Posts mit dem Label Thriller werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Thriller werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

13. August 2019

Wiebke Lorenz: Einer wird sterben

Ist dieser Trend, Psychothriller mit ihrer Endsequenz anfangen zu lassen, eigentlich schon älter? Das Stilmittel an sich ist bestimmt nicht neu, aber kam es früher auch so oft zum Einsatz? Die letzten beiden Psychothriller, die ich gelesen habe, starteten jeweils mit ihrem dramatischen Finale. In „Something in the water“ hebt die weibliche Hauptfigur für ihren Mann ein Grab aus (was ich immerhin ganz originell beschrieben fand), in meinem neuesten Lesestoff stirbt jemand in den Armen seines Partners. Die Namen der handelnden Figuren werden hier nicht genannt, doch im Verlauf der Lektüre lässt sich nicht allzu schwer zusammenreimen, wer da beschrieben wird. Vermutlich soll die Sequenz zusätzliche Spannung aufbauen, was in meinem Fall allerdings nicht so gut geklappt hat: Ich hatte hier eher das Gefühl, jemand hätte mir ungebeten das Ende verraten.


Wiebke Lorenz‘ Psychothriller „Einer wird sterben“ basiert auf einer so banalen wie irritierenden Grundbedrohung: Ein unbekanntes Auto parkt in einer ruhigen, beschaulichen Wohnstraße. Die beiden Fahrzeuginsassen steigen jedoch nicht aus. Der Mann und die Frau bleiben einfach im Auto sitzen – erst stunden-, dann tagelang. Und lassen die Anwohner dadurch immer nervöser werden.

Laut Klappentext las die Autorin eine Zeitungsmeldung über ein so parkendes Auto und entwickelte aus dieser Ausgangssituation ihre fiktive Geschichte. Besonders Lorenz‘ Hauptfigur, die junge Hausfrau Stella Johannsen, beunruhigt das Auto nachhaltig. Schnell ist sie davon überzeugt, dass es nur wegen ihr und ihrem Mann dastehen kann – schließlich haben sie beide etwas zu verbergen. Doch nach und nach zeigt sich, dass sie nicht die einzigen Anwohner in der Blumenstraße sind, die Geheimnisse haben. Trotzdem gehen Stella mehr und mehr die Nerven durch – vielleicht auch, weil sie allein ist: Ihr Mann Paul, ein Frachtpilot, kann sie zwar ab und an übers Telefon trösten, ist ansonsten jedoch gerade am anderen Ende der Welt unterwegs. Und so ist Stella ihrer Panik ausgeliefert, vor allem nachts. Wie sie zwischen Angst und Hysterie schwankt, wird sehr eindringlich beschrieben, hat mir aber um so deutlicher die Schwäche des Plots vor Augen geführt: Zwar gibt es durch das parkende Auto eine gefühlte Bedrohung, dieser kann sich Stella aber eigentlich gut entziehen, denn ist sie unterwegs, folgt der Wagen ihr nicht. Ich weiß nicht mehr, ob ihr Mann oder ihr Therapeut es telefonisch vorschlagen ob sie selbst darüber nachdenkt: Wenn Stella einfach für ein paar Tage in ein Hotel gezogen wäre, hätte sie sich den Spuk vom Hals geschafft. Da sie überzeugt ist, dass ihr Mann alles in Ordnung bringen wird, sobald er heimkehrt, wäre das eine ziemlich pragmatische Lösung gewesen. Stattdessen dreht Stella aber immer mehr durch, was mir zunehmend auf die Nerven ging. Überdies wirkte der Plot stellenweise recht überladen: Fast jeder Nachbar verbirgt etwas vor den anderen Bewohnern der Blumenstraße und über die Auflösung wollen wir gar nicht reden. Dennoch: Letztere hat mich dann doch unerwartet beeindruckt. Sie schafft es, alle Vorkommnisse lückenlos zu erklären – das hatte ich mir zwischenzeitlich beim besten Willen nicht mehr vorstellen können. Das offene Ende hätte ich dagegen nicht unbedingt gebraucht. So wirklich getroffen hat „Einer wird sterben“ meinen Geschmack also nicht.

