kind lernt sehr schnell, kärgste Mahlzeiten zuzubereiten und sich ansonsten unsichtbar zu machen. Die Schule besucht sie nur einen einzigen Tag, ihre Freunde sind die Möwen und so wächst sie zu einer extrem menschenscheuen jungen Frau heran. Umso mehr erstaunt es, dass sie mit Anfang zwanzig einen der begehrtesten Männer aus dem nächstgelegenen Dorf umgebracht haben soll. Kann an dem Verdacht etwas dran sein – oder ist die als „Marschmädchen“ bekannte Einsiedlerin einfach ein willkommener Sündenbock?

Kya lebt in enger Verbindung zu Flora und Fauna und beobachtet diese aufs Aufmerksamste. Das Studium von Tieren und Insekten hilft ihr, die Verhaltensweisen der Menschen besser zu verstehen, doch auch für die Schönheit selbst kleinster Lebewesen hat sie ein besonderes Auge. Dass Delia Owens die Faszination der Natur immer wieder zum Thema macht, wundert nicht; hat sie doch selbst lange Jahre damit verbracht, ihre Umgebung zu studieren. Ihre Naturbeschreibungen spiegeln ihre eigene Begeisterung wider, überdies ist ihr Einsamkeit nicht fremd. Owens fühlt sich in Kyas Isolation ganz und gar ein, schildert aber auch deren Sehnsucht nach anderen Menschen stimmig.
Die Geschichte des Mädchens erzählt die Autorin mit Hilfe von zwei Handlungssträngen, die sich schließlich treffen: Im einen wird Kyas Aufwachsen chronologisch geschildert, im anderen rätseln der Sherriff und sein Deputy, wer Dorfschwarm Chase Andrews umgebracht hat. Und so bilden die beiden Stränge eine Schlinge, die sich immer weiter um Kya zuzieht. Die bewusste Ausgrenzung eines kleinen, mutterlosen Mädchens, das sich jahrelang nach Familie, Freunden und Bildung sehnt, fand ich stellenweise sehr traurig zu lesen; es wurde besser, als die Protagonistin älter war. Delia Owens ist ein sehr eindrückliches Porträt einer Außenseiterin gelungen, das letzte Drittel liest sich außerdem wie ein spannender Krimi. Am 25.01. erscheint "Der Gesang der Flusskrebse" übrigens im Taschenbuch.

Verlag: Hanser
Seitenzahl: 464
Erscheinungsdatum: 22. Juli 2019
ISBN: 978-3446264199
Preis: 22,00 € (E-Book: 16,99 €)

17. Oktober 2020

Amity Gaige: Unter uns das Meer

Psychogramm einer Ehe.

„Niemand hätte jemals den Ozean überquert, wenn er die Möglichkeit gehabt hätte, bei Sturm das Schiff zu verlassen.“ – dieses Zitat des Erfinders Charles F. Kettering würde die Hauptfigur dieses Buches sicher unterschreiben. Juliet und ihre Familie segeln im eigenen Boot auf dem Karibischen Meer und haben dabei nicht nur mit Unwettern zu kämpfen.

Davon berichtet „Unter uns das Meer“, der neue Roman der amerikanischen Autorin Amity Gaige. Er ist größtenteils aus zwei Perspektiven erzählt, die durch ein unterschiedliches Schriftbild geschickt voneinander abgegrenzt sind. Die beiden Protagonisten sind ein Ehepaar, das seinen mehrmonatigen Segeltörn mit zwei kleinen Kindern schildert. Der Mann, Michael, ist die treibende Kraft dahinter, seine Frau Juliet hat irgendwann nachgegeben und so steuern sie ihre Familie schließlich in einem Boot über das Karibische Meer. Doch vor Problemen lässt sich nicht davonsegeln, und Probleme haben Michael und Juliet jede Menge – miteinander, mit anderen und mit sich selbst; beide schleppen unverarbeiteten, zum Teil nie ausgesprochenen Ballast mit sich herum. Immer wieder wird außerdem deutlich, dass es Juliet in der Romangegenwart absolut nicht gut geht. Sie sitzt in einem Schrank, während sie ihren Part der Geschichte erzählt. In Michaels Schrank. Michael dagegen schildert seine Gedanken im Logbuch des Schiffes. Die Diskrepanz zwischen den beiden Perspektiven erzeugt eine unterschwellige Spannung, die Sogwirkung entwickelt. Wie das Segelboot der beiden steuert die Geschichte auf etwas zu, aber Autorin Amity Gaige lässt die Lesenden lange im Unklaren darüber, wohin die Reise geht.

Und so navigiert sie mit sicherer Hand zwischen Drama, Abenteuerroman, Familiengeschichte und Psychogramm einer Ehe hin und her. Es geht um den Wunsch nach Freiheit und Selbstbestimmung, aber auch um den Umgang mit Ängsten und Traumata. Verschiedenste zwischenmenschliche Untiefen werden nach und nach gnadenlos ausgeleuchtet. Und immer wieder fordert das Meer volle Aufmerksamkeit und nimmt dabei keinerlei Rücksicht auf die Befindlichkeiten der Protagonisten. Ein ungewöhnlicher Roman, bei dem mir sehr lange nicht klar war, worauf er hinausläuft, der mich aber trotzdem (oder gerade deswegen?) gefesselt hat. Intelligent geschrieben und packend erzählt.

Verlag: Eichborn
Seitenzahl: 384
Erscheinungsdatum: 30. September 2020
ISBN: 978-3847900511
Preis: 22,00 € (E-Book: 16,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

13. September 2020

Lauren Wilkinson: American Spy

Wenn die Vergangenheit Dich einholt. 

Als “a whole lot more than just a spy thriller” hat Barack Obama dieses Buch beschrieben, das er außerdem auf seiner „Summer Reading List“ 2019 genannt hat. Diese prominente Empfehlung, das toll gestaltete Cover und nicht zuletzt natürlich der Klappentext haben mich neugierig gemacht.

Lauren Wilkinsons Debüt „American Spy“ beginnt mit einer Actionszene: Wir schreiben das Jahr 1992 und die alleinerziehende Marie Mitchell wird in ihrer Wohnung in Conneticut von einem Mann überfallen, den sie überwältigen und töten kann. Denn Mitchell ist kein leichtes Opfer, sondern eine frühere FBI-Agentin. Mit ihren beiden Söhnen und gefälschten Pässen flieht sie zu ihrer Mutter nach Martinique. Dort schreibt sie nach und nach ihre Lebensgeschichte auf und versucht gleichzeitig, Vorkehrungen für ihre Zukunft zu treffen, denn sie muss fürchten, dass dies nicht der letzte Anschlag auf ihr Leben war.

