30. April 2018

Trevor Noah: Born a crime

Diese autobiographischen Geschichten haben meinen Südafrika-Urlaub sehr bereichert und mir Einblicke in das Land gegeben, die mir sonst weder in Kapstadt, Johannesburg noch auf der Garden Route vermittelt wurden. Sie wurden nicht im eigentlichen "Romanregal" fotografiert, weil ich sie gar nicht mehr nach Hause mitgenommen, sondern gleich nach der Lektüre weiter verliehen habe. Manchmal muss man Prioritäten setzen!


Der deutsche Titel dieses grandiosen Buches ist „Farbenblind“. Warum, hat sich mir nicht erschlossen, denn die Gesellschaft, in die der Südafrikaner Trevor Noah 1984 hineingeboren wird, ist nicht „farbenblind“, sondern zutiefst farbenfixiert, was er von klein auf zu spüren bekommt. Trevor Noahs Hautfarbe belegt ab dem Tag seiner Geburt, dass gegen „Immorality Act No. 5“ der Apartheidsgesetze verstoßen wurde: Er ist farbig – obwohl er eine schwarze Mutter hat. Was nur bedeuten kann, dass sein Vater weiß ist, und dass er und Trevors Mutter den genannten Paragraphen missachtet haben, der Menschen mit unterschiedlichen Hautfarben sexuelle Beziehungen untersagt und Verstöße mit bis zu fünf Jahren Gefängnis ahndet. Vor diesem Hintergrund erklärt sich der Titel der englischen Ausgabe auf einen Blick: „Born a crime“. Was für ein Start ins Leben – ein Leben, in dem der weiße Vater in der Öffentlichkeit panisch die Flucht vor seinem „Daddy“ rufenden Kleinkind ergreift, die Mutter zum Spaziergang im Park gerne eine farbige Freundin mitnimmt und die schwarze Großmutter den Enkel in ihrer Hütte versteckt hält, wenn er sie in Soweto besucht. Trevor Noah ist mit einer besonderen Sensibilität in Bezug auf Hautfarben aufgewachsen – gezwungenermaßen. Er konnte sich die hier gemeinte „Farbenblindheit“ nicht leisten.

In seinen autobiographischen Rückblicken lässt er den Leser an seiner Kindheit und Jugend in Johannesburg teilhaben. Mit fantastischer Leichtigkeit schildert Noah, was es für ihn als farbiges Kind bedeutet hat, im Apartheids- und Postapartheids-gebeutelten Südafrika aufzuwachsen. Bereits auf den ersten Seiten schafft er es mühelos, auch seine ausländischen Leser in diese zutiefst rassistische Welt mitzunehmen und ihren Horizont zu erweitern.
Ich habe Trevor Noahs „Born a crime“ als Geschenk empfunden. Der Autor ist nur zwei Jahre jünger als ich. Er ist unter Bedingungen aufgewachsen, die mir kaum fremder sein könnten und schafft es trotzdem, seine damaligen Lebensumstände gleichsam unterhaltsam und nachvollziehbar zu schildern. Er nimmt seine Leser an die Hand und erklärt, worauf ein nicht-südafrikanischer Leser vermutlich nicht kommt: Wieso bleiben Menschen freiwillig in Townships wohnen? Wieso kam es vor, dass schwarze Mütter ihre Söhne „Hitler“ nannten? Wieso hatten Gebetskreise in Soweto die Hoffnung, dass Gott ein farbiges Kindes eher erhören würde als schwarze Frauen?

Trevor Noah musste von klein auf lernen, was es heißt, anders zu sein, wuchs er doch in einem Land auf, dass Menschen ausschließlich über ihre Hautfarbe und Stammesangehörigkeit definierte. Er lernte nach und nach, sich wie ein Chamäleon an seine Umgebung anzupassen – sein Schlüssel war dabei die Sprache, er beherrschte neben Englisch noch isiXhosa, isiZulu und andere und verblüffte damit, dass er sich so nicht in die Schublade sortieren ließ, in die der typische Farbige gesteckt wurde. Meine naive Vorstellung war ja, dass sich das Thema Hautfarbe mit dem Ende der Apartheid in Südafrika zu größeren Teilen erledigt hätte, doch diese wurde schnell ausgeräumt.

Eine Freundin, die das Buch auf Deutsch angelesen hat, äußerte sich mir gegenüber enttäuscht über die Einfachheit der Sprache. Bei meiner Lektüre auf Englisch ist mir nicht aufgefallen, dass Noahs Stil in irgendeiner Art und Weise schlicht wäre. Ich kenne die Übersetzung jedoch nicht und bin im Englischen sicher nicht so sprachsensibel wie im Deutschen. Es ist klar, dass Trevor Noah kein Literat ist – das ist nicht sein Metier. Der Südafrikaner ist ein höchst erfolgreicher Comedian, der seit 2015 als Nachfolger von Jon Stewart die Late-Night-Show „The Daily Show“ in den USA moderiert. Er ist Unterhalter und hat ein höchst unterhaltsames und trotzdem sehr reflektiertes Buch geschrieben – angesichts des Inhalts ist das in meinen Augen eine große Leistung.

„Born a crime“ vermittelt dem Leser eine leise Ahnung davon, was Apartheid für die Betroffenen wirklich bedeutet hat - und was in Südafrika bis heute im Argen liegt. Es verdeutlicht, warum "Farbenblindheit" bis heute ein frommer Traum ist und ist trotzdem nicht verbittert, sondern feiert das Leben. Ich kann es nur empfehlen.

Verlag: Spiegel & Grau
Seitenzahl: 304
Erscheinungsdatum: 19. September 2017 (Hardcover: 15. November 2016)
ISBN: 978-0525509028
Preis: aktuell 7,99 € (E-Book: 4,49 €)

Ist am 6. März 2017 auf Deutsch beim Karl Blessing Verlag unter dem Titel "Farbenblind" erschienen. Preis: 19,99 € (E-Book: 15,99 €).

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