Verlag: FISCHER Scherz
Seitenzahl: 352
Erscheinungsdatum: 27. Februar 2019
ISBN: 978-3651025417
Preis: 14,99 € (E-Book: 12,99 €)

10. Juli 2019

Catherine Steadman: Something in the water

Spannung ab der ersten Seite zu erzeugen, ist eine hohe Kunst, die die Autorin dieses Buches ganz offensichtlich beherrscht. Zumindest ich fand den ersten Satz „Haben Sie sich jemals gefragt, wie lange es dauert, ein Grab auszuheben?“ ziemlich innovativ. Dass Hauptfigur Erin Roberts dann auch noch ihren Mann vergräbt, obwohl sie seinen Tod durchaus zu bedauern scheint, macht ebenfalls neugierig. Der Einstieg in diesen Thriller ist also schon einmal geglückt.


Catherine Steadman hat sich in „Something in the water“ eines Kunstgriffs bedient und eines der letzten Kapitel vorne angestellt. Danach beginnt die Geschichte drei Monate zuvor mit einem Wochenendausflug der Protagonisten Erin und Mark. Die beiden feiern ihren Jahrestag und planen ihre Flitterwochen, die nach Bora-Bora gehen sollen. Er ist Banker, sie Dokumentarfilmerin, beide in den Dreißigern – ein glückliches Londoner Pärchen, dem die Welt offensteht. Doch schon während dieses Wochenendausflugs werden Entscheidungen getroffen, die dem dramatischen Ende den Weg ebnen: „Und dann sage ich etwas, was ich mein Leben lang bereuen werde. Ich will mit Dir Gerätetauchen machen.“ Tja. Ich verrate noch nicht zu viel, wenn ich erzähle, dass Erin und Mark beim Gerätetauchen auf „Something in the water“ stoßen …

Sehr gut gefallen hat mir der Erzählton dieses Thrillers. Er ist ganz und gar aus Sicht von Hauptfigur Erin geschrieben, die den Leser auch gerne mal direkt anspricht. Ab und an benimmt sie sich sehr unbedarft, aber man ist stets so dicht an ihr dran, dass auch ihr teilweise kopfloses Verhalten, ihr Gedankenkarussell und vereinzelte wahnwitzige Ideen immer halbwegs nachvollziehbar bleiben. Und je mehr ich Erin und ihr Leben kennenlernte, desto weniger konnte ich mir einen Reim auf die Geschehnisse am Buchanfang machen. Vermutlich deswegen nahm die Sogwirkung der Geschichte zu, je weiter ich gelesen habe.

Aber jeder Thriller kommt irgendwann zu seiner Auflösung und die fand ich hier dann leider doch nicht hundertprozentig gelungen. Autorin Steadman hat der Ausgestaltung von Erins Charakter viel Raum gegeben, die Hundertachtzig-Grad-Wendungen von anderen Figuren passieren jedoch ohne jede Erklärung, was ich dann doch etwas schade fand. Dennoch ist „Something in the water“ eine spannende Urlaubslektüre – nicht nur auf Bora-Bora, nicht nur für Gerätetaucher, sondern für alle, die sich gerne mal der Frage „was wäre, wenn …“ hingeben.

Verlag: Piper
Seitenzahl: 464
Erscheinungsdatum: 2. Juli 2019
ISBN: 978-3492235297
Preis: 10,00 € (E-Book: 3,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

17. Mai 2019

Iain Reid: The Ending

Schon der Taschenbucheinband dieses Buches weckte bei mir hohe Erwartungen. Auf dem Cover heißt es: „Du wirst dich fürchten. Und du wirst nicht wissen, warum.“ Die Rückseite bewirbt die Geschichte als „raffiniertes, stilistisch brillantes Psychodrama für Liebhaber von Stephen King und Alfred Hitchcock“. Was kann da noch schief gehen? Eine Menge.


„The Ending“ ist das Debüt des Kanadiers Iain Reid. Es handelt von einem jungen Paar, der Ich-Erzählerin und ihrem Freund Jake. Die beiden sind noch nicht lange zusammen und gerade auf dem Weg zu Jakes Eltern, die einen Bauernhof auf dem Land haben, laut Beschreibung irgendwo im Nirgendwo. Die Erzählerin wird Jakes Familie erstmals kennenlernen und ist gespannt. Gleichzeitig überlegt sie jedoch, mit Jake Schluss zu machen. Abgelenkt wird sie durch die Anrufe eines Stalkers, der ihr seit einigen Wochen nachstellt und von dem sie Jake bislang nichts erzählt hat. Eine Ausgangssituation mit einigem Potential, könnte man meinen.