Wilkinsons Protagonistin ist keine strahlende Heldin, kein Bond-Girl mit der Lizenz zum Töten in einer „Mission Impossible“. 1955 geboren, hat sie eine durchwachsene Kindheit, die mit einem furchtbaren Verlust endet. Als Beste ihres Abschlussjahrgangs ergattert sie einen Job beim FBI, muss aber bald feststellen, dass Erfolg und Anerkennung weißen Männern vorbehalten sind. 1987 scheint ein Spezialauftrag ihre Chance zu sein, sich zu beweisen. Doch selbst in den davon handelnden Kapiteln ist Wilkinson weit davon entfernt, das Leben einer Spionin zu glorifizieren oder auch nur als besonders aufregend dazustellen: Wilde Verfolgungsjagden sind selten, Wartezeiten und Botengänge deutlich häufiger.

„American Spy“ handelt dann auch gar nicht hauptsächlich von Auftragskillern und Attentaten, sondern davon, in den 60er und 70er Jahren in Queens aufzuwachsen. Von der Bedrohung des Kalten Krieges, die Kindern schon in der Schule eingeimpft wurde. Davon, was es hieß, in den 1980er Jahren gleich doppelte Außenseiterin beim FBI zu sein: als Frau und als Schwarze. Und davon, wie ein westafrikanisches Land zum Spielball der Weltmächte wird – und eine Agentin zum Spielball ihrer Auftraggeber.

Im besten Fall eröffnen Bücher einem neue Welten und dieses ist so eines. Wer einen hochspannenden Spionagethriller erwartet, wird von „American Spy“ vielleicht sogar enttäuscht sein. Mich hat dieses Buch allerdings nachhaltig beeindruckt.

Verlag: Tropen
Seitenzahl: 368
Erscheinungsdatum: 25. Juli 2020
ISBN: 978-3608504644
Preis: 16,00 € (E-Book: 12,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

31. Juli 2020

Frank Goldammer: Zwei fremde Leben

Bedrückendes Thema, packend erzählt.

Ich habe neulich schon mal einen Roman gelesen, der das Thema staatlich organisierter Kindesentzug in der DDR streifte. Allerdings war das eine Schmonzette, die inhaltlich viel zu viel wollte. Von diesem Buch erhoffte ich mir eine etwas ausführlichere und differenzierte Darstellung – und habe die im Großen und Ganzen auch bekommen.


Frank Goldammer erzählt in „Zwei fremde Leben“ die Geschichte zweier Frauen: Ricarda, noch keine 20 Jahre alt, bekommt 1973 ihr erstes Kind in einem Dresdener Frauenklinikum. Obwohl sie eine problemlose Schwangerschaft hatte und die Wehen pünktlich am errechneten Stichtag einsetzen, läuft die Geburt fürchterlich schief und ihr Baby kommt tot zur Welt – behauptet zumindest das Krankenhauspersonal. Ricarda darf ihr Neugeborenes noch nicht mal sehen. Von nun an bestimmt dieses Trauma ihr Leben, sowie nagende Zweifel, ob man ihr wirklich die Wahrheit gesagt hat. Denn vielleicht lebt ihr Kind ja doch noch?
Die 16-jährige Claudia erfährt dagegen 1989 eine Wahrheit, die ihr Leben verändert: Sie ist nicht die leibliche Tochter der linientreuen Funktionäre, die sie aufgezogen haben. Doch wer ist sie dann – und wie kann sie das herausfinden, wenn alle schweigen?

Nach den ersten paar Kapiteln hatte ich die Befürchtung, dass dieser Roman doch etwas vorhersehbar sein könnte. Überdies kamen mir die Personen ziemlich holzschnittartig vor: Da gab es die sympathischen, mitfühlenden Regelbrecher und die herzlosen Parteisoldaten – letztere natürlich immer am längeren Hebel. Doch „Zwei fremde Leben“ überraschte mich positiv. Es ist dann doch nicht alles so einfach, wie es anfangs scheint, und einige Figuren sind viel komplexer angelegt als erwartet. Zeit- und Perspektivsprünge tragen dazu bei, dass sich der Roman sehr abwechslungsreich liest. Dem Autor gelingt es außerdem bestens, die Verzweiflung und Hilflosigkeit der beiden weiblichen Hauptfiguren einzufangen. Wie sie sich Autoritäten ausgeliefert fühlen, liest sich nachvollziehbar und beklemmend. Man bekommt einen Eindruck, was es bedeutet, wenn man in einem totalitären Staat nicht wie gewünscht funktioniert und es nicht schafft, unter dem Radar zu bleiben.
Aber auch die Wende lässt Goldammer nicht unkommentiert und für viele seiner Figuren ist sie nicht der erhoffte Heilsbringer. Die Handlung zieht sich bis ins Jahr 2018. Ricardas deutsch-deutsches Leben begleiten die Lesenden so über fast fünf Jahrzehnte; ihre Darstellung hat mich dann auch am meisten überzeugt.

Sicher ist kein Zwangsadoptionsschicksal wie das andere. „Zwei fremde Leben“ nähert sich dem Thema von verschiedenen Seiten und geht dabei behutsamer vor, als der Anfang vermuten lässt. Ich war positiv überrascht.

Verlag: dtv
Seitenzahl: 400
Erscheinungsdatum: 24. Juli 2020
ISBN: 978-3423262552
Preis: 16,90 € (E-Book: 14,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

9. Juli 2020

Zoë Beck: Paradise City

Gläserne Zukunft.

Schon der Klappentext dieses Thrillers löst ein leichtes Gruseln aus: „Deutschland in der Zukunft. Die Küsten sind überschwemmt, die großen Pandemien überstanden, weite Teile des Landes sind entvölkert (…)“ … und dann spielt auch noch eine staatliche Gesundheits-App eine Rolle, deren Gemeinsamkeiten mit der Corona-App allerdings schon nach dem Wort „App“ enden.


„Paradise City“ mutet nur auf den ersten Blick erschreckend aktuell an, wartet aber dennoch mit zeitgemäßen Themen auf: Staatliche Kontrolle, Überwachung und Big Data im Gesundheitswesen bilden den Rahmen von Zoë Becks neuester Dystopie. Hauptfigur Liina wohnt in der Verwaltungseinheit Frankfurt, einer 10 Millionen Megacity, die gleichzeitig deutscher Regierungssitz ist. Vom Nahverkehr bis hin zum Grundeinkommen ist alles optimiert, nicht zuletzt der Mensch, der durch die Gesundheits-App KOS komplett überwacht wird, natürlich zu seinem eigenen Besten. KOS überwacht Vitalwerte, analysiert Blut- und Urinproben, verschreibt Medikamente und organisiert auch gleich ihre Lieferung per Drohne. Die App mahnt zu ausreichendem Schlaf, gesunder Ernährung und Sport und ruft, wenn nötig, auch eigenständig einen Krankenwagen. Liinas Chef, Mitinhaber einer der letzten nichtstaatlichen Nachrichtenagenturen, kann sie allerdings nicht mehr helfen: Er stürzt vor eine Bahn, während die Investigativjournalistin, mit der er zusammengearbeitet hat, ermordet wird. Kann das ein Zufall sein?

