28. Juni 2018

Kristine Bilkau: Eine Liebe, in Gedanken

Vor einigen Tagen las ich auf der Seite boersenblatt.net eine Kolumne zum Thema Buchcover, die mich so amüsiert hat, dass ich sie hier verlinken möchte. Die Journalistin Constanze Kleis beschreibt darin das Buchcover-Phänomen "Frauen, die aufs Wasser starren". "Frauen, die aufs Wasser starren" sind scheinbar gerade auf Buchtiteln en vogue, weswegen eine gewisse Häufung festzustellen ist. Da ich mich momentan frustrierend wenig in deutschen Buchhandlungen aufhalte, war mir diese Mode noch nicht bewusst aufgefallen - mit der Nase darauf gestoßen stellte ich aber fest, dass selbst ich innerhalb der letzten zwei Monate zwei Bücher gelesen habe, auf deren Covern Frauen aufs Wasser starren.


Über Verena Carls "Die Lichter unter uns" hatte ich bereits geschrieben. Letzte Woche habe ich nun Kristine Bilkaus "Eine Liebe, in Gedanken" gelesen. Die Bücher haben einen gewissen melancholischen Grundton gemeinsam, den das Covermotiv bereits widerspiegelt. Das ist aber auch schon ihre einzige Ähnlichkeit miteinander.

In "Eine Liebe, in Gedanken" räumt eine Tochter nach dem Tod ihrer verstorbenen Mutter deren Wohnung aus. Die namenlose Erzählerin findet alte Briefe und Fotos und verliert sich in Gedanken an das Leben der ruhelosen Antonia. Diese hatte mit Anfang 20 – lange vor der Geburt der Tochter – ihre große Liebe in Edgar gefunden. Die Erzählerin trägt zusammen, was sie über die Liebesgeschichte von Antonia und Edgar weiß. Und so erstehen die 1960er Jahre in „Eine Liebe, in Gedanken“ noch einmal auf. Antonia wächst einem dabei schnell ans Herz, diese beherzte, freiheitsliebende junge Frau, die gleichzeitig bereit ist, sich voll und ganz den Bedürfnissen ihres Edgars unterzuordnen. Gerade weil sie sich für eine traditionelle Versorgungsehe zu modern fühlt, stellt sie keine Forderungen an ihren Liebsten. Doch was will, was plant der grüblerische, vorsichtige Edgar eigentlich?

„Eine Liebe, in Gedanken“ war für mich anders als erwartet. Die Mutter-Tochter-Beziehung zwischen Antonia und der Erzählerin wird eher indirekt beleuchtet, im Zentrum steht Antonias Liebe zu Edgar. Nacherzählt wird die Liebesgeschichte zwar von der Tochter, die hier jedoch fast als allwissende Erzählerin auftritt, bis sie gegen Ende des Buches wieder aus dem Schatten der Geschichte ihrer Mutter heraustritt. Und eigene Erfahrungen macht, die wie ein Nachhall erscheinen. So ermöglicht sie sich selbst wie dem Leser ein größeres Verständnis für Antonias Geschichte, ein größeres Verständnis vielleicht auch für Antonia. Es scheint fast, als würde die Erzählerin sich nach dem Tod der Mutter mehr auf deren Wünsche und Sehnsüchte einlassen können als zu ihren Lebzeiten. Dieser melancholische Roman nimmt damit ein versöhnliches Ende.

Hervorzuheben ist Bilkaus behutsame Sprache, mit der sie vorsichtig-zurückhaltend Gedanken, Gefühle und Erinnerungen schildert. Dabei sitzt jedes Wort. Der Roman kommt ohne Längen aus, erzählt, was nötig ist, mehr aber auch nicht. Ich habe den knappen Stil der Autorin als besonders berührend empfunden, er lässt genug Spielraum, um ihren präzisen Formulierungen nachzuschmecken. Die geschilderte Zeit war mir fremd, wurde mir aber nach und nach sehr nahegebracht. Am Ende dieser leisen Geschichte konnte ich wie die Erzählerin meinen Frieden mit ihr machen. Ein intensives Leseerlebnis und ein Roman, der seine Leser auch fordert: „Eine Liebe, in Gedanken“ ist zwar kein dickes Buch, aber trotzdem auch keins, das sich einfach so wegliest. Man braucht etwas Zeit sowie die Bereitschaft, sich stimmungsmäßig voll und ganz darauf einzulassen. Und muss am Ende aushalten, dass sich nicht alles zufriedenstellend aufklären lässt – wie im richtigen Leben. Vermutlich bleibt „Eine Liebe, in Gedanken“ gerade deswegen im Gedächtnis.

Verlag: Luchterhand Literaturverlag
Seitenzahl: 256
Erscheinungsdatum: 12. März 2018
ISBN: 978-3630875187
Preis: 20,00 € (E-Book: 15,99 €)

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