Doch trotzdem kommt während der ersten fast 100 Seiten kaum Spannung auf, was bei einem 240 Seiten langen Thriller schon ein schlechtes Zeichen ist. Stattdessen haben mich die philosophisch angehauchten Gespräche des Paares während der nicht enden wollenden Autofahrt zunehmend gelangweilt. Als die beiden ihr Ziel erreichen, nimmt die Handlung zwar immer noch nicht wirklich an Fahrt auf, doch zumindest passiert mal was – aber das erschien mir alles sehr abstrus. Und so fühlte ich mich zwar stellenweise abgestoßen, habe mich jedoch immer noch nicht gegruselt. Mit King und Hitchcock hatte die Entwicklung des Ganzen in meinen Augen sehr, sehr wenig zu tun. Beide sind Meister des Nervenkitzels, der auch in „The Ending“ mit allen Mitteln erzeugt werden soll, aber die Geschichte trägt einfach nicht, die Charaktere bleiben blass und ihr Handeln kaum nachvollziehbar. Das Ende mag so manches erklären, hat mich aber über die Längen der Geschichte nicht nachträglich hinweggetröstet. Und wenn sich alle Protagonisten seltsam verhalten und man mit niemandem mitfühlen kann, lässt einen halt auch der Showdown relativ kalt. Schade – das Cover war/ist so vielversprechend! Die Schneesturm-Atmosphäre bei Nacht und der blutrote Titel hatten mich gleich neugierig gemacht und dazu beigetragen, dass ich mir ein weitaus gruseligeres Leseerlebnis vorgestellt hatte.

Verlag: Droemer
Seitenzahl: 240
Erscheinungsdatum: 2. November 2017
ISBN: 978-3426306192
Preis: 14,95 € (E-Book: 12,99 €)

12. Februar 2019

Clare Mackintosh: Deine letzte Lüge

Für diesen Thriller hatte ich mich auf dem Portal „Lesejury“ beworben, weil ich fand, dass er ziemlich vielversprechend klang. Die Autorin ist eine frühere Polizistin, die ihren ersten Beruf nach zwölf Jahren an den Nagel gehängt hat, um sich dem Schreiben zu widmen. Sie hat seitdem schon mehrere Psychothriller verfasst und schien sich also sowohl mit Verbrechen als auch mit dem Verfassen spannender Geschichten auszukennen, weswegen ich doch hohe Erwartungen an ihr Buch hatte. Diese wurden dann leider enttäuscht, aber auch das passiert eben manchmal.


In Clare Mackintoshs „Deine letzte Lüge“ hat die Mittzwanzigerin Anna bereits zu Beginn der Geschichte eine furchtbare Zeit hinter sich: Innerhalb von sieben Monaten hat sie beide Elternteile verloren. Unfassbar: Beide sind offenbar freiwillig aus dem Leben geschieden und haben sich vom Beachy Head, dem höchsten Kreidefelsen Großbritanniens, in den Tod gestürzt. Oder? Am ersten Todestag ihrer Mutter erhält Anna eine geschmacklose Klappkarte, die nur drei Wörter enthält: „Selbstmord? Von wegen.“ Für sie der ultimative Beweis, dass sich zumindest ihre Mutter nicht umgebracht hat. Und an dieser Stelle war ich dann auch schon zum ersten Mal leicht irritiert – da trauert jemand seit 19 Monaten und lässt sich dann von einer anonymen Postsendung in nullkommanix überzeugen, dass alles ganz anders war?
Natürlich muss Protagonistin Anna anfangen, Nachforschungen zu stellen, sonst wäre dieses Buch schon zuende gewesen, bevor es richtig angefangen hätte. Aber ihr Denken und Handeln erschien mir dabei längst nicht immer schlüssig dargestellt und das bleibt meiner Meinung nach eine sich durch das Buch ziehende Schwäche. Viele Charaktere verhalten sich – im Nachhinein meist grundlos – seltsam oder bleiben durchgängig sehr blass, als hätte die Autorin sie bewusst vernachlässigt, um sich mehr Optionen für die weitere Handlungsgestaltung offen zu halten. Eine Ausnahme bildet Murray, ein Polizist im Ruhestand, der als Zivilangestellter weiterhin auf einer Polizeiwache arbeitet und für den Annas Geschichte eine willkommene Ablenkung von der Sorge um seine Ehefrau ist, die unter einer Borderline-Persönlichkeitsstörung leidet. Murray und auch seine Frau hat Mackintosh etwas achtsamer gestaltet, ihr Schicksal berührt, während mir Anna bald vor allem auf die Nerven ging.