Ich mag Dystopien, die noch einen gewissen Bezug zur Realität haben und „Paradise City“ gehört ganz klar in diese Kategorie. Beck erklärt zwar nicht im Detail, welche Entwicklungen zu der beschriebenen Zukunft geführt haben, streut aber immer wieder kleine Erklärungen ein. Das liest sich gut. Auch die Handlung beginnt recht vielversprechend und thematisiert komplexe Trade-offs: Exzellente Versorgung und Wohlstand versus Freiheit – was ist größtmögliche Bequemlichkeit wert? Wieso keinem Algorithmus das Denken überlassen, wenn der doch viel schlauer ist – und zudem streng darauf programmiert, nur das Beste für Individuum und Gesellschaft zu wollen? Und was ist eigentlich objektiv das Beste?

Die Handlung enthält verschiedene Perspektiven auf diese Konflikte. Allerdings fand ich enttäuschend, dass ich weder an Liina noch an die anderen Figuren so dicht ran kam, dass ich mit ihnen gezittert oder gelitten hätte. Geschilderte Emotionen waren zwar nachvollziehbar, der Funke sprang aber einfach nicht über; da blieb immer eine gewisse Distanz. Und am Ende von „Paradise City“ fallen den Protagonisten jede Menge Erkenntnisse einfach so in den Schoß. 100 Seiten mehr hätten dem Ganzen vielleicht gutgetan – die Geschichte hätte sich langsamer aufbauen und glaubwürdiger entwickeln können, eventuell wären dann auch die Figuren greifbarer geworden. Dennoch: Die Grundidee ist spannend. Letztendlich geht es auch hier um die Frage, in welcher Gesellschaft wir eigentlich leben wollen und um was es sich zu kämpfen lohnt.

Verlag: Suhrkamp
Seitenzahl: 280
Erscheinungsdatum: 12. Juli 2020
ISBN: 978-3518470558
Preis: 16,00 € (E-Book: 13,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

20. Juni 2020

Corina Bomann: Die Sturmrose

Überladen und doch platt.

Auf Rügen im Urlaub sein und währenddessen einen auf Rügen spielenden Roman lesen – die Idee hat mir gefallen. Dieses Buch war jedoch trotz Binz-, Sassnitz- und Ostsee-Flair ein Missgriff; völlig überladen mit dramatischen Geschichten, die in seltsamem Kontrast zu den platten Dialogen standen. Schade!


Corina Bomanns Roman „Die Sturmrose“ handelt von der Werbefachfrau Annabel Hansen, die mit ihrer fünfjährigen Tochter Leonie nach Binz zieht, weil sie auf Rügen ein neues Leben beginnen will. Nachdem die beiden ihr Traumhaus bezogen haben, entdeckt Annabel im Sassnitzer Hafen auch noch ihr Traumschiff: die titelgebende „Sturmrose“, einen alten Kutter, der demnächst versteigert wird. Für Annabel ist es Liebe auf den ersten Blick, doch schnell stellt sich heraus, dass sie einen äußerst entschlossenen Mitbieter hat. Christian Merten trägt einige Geheimnisse mit sich herum, doch auch die „Sturmrose“ hat eine bewegtere Geschichte hinter sich, als Annabel ahnt.

Als Ich-Erzählerin lässt Annabel die Lesenden an jedem kleinsten Gedanken, jeder aufkeimenden Gefühlsregung teilhaben. Ich habe mir oft gewünscht, dass dem nicht so wäre, bewegt sich doch alles eher auf Soap-Niveau. Besonders fiel das auf, als drei andere Charaktere kapitelweise zu Wort kamen und ihre Geschichte erzählten: Der Stil blieb stets der gleiche, Gedanken und Dialoge waren einfach platt und so wirkten diese anderen Protagonisten ähnlich naiv wie die Hauptfigur, was mich beim Lesen doch ziemlich störte.

Insgesamt scheinen komplexe Charaktere nicht Bomannns Sache zu sein; es gibt viel Gut, etwas Böse und kaum Schattierungen. Der schmierige Ex-Stasi-Mitarbeiter, der verantwortungslose Exmann, die überaus patente Adoptivmutter und die so goldige wie pflegeleichte Fünfjährige – alle wirkten wie aus dem Bilderbuch. Und auch die Handlung mit ihren dramatischen Wendungen und ein paar unglaubwürdigen Zufällen überzeugte mich nicht, da wurde einfach viel zu viel zwischen die Buchdeckel gepresst: deutsch-deutsche Geschichte, Republikflucht, Adoption, Trennungsdrama, Liebesgeschichte, Schiff-Restaurierung … weniger wäre hier mehr gewesen, auf allen Ebenen. „Die Sturmrose“ konnte mich leider so gar nicht überzeugen.

Verlag: Ullstein
Seitenzahl: 560
Erscheinungsdatum: 6. März 2015
ISBN: 978-3548286686
Preis: 11,00 € (E-Book: 8,99 €)

21. Mai 2020

Basma Abdel Aziz: Das Tor

Über das Ausgeliefertsein.

Ich hatte hohe Erwartungen an diesen Roman, der laut New York Times „in einem Atemzug mit großen Klassikern wie George Orwells 1984 und Franz Kafkas Der Prozess genannt werden [muss]“. Er wird außerdem als „erste große Dystopie einer arabischen Autorin“ beworben. Diese kommt aus Kairo – habe ich überhaupt schon einmal einen Roman einer ägyptischen Autorin gelesen? Ich war mehr als neugierig.


Basma Abdel Aziz‘ „Das Tor“ spielt allem Anschein nach in Ägypten; namentlich werden jedoch weder das Land noch die Stadt, die Handlungsort ist, genannt. Letztendlich konzentriert sich alles auf das titelgebende Tor, das die staatliche Autorität verkörpert, die die Freiheiten der Bürger immer weiter einschränkt, dabei jedoch stets auf Distanz bleibt. „Das Tor“ steht nicht explizit für einen Machthaber, eine Regierung, eine Exekutive – es steht für sich. Und viele stehen vor ihm: Menschen, die Bescheinigungen benötigen, Anträge stellen oder Sachverhalte klären wollen, bilden eine Schlange – „The Queue“, wie das Buch in der englischen Übersetzung heißt. Sie warten geduldig, dass das Tor sich öffnet und sie ihr Anliegen vortragen können. Doch das Tor öffnet sich nicht und die Schlange wächst.

