6. Dezember 2020

Karin Kalisa: Bergsalz

Verwässert.

Mal wieder ein Roman mit einem äußerst gelungenen Cover und einem prägnanten und ungewöhnlichen Titel. „Bergsalz“ spielt in dieser Geschichte eine kleine, aber bedeutende Rolle. Wäre sie eine Suppe, hätte mir aber vielleicht gerade das Salz gefehlt.


Die Handlung von Karin Kalisas Roman ist in einem kleinen Allgäuer Dorf angesiedelt. Die über siebzigjährige Franziska Heberle wird von einer Nachbarin bei ihren Mittagessensvorbereitungen gestört und durchschaut schnell, dass diese nicht wirklich gekommen ist, um sich Mehl zu borgen. Denn Johanna von nebenan lebt so wie Franzi selbst: Verwitwet und allein in einem großen Haus, das die Kinder lange verlassen haben und das, wie aus Großfamilienzeiten gewohnt, eine bestens bestückte Speisekammer hat, in der keine der fünf bis sechs gewöhnlich vorhandenen Mehlsorten einfach so leer wird. Und so springt Franzi über ihren Schatten und bittet die Nachbarin herein. Zufällig kommt noch eine vorbei und weil das ungeplante Treffen ganz unverhofft guttut, verabredet man sich spontan für den nächsten Tag wieder. Nach und nach stellen die Frauen fest, wie schön es ist, mal wieder für andere zu kochen und beim Mittagessen Gesellschaft zu haben. Und die Runde wächst …

In „Bergsalz“ geht es um eine Graswurzelbewegung: Aus etwas Kleinem, von ein paar Frauen eher zufällig initiierten, entsteht nach und nach etwas Großes. Die Nachbarinnen erkennen bald, was ihnen und dem ganzen Dorf fehlt: Ein Ort, an dem man mittags zusammenkommen kann, ein Schwätzchen halten, die Einsamkeit vertreiben. Die Idee ist schön und entwickelt sich weiter; bald geht es nicht mehr nur um die älteren Damen. Nachdem sie mit so viel Herz eingeführt wurden, fand ich das richtig schade. Die weitere Entwicklung der „Offenen Küche“ ist fast märchenhaft; jegliche Hindernisse werden mühelos aus dem Weg geräumt oder scheinen wie von selbst zu verschwinden. Neue Figuren werden eingeführt und langsam fragte ich mich, ob hier weniger nicht mehr gewesen wäre, zumal es auch noch kurze Rückblicke ins Mittelalter gibt.

Richtig irritiert hat mich dann leider das Ende. Der Roman ist mit seinen 207 Seiten recht kurz für den großen Bogen, den die Autorin hier spannt – meinem Empfinden nach zu kurz. Aber auf den letzten Seiten gibt Kalisa plötzlich einem neuen Nebenschauplatz viel Raum und ein offenes Ende. Seine mystische Komponente hat für mich so gar nicht zur restlichen Geschichte gepasst, viel mehr hätten mich Details zu anderen Handlungssträngen interessiert.
Die Ausgangsidee von „Bergsalz“ hat mir gefallen; Karin Kalisa kann zudem sehr einfühlsam und berührend schreiben, ohne dass es je kitschig oder platt wird. Einzelne Sätze entfalten richtiggehend Weisheit und Wucht. Weniger Protagonisten, weniger Entwicklung und mehr Einzelheiten hätten dem Roman aber dennoch gutgetan; so erscheint mir die eigentliche Geschichte leider verwässert.

Verlag: Droemer
Seitenzahl: 207
Erscheinungsdatum: 2. November 2020
ISBN: 978-3426282083
Preis: 20,00 € (E-Book: 16,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

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