Was mich an „Deine letzte Lüge“ zusätzlich gestört hat: Die Autorin versucht mehrmals, ihre Leser auf die falsche Fährte zu locken. Vollkommen legitim bei einem Thriller, könnte man einwenden, aber hier kam mir das Ganze sehr überkonstruiert vor. Zum Teil war die falsche Fährte so nachvollziehbar geschildert, dass die richtige Lösung kaum mithalten konnte. Auch die Auflösung überzeugte mich nicht komplett. Das Buch hat ein paar kaum vorhersehbare Twists, auf das Ende wäre ich von alleine sicher nicht gekommen. Aber über das öfters irritierende Verhalten der Figuren konnte mich das kaum hinwegtrösten. Die Grundidee des Psychothrillers versprach weitaus mehr, als die Autorin dann einlösen konnte. Rückblickend ist die Geschichte dann auch mehr Drama als Thriller und hat mich doch eher unzufrieden zurückgelassen.

Verlag: Bastei Lübbe
Seitenzahl: 464
Erscheinungsdatum: 31. Januar 2019
ISBN: 978-3404177035
Preis: 11,00 € (E-Book: 3,99 €)

Ich habe dieses E-Book als Rezensionsexemplar erhalten.

5. Januar 2019

Shari Lapena: The couple next door

Eigentlich hatte ich für die Feiertage noch eine dritte weihnachtliche Rezension geplant, doch trotz des vielversprechenden Titels enttäuschte mich „Sieben Kilo in drei Tagen“ so, dass mir die Lust verging, darüber zu schreiben. Stattdessen entschied ich mich nach diesem Missgriff für einen Thriller als Gegenprogramm. Wie die meisten Thriller und Krimis, die ich lese, war er relativ unblutig und hatte es dennoch in sich.


„The couple next door“ beginnt mit dem Alptraum aller Eltern: Anne und Marco verbringen den Abend auf der Dinnerparty ihrer Nachbarn, während ihr Baby Cora zu Hause schläft. Sie haben ein Babyfon dabei und schauen alle halbe Stunde abwechselnd nach ihrer Tochter. Doch als sie nach Mitternacht in ihr Haus zurückkehren, steht die Haustür offen – und die Wiege ist leer …

Der Thriller ist dicht erzählt, die Anzahl der handelnden Figuren überschaubar. Immer wieder werden die Gedanken der verzweifelten Eltern geschildert, vor allem die Mutter steht komplett neben sich, während ihr Mann mit allen Mitteln versucht, zu funktionieren. Dass der ermittelnde Detective nicht auszuschließen scheint, dass die beiden mit dem Verschwinden ihres Babys zu tun haben könnten, verstört sie zusätzlich. Angst und Schlafmangel lassen die Nerven bei Anne und Marco bald komplett blank liegen – nachvollziehbar. Doch dann nimmt „The couple next door“ ein paar unerwartete Wendungen und plötzlich ist vieles anders, als es auf den ersten Blick schien. „People are capable of almost anything“ steht bereits auf dem Cover.

Manche der Plot-Twists erahnte ich, andere nicht. Am Ende waren es für meinen Geschmack ein, zwei Verstrickungen zu viel, was einem spannenden Leseerlebnis jedoch keinen Abbruch tat. „The couple next door“ ist ein packender Pageturner und lässt sich in kürzester Zeit weglesen – auch auf Englisch. Die Sätze sind kurz; ich las in ein paar deutschen Rezensionen, dass der einfache Stil einige Leser gestört hat, doch zumindest im Englischen wirkte er stimmig auf mich, wird doch meist die Perspektive der Eltern geschildert, zu deren Zustand das Denken komplexer Schachtelsätze kaum passen würde. Stellenweise hat der Thriller durchaus kleine Längen, die jedoch die Ohnmacht von Anne und Marco umso greifbarer machen. Die Auflösung des Ganzen hatte in meinen Augen kleine Schwächen, im Großen und Ganzen ist der oft kammerspielartig wirkende Thriller jedoch mehr als solide.

Verlag: Bantam Press
Seitenzahl: 304
Erscheinungsdatum: 14. Juli 2016
ISBN: 978-0593077399
Preis: 15,50 € (E-Book: 6,45 €)

25. November 2018

JP Delaney: Believe Me. Spiel Dein Spiel. Ich spiel es besser.