In der Warteschlange entsteht ein Mikrokosmos. Die Menschen freunden sich an und streiten sich; sie beginnen, sich gegenseitig mit Informationen zu versorgen und untereinander zu handeln. Einige predigen, denn auch die Religion spielt in diesem totalitären Staat eine große Rolle.
Die Anliegen, die die Menschen zum Tor geführt haben, sind ganz unterschiedlicher Art. Eine Lehrerin hat den Aufsatz einer Schülerin zu sehr gelobt – offensichtlich ein Fehler, doch über den Inhalt des Aufsatzes erfährt man nichts. Nun benötigt sie eine Unbedenklichkeitsbescheinigung, um ihren Beruf weiter ausüben zu können. Ein Mann fordert Gerechtigkeit, besser noch eine Ehrung und finanzielle Anerkennung für seinen im Staatsdienst verstorbenen Cousin. Und dann ist da noch Yahya, der während Ausschreitungen eine Schussverletzung abbekommen hat. Die Operation in einem der städtischen Krankenhäuser darf nur durchgeführt werden, wenn eine Bestätigung des Tors vorliegt. Und so wartet Yahya, während die Kugel in seinem Körper mehr und mehr Schaden anrichtet.

Was Abdel Aziz hervorragend schafft: ihren Lesern den Wahnsinn des totalitären Staats vor Augen zu führen, der seine Bürger mehr und mehr kontrolliert und nach und nach alle Bereiche ihres Lebens einschränkt. Die Autorin packt die dreistesten Erlasse in Nebensätze und schafft es so, dass man sich auch als Leser ohnmächtig fühlt. Alles was zählt, ist das Tor – das macht die Lektüre sperrig und auch etwas zäh, doch gleichzeitig ist es ein gelungener Kunstgriff, auch die Leser auf die Öffnung des Tors warten zu lassen. Das Warten bestimmt die Lektüre und das ganze Sein der Protagonisten – doch diese bleiben leider blass. Ihrem Werdegang, ihren Familien, ihren Hoffnungen und Wünschen wird kaum Raum gegeben, dabei hätte das den Roman deutlich abwechslungsreicher gestalten können. Aber vielleicht wollte die Autorin gerade das vermeiden, denn so teilt man nur das Gefühl des lethargischen Wartens mit den Figuren und bleibt wie sie auf das Tor konzentriert.

Insgesamt hat „Das Tor“ mich wenig berührt, aber dennoch erschreckt. Abdel Aziz illustriert anschaulich, was es bedeutet, einem totalitären Staat ausgeliefert zu sein. Die Lektüre ihres Buches fesselt nicht unbedingt und rüttelt nicht auf; dazu sind die Geschehnisse und Protagonisten nicht lebendig genug beschrieben. Doch die Ohnmacht der Figuren wird durchaus greifbar und macht die Lektüre dann doch auf eine bedrückende Weise beeindruckend.

Verlag: Heyne
Seitenzahl: 288
Erscheinungsdatum: 13. April 2020
ISBN: 978-3453320468
Preis: 14,99 € (E-Book: 11,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

6. Mai 2020

Adeline Dieudonné: Das wirkliche Leben

Wilder Ritt in bedrohlicher Atmosphäre.

Dieses Romandebüt stand laut Klappentext „monatelang auf der französischen Bestsellerliste, wurde mit 14 Literaturpreisen ausgezeichnet und wird in 20 Sprachen übersetzt“. Wow! Und trotzdem war ich mir zunächst unsicher, ob ich es wirklich lesen will. Coming-of-Age-Geschichten mag ich, aber diese hier klang düster. Und schon das Cover mit Krakelschrift, springendem Hasen und grellem Pink macht deutlich, dass dieses Buch keine Wohlfühllektüre ist.


Adeline Dieudonné hat in „Das wirkliche Leben“ eine namenlose Heldin erschaffen, die ich nicht so schnell vergessen werde. Das Mädchen ist zu Beginn des Romans erst 10 Jahre alt. Sie wohnt mit ihren Eltern, ihrem vier Jahre jüngeren Bruder Gilles und einigen Haustieren in einem Einfamilienhaus in einer grauen Siedlung. Von außen mag alles normal wirken, doch der Schein trügt: Der Vater, ein passionierter Trophäenjäger, tyrannisiert seine Familie und verprügelt seine Frau. Deren einziges Glück scheinen die Tiere zu sein; die beiden Kinder bleiben weitestgehend sich selbst überlassen. Das Mädchen liebt seinen kleinen Bruder sehr, doch dann passiert etwas, das ihn von ihr wegtreibt. Gegen alle Widerstände beginnt die Protagonistin, um Gilles zu kämpfen.

Die Belgierin Dieudonné erzählt die brutalen Geschehnisse knapp und präzise aus Sicht ihrer einsamen, zerbrechlichen und doch starken Heldin. Der nur 240 Seiten umfassende Roman deckt dabei die sich zuspitzenden Ereignisse von vier oder fünf Jahren ab. Es gibt durchaus auch ein paar ruhigere Passagen, doch insgesamt liest sich die Coming-of-Age-Geschichte wie eine Hetzjagd: Die unterschwellige Bedrohung, der das Mädchen in seinem Zuhause von Anfang an ausgesetzt ist, ist omnipräsent – und nimmt mehr und mehr zu. Die Ich-Erzählerin bleibt stets wachsam, was sich auf mich als Leserin komplett übertragen hat und mich zunehmend nervös werden ließ. Und obwohl das Ganze sehr packend erzählt ist, musste ich „Das wirkliche Leben“ ab und an beiseitelegen, weil ich es stellenweise kaum ertragen konnte – doch gleichzeitig wollte ich diese ungewöhnliche Protagonistin, die mehr schultert, als es irgendeine Heranwachsende sollte, nicht alleine lassen. „Das wirkliche Leben“ geht unter die Haut. Letztlich ist es kein Roman über vernachlässigte Kinder in einem dysfunktionalen Elternhaus, sondern die Geschichte eines atemlosen Kampfes um eine Zukunft, für ein besseres Leben; für den Menschen, den man liebt. Ein verstörender Roman, der gleichzeitig Hoffnung macht.

Verlag: dtv
Seitenzahl: 240
Erscheinungsdatum: 24. April 2020
ISBN: 978-3423282130
Preis: 18,00 € (E-Book: 14,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

23. April 2020

Timur Vermes: Die Hungrigen und die Satten

Grotesk, furchtbar und gleichzeitig brillant.

