20. Dezember 2020

Glennon Doyle: Ungezähmt

Inspirierende und sympathische Selbstvermarktung.

Die amerikanische Bestsellerautorin, Bloggerin und Rednerin Glennon Doyle hat drei autobiographische Sachbuch-Bestseller geschrieben. Ich habe nur den dritten gelesen, in dem sie aber auch von den anderen beiden erzählt: Im 2013 veröffentlichten Erstling „Carry on, warrior“ beschreibt sie, wie sie durch Schwangerschaft und Familiengründung ihre 16 Jahre andauernde Bulimie, Alkohol- und Tablettensucht überwand. Im 2016 erschienen, zweiten Buch „Love Warrior“ legt sie dar, wie sie ihre angeschlagene Ehe kittete. Und im diesem Jahr publizierten „Untamed“ (auf Deutsch: „Ungezähmt“) geht es darum, wie sie ihr wahres Glück mit ihrer neuen Ehefrau Abby Wambach gefunden und sich selbst davon freigemacht hat, allen Menschen gefallen zu wollen. Puh! Mein erster Impuls war, der Autorin zu wünschen, dass ihr Leben ab jetzt etwas ruhiger und friedlicher verläuft, auch wenn ihr dann eventuell der Stoff für weitere Bücher fehlt.


„Ungezähmt“ hat mehrere prominente Fans wie z.B. Adele, Reese Witherspoon und Emma Watson. Auch mich haben gleich die ersten Seiten fasziniert. Doyle beschreibt einen Zoobesuch, auf dem sie eine Gepardenvorführung erlebt. Das Tier hat sein ganzes Leben in Gefangenschaft verbracht, hält einen Hund für seinen besten Freund und jagt auf Kommando einem schmutzigen Stofftier nach. Doch obwohl ihm ein komplett artfremdes Leben antrainiert wurde, sieht die Autorin das Wildtier noch durchschimmern. Und vergleicht dessen Situation mit ihrer und der anderen Frauen, die darauf gedrillt wurden, zu funktionieren und die gesellschaftlichen Erwartungen zu erfüllen.

Doyle hat mit 40 Jahren alle Erwartungen enttäuscht: Nachdem sie ihre Bilderbuchfamilie mit Mann und drei Kindern offensichtlich als Bloggerin, bei Vorträgen und in ihren ersten beiden Büchern vermarktet hat, hat sie sich in eine Frau verliebt, sich scheiden lassen und neu geheiratet. Wie sie ihre Entscheidungen getroffen hat und trifft, wie sie Beziehungen pflegt und ihre Kinder zu unabhängigen Menschen erzieht – davon handelt „Ungezähmt“. Das Buch gliedert sich in drei Teile, die sehr plakativ mit „Im Käfig“, „Schlüssel“ und „Frei“ betitelt sind. Fast jedes Kapitel schildert eine Situation aus ihrem Leben oder eine Unterhaltung mit ihren Kindern, manchmal greift sie auch auf Fragen ihrer Leserinnen und Fans zurück. Vielleicht war es das, was mir „typisch amerikanisch“ vorkam: Dass die Autorin ihr Privatleben und ihre Gefühle (sowie die ihrer Kinder) dermaßen detailliert darlegt, hat mich etwas befremdet. Zwar äußert sie sich nur in höchsten Tönen und mit sehr viel Liebe und Respekt über ihre Familie, aber dennoch zerrt sie sie natürlich zumindest schreibend in die Öffentlichkeit. Doyle schont sich dabei nicht; mit sich selbst geht sie am Härtesten ins Gericht. Dadurch wirkt sie höchst authentisch und sympathisch. An ihren Thesen zu Konditionierung und Gesellschaft ist sicher auch einiges dran. Trotzdem schien mir das Buch hier und da einen Tick zu privat – immer wieder hatte ich das Gefühl, dass Situationen geschildert wurden, die mich einfach nichts angingen. Vielleicht hätte ich „Ungezähmt“ außerdem etwas kürzer gefasst – gegen Ende hatte ich den Eindruck, dass der Autorin langsam die zum Thema passenden Anekdoten ausgingen. Aber insgesamt ist ihr autobiographisches Sachbuch trotzdem inspirierend, bestens lesbar und bietet viele interessante Denkanstöße.

Verlag: Rowohlt
Seitenzahl: 352
Erscheinungsdatum: 17. November 2020
ISBN: 978-3499006210
Preis: 16,00 € (E-Book: 14,99 €)

Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar erhalten.

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