JP Delaneys 2017 erschienener Thriller „The Girl Before“ ist ein spannend klingender Bestseller, von dem ich bereits gehört hatte. Daher habe ich mich sehr über die Gelegenheit gefreut, ein Rezensionsexemplar von „Believe Me“ zu lesen, dem neuesten Buch des Autors, das gleichzeitig ein früheres Werk von ihm ist, mit dem Delaney jedoch nicht zufrieden war. In seiner Danksagung am Ende des Buches schreibt er, dass er durch den Erfolg von „The Girl Before“ „die Chance einer Neuauflage“ von „Believe Me“ bekam, die Urversion jedoch stark verändert hat, weil er mit ihr schon nach Erscheinen nicht mehr zufrieden war: „Ich hatte das Gefühl eine interessante Idee verschwendet zu haben, weil das Buch nicht gut genug gelungen war.“ Tja.


„Believe Me“ beginnt durchaus interessant. Die Engländerin Claire Wright besucht eine Schauspielschule in New York. Sie ist so begabt, dass sie ein Stipendium bekommen hat, das ihre Lebenshaltungskosten jedoch nicht abdeckt. Eine Arbeitserlaubnis erhält sie als Ausländerin allerdings nicht und arbeitet schließlich gegen Cash als Treuetesterin, die verheirateten Männern im Auftrag von deren Ehefrauen Avancen macht. Dabei ist sie sehr erfolgreich – außer bei Universitätsprofessor Patrick Fogler, der sie abblitzen lässt. Am nächsten Morgen wird seine Ehefrau ermordet aufgefunden. Sowohl er als auch Claire stehen zunächst unter Verdacht. Und als die Polizei der jungen Schauspielschülerin ein Angebot macht, kann sie quasi nicht ablehnen, gerät aber zunehmend in einen Interessenskonflikt, weil sie Patrick Fogler immer attraktiver findet …

Das Verhalten der Figuren erschien mir relativ bald nicht mehr besonders schlüssig. Irgendwann kam es dann jedoch zu einem Twist, der mich extrem überrascht hat. Überraschende Wendungen sind ein Markenzeichen von guten Thrillern, aber so richtig glaubwürdig erschienen mir die Geschehnisse auch danach nicht. Die Figuren wirkten zum Teil komplett verquer oder blieben plötzlich merkwürdig blass. Ereignisse, die jeden normalen Menschen extrem irritiert hätten, wurden von ihnen schnell vergessen oder abgetan. Überdies fehlte mir ein anderes Markenzeichen von guten Thrillern: Spannung. Nicht, dass es mich nicht mehr interessiert hätte, wer die Ehefrau von Patrick Fogler ermordet hat, aber den Figuren schien es zum Teil egal und ich hatte auch nicht das Gefühl, dass sie noch an einer Beantwortung dieser Frage interessiert waren.
Ein drittes Markenzeichen von guten Thrillern: die Auflösung. Ich finde, damit steht und fällt ein Buch dieses Genres und erwartete nach dem langen, müden Dahinplätschern der Handlung eine Überraschung – die auch kam und auf der ich nach wie vor herumdenke, da sie einige Geschehnisse in einem anderen Licht beleuchtet. Ich fand die Auflösung nicht schlecht und das Verhalten mancher Protagonisten erscheint mir im Nachhinein schlüssiger. Doch es ändert nichts daran, dass sich das Leseerlebnis eher belanglos gestaltete. „Believe Me“ enthielt einige faszinierende Elemente – Baudelaires Skandal-Gedichtband „Le Fleurs Du Mal“ spielt eine große Rolle, auch die Einblicke in Claires Schauspielunterricht und -verständnis fand ich gelungen. Aus dem ganzen Stoff hätte man mehr rausholen können, glaube ich – wie es wohl auch der Autor dachte, als er seine Geschichte nochmal überarbeitete. Aber in meinen Augen ist es ihm immer noch nicht gelungen. „Believe me“ ist trotz vielversprechender Ansätze nicht komplett stimmig und erst recht nicht spannend, das Gesamtkonzept krankt. Schade, ich hatte mir mehr versprochen.