Wie viele andere habe ich vor Jahren „Er ist wieder da“ gelesen und war begeistert. Ich stelle es mir schwierig vor, nach so einem Erfolg einen zweiten Roman nachzulegen – mit dem ersten Buch als Messlatte. Timur Vermes ist es aber gelungen, eine weitere zynische, aufrüttelnde und irgendwie auch geniale Satire zu schreiben, die gegenüber seinem Bestseller keineswegs abfällt.


„Die Hungrigen und die Satten“ spielt zu großen Teilen in Afrika, dem „Land der Tiger und Marabus“ – oder waren es doch Marlboros? Schon das Zitat lässt ahnen, wohin die Reise geht – nämlich dahin, wo es sehr, sehr weh tut. Autor Timur Vermes ist hauptberuflich Journalist für Boulevardzeitungen und scheint sich mit Medien generell bestens auszukennen. Er karikiert das Reality-Fernsehen aufs Übelste: Die strunzdumme, aber erfolgreiche Moderatorin Nadeche Hackenbusch soll im Rahmen einer mehrteiligen Sendung ein großes Flüchtlingslager besuchen, in dem über zwei Millionen Menschen leben, irgendwo in Zentralafrika, fernab jeder größeren Stadt. Die Idee ist simpel: Der Culture Clash soll medial ausgeschlachtet werden, denn: „Es ist nicht das Leben, das die besten Geschichten schreibt, es ist das Fernsehen.“ Hackenbuschs Aufgabe als „Engel im Elend“ sieht unter anderem vor, eine Modenschau mit Flüchtlingsfrauen zu organisieren und werbewirksam Push-up-BHs ihrer eigenen Marke zu verschenken. Das Format startet sehr erfolgreich und die Quoten gehen steil nach oben – während die Moderatorin ihrem Sender mehr und mehr entgleitet. Und nach drei Wochen täglichem Reality-TV ist klar: Die Show geht nicht planmäßig zu Ende, sondern hat gerade erst angefangen. Hackenbusch tritt zwar die Heimreise an, wählt dafür jedoch den Fußweg und hat neben den auf sie gerichteten Kameras auch noch 150.000 Flüchtlinge im Schlepptau. Mit 15 Kilometern pro Tag bewegt sich der Treck langsam, aber stetig, Richtung Europa. Und in Deutschland, dem Ziel der Menschen, werden verschiedene TV-Leute, Politiker und Bürger zunehmend nervös …

Kurz gesagt: Der Plot dieses Romans ist irre – und wahnsinnig gut durchdacht. Die Logistik des Ganzen malt Vermes seinen Lesern so einfach wie überzeugend aus. Einige seiner Protagonisten sind komplett überzeichnete Klischees – doch dann überrascht er auch wieder, zum Beispiel mit der unsäglichen Hackenbusch. Diese hat zwar den IQ eines Kastenbrots, entwickelt aber dennoch eine innere Haltung. Die sie begleitende Frauenzeitschriftenredakteurin Astrid von Roëll schwankt dagegen nonstop zwischen Selbstmitleid und Größenwahn, während sie ihre schwer zu ertragenden Schmalzgeschichten verfasst. Eine Hauptfigur ist ein namenloser Flüchtling, der gecastet und instrumentalisiert über sich hinauswächst und dabei eigentlich immer nur eine Perspektive jenseits des Flüchtlingslagers wollte. Und einer der wenigen Sympathieträger des Romans ist ausgerechnet ein CSU-Innenminister. Vermes macht es seinen Lesern ganz und gar nicht leicht.

„Die Hungrigen und die Satten“ ist eine Mediensatire, die ein komplett entseeltes Bild von Privatfernsehen und Boulevardjournalismus zeichnet, aber auch eine satte Wohlstandsgesellschaft mit komplettem Empathieverlust karikiert. Zum einen ist der Roman natürlich total überspitzt, zum anderen immer so nah an der Realität und mit derart vielen Bezügen zu ihr, dass einem das Lachen im Halse stecken bleibt. Absolute Empfehlung!
Gerade der heutige Welttag des Buches eignet sich übrigens wunderbar zum Kauf neuer Lektüre :-)

Verlag: Eichborn
Seitenzahl: 512
Erscheinungsdatum: 27. August 2018
ISBN: 978-3847906605
Preis: 22,00 € (E-Book: 9,99 €; ich habe die gebundene Ausgabe gelesen, der Roman ist aber am 31. Okober 2019 auch schon im Taschenbuch für 12,90 € erschienen.)

29. März 2020

Anna Hope: Was wir sind

Wenn nichts bleibt, wie es war.

In den ersten Kapiteln dieses Romans fällt folgender Satz: „Du solltest an Deinen Freundschaften festhalten […]. An den Frauen. Am Ende werden nur sie für Dich da sein.“ Doch das Festhalten an Freundschaften, auch oder gerade langjährigen Freundschaften, ist nicht immer einfach. Meist freundet man sich während einer ähnlichen Lebenssituation an, wenn man in räumlicher Nähe zueinander wohnt und zumindest teilweise ähnliche Interessen verfolgt. Aber was passiert, wenn sich diese Parameter ändern?


Davon handelt „Was wir sind“, der dritte Roman der britischen Autorin Anna Hope. Ihre drei Hauptfiguren Hannah, Lissa, Cate kennen sich aus Schule und Studium. Das Buch beginnt mit einem Rückblick auf das Jahr 2004, als die drei 29-Jährigen gemeinsam in einer WG in London wohnen, das Wochenende und den Frühling genießen, im Park liegen, Wein trinken und den Tag vertrödeln. Doch schon sechs Jahre später sind die Weichen ganz anders gestellt: Cate hat eine Familie gegründet und ist nach Canterbury gezogen. Hannah und ihr Freund Nathan versuchen, ein Baby zu bekommen. Und Schauspielerin Lissa realisiert, dass sie ihren beruflichen Zenit mit Mitte 30 schon überschritten haben könnte.

Anna Hope räumt jeder der drei Figuren gleichermaßen Platz ein, alle Frauen kommen selbst zu Wort und berichten von ihren Erlebnissen. Zwischendurch gibt es Rückblicke, die von ihrem Kennenlernen, von Wendepunkten in ihren Leben und ihren Beziehungen zueinander erzählen. Der Roman heißt „Was wir sind“, doch was sie sind, ist Hannah, Lissa und Cate gar nicht immer so klar. Denn selbst, wenn man seinen Platz im Leben gefunden zu haben glaubt, muss dieser nicht für alle Zeiten sicher sein.

