28. September 2026

Nele Neuhaus: Alles wird Asche

Sogwirkung bei komplexem Setting

Bei Band 12 in eine Krimireihe einzusteigen, ist keine so richtig gelungene Idee. Bei Nele Neuhaus‘ neuestem Taunuskrimi macht sie sogar besonders wenig Sinn: Die Autorin schafft nicht nur eine ziemlich komplexe Ausgangslage mit vielen Protagonist*innen, auch ihr Kommissariat 11 ist mit einer Vielzahl von Personen besetzt, die z.T. auch noch private Verstrickungen erleben. Wenn man hier ebenfalls nicht durchblickt, weil man noch nicht mal die Stammbesetzung der Reihe kennt, braucht man schon ein gewisses Maß an Durchhaltewillen. War mein Leseerlebnis aufgrund meiner geballten Unkenntnis anfangs etwas holprig? Definitiv. Bereue ich, „Alles wird Asche“ gelesen zu haben? Auf keinen Fall!

Ich habe tatsächlich ca. 150 Seiten gebraucht, bis ich in der Geschichte so richtig Fuß gefasst hatte. Aber dann wurden mir die Zusammenhänge langsam klarer und der Krimi entwickelte eine immer größere Sogwirkung. Das Frankfurt- und Taunus-Setting fand ich sehr gut umgesetzt – da ich die Gegend kenne, konnte ich mir vieles bildlich vorstellen. Die meisten Entwicklungen habe ich nicht kommen sehen und das dramatische Finale fand ich sehr gelungen. Auf Motiv und Ausführung denke ich zwar immer noch etwas rum und bin mir nicht sicher, ob ich das Ganze zu hundert Prozent plausibel finde. Dadurch, dass Nele Neuhaus nicht alles bis ins letzte Detail erklärt, kam es mir allerdings auch nicht unstimmig vor. Insgesamt ein fesselndes Krimivergnügen, das anfangs vermutlich noch mehr Spaß macht, wenn man Ermittlerinnen und Ermittler sowie ihr Privatleben bereits einordnen kann.

Das einzige, worauf ich wirklich hätte verzichten können, ist übrigens das „umlaufende Nachsatzpapier“, wie es der Verlag nennt. Es sieht ohne Zweifel schick aus, stört aber beim Lesen. Eventuell soll es den gerade so angesagten Farbschnitt ersetzen, aber ich hätte gerne darauf verzichtet. Irgendwann habe ich es vor dem Nachsatz weggeknickt.

Letzte Woche ist mir ein "Alles wird Asche"-Stapel in einer Buchhandlung aufgefallen. Ich glaube, das umlaufende Nachsatzpapier wird sich nicht durchsetzen - zumindest wirkt es schon auf dem Büchertisch nach kurzer Zeit nicht mehr besonders ansprechend.




Verlag: Ullstein
Seitenzahl: 560
Erscheinungsdatum: 27. August 2026
ISBN: 978-3550202261
Preis: 26,- € (E-Book: 19,99 €)

21. September 2026

Alexa Hennig von Lange: Alte Pfade

Die letzte Reise

„Alte Pfade“ ist ein bisschen Generationenroman, ein bisschen Roadmovie und ein bisschen Coming-of-Age-Geschichte. Es geht um diverse zwischenmenschliche Beziehungen: zwischen Eltern und Kindern, Geschwistern und ehemaligen Partner*innen. Im Zentrum des Ganzen steht Liliane, Anfang 50, die auf dem Rückweg von ihrem Spanienurlaub eigentlich nur einen Besuch bei ihrem 89-jährigen Vater in Hannover machen wollte. Ihn stattdessen in einem schottischen Krankenhaus nach einer Herz-OP zu besuchen, war nicht der Plan – und am Folgetag seine Wanderung durch die Highlands mit ihm gemeinsam fortzusetzen, erst recht nicht. Lilianes Vater sollte im Krankenhaus sein, doch unbeirrbar und beratungsresistent hält er daran fest, diese mehrtägige Wanderung machen zu wollen, wie schon als junger Architekturstudent vor über 60 Jahren. Lilliane sieht keine andere Möglichkeit, als mitzuwandern – in den Leinenschuhen aus dem Spanienurlaub und mit Strandtasche statt Rucksack. Auf dem Weg muss sie sich damit auseinandersetzen, dass zwischen ihr und ihrem Vater einiges ungeklärt bleiben wird. Trotzdem gelingt es ihr, sich ein Stück von ihm zu emanzipieren und etwas mehr zu sich selbst zu finden.

Das ist mindestens der dritte Roman, den ich von Alexa Hennig von Lange gelesen habe. Zurück bleibt immer ein ähnliches Gefühl: Ich hätte gerne noch etwas mehr von den Figuren erfahren, sie noch weiter begleitet, ihr Beziehungsgeflecht noch ein bisschen besser durchschaut. Die Autorin fasst ihre Geschichten generell recht knapp. Die Wanderung von Liliane und ihrem Vater durch die schottischen Highlands schildert sie allerdings sehr atmosphärisch; das Naturerlebnis wird richtig erfahrbar. Die Vater-Tochter-Beziehung hat mich berührt, zeigt sie doch, wie schwer es sein kann, ein tiefergehendes Gespräch zu führen, obwohl man sich familiär so nahesteht. „Alte Pfade“ ist ein bittersüßes Leseerlebnis, das existentielle Fragen aufwirft. Auch wenn ich bedaure, die Figuren nun alle wieder loslassen zu müssen, hat mir der Roman sehr gut gefallen.


Verlag: DuMont
Seitenzahl: 240
Erscheinungsdatum: 15. September 2026
ISBN: 978-3755800651
Preis: 24,- € (E-Book: 18,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.