Verlag: Penguin
Seitenzahl: 416
Erscheinungsdatum: 10. September 2018
ISBN: 978-3328103264
Preis: 15,00 € (E-Book: 9,99 €)

21. Oktober 2018

Jane Harper: Ins Dunkel

Team-Incentives dienen der Mitarbeitermotivation und/oder -belohnung. Sie sollen die Identifikation mit dem Unternehmen steigern, die Stimmung und den Zusammenhalt im Team fördern und Anreize für die Mitarbeiter schaffe, ihr Bestes zu geben. Derartige Events können total lustig sein, manchmal ist die Stimmung aber auch etwas krampfig. So gut wie nie geraten sie aber so aus den Fugen wie in dem folgenden Thriller:


Jane Harpers „Ins Dunkel“ handelt von einem Team-Incentive, das fürchterlich schief geht. Zehn Mitarbeiter der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft BaileyTennants werden, nach Geschlechtern getrennt, für vier Tage auf unterschiedlichen Trekking-Routen durch das australische Giralang-Massiv geschickt. Die Männer kommen noch vor der vereinbarten Zeit am gemeinsamen Ankunftspunkt an, doch von ihren fünf Kolleginnen fehlt jede Spur – noch stundenlang. Schließlich erreichen auch die Frauen ihr Ziel, doch sie sind in einem desolaten Zustand – und nur noch zu viert …

Wo ist Alice Russell? Davon handelt „Ins Dunkel“. Gleich der Prolog stellt klar: „Später waren sich die vier Frauen nur in zwei Dingen einig. Erstens: Niemand hatte gesehen, wie die Wildnis Alice Russell verschluckte. Und zweitens: Alice hatte eine so scharfe Zunge, dass man sich daran schneiden konnte.“

Bald sucht die örtliche Polizei nach der Vermissten, doch nicht nur die. Auch die Kollegen von der Steuerfahndung helfen bei den Ermittlungen. Denn Alice Russell sollte als geheime Informantin dazu beitragen, dunklen Machenschaften von BaileyTennants auf die Spur zu kommen. Steht ihr Verschwinden in irgendeinem Zusammenhang damit? Die Tatsache, dass vor 20 Jahren ein Massenmörder sein Unwesen im Giralang-Massiv getrieben hat, tut es ja sicherlich nicht – oder?

Autorin Harper lässt ihre Leser lange im Dunkeln tappen, während diese wiederum die zunächst noch fünf Frauen auf ihrem Trekking-Trip ins Dunkel begleiten. Kapitelweise wechseln sich die Schilderungen über den Ablauf des Trips und die Ermittlungen des Polizisten Aaron Falk und seiner Kollegin ab. Die Gruppendynamik während des Teamevents und die mühsame Suchaktion in der Romangegenwart lassen einen dabei kaum zu Atem kommen. Vieles scheint möglich, doch was ist wirklich passiert?

„Ins Dunkel“ ist ein atmosphärisch dichter, immens gekonnt geschriebener Thriller, den ich in kürzester Zeit verschlungen habe. Es ist bereits das zweite Buch, in dem Jane Harper ihren Federal Agent Aaron Falk ermitteln lässt. Dabei lässt es sich bestens ohne Vorkenntnisse lesen, macht aber großen Appetit auf ihren Erstling. Harper konzentriert sich auf eine noch überschaubare Anzahl von Figuren, in deren Seelenleben sie einige Einblicke gibt. Die Charakterstudien werden von Kapitel zu Kapitel komplexer und verlieren sich doch nicht in irrelevanten Details. Die psychische Ausnahmesituation der verirrten Frauen ist fast am eigenen Leib zu spüren, die Spannung flacht zu keinem Zeitpunkt ab. Jedem Thriller-Liebhaber nur zu empfehlen – vielleicht aber nicht gerade als Lektüre während eines Wanderwochenendes oder Team-Incentives. Wobei das den Abenteuer-Faktor sicherlich erhöhen würde.

Verlag: Rowohlt Taschenbuch
Seitenzahl: 416
Erscheinungsdatum: 24. Juli 2018
ISBN: 978-3499274732
Preis: 14,99 € (E-Book: 12,99 €)

2. August 2018

Erin Kelly: Vier.Zwei.Eins.