Die drei Protagonistinnen sind sehr unterschiedlich, doch Anna Hope schafft es, sie den Lesern gleich nah kommen zu lassen. Berührend dargestellt werden auch die inneren Nöte, die jede der Figuren hat – obwohl sie alle Leben führen, die Außenstehende als erfolgreich, angekommen und beneidenswert beurteilen könnten. Tatsächlich beneiden Hannah, Lissa und Cate sogar einander, und auch das ist nachvollziehbar: Was einer Freundin wichtig ist, fällt der anderen vielleicht mühelos in den Schoß, was die eine sich erkämpfen muss, bedeutet der anderen wenig. Doch wie viel Diskrepanz und Distanz hält ihre Freundschaft aus?

Der Roman liest sich schnell und intensiv und hat mir aufgrund seiner abwechslungsreichen Darstellungen und der Tiefe der Figuren gut gefallen. „Was wir sind“ ist keine Feelgood-Lektüre, sondern bittersüß und stellenweise durchaus unter die Haut gehend.

Verlag: Hanser
Seitenzahl: 368
Erscheinungsdatum: 17. Februar 2020
ISBN: 978-3446265639
Preis: 22,00 € (E-Book: 16,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

22. März 2020

Anna Burns: Milchmann

Anstrengend und Eindruck hinterlassend.

Dieses hochgelobte Buch wurde mit dem Man Booker Prize 2018 ausgezeichnet – dem wichtigsten britischen Literaturpreis. Auf dem Buchrücken werden die Jury und die Zeitungen The Guardian und The New Yorker zitiert, die den Roman „überwältigend“ und „einzigartig“ fanden. Und wie hat er mir gefallen? „Einzigartig“ trifft es sicher. Aber eine Empfehlung auszusprechen, fällt mir schwer.


Mit „Milchmann“ verlangt die Autorin Anna Burns ihren Lesern einiges ab. Zum Beispiel stilistisch: Die Namen ihrer Protagonisten werden nicht genannt, nur ihre Spitznamen oder auch Bezeichnungen, die ausschließlich die namenlose Hauptfigur verwendet. Da gibt es „Vielleicht-Freund“, „Tablettenmädchen“ „Irgendwer McIrgendwas“, „Kleine Schwestern“ und natürlich „Milchmann“, nach dem dieser Roman benannt ist. Auch die Ich-Erzählerin wird ihrer jeweiligen Rolle gemäß angesprochen, z.B. als „Vielleicht-Freundin“, „Älteste Freundin“, „Tochter“ und „Mittelschwester“. Welche Position „Milchmann“ ihr zugedacht hat, ist allerdings lange unklar. Sicher ist nur: Der wesentlich ältere Mann sucht die Nähe der 18-Jährigen. Und dadurch fällt sie plötzlich auf, obwohl sie niemals auffallen wollte, denn das kann in einer Gesellschaft, in der jeder jeden belauert und verdächtigt, nur gefährlich werden.
Der Roman spielt in den 1970er Jahren in Nordirland, wobei letzteres zu keinem Zeitpunkt explizit genannt wird. Es gibt sehr viel „uns“ und „die anderen“, wobei letztere sich noch einmal in die „auf der anderen Seite der Hauptstraße“ und die „auf der anderen Seite der See“ aufspalten. Es herrschen jede Menge ungeschriebener Verhaltensregeln, z.B. Paramilitärs zu unterstützen, in keinem Fall ein Krankenhaus aufzusuchen und nicht im Gehen zu lesen.

Apropos lesen: Wie liest sich das Ganze denn nun? Wie sich vielleicht schon erahnen lässt: verwirrend. Anstrengend. Dass das Buch in größten Teilen als ein langer, innerer Monolog der zunehmend verunsicherten und verängstigten Hauptfigur daherkommt, macht die Lektüre nicht einfacher. Über lange Strecken passiert wenig, stattdessen wird viel reflektiert, wobei manchmal auch schwarzer Humor aufblitzt und die Absurdität der ganzen Situation immer stärker herausgearbeitet wird. Dabei hatte ich oft das Gefühl, dass mir zwischen den Zeilen eine ganze Menge entgehen könnte, da ich einfach viel zu wenig über die nordirische Geschichte weiß.
Unverwechselbar ist der Roman zweifellos, inhaltlich und stilistisch habe ich sicher noch nichts Derartiges gelesen. Die eindringlichen Beschreibungen des Lebens in einer toxischen, von Willkür und allgemeinem Misstrauen geprägten Atmosphäre werden mir sicherlich im Gedächtnis bleiben. Beeindruckt hat mich „Milchmann“; weiterverschenken würde ich dieses Buch jedoch nicht. Der Roman ist eher schwere Kost – ob man sich darauf einlassen will, muss jeder für sich selbst entscheiden.

Verlag: Tropen
Seitenzahl: 452
Erscheinungsdatum: 22. Februar 2020
ISBN: 978-3608504682
Preis: 25,00 € (E-Book: 9,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

25. Februar 2020

Katya Apekina: Je tiefer das Wasser

Toxische Familienbande.

Dieses brillant erzählte Debüt hat mich stark beeindruckt. Ich habe bei jeder Gelegenheit gelesen und war dankbar für die vielen kleinen Kapitel, die oft nur zwei, drei Seiten umfassten. Gleichzeitig habe ich mich gefragt, warum mich die verstörende Figurenkonstellation in dem Roman nicht stärker abstößt – sie hat mich auf jeden Fall nicht vom Weiterlesen abgehalten.


Katya Apekinas Roman „Je tiefer das Wasser“ ist eine Familiengeschichte und gleichzeitig das Gegenteil von dem, was man normalerweise darunter versteht. Zu Beginn des Buches, im Jahr 1997, sind die 14-jährige Mae und ihre zwei Jahre ältere Schwester Edith gerade bei ihrem Vater in New York angekommen. Dennis hat die Mädchen vor 12 Jahren in Louisiana bei ihrer Mutter Marianne zurückgelassen, seitdem bestand kein Kontakt. Nun hat Marianne allerdings versucht, sich umzubringen. Nach ihrer Einlieferung in eine psychiatrische Klinik werden die Töchter bei dem ihnen fast unbekannten Vater, einem renommierten Autor, untergebracht. Und darauf reagieren beide Schwestern total unterschiedlich. Während Edith rebelliert, den Vater hasst, sehnsüchtig auf Nachrichten der Mutter wartet und es nicht erwarten kann, in ihr altes Leben zurückzukehren, ist Mae nur eines: glücklich. Sie, die der Mutter ähnlich ist und sich von dieser komplett vereinnahmt fühlte, wirkt wie befreit und will nur keinen Fehler machen, um in New York bleiben zu dürfen. Dem Leser schwant allerdings bald, dass die Entscheidung zwischen Mutter und Vater eine Wahl zwischen Pest und Cholera sein könnte. Und nach und nach steuert alles auf eine Katastrophe zu …

Apekinas Stil fördert die Sogwirkung dieses Romans. Viele der kurzen Kapitel sind aus den Perspektiven von Mae und Edith geschrieben, einige im Handlungsjahr 1997, einige zu anderen Zeiten. Doch es kommen noch weitere Erzähler zu Wort: Die Eltern Marianne und Dennis, aber auch deren Wegbegleiter sowie Bekannte der Mädchen. Einige treten nur einmal in Erscheinung, helfen aber durch ihre Außenperspektive, Ereignisse einzuordnen – oder? Die Autorin spielt mit der Diskrepanz zwischen Außen- und Innenwahrnehmung, Fantasie, Wahn und Wirklichkeit. Sie hat ein Puzzle erschaffen, das sich mehr und mehr zusammensetzt und so langsam das volle Ausmaß des Dramas zeigt. Die beiden Hauptfiguren, Mae und Edith, sind die Unberechenbaren in dieser Gleichung; stärker und eigensinniger, als es die Erwachsenen auch nur ahnen. Doch können sie sich wirklich aus diesen sie manipulierenden Familienbanden befreien?

„Je tiefer das Wasser“ ist ein höchst ungewöhnlicher Roman voller Figuren, die sich in keinerlei Schublade stecken lassen. Ich denke immer noch darauf herum, wer hier unschuldig schuldig wurde, wer Täter und wer Opfer ist. Was für ein faszinierendes Debüt!

Verlag: Suhrkamp
Seitenzahl: 396
Erscheinungsdatum: 17. Februar 2020
ISBN: 978-3518429075
Preis: 24,00 € (E-Book: 20,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

18. Februar 2020

Jami Attenberg: Nicht mein Ding

Was hat sie bloß so ruiniert?

Total mein Ding ist das Cover dieses Buches. Es zeigt das Gesicht einer gezeichneten Frauenfigur, in ihrer Sonnenbrille spiegelt sich das Empire State Building. Durch den ungewöhnlichen Bildausschnitt, den flächigen Zeichenstil und die kräftigen Farben ist das Cover ein absoluter Eyecatcher und noch dazu sehr ungewöhnlich.


Ungewöhnlich ist auch der gesamte Roman von Jami Attenberg, der den Titel „Nicht mein Ding“ trägt. Es geht um all das, was nicht das Ding der 39-jährigen Ich-Erzählerin ist. Hauptfigur Andrea macht sich nichts aus einem konventionellen Leben. Karriere ist nicht ihr Ding, Beziehung ist nicht ihr Ding und Kinder sind schon mal gar nicht ihr Ding. Doch ihr Umfeld denkt zunehmend anders über diese Themen, die Freundinnen heiraten und/oder setzen Kinder in die Welt, während Andrea auf der Stelle tritt. Pläne oder gar Träume scheint sie schon lange nicht mehr zu haben. Mit Anfang 20 wollte sie noch Künstlerin werden, nun malt sie nur noch täglich den Blick aus ihrem winzigen Apartment, von dessen Zimmer aus sie in der Ferne das Empire State Building sieht – bis ein Neubau ihr auch diese Aussicht nimmt.

Ich konnte Andrea lange nicht einordnen. Sie ist eine Art Anti-Heldin, die viele fragwürdige Entscheidungen trifft und einem durch ihren gelegentlich aufblitzenden schwarzen Humor trotzdem ans Herz wächst. Jami Attenberg hat eine sehr ambivalente Figur geschaffen: sensibel und rücksichtslos, verletzlich und verletzend, zurückgenommen und egozentrisch. Wenn es mal gut läuft, scheint Andrea sich selbst zu sabotieren, um bloß kein kleines Stückchen mehr mit sich ins Reine zu kommen.
Eine bequeme Figur ist sie nicht und „Nicht mein Ding“ dadurch auch keine bequeme Lektüre, obwohl sich der Roman bestens lesen lässt. Nach und nach, durch Rückblenden und Erinnerungen, lassen sich Andreas Macken und Dämonen besser einordnen. Die kapitelweisen Zeitsprünge werden dabei nicht groß gekennzeichnet, die Orientierung in der Geschichte klappt aber dennoch erstaunlich gut. Und so füllen sich die Leerstellen von Andreas Lebensgeschichte langsam und es wird etwas klarer, wie sie so werden konnte: keine großen Höhen oder Tiefen zulassend, sich selbst betäubend und ziellos vor sich hin dümpelnd. Doch was passiert, wenn es plötzlich Menschen gibt, die Andreas Unterstützung brauchen?

Jami Attenbergs Roman ist keine Feelgood-Lektüre, aber er lädt zum Nachdenken ein: Über die unsichtbaren Päckchen, die jeder mit sich herumträgt und darüber, wie unterschiedlich Menschen doch sind und reagieren.

Verlag: Schöffling & Co.
Seitenzahl: 224
Erscheinungsdatum: 4. Februar 2020
ISBN: 978-3895613579
Preis: 22,00 € (E-Book: 17,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

13. Februar 2020

Holger Karsten Schmidt: Die Toten von Marnow

Temporeich und komplex.

Hätte ich an einem Büchertisch nach diesem Krimi gegriffen? Vermutlich nicht – das Cover empfinde ich als eher blass und nichtssagend und den Verfasser kannte ich bislang auch nicht, was vermutlich darin liegt, dass er in erster Linie Drehbuchautor ist und die meisten seiner früheren Bücher unter dem Pseudonym Gil Ribeiro veröffentlicht hat. Sie spielen alle an der Algarve. In diesem Krimi wird dagegen in Rostock ermittelt – und im titelgebenden Marnow, einem fiktiven Ort an der Mecklenburgischen Seenplatte.


Holger Karsten Schmidt holt in „Die Toten von Marnow“ zum Rundumschlag aus: Es geht um vertuschte Skandale in der deutsch-deutschen Geschichte, den Kampf gegen das vermeintlich Aussichtslose, Rache und Selbstjustiz. Im Zentrum stehen zwei Ermittler, die auf den ersten Blick kaum unterschiedlicher sein könnten: Der Rostocker Frank Elling, stolzer Familienvater, der seinen Lieben alle Wünsche erfüllen will und um 17 Uhr den Stift fallen lässt, um zu ebendiesen nach Hause zu eilen. Und Lona Mendt: Die westdeutsche Zugezogene, effizient, verschwiegen, wurzellos und in einem Wohnmobil lebend. Klingt nach einem Tatort-Duo? Dann wäre es eines, bei dem ich einschalten würde. Denn obwohl das Privatleben der Ermittler in diesem Thriller durchaus eine Rolle spielt, nimmt es nicht zu viel Raum ein, macht sie nur menschlich und ihre Handlungen nachvollziehbar. Schmidt gestaltet seine extrem unterschiedlichen Hauptfiguren gleichermaßen gelungen aus. Er beweist viel Talent bei der Darstellung von allem Menschlichen – das ihn nur bei Ellings Frau Susanne etwas im Stich gelassen hat, die erstaunlich eindimensional und klischeehaft daherkommt.