Ab und an gibt es für mich nichts Schöneres als einen guten Thriller. Wie man den definiert, ist natürlich Geschmackssache. Ich bin kein Fan von grauenhaften Gemetzeln, sondern interessiere mich viel mehr für die psychologische Komponente. Eine überschaubare Anzahl von Protagonisten mit vielschichtigen Charakteren, unvorhersehbare und dennoch realistische Wendungen, ein langsamer, aber stetiger Spannungsaufbau - ein Thriller mit diesen Komponenten hat das Potential, mich zu begeistern. Und so hatte ich an das folgende Buch schon aufgrund seiner Leseprobe hohe Erwartungen, die nicht enttäuscht wurden. Wer - wie ich - z.B. "Gone Girl" mochte, wird auch hier auf seine Kosten kommen.


Der auf den ersten Blick seltsame Zahlentitel dieses Romans wird im Untertitel erklärt: „Vier Menschen. Zwei Wahrheiten. Eine Lüge.“ Und tatsächlich fängt mit der schicksalhaften Begegnung von vier jungen Menschen Anfang 20 alles an: Das Pärchen Laura und Kit ist zu einem Festival nach Cornwall gereist, um dort die totale Sonnenfinsternis am 11. August 1999 zu erleben. Sonnenfinsternisse zu jagen ist Kits Hobby, er und sein Zwillingsbruder sind bereits als Kinder mit ihrem Vater quer um den Globus gereist um die spektakulären Phänomene mitzuerleben. Laura hingegen erlebt ihre erste Sonnenfinsternis und fühlt sich in ihren Grundfesten berührt. Trotz widriger Wetterbedingungen hätte es also ein wunderschöner Tag sein sollen – doch auf dem Rückweg von ihrem Aussichtspunkt wird Laura Zeugin einer Vergewaltigung. Zumindest wirkt es wie eine Vergewaltigung, obwohl der mutmaßliche Täter sofort behauptet, dass alles einvernehmlich sei. Da die Frau, Beth, das jedoch nicht bestätigt und auch sonst wie erstarrt wirkt, rufen Laura und Kit die Polizei. Die vier sehen sich im Mai 2000 vor Gericht wieder, als Zeugen, Angeklagter und Klägerin. Und das hätte eigentlich ihr letztes Aufeinandertreffen sein können, doch so ist es nicht …

Im März 2015 ist Laura schon lange mit Kit verheiratet und außerdem hochschwanger mit Zwillingen. Die beiden leben so anonym wie nur möglich in London, haben sogar ihren Nachnamen geändert. Der Grund: Die panische Angst vor Beth, die 15 Jahre zuvor als Opfer vor Gericht stand. Was ist nur passiert?

Genau diese Frage wird nach und nach geklärt. Dabei wechselt Autorin Erin Kelly zwischen zwei Zeitebenen. Kapitel, die die Geschehnisse rund um die Sonnenfinsternis 1999 und die Gerichtsverhandlung im darauffolgenden Jahr schildern, wechseln sich ab mit solchen, die erzählen, wie Kit 2015 einer weiteren Sonnenfinsternis hinterherjagt, während Laura in Sorge um ihn in London sitzt. Außerdem wechseln auch immer wieder die Perspektiven: Mal schildert Laura die Erlebnisse, mal Kit. Manchmal sind kombinierte Zeit- und Erzählerwechsel ja verwirrend, aber Autorin Kelly verwebt alles so geschickt, dass die ständigen Brüche fast unmerklich geschehen und den Lesefluss überhaupt nicht stören, sondern bereichern: Es baut sich immer größere Spannung auf. „Vier.Zwei.Eins.“ wird nicht als Thriller, sondern als Roman bezeichnet, doch Nervenkitzel ist durch die erstaunliche Vielzahl von unvorhersehbaren und dennoch glaubhaften Wendungen garantiert. Meisterhaft beschreibt Kelly, wie eine Lüge in eine Abwärtsspirale voller weiterer Unwahrheiten führen kann und es letztlich keinen Ausweg aus der eigenen Schuld mehr gibt. Immer wieder wurden Situationen geschildert, bei denen ich mich unwillkürlich fragte, wie ich an Stelle der Figuren gehandelt hätte. „Vier.Zwei.Eins.“ handelt von Licht und Schatten, doch schwarzweiß ist die Geschichte bei Weitem nicht.

Gegliedert ist dieses feine Erzählkonstrukt wie die fünf Phasen einer totalen Sonnenfinsternis: Erster Kontakt, Zweiter Kontakt, Totalität, Dritter Kontakt und Vierter Kontakt. Das ist nicht nur wegen Sonnenfinsternisjäger Kit wunderbar passend, sondern auch, weil es ebenfalls um Kontakte zwischen Menschen geht bzw. die Angst davor. Nicht nur die Sonne, sondern auch die Gemüter einiger Protagonisten scheinen sich im Laufe des Romans zu verdunkeln. Doch werden sie sich im Zuge des vierten Kontakts – der Mond verdeckt die Sonne nicht mehr – auch wieder lichten? Ich kann nur empfehlen, das selbst herauszufinden.