Aber nun zur eigentlichen Handlung, die im Jahr 2003 angesiedelt ist: Zunächst wird ein Arbeitsloser in seiner Wohnung ermordet. Dann ein alter, dementer Mann in einem luxuriösen Pflegeheim. Die beiden haben keine Verbindung zueinander, die Tat trägt allerdings die gleiche Handschrift. Und die Spuren weisen nach Marnow. Also beschließt Lona Mendt, ihr Wohnmobil auf dem dortigen Campingplatz aufzustellen. Doch dann kommt es zu einem ersten Showdown in Rostock – und es wird nicht der letzte bleiben …

In „Die Toten von Marnow“ überschlagen sich die Ereignisse immer wieder. Mehrmals dachte ich: „Ach, SO ein Krimi ist das“ – wenn wieder mal eine Actionszene kam oder ein anderes, nicht vorhersehbares Ereignis aus dem Nichts auftauchte und richtungsweisend wirkte. Allerdings war es das längst nicht immer, denn was in anderen Büchern eventuell noch sehr ausgewalzt worden wäre, wickelt Schmidt stets schnell und gekonnt wieder ab. Im Beschleunigen und Drosseln des Handlungstempos ist er ein wahrer Meister, nie gibt es Längen – dafür jedoch immer wieder Überraschungen. Vor Action schreckt der Autor bei keiner Gelegenheit zurück – wenn das Ganze ein Tatort wäre, dann vermutlich einer mit Till Schweiger. Wobei Schmidt durchaus auch mal leise Töne anschlägt und sich Zeit für langsame Entwicklungen nimmt. Und so steuert die Handlung in ganz verschiedene Richtungen, während die Spannung immer weiter steigt.

Einige der Protagonisten in „Die Toten von Marnow“ haben mehr Glück als Verstand. Gestört hat mich das allerdings kaum und ich habe diesen Krimi als sehr gelungen empfunden, weil er gleichzeitig komplex und spannend ist und darüber hinaus eine ungeheuerliche Geschichte erzählt. Der NDR verfilmt ihn als vierteilige Miniserie, die nächstes Jahr ausgestrahlt werden soll – ob die vielen Facetten und Untertöne dabei erhalten bleiben? Ich bin gespannt.

Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Seitenzahl: 480
Erscheinungsdatum: 16. Januar 2020
ISBN: 978-3462047943
Preis: 16,00 € (E-Book: 12,99 €)

Ich habe dieses Buch als Leseexemplar erhalten.

30. Dezember 2019

Lara Prescott: Alles, was wir sind

Starke Frauen.

„Doktor Schiwago“ habe ich nicht gelesen und auch den berühmten Film mit Omar Sharif nur einmal im Fernsehen gesehen – und das ist schon ewig her. Noch weniger als über den Inhalt des Klassikers wusste ich allerdings über die Geschichte seiner Veröffentlichung. Das hat sich durch diesen lesenswerten Roman geändert, der durch den transparenten Buchumschlag außerdem ein echter Hingucker ist:


Lara Prescotts Debüt „Alles, was wir sind“ dreht sich um die Publikations- und Rezeptionsgeschichte des russischen Romans „Doktor Schiwago“, die es in sich hat. Von offizieller Seite versuchte man seinen Autor Boris Pasternak schon während des von 1946 bis 1955 dauernden Schreibprozesses zu stoppen und verhaftete dessen Geliebte und Muse, Olga Iwinskaja, die Jahre im Gulag verbrachte. Nachdem der Roman fertiggestellt worden war, wagte in der UdSSR kein Verlag die Veröffentlichung. Im Ausland wuchs dagegen das Interesse an dem Text: Unter anderem die CIA hatte ein Auge darauf geworfen, denn wenn man der russischen Bevölkerung einen Text zugänglich machen würde, die die eigene Regierung ihr vorenthielte, würde das hoffentlich zur Schwächung ebendieser beitragen.

„Doktor Schiwago“ war also schon lange vor der Veröffentlichung des Romans ein grenzüberschreitendes Politikum. Autorin Prescott bringt es ihren Lesern nahe, indem sie die Geschichte aus verschiedenen Perspektiven erzählen lässt: Zum einen aus Olgas, der russischen Muse, die für den Text immer wieder ihre Freiheit aufs Spiel setzt. Auch Pasternak selbst kommt ab und zu zu Wort, aber nicht so häufig wie verschiedene CIA-Agentinnen, die von Washington aus versuchen, die Publikation des Textes in die Wege zu leiten. Und dann sind da noch die Stenotypistinnen; quasi der Schreibpool der CIA, bestehend aus überqualifizierten Frauen, die als bessere Sekretärinnen kurz gehalten werden – in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre war Karriere auch in den USA immer noch Männersache.

Wie der amerikanische Geheimdienst versuchte, Literatur im Kalten Krieg zu instrumentalisieren, fand ich spannend zu lesen. Speziell bei dem CIA-Handlungsstrang wollte Prescott aber vielleicht zu viel: Hier geht es auch noch um das Privatleben einzelner Agentinnen, das interessant erzählt ist und wiederum für die damalige Zeit sensibilisiert, aber nichts mehr mit „Doktor Schiwago“ zu tun hat. Überhaupt kommt das Buch im Buch, um das sich im Roman doch alles drehen sollte, stellenweise etwas kurz: Welche Inhalte nun dafür sorgten, dass „Doktor Schiwago“ in der UdSSR nicht erscheinen dürfte, die Amerikaner die Veröffentlichung jedoch mit allen Mitteln vorantreiben wollten, wird nicht weiter benannt.

„Alles, was wir sind“ liest sich ansonsten locker, gibt Einsichten in komplett unterschiedliche Lebenswelten und handelt von vielen starken Frauen, die sich nicht von ihren Wegen abbringen lassen. Ein Roman über die Macht der Literatur – ob der Text an sich die Politik jedoch wirklich auf irgendeine Art und Weise beeinflusst hat, lässt Prescott im Dunkeln.

Verlag: Rütten & Loening
Seitenzahl: 475
Erscheinungsdatum: 8. November 2019
ISBN: 978-3352009358
Preis: 20,00 € (E-Book: 14,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.