Verlag: FISCHER Scherz
Seitenzahl: 480
Erscheinungsdatum Printausgabe: 22. August 2018
Erscheinungsdatum E-Book: 23. Mai 2018
ISBN: 978-3651025714
Preis: 14,99 € (E-Book: 12,99 €)

13. Dezember 2017

Zoë Beck: "Die Lieferantin"

Nachdem ich gerade im Dystopie-Fieber bin, kommt hier gleich noch eine Rezension zu diesem Genre; diesmal zu einem Thriller. Zoë Becks "Die Lieferantin" war das erste Zukunfts-Schreckensszenario, in das ich in diesem Jahr eingetaucht bin: Zeitlich nicht zu sehr entfernt, auf unsere Gegenwart eingehend, irgendwie sogar realistisch erscheinend und alles in allem ... verstörend. Vermutlich hat mich das Buch deswegen besonders begeistert. "Die Lieferantin" und Juli Zehs "Leere Herzen" sind in meinen Augen quasi ebenbürtig und thematisch nicht unähnlich; in beiden nimmt das Darknet eine wichtige Rolle ein. Während "Leere Herzen" in Deutschland spielt und dadurch auch einen gewissen Bezug zur jetzigen Bundespolitik hat, ist "Die Lieferantin" allerdings in England angesiedelt.


„London, vielleicht bald“ ist diesem Thriller vorangestellt, und tatsächlich scheint er in nicht allzu ferner Zukunft zu spielen. Wir befinden uns offensichtlich einige Jahre nach dem Brexit, der ebenso wie die Unabhängigkeit Schottlands für die Briten bereits zur Normalität geworden ist. Die technischen Möglichkeiten haben sich weiterentwickelt: Innenstädte werden mit Gesichtserkennungssoftware überwacht, Paketlieferungen mit Drohnen sind Alltag. Allerdings nutzen nicht nur gewöhnliche Online-Versandhändler die Technologie. Ein sehr erfolgreicher Anbieter kommt aus dem Darknet: „Die Lieferantin“, die dort einen Webshop für Drogen betreibt und diese mithilfe von Drohnen in Rekordzeit ausliefern lässt. Den Londoner Unterweltbossen, die bislang den traditionellen Straßenverkauf bevorzugen, tritt sie damit gehörig auf den Schlips. Und dann steht in England noch ein neues Referendum an: Es soll über den Druxit entschieden werden – den Ausstieg aus der Drogenhilfe, der zur Folge hätte, dass der Staat keinen Penny mehr für Behandlung/Entzug/Krankenversicherung etc. von Suchtkranken zahlen würde. Die Ereignisse spitzen sich zu und überschlagen sich schließlich beim Showdown  …

„Die Lieferantin“ hat mir wahnsinnig gut gefallen. Der Thriller ist komplett durchdacht und wirkt daher erschreckend realitätsnah – so könnte es kommen. Es gibt Nebenschauplätze, die die Legalisierung von Drogen, Big Data, wachsendem Nationalismus und Ausländerfeindlichkeit thematisieren. Alles spielt zusammen und so entsteht ein komplexes Zukunftsportrait, das zugleich fesselt und erschüttert.
Zoë Beck hat ein ganz besonderes Händchen für ihre Protagonisten. Man lernt sie schnell gut mit all ihren Eigenheiten kennen und kann trotz Mord- und Totschlag für die meisten Sympathien aufbringen. Richtiggehend kunstvoll führt die Autorin ihre Figuren zum Teil nur flüchtig zusammen. Statt unwahrscheinlicher Zufälle webt sie ein Netz von Ereignissen und Beziehungen, die, obwohl in der Zukunft spielend, einfach glaubwürdig wirken. Wow! Und dann ist das Ganze noch federleicht lesbar und außerdem sehr, sehr spannend. Diese Autorin muss ich mir merken.

Verlag: Suhrkamp
Seitenzahl: 324
Erscheinungsdatum: 10. Juli 2017
ISBN: 978-3518467756
Preis: 14,95 € (E-Book: 12,99 €)